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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das dritte Kapitel
Emanzipation und Häuslichkeit

ES soll im Vorbeigehen auch bemerkt werden, daß diese Macht über einen Mann, nur einen wesentlichen Zug zu entwickeln, nichts damit zu tun hat, was gewöhnlich das System des freien Wettbewerbs genannt wird, sondern unter jeder vernünftigerweise denkbaren Art des Kollektivismus ebenso bestünde. Wenn die Sozialisten nicht offenkundig bereit sind, das Niveau des Violinspielens, der Teleskope und des elektrischen Lichtes herabzusetzen, so müssen sie irgendwie eine moralische Forderung an das Individuum schaffen, auf daß es seine gegenwärtige Konzentration diesen Dingen gegenüber bewahre. Nur durch Menschen, die in einem gewissen Grade Spezialisten waren, ist das Teleskop überhaupt jemals geschaffen worden; sicherlich müssen es in gewissem Grade Spezialisten sein, durch die das Teleskop weiter bestehen kann. Nicht dadurch, daß jemand ein Staatsgehalt bezieht, kann er daran gehindert werden, prinzipiell über die Schwierigkeit, mit der er sein Gehalt verdient, nachzudenken. Es gibt nur ein Mittel, um der Welt jene hohe Leichtigkeit und jenen gemächlicheren Ausblick zu erhalten, die das alte Traumbild des Universalismus verwirklichen; und das ist, eine teilweise beschützte Hälfte der Menschheit bestehen zu lassen; eine Hälfte, die jene hastende industrielle Anforderung zwar bekümmert, aber nur indirekt bekümmert. Mit anderen Worten, es muß in jedem Menschheitszentrum ein menschliches Wesen mit weiterem Horizonte sein; eine, die nicht »ihr Bestes«, sondern sich ganz gibt. Unser altes Beispiel vom Feuer bleibt das Verwendbarste. Das Feuer muß nicht leuchten wie elektrisches Licht oder sieden wie siedendes Wasser. Seine Sache ist es, mehr zu leuchten als Wasser und mehr zu wärmen als Licht. Die Frau ist wie das Feuer oder, um die Dinge ins rechte Verhältnis zu bringen, das Feuer ist wie die Frau. Die Frau soll wie das Feuer kochen: nicht, um im Kochen hervorzuragen, sondern um zu kochen; um besser zu kochen als ihr Mann, der das Essen verdient, durch Vorlesungen über Botanik oder durch Steineklopfen. Wie das Feuer, soll die Frau den Kindern Geschichten erzählen, nicht selbst-erdichtete künstlerische Geschichten, aber Geschichten – bessere als voraussichtlich eine erstklassige Köchin erzählen könnte. Wie das Feuer, soll die Frau leuchten und wärmen, nicht durch die verblüffendsten Offenbarungen oder durch die wildesten Gedankenblitze, aber besser als ein Mann es kann, nachdem er Steine geklopft oder Vorlesungen gehalten hat. Aber man kann nicht erwarten, daß sie irgend etwas wie eine solche Universalpflicht ertragen kann, wenn sie auch noch die unmittelbare Grausamkeit der Konkurrenzkampf- oder Amtsschimmelplackerei ertragen soll. Die Frau muß eine Köchin, aber keine im Konkurrenzkampf stehende Köchin sein und eine ebensolche Lehrerin, eine Hausdekorateurin, eine Schneiderin. Sie sollen kein Geschäft haben, aber zwanzig Steckenpferde; sie mag, ungleich dem Manne, all ihr Zweitbestes entwickeln. Dies ist es, wonach eigentlich von allem Anfang an immer gestrebt wurde, durch Abschließung, wie man es nannte, oder sogar Unterdrückung der Frauen. Man schloß die Frauen nicht im Hause ein, um ihren Blick enge zu halten; im Gegenteil, um ihnen den weiten Blick zu erhalten. Die Welt außerhalb des Hauses war eine Fülle von Engheit, ein Wirrsal verrammelter Pfade, ein Narrenhaus voll Monomanen. Nur durch eine teilweise Einschränkung und Beschützung der Frau könnte sie fähig werden, in fünf oder sechs Berufen zu spielen und solcherart Gott fast so nahe zu kommen, wie das Kind, wenn es mit hundert Geschäften spielt. Aber die Berufe der Frau waren ungleich denen des Kindes, alle wahr und beinahe schrecklich fruchtbar; so tragisch wirklich, daß nur ihre Universalität und ihr Gleichgewicht es hinderten, daß sie kränklich wurden. Dies ist mein Standpunkt zur Streitfrage über die historische Stellung der Frau. Ich leugne nicht, daß man den Frauen unrecht getan hat, sie sogar gequält hat; aber ich bezweifle, ob sie jemals so sehr gequält worden sind, wie jetzt durch den absurden modernen Versuch, sie gleichzeitig im Hause zu Kaiserinnen und im Konkurrenzkampf zu Schreiberinnen zu machen. Ich leugne nicht, daß die Frauen, selbst unter den alten Traditionen, eine schwerere Zeit hatten, als die Männer; darum nehmen wir unseren Hut ab. Ich leugne nicht, daß diese verschiedenartigsten weiblichen Betätigungen aufreizend waren; aber ich sage, daß ein gewisser Zweck und Sinn darin lag, sie verschiedenartig zu erhalten. Ich zögere auch nicht, zuzugeben, daß die Frau ein Dienstbote war; aber zumindest war sie ein allseitiger Dienstbote.

Am kürzesten läßt sich ihre Stellung damit zusammenfassend kennzeichnen, daß die Frau die Idee der »Heiligkeit« versinnbildlicht; jenes intellektuelle Heim, zu dem der Geist nach jedem Ausflug ins Extravagante zurückkehren muß. Der Geist des Dichters ist es, der seinen Weg durch die Wildnis findet; aber es ist des Narren Geist, der seinen Weg niemals mehr zurückfindet. In jeder Maschinerie muß ein Teil vorwärtstreiben, während der andere stille steht; in allem Veränderlichen muß es etwas Unveränderliches geben. Und viele von den Erscheinungen, welche die Modernen voreilig verdammen, sind eigentlich Folgen dieser Stellung der Frau als Mittelpunkt und Pfei1er der Gesundheit. Vieles von dem, was ihre Willfährigkeit, ja sogar ihre Schmiegsamkeit genannt wird, ist nur die Willfährigkeit und Schmiegsamkeit eines universellen Heilmittels; sie wechselt wie Medizinen wechseln – mit der Krankheit. Sie muß für den kränklichen Gatten ein Optimist sein; ein gesunder Pessimist für den sich glücklich gehenlassenden Gatten. Sie muß verhindern, daß der Quichote zum besten gehalten werde und daß der Prahlhans andere zum besten halte. Der König von Frankreich schrieb:»Toujours femme varie. Bien fol qui s'y fie.«Aber die Wahrheit ist, daß die Frau sich immer ändert, und gerade darum vertrauen wir ihr immer. Jedes Abenteuer und jede Extravaganz durch ein Gegengift an gesundem Menschenverstand wettzumachen, ist nicht (wie die Modernen zu glauben scheinen) die Aufgabe eines Spions oder eines Sklaven. Es sollte zu den Aufgaben des Aristoteles oder (zumindest) Herbert Spencers gehören, eine Universalmoralität, ein vollständiges Gedankensystem zu sein. Der Sklave schmeichelt, der vollkommene Moralist verwirft. Kurz, es bedeutet im wahren Sinne dieses ehrenwerten Ausdruckes, ein Vermittler sein; was aus dem einen oder anderen Grunde immer dem eigentlichen Sinne gerade gegensätzlich gebraucht wird. Man scheint wirklich zu glauben, ein solcher Mann sei feig und gehe immer zur stärkeren Seite über. Tatsächlich aber bedeutet es einen höchst ritterlichen Menschen, der immer zur schwächeren Seite übergeht. Wie einer, der in einem Boot das Gleichgewicht hält, dadurch, daß er sich dorthin setzt, wo weniger Leute sitzen. Die Frau ist ein Vermittler und es ist ein hochherziger, gefährlicher, romantischer Beruf.

Die letzte Tatsache, die dies klarlegt, ist einfach genug. Nehmen wir an, es sei zugegeben, daß die Menschheit zumindest nicht unnatürlich gehandelt habe, als sie sich in zwei Hälften teilte, das heißt: ihre Ideale durch ein Spezialtalent und eine allgemeine Heiligkeit versinnbildlichte (da es überaus schwer ist, sie vollständig in einem Geiste zu vereinigen). So ist es nicht schwer zu verstehen, warum die Spaltungslinie der Geschlechtslinie gefolgt war, oder warum das Weib zum Sinnbilde universeller und der Mann zu dem spezieller Überlegenheit wurde. Zwei gigantische Naturerscheinungen bestimmten dies so: erstens, daß die Frau, die ihre Funktion öfters erfüllte, in Experimenten und Abenteuern einfach nicht speziell hervorragend sein konnte; und zweitens, daß die gleiche natürliche Tatsache sie mit ganz kleinen Kindern umgab, die man nicht so sehr »irgend etwas« als vielmehr »alles« lehren muß. Kleine Kinder muß man nicht einen Beruf lehren, sondern man muß sie in eine Welt einführen. Um die Sache kurz zu fassen, die Frau wird gewöhnlich mit einem menschlichen Wesen in ein Haus eingeschlossen, zu der Zeit, da es alle Fragen stellt, die es nur gibt, und manche, die es nicht gibt. Es wäre lächerlich, wenn sie an irgendwelchen Einschränkungen eines Spezialisten festhalten wollte. Ich kann nun den Standpunkt verstehen, daß irgend jemand meint, die Pflicht allgemeiner Erleuchtung (selbst wenn sie von modernen Regeln und Stunden befreit und ursprünglicher von einer beschützteren Person ausgeübt würde) sei in sich selbst zu aufreibend und erdrückend Ich kann nur darauf antworten, daß unser Geschlecht es der Mühe wert gefunden hat, diese Last auf die Frauen zu wälzen, um gesunden Menschenverstand in der Welt zu erhalten. Aber wenn die Leute anfangen, von dieser häuslichen Pflicht, nicht bloß als von einer schweren, sondern auch als von einer trivialen und langweiligen zu reden – dann geb' ich die Frage einfach auf; denn ich kann mit dem größten Auf wand meiner Einbildungskraft nicht begreifen, was sie meinen. Wenn Häuslichkeit zum Beispiel einfach Plackerei genannt wird, dann entsteht alle Schwierigkeit aus der doppelten Bedeutung des Wortes. Wenn Plackerei nur schrecklich schwere Arbeit bedeutet, dann geb' ich zu, daß die Frau sich im Hause plagt, wie ein Mann sich nur beim Bau der Kathedrale von Amiens oder hinter einer Kanone bei Trafalgar plagen kann. Aber wenn es bedeuten soll, daß die schwere Arbeit noch schwerer ist, weil sie nebensächlich, farblos und von geringem Wert für die Seele ist – dann, wie gesagt, geb' ich es auf; ich weiß nicht, was die Worte bedeuten: Königin Elisabeth zu sein innerhalb eines begrenzten Raumes, Verkäufe, Banketts, Arbeiten und Feiertage zu bestimmen; Whiteley zu sein innerhalb eines bestimmten Raumes, Spielsachen, Schuhe, Hemden, Backwerk und Bücher zu beschaffen; Aristoteles zu sein innerhalb eines bestimmten Raumes, Moral, Sitten, Theologie und Hygiene zu lehren; ich kann begreifen, wie dies den Geist erschöpft, aber nicht verstehen, wie es ihn beengen könnte. Wie kann es eine große Karriere sein, anderer Leute Kinder die Regeldetri zu lehren, und eine kleine Karriere, die eigenen Kinder das Universum zu lehren? Wie kann es viel sein, jedermann dasselbe zu sein und wenig, einem alles zu sein? Nein! das Wirken der Frau ist mühevoll; aber nur, weil es gigantisch ist, nicht, weil es kleinlich ist. Ich will Frau Jones gerne bemitleiden wegen der Ungeheuerlichkeit ihrer Aufgabe; aber niemals wegen deren Geringfügigkeit.

Aber obwohl das Wesentlichste in der Aufgabe der Frau die Universalität ist, bewahrt sie dies natürlich nicht davor, ein oder zwei strenge, ob wohl im allgemeinen sehr gesunde Vorurteile zu haben. Sie ist sich im großen und ganzen mehr als der Mann bewußt gewesen, nur eine Hälfte der Menschheit zu sein; aber sie hat dies dadurch ausgedrückt, daß sie (wenn man das von einer Dame sagen darf) sich in zwei oder drei Dinge verbissen hat, von denen sie annimmt, daß sie für sie einzustehen habe. Ich möchte hier nebenbei bemerken, daß viele von den neuen amtlichen Schwierigkeiten mit den Frauen aus der Tatsache entstanden sind, daß sie jene heilige Halsstarrigkeit von den ursprünglichen Dingen, die zu hüten eine Frau eingesetzt war, auf Dinge des Zweifels und der Vernunft übertrug. Die eigenen Kinder, der eigene Altar sollten Prinzipiensache sein oder wenn ihr wollt – eine Sache des Vorurteiles. Andererseits sollte es keine Frage des Prinzips oder des Vorurteiles sein, wer die Juniusbriefe geschrieben hat; es sollte eine Frage freier und beinahe nebensächlicher Untersuchung sein. Aber macht zumal ein energisches, modernes Mädchen zur Sekretärin einer Gesellschaft, die beweisen will, daß Georg III. den Junius schrieb, und in drei Monaten wird sie es aus reiner Anständigkeit gegen ihre Arbeitgeber selbst glauben. Moderne Frauen verteidigen ihr Büro mit allem Grimm der Häuslichkeit. Sie kämpfen für Schreibpult und Schreibmaschine, wie für Haus und Herd und entwickeln eine Art wölfischer Weiblichkeit im Interesse des unsichtbaren Hauptes der Firma. Darum leisten sie so vorzügliche Bureauarbeit; und darum sollten sie sie nicht leisten.

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