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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das zehnte Kapitel
Die höhere Anarchie

ABER da ist noch eine weitere Tatsache; ebenfalls vergessen, weil wir Modernen vergessen, daß es einen weiblichen Standpunkt gibt. Die Weisheit der Frau tritt zum Teil nicht nur für eine heilsame Unschlüssigkeit bezüglich der Strafen ein, sondern auch für eine heilsame Unschlüssigkeit bezüglich absoluter Gesetze. Es lag ein Stück weiblicher und perverser Wahrheit in jenem Satz von Wilde, daß die Menschen nicht nach der Regel, sondern alle als Ausnahmen behandelt werden sollten. Als Bemerkung eines Mannes war sie zwar etwas weibisch; denn es fehlte Wilde auch jene männliche Kraft des Dogmas und des demokratischen Zusammenwirkens. Aber hätte es eine Frau gesagt, dann wäre es einfach wahr gewesen; eine Frau behandelt jeden Menschen als einen besonderen Menschen. Mit anderen Worten, sie vertritt die Anarchie; eine uralte und diskutable Philosophie; nicht Anarchie in dem Sinne, daß man im Leben keine Sitten anerkennen wollte (was unfaßbar ist), aber Anarchie in dem Sinne, daß man für das Denken keine Regeln anerkennen wollte. Ihr sind, beinahe mit Sicherheit, alle jene lebendigen Traditionen zu verdanken, die in keinen Büchern zu finden sind, besonders jene der Erziehung; sie war es, die zuerst einem braven Kinde einen vollgestopften Strumpf gegeben hat und ein schlimmes Kind in die Ecke gestellt hat. Dieses nicht klassifizierte Wissen wird manchmal Fingerprobe und manchmal Mutterwitz genannt. Die letzte Redensart deutet die ganze Wahrheit an, denn niemand hat es jemals Vaterwitz genannt.

Nun ist Anarchie, die sich nicht bewährt, nur Takt. Takt hingegen ist nur Anarchie, die sich bewährt. Und wir müssen uns vergegenwärtigen, daß sie sich in der einen Hälfte der Welt – im Privatleben – bewährt. Wir modernen Männer vergessen fortwährend, daß die Anwendung von klaren Regeln und rohen Strafen nicht selbstverständlich ist, daß man gar viel zugunsten der liebreichen Gesetzlosigkeit der Autokratin vorbringen kann, insbesondere im kleinen Maßstabe; kurz, daß Regierung nur die eine Hälfte des Lebens ist. Die andere heißt Gesellschaft, und darin wird den Frauen die Vorherrschaft zuerkannt. Und sie waren immer bereit, zu behaupten, daß ihr Königreich besser regiert sei als das unsere, weil es (im logischen und legalen Sinn) überhaupt nicht regiert wird. Sie sagen: »Wann immer sich eine wirkliche Schwierigkeit zeigt, wenn ein Junge aufgeblasen ist, oder eine Tante knauserig, wenn ein dummes Mädel jemanden heiraten will, oder ein schlechter Mann jemanden nicht heiraten will, dann gerät euer ganzer Plunder, das römische Recht und die britische Verfassung ins Stocken. Ein Verweis einer Herzogin oder das Geschimpfe einer Fischersfrau werden die Sache wahrscheinlich viel eher in Ordnung bringen.« So erscholl wenigstens der alte Kampfruf der Frauen, durch alle Jahrhunderte bis zur jüngsten Kapitulation der Frauen. So flatterte die rote Standarte der höheren Anarchie, bis Miß Pankhurst die weiße Fahne hißte.

Es muß daran erinnert werden, daß die moderne Welt schwarzen Verrat an dem ewigen Intellekt geübt hat, da sie an das Schwingen des Pendels glaubte. Ein Mann muß tot sein, bevor er schwingt. Sie hat die Idee eines fatalistischen Wechsels an Stelle der mittelalterlichen Freiheit der Seele gesetzt, die nach der Wahrheit sucht. Alle modernen Denker sind Reaktionäre, denn ihr Denken ist stets eine Reaktion dessen, was vorher gewesen ist. Jeder moderne Mann, dem ihr begegnet, kommt immer irgendwo her, niemals geht er irgendwo hin. So hat die Menschheit an beinahe allen Orten, zu allen Zeiten klar erkannt, daß es eine Seele und einen Körper gebe, wie es eine Sonne und einen Mond gibt. Aber weil eine beschränkte, protestantische Sekte – Materialisten genannt – für kurze Zeit erklärte, daß es keine Seele gebe, behauptet nun eine andere beschränkte, protestantische Sekte – Christian Science genannt – daß es keinen Körper gebe. So hat nun, in eben derselben Weise, das unvernünftige Außerachtlassen der Regierung durch die Manchesterschule, nicht eine vernünftige Beachtung der Regierung bewirkt, sondern eine unvernünftige Vernachlässigung alles anderen. So daß man, hört man die Leute heute reden, glauben könnte, daß jede wichtige menschliche Funktion durch das Gesetz organisiert oder gerächt werden müsse; daß die ganze Erziehung Staatserziehung sein müsse und alle Anstellungen Staatsstellen; daß jedermann und jedes Ding an den Fuß des erhabenen und uralten Galgens gebracht werden müßte. Aber eine einigermaßen liberalere und wohlwollendere Betrachtung der Menschheit wird uns davon über zeugen, daß das Kreuz noch früher bestanden hat als der Galgen, daß freiwilliges Leiden früher und unabhängig von erzwungenem bestand; und kurz, daß es einem Manne in den meisten wichtigen Dingen stets freigestanden hat, ins Verderben zu gehen, wenn er wollte. Die ungeheure, fundamentale Funktion, um die sich alle Anthropologie dreht, die der Geschlechter und des Kindbettes, stand niemals innerhalb des politischen Staates, sondern immer außerhalb desselben. Der Staat beschäftigte sich mit der trivialen Frage, Menschen umzubringen, aber ließ die ganze Frage, sie zur Welt zu bringen, weislich beiseite. Ein Eugenetiker könnte wirklich ganz glaubwürdig sagen, daß die Regierung eine geistesabwesende und widerspruchsvolle Person sei, die sich damit beschäftigt, für das Alter der Leute zu sorgen, die niemals Kinder gewesen sind. Ich will mich hier nicht im geringsten mit der Tatsache befassen, daß einige Eugenetiker in unserer Zeit die verrückte Antwort gegeben haben, die Polizei sollte Heirat und Geburt kontrollieren, so wie sie Arbeit und Tod kontrolliert. Mit Ausnahme dieser wenigen unmenschlichen Eugenetiker (mit denen ich mich leider später noch beschäftigen muß) zerfallen alle Eugenetiker, die ich kenne, in zwei Parteien: in geistreiche Leute, die jenes einmal gemeint haben, und in mehr konfuse Leute, die schwören, sie hätten weder das gemeint – noch irgend etwas anderes. Aber wenn wir zugeben wollen (nach einer windigen Menscheneinschätzung) sie wünschten zum größten Teil, daß Heirat von keiner Regierung beeinflußt werde, so folgt daraus nicht, daß sie wünschen, sie möge von nichts beeinflußt werden. Wenn die Menschen den Heiratsmarkt nicht durch das Gesetz kontrollieren, wird er dann überhaupt kontrolliert? Die Antwort wäre wohl etwa die, daß die Männer den Heiratsmarkt nicht durch das Gesetz kontrollieren, aber daß die Frauen ihn durch Sympathie und Vorurteil kontrollieren. Es gab bis vor kurzem ein Gesetz, nach welchem ein Mann die Schwester seiner verstorbenen Frau nicht heiraten durfte; trotzdem geschah dies fortwährend. Es gab kein Gesetz, das einem Mann verbot, das Abwaschweib seiner verstorbenen Frau zu heiraten; und doch geschah es bei weitem nicht so häufig. Es geschah nicht, weil der Heiratsmarkt im Sinne und von der Autorität der Frauen geleitet wird; und Frauen sind meist, was Klassen anbelangt, konservativ. Ebenso ist es mit jenem System der Exklusivität, wodurch es Damen so oft gelungen ist (wie durch einen Eliminationsprozeß) eine Heirat, die sie nicht wünschten, zu verhindern, und sogar manchmal eine zustande zu bringen, die sie wünschten. Es bedarf der Zuchthauszeichen und des Brandmals der Lilie nicht, nicht der Ketten des Kerkermeisters, noch des Strickes der Henker. Man muß einen Mann nicht erwürgen, wenn man ihn zum Schweigen bringen kann. Die gebrandmarkte Schulter ist weniger wirksam und entscheidend als die eisig-ablehnende Schulter; und man braucht sich nicht die Mühe nehmen, einen Menschen einzuschließen, wenn man ihn ausschließen kann.

Dasselbe gilt natürlich von dem ungeheuren Bauwerk, das wir Kindererziehung nennen; ein Bauwerk, von Frauen allein errichtet. Nichts kann diese eine ungeheuere Überlegenheit des Geschlechtes jemals übertreffen, daß sogar der Knabe näher seiner Mutter als seinem Vater geboren wird. Niemand, der dieses furchtbare, weibliche Privileg erschaut, kann an die Gleichheit der Geschlechter völlig glauben. Hier und da hören wir von einem Mädchen, das wie ein wilder Knabe erzogen worden ist; aber jeder Knabe wird wie ein zahmes Mädchen erzogen. Leib und Geist der Weiblichkeit umgeben ihn von Anfang an, wie die vier Wände eines Hauses; und selbst der fragwürdigste oder brutalste Mann ist dadurch weiblicht worden, daß er geboren ward. Der Mann, vom Weibe geboren, hat gezählte Tage voll Elend; aber kein Mensch kann die Widerlichkeit und bestialische Tragik schildern, die solchem Ungeheuer eigen wären, wie einem vom Manne geborenen Mann.

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