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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das elfte Kapitel
Die Heimlosigkeit des Jones

So war die »Zukunft«, von der wir anfangs gesprochen haben, (wenigstens in England) stets die Verbündete der Tyrannei. Der einfache Engländer wurde um die alten Rechte, die er besaß, gefoppt, und immer unter dem Vorwande des Fortschrittes. Die Zerstörer der Klöster nahmen ihm sein Brot und gaben ihm einen Stein, mit der Versicherung, es wäre ein kostbarer Stein: der weiße Kiesel der Auserwählten des Herrn. Sie nahmen ihm seinen Maibaum und sein ursprüngliches Bauernleben und versprachen ihm an Stelle dessen das goldene Zeitalter von Frieden und Handel: eröffnet im Kristall-Palast. Und jetzt nehmen sie noch das bißchen, das von seiner Würde als Hausvater und Familienoberhaupt übriggeblieben ist, und versprechen ihm statt dessen Utopien, die ziemlich richtig »Anticipandos« oder »Neuigkeiten von nirgendwoher« genannt werden. Wir kommen tatsächlich auf den Hauptpunkt zurück, der schon erwähnt wurde. Die Vergangenheit ist allgemein, die Zukunft muß individualistisch sein. In der Vergangenheit sind alle Übel der Demokratie, Vielfältigkeit und Gewalt und Zweifel; aber die Zukunft ist reiner Despotismus, denn die Zukunft ist eine reine Laune. Gestern, weiß ich, war ich ein Menschennarr, aber morgen kann ich leicht der Übermensch sein.

Der moderne Engländer jedoch gleicht einem Manne, der immer wieder aus einem anderen Grund von dem Hause ferngehalten wird, in dem er sein eheliches Leben zu beginnen hoffte. Dieser Mann (wir wollen ihn Jones nennen) wünschte sich immer nur göttlich-gewöhnliche Dinge; er hat aus Liebe geheiratet, er hat sich ein kleines Haus gewählt oder gebaut, das ihm so recht gefallen hatte; er ist bereit, ein Urgroßvater und ein Lokalgott zu werden. Und gerade als er einziehen will, geht etwas schief. Irgendeine Tyrannei, persönlicher oder politischer Art, schließt ihn plötzlich aus seinem Hause aus und er muß seine Mahlzeiten im Vorgarten einnehmen. Ein vorübergehender Philosoph (der durch reinen Zufall gerade der Mann ist, der ihn herausgejagt hatte) bleibt stehen und erklärt ihm, elegant ans Gitter gelehnt, daß er jetzt ein kühnes Leben führe, von der Freigebigkeit der Natur lebe: das Leben der erhabenen Zukunft. Jones findet das Leben im Vorgarten jedoch nur kühn, nicht schön und muß in ein häßliches Mietshaus in der Nebenstraße ziehen. Der Philosoph (der ihn fortgetrieben hatte) kommt zufällig in dieses Haus, wahrscheinlich mit der Absicht, den Mietzins zu erhöhen, und erklärt ihm, im Vorbeigehen, daß er jetzt mitten im wahren Leben merkantiler Bestrebungen stehe: der ökonomische Kampf zwischen ihm und der Hausfrau sei das einzige, woraus in der erhabenen Zukunft der Reichtum der Nationen entspringen kann. Jones unterliegt im ökonomischen Kampf und geht in eine Fabrik. Der Philosoph, der ihn hinausgetrieben hatte (und zufällig gerade in diesem Augenblick die Fabrik inspiziert), versichert ihm, daß er jetzt endlich in dieser goldenen Republik angelangt sei, die das Endziel der Menschheit ist; er sei in einem gerechten, wissenschaftlichen, sozialistischen Gemeinwesen, das dem Staate gehöre und von öffentlichen Beamten geleitet werde: in der Tat, das Gemeinwesen der erhabenen Zukunft!

Nichtsdestoweniger sprechen gewisse Anzeichen dafür, daß der unvernünftige Jones noch immer des Nachts von seinem alten Wunsche träumt, ein einfaches Heim zu besitzen. Er hatte so wenig verlangt und ihm wurde so viel geboten. Man hat ihm Welten und Systeme zur Bestechung geboten; den Garten Eden und das Land Utopia und das neue Jerusalem, und er wollte nur ein Haus; und das hat man ihm verweigert.

Solch ein Gleichnis ist buchstäblich keine Übertreibung der Tatsachen englischer Geschichte. Der Reiche hat den Armen buchstäblich hinausgejagt aus dem alten gastlichen Hause auf die Straße, mit der kurzen Erklärung, es sei die Straße des Fortschrittes. Sie zwangen sie buchstäblich in den Fabrikbetrieb und in die moderne Lohnsklaverei, unter fortwährender Versicherung, daß dies der einzige Weg zu Reichtum und Zivilisation sei. Genau so, wie sie den Bauern von Speise und Trank der Klöster gezerrt hatten und ihm sagten, daß die Straßen des Himmels mit Gold gepflastert wären, so zerrten sie ihn jetzt von Speise und Trank des Dorfes und sagten ihm, daß die Straßen von London mit Gold gepflastert wären. So wie er die düsteren Pforten des Puritanismus durchschritten hatte, so durchschritt er die düsteren Pforten des Industrialismus, und immer wurde ihm gesagt, es seien die Tore der Zukunft. Bis jetzt ist er nur von Gefängnis zu Gefängnis gewandert – nein, in immer dunklere Gefängnisse; denn der Calvinismus hatte wenigstens eine kleine Öffnung gen Himmel. Jetzt verlangt man von ihm, in dem gleichen überlegenen und autoritativen Tone, durch eine andere dunkle Pforte zu gehen, wo er seine Kinder, seinen kleinen Besitz und alle Überlieferungen der Väter unbekannten Händen zu übergeben hat.

Ob diese letzte Aussicht wirklich irgendwie einladender sein mag als die alten Aussichten des Puritanismus und Industrialismus, mag später erörtert werden. Aber es kann, glaube ich, nur geringer Zweifel darüber herrschen, daß, wenn irgendeine Form des Kollektivismus in England vorgeschrieben werden sollte, sie sicherlich von einer politisch gebildeten Klasse vorgeschrieben werden wird, und zwar Leuten, die teils apathisch und teils hypnotisiert sind. Die Aristokratie wird heute ebenso bereit sein, den »Kollektivismus« zu verwalten, wie sie es gestern war, Puritanismus oder Manchestertum zu verwalten; irgendwie ist solch eine zentralisierte politische Macht unbedingt anziehend für sie. Ehren-Schafskopf wird nicht so schwer (wie mancher naive Sozialist glauben mag) dazu zu bewegen sein, statt eines Münzamtes ein Milchamt zu übernehmen – bei entsprechend erhöhten Gebühren. Herr Bernard Shaw bemerkte einmal, daß reiche Leute besser in den Gemeinderat taugten als arme, weil sie frei wären von »finanzieller Schüchternheit«. Nun, die englische Regierungsklasse ist ganz frei von jeder finanziellen Schüchternheit. Der Herzog von Sussex wird sofort bereit sein, Administrator von Sussex zu werden – bei gleichem Einkommen. Sir William Harcourt, dieser typische Aristokrat, hat es ganz treffend ausgedrückt:

»Wir (das ist die Aristokratie) sind heute alle Sozialisten«.

Aber das ist nicht der Grundton, mit dem ich schließen möchte. Mein hauptsächlichster Streitsatz ist: ob nun notwendig oder nicht, jedenfalls wurden sowohl Industrialismus wie Kollektivismus als Notwendigkeit angenommen – nicht als nackte Ideale oder Wünsche. Niemand liebte die Manchester-Schule; sie wurde ertragen, als einziger Weg, Reichtum zu schaffen. Niemand liebt die Marxistische Schule; sie wird ertragen als der einzige Weg, Armut zu verhindern. Niemand hängt mit ganzem Herzen an der Idee, einen freien Mann am Besitz seines eigenen Hofes zu hindern, oder eine alte Frau am Bebauen ihres eigenen Gartens, ebenso wie niemand mit ganzem Herzen dabei war, den herzlosen Kampf der Maschinen zu führen. Der Zweck dieses Kapitels ist mit der Klarstellung hinlänglich erfüllt, daß dieser Vorschlag ebenfalls ein »pis-aller«, ein verzweifeltes Zweitbestes ist – wie Abstinenzlertum. Ich will hier nicht beweisen, daß Sozialismus ein Gift sei; es genügt mir, festzustellen, daß er eine Medizin ist und kein Wein.

Die Idee des Privatbesitzes, eines allgemeinen, aber doch privaten; die Idee der Familie, einer freien, aber doch einer Familie; der Häuslichkeit, einer demokratischen, aber doch häuslichen; kurz, ein Mann ein Haus, – das bleibt das wahre Traumbild und der Magnet der Menschheit. Die Welt mag vielleicht etwas annehmen, das mehr öffentlich und allgemein und weniger menschlich und herzlich ist. Aber dann wird die Welt sein, wie eine Frau mit gebrochenem Herzen, die eine Konvenienzehe eingeht, weil sie eine Liebesehe nicht schließen darf; Sozialismus mag Befreiung der Welt sein, aber sicherlich ist er nicht der Traum der Welt.

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