Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gilbert Keith Chesterton >

Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
Schließen

Navigation:

Das sechste Kapitel
Der Pedant und der Wilde

WIR behaupten also, daß die Frau mit zwei starken Armen diese beiden Pfeiler der Zivilisation stützt; wir behaupten auch, daß sie ohne ihre Stellung weder das eine noch das andere könnte; ohne ihre eigenartige Stellung einer privaten Allmacht, einer Universalität im kleinen Maßstabe. Das erste Element ist Sparsamkeit; nicht die zerstörende Sparsamkeit des Geizhalses, sondern die schöpferische Sparsamkeit des Landmannes; das zweite Element ist Würde, was nur ein Ausdruck für heilige Persönlichkeit und Zurückgezogenheit ist. Ich kenne nun die Frage, die sofort und automatisch von all denen gestellt werden wird, welche die albernen Kniffe und Schliche im Streit über das moderne Sexualproblem kennen. Diese fortschrittlichen Leute werden sofort anfangen einzuwenden, daß man untersuchen müsse, ob diese Instinkte der Frau angeboren und für sie unvermeidlich sind, oder ob es nur Vorurteile sind, durch ihre Entwicklung und Erziehung hervor gerufen. Ich schlage nun nicht vor, darüber zu diskutieren, ob man der Frau jetzt ihre Gewohnheiten in bezug auf Sparsamkeit und Würde durch Erziehung abgewöhnen könnte; und zwar aus zwei sehr guten Gründen. Erstens ist es eine Frage, auf die voraussichtlich niemals eine Antwort gefunden werden kann, und darum ist sie bei modernen Leuten so beliebt. Es liegt in der Natur der Sache, daß es unmöglich ist, zu entscheiden, ob überhaupt eine der Eigenheiten zivilisierter Menschen für ihre Zivilisation unbedingt notwendig gewesen ist. Es ist (zum Beispiel) nicht einmal selbstverständlich, daß auch nur die Gewohnheit des Aufrechtstehens der einzige Weg menschlichen Fortschrittes gewesen sei. Es hätte vielleicht eine Vierfüßlerzivilisation geben können, in der ein Geschäftsmann jeden Morgen vier Schuhe hätte anziehen müssen, um in die Stadt zu gehen. Oder es hätte auch eine Reptilienzivilisation geben können, in der er auf seinem Bauch ins Büro gekrochen wäre; es ist unmöglich zu behaupten, daß sich die Intelligenz in solchen Kreaturen nicht hätte entwickeln können. Alles, was wir sagen können, wäre, daß der Mensch, wie er nun einmal ist, aufrecht geht; und daß die Frau beinahe etwas noch aufrechteres ist als Aufrechtsein.

Und der zweite Punkt ist, daß wir es im ganzen und großen eher vorziehen, daß die Frauen (ja sogar die Männer) aufrecht gehen; daher verschwenden wir nicht viel von unserem edlen Leben dafür, irgend eine andere Gangart für sie zu er finden. Kurz, mein zweiter Grund, warum ich nicht darüber nachdenke, ob die Frau jene Eigenheiten los werden könnte, ist: ich will nicht, daß sie sie los wird; und sie will es auch nicht. Ich will meinen Verstand nicht in der Erfindung von Methoden erschöpfen, nach welchen die Menschheit das Violinspielen verlernt oder das Reiten vergißt; und die Kunst der Häuslichkeit scheint mir so besonders und so wertvoll, wie alle alten Künste unseres Geschlechtes. Auch schlage ich nicht vor, sich überhaupt in jene formlosen und tappenden Spekulationen einzulassen, wie die Frau geachtet worden sei in primitiven Zeiten, deren wir uns nicht entsinnen können, oder in wilden Ländern, die wir nicht verstehen können. Auch wenn die Leute ihre Frauen aus niedrigen oder barbarischen Gründen. abgesondert hätten, würden unsere Gründe dadurch nicht barbarisch; und ich werde von dem hartnäckigen Verdachte verfolgt, daß das Empfinden jener Menschen tatsächlich, in anderer Form, unserem Empfinden sehr ähnlich war. Irgendein ungeduldiger Handelsmann, irgend ein überflüssiger Missionar durchquert eine Insel und sieht, wie ein Indianerweib auf dem Felde die Erde umgräbt, während der Mann Flöte bläst; und sofort sagt er, daß der Mann nur der Herr der Schöpfung sei und die Frau nur eine Sklavin. Er denkt nicht daran, daß er in den meisten Hausgärten von Brixton genau dasselbe sehen könnte, einfach darum, weil die Frauen gewissenhafter und zugleich ungeduldiger sind, während die Männer ruhiger und zugleich vergnügungssüchtiger sind. Es mag oft in Hawaii einfach so wie in Hoxton sein. Das heißt, die Frau arbeitet, nicht weil der Mann es ihr befiehlt und sie gehorcht; im Gegenteil! Die Frau arbeitet, weil sie es dem Manne befohlen hat und er nicht gehorcht hat. Ich behaupte nicht, daß das die ganze Wahrheit sei; aber ich behaupte, daß wir zu wenig Verständnis für die Seele der Wilden haben, um wissen zu können, inwieweit dies unwahr sei. Das selbe gilt von den Berichten unserer voreiligen und oberflächlichen Wissenschaft über die Probleme weiblicher Würde und Bescheidenheit. Professoren finden über die ganze Welt verstreute Fragmente von Zeremonien, in denen die Braut irgend eine Art des Sträubens vortäuscht, sich vor ihrem Gatten versteckt oder vor ihm davonläuft. Prahlend verkündet dann der Professor, daß dies ein Überbleibsel der »Heirat durch Raub« sei. Es wundert mich, daß er noch nie gesagt hat, der Schleier, der über die Braut geworfen wird, sei eigentlich ein Netz. ich bezweifle sehr, daß Frauen jemals durch Raub geheiratet worden sind. Ich glaube, sie gaben es vor; so wie sie es heute vorgeben.

Es ist gleichfalls klar, daß diese beiden notwendigen Heiligtümer: Sparsamkeit und Würde mit dem Wortreichtum, der Verschwendung und der beständigen Vergnügungssucht der männlichen Gesellschaft unbedingt in Kollision geraten müssen. Weise Frauen nehmen darauf Rücksicht; törichte Frauen versuchen es zu vernichten; aber alle Frauen versuchen ihm entgegenzuwirken und sie tun gut daran. in gar manchem wohlbekannten Heim, rings um uns, ist in diesem Augenblick der Kinderstubenvers in sein Gegenteil verkehrt worden: Die Königin ist im Geschäft und zählt dort die Banknoten. Der König sitzt im Salon und schmaust von Honigbroten. Aber es muß wohl verstanden werden, das der König den Honig in irgend einem heroischen Krieg erbeutet hat. Der Gegenstand des Streites mag in verwitterten gotischen Bildwerken oder in unleserlichen griechischen Manuskripten gefunden werden. In jedem Zeitalter, in jedem Lande, in jedem Stamm und Dorf ist der große Sexualkrieg zwischen dem Privathaus und dem Wirtshaus geführt worden. Ich habe eine Sammlung von englischen Gedichten aus dem Mittelalter gesehen, die in einzelne Abschnitte geteilt war wie: »Religiöse Lieder«, »Trinklieder« und so weiter; und der Teil, der »Gedichte aus dem häuslichen Leben« überschrieben war, bestand einzig (buchstäblich einzig) aus Klagen von Ehemännern über das Gezeter ihrer Frauen. Obwohl das Englisch archaistisch war, waren die Worte sehr oft genau dieselben, wie ich sie in den Straßen und Wirtshäusern von Battersea gehört habe; Proteste gegen Zeit- und Redebeschränkung, Proteste gegen die nervöse Ungeduld und den verzehrenden Utilitarismus der Frauen: Dies wahrhaftig ist der Streit; es kann niemals etwas anderes als ein Streit sein; aber das Ziel aller Moral und aller Gesellschaft ist, dafür zu sorgen, daß es ein Streit zwischen Liebesleuten bleibe.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.