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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das achte Kapitel
Das Brandmal der Lilie

ANSCHEINEND haben seit der Morgendämmerung der Menschheit alle Nationen eine Regierung gehabt und alle Nationen haben sich ihrer geschämt. Nichts ist offenbar so verfehlt, wie anzunehmen, daß in weniger gesitteten und einfacheren Zeiten das Herrschen, Richten und Strafen vollkommen unschuldig und würdevoll erschien. Diese Dinge wurden stets als die Strafe für den Sündenfall angesehen; als ein Teil der Erniedrigung der Menschheit, als schlecht an sich. Daß der König kein Unrecht begehen könne, war niemals etwas anderes als eine gesetzliche Fiktion; und eine gesetzliche Fiktion ist es auch heute noch. Die Lehre vom göttlichen Recht war nicht ein Stück Idealismus, sondern eher ein Stück Realismus, ein praktisches Verfahren, unter den Ruinen der Menschheit zu regieren; eine sehr pragmatische Glaubensart. Die religiöse Basis der Regierung war nicht so sehr, daß die Leute den Prinzen Vertrauen schenkten, als daß sie keinem Menschensohne Vertrauen schenkten. So war es mit all den häßlichen Institutionen, die menschliche Geschichte verunstalten. Niemals hat man Tortur und Sklaverei für gute Dinge gehalten; man hielt sie stets für notwendige Übel. Ein Heide sprach von einem Mann, der zehn Sklaven besaß, genau so wie ein moderner Geschäftsmann von einem Kaufmann spricht, der zehn Angestellte aussaugt: »Es ist gewiß ganz schrecklich; aber wie könnte die Gesellschaft anders bestehen?« Ein mittelalterlicher Scholastiker sah die Möglichkeit, daß ein Mensch verbrannt werden könne, genau so an, wie ein moderner Geschäftsmann die Möglichkeit ansieht, daß ein Mensch ausgehungert wird: »Es ist eine entsetzliche Marter; aber wer kann eine schmerzlose Weltordnung schaffen?« Es ist möglich, daß eine zukünftige Gesellschaft mit der Frage fertig werde, ohne Hunger, so wie wir mit ihr fertig geworden sind, ohne Feuer. Es ist, was diese Sache anbelangt, gleichfalls möglich, daß eine zukünftige Gesellschaft gesetzliche Tortur wieder einführe, mit dem ganzen Apparat von Folter und Scheiterhaufen. Das allermodernste Land, Amerika, hat mit einem vagen Anstrich von Wissenschaftlichkeit eine Methode eingeführt, welche »der dritte Grad« genannt wird. Dies ist einfach das Entreißen von Geheimnissen durch nervöse Übermüdung, was dem Entreißen von Geheimnissen durch körperliche Schmerzen gewiß außerordentlich nahe kommt. Und das ist das gesetzliche und wissenschaftliche Amerika! Das dilettantische und gewöhnliche Amerika läßt natürlich die Leute am hellen Tage einfach lebendig verbrennen, wie es in den Reformationskriegen geschah. Aber obwohl einige Strafen unmenschlicher sind als andere, gibt es nichts dergleichen, wie menschliche Strafen. So lange neunzehn Männer in irgend einem Sinn oder irgend einer Form das Recht fordern, sich des zwanzigsten zu bemächtigen, um es ihm auch nur ein wenig unbehaglich zu machen, so lange muß das ganze Verfahren für alle Beteiligten ein beschämendes sein. Und der Beweis dafür, wie brennend die Menschen dies immer empfunden haben, liegt in der Tatsache, daß der Henker und der Scharfrichter, der Kerkermeister und der Folterknecht zu allen Zeiten nicht nur mit Furcht, sondern auch mit Verachtung angesehen worden sind, während alle Arten von leichtsinnigen Glücksrittern, Bankrotteuren, Renommisten und Geächteten mit Nachsicht und sogar mit Bewunderung angesehen worden sind. Einen Menschen gegen das Gesetz zu töten, wurde verziehen. Einen Menschen kraft Gesetzes zu töten, war unverzeihlich. Der schamloseste Duellant durfte immer beinahe prahlend seine Waffe schwingen. Aber die Gerichtsvollzieher trugen stets verschämt das Gesicht verhüllt.

Dies ist das erste wesentlichste Element der Regierung: Zwang; ein notwendiges, aber kein edles Element. Ich will im Vorbeigehen bemerken, daß die Leute, wenn sie sagen, die Regierung beruhe auf Gewalt, ein wunderbares Beispiel des nebeligen und schlammigen Zynismus moderner Zeit geben. Regierung beruht nicht auf Gewalt. Regierung ist Gewalt; sie beruht auf Einverständnis oder einem Begriff von Gerechtigkeit. Ein König oder eine Gemeinschaft bedienen sich der allgemeinen Gewalt, um etwas, das sie für abnorm oder schlecht halten, zu vernichten; die Gewalt ist das Werkzeug, aber der Glaube ist die einzige Sanktion. Man könnte ebensogut sagen, daß Glas der eigentliche Grund des Fernrohres sei. Aber aus welchem Grunde immer sie entstand, das Gesetz der Regierung ist zwingend und ist mit allen rohen und schmerzlichen Eigenschaften des Zwanges belastet Und wenn irgend jemand fragen sollte, zu welchem Zweck man auf der Häßlichkeit dieser Aufgabe der Staatsgewalt bestehe, da doch die ganze Menschheit verdammt ist, sie zu ertragen, dann weiß ich eine einfache Antwort darauf. Es wäre zwecklos, darauf zu bestehen, wenn die ganze Menschheit dazu verdammt wäre. Aber es ist nicht belanglos, daß man auf dieser Häßlichkeit bestehe, so lange die Hälfte der Menschheit davon befreit ist.

Jede Regierung ist also eine Zwangsherrschaft; wir zufällig haben eine Regierung geschaffen, die nicht nur eine Zwangsherrschaft, sondern kollektive Zwangsherrschaft ist. Es gibt, wie ich schon gesagt habe, nur zwei Arten von Regierungen; despotische und demokratische. Aristokratie ist keine Regierung, sie ist ein Aufruhr; jene wirkungsvollste Form des Aufruhrs – ein Aufruhr der Reichen. Die allerintelligentesten Verteidiger der Aristokratie, Sophisten wie Disraeli und Nietzsche, haben niemals andere Tugenden für die Aristokratie gefordert, als die des Aufruhrs; die zufälligen Tugenden, Mut, Vielfältigkeit und Abenteuerlust. Wir finden nirgends einen Fall, daß eine Aristokratie eine allgemeine und anwendbare Ordnung geschaffen hätte, wie es Despoten und Demokratie oft getan haben; wie die letzten Cäsaren das römische Recht geschaffen haben oder die letzten Jakobiner den Code Napoleon. Mit der ersten von diesen elementaren Formen der Regierung, jener des Königs oder Häuptlings, haben wir uns hier in der Frage der Geschlechter nicht unmittelbar zu beschäftigen. Wir werden später darauf zurückkommen, wenn wir sehen werden, wie verschieden die Menschheit die Forderungen der Frau auf despotischem und andererseits auf demokratischem Gebiete behandelt haben. Aber für den Augenblick ist der wesentlichste Punkt der, daß in parlamentarisch regierten Ländern dieser Zwang gegen Verbrecher ein kollektiver Zwang ist. Der abnormale Mensch wird theoretisch von Millionen Fäusten niedergeschlagen, von Millionen Füßen niedergestoßen. Wenn ein Mensch ausgepeitscht wird, haben wir ihn alle gezüchtigt; wenn ein Mensch gehängt wird, haben wir ihn alle gehängt. Das ist der einzig mögliche Sinn der Demokratie, die den ersten beiden Silben so gut wie den letzten beiden irgend einen Sinn geben kann. In diesem Sinne trägt jeder Bürger die hohe Verantwortung eines Aufrührers. Jedes Standbild ist eine Kriegserklärung, die mit den Waffen verteidigt werden muß. Jedes Tribunal ist ein revolutionäres Tribunal. In einer Re publik ist jede Strafe so heilig und so feierlich, wie Lynchjustiz.

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