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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Vierter Teil
Erziehung: oder der Irrtum über das Wesen des Kindes

 

Das erste Kapitel
Der Calvinismus von heute

ES ist wohl unnötig, zu sagen, daß mein Freund, Herr Bernhard Shaw, als ich ein kleines Bändchen über ihn schrieb, dieses rezensierte. Ich war natürlich versucht, zu antworten und das Buch von demselben uninteressierten und unparteiischen Standpunkte zu kritisieren, von dem Herr Bernhard Shaw dessen Gegenstand kritisiert hatte. Ich wurde nicht etwa von einem Gefühl, daß der Scherz ein wenig zu deutlich werden könnte, davon abgehalten. Denn ein deutlicher Scherz ist eben ein gelungener Scherz. Nur über den mißlungenen Scherz sucht sich der Clown damit zu trösten, daß er ihn subtil nennt. Der wahre Grund, warum ich Herrn Shaws lustigen Angriff nicht erwiderte, war, daß mir ein einfacher Satz darin alles in die Hände spielte, was ich jemals gewollt habe oder für alle Ewigkeit von ihm wollen könnte. Ich habe Herrn Shaw (in der Hauptsache) gesagt, daß er ein entzückender und geistreicher Kerl sei, aber ein gewöhnlicher Calvinist. Er gab zu, daß dies wahr sei, und damit hat die Sache (was mich betrifft) ein Ende. Er sagte, daß Calvin natürlich ganz recht habe, wenn er behauptet:»wenn ein Mensch einmal geboren ist, sei es zu spät, ihn zu verdammen oder zu erretten«. Das ist das fundamentale und unterirdische Geheimnis; das ist die letzte Lüge in der Hölle.

Der Unterschied zwischen Puritanismus und Katholizismus liegt nicht darin, ob einige Priesterworte oder -gebärden bedeutsam oder heilig seien. Es handelt sich darum, ob irgendein Wort oder eine Gebärde bedeutsam und heilig sei. Dem Katholiken ist jede zweite alltägliche Handlung eine dramatische Weihe, durch die er sich dem Dienste des Guten oder des Bösen widmet. Für den Calvinisten kann keine Handlung diese Art von Feierlichkeit haben, da die ausführende Person von Ewigkeit an bestimmt ist und nur ihre Zeit erfüllt bis zum jüngsten Tag. Der Unterschied ist einigermaßen subtiler als Plumpudding oder Liebhabertheater. Der Unterschied ist, daß für einen Christen meiner Art dies kurze, irdische Leben unendlich ergreifend und kostbar ist; für einen Calvinisten, wie Herrn Shaw, ist es eingestandener maßen automatisch und uninteressant. Für mich sind diese dreimal zwanzig und etliche Jahre der Kampf. Dem Fabian-Calvinisten sind sie (nach seiner eigenen Aussage) nur eine lange Prozession von Siegern in Lorbeerkränzen und von Besiegten in Ketten. Für mich ist das irdische Leben das Drama, für ihn der Epilog. Shawisten denken über den Embryo nach, Spiritualisten über Geister und Christen über den Menschen. Es ist besser, über diese Dinge im reinen zu sein.

Nun ist alle unsere Soziologie und Eugenetik und alles übrige nicht so sehr materialistisch als verworren calvinistisch; sie beschäftigen sich hauptsächlich damit, das Kind zu erziehen, bevor es auf der Welt ist. Die ganze Bewegung ist erfüllt von einer eigenartigen Niedergeschlagenheit darüber, was man mit der Bevölkerung anfangen kann, gemischt mit einer merkwürdigen körperlosen Heiterkeit darüber, was mit der Nachkommenschaft angefangen werden könnte. Diese eigentlichsten Calvinisten haben tatsächlich einige der liberaleren und allgemeineren Seiten des Calvinismus, sowie den Glauben an eine geistige Sendung oder eine ewige Glückseligkeit vernichtet. Aber obwohl Herr Shaw und seine Freunde zugeben, es sei ein Aberglaube, daß ein Mann nach seinem Tode gerichtet werde, halten sie an dem Kern ihrer Lehre fest, daß er gerichtet werde, ehe er geboren wird.

Infolge dieser Atmosphäre von Calvinismus in der kultivierten Welt von heute ist es anscheinend notwendig, jede Diskussion über Erziehung mit einigen Bemerkungen über das Hebammenwesen und die unbekannte Welt vor der Geburt zu beginnen. Alles, was ich jedoch über Vererbung zu sagen haben werde, wird sehr kurz sein, da ich mich auf das beschränken werde, was darüber bekannt ist, und das ist beinahe nichts. Es ist keineswegs selbstverständlich, aber es ist ein landläufiges, modernes Dogma, daß tatsächlich bei der Geburt nichts in den Körper eintritt, als ein Leben, das von den Eltern stammt und zusammen gesetzt wird. Es spricht zunächst ebensoviel für die christliche Theorie, daß ein Element von Gott stamme, wie für die buddhistische, daß ein solches Element aus einem früheren Leben stamme. Aber dies hier ist kein religiöses Werk, und ich muß mich jenen sehr engen geistigen Grenzen unterwerfen, die, sobald die Theologie fehlt, stets auferlegt sind. Lassen wir die Seele beiseite, nehmen wir der Einfachheit halber an, daß der menschliche Charakter gänzlich von den Eltern stamme und dann wollen wir unser Wissen darlegen oder, besser gesagt, unsere Unwissenheit.

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