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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das vierte Kapitel
Die unsinnige Notwendigkeit

DIE allgemeine Vorstellung, die von der Lehre Darwins als Rückstand blieb, ist, daß die Menschen ihren Weg langsam aus dem Zustand der Verschiedenheit in einen solchen von verhältnismäßiger Gleichheit genommen haben. Ich glaube:

beinahe das gerade Gegenteil ist richtig. Alle Menschen haben normaler und natürlicher Weise mit der Idee der Gleichheit begonnen und sie nur spät und ungern aufgegeben; stets um eines materiellen, nebensächlichen Grundes willen. Niemals haben sie einfach gefühlt, daß eine Menschenklasse der anderen überlegen wäre; sie sind stets durch bestimmte praktische Beschränkungen von Raum und Zeit gezwungen worden, dies anzunehmen.

Zum Beispiel gibt es einen Umstand, der immer zu Oligarchie oder richtiger zu Despotismus führen muß: ich meine die Eile. Wenn ein Haus brennt, muß ein Mann um die Feuerwehr telephonieren; aber eine Versammlung kann nicht anrufen. Wenn ein Lager nachts überfallen wird, muß jemand den Befehl zum Schießen geben; man kann nicht erst darüber abstimmen. Es ist einzig eine Frage der physischen Beschränkung von Zeit und Raum, durchaus keine der geistigen Beschränktheit der Truppen. Denn wären alle Leute in dem Hause vom Schicksal Erkorene, so wäre es doch besser, wenn einer allein ins Telephon spräche, und wäre es selbst der Dümmste unter ihnen. Wenn ein Heer tatsächlich aus lauter Hannibals und Napoleons bestünde, so wäre es bei einem plötzlichen Überfall doch besser, wenn einer allein die Befehle erteilte, und wäre es auch der Dümmste von ihnen. Wir sehen also, daß rein militärische Subordination, weit entfernt davon, auf der Ungleichheit der Menschen zu beruhen, tatsächlich auf ihrer Gleichheit beruht. Für Disziplin gilt nicht Carlyles Wort: Einer sei stets im Rechte, wenn alle im Unrecht sind, und diesen einen müßten wir entdecken und krönen. Im Gegenteil: Disziplin heißt, daß man unter gewissen schreckhaft-plötzlichen Umständen irgend einem vertrauen kann, wenn der eine nur nicht jedermann ist. Militärischer Geist heißt nicht (wie Carlyle glaubt) dem Stärksten und Weisesten gehorchen. Im Gegenteil, er bedeutet, wenn überhaupt etwas, dem Schwächsten und Dümmsten gehorchen; ihm gehorchen bloß darum, weil er einer ist und nicht tausende. Sich einem schwachen Manne unterordnen, ist Disziplin; sich einem starken Manne unterordnen, ist Knechtschaft.

Man kann nun leicht beweisen, daß das, was in Europa »Aristokratie« genannt wird, seinem Ursprung und seinem Geiste nach gar keine Aristokratie ist. Es ist nicht ein System geistiger Rangunterschiede, wie zum Beispiel das Kasten-System Indiens, auch nicht ähnlich der alten Unterscheidung der Griechen zwischen freien Männern und Sklaven. Es ist einfach der Rest einer militärischen Organisation, die errichtet ward, teils um das untergehende römische Reich zu stützen, tei1s um den furchtbaren Ansturm des Islams zu brechen und zu rächen. Das Wort Herzog bedeutet einfach Oberst, so wie das Wort Kaiser einfach Oberbefehlshaber bedeutet. Am besten wird die ganze Geschichte durch den Titel »Count of the Holy Roman Empire« erklärt, was einfach Offizier der europäischen Armee gegen die gegenwärtige »Gelbe Gefahr« bedeutet. Beim Militär ließe sich's wohl niemand einfallen, zu glauben, daß ein Unterschied im Range einen Unterschied moralischen Inhaltes bedeute. Niemals würde einer beim Regiment sagen: »Euer Major ist ein sehr lustiger und tatkräftiger Mann, da muß euer Oberst natürlich noch lustiger und tatkräftiger sein.« Niemals würde man, von einem Gespräch aus der Messe berichtend, sagen: »Leutnant Hans war sehr witzig, aber Hauptmann Schmidt war ihm natürlich weit überlegen.« Das Wesentliche beim Militär ist die Idee offizieller Ungleichheit, gegründet auf unoffizielle Gleichheit. Man gehorcht dem Oberst nicht, weil er der beste Mann ist, sondern weil er Oberst ist. Dies war vermutlich der Geist dieses Systems von Herzögen und Grafen, als es zuerst aus dem militärischen Geiste und den militärischen Notwendigkeiten Roms erstand. Mit dem Verschwinden dieser Notwendigkeiten hörte es langsam auf, irgendeine Bedeutung als militärische Organisation zu haben und wurde allmählich von unsauberer Plutokratie durchsetzt und erfüllt. Auch jetzt ist es keine Aristokratie des Geistes – es ist nicht so schlimm wie all dies. Es ist einfach eine Armee ohne Feind – einquartiert auf Kosten des Volkes.

Der Mann hat daher ebenso sehr einen spezialistischen wie einen kameradschaftlichen Anschein; und der Militarismus ist nicht der einzige Fall solcher spezialistischen Unterordnung. Der Kesselflicker und der Schneider brauchen, so gut wie der Soldat und der Matrose, eine gewisse Zucht und Geistesgegenwart in ihren Handlungen, und daß der Kesselflicker nicht organisiert ist, ist zum großen Teil daran schuld, daß er niemals im großen Maßstabe flickt. Der Kesselflicker und der Schneider repräsentieren in Europa oft die beiden Nomadenrassen: die Zigeuner und die Juden; aber der Jude allein hat Einfluß, weil er allein eine Art Disziplin anerkennt. Wir sagen, der Mann hat zwei Seiten: die spezialistische, die Subordination fordert, und die sozialistische, die Gleichheit fordert. Es liegt etwas Wahres in der Redensart, daß neun Schneider einen Mann geben; aber wir dürfen nicht vergessen, daß auch neun Poetae Laureati oder neun Hofastronomen einen Mann geben. Neun Millionen Händler geben dann »den Mann«, aber die Menschheit besteht aus Händlern, wenn sie nicht vom Geschäft reden. Die spezielle Gefahr unseres Zeitalters, die ich hier der Einfachheit halber Imperialismus oder Cäsarismus nenne, ist die vollkommene Verdrängung von Kameradschaft und Gleichheit durch Spezialismus und Herrschaft.

Nur zwei Arten sozialer Struktur sind denkbar: persönliche Herrschaft und unpersönliche. Wenn meine anarchistischen Freunde keine Gesetze haben wollen – dann werden sie Gesetzgeber haben. Persönliche Herrschaft mit all ihren Gefühlen und Unbeständigkeiten vorziehen, heißt Royalismus. Unpersönliche Herrschaft mit ihren Dogmen und festen Bestimmungen vorziehen, heißt Republikanismus. Großzügig gegen einen König und gegen einen Glauben protestieren, heißt »Unsinn«; ich wenigstens weiß keinen philosophischeren Ausdruck dafür. Ihr könnt von dem Scharfsinn oder der Geistesgegenwart eines Gesetzgebers regiert werden oder von der Gleichheit und erwiesenen Gerechtigkeit eines Gesetzes; aber ihr müßt das eine oder das andere haben, oder ihr seid keine Nation, sondern eine grausliche Gesellschaft. Männer mit ihrer Vorstellung von Gleichheit und Debatte verehren die Idee des Gesetzes; sie entwickeln und verwickeln sie höchlichst bis zum Übermaß. Ein Mann findet viel mehr Vorschriften und Bestimmungen im Klub, wo es Regeln gibt, als zu Hause, wo es einen Regenten gibt. Eine beratende Versammlung, das Parlament zum Beispiel; treibt diese Mummerei bis zu dem Grade methodischer Verrücktheit. Das ganze System ist erstarrt in steifer Unvernunft, wie Royal Court in Lewis Caroll. Man glaubt, daß der Speaker Der Vorsitzende des englischen Unterhauses heißt ›speaker‹. reden wird; daher ist er meistens still. Man würde glauben, daß ein Mann den Hut herunter nimmt, wenn er stehen bleibt, und ihn aufsetzt, wenn er weggeht; daher nimmt er ihn herunter, wenn er hinausgeht, und setzt ihn auf, wenn er hereinkommt. Namen sind verboten und ein Mann muß seinen eigenen Vater »mein ehrenwerter Freund, der Abgeordnete von West-Birmingham« nennen. Dies sind vielleicht Phantastereien des Verfalls; aber im Grunde entsprechen sie dem Geschmack der Männer. Sie fühlen, daß Regeln, selbst wenn sie unvernünftig sind, allgemein sind; sie fühlen, daß das Gesetz gleich ist, selbst wenn es nicht gerecht ist. Es liegt eine wilde Schönheit in dem Ding – als ob man das Los würfe.

Sehr traurig ist auch, daß Kritiker, wenn sie Institutionen, wie das Parlament, angreifen, immer in den Punkten angreifen (vielleicht in den wenigen Punkten), in denen das Parlament recht hat. Sie nennen den Reichsrat einen Redeverein und beklagen sich, daß er in einem ewigen Wirrwarr von Worten die Zeit vergeude. Nun dies ist gerade eine Hinsicht, in der die Abgeordneten des Volkes wirklich wie das Volk selbst sind. Wenn sie Muße und lange Debatten lieben, dann tun sie es, weil alle Männer dies lieben; darin repräsentieren sie wirklich ganz England. Darin kommt das Parlament den männlichen Tugenden des Bierhauses nahe.

So erscheint die eigentliche Wahrheit schon in dem einleitenden Abschnitt des Buches flüchtig angedeutet, da wir von dem Sinn für Heim und Eigentum sprachen, so wie jetzt, da wir von dem Sinn für Beratung und Gemeinschaft sprechen. Alle Männer lieben natürlich den Begriff von Muße, Lachen und lautem Disputieren unter ihresgleichen. Aber es steht ein Gespenst in unseren Hallen: wir alle kennen den gewaltigen modernen Ruf gar wohl, der da lautet: Spezialisierung oder halsbrecherischer Wettbewerb. Das Geschäft. Das Geschäft will nichts wissen von Muße; das Geschäft will keinen Tauschhandel mit Kameradschaft; das Geschäft strebt nicht nach Geduld mit all den gesetzlichen Fiktionen und phantastischen Handicaps, mit denen die Kameradschaft ihr Gleichheitsideal schützt. Der moderne Millionär wird, wenn er mit der angenehmen und typischen Aufgabe beschäftigt ist, seinen Vater aus seiner Stelle zu entlassen, sich sicherlich nicht mit den Worten: »mein hochverehrter Herr Schreiber von der Laburundum-Road Brixton« an ihn wenden. Es ist daher im modernen Leben eine Literaturmode entstanden, der Geschäftsromantik geweiht, den großen Halbgöttern der Habgier, dem Märchenland der Finanz. Diese populäre Philosophie ist vollkommen despotisch und antidemokratisch; diese Mode ist die Blüte des Cäsarismus, gegen den ich protestieren will. Die Stärke des Ideal-Millionärs liegt in seinem »eisernen Schädel«. Die Tatsache, daß der wirkliche Millionär jedoch öfters einen Strohkopf hat, ändert nichts an dem Geiste und lenkt den Götzendienst nicht ab. Das Grundprinzip ist: »Spezialisten müssen Despoten sein; Menschen müssen Spezialisten sein. In einer Seifenfabrik kann es keine Gleichheit geben; also kann es nirgends Gleichheit geben. In einem Weizentrust kann es keine Kameradschaft geben; also kann es überhaupt keine Kameradschaft geben. Wir müssen eine kommerzielle Zivilisation haben; und darum müssen wir die Demokratie vernichten. Ich weiß, daß Plutokraten selten genug Phantasie haben, um sich zu solchen Beispielen wie Seife oder Weizen zu versteigen. Sie beschränken sich gewöhnlich mit anerkennenswerter Geistesfrische auf einen Vergleich zwischen dem Staat und einem Schiff. Ein antidemokratischer Schriftsteller bemerkte ein mal, daß er nicht gerne auf einem Schiffe fahren wollte, auf dem das Wort des Schiffsjungen eben soviel gelte, wie das des Kapitäns. Man könnte zwar leicht antworten, daß manch ein Schiff (die »Victoria« zum Beispiel) gesunken war, weil ein Admiral einen Befehl gegeben hatte, den ein Schiffsjunge als falsch erkannt hätte. Aber das wäre eine Debattenantwort; der eigentliche Schwindel ist tiefer und einfacher zugleich. Die elementare Tatsache ist, daß wir alle in einem Staate geboren wurden; wir sind nicht alle auf einem Schiff geboren, wie einige unserer großen britischen Bankiers. Ein Schiff bleibt eben ein Spezialexperiment, wie eine Taucherglocke oder ein Flugzeug. In solchen besonderen Gefahren schafft das Bedürfnis nach schnellem Handeln eben das Bedürfnis nach Autokratie. Aber wir leben und sterben im Staatsschiff, und wenn wir Freiheit, Kameradschaft und Volkselemente nicht im Staate finden können, so können wir sie überhaupt nicht finden. Und nach der modernen Lehre des kommerziellen Despotismus werden wir sie eben nicht finden. Unser Spezialistenhandel kann auf seiner hochzivilisierten Stufe (wie es heißt) ohne das brutale Geschäft, den Herrn zu spielen und die Leute zu entlassen, »zu alt sein mit vierzig« und mit all dem übrigen Schmutz nicht weiter betrieben werden; und er muß weiter betrieben werden; und darum rufen wir den Cäsar an. Nur der Übermensch könnte herabsteigen, solch schmutziges Geschäft zu verrichten.

Nun (um auf meinen Titel zurückzukommen) das ist es, was unrecht ist. Das ist die ungeheuere, moderne Ketzerei: die Menschenseele zu ändern, um sie den Bedingungen anzupassen, statt die menschlichen Bedingungen zu ändern, um sie der Menschenseele anzupassen. Sollte Seifensieden wirklich mit Brüderlichkeit unvereinbar sein, – um so schlimmer fürs Seifensieden, nicht für die Brüderlichkeit. Sollte Zivilisation wirklich mit Demokratie nicht fortschreiten können – um so schlimmer für die Zivilisation, nicht für die Demokratie. Sicherlich wäre es weit besser, auf Dorfgemeinden zurückzugreifen, wenn es wirklich Gemeinschaften wären. Sicherlich wäre es eher besser ohne Seife auszukommen, als ohne die Gesellschaft. Sicherlich würden wir gerne all unsere Drähte, Räder, Systeme, Spezialitäten, die Physik und die Finanzrasereien opfern für eine glückliche halbe Stunde, wie wir sie oft in einer gewöhnlichen Schenke unter Kameraden erlebten. Ich sage nicht, daß dieses Opfer notwendig sein wird; ich sage nur, daß es leicht wäre.

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