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Was unrecht ist an der Welt

Gilbert Keith Chesterton: Was unrecht ist an der Welt - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorGilbert Keith Chesterton
titleWas unrecht ist an der Welt
publisherMusarion Verlag
year1924
translatorClarisse Meitner
correctorreuters@abc.de
senderoldtommy@gmx.at
created20150410
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Das achte Kapitel
Freiheit und Häuslichkeit

Im Laufe dieser flüchtigen Untersuchung werden wir uns mit dem sogenannten Problem der Armut beschäftigen müssen, insbesondere der menschenunwürdigen Armut des modernen Industrialismus. Aber die Schwierigkeit dieser wichtigsten Aufgabe des Idealismus ist nicht das Problem der Armut, sondern das des Reichtums. Es ist die Sinnesart von Müßiggang und Luxus, die unsere Lebensbegriffe verfälscht. Erfahrungen auf dem Gebiete sogenannter »fortschrittlicher« Bewegungen brachten mich zur Überzeugung, daß sie meistens auf Erkenntnissen beruhen, die nur den Reichen eigen sind. So ist es auch mit diesem Schwindel der »freien Liebe«, von dem ich schon gesprochen habe: die Idee der Sexualität als einer Reihe von Episoden. Dazu braucht man viel freie Zeit (um einer Frau überdrüssig werden zu können) und ein Automobil (um auf die Suche nach einer anderen fahren zu können); man braucht auch viel Geld dazu, um beide erhalten zu können. Ein Omnibus-Kondukteur hat kaum Zeit, seine eigene Frau zu lieben, geschweige denn anderer Leute Frauen. Und der Erfolg, mit dem eheliche Konflikte in modernen Tendenzstücken dargestellt werden, ist der Tatsache zu verdanken, daß es nur ein Ding gibt, das auf der Bühne nicht dargestellt werden kann: ein langer, schwerer Arbeitstag. Ich könnte noch viele andere Beispiele geben für solche plutokratische Voraussetzungen, die hinter fortschrittlichem Getue stecken. Zum Beispiel steckt eine plutokratische Voraussetzung hinter der Phrase: »Warum soll die Frau vom Manne materiell abhängig sein?« Die Antwort hierauf ist einfach, daß sie es bei armen, arbeitenden Leuten gar nicht ist; außer in dem Sinne, in welchem auch er von ihr abhängig ist. Ein Jäger zerreißt natürlich Kleider, und jemand muß sie ihm flicken; ein Fischer fängt Fische, und jemand muß sie ihm kochen. Es ist sicherlich ganz klar, daß die moderne Ansicht, eine Frau sei bloß ein »hübscher Schmarotzer«, ein »Spielzeug« etc., den verworrenen Anschauungen irgendeiner reichen Bankiersfamilie entsprungen ist, in welcher der Bankier zumindest ins Bureau ging und vorgab, etwas zu tun, während seine Frau auf den Korso ging und niemals vorgab, irgend etwas zu tun. Ein armer Mann und seine Frau sind Geschäftskompagnons. Wenn der eine Partner in einem Verlegergeschäft zum Beispiele mit den Autoren verhandelt, während der andere die Angestellten überwacht, ist deshalb der eine vom anderen materiell abhängig? War Hodder ein hübscher Schmarotzer, der an Stoughton hing? War Marshall ein bloßes Spielzeug für Snelgrove?

Aber die schlimmste aller modernen Anschauungen, die nur auf dem Boden des Reichtums wachsen konnte, ist die Ansicht, daß Häuslichkeit etwas Dumpfes, Eintöniges sei. Im Hause, heißt es, ist blutlose Anständigkeit und Gewohnheit; draußen ist das Abenteuer, die Abwechslung. Das ist wahrlich die Ansicht eines reichen Mannes! Der reiche Mann weiß, daß sein Haushalt auf mächtigen lautlosen Rädern des Reichtums dahinrollt; angetrieben von einem Heer schweigender Diener, nach einem raschen, ruhigen Rituale. Während draußen auf der Straße Tollheit und Romantik aller Art seiner harren. Er hat ja genug Geld und kann es sich leisten, ein Landstreicher zu sein. Seine wildesten Abenteuer werden in einem Restaurant enden, während die zahmsten Abenteuer eines Taglöhners auf der Polizei enden dürften. Wenn der Reiche eine Fensterscheibe einschlägt, kann er sie bezahlen, wenn er einen Mann niederschlägt, kann er ihn versorgen. Er kann (wie der Millionär im Märchen) ein Hotel kaufen, um ein Glas Schnaps zu bekommen. Und weil eben dieser Luxus-Mensch tonangebend für die meisten »fortschrittlichen« Gedanken ist, haben wir beinahe vergessen, was ein Heim den überwältigenden Millionen der Menschheit eigentlich bedeutet.

Die Wahrheit ist natürlich, daß das Heim für die mittelmäßig Armen der einzige Platz der Freiheit ist. Mehr sogar! Es ist der einzige Platz für Anarchie. Es ist der einzige Ort auf Erden, wo ein Mann die Ordnung plötzlich umstoßen, ein Experiment machen oder einer Laune frönen kann. Wo immer sonst er hingeht, muß er genau die Regeln des Ladens, des Gasthauses, des Vereins oder des Museums, welches er gerade betritt, befolgen. Im eigenen Hause dagegen kann er, wenn er will, die Mahlzeiten auf dem Boden einnehmen. Das tu ich übrigens oft selbst; man hat dabei ein merkwürdiges, kindisches, poetisches Picknick-Gefühl. Es gäbe wohl ein mächtiges Aufsehen, wenn ich das in einem Kaffeehaus versuchen wollte. Im eigenen Hause kann man Pantoffeln zum Frack tragen, und ich bin sicher, daß dies im Savoy Hotel nicht erlaubt ist, obwohl ich es niemals selbst versucht habe. Wenn man in ein Restaurant geht, muß man irgendeinen Wein, der auf der Karte steht, trinken: wenn man will, alle, doch sicherlich einen von diesen. Aber, wer Haus und Garten hat, kann versuchen, Disteltee oder Heckenrosenwein zu machen, wenn er gerade Lust hat. Für den einfachen, schwer arbeitenden Mann ist das Heim nicht der einzige gesittete Ort in einer Welt voll Abenteuer. Es ist der einzige tolle Ort in einer Welt voll Zwang und Regeln. Das eigene Haus ist der einzige Ort, wo er den Teppich an den Plafond hängen oder die Leintücher auf den Boden legen kann, wenn er will. Wenn ein Mensch jede Nacht von einer Bar in die andere, von einem Varieté ins andere bummelt, sagen wir, er führt ein unregelmäßiges Leben. Aber das ist nicht wahr; er führt ein höchst regelmäßiges Leben unter den dummen, oft bedrückenden Gesetzen dieser Orte. Manchmal kann er sich in der Bar nicht einmal niedersetzen und gewöhnlich darf er im Varieté nicht singen. Man kann auch sagen, das Hotel sei ein Haus, darin man gezwungen wird, Toilette zu machen, und das Theater ein Haus, darin das Rauchen verboten ist. Ein Picknick kann man eben nur zu Hause haben.

Ich nehme nun diese kleine Menschen-Allmacht, diesen Besitz einer eng begrenzten Freistätte, als Grundlage für meine Untersuchung. Ob wir jedem Engländer ein freies, eigenes Heim geben können oder nicht – jedenfalls sollten wir es wünschen; und vor allem wünscht er es sich. Wir sprechen augenblicklich davon, was er wünscht, nicht da von, was er zu erlangen hofft. Er wünscht sich zum Beispiel ein eigenes freistehendes Haus. Er will kein angebautes Haus haben. Er kann in unserem kommerziellen Wettlauf gezwungen werden, eine Wand mit einem anderen zu teilen. Ebenso könnte er in einem »Dreibeine-Wettlauf« gezwungen werden, ein Bein mit einem anderen zu teilen; aber nicht so sieht er sich in seine Träumen von Freiheit und Schönheit! Oder: er wünscht sich zum Beispiel keine Etagenwohnung. Er könnte essen, schlafen und Gott loben in einer Etagenwohnung; er kann auch essen, schlafen und Gott loben in einem Eisenbahnzug. Aber ein Eisenbahnzug ist kein Haus, weil es ein Haus auf Rädern ist; und eine Etagenwohnung ist kein Haus, weil es ein Haus auf Stelzen ist. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit Grund und Boden, sowie ein Gefühl des Alleinseinwollens und der Unabhängigkeit bilden einen Teil dieses einen, bezeichnenden Bildes der Menschheit.

Ich nehme daher diese eine Institution zum Beispiel. So wie jeder normale Mensch sich eine Frau wünscht und Kinder von einer Frau geboren, so wünscht sich jeder normale Mensch ein Haus, um sie hineinzubringen. Er wünscht sich nicht nur ein Dach über sich und einen Sessel unter sich; er will ein greifbares, sichtbares Königreich; einen Herd, auf dem er kochen kann, was immer er will; eine Türe, die er öffnen kann, wem immer er will. Das ist der normale Geschmack der Menschen; ich sage nicht, daß es keine Ausnahmen gibt. Es mögen Heilige über diesen Wünschen stehen und Menschenfreunde darunter. Opalstein mag jetzt, da er ein Herzog ist, sich an mehr gewöhnt haben, und mag, als er noch ein Mönch war, weniger gewohnt gewesen sein. Aber die Allgemeinheit ist überwältigend an Zahl. Beinahe jedermann gewöhnliche Häuser zu geben, würde beinahe jedermann gefallen; das behaupte ich ohne weitere Verteidigung. Nun ist es im heutigen England (jeder kann das leicht selbst herausfinden) sehr schwer, beinahe allen Leuten Häuser zu geben. Ganz richtig! Ich habe bloß das »desideratum« aufgestellt und bitte nun den Leser, es einstweilen hier stehen zu lassen, während er mit mir zur Betrachtung der Dinge übergeht, die sich im sozialen Krieg unserer Zeit tatsächlich ereignen.

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