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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das siebte Kapitel
Die moderne Kapitulation der Frauen

ABER in diesem Winkel, England genannt: hat sich zu Ende dieses Jahrhunderts eine merkwürdige und verblüffende Tatsache ereignet. Offenbar und allem Anscheine nach hat dieser uralte Konflikt unvermittelt und in aller Stille geendet; eines der beiden Geschlechter hat sich plötzlich dem anderen unterworfen. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, in den allerletzten Jahren, hat die Frau im Kampf gegen den Mann öffentlich kapituliert. Sie hat ernstlich und feierlich bekannt, daß der Mann die ganze Zeit im Rechte gewesen ist; daß das Wirtshaus ( oder das Parlament) wirklich wichtiger ist als das Privathaus; daß Politik nicht (wie die Frauen immer behauptet haben) eine Ausrede für den Bierkrug sei, sondern ein feierliches Heiligtum, vor der neue weibliche Anbeter knien wollten; daß die beredsamen Patrioten in den Wirtshäusern nicht nur bewunderungswürdig, sondern auch beneidenswert seien; daß Reden keine Zeitvergeudung sei und daß daher (als Konsequenz sicherlich) Wirtshäuser keine Geldvergeudung seien. Wir Männer alle haben uns daran gewöhnt, daß unsere Frauen und Mütter und Großmütter und Großtanten stets einen Schwall von Verachtung über unsere Steckenpferde Sport und Trinkgelage und Parteipolitik ausgeschüttet haben. Und nun kommt Miß Pankhurst, mit Tränen in den Augen, und bekennt, daß alle Frauen im Unrecht und alle Männer im Recht wären; demütig flehend, wenigstens in den Vorhof eingelassen zu werden, von wo aus sie wenigstens einen Schimmer jener männlichen Verdienste erhaschen könnte, die von ihren Schwestern so gründlich verhöhnt worden waren.

Diese Entwicklung nun verwirrt uns natürlich, ja lähmt uns sogar. Die Männer so gut wie die Frauen haben sich im Verlaufe dieses alten Kampfes zwischen dem öffentlichen und dem privaten Leben Übertreibungen und Extravaganzen hingegeben, aus dem Gefühl, daß sie ihr Endchen in diesem Hin- und Herschwanken hochhalten müßten. Wir sagten unseren Frauen, daß wir wegen einer besonders wichtigen Frage eine lange Parlamentssitzung hatten; aber es ist uns niemals eingefallen, daß unsere Frauen uns glauben würden. Wir sagten, jedermann im Lande müsse eine Stimme haben; ebenso sagten unsere Frauen, niemand dürfe im Salon Pfeife rauchen. In beiden Fällen war die Idee dieselbe. »Es macht eigentlich nicht viel aus, aber läßt man diese Dinge ein mal gehen, dann entsteht das Chaos.« Wir sagten, daß Lord Huggins oder Herr Buggins für das Wohl des Landes unbedingt notwendig seien. Wir wußten ganz gut, daß für das Land nichts notwendig sei, als daß die Männer Männer seien und die Frauen Frauen. Wir wußten dies; wir glaubten, die Frauen wüßten es noch besser; und wir glaubten, die Frauen würden es sagen. Plötzlich, ohne jede Warnung, haben die Frauen angefangen, all den Unsinn zu sagen, den wir selbst kaum geglaubt haben, als wir ihn sagten. Die Heiligkeit der Politik; die Notwendigkeit des Stimmrechtes; die Notwendigkeit des Huggins; die Notwendigkeit des Buggins; all dies floß in klarem Redestrom von den Lippen aller Suffragettesrednerinnen. Ich vermute, daß man in jedem Kampfe, mag er auch noch so alt sein, das vage Verlangen hat, zu siegen; aber niemals wollten wir die Frauen so vollständig besiegen. Wir erwarteten nur, daß sie uns ein wenig mehr Spielraum ließen für unseren Unsinn; wir erwarteten niemals, daß sie ernstlich einen Sinn darin anerkennen würden. Darum fühle ich mich in der bestehenden Situation wie auf hoher See. Ich weiß kaum, ob ich erfreut oder wütend darüber sein soll, daß an Stelle kräftiger Gardinenpredigten schwächliche Rednertribünenpredigten getreten sind. Ich bin ohne die schneidige, aufrichtige Mrs. Candle verloren; ich weiß tatsächlich nicht, was ich mit der demütigen und reuigen Miß Pankhurst anfangen soll. Dieses Sich-Ergeben der modernen Frau hat uns alle so sehr überrascht, daß es wünschenswert erscheint, einen Augenblick halt zu machen und unsere Sinne zu sammeln, um zu hören, was sie eigentlich sagt.

Wie ich schon bemerkt habe, gibt es eine sehr einfache Antwort auf all dies: Das sind gar nicht die modernen Frauen, sondern vielleicht eine unter zweitausend modernen Frauen. Diese Tatsache ist für einen Demokraten wichtig, aber sie ist von sehr geringer Bedeutung für den typisch modernen Geist. Beide charakteristisch modernen Parteien glauben an eine Herrschaft von wenigen; der einzige Unterschied ist, ob es die konservative oder fortschrittliche Minderheit ist. Man könnte auch vielleicht etwas derb so sagen: die einen glauben an jede Minorität von reichen Leuten und die anderen an jede Minorität von Narren. Aber, wenn die Dinge so stehen, entfällt natürlich jedes demokratische Argument, und wir sind gezwungen, die hervorragende Minorität anzuerkennen, einfach, weil sie hervorragend ist. Wir wollen die Tausende von Frauen, die diese ganze Frage hassen, gänzlich aus unserem Gedächtnis ausschalten und die Millionen Frauen, die kaum jemals davon gehört haben. Wir wollen zugeben, daß das englische Volk selbst nicht innerhalb der Sphäre praktischer Politik steht und auch noch lange Zeit nicht stehen wird. Wir wollen uns darauf beschränken zu sagen, daß jene bestimmten Frauen das Stimmrecht verlangen, und wollen sie fragen, was das Stimmrecht sei. Wenn wir selbst diese Damen fragen, was das Stimmrecht sei, werden wir eine sehr vage Antwort erhalten. Es ist in der Regel die einzige Frage, auf die sie nicht vor bereitet sind. Denn die Wahrheit ist, daß sie einzig und allein nach dem »Vorhergegangenen« handeln; nach der bloßen Tatsache, daß die Männer das Stimmrecht schon haben. Die Bewegung ist, weit entfernt davon, eine revolutionäre zu sein, tatsächlich eine sehr konservative. Sie verläuft streng in den Geleisen der britischen Konstitution. Wir wollen nun einen etwas weiteren und freieren Gedankenflug nehmen und uns fragen, was das letzte Ziel und der eigentliche Sinn dieses seltsamen Dinges ist, das wir »Wählen« nennen.

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