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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das fünfte Kapitel
Die Unnahbarkeit der Chloe

WIR hören viel von dem Irrtum der Menschen, der den Schein für Wirklichkeit nimmt. Aber es ist der Mühe wert, daran zu erinnern, daß wir bei ungewohnten Dingen oft fälschlich die Wirklichkeit für Schein nehmen. Es ist wahr, daß ein sehr junger Mann die Perücke einer Schauspielerin für ihr Haar halten kann. Aber es ist auch wahr, daß ein noch jüngeres Kind das Haar eines Negers vielleicht Perücke nennen wird. Eben weil der wollige Wilde fremd und barbarisch ist, scheint er unnatürlich nett und ordentlich zu sein. Jeder Mann muß dasselbe schon bei den ausgesprochenen und beinahe beleidigenden Farben aller fremden Dinge bemerkt haben; tropische Vögel, tropische Blumen. Tropenvögel sehen aus wie Spielereivögel, die uns aus einem Spielzeugladen anstarren. Tropenblumen sehen einfach aus wie künstliche Blumen, wie Wachsblumen. Dies hat einen tiefen, ich glaube sogar einen göttlichen Zusammenhang; aber immerhin steht fest, daß wir bei Dingen, die wir zum ersten Male sehen, augenblicklich die Empfindung haben, sie seien Phantasiegebilde – wir fühlen die Hand Gottes. Erst wenn wir gründlich an sie gewöhnt sind und unsere fünf Sinne ihrer müde geworden, dann erst sehen wir sie so unbestimmt und gegenstandslos, wie formlose Baumkronen oder die dahinziehenden Wolken. Es sind die Zeichen der Natur, die uns zuerst auffallen; der Sinn der Kreuzungen und Verirrungen dieser Zeichen kommt erst später durch die Erfahrung und eine beinahe unheimliche Monotonie. Wenn ein Mensch die Sterne durch einen Zufall plötzlich erblicken würde, hielte er sie für ebenso festlich und künstlich wie ein Feuerwerk. Wir sprechen von der Narrheit, Lilien malen zu wollen; aber wenn wir unversehens eine Lilie erblickten, würden wir glauben, daß sie gemalt sei. Wir sprechen davon, daß man den Teufel schwärzer malt als er ist; aber eben diese Redensart ist ein Beweis für die Verwandtschaft zwischen dem, was wir lebendig und dem, was wir künstlich nennen. Wenn der moderne Weise nur einen Blick auf Gras und Himmel würfe, würde er sagen, das Gras sei nicht so grün, wie wir es malen, der Himmel sei nicht so blau, wie wir ihn malen. Wenn wir das ganze Universum plötzlich sehen könnten, gliche es einem grellfarbigen Spielzeug, genau so, wie der südamerikanische Nashornvogel einem grellfarbigen Spielzeug gleicht. Und das sind sie auch – beide, denk ich.

Aber nicht mit diesem Anschein eines verblendenden Zuges von Künstlichem, der über allen fremden Dingen liegt, wollte ich mich befassen. Ich will nur, als Führer durch die Geschichte, zeigen, daß wir nicht überrascht sein sollten, wenn Gebräuche uns künstlich scheinen, weil sie von Zeiten, die uns fern liegen, geprägt worden sind; wir sollten uns überzeugen, daß diese Dinge unter zehn Fällen neunmal unverhüllt und beinahe unanständig ehrlich sind. Man hört die Leute vom starren Klassizismus Corneilles oder vom gepuderten, pomphaften Stil des achtzehnten Jahrhunderts sprechen; aber all diese Phrasen sind höchst überflüssig. Niemals gab es eine gekünstelte Epoche. Niemals gab es ein Zeitalter der Vernunft. Immer waren die Männer Männer und die Frauen Frauen; und ihr heftigstes Verlangen war stets der Ausdruck der Leidenschaft und das Aussprechen der Wahrheit. Es ist möglich, daß wir in der Art ihres Ausdruckes etwas Steifes und Seltsames finden, so wie unsere Nachkommen in unserem rohesten Spelunken-Sketch oder nacktesten pathologischen Theaterstück etwas Steifes und Seltsames finden werden. Aber die Menschen haben niemals über etwas anderes als über wichtige Dinge gesprochen; und jene Kraft in der Weiblichkeit, die wir zunächst betrachten wollen, kann vielleicht am besten in irgendeinem staubigen alten Gedichtband einer vornehmen Persönlichkeit betrachtet werden.

Man spricht vom achtzehnten Jahrhundert als von der Periode des Künstlichen, wenigstens in Äußerlichkeiten; und hierüber mögen wirklich zwei Worte gesagt werden. Im modernen Sprachgebrauch hat man unter Künstlichkeit die unbestimmte Vorstellung einer Art Täuschung; und das achtzehnte Jahrhundert war weitaus zu künstlerisch, um zu täuschen. Es pflog jene vollkommenste Kunst, welche die Kunst nicht verbirgt. Seine Sitten und Gebräuche offenbarten tatsächlich die Natur durch das Bekenntnis zur Kunst; wie in dem deutlichen Beispiel der Haartracht, die jedes Haupt mit gleichem Silbergrau überpuderte. Es wäre phantastisch, dies eine seltsame Bescheidenheit zu nennen, die Jugend verbarg; zumindest aber war es keine, mit dem üblen Stolz, das hohe Alter zu verbergen. Unter der Mode des achtzehnten Jahrhunderts gaben die Leute alle nicht so sehr vor, jung zu sein, als daß sie alle darin übereinstimmten, alt zu sein. Dasselbe gilt von der wunderlichsten und unnatürlichsten aller ihrer Moden: sie waren grillenhaft, aber sie waren nicht falsch. Eine Dame mag so rot sein, wie sie gemalt ist, oder auch nicht; aber sicherlich war sie nicht so schwarz wie ihr Schönheitspflästerchen

Aber ich führe den Leser nur in diese Atmosphäre der älteren und aufrichtigeren Fiktionen ein, um ihn zu bestimmen, einen Augenblick Geduld zu haben mit einem gewissen Element, das in dem Zierrat und der Literatur jenes Zeitalters und der beiden vorhergehenden sehr verbreitet war. Es ist notwendig, es in diesem Zusammenhange zu erwähnen, weil es gerade eines jener Dinge ist, die so überflüssig scheinen wie Puder und in Wirklichkeit so eingewurzelt sind wie das Haar.

In all den alten blumenreichen und hirtenmäßigen Liebesliedern, besonders jenen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, werdet ihr einen beständigen Vorwurf gegen die Frauen finden, daß sie unnahbar seien; immer wiederkehrende und schale Verse, in denen ihre Augen dem Nordstern, ihr Herz dem Eise oder ihr Busen dem Schnee verglichen werden. Nun haben viele von uns diese alten und abgedroschenen Phrasen immer für eine reine Schablone toter Worte gehalten, wie ein nichtssagendes Tapetenmuster. Doch ich glaube, daß jene alten ritterlichen Dichter, die von der Unnahbarkeit der Chloe sprachen, im Besitze einer psychologischen Wahrheit waren, die in fast allen heutigen realistischen Romanen vermißt wird. Unsere psychologischen Romanciers stellen die Frauen immer so dar, als würden sie ihre Männer dadurch in Schrecken versetzen, daß sie sich auf dem Boden wälzten, die Zähne fletschten, die Möbel umwürfen oder den Kaffee vergiften; und all dies um irgend einer merkwürdigen, feststehenden Theorie willen, daß die Frauen, wie sie es nennen, emotionell sind. Aber in Wirklichkeit kommt die alte, ablehnende Form der vitalen Tatsache weit näher. Die meisten Männer, wenn sie einigermaßen aufrichtig wären, müßten zugeben, die schrecklichste Eigenschaft der Frauen sei nicht so sehr, daß ihre Gefühlsausbrüche zu leicht, als daß sie zu schwer zu entfachen seien.

Es ist da eine furchtbare Eisrüstung, die vielleicht der legitime Schutz eines zarteren Organismus ist; aber was immer die psychologische Erklärung sein mag, die Tatsache kann sicherlich nicht in Frage kommen. Der instinktive Schrei des Weibes im Zorn ist das »noli me tangere«. Ich nehme dies zum deutlichsten und gleichzeitig am wenigsten abgenützten Beispiel einer ursprünglichen Eigenschaft der weiblichen Tradition, die in unserer Zeit sowohl durch das Rotwelsch der Moralisten, als auch durch das der Immoralisten beinahe ungeheuerlich mißverstanden werden sollte. Der richtige Name für das Ding ist Bescheidenheit; aber wir leben in einem Zeitalter der Vorurteile und dürfen die Dinge nicht beim rechten Namen nennen; wir wollen uns also einer moderneren Nomenklatur unterwerfen und es Würde nennen. Was immer sonst es auch sein mag, es ist das Ding, das tausend Dichter und Millionen Verliebte die Unnahbarkeit der Chloe genannt haben. Es ist dem Klassischen verwandt und zumindest dem Grotesken entgegengesetzt. Und da wir hier hauptsächlich von Typen und Symbolen reden, mag die Idee, vielleicht so gut wie irgend sonst, darin eine Verkörperung finden, daß eine Frau einen Rock trägt. Es ist höchst bezeichnend für das tolle Plagiat, das nun überall für Emanzipation gilt, daß es vor kurzem für eine »fortschrittliche« Frau gebräuchlich war, das Recht des Hosentragens zu fordern; ein Recht, ungefähr so grotesk, wie das Recht, eine falsche Nase zu tragen. Ob es für weibliche Freiheit überhaupt einen Fortschritt bedeutet, an jedem Bein einen Rock zu tragen, weiß ich nicht; vielleicht könnten türkische Frauen über diesen Punkt einige Aufklärung geben. Wenn aber die westliche Frau einhergeht und sozusagen die Vorhänge des Harems mit sich schleift, ist es sicher, daß dies gewebte Gebäude einen wandernden Palast und nicht ein wanderndes Gefängnis bedeutet. Es ist ganz sicher, daß der Rock weibliche Würde, nicht weibliche Unterwerfung bedeutet; das kann durch die allereinfachste Probe bewiesen werden. Kein Herrscher würde sich vorsätzlich in das allbekannte Gewand des Sklaven kleiden; kein Richter wollte in Sträflingstracht erscheinen. Aber wenn Männer stattlich zu erscheinen wünschen, eindrücklich als Richter, Priester oder Könige, dann tragen sie Röcke, das lange schleppende Gewand der weiblichen Würde. Die ganze Welt steht unter der Herrschaft des Weiberrockes; denn selbst Männer tragen Weiberröcke, wenn sie herrschen wollen.

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