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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Zweiter Teil
Imperialismus: oder der Irrtum über das Wesen des Mannes

 

Das erste Kapitel
Der Zauber des Jingoismus

ICH habe viel herumgesucht, um für diesen Abschnitt einen Titel zu finden; und ich gestehe, daß das Wort »Imperialismus« das, was ich meine, nur ungeschickt auszudrücken vermag. Aber kein anderes Wort paßte besser; »Militarismus« wäre noch irreführender gewesen und »Der Übermensch« macht jede Diskussion, in der er erscheint, lächerlich. Vielleicht käme das Wort »Cäsarismus« der Sache im Ganzen näher; aber ich wünsche ein populäres Wort, und Imperialismus deckt sich (wie der Leser sehen wird) zum größten Teil mit den Menschen und Theorien, von denen ich sprechen will.

Diese kleine Unklarheit wird jedoch noch da durch verstärkt, daß ich an Imperialismus in seiner populären Bedeutung, als Mode oder Theorie der patriotischen Gefühle des Landes, nicht glaube. Aber der populäre Imperialismus Englands hat mit diesem Cäsaren-Imperialismus, den ich zeichnen will, sehr wenig zu tun. Meine Ansichten weichen von dem Kolonial-Idealismus eines Rhodes und Kipling ab; aber ich glaube nicht, wie manche seiner Gegner, daß er eine übermütige Schöpfung englischer Härte und Habgier sei. Ich glaube, der Imperialismus ist eine Fiktion, nicht von englischer Hartherzigkeit, sondern von englischer Mildherzigkeit geschaffen; ja in einem gewissen Sinn von englischer Güte. Die Gründe, um an Australien zu glauben, sind meist ebenso sentimental, wie die allersentimentalsten Gründe, um an den Himmel zu glauben. Neu-Süd-Wales wird ganz wörtlich als das Land angesehen, wo die Bösen Frieden halten und die Müden Ruhe finden; das heißt, ein Paradies für ehrlosgewordene Onkels und müdegeborene Neffen. Britisch Columbia ist im strengsten Sinne des Wortes ein Märchenland; es ist eine Welt, in der ein zauberhaftes und zufälliges Glück die Letztgeborenen erwarten soll. Dieser merkwürdige Optimismus über die Grenzen der Erde ist eine englische Schwäche. Um aber zu zeigen, daß er nicht Kälte oder Härte ist, genügt es wohl zu sagen, daß niemand ihn mehr teilte als jener gigantische Sentimentalist – der große Charles Dickens. Der Schluß des »David Copperfield« ist nicht nur unwahrscheinlich, weil er ein optimistischer Schluß ist, sondern weil er ein imperialistischer ist. Die sittsame britische Glückseligkeit, die für David Copperfield und Agnes geplant ist, würde durch die hoffnungslose Tragik der Emily oder durch die noch hoffnungslosere Komik des Micawber getrübt werden. Deshalb werden beide, Emily und Micawber, eingeschifft nach einer unbekannten Kolonie, wo die großen Veränderungen über sie kommen, ohne daß hierfür ein Grund ersichtlich wäre, es sei denn ein klimatischer. Die tragische Frau wird zufrieden und der komische Mann zahlungsfähig, einzig und allein infolge einer Seereise und des ersten Anblickes eines Kängurus.

Alles, was ich daher gegen den Imperialismus im oberflächlich-politischen Sinne einzuwenden habe, ist, daß er eine Beruhigungs-Illusion sei. Daß ein Kaiserreich, dem das Herz fehlt, auf seine Extremitäten besonders stolz sein wollte, ist für mich keine erhabenere Tatsache, als daß ein alter Geck, der den Verstand verloren hat, noch auf seine Beine stolz sein wollte. Er tröstet die Leute über die unleugbare Häßlichkeit und Kraftlosigkeit Englands mit Legenden von blühender Jugend und heroischer Kraft auf fernen Erdteilen und Inseln. Ein Mann kann mitten im Schmutz von »Seven Dials« (Armenviertel in London) sitzen und fühlen, daß das Leben in Busch und Feld unschuldig und göttlich sei. Ebenso könnte einer im Schmutz von »Seven Dials« sitzen und fühlen, daß das Leben in Brixton und Surbiton unschuldig und göttlich wäre. Brixton und Surbiton sind »neu«, sie sind »der Natur näher«, in dem Sinne, als sie die Natur Meile um Meile verschlungen haben. Den einzigen Einwand bilden die Tatsachen selbst. Die jungen Männer von Brixton sind keine jungen Riesen. Die jungen Liebhaber von Surbiton sind gewiß keine heidnischen Sänger, die mit der süßen Kraft des Frühlings singen. Auch die Leute in den Kolonien sind, wenn ihr ihnen begegnet, keine Riesen oder heidnischen Sänger. Zum größten Teil sind es »Cockeneys«, die der wirklichen Dinge letzten Klang verloren, als sie aus dem Bereich der Glockenschläge von »Bow-Bell« kamen. Herr Rudyard Kipling, ein Mann von wirklichem, wenn auch dekadentem Genie, warf noch einen theoretischen Glanz auf sie, der schon zu verblassen beginnt. Aber Herr Kipling ist, im eigentlichsten, ganz auffallenden Sinne, die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Denn er besitzt eine Einbildungskraft von orientalischer und grausamer Art; und er besitzt sie, nicht weil er in einem jungen Lande, sondern gerade weil er im ältesten Lande der Welt aufgewachsen ist. Er wurzelt in der Vergangenheit – in einer asiatischen Vergangenheit. Er hätte vielleicht niemals »Kabul River« schreiben können, wenn er in Melbourne geboren worden wäre.

Ich sage daher frei und offen (damit kein Schimmer von Ausflucht übrig bleibt), daß mir der Imperialismus mit seinen gewöhnlichen patriotischen Forderungen schwach und gefährlich zugleich erscheint. Es ist der Versuch eines europäischen Landes, ein Schatten-Europa zu grün den, das es beherrschen kann; an Stelle des wirklichen Europas, das es nur teilen kann. Es ist der Wunsch, mit »Geringeren« zusammen zu leben. Der Gedanke, das römische Kaiserreich wieder herzustellen, selbst und für sich allein, war ein Traum, der alle christlichen Nationen verfolgt hat, jedesmal in anderer Gestalt und in beinahe jeder Gestalt als eine Falle. Die Spanier sind ein einheitliches und konservatives Volk; und deshalb verkörperten sie diesen Versuch des Kaiserreiches in langen und lässigen Dynastien. Die Franzosen sind ein gewalttätiges Volk, und deshalb haben sie zweimal dieses Kaiserreich durch Waffengewalt erobert. Die Engländer sind vor allem ein poetisches und optimistisches Volk; und deshalb ist ihr Kaiserreich etwas Unbekanntes und doch Seelenverwandtes, etwas Fernes und doch Teueres. Aber dieser Traum, in den entferntesten Gegenden Macht zu besitzen, ist, obwohl eine eingeborene Schwäche, doch eine Schwäche; weit mehr als das Gold Spaniens Schwäche oder der Ruhm Napoleons Schwäche gewesen sind. Wenn wir jemals mit unseren wirklichen Brüdern oder Rivalen in Kollision kämen, ließen wir wohl all diese Phantasien außer acht. Wir würden es uns ebensowenig träumen lassen, australische Truppen deutschen entgegen-, wie tasmanische Skulpturen französischen gegenüberzustellen. Dies habe ich nun er klärt, damit mich niemand beschuldigen kann, meine unpopuläre Stellungnahme verhehlt zu haben, derzufolge ich an den Imperialismus im gebräuchlichen Sinne nicht glaube. Ich glaube nicht nur, daß er ein vorübergehendes Unrecht gegen andere Völker ist, sondern daß er eine immerwährende Schwäche ist, eine beständige Wunde meines eigenen Volkes. Aber es ist auch wahr, daß ich bei diesem Imperialismus, der eine angenehme Täuschung ist, verweilt habe, zum Teile, um zu zeigen, wie verschieden er ist von dem tieferen, ernsteren und doch überzeugenderen Dinge, das ich, diesem Kapitel zuliebe, Imperialismus nennen mußte. Um nun dies Übel, diesen ganz unenglischen Imperialismus, zu er gründen, müssen wir zurückgreifen und mit einer allgemeineren Diskussion über die ersten Notwendigkeiten des menschlichen Verkehrs neu beginnen.

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