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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Dritter Teil
Feminismus: oder der Irrtum über das Wesen der Frau

 

Das erste Kapitel
Die unkriegerische Suffragette

Es wird gut sein, in diesem Kapitel dieselbe Methode anzuwenden, die auch im vorigen als geistige Gerechtigkeit gegolten hat. Meine allgemeinen Ansichten über die Frauenfrage würden wohl viele Anhänger des Frauenwahlrechtes wärmstens gut heißen; und es wäre leicht, sie festzustellen, ohne zur allgemeinen Streitfrage offen Stellung zu nehmen. Aber so wie es angebrachter schien, erst zu sagen, daß der Imperialismus bei mir nicht in hoher Gunst stehe, nicht einmal im praktischen und landläufigen Sinne, so erscheint es angebrachter, dasselbe vom Frauenwahlrecht im praktischen und landläufigen Sinne zu sagen. Mit anderen Worten, es ist nur billig, zuerst, sei es auch flüchtig, die oberflächlichen Einwände gegen die »Suffragettes« festzustellen, ehe wir zu den wahrhaft subtilen Fragen übergehen, die hinter dem Frauenwahlrecht stecken.

Nun also, um dieses ehrenhafte, aber unerfreuliche Geschäft zu erledigen: ich mache den Suffragetten nicht den Vorwurf, daß sie kriegerisch sind; sondern gerade, daß sie nicht genug kriegerisch sind. Eine Revolution ist ein militärisches Unternehmen; sie hat alle militärischen Tugenden; eine davon ist, daß sie einmal ein Ende hat. Zwei Parteien kämpfen mit tödlichen Waffen, aber nach gewissen Regeln vereinbarter Ehrbegriffe wird die gewinnende Partei zur Regierung und fährt fort, zu regieren. Das Ziel des Bürgerkrieges, wie das Ziel jedes Krieges ist der Friede. Nun können aber die Suffragetten in diesem militärischen und entscheidenden Sinne keinen Bürgerkrieg entfachen; erstens, weil sie Frauen sind, und zweitens, weil sie sehr wenige Frauen sind. Aber sie können etwas anderes entfachen, was so zusagen nicht in denselben Topf geworfen werden darf. Sie führen keine Revolution herbei; was sie eigentlich herbeiführen, ist Anarchie. Und der Unterschied dieser beiden Bewegungen ist nicht eine Frage der Gewalt, sondern eine Frage der Fruchtbarkeit und der Beendbarkeit. Revolution führt naturgemäß zu einer Regierung; Anarchie führt nur zu noch größerer Anarchie. Man kann verschiedener Meinung sein über die Enthauptung König Karls oder König Ludwigs; aber niemand kann leugnen, daß Bradshaw und Cromwell regiert, daß Carnot und Napoleon geherrscht haben. Irgend jemand hatte gesiegt, irgend etwas war geschehen. Man kann nur einmal des Königs Haupt abschlagen. Aber man kann unzählige Male des Königs Hut herunterschlagen. Destruktion ist endlich; Obstruktion unendlich. So lange Rebellion die Form bloßer Unordnung annimmt (statt eines Versuches, eine neue Ordnung zu schaffen), ist logischerweise kein Ende zu erwarten; sie kann immerfort weiterbestehen und sich ewig erneuern. Hätte Napoleon nicht Konsul werden wollen, sondern bloß ein Störenfried, so hätte er es wahrscheinlich verhindern können, daß irgendeine Regierung erfolgreich aus der Revolution hervorgegangen wäre. Aber solches Vorgehen hätte den ehrenvollen Namen »Rebellion« nicht verdient.

Gerade dieses Unkriegerische der Suffragetten macht ihre Sache oberflächlich. Das Problem ist, daß ihre Bewegung keinen einzigen Vorteil bringt, den endliche Gewalttätigkeit hat: sie hat keine Möglichkeit einer Probe. Krieg ist eine schreckliche Sache; aber er ist der klare und unwiderlegbare Beweis zweier Dinge: der Zahl und einer unnatürlichen Tapferkeit. Diese beiden wichtigen Tatsachen werden einem klar: wie viele Rebellen leben und wie viele bereit sind, zu sterben. Aber eine winzige Minorität, sogar eine interessierte Minorität kann bloße Unordnung ständig aufrecht erhalten. Im Falle dieser Frauen kommt natürlich noch ein weiteres falsches Moment hinzu, das durch ihr Geschlecht bedingt ist. Es ist falsch, die Sache bloß als eine einfache Frage körperlicher Überlegenheit darzustellen. Wenn ein Mann sein Wahlrecht nur seiner Muskelkraft zu verdanken hätte, dann müßte sein Pferd zwei und sein Elefant fünf Stimmen haben. In Wirklichkeit ist die Sache nicht ganz so einfach; eines Mannes instinktive Waffe ist nämlich der Gebrauch seiner Fäuste, wie sein Pferd die Hufe oder der Elefant seine Zähne braucht. Jeder Aufruhr ist eine Kriegsdrohung; aber die Frau schwingt eine Waffe, die sie niemals gebrauchen kann. Es gibt eine Menge Waffen, die sie gebrauchen könnte und auch wirklich gebraucht. Wenn z. B. alle Frauen um das Wahlrecht keifen würden, hätten sie es in einem Monat. Nur darf man nicht vergessen, daß es hierzu notwendig wäre, wirklich alle Frauen zum Keifen zu bringen. Und damit gelangen wir zum Schluß der oberflächlich-politischen Betrachtung der Sache. Der treffendste Einwand gegen die Philosophie des Frauenwahlrechtes ist einfach, daß sie unvereinbar ist mit einer einheitlichen Führung über Millionen Frauen. Ich höre, daß einige der Ansicht sind, Frauen sollten das Wahlrecht haben, ob es die Mehrheit verlangt oder nicht; aber das ist sicherlich ein merkwürdiges und kindisches Bestreben, eine formelle Demokratie zu errichten, um eine faktische zu zerstören. Was sollte die Masse der Frauen denn bestimmen, wenn nicht ihre allgemeine Stellung im Staate? Diese Leute sagen einfach, Frauen mögen über alles abstimmen, nur nicht über das Frauenwahlrecht.

Da ich also mein Gewissen von meiner rein politischen und vielleicht unpopulären Meinung wieder entlastet habe, will ich wieder zurückgreifen und versuchen, die Frage in sanfterer und wohlwollenderer Weise zu erörtern; versuchen, die wahren Wurzeln der heutigen Stellung der Frauen in den westlichen Staaten zu verfolgen, sowie die Ursachen der bestehenden Traditionen oder vielleicht Vorurteile auf diesem Gebiete. Und für diesen Zweck wieder ist es notwendig, den modernen Standpunkt, das Frauenwahlrecht von heute zu verlassen, und auf Grundbegriffe zurückzugreifen, die zwar weit älter sind, die ich jedoch für viel frischer halte.

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