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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das vierte Kapitel
Die Romantik der Sparsamkeit

DIE meisten Frauen mußten jedoch für Dinge kämpfen, die für das Auge nur wenig berauschender erschienen als Pult und Schreibmaschine, und es kann nicht geleugnet werden, daß die Frauen in der Verteidigung dieser Dinge jene Eigenschaft, die wir Vorurteil nennen, in einem gewaltigen, ja sogar bedrohlichen Maße entwickelt haben. Aber man wird finden, daß die Vorurteile das Wichtigste in der Stellung der Frau stets befestigt haben: daß sie ein allgemeiner oberster Aufseher bleiben solle, eine Autokratin innerhalb eines kleinen Umkreises, aber dafür nach allen Richtungen hin. In den ein oder zwei Punkten, in denen sie die Stellung des Mannes wirklich mißversteht, geschieht es meist lediglich, um ihre eigene zu wahren. Die beiden Punkte, in denen die Frau tatsächlich und für sich selbst am hartnäckigsten ist, können ungefähr als das Ideal der Sparsamkeit und das Ideal der Würde zusammengefaßt werden.

Dieses Buch hat das Mißgeschick, von einem Manne geschrieben zu sein, und diese beiden Eigenschaften sind, wenn schon nicht einem Manne verhaßt, doch zumindest an einem Manne verhaßt. Aber wenn wir die Geschlechtsfrage überhaupt anständigerweise feststellen sollen, müssen alle Männer sich in der Phantasie bemühen, sich in die Lage aller guten Frauen diesen beiden Dingen gegenüber zu versetzen. Die Schwierigkeit liegt vielleicht besonders in dem »Sparsamkeit« genannten Dinge; wir Männer haben einander so oft ermuntert, das Geld nach rechts und links hin auszuwerfen, daß es schließlich einen ritterlichen und poetischen Anstrich bekommen hat, sixpence zu verlieren. Aber von einer weitsichtigeren und unbefangeneren Betrachtung aus steht die Sache eigentlich kaum so.

Sparsamkeit ist das wahrhaft romantische Ding; Ökonomie ist romantischer als Extravaganz. Gott weiß, daß ich vor allen anderen in dieser Sache unparteiisch spreche; denn ich kann mich nicht erinnern, seit meiner Geburt jemals auch nur einen halfpenny erspart zu haben. Aber es ist wahr: Sparsamkeit, richtig verstanden, ist das poetischere von den beiden. Sparsamkeit ist poetisch, weil sie schöpferisch ist; Verschwendung ist unpoetisch, weil sie Verschwendung ist. Es ist prosaisch, Geld wegzuwerfen, weil es prosaisch ist, irgend etwas wegzuwerfen; es ist negativ; es ist das Eingeständnis einer Indifferenz, das heißt, es ist das Eingeständnis eines Fehlers. Das prosaischste Ding im ganzen Haus ist die Mistkiste, und der große Einwand gegen die neue, anspruchsvolle und ästhetische Heimstätte ist einfach, daß in einem solchen moralischen »ménage« die Mistkiste größer sein muß als das Haus. Wenn ein Mann es unternehmen könnte, alles aus seiner Mistkiste zu verwerten, wäre er ein größeres Genie als Shakespeare. Als die Wissenschaft begann, Nebenprodukte zu verwerten; als die Wissenschaft fand, daß aus Teer Farben gemacht werden können: da erwarb sie das größte und vielleicht einzige Anrecht auf wahre Achtung einer Menschenseele. Das Bestreben einer guten Frau ist nun, Nebenprodukte zu verwerten oder mit anderen Worten, die Mistkiste zu durchstöbern.

Ein Mann kann das nur ganz verstehen, wenn er an irgend einen Gelegenheitsscherz oder gelungenen Behelf denkt, den man mit solchem Material erzielt, wie es in einem Privathaus an regnerischem Tage gefunden werden mag. Eines Mannes bestimmtes Tagewerk ist gewöhnlich mit so starren Bequemlichkeiten der modernen Wissenschaft versehen, daß Sparsamkeit, das Aufklauben etwaiger Hilfsmittel hier und dort für ihn beinahe bedeutungslos geworden ist. Es begegnet ihm am häufigsten, wenn er (wie ich sagte) irgend eine Spielerei innerhalb seiner vier Wände treibt; wenn beim Rätselraten ein Eisbärfell gerade als Pelzmantel dienen soll, oder ein Teewärmer als Zauberhut; wenn man für ein Puppentheater Balken und Pappendeckel braucht und man gerade genug Brennholz und Hutschachteln im Hause hat. Das ist für einen Mann ein gelegentlich erhaschter flüchtiger Blick, die angenehme Parodie der Sparsamkeit. Aber gar manche gute Hausfrau spielt jeden Tag dasselbe Spiel mit Käserestchen oder Seidenschnitzeln, nicht, weil sie knauserig ist, sondern weil sie großherzig ist; weil sie wünscht, daß ihre schöpferische Gnade über allen ihren Werken walte, daß nicht eine einzige Sardine verderbe oder als Abfall weggeworfen werde, nachdem sie die Schüssel voll aufgehäuft hat. Die moderne Welt muß irgendwie verstehen lernen (in der Theologie und in anderen Dingen), daß eine Ansicht umfassend, weit, universell, liberal sein kann und dennoch mit einer anderen Ansicht, die auch umfassend, weit, universell und liberal ist, in Konflikt geraten kann. Es gibt keinen Krieg zwischen zwei Sekten, nur zwischen zwei allumfassenden universellen, katholischen Kirchen. Die einzig mögliche Kollision ist die Kollision eines Kosmos mit einem anderen. So muß auf einem engeren Gebiete erst klar gemacht werden, daß dieses weibliche ökonomische Ideal ein Teil jener weiblichen Vielfältigkeit der Anschauung ist und jener allseitigen Lebenskunst, die wir dem Geschlechte schon zugeschrieben haben. Sparsamkeit ist nichts Kleines, Schüchternes oder Provinzlerisches; sie ist ein Teil jener großen Idee der Frau, wie sie nach allen Seiten aus den Fenstern ihrer Seele auslugt und für alles verantwortlich ist. Denn in dem Durchschnittshause der Menschen gibt es ein Loch, durch das das Geld hereinkommt und hundert, durch die es hinausgeht; der Mann hat mit dem einen Loch zu schaffen, die Frau mit den hundert. Aber ob gleich selbst der Geiz einer Frau ein Teil ihrer geistigen Größe ist, so ist es nichtsdestoweniger wahr, daß sie dadurch mit der speziellen Art geistiger Größe in Konflikt gerät, die den Männern des Stammes eigen ist. Sie bringt sie mit jenem gestaltlosen Wassersturz der »Kameradschaft« in Konflikt, der chaotischen Feste und betäubenden Debatten, von denen wir im letzten Abschnitte sprachen. Gerade der Hauch der Ewigkeit in dem Geschmack der beiden Geschlechter verschärft noch mehr den Gegensatz; denn der eine steht für universelle Wachsamkeit, der andere für einen beinahe uneingeschränkten Ertrag. Der Mann ist teils durch die Natur seiner moralischen Schwäche, teils durch die seiner physischen Stärke gewöhnlich geneigt, die Dinge zu einer Art Ewigkeit auszudehnen; er glaubt immer, daß eine Mittagsgesellschaft die ganze Nacht dauern werde; er glaubt immer, daß eine Nacht ewig dauern werde. Wenn die Arbeiterfrauen in den Armenvierteln zu den Türen der Wirtshäuser kommen, um zu versuchen, ihre Männer nach Hause zu bringen, bilden sich beschränkte »Vorkämpfer sozialer Fürsorge« immer ein, daß jeder Mann ein hoffnungsloser Trunkenbold und jede Frau eine Heilige mit gebrochenem Herzen sei. Es scheint ihnen niemals einzufallen, daß die arme Frau nur in gröberer Form genau dasselbe tut, was jede fashionable Hausfrau tut, wenn sie den Mann vom Debattieren bei der Zigarre wegzubringen und ihren Teetischgesprächen zuzuführen versucht. Diese Frauen sind nicht nur über die Höhe des in Bier verschwendeten Geldes entsetzt, sondern auch über die Menge der mit Reden verschwendeten Zeit. Nicht nur, was in den Mund gehet, sondern auch, was aus dem Munde kommet, besudelt nach ihrer Meinung den Mann. Sie werden (wie ihre Schwester in allen Schichten) gegen das Argumentieren den lächerlichen Einwand erheben, daß niemand davon überzeugt wird. Als ob sich ein Mann irgend jemanden, mit dem er sich auf dem Fechtboden schlägt, zum Leibsklaven machen wollte. Aber das eigentliche weibliche Vorurteil in diesem Punkte hat seinen guten Grund; die eigentliche Empfindung ist, daß die allermännlichsten Vergnügungen einen Eintagscharakter haben. Eine Herzogin mag einen Herzog für ein Diamantkollier zugrunde richten; aber das Kollier ist da. Ein Hausierer mag seine Frau für einen Krug Bier zugrunde richten; und wo ist das Bier? Die Herzogin streitet sich mit einer anderen Herzogin, um sie niederzuschmettern, um ein Resultat zu erzielen; der Hausierer diskutiert nicht mit einem anderen Hausierer, um ihn zu überzeugen, sondern um gleichzeitig den Klang der eigenen Stimme, die Klarheit der eigenen Meinung und das Gefühl männlicher Gesellschaft zu genießen. In den männlichen Unterhaltungen steckt dieses Element einer feinen Unfruchtbarkeit. Wein wird in ein Faß ohne Boden gegossen, Gedanken steigen hinab in einen bodenlosen Abgrund. All dies hat die Frau gegen das Wirtshaus aufgebracht – das heißt, gegen das Parlament. Sie ist da, um Verschwendung zu verhindern und das Wirtshaus und das Parlament sind die wahren Paläste der Verschwendung. In den oberen Klassen heißt das Wirtshaus: Klub, aber das ist nur ein Unterschied des Wortlautes, nicht des Sinnes. Hoch oder niedrig – der Einwand der Frau gegen das Wirtshaus ist durchaus eindeutig und vernünftig: nämlich, daß das Wirtshaus Energien verschwendet, die dem Privathaus zugute kommen könnten.

So wie es mit der weiblichen Sparsamkeit gegenüber männlicher Verschwendung steht, so ist es auch mit weiblicher Würde gegenüber männlicher Ungeschlachtheit. Die Frau hat ein bestimmtes und gar wohl begründetes Gefühl, daß, wenn nicht sie auf guten Sitten bestehen würde, niemand anderes darauf bestünde. Kleine Kinder sind, was Benehmen anbelangt, nicht immer ganz sicher, und erwachsene Männer sind darin ganz unmöglich. Es ist wahr, daß es viele sehr höfliche Männer gibt, doch keinen, meines Wissens, der nicht entweder die Frauen fasziniert oder ihnen gehorcht. Aber wirklich, das weibliche Ideal der Würde wie das der Sparsamkeit liegt tiefer und kann leicht mißverstanden werden. Es beruht letzten Grundes auf einer starken Vorstellung geistiger Isolierung; derselbe Grund, der die Frauen religiös macht. Sie lieben es nicht, verschmolzen zu werden; sie lieben den Pöbel nicht und vermeiden ihn. Jene anonyme Eigenheit, die wir in Klubkonversationen bemerkt haben, wäre einfach eine Frechheit in einer Damengesellschaft. Ich erinnere mich einer künstlerisch veranlagten und neugierigen Dame, die mich einmal in ihrem großen grünen Salon gefragt hat, ob ich an Kameradschaft zwischen Mann und Frau glaube, und warum nicht. Ich mußte zurückweichen mit der Antwort: »Weil Sie mich, wenn ich Sie zwei Minuten lang wie einen Kameraden behandelte, aus Ihrem Hause weisen würden.« Die einzige bestimmte Regel bei diesem Thema ist, immer von der Frau zu sprechen, niemals von den Frauen. »Frauen« ist ein schändliches Wort, ich habe es in diesem Kapitel fortwährend gebraucht, aber es hat immer einen gemeinen Klang; es riecht nach orientalischem Zynismus und Hedonismus. Jede Frau ist eine gefangene Königin; aber jede Mehrheit von Frauen ist nur ein ausgebrochener Harem. Ich spreche hier nicht nur meine Ansichten aus, sondern auch diejenige beinahe aller Frauen, die ich jemals gekannt habe. Es ist gewiß unzukömmlich, zu behaupten, daß jede Frau die anderen Frauen individuell haßt; ich glaube, es wäre ganz richtig, zu sagen, daß sie sie in ungeordnetem Haufen verabscheut. Und das ist so, nicht weil sie ihr Geschlecht verachtet, sondern weil sie es achtet und insbesondere jene Heiligkeit und Gesondertheit jedes einzelnen Fünkchens achtet, das in bezug auf Sitten durch die Idee der Würde und in bezug auf Moral durch die Idee der Keuschheit repräsentiert wird.

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