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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das zweite Kapitel
Weisheit und Wetter

MAN wird mir hoffentlich zugeben, daß allgemeine Dinge niemals Gemeinplätze sind. Geburt wird mit Schleiern verhängt, eben weil sie ein überwältigendes und ungeheueres Wunderding ist. Tod und erste Liebe begegnen jedem Menschen, und doch klopft uns das Herz, wenn wir bloß daran denken. Aber wenn dies zugegeben wird, müssen wir noch ein weiteres fordern. Es ist nicht nur wahr, daß diese ganz allgemeinen Dinge seltsam sind; es ist überdies noch wahr, daß sie subtil sind. In der letzten Untersuchung werden wir finden, daß die allergewöhnlichsten Dinge höchst kompliziert sind. Es gibt Männer der Wissenschaft, die sich tatsächlich über die Schwierigkeit damit hinweghelfen, daß sie sich mit der einfachen Seite der Frage beschäftigen; so nennen sie erste Liebe den Geschlechtsinstinkt und die Angst vor dem Tode den Selbsterhaltungstrieb. Das heißt, sie nennen Pfauen-Grün einfach blau und helfen sich so über die Schwierigkeit der Beschreibung hinweg. Gewiß ist auch Blau darin. Daß in beidem, sowohl in der Romantik als auch im memento mori, ein starkes physisch es Element enthalten ist, macht sie womöglich noch verwirren der, als wenn sie etwas rein Intellektuelles wären. Kein Mensch könnte genau sagen, inwieweit seine Sexualität von einer reinen Liebe für das Schöne berührt worden ist, oder von dem rein knabenhaften Kitzel nach unwiderruflichen Abenteuern, wie beispielsweise Durchgehen, um Schiffsjunge zu werden. Niemand könnte sagen, wie innig seine animalische Angst vor dem Tode mit mystischen Traditionen moralischen und religiösen Ursprungs verbunden sei. Gerade damit, daß diese Dinge animalisch, aber nicht rein animalisch sind, beginnt der wilde Tanz aller Schwierigkeiten. Die Materialisten analysieren die leicht faßbare Seite, leugnen die schwer zu verstehende und gehen nach Hause und trinken ihren Tee.

Es ist ein großer Irrtum, anzunehmen, daß eine Sache, weil sie gewöhnlich ist, nicht auserlesen sein könne; das heißt subtil und schwer zu definieren. Ein Mode-Lied aus meiner Jugendzeit begann mit den Worten: »In der Dämmerung, o mein Liebling« und war als Lied gewiß recht gewöhnlich; aber der Zusammenhang zwischen menschlicher Leidenschaft und dem Zwielicht ist nichtsdestoweniger etwas Außerordentliches und sogar Unergründliches. Oder um ein anderes deutliches Beispiel zu wählen: Es ist leicht, schlechte Witze über die Schwiegermutter zu machen; aber es ist schwer, eine gute Lösung des ungemein heiklen Schwiegermutter-Problems zu finden. Eine Schwiegermutter gleicht gewissermaßen dem Zwielicht und ist daher etwas Subtiles. Sie ist eine geheimnisvolle Mischung zweier unvereinbarer Begriffe: Gesetz und Mutter (mother-in-law). Die Karikaturen verzerren ihr Bild; aber sie haben ihren Ursprung in einem lebendigen menschlichen Rätsel. »Comic Cuts« findet wohl nicht das Richtige in der Behandlung dieser Schwierigkeit; aber es wäre wohl eine Glanzleistung eines George Meredith notwendig, um in der Behandlung dieser Schwierigkeit das Richtige zu finden. Vielleicht käme man der Lösung des Problems damit am nächsten: eine Schwiegermutter muß nicht grauslich, sondern sie muß ganz besonders nett sein.

Aber vielleicht ist es das Beste, eine Alltagsgewohnheit als Illustration heranzuziehen, die all gemein als gewöhnlich und abgedroschen verachtet wird. Nehmen wir beispielsweise die Gewohnheit, vom Wetter zu sprechen. Stevenson nennt sie »den ärgsten Tiefstand und reinsten Hohn auf jede gute Konversation«. Nun gibt es aber sehr gute Gründe, um übers Wetter zu sprechen; Gründe, die zart und ernst zugleich sind; sie liegen wie aufgeschichtete Klugheit Schicht auf Schicht. Vor allem ist es eine Geste ursprünglicher Anbetung. Der Himmel muß angerufen werden! Und alles mit dem Wetter anzufangen, ist eine Form des heidnischen Brauches, alles mit einem Gebet anzufangen. Die Schmidts und Schulzes reden vom Wetter; aber ein Milton und ein Shelley auch. Ferner ist es ein Ausdruck jener Idee, die der Höflichkeit zugrunde liegt – Gleichheit. Denn das Wort »politesse« selbst ist seinem griechischen Stamme nach nichts als Bürgerschaft. Das Wort »politesse« ist mit dem Worte »Polizeimann« verwandt; ein reizender Gedanke!

Richtig verstanden, sollten die Bürger höflicher sein als die Vornehmen; vielleicht sollten die Polizeimänner gar die allerzuvorkommendsten und elegantesten von den dreien sein. Aber der Anfang aller guten Manieren ist natürlich, auf selbstverständliche Art etwas miteinander zu teilen. Zwei Leute gehen zusammen unter einem Regenschirm und teilen den Schutz, den er ihnen bietet; oder, wenn sie keinen Regenschirm haben, dann müssen sie wenigstens zusammen im Regen gehen und die reichen Möglichkeiten teilen, die er ihrem Witz und ihrer Philosophie bietet. »Denn Er schuf die Sonne, auf daß sie scheine...« Dies ist das zweite Element des Wetters: die Erkenntnis der Gleichheit der Menschen darin, daß der dunkelblaue funkelnde Schirm des Weltalls sich über den Häuptern aller Menschen wölbt. Daraus entspringt der dritte, gesunde Zug, der in jener Gewohnheit steckt; ich meine, daß sie von unserem Körper ausgeht und von unserer unvermeidlichen körperlichen Brüderschaft. Jede wahre Freundlichkeit beginnt mit Feuer und Essen und Trinken und der Erkenntnis von Regen und Frost. Derjenige, der nicht mit dem körperlichen Ende der Dinge »beginnen« will, ist jetzt schon ein Schmock und wird bald ein Anhänger der »Christian Science« wer den. Jede Menschenseele muß in gewissem Sinne die gigantische Demütigung der Inkarnation an sich selbst erfahren. Jedermann muß ins Fleisch hinabsteigen, um der Menschheit zu begegnen.

Kurz, in der einfachen Bemerkung: »schönes Wetter heute« liegt die ganze große Idee der Kameradschaft. Reine Kameradschaft ist nun wieder so ein weiter und doch verwirrender Begriff. Wir alle freuen uns ihrer und doch, wenn wir über sie sprechen sollen, reden wir meist Unsinn; hauptsächlich darum, weil wir sie für eine viel einfachere Sache halten, als sie eigentlich ist. Kameradschaft ist leicht zu halten, aber schwer zu analysieren. Kameradschaft ist höchstens die Hälfte des menschlichen Lebens; die andere Hälfte ist Liebe; ein so grundverschiedenes Ding, daß man glauben könnte, sie sei für eine andere Welt geschaffen. Und ich meine nicht, reine Geschlechtsliebe; jede Art konzentrierter Leidenschaft, Mutterliebe, oder sogar die stürmischeren Formen der Freundschaft, sind ihrem Wesen nach der reinen Kameradschaft fremd. Beide sind für das Leben wesentlich und beide sind in verschiedenen Abstufungen jedermann, unabhängig von Alter und Geschlecht, bekannt. Aber, ganz allgemein gesprochen, kann man doch sagen, daß die Frauen für die Hochhaltung der Liebe und die Männer für die der Kameradschaft einstehen. Ich meine, daß die Institution kaum respektiert werden würde, hielten nicht die Männer darüber Wache. Jene Zuneigung, deren Trägerin vornehmlich die Frau ist, enthält so viel mehr Autorität und Intensität, daß einfache Kameradschaft, bliebe sie nicht in Klubs, Körperschaften, Gymnasien, Banketten und Regimentern gesammelt und erhalten, einfach weggewaschen würde. Die meisten von uns kennen die Stimme, mit der die Hausfrau den Gatten ermahnt, nicht zu lange bei der Zigarre sitzen zu bleiben. Es ist die angstvolle Stimme der Liebe, bestrebt, Kameradschaft zu zerstören.

Alle wahre Kameradschaft hat jene drei Elemente in sich, die ich in der alltäglichen Redens art übers Wetter hervorgehoben habe. Erstens hat sie eine Art allumfassende Philosophie, wie der gemeinsame Himmel, betonend, daß wir alle unter den gleichen kosmischen Bedingungen leben. Wir sind im gleichen Boot, dem »geflügelten Fels« des Herrn Herbert Trench. Zweitens anerkennt sie dieses Band als das wesentliche; denn Kameradschaft ist einfach, in der Menschheit nur untereinander gleiche Menschen zu sehen. Die alten Schriftsteller waren gar weise, wenn sie von der Gleichheit der Männer sprachen; aber sie waren auch darin sehr weise, der Frauen dabei nicht zu er wähnen. Frauen sind immer autoritativ; sie stehen immer entweder darüber oder darunter; daher ist die Ehe eine Art poetischen Hin- und Herschwankens. Es gibt nur drei Dinge, die Frauen nicht verstehen können: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber Männer (eine in der modernen Welt schlecht verstandene Klasse) brauchen diese Dinge wie die Luft zum Atmen; und unsere gelehrten Damen werden sie niemals verstehen lernen, bevor sie nicht mit dieser kühlen Art von Kameradschaft Nachsicht üben werden. Schließlich enthält sie die dritte Eigenschaft des Wetters, die Befriedigung des Körpers und das untrennbar damit verbundene Wohlbehagen. Niemand hat auch nur das geringste Verständnis für Kameradschaft, der nicht eine gewisse herzliche Lust am Essen, Trinken oder Rauchen anerkennt, einen aufrührerischen Materialismus, der vielen Frauen nur als Gefräßigkeit erscheint. Ihr könnt es eine Orgie oder ein Sakrament nennen, jedenfalls ist es etwas Wesentliches. Es ist im Grunde der Widerstand gegen den Hochmut des Individuums. Ja, sogar alles Poltern und Heulen ist voll Demut. Der Kern all des Spektakelns ist eine Art grimmiger Bescheidenheit; der Wunsch, all die getrennten Seelen in eine Masse anspruchsloser Männlichkeit zu verschmelzen. Es ist ein lärmendes Bekenntnis der Schwachheit des Fleisches. Kein Mensch soll über die Dinge erhaben sein, die den Menschen gemein sind. Diese Art Gleichheit muß körperlich und derb und komisch sein. Wir sind nicht nur alle im selben Boot, wir sind auch alle seekrank.

Das Wort Kameradschaft scheint jetzt ebenso nichtssagend werden zu wollen wie das Wort »Zuneigung«. Es gibt Vereine von sozialistischer Färbung, in welchen die Mitglieder, Männer und Frauen, einander »Kamerad« nennen. Ich habe keinerlei ernsteres Gefühl für diese spezielle Gewohnheit, weder ein feindliches noch irgendein anderes; schlimmstenfalls ist es Konvention und bestenfalls Furt. Ich will hier nur ein Vernunftprinzip kennzeichnen. Wenn ihr alle Blumen, Lilien, Dahlien, Tulpen und Chrysanthemen, zusammenfassen und »Maßliebchen« nennen wolltet, so werdet ihr finden, daß ihr das so hübsche Wort »Maßliebchen« verdorben habt. Wenn ihr alle menschlichen Zuneigungen Kameradschaft nennt und in dieses Wort die Ehrfurcht eines Jünglings vor einer ehrwürdigen Prophetin einschließt; das Interesse eines Mannes für eine schöne Frau, die ihn verspottet; die Freude eines philosophischen alten Zopfes an einem kecken und unschuldigen jungen Mädchen; das Ende des niedrigsten Streites oder den Anfang der höchsten Liebe – wenn ihr all das Kameradschaft nennen wolltet, so werdet ihr dadurch um nichts reicher, nur um ein Wort ärmer geworden sein. »Maßliebchen« sind leicht zu finden, leicht zu erkennen und leicht zu pflücken; aber sie sind nur eine ganz bestimmte Blumenart. Kameradschaft ist leicht zu finden, leicht zu erkennen und leicht zu haben; aber sie ist nur eine ganz bestimmte Art von Zuneigung; sie hat Merkmale, die jede andere Neigung zerstören würden. Jedermann, der wahre Kameradschaft in einem Klub oder in einem Regiment kennen gelernt hat, weiß, daß sie unpersönlich ist. Es gibt eine Formel, die in Diskutierklubs gebraucht wird und die für männliches Empfinden wörtlich wahr ist: es heißt da »zur Sache reden. Frauen reden zueinander, Männer reden zum Gegenstand, über den sie reden. Manch ein wackerer Mann saß schon im Kreise seiner fünf besten Freunde auf der Welt und hat, während er ein System erklärte, vergessen, wer im Zimmer war. Das ist nicht nur intellektuellen Männern eigen; alle Männer sind Theoretiker, ob sie nun über Gott reden oder über Golf. Alle Männer sind unpersönlich, das heißt Republikaner. Nach einer wirklich guten Unterredung weiß niemand, wer die guten Bemerkungen gemacht hat. Jeder Mann spricht zu einer imaginären Menge, einer mystischen Wolke, die »der Klub« heißt.

Es ist klar, daß diese kühle und nachlässige Art, die der kollektiven Zuneigung von Männern eigen ist, Gefahren und Nachteile in sich schließt. Sie führt zu derben Reden, zu Schimpfen und Fluchen; sie muß zu all diesen Dingen führen, so lange sie ehrlich ist; Kameradschaft muß in gewissem Sinne häßlich sein. In dem Augenblicke, da Schönheit in Männerfreundschaft erwähnt wird, benimmt einem der Geruch abscheulichster Dinge den Atem. Freundschaft muß physisch schmutzig sein, wenn sie moralisch sauber sein soll. Sie muß in Hemdärmeln gehen. Gegen das Chaos von Gewohnheiten, das bei Männern, die sich ganz selbst überlassen sind, einreißt, gibt es nur ein wahres Mittel: strengste Klosterdisziplin. Jedermann, der unsere jungen unglücklichen Idealisten in »East-End-Settlements« gesehen hat, die ihre Kragen nie aus der Wäsche zurückbekommen und von Lachskonserven leben, der wird wohl verstehen, warum St. Bernhard oder St. Benedikt in seiner Weisheit angeordnet hat, daß Männer, wenn sie ohne Frauen leben sollten, nicht ohne Gesetze leben dürften. Etwas Ähnliches an künstlicher Nettigkeit wird natürlich auch beim Militär erreicht; auch Soldaten müssen in mancher Beziehung mönchisch leben; nur leben sie im Zölibat ohne Keuschheit. Aber diese Dinge passen nicht für normale oder verheiratete Männer. Die sind in ihren anarchischen Instinkten hinlänglich beschränkt, durch den grausam-gesunden Menschenverstand des anderen Ge schlechtes. Nur ganz schüchterne Männer fürchten die Frauen nicht.

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