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Was soll denn aus ihr werden?

Johanna Spyri: Was soll denn aus ihr werden? - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJohanna Spyri
titleWas soll denn aus ihr werden?
publisherFriedrich Andreas Perthes
addressStuttgart-Gotha
printrunDreizehnte Auflage (61.-64. Tausend)
illustratorM. Krombach
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectiddab6eac4
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Erstes Kapitel

Die Kastanienbäume am Monte rosso, dessen bewaldete Höhe weithin auf die blauen Fluten des Lago Maggiore niederschaut, waren neu belaubt und geheimnisvoll flüsterten alle die Blätter oben in den Wipfeln, die der leichte Morgenwind durchzog. Am Höhenzug drüben über dem Flusse, wo hoch oben die weißen Dörfchen leuchten, jedes von seiner weit ausschauenden Kirche überragt, fingen die Glocken, eine nach der anderen, in melodischer Weise zu läuten an. An die graue Steinmauer gelehnt, aus dessen Ritzen überall rote, blaue, und golden leuchtende Blümchen herausquollen, stand ein kleines Mädchen und lauschte dem lieblichen Glockenspiele, das bald lauter, bald leiser vom Winde herübergetragen wurde. Ein Körbchen voll der schönsten Rosen stand auf der Mauer neben dem Kinde. Lichthell und wieder dunkel glühend schauten die Blumen aus den grünen Blättern heraus und süßer Duft entströmte den vollen Kelchen und erfüllte die Luft. Eine gute Weile hatte das Kind regungslos dagestanden, den immer noch fortklingenden Melodien lauschend. Jetzt schrak es zusammen: Auf dem schmalen Fußpfad, der von Cavandone heraufsteigt, war mit leisem Schritt eine Frauengestalt herangekommen und stand nun plötzlich vor dem überraschten Kinde. Die hochgewachsene junge Dame legte ihre Hand auf des Kindes Schulter und sagte in freundlichster Weise: »Erschrick nicht vor mir, liebes Kind, ich will mich ein wenig hier zu dir setzen. Sind die schönen Rosen aus deinem Garten?«

Sie hatte italienisch gesprochen, in der Sprache des Landes, doch mußte ihr diese nicht sehr geläufig sein. Das Kind hatte augenblicklich die fremdartige Betonung erkannt. Unverzüglich kam die Antwort: »Ja, sie sind aus dem Garten und es sind noch viele Rosen da. Aber ich kann auch ganz gut deutsch reden, wenn Sie wollen.«

»Wirklich?« gab die junge Dame lächelnd zurück, »dann wollen wir deutsch reden. Bist du denn keine Italienerin?«

»Nein, ich gehöre dem deutschen Maler und daheim sprechen wir immer deutsch«, berichtete das Kind.

»So ist deine Mutter auch eine Deutsche? Ein ganzes deutsches Haus mitten im italienischen Land?« meinte verwundert das Fräulein.

»Meine Mutter spricht auch deutsch, aber sie ist aus der Schweiz, das ist viel näher als das Land, wo der Vater her ist«, war die eingehende Antwort.

Die Art des Kindes mußte der jungen Dame wohlgefallen. Sie blickte liebevoll in die lichtbraunen Augen, die zu ihr aufschauten, und streichelte das krause, dunkle Haar, das um des Kindes Stirne spielte. »Komm, setz dich hier neben mich auf die Mauer«, sagte sie, »dann wollen wir noch ein wenig plaudern zusammen. Wohin willst du den Korb voll Rosen tragen? O, wie sie duften und leuchten, wenn der Sonnenstrahl darauf fällt!«

Das Kind nahm die zwei schönsten der Rosen und hielt sie dem Fräulein hin: »Wollen Sie die zwei nehmen?« sagte es zutraulich. »Aber der Korb ist nicht voll Rosen, die liegen nur oben auf und drunter kommt etwas zu essen, das muß ich der alten Maja bringen. Das ist unsere Nachbarin; aber jetzt ist sie dort oben bei ihrer Tochter; sehn Sie, dort weit oben in dem Häuschen unter den Bäumen? Sie ist krank und die alte Maja mußte hinauf, um sie zu pflegen. Nun muß ich der Kranken etwas von unserm Sonntagsessen bringen, und die Mutter sagt, der alten Maja tue es auch gut, etwas Kräftiges zu essen, wenn sie so schwere Pflege hat an der Kranken und noch an den kleinen Kindern. Und die Rosen sind für die Kranke auf das Bett zu legen, die Mutter sagt, Kranke sehen so gern frische Blumen.«

»O ja, das tun sie«, sagte das Fräulein, den Duft der Rosen tief einatmend, »und weil du noch viele von den Blumen hast und ich auch eine Kranke bin, so will ich diese zwei gerne nehmen; vielleicht kann ich dir auch einmal etwas schenken.«

Das Kind schaute voller Teilnahme zu der jungen Dame auf. Es konnte wohl sehen, wie blaß ihre Wangen und Lippen waren und so schmal und schneeweiß war die Hand, welche die Rosen festhielt, als wäre kein Tropfen Blut darin. Auch hatte das Fräulein beim Herankommen so schwer geatmet; erst jetzt fiel es dem Kinde wieder ein, wie es darüber erschrocken war.

»O, das ist so traurig«, sagte es seufzend und mit so herzlicher Teilnahme zu der jungen Dame aufschauend, daß diese des Kindes Hand erfaßte und sie zärtlich festhielt. »Du liebes Kind«, sagte sie, nachdem sie es eine Weile liebevoll betrachtet hatte, »ich möchte so gern dich wiedersehen. Wo wohnst du denn? Sieh, ich bin unten in Pallanza mit meinem Vater, da bleibe ich wohl noch, bis es zu heiß wird. Kommst du nie dort hinunter?«

»O nein, so weit weg habe ich nichts zu tun«, entgegnete das Kind, »und ich bin den ganzen Tag mit dem Vater. Alle Morgen gehe ich mit ihm zur Kapelle hinunter, oder bis zum alten Turm, oder hier herauf unter die Kastanienbäume und noch höher, wo man auf den See und an die Berge hinübersieht. Wo es dann dem Vater am besten gefällt, da sitzen wir nieder und er fängt an zu malen, denn ich habe ihm alles, was er braucht, im großen Sack nachzutragen und er trägt den Schirm und den großen Stock, den man dann in die Erde steckt, damit der Schirm darauf festhält. Nur am Sonntag sitzt der Vater draußen auf der Terrasse, wo die Blätter so schön im Sonnenschein auf dem Boden hin- und herwehen. Dann liest der Vater vor und die Mutter und ich hören zu.«

»Erzähl mir noch ein wenig weiter«, sagte die junge Dame, die mit Wohlgefallen den Worten des Kindes gefolgt war. »Wenn nun der Vater draußen unter seinem Schirm sitzt, siehst du dann zu, wie er malt, oder malst du auch?«

»O nein, das kann ich gar nicht«, wehrte das Kind. »Dann muß ich ihm vorlesen, und dann sing ich ihm auch wieder und manchmal singt er mit; er hat mich viele Lieder gelehrt.«

»Was kannst du denn für Lieder?« wollte das Fräulein wissen. »Willst du mir eines singen?«

Bereitwillig stimmte das Kind sogleich an:

»Rote Wolken am Himmel,
In den Tannen der Föhn,
Und ich freu' mich, ja ich freu' mich.
Ist der Morgen so schön.

Rote Beeren am Hügel,
Wilde Rosen im Hag,
Und ich freu'mich, ja ich freu' mich
Am sonnigen Tag.

Sie sagen, der Herbst kommt –«

»Nein, das sing ich nicht gern, ich will den letzten Vers singen«, unterbrach sich das Kind.

»Sing doch den auch, mir zuliebe, daß ich das ganze Lied kenne«, bat das Fräulein.

Das Kind sang weiter:

»Sie sagen, der Herbst kommt
Und das Blatt fällt vom Baum,
Und die Freude, ja die Freude
Verweht wie ein Traum.

Kommt der Herbst und kommt der Winter,
Weiß ich doch noch ein Glück,
Ein jeder neue Frühling
Bringt die Rosen zurück.«

»Ich höre dich gerne singen, dein Vater hat dir gewiß gut vorgesungen«, sagte das Fräulein. »Hat er dich dieses Lied gelehrt?«

»Nein, das hat mich die Mutter gelehrt, da wo sie daheim war, sind die vielen Tannen und die wilden Rosen. Aber jetzt hat sie es ziemlich lang nicht mehr mit mir singen wollen, weil der Vater nicht recht wohl ist. Aber sonst singt immer der Vater mit und sagt mir, wie ich alles singen muß«, setzte das Kind hinzu.

»Nun weiß ich, was ich dir schenken kann, weil du so gut singst«, sagte plötzlich erfreut das Fräulein und zog ein kleines Buch aus der Tasche. »Sag mir aber auch, wie du heißest, noch weiß ich deinen Namen gar nicht.«

»Ich heiße Dori Maurizius«, war die Antwort.

Die junge Dame hatte ihr Büchlein aufgeschlagen und hielt es Dori hin: »Komm, lies mir eines der Lieder vor, du kannst ja wohl deutsch lesen?«

»O,ja wohl«, bestätigte das Kind und las rasch ohne Aufenthalt:

»Nimm meine Hand!
Wird mich die deine leiten,
Geht's auch durch Nacht
Und tiefe Dunkelheiten,
An deiner Hand
Geht's in ein selig Land.«

»Du liest schnell«, sagte das Fräulein. »Du verstehst doch gut, was du liest? Du weißt gewiß auch, wem wir so gern die Hand geben möchten, daß er uns führe, weil er den besten Weg weiß?«

»Ja, meinem Vater«, entgegnete Dori unverzüglich.

Das Fräulein lächelte. »Wie denkst du denn, daß du nachher in ein seliges Land kommst? Lies noch einmal, du mußt nicht nur an die ersten Worte denken, auch an die andern, die folgen«, und sie wies mit dem Finger auf die Schlußworte.

»Was ist selig?« fragte Dori dagegen.

»Selig ist so vollkommen glücklich sein, daß uns nichts mehr mangelt und nichts mehr weh tut, nie mehr in alle Ewigkeit.«

»Ja, das will mein Vater mit mir, er will mich schon so führen«, versicherte das Kind.

»Das glaube ich dir wohl, daß er so tun wollte«, stimmte das Fräulein bei. »Sieh, Dori, ich habe auch einen Vater, den ich so lieb habe, wie du den deinen, und der alles für mich tun wollte, daß ich wohl und glücklich sein könnte mit ihm. Aber nun bin ich krank, das tut meinem Vater so weh, daß ich es ihm nicht einmal so zeigen darf, wie ich es fühle. Mit aller Liebe, die er zu mir hat, und allem Verlangen, daß ich wieder gesund werde, kann er mich doch nicht gesund machen. Du kannst wohl denken, wie gern er das tun würde, wenn er könnte. Da ist es ein großer Trost für uns, daß wir wissen, wir haben noch einen Vater im Himmel, der uns gerade so lieb hat wie der auf Erden, und der alle Macht hat, uns so glücklich zu machen, wie unser lieber Vater auf Erden es gerne tun wollte.« »Dann macht er Sie schon gesund«, warf Dori schnell ein. »Ich glaube auch, er will das tun, aber vielleicht will er mich dazu in ein anderes Leben einführen. Weißt du, Dori, dieser Vater hat auch die Macht, uns in einem neuen Lande ein ganz neues Leben zu geben ohne alles Leiden, ein glückliches Leben, das nie endet, wo keiner mehr sterben muß. Das ist doch noch viel schöner als dieses Leben, wenn es schon hier auch schön ist bei einem so lieben Vater. Aber wenn ich gehen muß, so weiß mein Vater im Himmel schon, warum es der beste Weg für mich ist. Ich sage gern und so voll Vertrauen zu Ihm:

›Nimm meine Hand!
Wird mich die deine leiten,
Geht's in ein selig Land.‹

Eben jetzt kam ein alter Herr den Waldweg herauf gestiegen. Die dichten, weißen Haare umrahmten ein noch jugendlich frisches Gesicht, aus dem die freundlichen, blauen Augen so gewinnend umherschauten, daß Dori ihm augenblicklich entgegenlief, ihm die Hand bot und berichtete: »Dort auf der Mauer sitzt das Fräulein!«

Eine sprechende Ähnlichkeit in den beiden Gesichtern mochte dem Kinde gleich begreiflich gemacht haben, daß der Herannahende der gute Vater sein mußte, von dem das Fräulein eben gesprochen hatte. »Ich suche wirklich meine Tochter«, sagte der Herr, Doris Hand freundlich in der seinen haltend, »es ist recht lieb von dir, daß du mich gleich auf den rechten Weg führst. Wer bist denn du, mein liebes, deutsches Kind hier im italienischen Lande?«

»Das ist meine kleine neue Freundin, lieber Vater, um deretwillen ich ganz vergessen habe, daß ich bald zurückkehren wollte«, berichtete erklärend das Fräulein, das herzugetreten war, und mit Zärtlichkeit den Vater umfing. »Du hast dir doch keine Sorgen um mich gemacht, Väterchen?«

»Ein wenig doch«, meinte der Vater, die blassen Wangen der Tochter streichelnd, »nun ist's schon gut, daß ich dich wiedergefunden habe.«

Das Fräulein wandte sich noch einmal zu dem Kinde, ergriff seine Hand und fragte mit Herzlichkeit: »Nun müssen wir Abschied nehmen, aber sag mir auch noch, wo du wohnst. In deinem Büchlein steht auch mein Name, so weißt du, wie ich heiße und vergissest mich weniger.«

Dori wies mit dem Finger den Pfad hinunter: »Dort ist unser Haus, bei Cavandone geht man links gegen die Bäume hin, wo bie Weinreben so dicht hangen. Dort, wo der Felsenboden ist, aus dem die roten und weißen Blümchen hervorwachsen, dort ist unser Haus. Vom Felsen geht es nur einen Tritt hinunter und gleich in die Tür hinein. Und wenn man durchgeht, kommt man gleich auf der andern Seite auf die offene Terrasse heraus, wo die Weinranken ringsherum hängen, und dann sieht man hinunter auf den See und weit hin bis zu den Inseln.«

»Das ist ja schön, das müßten wir einmal sehen«, meinte der Herr; »aber jetzt wartet unsere Barke in Suna. Denn auf Wiedersehen, meine Kleine!«

Er hatte ganz väterlich Doris Hand in seinen beiden Händen fest gehalten, nun ließ er sie los. Rasch ergriff das Kind eine seiner Rosen im Körbchen und legte sie schweigend in die Hände des freundlichen Herrn; dann zog es fröhlich seines Weges.

»Danke! Danke!« rief ihm der Herr lachend nach, steckte seine Rose ins Knopfloch, und den Arm seines Töchterchens in den seinen legend, schlug er den Weg gegen Suna zurück ein.

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