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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das zehnte Kapitel
Unterdrückung durch Optimismus

Aber wir beschäftigen uns hier nicht mit dem Wesen und Dasein der Aristokratie, sondern mit der Entstehung der ihr eigenen Macht; warum ist sie die letzte der wahren Oligarchien Europas; und warum scheint keine sehr unmittelbare Aussicht zu bestehen, ihr Ende zu erleben? Die Erklärung ist einfach, obwohl sie seltsam unbeachtet bleibt. Die Freunde der Aristokratie loben diese oft, weil sie alte und gütige Traditionen bewahre. Ihre Feinde tadeln sie oft, weil sie an grausamen und veralteten Gebräuchen festhalte. Beide, ihre Feinde und ihre Freunde, haben Unrecht. Allgemein gesprochen, bewahrt die Aristokratie weder gute noch schlechte Traditionen; sie bewahrt nichts als Spielerei. Wer würde sich's einfallen lassen, irgendwo unter Aristokraten altes Denken und Trachten zu suchen? Man könnte ebensogut alte Gewänder und Trachten an ihnen suchen! Die Göttin der Aristokraten ist nicht Tradition, sondern Mode – der Gegensatz von Tradition. Wenn ihr einen altertümlichen norwegischen Kopfputz finden wolltet, würdet ihr ihn in skandinavischer »fashionabler Gesellschaft« suchen? Nein, Aristokraten haben niemals Gebräuche; bestenfalls haben sie Gewohnheiten, wie die Tiere, Gebräuche hat nur der Pöbel.

Die wirkliche Macht der englischen Aristokraten lag gerade im Gegensatz von Tradition. Der einfache Schlüssel zur Macht unserer oberen Klassen ist: daß sie immer sorglich mit dem »Fortschritt« gegangen sind. Sie hielten es immer mit der allerletzten Mode und das fällt einer Aristokratie sehr leicht. Denn die Aristokratie ist die oberste Instanz dieser Geistesverfassung, von der wir eben sprachen. Neuheit ist für sie ein Luxus, der an Notwendigkeit grenzt. Sie vor allen sind so sehr von der Vergangenheit und der Gegenwart angeödet, daß sie mit erschreckender Gier nach der Zukunft lechzen.

Aber was immer auch die großen Lords vergessen mochten, eines vergaßen sie nie: daß es ihre Sache sei, für das Neue einzutreten, für das, worüber am meisten geredet wird, unter Universitäts-Bonzen oder geschäftigen Finanziers. So standen sie auf der Seite der Reformation gegen die Kirche, der Whigs gegen die Stuarts, der Philosophie Bacons' gegen die alte Philosophie, des Fabriksystems gegen die Handwerker und so stehen sie heute auf der Seite der zunehmenden Staatsgewalt gegen die altmodischen Individualisten. Kurz, die Reichen sind immer modern; das ist ihr Geschäft. Aber die unmittelbare Wirkung dieser Tatsache auf das Problem, das wir hier untersuchen, ist doch einigermaßen sonderbar.

So oft man den »gewöhnlichen Mann« in eine der vielen Fallen gelockt oder in eine verdrießliche Lage gebracht hatte, sagte man ihm, daß seine augenblickliche Situation aus irgendeinem besonderen Grunde nur zu seinem Besten führe. Er erwachte eines schönen Morgens und entdeckte, daß die öffentlichen Lokale, die er seit achthundert Jahren als Wirtshäuser und Zufluchtsstätten aufgesucht hatte, plötzlich alle in roher Hast ab geschafft worden waren, um den Privatreichtum von ungefähr sechs oder sieben Männern zu vermehren. Man sollte meinen, daß ihn dies verdroß; an manchen Orten geschah es auch, und da wurden die Unruhen von Soldaten niedergeworfen. Aber es war nicht nur das Militär, das ihn zur Ruhe brachte. Die Weisen, so gut wie die Soldaten waren es, die ihn beruhigten; die sechs oder sieben Männer, die dem Armen die Wirtshäuser weggenommen hatten, sagten ihm, daß sie es nicht für sich getan hätten, sondern für die Religion der Zukunft der großen Morgendämmerung des Puritanismus und der Wahrheit. So auch, wann immer ein Edelmann des siebzehnten Jahrhunderts erwischt wurde, der eines Bauern Zaun niederriß und sein Feld stahl, wies der Edelmann erregt auf das Antlitz Karls I. oder Johannes II. (der in diesem Augenblick vielleicht ein böses Gesicht machte) und lenkte so die Aufmerksamkeit des einfachen Bauern ab. Die großen puritanischen Lords schufen den Frei-Staat und zerstörten das freie Land. Sie ersparten ihren ärmeren Mitbürgern die Schande, »Kriegsschiffsteuer« zu zahlen, indem sie ihnen ihr Geld, das zu hüten sie zweifellos zu schwach waren, in Form von Pflug- und Spatensteuern abnahmen. Ein guter, alter englischer Vers hat diese bequeme aristokratische Gewohnheit verewigt:

Ihr rächt die Schuld des armen Manns,
Der von der Weide stiehlt die Gans,
Und tut dem Lumpen nichts zu leide,
der euren Gänsen stiehlt die Weide.

Aber hier, wie im Falle der Klöster, stehen wir vor dem seltsamen Problem der Unterwerfung. Wenn sie »der Gans die Weide« gestohlen haben, kann man nur sagen, daß es eine große Gans gewesen sein muß, die sich das gefallen ließ. Die Wahrheit ist, daß sie mit der Gans verhandelten; sie erklärten ihr, daß all das notwendig wäre, um den Stuart-Fuchs über das Meer zu bringen. So versicherten im neunzehnten Jahrhundert die großen Edelleute (die Grubenbesitzer und Eisenbahndirektoren wurden) jedermann ernstlich, daß sie dies nicht aus Eigenliebe täten, sondern um eines neuentdeckten ökonomischen Gesetzes willen. So bringen erfolgreiche Politiker unserer Zeit Gesetze durch, um arme Mütter zu verhindern, ihre Säuglinge zu pflegen und herumzutragen; oder sie verbieten ihren Pächtern ruhig, in öffentlichen Wirtshäusern Bier zu trinken. Aber diese Unverschämtheit wird nicht (wie ihr vielleicht glauben werdet) von jedermann als schmähliche Feudalherrschaft verschrien. Sie wird sanft zurückgewiesen als Sozialismus. Denn eine Aristokratie ist immer fortschrittlich; es ist eine Art zu galoppieren. Ihre Gelage reichen immer tiefer und tiefer in die Nacht hinein; denn sie versuchen im »morgen zu leben.

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