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Was sich der Wald erzählt

Gustav Heinrich Gans zu Putlitz: Was sich der Wald erzählt - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorGustav zu Putlitz
titleWas sich der Wald erzählt
publisherPhilipp Reclam jun.
editorFritz Gundlach
year1922
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080617
projectidb2387af7
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Der Tannenbaum

»Warum knarrte denn der Tannenbaum, als das Gänseblümchen erzählte, der Winter sei böse und könne die Blumen nicht leiden?« fragte die Linde.

»Weil er sich ärgerte,« erwiderte die Eiche; »wenn er sich ärgert, knarrt er. Hast du das noch nicht gehört? Wenn der Wind kommt und durch den Wald braust, dann ruft er uns Bäumen zu: ›Beugt euch!‹ Aber der Tannenbaum sagt: ›Steht fest!‹ Und wenn die Bäume des Waldes dann doch Furcht haben und dem Winde ihr Kompliment machen, so bleibt der Tannenbaum ganz steif stehen, dreht sich nur mißbilligend und knarrt, weil er sich ärgert.«

»Was hat das nun mit dem Winter und dem Gänseblümchen zu tun?« sagte die Linde.

»Frag' ihn doch, frag' ihn doch!« plapperte die Pappel. »Du wirst ja hören, was er sagt; er gibt oft spitze Antworten.« Aber die Linde war doch neugierig. Wer kann's ihr verdenken? Wenn man jahraus jahrein aus demselben Fleck steht, läßt man sich nicht gern eine Geschichte entgehen, aus Furcht, eine spitze Antwort zu erhalten. Wird's zu spitz, so schüttelt man sich's ab, und das können die Bäume auch. Die Linde war aber klug und besann sich auf einen passenden Anfang.

»Tannenbaum,« sagte sie, »wie kommt's, daß du immer dasselbe Kleid trägst, Winter und Sommer, in kalten wie in warmen Tagen?«

»Weil ich nicht eitel bin und immer etwas Neues haben muß, wie ihr,« antwortete der Tannenbaum.

»Da hast du's, steck's ein,« sagte die Pappel.

Unrecht hatte der Tannenbaum aber doch; das war nicht der Grund, denn am Ende konnte er nichts gegen seine Natur. Doch die Menschen machen's auch nicht besser und rechnen sich's immer als besondere Tugend an, was in ihrer Natur liegt. Wer keinen Sinn für Putz hat, schmäht auf die Eiteln; ja es gibt Leute, die auf die Poesie schelten, weil sie keine Empfänglichkeit dafür besitzen, und die haben noch mehr unrecht als der Tannenbaum. Die Linde hätte die Antwort auch beinahe übelgenommen und sich mit dem Tannenbaum nicht wieder abgegeben, aber dazu war sie zu neugierig, und das war gut; denn einerseits hilft das Maulen nichts, andererseits hätte sie dann nicht die Geschichte vom Winter erfahren, und wir auch nicht. Die Linde murmelte also etwas in sich hinein, dann wandte sie sich aber wieder zum unfreundlichen Nachbar und sagte: »Du könntest uns doch wohl etwas von dem Winter erzählen; du kennst ihn ja, und wie es heißt, hast du ihn lieb. Wir anderen, wir wissen nichts von ihm; denn wir schlafen, wenn er kommt, du aber wächst und erzählst dir die lange, lange Zeit etwas mit ihm.«

Der Tannenbaum schwieg eine Weile, und alle Bäume lauschten begierig, was wohl daraus würde; nur die Weide sagte: »Linde, du hast Courage, gibst dich mit dem ab!«

Endlich erwiderte der Tannenbaum: »Laßt mich zufrieden, und wenn du von dem Winter etwas wissen willst, so bleib' wach. Wer etwas wissen will, darf nicht die Zeit verschlafen.«

Jetzt wäre die Unterhaltung aus gewesen, wenn nicht die Eiche sich ins Mittel geschlagen hätte. Die stand nun sehr in Ansehen unter den Bäumen des Waldes, weil sie die älteste und die stärkste war. Wer weiß, ob ihr ersteres Respekt gegeben hätte, wenn nicht letzteres dazu gekommen wäre! »Tannenbaum,« sagte sie, »du scheinst ein unfreundlicher Gesell, aber du bist nicht so böse und kehrst nur immer deine rauhe Seite nach außen. Ich kenne dich besser: denn ich sah dich schon, als du kaum ein Jahr zähltest und erst einen grünen Sproß getan hattest. Aber warum bist du barsch gegen deine Gefährten? Hat uns nicht ein Boden erzeugt? Umarmen sich nicht unsere Wurzeln in der Tiefe, wie unsere Zweige in der Höhe? Trotzen wir nicht gemeinsam Gefahren, denen wir einzeln nicht widerstehen könnten? Es ist nicht gut, sich abzusondern, noch dazu um so nichtige Dinge. Weil jene sich mit Blättern schmücken und du mit Nadeln, weil deine Rinde vielleicht rauher ist als die der Buche, darum willst du dich abschließen, unfreundlich scheinen, was du nicht bist? Nicht doch, erzähle deinen Gefährten; sei jetzt am guten Tage mit ihnen froh, da du doch in schwerer Zeit mit ihnen zusammenhalten mußt.«

Das waren ernste Worte; die Tanne nahm sie sich zu Herzen, mancher andere könnte es auch noch! Tannenbaum besann sich, dann erzählte er: »Ihr wollt von dem Winter hören? Nun, wohlan! Legt euer Vorurteil ab gegen ihn; denn ich weiß, ihr mögt ihn nicht leiden. Glaubt nicht, daß ich parteiisch bin, weil er mein Freund ist; ich bin nur wahr, weil ich ihn kenne. Aber zur Sache! Als Gott der Herr die Welt erschaffen hatte, als die Blumen prangten auf dem Felde und die Bäume im Walde, rief er die Jahreszeiten und sprach: ›Seht meine Welt, wie schön sie ist! Euch übergebe ich sie; teilt euch in Blumen und Bäume, aber liebt und pflegt sie auch.‹ Da waren die Jahreszeiten sehr glücklich und schwelgten mit den Kindern der Natur. Das ging eine kurze Weile, aber da fing hier und da eine Uneinigkeit an, sich zwischen ihnen zu bilden. Der kecke unstete Frühling konnte sich mit dem langsam bedächtigen Winter nicht vertragen; der glühende Sommer fand den Herbst phlegmatisch; der Herbst schalt den Frühling, daß er die Blumen verzöge; kurz, der Streit wurde immer heftiger, und Blumen und Bäume standen sich am schlechtesten dabei. Da sagte der Herbst: ›Das geht nicht länger; gemeinsam können wir uns nicht vertragen, kommt her und laßt uns teilen.‹ Und so geschah es. Die Jahreszeiten teilten die Erde. An den beiden Polen baute sich der Winter sein Haus; mitten um die Erde schlang sich der Sommer, und Frühling und Herbst schufen sich dazwischen ihr Reich. Daß es nicht ganz bei dieser Teilung blieb, werdet ihr später erfahren; aber fast ist es noch so, und der Winter wohnt noch in seinem alten Hause.«

»Woher weißt du denn das?« fragte die Linde.

»Mein Vetter hat mir's erzählt, der ihn einmal dort besuchte.«

»Gebt acht, der lügt uns was vor,« flüsterte die Pappel dem Nachbar zu.

»Wie konnte dein Vetter ihn besuchen?« fragte die Linde. »Muß er nicht so feststehen wie wir?«

»Das ging so zu,« erwiderte der Tannenbaum. »Es kamen einmal kühne, unternehmende Männer und suchten Holz aus, um ein Schiff zu bauen. Mein Vetter, ein schlanker, hoher Tannenbaum, stand recht stolz unter den übrigen Bäumen des Waldes. Kaum hatten sie ihn erspäht, so wurde er gefällt, und sie machten ihn zum Mastbaum. Nun ging's in die See. Meinem Vetter gaben die Seeleute ein großes Tuch um und sagten: ›Halt's fest!‹ Auf seine Spitze aber pflanzten sie einen bunten, weit schimmernden Wimpel. Der Vetter war ganz lustig auf der Reise und versah seine Pflicht wohl, und wenn der Wind kam und ihm das Tuch wegnehmen wollte, hielt er es fest und beugte sich nicht; darum ehrten ihn auch die Schiffsleute vor allen Hölzern des Schiffs. Die Fahrt ging immer nach Norden, und siehe da, auf einmal kamen sie an das Haus des Winters. Das Haus sah zwar einfach, aber mächtig aus, und als das Schiff anklopfte, trat der Winter heraus, ganz verwundert über den seltenen Besuch. Zugleich aber fiel ihm ein, daß, wenn er kommt, er oft sehr wenig freundlich aufgenommen wird; er fühlte sich also auch nicht zur Gastfreundschaft angeregt und schüttelte sein Haupt, daß die weißen Flocken nur so herumstoben. Da gewahrte er meinen Vetter, und da er uns Tannenbäumen ganz besonders gewogen ist, wurde er gleich freundlich, und nun ging's ans Plaudern. Da wollte er wissen, wie's jedem einzelnen von seinen Brüdern erginge, und als der Mastbaum alles berichtet hatte, fing auch er an, zu erzählen, lauter wunderbare Geschichten, und was ihr jetzt von mir hört, ist eine davon.

Die Geschichten nahmen gar kein Ende, und der alte Herr war so glücklich in seinen Erinnerungen, die er nun alle auskramte, daß er das Schiff nicht wieder fortlassen wollte und sich mit festen Armen um dasselbe legte. Mein Vetter kann gar nicht genug sagen, wie schön das war; aber je besser er sich befand, desto schlechter ging es der Schiffsmannschaft. Eines Morgens hörte er, daß sie untereinander berieten. ›Unser Holz ist verbrannt, unsere Speisevorräte gehen zu Ende,‹ sagte der Steuermann, ›und wenn das Eis nicht bald aufgeht, so müssen wir jämmerlich umkommen; laßt uns den Mastbaum zerhauen und verbrennen, das wird uns wenigstens eine Zeitlang hinhalten.‹«

»Als mein Vetter das hörte, lag er dem Winter mit Bitten an, das Schiff freizulassen, und der Winter erhörte ihn, um seinen Liebling zu retten, was er den Menschen zu Gefallen nicht getan hätte. Er ließ das Eis aufgehen, und das Schiff mit seiner Mannschaft kam glücklich wieder in seine Heimat zurück.« –

»Das war gut!« riefen die Bäume einstimmig. »Aber nun laßt mich wieder auf meine Geschichte zurückkommen,« nahm der Tannenbaum das Wort. »Die Erde war also eingeteilt, und die Jahreszeiten hatten jede ihr eigenes Reich. So wäre es nun auch wohl geblieben, wenn nicht der Frühling in seiner unbeständigen Art wieder eine Änderung hervorgerufen hätte. Dem gefiel es nicht, immer an derselben Stelle zu bleiben; er rief die Jahreszeiten zusammen und machte ihnen folgenden Vorschlag: ›Laßt uns anders teilen,‹ sagte er, ›und, da uns ja die Erde gemeinsam gehört, nicht auf einen Raum angewiesen bleiben. Jeder von uns soll eine bestimmte Zeit haben, wo er die ganze Erde besitzt, wo er allein zu herrschen hat.‹ – ›Ich bin's zufrieden,‹ sagte der Sommer, ›wenn ich nur den Gürtel der Erde für mich behalte.‹ – ›Und ich meine Pole,‹ sprach der Winter. – Der leichtsinnige Frühling willigte in alles, wenn er nur seinen Zweck erreichte, und der Herbst hoffte darauf, sich auf andere Weise zu entschädigen. So war der Vertrag geschlossen, und der Frühling wollte schon sein Reich antreten, da sprach der bedächtige Winter: ›Aber damit nicht einer alles Schöne der Erde für sich nimmt, laßt uns auch das teilen.‹

›Gut‹ sagte der Frühling, ›ich nehme die Knospen!‹

›Mir gehören die Blüten!‹ sprach der Sommer. ›Die Früchte sind mein!‹ rief der habsüchtige Herbst, – ›und die Blätter der Bäume soll der Winter behalten.‹

»Der Winter hatte nichts dagegen; der Vertrag war geschlossen, und der Frühling begann sein Reich. An Baum und Blumen küßte er die Knospen hervor, und alles lächelte ihn an. Als nun die Knospen brachen, als tausend Farben an Blatt und Blumen hervorglänzten, nahm der Sommer den Thron der Erde ein. Aber da fing gleich die Ordnung an zu wanken; denn der Herbst, der immer auf seinen Vorteil bedacht war, schloß einen besonderen Vertrag mit dem Sommer. Der Sommer mußte ihm Blumen lassen, er gab ihm Früchte dafür; doch, wie man sagt, soll er nicht zu kurz gekommen sein und das Beste für sich behalten haben. Nun bekam er allein die Herrschaft und sammelte mit geschäftigen Händen die Früchte ein; denn dazu hatte er ein Recht. Aber es hatte sich noch etwas anderes begeben, wodurch der arme Winter sehr betrogen wurde. Ihr erinnert euch, daß nach der Teilung die Blätter der Bäume dem Winter zugefallen waren. In der glühenden Liebeszeit aber, als da oben Blatt an Blatt hing und unten im Grase die Blumen glänzten und kokett ihre tausend Farben entfalteten, hatte ein Liebeln angefangen zwischen Blättern und Blumen. Wie so oft, begann diese Liebe mit allerlei Neckereien. Wenn die Sonne warm und glänzend auf die Blumen scheinen wollte, stellten sich die Blätter der Bäume dazwischen; aber ehe die Blumen sich's versahen, beugten sie sich ab, daß der Sonnenglanz plötzlich herniederfiel und die Kleinen da unten blendete. Die Blumen drückten die Augen zu, und die Blätter kicherten oben in den Zweigen. Oder wenn ein erquickender Regen kam, hoben die Blätter Tröpfchen auf, und wenn die Blumen dachten, alles sei vorüber, ließen sie sie herniederfallen, daß die Blumen erschraken und mit dem Kopfe schüttelten. Was zuerst nur Neckerei war, wurde bald Liebesdienst; denn die Sonne wurde heißer und heißer, und die armen zarten Blumen wären alle verdorrt, wenn die Blätter nicht wie ein Schild die feurigen Pfeile der Strahlen aufgefangen hätten. Nach diesem tieferen Ernst der Neigung waren ihnen auch die Neckereien nicht mehr genug, und sie suchten nach einem Mittel der Verbindung. Doch da oben hingen die Blätter, und die Blumen glänzten im Grase. Die Liebe weiß immer Wege zu finden. Es hatten auch Blätter und Blumen bald einen Boten gewählt, der ihnen die Seufzer und Schwüre herauf und hernieder trüge, – den Efeu. Unten bei den Blumen war er entsprossen und schlang sich, ein grüner Kranz, zu den Blättern der Bäume empor, Blatt an Blatt gedrängt, die Leiter süßer Schwüre, eine verschwiegene Liebeskette. Wer erkennt nicht diesen holden Beruf auf den ersten Blick, wen wehet es nicht aus den ewig grünen Ranken an wie verschwiegene Seufzer der schwärmenden jungen Liebe! Und die Blumen und Blätter begnügten sich mit dieser Botschaft. Da ging des Herbstes Reich zu Ende, und die letzten Blumen wollte er pflücken auf der Flur. Die Blätter blichen hin vor Sehnsucht und lagen dem Herbst an mit inständigen Bitten, nur ein einziges Mal sie herniederzulassen zu den sterbenden Geliebten. Und der Herbst erhörte sie, obgleich er nicht das Recht dazu hatte und dem Winter vorgriff, dem allein die Herrschaft zustand über die Blätter. Der Herbst schüttelte die Bäume, und hernieder flatterten die freien Blätter zur Erde. Nun ging erst recht ein tolles Liebesleben an. Der Herbst, der seine Freude daran hatte, spielte eine wilde Weise auf; es flogen die Blätter im wirbelnden Tanze um die Blumen herum, bis diese matt und müde ihr Haupt senkten, und die Blätter bei dem letzten Liede, das der Herbst brausen ließ, sich niederlegten zum ewigen Schlummer. Da kam der Winter gezogen. Kahl und öde empfing ihn Flur und Wald. Nichts grünte ihm entgegen als wir armen Tannenbäume; denn mit unseren Nadeln hatte kein Blümchen ein Liebesgetändel anfangen wollen, und der Efeu schlang sich noch von Baum zu Baum, als wollte er dem Winter eine Ehrenpforte schmücken, und von Ast zu Ast, als wollte er die Treulosigkeit der Blätter verbergen und den Bäumen einen Schmuck leihen für das verlorene, verwehte Laub. Der Winter sah es bewegt, und während er zürnend die letzten Blätter, die wider Willen verlassen und einsam hier und da an den Zweigen hingen, herniederpeitschte und umjagte über Eis und Schnee, sprach er feierlich zu den Blättern des Efeus: ›Euch will ich schützen, euch will ich bewahren zu dem freundlichen Geschäft, das ihr euch wähltet; seid und bleibt Liebesboten, tragt verschwiegene Grüße herüber von Blume zu Blatt, vom Herbst zum Lenze; schlagt eine ewige Brücke von Jahreszeit zu Jahreszeit! Euer Beruf ist: umschlingen und vereinen; ihr, die immergrüne Erinnerung der Fluren und Wälder, ihr sollt selbst die Strenge des Winters brechen.‹«

»So sprach der Winter zum Efeu; aber uns Tannenbäumen schenkte er seine vollste Neigung und bereitete uns Ehren, deren ihr anderen Bäume nicht teilhaftig werdet.«

»Und das wäre?« fragten verletzt die übrigen Bäume.

»Der Winter ist die Jahreszeit des Gemütes,« fuhr der Tannenbaum fort, »darum hatte er das auch beim Efeu gleich erkannt und geehrt. Die Menschen wissen das; denn zu keiner Zeit schließen sie sich enger aneinander an als gerade im Winter. So bringt er auch mit sich das gemütreiche, heilige, geheimnisvolle Weihnachtsfest; so seht ihr auch in seiner Begleitung den freundlichen Geist, den Weihnachtsmann. Die Menschen sagen: ›Der Weihnachtsmann, das ist die Liebe der Eltern, der Freunde‹; aber das ist nicht wahr. Wenn der feinen Zauber ausübt, so ist's um die Menschen geschehen. Tag und Nacht sinnt in der ersten Winterzeit die Mutter, aber nur, weil ihr der Weihnachtsmann beständig ins Ohr flüstert. Und wer um Weihnachten ausgeht, um zu kaufen, der bringt immer mehr nach Hause, als er wollte, der kürzt seinen Beutel immer mehr, als er beabsichtigte. Das sind nicht die schönen Sachen, die ihn reizen, nein, das ist der Weihnachtsmann, der überall winkt und flüstert und an dem Herzen zieht, daß die Hand sich öffnet, und immer wieder, bis er die reichste Weihnachtsfreude bereitet hat. Wir Tannenbäume, wir wissen das, denn wir stehen immer mitten dazwischen, wir sind die Weihnachtsbäume, und in den schönsten Weihnachtsjubel stellt uns der gute Weihnachtsmann in die Mitte. Wir fehlen nirgends, weder im Schloß noch in der Hütte. Mögen die Eltern noch so arm sein, ein paar Lichtchen stecken sie doch an unsere grünen Zweige für die jauchzenden Kinder. Gold und Silber hängt an uns hernieder, schimmernde Früchte tragen wir, und die Kinder schlagen vor uns in die Hände; denn wenn alles andere auch noch so schön ist, der Weihnachtsbaum bleibt das Schönste, – ihn hat der Weihnachtsmann in seinen eigentümlichsten, wunderbarsten Zauber eingehüllt. Vielleicht lieben die Kinder den Weihnachtsbaum so sehr, weil er selbst ist wie ein reiches Kindergemüt. Um die grünen Zweige der Hoffnung schlingen sich allerlei glänzende Bilder; reich und golden steht er da, geheimnisvoll und unerklärt. Aber ein glänzendes Bild nach dem anderen fällt ab; das Gold war Schaum, die Hoffnungen welken, das Geheimnis löst sich; mit dem letzten Flitter, den man abnimmt, schwindet das ganze Wunder, und es ist nichts übrig als ein welker Tannenbaum. In dem Gemüt des Kindes verweht ein goldner Traum nach dem anderen; ein Geheimnis nach dem anderen, in das es sich einhüllte, löst sich; und wie ist das Leben anders, als des Kindes Gemüt es in sich trug!«

»Wenn die Flitter alle fielen, ist deine Herrlichkeit vorüber?« fragte die Espe.

»Dann steckt man den Baum in den Kamin,« sagte die Tanne, »und da hört er oft manch schönes Märchen, das die Menschen sich erzählen, wenn sie hineinblicken in die Glut. Er hört gut zu; aber wenn etwas vorkommt, was ihm nicht gefällt, dann knackt er, daß die Funken aufspringen und die Menschen zusammenfahren am Kamin. Und wenn auch die goldenen Äpfel verzehrt sind, die Kinder blicken doch traurig aus ihrer Ecke, wenn der Weihnachtsbaum aufbrennt.

Seht ihr, das ist die Geschichte vom Winter und vom Tannenbaum. Ein andermal erzähle ich euch ein Märchen, das ein Weihnachtsbaum im Kamine gehört hat; denn die Menschen wissen auch gar schöne Geschichten.

Ja, ein andermal!«

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