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Was sich der Wald erzählt

Gustav Heinrich Gans zu Putlitz: Was sich der Wald erzählt - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
authorGustav zu Putlitz
titleWas sich der Wald erzählt
publisherPhilipp Reclam jun.
editorFritz Gundlach
year1922
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080617
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Der Stein

Lange aber blieb es nicht still, das war nur der erste Schreck. Wie wäre das auch möglich? Wo so viele zusammenstehen und so dicht nebeneinander leben, da gibt's immer etwas zu plaudern. Aber Blumen und Bäume hatten Geschmack gefunden an dem Erzählen und hätten gern noch mehr gehört.

»Wenn der Stein wirklich etwas zu erzählen weiß,« sagte ein hoch aufgeschossener Fingerhut, »so wollen wir ihn bitten, es uns mitzuteilen; ja eigentlich ist es Pflicht, daß er auch einmal etwas für die Unterhaltung tut; denn er drängt sich zwischen uns, stört unser Zusammensein und bleibt ewig stumm.«

»Fingerhut ist wieder am neugierigsten,« sagte die Erdbeerblüte.

»Neugierig?« erwiderte der Fingerhut. »Das muß ich mir immer vorwerfen lassen; und woher diese Beschuldigung?«

»Weil du so neugierig bist, schießest du so hoch auf, um recht weit sehen zu können,« sagte die Erdbeerblüte.

»Torheit,« sprach der Fingerhut, »das tue ich, um über den Stein fortzusehen.«

»Ausrede,« murmelte Erdbeerblüte.

»Was tust du denn?« fragte Fingerhut.

»Ich trage Früchte!«

»Was streitet ihr euch?« sagte die Buche von oben hernieder. »Ihr seid eine so eitel und eine so neugierig wie die andere, und das ist auch natürlich: was nur ein Jahr alt wird, steckt freilich immer in den Kinderschuhen.«

Das unvorsichtige Wort hätte fast einen gewaltigen Krieg hervorgerufen; denn alle Blumen fanden sich gekränkt und beschlossen einstimmig, die Beleidigung nicht ungesühnt zu ertragen. Es wurde die Schwertlilie, der Kommandant des stehenden Heeres, berufen. Die leichten Truppen der Eisenhütchen rüsteten sich, und das schwere Geschütz der Stechäpfel wurde in Bewegung gesetzt. Die Parteien des Fingerhuts und der Erdbeere, die eigentlich die ganze Aufregung hervorgebracht hatten, beschlossen, sich gegen den gemeinschaftlichen Feind zu vereinigen; Nesseln und Disteln, als Landwehr der Blumen, wurden einbeordert, und ein Aufruf an die Freiwilligen erlassen. Die Rose war am schnellsten bereit und wetzte schon ihre Dornen. Nebenbei sei es bemerkt, daß sie einen besonderen Groll auf die Bäume hatte, weil diese sie nicht als ihresgleichen anerkennen wollten, obgleich ihr Stamm sich oft zu ganz stattlichen Bäumchen erhob. Der Streit war nun schon seit unendlichen Jahren geführt, und die Diplomatie der Blumen und Bäume hatte schon viel hin und her verhandelt, wobei besonders die Kugelakazie sich ausgezeichnet hatte, die sich der Sache der Rose, weil sie zu den hochstämmigen Rosen in genauer geselliger Beziehung steht, mit großem Eifer angenommen hatte. Leider waren die Verhandlungen, nach Art der Blumen und Bäume, alle mündlich geführt, sonst würde man einen gewaltigen Stoß von Akten über diesen Streit besitzen, die schon darum großen diplomatischen Wert hätten, weil man auf der letzten Seite gerade so weit wäre wie auf der ersten, übrigens waren auch die anderen Blumen, die nicht, wie die Rose, eine Privatsache zu verfechten hatten, in diesem Kampf der Ehre nicht müßig gewesen; namentlich hielt die Anemone lange Reden über die Rechte der Blumen, und das Schilfgras machte Gedichte. Die Heidelbeere füllte ihr Fäßchen und meldete sich als Marketenderin, und ein großes Korps verschiedener Blumen war schon zu einer Freischar zusammengetreten, sprach viel und nicht ohne Begeisterung vom Sterben für das allgemeine Wohl und malte sich dabei im stillen den Jubel und die Rolle, die sie, jede einzeln, bei dem großen Sieges- und Triumphfest spielen würden, mit lebhaftesten Farben aus.

Die Sache war wirklich bedenklich, und wenn die Bäume sich gerade auch noch nicht rüsteten, so war doch mehreren unter ihnen der Streit aus Bequemlichkeit nicht angenehm, und namentlich der Tannenbaum war verdrießlich; denn da er eben noch von dem zärtlichen Verhältnis der Blumen und Baumblätter erzählt hatte, konnte er damit arg Lügen gestraft werden. Übrigens ging auch bei den meisten Blumen der Kriegseifer sehr schnell vorüber. Sie hätten lieber den Stein erzählen hören, und so war es allen erwünscht, daß der Weißdorn und die Brombeere sich ins Mittel schlugen und über den Frieden verhandelten. Die Brombeere war besonders eifrig, da sie sich mit der Erdbeere etwas verwandt rechnete, die doch indirekt die Uneinigkeit angefangen hatte, und der Weißdorn, der zwischen Baum und Blume steht, war gewiß ein sehr guter Vermittler dieses Streites. Noch war die Ausgleichung nicht leicht; denn die Buche war durchaus nicht zu bewegen, ihre beleidigenden Worte ganz zu widerrufen. Endlich fand man den Ausweg, daß die Buche erklärte, sie könne zwar nicht zurücknehmen, daß die Bäume älter würden als die Blumen, aber sie erkenne an, daß der Stein noch älter wäre als die Bäume, übrigens könne sie versichern, daß sie ihre Äußerung durchaus nicht getan hätte in der Absicht, die Blumen, für die sie immer die größte Hochachtung gehabt habe, irgend zu beleidigen, Damit dachte sie sich nichts zu vergeben, Der Fingerhut murrte zwar, und die kluge Nelke behauptete im stillen, dies wäre eigentlich gar nichts gesagt; aber die Blumen gaben sich zufrieden, und gegenseitige Achtungs- und Freundschaftsversicherungen beschlossen den Streit.

Die Rede der Buche hatte wieder auf den Stein aufmerksam gemacht, und die Lust, ihn zum Sprechen zu bringen, wurde lebendig; denn nach dem Kriegsgeschrei und der stürmischen Aufregung sehnte sich alles nach einer phantastischen Erzählung.

Wie war aber dem stummen, wenig mitteilsamen Stein beizukommen? Die Bäume wollten den Bach auffordern, den Stein zu bereden, da er sich eines besonders freundlichen Verhältnisses zu ihm gerühmt und eigentlich auf sein Wissen aufmerksam gemacht hatte. Die Blumen glaubten am besten durch das Gras zum Ziele zu kommen, das wieder mit dem Moos befreundet sei und so dem Stein seine Wünsche mitteilen könne. Der eben geschlossene Friede stand bei dieser Verschiedenheit der Ansichten wieder auf sehr schwachen Füßen, da schlug der Bach selbst einen anderen Weg vor.

»Bittet das Farnkraut, mit dem Stein zu unterhandeln; das ist weder Blume noch Baum, das ist der Fächer des Steins, sein geheimnisvoller Vertrauter, der über ihn sich schmiegt und beugt, ihn liebkost und ihm schmeichelt: ihm würde er nichts abschlagen.«

»Farnkraut,« sagten die Blumen, »willst du den Stein überreden?« Farnkraut nickte ernst und schweigend. Alles lauschte, der Bach murmelte, als ob er auch zuredete. Niemand hat's erfahren, ob er es tat. Die Bäume schüttelten sich noch einmal, um dann recht still sein zu können, und die Blumen steckten alle ihre Köpfchen aus dem Grase empor. Unterdessen hatte das Farnkraut dem Stein den Wunsch des Waldes zugeflüstert; und wunderbar aus den breiten Blättern hervor, rauschend durch das Moos, das ihn deckte, tönte folgende Erzählung des Steines: »Wohl hat der Bach recht, daß ich der älteste bin im ganzen Walde und von Zeiten weiß, die längst vor eurem Gedächtnis liegen. Überhaupt ist in den Erzählungen, die ich von euch gehört habe, vieles Wahre, wenn auch hier und da manche Berichtigungen notwendig wären. Wahr ist's, wie die Mohnblume euch erzählte, daß eine Blume nach der anderen auf der Erde erblühte, wahr ist auch die Erzählung des Tannenbaums, daß die Jahreszeiten sich in die Erde teilten; aber vordem lag eine lange, geraume Zeit, und mancher Kampf mußte gekämpft werden, ehe das alles soweit kam. Als Gott der Herr die Welt geschaffen halte, war die Erde ein großer, gewaltiger Fels, hart und öde, doch fest und unerschütterlich. Wie der so kalt dalag, schickte der Herr die Elemente, um ihn zu erwärmen und zu befruchten, drei mächtige Geschwister. Zuerst kam in seinem Kleide von Purpur und Gold der älteste Bruder, das Feuer. Gewaltig, unbändig stürmte er durch die Erde, pochte und wühlte an dem Felsen; aber der war hart und nicht zu bezwingen, und wie auch das Feuer ihn anglühte, er erweichte sich nicht unter seiner Gewalt. Es entspann sich ein wilder Kampf. Hier und da brach das Feuer wohl die Starrheit des Felsens und splitterte große und kleine Stücke von ihm ab, die es dann im Siegesübermut weithin schleuderte. So sind wir großen und kleinen Steine entstanden, und wie das Feuer uns ausstreute, so liegen wir noch auf der Erde ausgebreitet, ohne Plan und Ordnung, nach der Laune eines ungezügelten Elementes. Aber der Kampf schlug nicht immer glücklich für das Feuer aus, und in demselben Maße, wie es sich austobte und schwächte, sammelte der Felsen Kraft und Gewandtheit, dem Gegner zu widerstehen. So kam es endlich, daß das Feuer unterliegen mußte; der Felsen nahm es gefangen und schloß es mit mächtigen Fesseln in seinen Kern ein. Da liegt es noch. Daß jeder Stein Feuer birgt, das wißt ihr alle; denn wenn sie zusammenschlagen, oder wenn der Mensch, der das Feuer liebt und es sich wieder zum Knechte gemacht hat, mit dem Stahl einen Stein streicht, springt der Funke heraus. Doch das sind alles kleine zersplitterte Teilchen der großen Gewalt. Wie aber das Feuer im Kern der Erde noch immer arbeitet und wühlt, will ich euch später erzählen. Als das Feuer so besiegt war, kam sein jüngster Bruder, im grünlichen Kleide mit Silber, das Wasser. Der war schon klüger und erfahren und hatte auch leichteres Spiel; denn einesteils konnte er die Siege des Bruders benutzen, andernteils hatte dessen Schicksal ihn schon mit dem Gegner bekannt gemacht. Da er also sah, daß jener im offenen Kampfe so wenig hatte ausrichten können, legte er sich aufs Bitten und Unterhandeln. Er spülte und klopfte an den Felsen; er schmeichelte und kämpfte, bald mit Bitten, bald mit List, bald mit Gewalt. So nahm die Erde schnell ein anderes Ansehen an; denn da das Wasser alle die Orte in Besitz genommen hatte, die sein Bruder erkämpfte, so hatte es auch gleich festen Fuß gefaßt. In dem weiten Becken, wo jetzt das Meer ist, breitete es sich immer mehr aus. Gutwillig erlaubte das der Fels; aber listig stieg das Wasser immer höher, und dann brach sich's auch wohl mit Gewalt durch, wo jetzt Täler sind und das Wasser die Flüsse eingenistet hat. Wie sich nun der Fels auch das gefallen ließ und nur die Ufer als Grenzen steckte, wurde das Wasser immer ungenügsamer und trat oft weit über die Ufer fort auf den Felsen hin. Aber der war sich auch seines Rechtes und seiner Kraft bewußt und jagte das Wasser zurück. Das wich nun wohl; aber es hatte eine List ersonnen, durch die es nicht alles aufgab. Alle die leichten Splitter der Felsen, alles, was es durch sein Spülen und Schmeicheln von dem harten Gegner abgeweicht hatte, barg es auf seinem Grunde. Wenn es nun über die Ufer getreten war und zurückgejagt wurde, ließ es von dieser Mischung von Wasser und Fels zurück, und der Fels litt es, weil es ja auch ein Teil von ihm war. So sonderten sich Meer, Fluß, Fels und Erde. Aber noch war und blieb alles unfruchtbar und öde; denn was gezwungen gegeben wird, hat keinen Segen, Da sandte der Herr die holde Schwester der Elemente, im weichen blauen Gewände, die Luft, um alles zu vermitteln und zu beseligen. Die fing damit an, Frieden zu schließen zwischen dem Felsen und den Elementen. Zwar wollte er das Feuer nicht wieder freilassen; aber die Luft erhielt die Erlaubnis, den gefangenen Bruder, so oft sie wollte, besuchen zu dürfen. So oft sie das nun tat, nahm sie von seiner Glut mit und schüttete sie aus über die ganze Erde. Da begann sich's auf dem Boden zu regen. Keime knospeten und schlugen Wurzel. Aber die Glut des Feuers tut's nicht allein; mildernd und kühlend muß das Wasser den Boden tränken, wenn es grünen und gedeihen soll. Das Wasser war gern bereit, doch seine Grenzen waren ihm angewiesen; da sog die Luft die sehnsüchtigen geschwisterlichen Küsse, die Grüße des Wassers ein, trug sie hinüber über den Boden und schüttete sie aus. Und grün wurde es; Baum und Blüte sproßten, und Mensch und Tier konnten leben auf der Erde. So besucht die Luft wechselnd die Geschwister, und jedes gibt ihr ein Gastgeschenk mit, jener feurige Glut, dieser weiche Wolken. Das seht ihr noch immer. Noch immer seht ihr die Luft bald in der glühenden Farbe, die die Umarmung des Feuers ihr leiht, bald in dem trüben Gewande, welches das Wasser im Scheiden ihr umhing. Ihr seht das Feuer des Abendrots, seht die Glut des Morgenlichtes, seht die Nebel aufsteigen, wenn die Luft vom Wasser sich trennt, seht die Wolken ziehen. Aber die Wolken, die Kinder des Wassers, fühlen sich nicht wohl fern von der Erde. Die Luft läßt sich forttragen von ihren Dienern, den Winden; aber die Wolken sehen sich sehnend um und weinen in unbesieglichem Heimweh, bis sie, ganz gelöst in Tränen, zur Erde zurückkehren. Dann wollen auch die Feuer, welche die Luft entführen ließ, nicht mehr bei ihr weilen, und, wie die Wolken sich niederstürzen, so zucken auch sie herab zur Erde, jene weich und sehnend, diese wild und donnernd. So entsteht das Wunder des Gewitters. Das ergreift alle Wesen der Erde. Die milde Sehnsucht der Wolken teilt sich mit, wie die brausende Glut des Blitzes. Ein feuriger Schauer, gemischt mit sehnendem Gefühl wie Heimweh, erfaßt Menschen und Tier, Baum und Blüte. Aber der Segen der Luft geht mit, und wenn Feuer und Wasser zurückgekehrt sind zur Erde, dann geht alles auf in Stärkung und Gedeihen.

Wie es nun weiter wurde, wie sich die Jahreszeiten einrichteten, wie die Pflanzen entstanden und wuchsen, das habt ihr alles gehört. Wir Steine sehen das nun um uns ergrünen und blühen; wir, die wir wußten von früheren Zeiten des Kampfes und der Unordnung, wir freuen uns daran, wenn wir auch, vertrieben und übersehen, wenig geachtet auf dem Boden liegen, der früher ganz unser Eigentum war. So war es denn sehr töricht gesprochen, wenn die Fingerhutblume sagte, wir drängten uns überall dazwischen; denn ihr anderen drängt euch um uns herum und wollt uns nicht einmal das Stückchen Platz gönnen, auf dem wir bescheiden, ruhig uns lagerten.«

Der Fingerhut wurde rot und blickte verlegen mit allen seinen Blütenglocken zur Erde. Die Erdbeerblüte kicherte unter ihren drei grünen Blättern, und die Buche fing oben an zu rauschen. Da wurde dem Bach angst, der alte Streit möchte wieder anfangen, und er sagte: »Wohl sind wir, grauer Alter des Waldes, dir für deine Erzählung dankbar; aber vieles bist du uns noch schuldig.«

»Was wollt ihr wissen?« fragte der Stein.

»Was das Feuer im Kern des Felsens anfängt, und ob es sich seine Gefangenschaft gutwillig gefallen läßt.« »Letzteres nicht ganz,« erzählte der Stein; »denn wenn die Besuche der Schwester es auch zerstreuen, wenn es auch durch ihre Vermittlung den Trost hat, zur Befruchtung der Erde beizutragen, so hofft es doch im stillen noch immer auf Befreiung, vielleicht gar auf die Herrschaft der Erde. Das wäre aber ein großes Unglück und gewiß das Ende aller Dinge. Das wissen das Wasser und die Luft auch wohl und sorgen dafür, daß das Feuer nicht zu große Gewalt gewinnt. Wo das sich zeigt, kommt auch die Luft herbei und küßt den geliebten Bruder, der aus dem Kusse heller, heiterer und kräftiger aufflammt; aber sie wacht auch, daß die Glut sich verteilt und nicht zu mächtig werden darf. Kann sie's nicht allein bezwingen, dann muß das Wasser kommen, und nach einem oft rauschenden Streit wird das Feuer wieder zur Ruhe gebracht. Das sitzt dann wieder still im Felsenschoße, tief im Grund der Erde, und da sinnt es sich allerhand Spielereien und Possen aus, mit denen es sich die Zeit vertreibt. Zuerst schmolz, braute es an dem Stein und malte dann das Gekoch mit den Farben seines Gewandes purpurn und glühend. Das war das Gold. Dann borgte es sich vom Wasser, das durch die Ritzen des Felsens zu ihm drang, die lichte Farbe und malte das Silber. Selbst dem Felsen, seinem Kerkermeister, wußte es mitunter von seinem rötlich-schwarzen Gewande etwas abzuschmelzen und malte damit das Eisen. Bei allen diesen Dingen ist nun nicht viel Segen, wie ihr leicht denken könnt. Gold und Silber sind trügerische Dinge, wie sehr die Menschen in ihrer Torheit ihnen auch nachspüren, und das Eisen, das meist in der Zeit entstanden ist, wo der Felsen dem fruchtbaren Boden um sich herum nicht sehr zugetan war, läßt sich noch immer dazu gebrauchen, denselben aufzuwühlen und zu durchstöbern; es ist und bleibt ein mürrisches, unzufriedenes Metall, weil der Felsen ärgerlich und verdrossen die Farben dazu gegeben hat. Da aber das Feuer doch das beste Teil dazu tat, so ist der Schaden, den das Eisen dem Boden zufügt, nicht so gar groß; es strömt vielmehr Befruchtendes aus ihm in die Erde. Wir Steine mögen es aber doch nicht sehen, daß der gute Boden so zerfleischt wird, und wenn das Eisen recht im Zuge ist, springen wir vor, fangen den Stoß ab und fügen dem Eisen bedeutenden Schaden zu.

Gold, Silber und Eisen waren fertig, da wurde das Feuer überdrüssig, immer in denselben Farben zu malen, und es trug der Luft auf, wenn sie wiederkäme, ihm von der Erde andere mitzubringen. Die sammelte die Gräser und Blumen und trug sie ihm herab. Freilich konnte sie nicht viel bringen; aber das Feuer malte doch mit dem Grün des Grases, mit dem sanften Farbenschmelz, den es aus dem Strauße nahm, den ihm die Luft brachte, allerlei bunte Steinchen, die es alle mit seiner Glut durchwebte. So sieht es im Grunde der Erde, den ihr euch vielleicht recht schwarz und schaurig denkt, prächtig und schimmernd aus; denn die bunten Edelsteine flimmern an den Wänden, sie, die Blumen der Tiefe, die Augen des Felsens. In der Werkstatt des Feuers fällt aber wohl einmal ein Tröpfchen Farbe vorüber, oder das Feuer wischt seine Pinsel aus, mit denen es Gold, Silber und Edelsteine malte. Da entsteht dann das Flimmergold, die falschen Erze, die unechten Steine, die scheinen und nicht sind, die locken und täuschen, dieselben, von denen auch der Bach erzählte, daß Puck den Regenbogen daraus aufbaue.«

»Haben wir doch nie gesehen, daß die Luft unsere Geschwister entführt,« sagte die Tulpe und neigte ungläubig das Haupt.

»Weil ihr nicht acht gebt,« sprach der Stein. »Beobachtet einmal das Abendrot; da malen sich die Farben in der Luft, die ihr sonst nicht erblickt. Da ist das Kleid der Rose, das Gelb des Krokus, das Violett des Veilchens, das Grün der Gräser, hochroter Schein des Mohns dazwischen, tausend Farben, die sich in Worten nicht sagen lassen. Nicht alle Abend, aber mitunter seht ihr dies wunderbare Gemisch, dies Sondern und Verschmelzen. Das ist ein Strauß von Blumen, den die Luft in der Hand hält, um ihn dem Feuer zu bringen.

Ihr seht freilich nur den Schein der Farbe, denn es ist zu weit, die einzelnen Geschwister zu erkennen; aber wenn ihr euer Herz fragtet, würdet ihr es wohl gewußt haben. Es zieht euch mächtig hin, ihr alle wendet eure Kopfe diesem leuchtenden Strauß zu; denn die Sehnsucht der scheidenden Geschwister zieht euch unwiderstehlich, wenn auch unbewußt, nach. Seht ihr, mit dem Gemüt habt ihr das lange gewußt. Aber so seid ihr Wesen der Erde, die Menschen mit eingeschlossen, – was ihr fühlt, das mögt ihr nicht glauben, und das Beste, was es auf der Welt gibt, danach mögt ihr den Verstand vergebens fragen, das sagt euch doch nur das Herz.« – »Was machte aber das Feuer mit dem Strauß, wenn es ihm die Farbe aussog?« fragte das Vergißmeinnicht. »Dann bewahrt es ihn, farblos zwar, aber glänzend und unvergänglich in den Schichten der Felsen. Da sind die Blätter, die Sterne der Blumen, da wachsen die schimmernden Kristalle.«

Der Erzähler schwieg; da fragte die Eiche: »Verzeih' mir, wenn das, was ich dich jetzt fragen will, dich beleidigt; aber es geschieht gewiß nicht, um dich, der so klug ist und so viel weiß, zu kränken. Sieh, ich bin nach dir der Älteste im Walde, ja, ich heiße nach dir; denn meines Alters, meiner Festigkeit wegen, nach diesen beiden Tugenden, die ich mit dir teile, nennt man mich die Steineiche. So habe ich schon ein Recht auf dein Vertrauen. Wir anderen hier auf der Erde, wir haben einen Zweck, einen Wechsel, wir wachsen und blühen, wir tragen Früchte, je nach unserer Art. Ihr Steine aber liegt unverändert, immer dieselben, immer an demselben Fleck. Ist das nicht traurig und langweilig zugleich?«

»Ihr seid wie die Menschen,« sprach der Stein, halb lächelnd, halb gereizt. »Euch und euer Tun und Treiben haltet ihr für unbeschreiblich wichtig, für den Zweck und den Mittelpunkt der ganzen Schöpfung. Ihr wachset, blüht und tragt Früchte. Was glaubt ihr denn, was damit gewonnen ist? Ihr verwelkt und seid vergessen. Die Zeit streicht mit ihrer Hand über die Stelle, wo ihr standet, und eure Spur ist verwischt. Jeder einzelne, was er auch sei, ist ein Tropfen nur in dem großen Ozean der Natur. Wer bemerkt den, als jeder selbst?

Wer kann wissen, wozu er da ist? Ich aber langweile mich nicht, wenn ich nun auch schon lange, lange so unbeweglich daliege; denn ich habe einen empfänglichen Sinn, und alles wechselt um mich herum. Viele tausend Jahre rollten an mir vorüber, kein Tag glich dem anderen. – Mitunter lasse ich mir auch aus der Ferne erzählen; denn ich liege mit dem Ohr auf der Erde, und unten durch den Felsen hindurch geht eine heimliche Sprache der Steine, die erzählen sich von Orten der Erde, wo es gar wunderbar schön ist, die wieder ein eigenes Märchen sind in dem großen Märchen, das die Natur beständig mit der Erde aufführt.«

»Ja,« bestätigte der Tannenbaum, »es gibt herrliche Orte auf der Erde, das hat mir mein Vetter wohl erzählt, der, wie ihr wißt, weit herumkam, als er Mastbaum war!«

»Ach ja!« sagte spöttisch die Espe, »Gegenden, wo es nichts gibt als Eis und Schnee, wo dein Freund, der Winter, die Erde nie losläßt.«

»Du hast wieder nicht aufgepaßt in deiner Flatterhaftigkeit,« erwiderte ganz ruhig die Tanne. »Weißt du nicht aus meiner Erzählung, daß es auch Gegenden gibt, die dem Sommer gehören, die der Winter nie berührt, wo immer Bäume grünen, immer Blumen den Teppich der Fluren sticken, wo die Wasser nie ganz starren vom Eise und der Schnee die Erde nur berührt, wie ein kühler Kuß der Wolken?«

»Ach!« riefen viele Blumen zugleich, »die Gegend möchten wir sehen!« – »Ich werde es,« sprach nicht ohne Stolz der Bach, und in der Wanderlust hüpfte er hoch auf und plätscherte schneller dahin. »Ich stürze mich in den Fluß, der wieder ins Meer, und so lasse ich mich tragen bis in jene Länder.«

»Unterdessen will ich euch davon erzählen,« sagte der Stein, »denn von einem wunderbaren, gar lieblichen Orte der Erde habe ich gerade Kunde empfangen. In jenen Zeiten, als das Wasser Frieden schloß mit dem Felsen, wiegte es sich in einer lieblichen Bucht, und die Kronen der Felsen schauten hoch darüber hin im Kreise. Das war die Lieblingsstelle des Meeres, und es ließ die Luft kommen und eine reiche Kraft über den Saum des Ufers ausgießen. ›Tauche deinen Fuß in meine Wellen, ich will ihn dir kühlen!‹ sprach das Meer zum Felsen. ›Dein Haupt will ich mit Blumen kränzen‹ sagte die Luft, ›und die Erde soll einen Teppich um deine Knie legen!‹ – ›Und wenn du so schön bist,‹ nahm wieder das Wasser das Wort, ›dann will ich dir einen Spiegel vorhalten, daß du deine Schönheit sehen kannst, und dein Bild soll wieder meine Wellen schmücken.‹ Und so geschah es.

In einem lieblichen Bogen schlang sich das Ufer um das Meer, grünend und blühend, und die Felsen sahen es lächelnd an. Da erzählte einstmals die Luft, als sie das Feuer besuchte, von diesem Lieblingsplatz des Wassers, wo es seine schönsten Stunden verträume. ›Könnte ich das nicht auch sehen?‹ sagte das Feuer. ›Laß mich mit dem Felsen unterhandeln,‹ erwiderte die Luft. – Der Felsen war gerade in besonders guter Laune und an dieser Bucht durch die Freundlichkeiten, die Wasser und Luft für ihn gehabt hatten, leichter zu stimmen. So kam denn bald ein Vertrag zustande. Der Felsen öffnete auf dem Gipfel eines Berges, dem Gefängnis des ungeduldigen Feuers, ein Fenster, und da kann es herausschauen, wann es will. Dafür aber mußte das Wasser einem Felsen erlauben, so recht aus seiner Mitte aufzutauchen und sich umzusehen. Gerade der Bucht gegenüber, wo der Kreis des Ufers sich öffnet, um das Meer hineinzulassen, liegt dieser Fels kühl und behaglich im Meer und schaut auf einer Seite hinein in den Golf, von dem ich euch sprach, auf der anderen blickt er in die Unendlichkeit des Meeres. Dieser Fels nun hat mir alles erzählt. Ihm gegenüber, am Ufer, ist das Fenster des Feuers. Bei Tage, wenn das Licht so klar auf der Erde liegt, sieht man nur den Rauch, den es wie Wolken ausbläst; aber nachts, wenn die Erde im Dunkel liegt, dann steckt das Feuer das Flammenhaupt zum Fenster hinaus, und seine glühenden Augen blitzen in die Nacht. Es sieht gar luftig und vergnügt aus und treibt allerlei Possen. Dem Felsen, meinem Freunde, nickt es oft recht freundlich zu, und der würde wieder nicken, wenn er nicht so fest stehen müßte im Meer. Und seit das Fenster geöffnet war am Kerker des Feuers, wurde es erst recht schön an dieser Bucht. Das Feuer wollte nicht das Schöne alles sehen, ohne selbst etwas hinzuzufügen, und schleuderte seine Funken weit hinaus auf das Ufer. Da fielen sie auf grüne Bäume, hielten sich fest an den glänzenden Zweigen und verloschen nicht – nein, die Funken wurden zu Früchten, rot, wie sie aus dem Berge sprühten, und bargen in sich die Glut, die sie mitbrachten. Noch jetzt, erzählt mir der Fels, wachsen die Funken auf den Bergen, feurige Orangen. Und beständig glühen diese Feuerfrüchte; denn, wie das Blatt des Baumes zu jeder Zeit in schönem, dunklem Glanze steht, so schmücken auch die Früchte, jahraus jahrein, die Zweige.«

»Und blühen sie nicht, diese Wunderfrüchte?« fragte der Apfelbaum.

»Gewiß, ein lieblicher, hold duftender Schnee. Aber ein Zweig trägt Frucht und Blüte, und die Süße des Blumenduftes mischt sich zum Feuer der Frucht. Eine Stelle vor allen an diesem Ufer ist am reichsten mit der Feuerfrucht geschmückt. Da treten die Felsen hart ans Meer und tragen auf dem Haupte den Schmuck des Orangenhaines, geflochten mit dem Netz der langflatternden Weinranken.

Die Flammen aus dem Berge schauen herüber und freuen sich ihrer Gabe. Das Meer rauscht wunderbare Lieder an dem Strande und säumt sein Gewand mit weißem Schaume. Die Felsen ragen über die Gegend, und die Luft webt sich hold um alles. Der süße Duft der Orangenblüten durchzittert sie, der Geist des Meeres steigt in ihr auf und lockt die Wesen der Erde zum Bade in die Fluten. Allabendlich, wenn die Luft das Abendrot malt am Horizont, zieht sie dem hohen Felsen leichte, rosige Gewänder an, daß er herabschaut wie die errötende Braut des Meeres. Allnächtlich schmückt das Feuer seinen Berg mit glänzenden Bändern, die er davon herabhängen läßt, Bänder auf goldenem Grunde, gestickt mit feurigen Edelsteinen. Dann spielen die Flammen des Feuers und die Wellen des Wassers miteinander. Der rote Schein versteckt sich in den Fluten und blickt dann hier und da heraus, gebrochen von dem Zittern der Wogen. Das alles sieht mein Freund, der Felsen, der selbst bekränzt ist mit Weinranken, der selbst einen Strauß von Orangen und als Feder eine schwankende Palme auf die grüne Mütze gesteckt hat, die der Rasen ihm ums Haupt wob und die zackige Aloe und stachliger Kaktus ihm festnisteln auf der Stirn. Er sieht das, und da er die Geschwister, das Feuer, die Luft und das Wasser, liebgewonnen, da er ihnen so viele Genüsse verdankte, so wollte er ihnen auch eine Freude bereiten, und er baute ihnen ein trauliches Plätzchen zum geschwisterlichen Zusammensein. An dem äußersten Rande des Felsens, fast hart auf dem Spiegel des Meeres, öffnet sich ein niedriges Tor. Kaum würde man es entdecken. Hinter diesem Tore aber breitet sich eine hohe, mächtig gewölbte, kühle Höhle. Hier finden sich Wasser, Luft und Feuer. Hier sind sie beisammen, gesondert zwar, aber doch gemischt. Da ist zwar der Spiegel des Wassers fließend und wogend; aber das tiefe Blau der Luft, wie es sich nur am klarsten Himmel zeigt, hat es durchdrungen, und der leuchtende Schein des Feuers flammt darunter hervor, glänzend und wunderbar. Da glänzt es zwar aus der Tiefe hervor wie spielende Flammen; aber auch die Glut hat sich in die Farbe der Luft getaucht, auch dieses Licht wogt wie die Wellen des Wassers. Da nimmt zwar die Luft die weite Wölbung der Höhle ein; aber sie schimmert wie das Wasser, sie umfließt die Höhe, wie die Fluten der Tiefe, und zwischendurch züngeln und lecken die Flämmchen des Feuers an dem Bogen des Felsens. So halten die Elemente ihre heimlichen Gespräche; aber mitunter erlauben sie dem Menschen, sie zu belauschen. Der baut einen Nachen, fährt ein in dies Wunder und kann schiffen auf der blauen Luft, baden in dem leuchtenden Feuer und atmen in dem wogenden Wasser. Nur wenn die Gespräche der Geschwister recht vertraut und geheimnisvoll sein wollen, dann leiden sie nicht den Lauscher, – dann schließt das Meer mit einer Pforte von Wellen den Eingang, und die Luft schiebt Winde als Riegel davor. Was sich dann Wunderbares begibt, das wissen nur die Elemente und mein Freund, der Felsen, der sie umschließt, aber der hat ihnen sein Wort gegeben, es nicht auszuplaudern, und er hält sein Versprechen.«

»Das ist recht von ihm,« sagte die Rose, »ich liebe ihn deshalb. Liebt er auch die Blumen?«

»Ein ewiger Frühling von Rosen umblüht ihn,« sagte der Stein.

»Das muß schön sein!« seufzte die Zentifolie.

»Und alles das werde ich sehen!« jauchzte der Bach.

»Dann grüße von uns die Rosen auf dem Felsen!« riefen die Blumen.

»Und von uns die Orangen am Meeresstrande!« rauschten die Bäume.

»Wie soll ich den Ort erkennen?« fragte der Bach den Stein.

»Nach meiner Erzählung,« war die Antwort. »Die Menschen nennen ihn den Golf von Neapel, und mein Freund, der Fels im Meere, heißt Capri in ihrer Sprache.«

»Ich werde schon finden!« rief der Bach und plätscherte fort.

Aber der Bach hatte einen weiten Weg zu machen; lange Zeit irrte er umher in der Unermeßlichkeit des Meeres, ohne daß ihm die Wunder erschienen, von denen der Stein erzählt hatte.

Der Erzähler dieser Märchen stand gerade in Sorrent auf der Loggia einer kleinen Villa am Meeresrande, die er allein bewohnte. Die Weinranken, die sie beschatteten, waren noch dünn und ließen das volle Licht der Sonne durch; aber die Orangenblüten dufteten, und die Früchte lächelten ihn an und blinzelten ihm freundlich zu aus den dunklen Blättern hervor. Der Vesuv rauchte, und das Meer war gesprächig. Da schlug eine Welle an den Felsen mit heimischem Klang. Sie trug die Grüße der Blumen und Bäume aus der Heimat. Der Bach hat seinen Auftrag erfüllt, – für Blumen und Bäume brachte er Grüße, – für den Erzähler nichts von seinen Lieben.

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