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Was ist Spiritismus?

Arthur Conan Doyle: Was ist Spiritismus? - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorArthur Conan Doyle
titleWas ist Spiritismus?
publisherBohmeier Verlag
addressLeipzig
yearo. J.
firstpub1921
translatorCurt Abel-Musgrave
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20110629
projectiddc297ca3
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Dritter Teil: Das Leben nach dem Tode

Man kann über diese große Frage, in welcher Weise die neue Offenbarung auf christliche Lehre und Christentum wirken wird, jawohl verschiedener Ansicht sein. Wir wollen die Frage jetzt auf sich beruhen lassen und versuchen, uns über das Geschick klar zu werden, welches unser nach dem Hinüberscheiden harrt. Die Angaben hierüber sind ziemlich umfangreich und übereinstimmend. In vielen Ländern und zu verschiedenen Zeiten trafen bezügliche Botschaften der Verstorbenen ein, untermischt mit Angaben über unsere eigene Welt, die kontrolliert und als richtig befunden werden konnten. In solchen Fällen scheint mir die Annahme recht und billig zu sein, daß das Nichtbeweisbare wahr sein wird, wenn sich das Beweisbare als wahr erweist. Findet sich außerdem in diesen Botschaften eine große Übereinstimmung sowohl im allgemeinen, wie auch in solchen Einzelheiten, die von allen bisherigen Vorstellungen weit abweichen, so scheint mir die Annahme der Glaubwürdigkeit eine wohlbegründete. Unglaubwürdig scheint es mir, daß etwa zwanzig mir vorliegende Botschaften, die aus verschiedenen Quellen stammen und alle übereinstimmen, trotzdem alle falsch sein könnten. Unglaubwürdig scheint es mir, daß Abgeschiedene zwar die Wahrheit über unsere eigene Welt aussagen könnten, aber die Unwahrheit über ihre eigene. Ich habe kürzlich in derselben Woche zwei Berichte über das Leben im Jenseits empfangen. Der eine stammte von einem nahen Verwandten eines hohen Würdenträgers der Kirche, der andere von der Frau eines Handwerkers in Schottland. Keiner von beiden konnte von dem anderen wissen, und dennoch sind beide Berichte sich so ähnlich, daß sie in Wahrheit gleichlauten. (Siehe Anhang II.)

 

In bezug auf das Schicksal unserer Lieben und unserer eigenen Person scheint mir die Botschaft unendlich trostreich. Die Verstorbenen stimmen alle überein, daß das Hinscheiden leicht sei und schmerzlos und daß es in einen Zustand herrlichsten Friedens und ungeheurer Erleichterung überleite. Der Verstorbene findet sich in seiner Geistergestalt wieder, die seinem früheren Körper genau entspricht – jedoch ist alle Krankheit, Schwäche und Mißgestalt verschwunden. Dieser verklärte Körper steht oder schwebt neben seiner irdischen Form, ist der Gegenwart derselben bewusst, wie auch der Gegenwart der anwesenden Menschen. In diesem Augenblicke des unmittelbar vorher erfolgten Hinscheidens befindet sich der Verklärte dem stofflichen Zustande noch näher, als späterhin jemals der Fall sein wird. So erklärt sich, daß gerade in diesem Augenblicke meistens die Fälle sich ereignen, daß der Geisterkörper, erfüllt mit dem Gedanken an eine in der Entfernung weilende Person, forteilt und dieser Person in Erscheinung tritt. Von den 250 Fällen, die Mr. Gurney untersucht hat, traten 134 derartiger Erscheinungen in dem Augenblicke des Absterbens ein. Man kann sich vorstellen, daß gerade dann der Geisteskörper soweit stoffliche Eigenschaften besitzt, daß er von einem sympathischen menschlichen Auge wahrgenommen werden kann, während später solche Möglichkeit schwindet. Derlei Erscheinungen sind jedoch sehr selten im Vergleich zu der Gesamtzahl der Todesfälle. Mir scheint, in den meisten Fällen wird der soeben Verstorbene von der Ungeheuerlichkeit seiner Erfahrung allzu sehr erschüttert sein, um an andere denken zu können. Er versucht, sich mit denen, die er sieht, zu verständigen, findet aber, daß Stimme und Druck seines ätherischen Körpers unzureichend sind, um auf die nur gröberen Reizen zugänglichen menschlichen Organe einzuwirken. Dürfen wir hier nicht wenigstens als spekulative Erwägung die Frage andeuten, ob nicht vielleicht die Strahlen auf dem äußersten Ende des Spektrums, die nur mit Hilfe besonderer Mittel von uns wahrgenommen werden können, und ob ferner nicht die Tonschwingungen, die nur durch die Vibrationen eines Diaphragma nachgewiesen werden können, sich als geeignet erweisen könnten, unsere Kenntnis psychischer Phänomene zu erweitern? Dies aber nur als beiläufige Bemerkung.

Der soeben Verstorbene wird sich plötzlich der Tatsache bewußt, daß außer den Lebenden noch andere Wesen sich im Raume befinden, die ihm genau so deutlich sichtbar erscheinen. Und unter ihnen sieht er vertraute Gesichter. Er fühlt sich geküßt von denen, die er liebte, fühlt seine Hand ergriffen. Und voll von Erstaunen und Wunder schwebt er in ihrer Gesellschaft hinaus in sein neues Dasein, hindurch durch alle materiellen Gegenstände, während höhere Wesen, die des neuen Ankömmlings harrten, die Führung übernehmen.

So lautet die bestimmte Kunde. Sie wird immer wieder gebracht, von einem nach dem anderen, mit einer Beständigkeit, welche Glaubwürdigkeit erheischt. Sehr verschieden ist diese Lehre von den Doktrinen irgendeiner alten Theologie. Der Geist des Verstorbenen wandelt sich nicht zum verklärten Engel oder zum hölleverdammten Sünder – nein, er bleibt sein früheres Ich, mit seiner Stärke und Schwäche, seiner Weisheit und Torheit, wie er auch sein persönliches Aussehen behalten hat. Wir sollten wohl annehmen, daß das Ungeheure des Erlebnisses auch bei dem Frivolsten und Einfältigsten sich als reinigende Kraft erweisen würde. Aber auch hier stumpfen sich die äußeren Eindrücke bald ab. Auch in der neuen Umgebung kann die alte Natur wieder zum Durchbruch kommen, und der Frivole kann als Frivoler überleben, wie unsere Sitzungen beweisen.

Und jetzt – vor dem Eintritt in sein neues Leben – befällt den Geist ein Schlaf, dessen Dauer verschieden ist – manchmal von kaum nennenswerter Länge, manchmal sich über Wochen und Monate ausdehnend. Raymond erklärt, sein Schlaf habe sechs Tage gewährt, – derselbe Zeitraum, der mir in einem Falle meiner persönlichen Erlebnisse angegeben wurde. Dagegen berichtete Mr. Myers, daß er während sehr langer Zeit von Bewußtlosigkeit umfangen gehalten wurde. Ich kann mir vorstellen, daß die Dauer des Schlafes dem Grade unserer irdischen Sorge und geistigen Benommenheit entspricht. Je größer dieselbe, desto länger der Schlaf, um die irdischen Eindrücke zu verwischen. Wahrscheinlich bedarf das kleine Kind überhaupt nicht eines derartigen Überganges. Aber diese Bemerkungen sind rein spekulative Erwägungen. Jedenfalls zeigen alle Aussagen eine beträchtliche Übereinstimmung darin, daß eine Periode der Bewußtlosigkeit sich einstellt, sobald der erste Eindruck des neuen Daseins verschwunden und bevor die neuen Pflichten ihren Anfang genommen haben.

Erwacht der Geist aus seinem Schlafe, so ist er schwach – schwach wie das irdische Kind nach seiner Geburt. Aber bald kehrt die Kraft zurück, und mit ihr beginnt das neue Leben.

Jetzt führt uns die Gedankenfolge zu den Begriffen von Himmel und Hölle. Natürlich bricht die Vorstellung von der Hölle in sich zusammen, wie sie ja längst keinen Platz mehr hatte in dem Hirn irgendeines vernünftigen Menschen. Dieses gräuliche Hirngespinst mit seiner brutalen Schändung unseres Schöpfers erstand aus den Übertreibungen orientalischer Phantasie. Es war zweckdienlich in einem rohen Zeitalter, als die Menschheit vor den Schrecken des Feuers zurückbebte. Hölle als dauernder Aufenthaltsort ist ein Wahn, aber die Idee der Strafe, der Gedanke an eine reinigende Züchtigung, so Ähnliches wie Fegefeuer, findet rechtfertigende Bestätigung durch die Nachrichten aus dem Jenseits. Ohne derartige Strafe keine Gerechtigkeit im Weltall. Unmöglich kann man annehmen, daß ein Rasputin dasselbe Schicksal erlebe wie ein Vater Damien. Ebenso sicher wie empfindlich ist die Strafe. In weniger ernsten Fällen besteht sie nur darin, daß niedrigstehende Seelen sich in niedrigen Sphären aufhalten müssen mit dem Bewusstsein ihrer eigenen Schuld, aber auch mit der Hoffnung, daß eigene Buße unter dem Beistand höherer Wesen sie erziehen und zu höherer Sphäre erheben wird. In dieser erlösenden Arbeit liegt zum Teil die Tätigkeit der höheren Wesen. In ihrem prächtigen, nach ihrem Tode veröffentlichten Buch äußert Miß Julia Ames die denkwürdigen Worte: »Es ist die größte Freude im Himmel, die Hölle zu leeren.«

Diese zur Prüfung und Reinigung bestimmten Sphären sollten eher als eine Art Heilstätte für krankende Seelen betrachtet werden, denn als Mittel zur Strafe. Im übrigen stimmen alle Botschaften überein, daß die Daseinsbedingungen im Jenseits wonnige sind. Die zueinander gehören, finden sich. Die, welche sich lieben oder gemeinsame Interessen haben, werden vereinigt. Das Leben ist angefüllt mit fesselnder Tätigkeit, und niemand würde wünschen, zur Erde zurückzukehren. Das alles sind Botschaften des Heils und der Freude. Sie beruhen nicht auf vager Hoffnung und Glaubensduselei. Das wiederhole ich ausdrücklich. Sie sind bekräftigt durch alle Gesetze der Beweisführung, welche verlangen, daß ein Bericht, der von vielen unabhängigen Zeugen übereinstimmend abgegeben wird, beanspruchen darf, als wahr zu gelten. Würde derartiger Bericht von verklärten Seelen melden, die sofort gereinigt von aller menschlichen Schwäche sich in dauernder Ekstase um den Thron des Allmächtigen bewegen, so wäre man berechtigt solche Kunde als einfache Reflexion volkstümlicher Theologie zu betrachten, wie sie allen als Medium dienenden Personen in ihrer Jugend gelehrt wurde. Aber tatsächlich lauten diese Berichte ganz anders als die Lehren irgendeines der bestehenden Religionssysteme. Auch sind sie durch die Tatsache bekräftigt, daß sie doch schließlich – ganz abgesehen von ihrer Beständigkeit – das Endergebnis einer langen Reihe von Phänomenen darstellen, deren Wahrhaftigkeit von allen, die sie untersuchten, bestätigt wurde.

Was im allgemeinen die Lehre vom Leben nach dem Tode betrifft, so könnte man einwerfen, daß der religiöse Glaube uns diese Erkenntnis bereits gibt. Aber so herrlich der persönliche Glaube des einzelnen auch sein mag, er hat sich als Eigentum der Masse immer als zweischneidiges Schwert erwiesen. Gäbe es einen allen Menschen gemeinsamen Glauben, und wären die Institutionen des Menschengeschlechtes konstante, so wäre es gut. Aber dem ist nicht so. Mit dem Ausdruck »religiöser Glaube« bezeichnen wir etwas, von dessen Wahrheit wir zwar durchdrungen sind, ohne imstande zu sein, sie zu beweisen. Der eine sagt: »Ich glaube dies!« Der andere entgegnet: »Ich glaube das!« Beide bleiben den Beweis schuldig, und anstatt des Beweises kämpfen sie miteinander, entweder geistig, oder, wie in Alten Zeiten, mit physischen Waffen. Der Stärkere ist geneigt, den Schwächeren zu verfolgen und ihn zwangsweise zu seinem »wahren Glauben« zu bekehren. Philipp der Zweite besaß starken klaren Glauben, und so tötete er mit logischer Konsequenz einhunderttausend ungläubige Niederländer in der Hoffnung, die Landsleute derselben zu seiner eigenen Glaubenswahrheit zu treiben. Würde man sich zu der Erkenntnis aufschwingen, daß es durchaus nicht tugendhaft ist, für eine unbeweisbare Behauptung die Anerkennung als Wahrheit in Anspruch zu nehmen, so würden wir gezwungen werden Tatsachen zu beachten, logische Schlüsse aus ihnen zu ziehen, um auf Grund derselben vielleicht zu allgemeiner Verständigung zu gelangen. Gerade deshalb erscheint mir diese psychische Bewegung so wertvoll. Ihre Basis steht einigermaßen fester als die durch Bibeltexte, Traditionen und Intuitionen geschaffene. Sie bedeutet eine Religion auf Grund unserer heutigen Erkenntnis aus dem Diesseits und Jenseits, also einer zweifachen Erkenntnis, an Stelle der antiken Überlieferungen unserer eigenen Erde.

Wir dürfen uns die kommende Welt nicht so vorstellen, als gleiche sie einem zierlichen, ordnungsgemäß bepflanzten Garten, der sich leicht beschreiben lässt. Die Boten, die mit uns Fühlung suchen, befinden sich wahrscheinlich alle in einem mehr oder weniger gleichen Stadium der Entwickelung, und stellen gleichsam die gleiche Lebenswoge dar, wie sie von dem Gestade unserer Erde abgleitet. Gewöhnlich stammen diese Mitteilungen von den erst kürzlich Verschiedenen und werden mit den Jahren schwächer, wie sich ja auch erwarten lässt. In dieser Beziehung ist die Tatsache lehrreich, daß Christus dem Paulus und seinen anderen Jüngern innerhalb weniger Jahre nach seinem Tode wiedererschien – wie die Überlieferung sagt – und daß niemand unter den ersten Christen behauptet, ihn später wieder gesehen zu haben. Die Fälle, daß vor längerer Zeit Abgeschiedene sichere Beweise ihrer Existenz geben, sind selten. Aus diesem Grunde stammen unsere Nachrichten gewissermaßen von einer und derselben Generation, und wir dürfen sie nicht als abschließende, sondern müssen sie als lückenhafte Meldungen betrachten. In wie verschiedenem Lichte die Geister, ihrer eigenen Entwicklungsstufe entsprechend die Dinge beurteilen, geht aus dem Beispiel der Miß Julia Ames hervor, die zuerst eine ständige Verbindung herstellen wollte, dann aber nach fünfzehn Jahren erklärte, daß unter Millionen von Geistern kaum ein einziger den Wunsch habe, mit Menschen Berührung zu pflegen, nachdem ihre eigenen Lieben den Weg zum Jenseits gefunden haben. Mögen also auch die uns zukommenden Berichte einseitig und lückenhaft sein, so sind sie dennoch mit Beharrlichkeit gleichlautend und verdienen auch in ihrer Unvollkommenheit außerordentliche Beachtung. Denn sie künden von unserem eigenen Geschick und dem unserer Lieben. Alle stimmen überein, daß die von dem Verstorbenen zunächst erreichte Phase nur beschränkte Zeit andauert und daß andere Phasen der Entwickelung sich anschließen. Aber es scheint, als ob der Verkehr zwischen den Angehörigen verschiedener Phasen inniger ist als zwischen uns und Geisterland. Die Wesen auf niederer Entwickelungsstufe können nicht nach eigenem Gutdünken in die Sphären höherer Entwickelung aufsteigen, aber die höheren Wesen können zu den niederen herabsteigen. Zwischen ihrem Dasein und dem irdischen in seiner vollendetsten Gestalt besteht eine nahe Analogie. Hier Leben des Körpers – dort Leben des Geistes. Nahrung – Geld – sinnliche Lust – Schmerzen – sind vergangen und vorüber. Aber intellektuelle, geistige und seelische Erkenntnis ist erweitert und gewachsen. Verschiedenartige Sprache wird nicht länger zum Hindernis der Verständigung, da der Gedanke die Stelle des Wortes vertritt. Wie nahe der Zusammenhang verwandter Seelen wird, zeigt das Beispiel von Myers, Gurney und Roden Noel, die während ihres Erdenlebens gemeinsam arbeiteten und befreundet waren. Sie sandten ihre Botschaften durch Mrs. Holland, welche keinen der drei kannte. Und dennoch brachte jede Botschaft Einzelheiten, die für die Verstorbenen charakteristisch waren und von denen, die sie kannten, als wahr anerkannt wurden.

Wir haben jetzt die Umrisse des Daseins im Jenseits in seiner einfachsten Gestalt gezeichnet. Aber als Ganzes betrachtet ist dieses Dasein durchaus nicht einfach. Unser Auge kann nur in nebelhaftem Schimmer unendliche Sphären wahrnehmen, die dort in Dunkelheit absteigen, hier in Verklärung hinaufführen – alle im Dienste der Entwickelung eines guten Willens, des vollen Lebens.

Auch darin stimmen alle Botschaften überein, daß kein religiöses Glaubensbekenntnis hier auf Erden dem Bekenner dort im Jenseits Vorteile bringt. Der persönliche Charakter, die errungene Stufe der irdischen Entwickelung – sie bedeuten alles. Glaubensbekenntnisse, die das Gebet fördern und die Augen nach oben richten, sind wertvoller, als diejenigen, welche die Augen im Staube halten. Also in diesem Sinne, als Stufe zum geistigen Leben – und in keinem anderen Sinne – hat jede Glaubensform ihren Wert für den einzelnen. Wenn der Tibetaner bei dem Schwirren eines metallenen Zylinders bekennt, daß ein höheres Wesen existiert als seine Berge, so ist es gut. Im Dienste dieses einen Zweckes ist es gut. Wir dürfen in solchen Dingen keine zu pedantischen Kritiker sein.

Noch einen Punkt müssen wir hier in Erwägung ziehen. Zuerst scheint er auffällig und überraschend, aber dennoch, bei einiger Überlegung, durchaus verständlich. Wir meinen die beständig aus dem Jenseits wiederkehrende Versicherung, daß der soeben Verstorbene nicht weiß, daß er tot ist, und daß er langer, manchmal sehr langer Zeit bedarf, um diese Tatsache voll zu verstehen. Alle Nachrichten stimmen überein, daß dieser Zustand der Verwirrung und Benommenheit schädlich ist, da er die Entwickelung beeinträchtigt. Allein die Erkenntnis der tatsächlichen Wahrheit schon während des irdischen Lebens kann solche Benommenheit verhindern. Wenn die neuen Verhältnisse sich als so gänzlich verschieden von dem erweisen, was dem Lebenden Wissenschaft und Religion gelehrt hatte, wenn alles so ganz unvorbereitet über den Verstorbenen hereinbricht, so ist es kein Wunder, daß er das ungeheure, neue Erlebnis als wirren, fremdartigen Traum betrachtet. Je fester seine Anschauungen in starrer Orthodoxie verankert waren, desto unmöglicher wird es ihm, diese Erlebnisse mit allem, was sie bedeuten, als Wirklichkeit zu erfassen. Aus diesem Grunde, wie aus vielen anderen Gründen, bringt die neue Offenbarung der Menschheit eine sehr heilsame Erkenntnis. Weniger wichtig, aber immerhin doch von praktischer Bedeutung, ist die Erkenntnis, daß die an Jahren alten Menschen trotz ihres Alters andauernd bestrebt sein sollten, an ihrer Entwickelung und Veredelung weiterzuarbeiten. Ist den Alten auch keine Zeit auf Erden vergönnt, neu Erworbenes zu verwerten, so bleibt das Erworbene ihr seelisches Eigentum, welches ihnen in das Jenseits folgt.

Auf die kleineren Einzelheiten des Lebens im Jenseits wollen wir hier nicht eingehen, eben deshalb, weil sie kleinere Einzelheiten sind. Wir alle werden sie bald selbst erleben. Nur törichte Neugierde kann jetzt schon nach ihnen fragen.

Viele klagen, daß dieses uns von den Verstorbenen beschriebene Jenseits allzu materiell sei für ihren Geschmack.

Nun, auch in dieser Welt gibt es so mancherlei, was anders ist, als wir es wünschen. Aber nichtsdestoweniger besteht es. Wollen wir aber diese Anklagen untersuchen und uns bemühen, ein System aufzustellen, das die Idealisten befriedigen könnte, so würde sich unsere Aufgabe recht schwierig gestalten. Sollen wir in Zukunft nicht mehr sein als Hauch, ein gasförmiges, im Äther schwebendes Gebilde des Glücks? So scheint die Vorstellung dieser Leute. Aber wenn nicht ein Körper, dem unsrigen gleichend, fortexistiert, wenn unsere Individualität aufhört, so hören wir selbst auf und sind verschwunden. Was könnte einer Mutter daran liegen, einem verklärten, unpersönlichen Wesen zu begegnen? Würde sie nicht sagen: »Du bist nicht mein Sohn, den ich verloren habe ... ich sehne mich nach seinem blonden Haar ... nach seinem herzigen Lachen ... nach seinen kleinen Eigentümlichkeiten, die ich so liebte?« Jawohl, das ist's, nach dem die Mutter verlangt. Und das ist es auch, was ihr beschieden sein wird. Aber derartige Wünsche könnten nicht durch eine Neuordnung erfüllt werden, welche jede Erinnerung an die Materie ausschließt und uns in die vage Atmosphäre schwebender Wesenlosigkeit versetzt.

Auf der anderen Seite macht sich die entgegengesetzte Anschauung geltend, daß ein Leben mit starken Vorstellungen, tatkräftigem Wollen in wahrhaftiger Umgebung verbunden sein könnte mit so ätherischem Stoffe. Und hier müssen wir uns daran erinnern, daß alle Vorstellungen nur relative sind.

Könnten wir uns eine tausendfach dichtere, schwerere Welt vorstellen, als unsere irdische, so würden die Bewohner derselben ihre Lebensverhältnisse nicht anders empfinden, als wir die unseren. Denn die ihnen eigentümliche Kraft, Anlage und Eigenschaften wären proportionelle. Kämen jedoch solche Geschöpfe mit uns in Berührung, so würden sie uns für ätherische Wesen halten, die in sonderbarer, leichter, geisterhafter Atmosphäre leben. Sie würden außer acht lassen, daß wir in ähnlicher Weise wie sie selbst fühlen und handeln können, weil zwischen uns und unserer Umgebung der harmonische, proportionelle Ausgleich besteht, geradeso wie bei ihnen.

Auch uns scheint es, als führten diese Geisterwesen ein Leben von Rauch und Schatten. Auch wir vergessen, daß bei ihnen proportioneller harmonischer Ausgleich besteht, so daß das Geisterland, welches uns als bloßer Traum erscheinen mag, seinen Bewohnern wahrhafte Wirklichkeit bietet, wie uns die irdische Welt, und daß Geisterkörper dem Geisterkörper ebenso greifbar und fühlbar wird, wie Erdenkörper dem Erdenkörper.

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