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Was ist Spiritismus?

Arthur Conan Doyle: Was ist Spiritismus? - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorArthur Conan Doyle
titleWas ist Spiritismus?
publisherBohmeier Verlag
addressLeipzig
yearo. J.
firstpub1921
translatorCurt Abel-Musgrave
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20110629
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Die neue Offenbarung

Erster Teil: Auf der Suche

Ich habe über kein anderes Problem länger nachgedacht und mein Urteil langsamer gebildet als über das Problem psychischer Forschungen und Erscheinungen. Ab und zu wird man auf seiner Lebensbahn durch einen kleinen Zwischenfall unliebsam daran erinnert, daß die Zeit dahinschwindet mit Jugend und gereiftem Mannesalter.

Solch ein Ereignis trug sich kürzlich zu. In der vortrefflichen kleinen Zeitschrift »Light« wird eine besondere Spalte der Erinnerung an die Geschehnisse vor einem Menschenalter – etwa dreißig Jahren – gewidmet. Da las ich kürzlich zu meiner Überraschung meinen eigenen Namen unter einem Brief aus dem Jahre 1887, in welchem ich über ein interessantes Erlebnis in einer spiritistischen Sitzung berichtet hatte. Mein Interesse an diesem Problem ist somit ein altes, und mein Urteil ist kein hastig gebildetes. Erst während der letzten zwei Jahre habe ich die endgültige Erklärung abgegeben, die Beweiskraft des mir gebotenen Materials als zufriedenstellend und überzeugend anzuerkennen.

Wenn ich einige meiner persönlichen Erfahrungen und Schwierigkeiten schildere, so hoffe ich, werden mir meine Leser nicht egoistische Motive unterschieben. Auf dem eingeschlagenen Weg lassen sich vielmehr die Punkte, die auch jedem anderen Sucher begegnen werden, am klarsten und schärfsten in ihren Umrissen skizzieren. Haben wir diesen Weg zusammen zurückgelegt, so werden wir zu Dingen fortschreiten können, die weniger persönlichen und allgemeineren Charakter tragen.

Nachdem ich im Jahre 1882 mein medizinisches Studium beendet hatte, vertrat ich, wie viele andere junge Mediziner, in der Frage unserer persönlichen Bestimmung eine durchaus materialistische Auffassung. Doch hatte ich nie aufgehört, ein ernster Geist zu sein, denn mir schien es, als ob die Frage Napoleons niemals beantwortet worden sei – damals, als er in der sternklaren Nacht Ägyptens die atheistischen Gelehrten frug: »Und meine Herren, wer hat diese Sterne gemacht?« Behauptet man, das Universum sei das Werk unwandelbarer Gesetze, so schiebt man die Antwort nur zurück, ursächlich und zeitlich. Denn wer hat diese Gesetze gemacht? Natürlich glaubte ich nicht an einen anthropomorphen Gott, aber dennoch besaß ich damals schon meine heutige Überzeugung, daß sich hinter all den Erscheinungen der Natur eine intelligente Kraft verbirgt, unendlich komplex und erhaben, und daß mein endlicher Verstand gerade bis zur Feststellung der Existenz dieser Kraft vordringen kann. Recht und Unrecht erschienen mir ebenfalls schon damals als große, klare Tatsachen, die keiner göttlichen Offenbarung bedürfen. Aber in der Frage des Fortlebens unserer kleinen Persönlichkeit nach dem Tode, schien mir die ganze Analogie der Natur als verneinender Beweis. Sobald das Licht zu Ende gebrannt, ist es verschwunden. Zerbricht die elektrische Batterie, so hört der Strom auf. Mit der Auflösung des Körpers kommt das Ende. Jeder einzelne von uns mag in seiner Selbstsucht annehmen, daß er eigentlich verdiene weiterzuleben. Aber würde irgendjemand die Behauptung wagen, daß ein vernünftiger Grund vorhanden sei, den durchschnittlichen Müßiggänger und Tunichtgut hoher oder tiefer Gesellschaftsschichten mit seiner Persönlichkeit fortleben zu lassen nach seinem natürlichen Tode? Derlei Annahme schien mir Verblendung. So war ich denn überzeugt, daß der Tod tatsächlich das Ende bringe – wenn ich auch in solcher Tatsache keinen Grund erblickte, unsere Pflichten gegen die Menschheit während unseres vorübergehenden Daseins schmälernd zu beeinflussen.

In dieser Gemütsverfassung kam ich zum ersten Male mit dem spiritistischen Phänomen in Berührung. Bis dahin hatte ich die ganze Sache als den größten Unsinn auf Erden betrachtet. Ich hatte von der Entlarvung betrügerischer Medien gehört und wunderte mich, wie irgendein vernünftiger Mensch solche Dinge glauben könne. Da traf ich mit einigen Freunden zusammen, die sich für die Frage interessierten, und ich beteiligte mich mit ihnen an Sitzungen, verbunden mit »Tischrücken«. Wir erhielten zusammenhängende Botschaften. Aber als einziges Resultat dieser Erlebnisse hatten wir, fürchte ich, die Tatsache zu verzeichnen, daß ich meine Freunde mit Argwohn betrachtete. Sehr oft waren es lange, sich ruckweise einstellende Botschaften. Der Zufall konnte sie unmöglich hervorbringen. Also war's irgendjemand, der den Tisch bewegte. Ich hatte meine Freunde in Verdacht, sie wahrscheinlich mich. Jedenfalls stand ich vor einem Rätsel und fühlte mich bedrückt, denn ich konnte mich doch nicht zu der Annahme entschließen, daß meine Freunde fähig waren, einen Betrug zu verüben. Und dennoch konnte ich mir diese Botschaften ohne bewusst auf den Tisch ausgeübten Druck nicht erklären.

Ungefähr um diese Zeit – es war im Jahre 1886 – fiel mir ein Buch in die Hand: »Die Erinnerungen des Richters Edmunds.« Der Verfasser war Richter der Vereinigten Staaten High Courts, ein Mann in hoher gesellschaftlicher Stellung. Seine Gattin war gestorben, so schreibt er, und jahrelang war er imstande gewesen, mit ihr in Verbindung zu bleiben. Alle Einzelheiten waren geschildert. Ich las das Buch mit Interesse, doch mit völligem Skeptizismus. Mir schien es ein Beweis dafür zu sein, daß ein im harten, praktischen, nüchternen Leben stehender Mann eine schwache Stelle in seinem Gehirn haben könne, gewissermaßen als Reaktion gegen die nüchternen Tatsachen seiner täglichen Arbeitsleistung. Wo befand sich denn der Geist, von dem dieser Mann faselte? Man bedenke einmal: irgendjemand verletzt sich den Schädel während eines Unglückfalls, so kann sein ganzer Charakter in Mitleidenschaft gezogen werden, aus einer hoch angelegten Natur kann plötzlich eine tiefstehende werden. Alkohol, Opium und viele andere Agentien können offenbar das Seelenleben des Menschen gänzlich verändern. Also hängt der Geist von der Materie ab. In diesen Bahnen bewegten sich meine damaligen Argumente, weil ich mich nicht zu der Erkenntnis aufgeschwungen hatte, daß sich in solchen Fällen nicht der Geist verändert, sondern der Körper, durch dessen Vermittlung der Geist arbeitet, ebenso wie man kein Recht hätte, die Existenz des Musikers wegzuleugnen, wenn man das Instrument desselben untauglich macht, so daß nur Mißtöne entstehen können.

Aber trotz alledem war ich genügend interessiert, um die Literatur zu lesen, die mir gerade in die Quere kam. Da war ich denn erstaunt über die Zahl großer Männer, – Männer im Vordergrunde der Wissenschaft – welche durchdrungen waren von der Überzeugung, daß Geist von Materie unabhängig sei und daß Geist die Materie überleben könne. Solange ich den Spiritismus als vulgäre Delusion ungebildeter Leute betrachten durfte, konnte ich vornehm auf denselben herabblicken. Sobald aber der Spiritismus Fürsprecher fand in Leuten wie Crookes (den ich als einen der am meisten versprechenden, aufstrebenden britischen Chemiker kannte), wie Wallace (der mit Darwin um die Palme rang) wie Flammarion (einem der hervorragendsten Astronomen) – ja, dann allerdings ließ sich die Sache nicht so einfach ad acta legen. Gewiß ist's kein Kunststück, die Schriften nichtachtend beiseite zu schleudern, in welchen diese Männer ihre sorgfältigen Untersuchungen und gereiften Schlußfolgerungen niedergelegt haben. Kein Kunststück zu sagen: »Naja, er hat eben eine wunde Stelle in seinem Gehirn!« Man muss schon in hohem Maße mit sich selbst zufrieden sein, wenn man nicht eines Tages dazu kommt, sich selbst die Frage zu stellen, ob nicht vielleicht solch wunder Punkt im eigenen Hirn vorhanden sei. Mein Skeptizismus fand einige Zeit lang in der Tatsache Nahrung, daß viele berühmte Männer wie Darwin, Huxley, Tyndall und Herbert Spencer diesen neuen Zweig des Wissens verlacht haben. Sobald ich aber erfuhr, daß ihre Abneigung so weit ging, daß sie nicht einmal die Sachlage untersuchen wollten, – so weit, daß Spencer erklärte, er habe sein Urteil aus a priori Gründen gefällt – so weit, daß Huxley sagte, die Sache interessiere ihn überhaupt nicht, – ja, dann mußte ich gestehen, daß diese Männer, so groß sie auch in ihren Wissenschaften waren, in dieser Frage wenigstens höchst unwissenschaftlich und dogmatisch gehandelt hatten. Im Gegensatz zu ihnen folgen diejenigen, welche das Phänomen studieren und seine Gesetze aufsuchen, dem wahren Weg, der allein uns zu aller wissenschaftlichen Erkenntnis und fortschrittlichen Entwicklung geführt hat. Jetzt stand mein Skeptizismus nicht mehr auf so sicherer Grundlage wie vorher. Allerdings wurde er durch meine eigenen Experimente einigermaßen bestärkt. Da ich aber ohne ein Medium arbeitete, glich ich einem Astronomen, dem kein Teleskop zur Verfügung steht. Ich selbst besitze keinerlei eigene psychische Kräfte, und meine Mitarbeiter waren ungefähr in derselben Lage. Zusammen konnten wir gerade genug von der magnetischen Kraft aufbringen – oder wie man dieselbe nun benennen soll – um Bewegungen des Tisches hervorzurufen und verdächtige, oft recht dumme Botschaften zu übermitteln. Noch heute bewahre ich meine Aufzeichnungen betreffs dieser Sitzungen und Kundgebungen. Sie waren aber nicht immer so ganz töricht. Als ich einmal eine Probefrage stellen und wissen wollte, wie viele Geldstücke sich in meiner Tasche befanden, kam die Antwort: »Wir sind hier versammelt, um uns zu erziehen und zu erheben, nicht um Rätsel zu raten.« ... Und dann: »Nicht die kritische, sondern die religiöse Verfassung des Gemütes wollen wir pflegen!«

Das war sicherlich keine kindische Äußerung. Mich verfolgte aber immer noch die Furcht, daß durch die an der Sitzung Teilnehmenden unwillkürlicher Druck ausgeübt werden könne. Um diese Zeit stellte sich ein Ereignis ein, welches mich mit Abscheu erfüllte und mir rätselhaft blieb. Eines Abends waren die Bedingungen ausgezeichnet. Die Bewegungen waren stark und anscheinend gänzlich unabhängig von unserem Handdrucke. Lange und detaillierte Botschaften stellten sich ein, die vorgaben, von einer Intelligenz zu kommen, die ihren Namen angab und einem Geschäftsreisenden angehört hatte, der kürzlich bei einem Theaterbrande in Exeter um das Leben gekommen sei. Alle Angaben waren genau, und er bat uns dringend, an seine Familie zu schreiben, die angeblich in Slattenmere in Cumberland wohnte. Ich schrieb, aber mein Brief kam durch das Postamt als unbestellbar zurück ... aus nur allzu natürlichen Gründen. Bis zum heutigen Tage weiß ich nicht, ob wir getäuscht wurden, oder ob in bezug auf den Namen des Ortes sich ein Versehen geltend gemacht hat. Aber so lagen die Dinge, und ich empfand solchen Widerwillen, daß wenigstens eine Zeitlang mein ganzes Interesse an der Sache verblaßte. Es war ja an und für sich sehr schön, einem Projekte nachzuspüren, aber wenn das Projekt mit faulen Scherzen antwortete, dann schien's doch an der Zeit, Schluß zu machen. Falls irgendwo in der Welt solch ein Ort wie Slartenmere existieren sollte, würde ich auch noch heute gern davon hören.

Zu dieser Zeit praktizierte ich als Arzt in Southsea. Dort wohnte General Drayson, ein merkwürdiger Charakter und Pionier des Spiritismus in England. Ich ging zu ihm mit meinen Sorgen und fand einen geduldigen Zuhörer. Meine Kritik über die Torheit vieler dieser Botschaften hatte bei ihm kein großes Gewicht. »Sie haben noch nicht die fundamentalen Erkenntnisse in Ihrem Kopfe«, sagte er. »Die Wahrheit ist, daß jeder noch im Fleisch dieser Welt steckende Geist genau so wie er ist, ohne jeden inneren Wandel, in die nächste Welt übergeht. Unsere Erde ist voll von schlechten oder dummen Menschen. Ganz so das Jenseits. Man braucht sich nicht mit ihnen abzugeben, ebenso wenig hier wie dort. Man ist in der Wahl seiner Gefährten vorsichtig. Wir wollen einmal annehmen, ein Mann hat auf dieser Erde als einsamer Einsiedler, ohne Umgang mit anderen, in seinem Hause gelebt. Nun will er sich plötzlich die Gegend ansehen und streckt den Kopf zum Fenster heraus. Was würde wohl geschehen? Wahrscheinlich würde irgendein ungezogener, in der Nähe befindlicher Bengel eine Unart hinaufrufen. Sicherlich aber würde der Einsiedler nichts von der Größe und Weisheit dieser Welt erschauen. Er würde seinen Kopf zurückziehen und meinen, die Erde sei doch ein gar jämmerlicher Platz. Genau dasselbe haben Sie getan. In einer planlosen Sitzung, ohne bestimmtes Ziel, haben Sie Ihren Kopf in die nächste Welt hinübergestreckt und sind einem ungezogenen Jungen begegnet. Gehen Sie vorwärts und versuchen Sie, Besseres zu erreichen.«

Das war Generals Draysons Erklärung. Wenn sie mich auch zur Zeit wenig befriedigte, heute glaube ich, daß sie so ungefähr der Wahrheit nahe kam.

Das waren meine ersten Schritte im Reich des Spiritismus. Ich war immer noch ein Skeptiker, aber doch immerhin ein Sucher, und wenn ich einen Kritiker gewöhnlichen Kalibers sagen hörte, daß hier überhaupt nichts vorhanden sei, das der Erklärung bedürfe, oder daß die ganze Geschichte Schwindel sei, oder daß ein Zauberkünstler erforderlich sei, um den Betrug aufzuklären, dann wußte ich jetzt wenigstens, solche Urteile als Unsinn einzuschätzen. Allerdings reichte das von mir selbst beigebrachte Beweismaterial vorläufig noch nicht aus, um mich an und für sich zu überzeugen, aber mein andauerndes Studium bewies mir, wie tief andere Leute in die Materie eingedrungen waren. Die Summe ihrer Zeugnisse war so schwerwiegend, daß keine andere religiöse Bewegung der Welt irgendwie Vergleichbares aufweisen konnte. Darin lag noch kein Beweis der Wahrheit, aber immerhin der Beweis, daß diese Forschungen berechtigt waren, Achtung für sich in Anspruch zu nehmen, und daß sie nicht geringschätzig in den Müllkasten geworfen werden durften. Wir wollen hier nur einen einzelnen Fall herausgreifen – – ein Ereignis, welches Wallace mit Recht als modernes Wunder bezeichnet hat. Ich meine seine Behauptung, daß D. D. Home (der nicht, wie so häufig gesagt wird, ein bezahlter Abenteurer war, sondern einer guten Familie angehörte) – – in einer Höhe von siebzig Fuß über dem Boden aus dem einen Fenster heraus in das andere hineinschwebte. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, das zu glauben. Und dennoch: die Tatsache wurde von drei Augenzeugen bestätigt: Von Lord Dunraven, Lord Lindsay und Kapitän Wynne, alle drei wohlangesehene Ehrenmänner, willens, die Tatsache mit ihrem Eide zu bestätigen. Unter diesen Verhältnissen kann man doch nicht anders als zugestehen, daß in diesem Falle die Beweisführung eine viel unmittelbarere war, als für jene altersgrauen Ereignisse, die von einer ganzen Welt als unverbrüchlich wahr anerkannt wurden.

Während dieser ganzen Zeit fuhr ich fort, Sitzungen abzuhalten, manchmal ohne Erfolg, manchmal mit trivialen Resultaten, aber einigemal mit überraschenden Ergebnissen. Ich habe die Aufzeichnungen über diese Sitzungen bewahrt und gebe hier einen Auszug wieder, der in sich abgeschlossene Ergebnisse enthält, die meinen bisherigen Anschauungen über das Leben nach dem Tode so widersprachen, daß sie mir damals eher amüsant als erbaulich erschienen. Aber heute sehe ich, daß sie mit den Angaben in »Raymond« und in späteren Berichten übereinstimmen, so daß ich sie jetzt mit anderen Augen betrachte. Ich weiß wohl, daß alle diese Berichte über das Leben nach dem Tode in Einzelheiten abweichen, jedoch meine ich, daß unsere eigenen Berichte über das Leben vor dem Tode gleichfalls sich in Einzelheiten voneinander unterscheiden würden. Aber in der Hauptsache bleibt doch eine sehr große Ähnlichkeit, welche bei der erwähnten Gelegenheit sich weit von den Vorstellungen entfernte, welche ich mir oder die beiden an der Sitzung beteiligten Damen sich gebildet hatten. Zwei Intelligenzen sandten Botschaften, – die eine nannte sich »Dorothy Poslethwaite«, ein uns dreien durchaus unbekannter Name. Sie war ihrer Angabe nach vor fünf Jahren im Alter von 16 Jahren in Melbourne gestorben, fühlte sich jetzt glücklich, habe Arbeit zu verrichten, habe dieselbe Schule besucht, wie eine der beiden mitwirkenden Damen. Als ich diese Dame bat, die Hände hoch zu halten und einige Namen zu nennen, da stürzte der Tisch um bei Nennung des Namens der damaligen Vorsteherin der Schule. Das schien mir allerdings gleichsam als beweiskräftige Probe. Die Intelligenz sagte weiter, daß die Sphäre, in der sie sich befand, rings die Erde umgebe, daß sie Kenntnisse über die Planeten besitze, daß Mars von Wesen bewohnt sei, die fortgeschrittener seien als die Menschen, daß die Kanäle daselbst künstlich hergestellte seien, ferner, daß körperlicher Schmerz in ihrer Sphäre nicht existiere, wohl aber Kummer des Gemütes möglich sei, daß eine Regierungsform herrsche, daß sie Nahrung zu sich nehmen, daß sie katholischen Glaubens war und noch sei, daß es ihr aber weder schlechter noch besser ergangen sei als den Protestanten oder Buddhisten oder Mohammedanern, daß es vielmehr allen gleich ergehe, daß sie niemals Christum gesehen habe und nicht mehr von ihm wisse als auf Erden, daß sie aber an seinen Einfluss glaube, daß die Geister beten, und in ihrer neuen Sphäre sterben müssen, bevor sie in eine andere übergehen, daß sie Vergnügungen kennen, wie z. B. Musik. Ihre Sphäre sei eine Stätte des Lichtes und Lachens. Reiche seien ebenso wenig vorhanden wie Arme, und die allgemeinen Verhältnisse seien viel glücklichere als auf Erden.

Nachdem diese Intelligenz sich verabschiedet hatte, wurde der Tisch von einer viel robusteren Gewalt gepackt und heftig hin und her geschleudert. Auf meine Frage erklärte die Intelligenz, der Geist eines Mannes zu sein, den ich Dodd nennen will – – eines ehemals berühmten Kricketspielers, mit dem ich ernste Unterredungen in Kairo hatte, bevor er nilaufwärts zog und bei der Dongolese Expedition seinen Tod fand. Mittlerweile sind wir am Jahre 1896 angelangt. Dodd war keiner der beiden Damen bekannt. Ich begann, Fragen zu stellen, gerade als säße er neben mir. Er sandte seine Antworten mit großer Schnelligkeit und Bestimmtheit zurück. Sie waren oft das Gegenteil von dem, was ich erwartete, so daß ich, meiner Ansicht nach, unmöglich einen Einfluss auf dieselben ausüben konnte. Er sagte, daß er glücklich sei und nicht den Wunsch habe, zur Erde zurückzukehren. Er war Freidenker gewesen, mußte aber im Jenseits deswegen nicht leiden. Gebet sei ein gutes Mittel, uns mit dem Jenseits in Verbindung zu halten. Hätte er als Mensch mehr gebetet, so würde er als Geist höher stehen. Ich mag hier darauf aufmerksam machen, daß diese Bemerkung mit seiner Versicherung im Widerspruch zu stehen scheint, daß er aus dem Grunde, weil er Freidenker gewesen sei, nichts habe leiden müssen. Allerdings vernachlässigen viele das Gebet, auch wenn sie nicht Freidenker sind. Sein Tod erfolgte ohne Schmerzen. Er hatte den Tod des jungen Polwhele, eines jungen Offiziers, der vor ihm starb, wohl im Gedächtnis. Bei seinem eigenen Tode wurde ihm ein Willkommen zuteil, aber Polwhele war nicht unter denen, die ihn begrüßten.

Auch er mußte Arbeit verrichten. Er wußte von dem Falle Dongolas, war aber nicht bei der Festlichkeit in Kairo nach seinem Tode anwesend gewesen. Der Umfang seiner Kenntnisse war größer als während seines Erdenlebens. Er erinnerte sich unseres Gespräches in Kairo. Die Zeit der Existenz in der nächsten Sphäre ist kürzer bemessen als auf Erden. Er hat weder den General Gordon noch den Geist irgendeiner anderen berühmten Persönlichkeit gesehen. Geister leben familienweise und in Gemeinschaften. Ehegatten treffen sich nicht notwendigerweise wieder, wohl aber diejenigen, welche sich auf Erden liebten.

Ich habe diese Synopsis mit der Absicht wiedergegeben, die Art der uns gemachten Mitteilungen zu zeigen, die allerdings sowohl in bezug auf Ausführlichkeit, wie auf Zusammenhang eine besonders günstige Probe darstellten. Sie beweist jedenfalls, daß die Behauptung vieler Kritiker, nur Albernheiten würden übermittelt werden, eine ungerechte ist. Obige Botschaft enthielt keine Torheit, es sei denn, daß wir alles Torheit nennen wollen, was unseren vorgefaßten Anschauungen widerspricht. Auf der anderen Seite aber – – welchen Beweis gab es denn, daß diese Behauptungen der Wahrheit entsprachen? Sie ließen mich bestürzt und verwirrt zurück, denn einen Beweis konnte ich nicht sehen. Heute aber, mit größerer Erfahrung, weiß ich, daß dieselbe Art Meldung sehr vielen Leuten, unabhängig voneinander, in vielen Ländern, überbracht worden ist, und ich glaube, daß die Übereinstimmung von Zeugen in allen Fällen einer Beweisführung einen gewissen Wert für die Beurteilung der tatsächlichen Wahrheit besitzt. Aber damals konnte ich eine derartige Vorstellung von der Zukunft nicht in mein eigenes philosophisches System hineinpassen. Ich nahm deshalb nur vorläufige Notiz und forschte weiter.

Ich fuhr fort, über dieses Thema viele Bücher zu lesen. Mehr und mehr lernte ich, den Schwarm von Zeugen zu würdigen, und zu verstehen, wie gewissenhaft ihre Beobachtungen angestellt wurden. Sie machten einen weit größeren Eindruck auf mich als die engbegrenzten Phänomene innerhalb meines eigenen kleinen Kreises. Da las ich das Buch von Monsieur Jacolliot über okkulte Phänomene in Indien. Jacolliot war höchster Richter der französischen Kolonie in Chandarnagar, ein Mann mit sehr kritisch abwägendem Verstande und starkem Vorurteil gegen den Spiritismus. Er führte eine Reihe von Experimenten mit eingeborenen Fakiren aus, die ihm vertrauten, da er ein sympathisches Wesen besaß und ihre Sprache beherrschte. Er beschreibt, wie sorgfältig er seine Maßregeln traf, um Betrug auszuschalten. Um eine lange Geschichte kurz zu machen, Jacolliot fand dort unter seinen Fakiren jegliches Phänomen fortgeschrittener Europäischer, den Medien eigentümlicher Kraft – – fand zum Beispiel, alles, was Home jemals vollbracht hatte. Fand Hebung des Körpers, Manipulationen mit Feuer, Bewegung von in der Entfernung befindlichen Gegenständen, rapides Wachstum von Pflanzen, Emporheben von Tischen. Die Fakire erklärten diese Phänomene als Werk der Pitris oder Geister. Der einzige Unterschied zwischen ihrer und unserer Prozedur bestand darin, daß sie größeren Wert auf direkten Anruf legten. Ihrer Versicherung nach seien ihnen diese Kräfte aus Urzeiten überkommen, aus der Zeit der Chaldäer. Diese Schilderungen übten auf mich einen großen Eindruck, denn hier kamen aus durchaus unabhängiger Quelle genau dieselben Resultate, ohne daß amerikanischer Betrug oder moderne Vulgarität in Frage kommen könnten – Vorwürfe, die in Europa gegen ähnliche Erscheinungen so oft erhoben worden sind. Zu dieser Zeit wirkte auf mich auch ein Bericht der Dialectical Society, obgleich dieser Bericht schon aus dem Jahre 1869 stammte. Diese Abhandlung hat stark überzeugende Beweiskraft, wurde aber von den Ignoranten und materialistisch gesinnten Zeitungsschreibern der damaligen Zeit mit Hohngelächter aufgenommen.

 

Aber dennoch war es ein Dokument von großem Werte. Die Gesellschaft war von einer Anzahl weitherziger klarköpfiger Leute aus guten gesellschaftlichen Kreisen gebildet worden, um den physischen Phänomenen des Spiritismus nachzuforschen. Über alle Resultate der Untersuchungen wird voller Bericht gegeben, einschließlich der umständlichen Maßregeln, die als Schutz gegen Betrug getroffen waren. Hat man diese Ausführungen gelesen, so drängt sich die Überzeugung auf, daß eine andere Schlußfolgerung, als die von der Gesellschaft erzielte, unmöglich gewesen wäre, nämlich die Schlußfolgerung, daß die erlebten Phänomene zweifellos echt gewesen sind und auf Gesetze und Kräfte hindeuten, die von der Wissenschaft noch nicht erforscht wurden. Ist es nicht eine höchst eigentümliche Tatsache: wäre das Verdikt gegen den Spiritismus ausgefallen, so würde es sicherlich als Todesstoß gegen die ganze Bewegung begrüßt worden sein, während es jetzt, da es die Tatsache der Phänomene bekräftigte, nur Verhöhnung fand. Eine ganze Reihe von Untersuchungen wurde mit gleichem Schicksal bedacht seit den im Jahre 1848 in Hydesville vorgekommenen Phänomenen – mit gleichem Schicksal mußte sich auch Professor Hare von Philadelphia abfinden, der zum Feldzug gegen den Spiritismus auszog und gleich einem Sankt Paul schließlich der Wahrheit die Ehre geben mußte.

Ungefähr im Jahre 1891 wurde ich Mitglied der Psychical Research Society (Psychische Forschungsgesellschaft) und genoss den Vorteil, alle Berichte lesen zu können. Die Welt schuldet dem zielbewußten Eifer und der nüchternen Berichterstattung dieser Gesellschaft großen Dank, wenn auch gerade diese Nüchternheit den Leser manchmal ungeduldig werden lässt. Man hat so das Gefühl, daß die Berichterstattung, in ihrem Wunsche alles sensationelle Haschen zu vermeiden, auf die Allgemeinheit nicht gerade ermutigend wirkt, von der trefflichen Arbeitsleistung der Gesellschaft nutzbare Kenntnis zu nehmen. Die halbwissenschaftliche Terminologie schreckt den durchschnittlichen Leser. Man möchte manchmal an die Worte eines amerikanischen Trappers in den Rocky Mountains denken, der einen gelehrten Akademiker umhergeführt hatte und mir sagte: »Der Mann war so gescheit, daß man ihn überhaupt nicht verstand.« Aber abgesehen von diesen kleinen Eigentümlichkeiten, müssen wir anerkennen, daß wir alle, die wir nach Licht in der Dunkelheit suchen, dieses Licht mit Hilfe der methodischen, unermüdlichen Arbeit der Gesellschaft gefunden haben. Sie gehörte zu den Einflüssen, die meinen Gedanken Gestalt gab.

Und nun kam auch von anderer Seite eine tiefe Wirkung. Zwar hatte ich bisher von den wunderbaren Erlebnissen all der großen Experimentatoren Kenntnis genommen, aber niemals war ich dem Versuche begegnet, ein System aufzubauen, welches diese Erfahrungen einheitlich umfasste. Nun aber las ich das monumentale Buch von Myers »Human Personality« (menschliche Persönlichkeit) – ein wahrhaft großes Werk, welches wurzelgleich einem Baum der Erkenntnis das Leben geben wird. Zwar war Myers nicht imstande, eine gemeinsame Formel für alle die als »spiritualistisch« bezeichneten Phänomene zu geben, aber bei Untersuchung der spezifischen Einwirkung von Hirn auf Hirn und Gemüt auf Gemüt, welche Myers selbst als »Telepathie« bezeichnet, brachte er einen so vollständigen Beweis, daß diese Erscheinung nunmehr als wissenschaftliche Tatsache bei allen denen gelten muss, die sich nicht absichtlich den Beweisen verschließen wollen. Das bedeutete einen ungeheuren Fortschritt. Kann eine Fernwirkung von dem menschlichen Geist stattfinden, dann gibt es gewisse menschliche Kräfte, die sich zur Materie ganz anders verhalten, als wir bisher verstanden haben. Der Boden schwankte unter den Füßen des Materialisten und mein früherer Standpunkt war vernichtet. Ich erwähnte vorher einmal: Die Flamme kann nicht ohne die Kerze existieren. Aber hier wirkte die Flamme in weiter Entfernung, gewissermaßen aus eigener Kraft. Also war die angeführte Analogie eine Täuschung. Wenn das Gemüt, der Geist, die Intelligenz des Menschen, in Entfernung vom Körper wirken kann, so besteht hier eben ein Etwas, das in entsprechendem Grade selbständige Existenz besitzt. Warum sollte dieses »Etwas« nicht auch fernerhin selbständig weiter existieren können, wenn der Körper vergangen? Nicht nur machten Einwirkungen von soeben Verstorbenen aus der Entfernung sich geltend, sondern nachweislich stellten sich mit diesen Einwirkungen tatsächliche Erscheinungen Verstorbener ein. Also wurden diese Einwirkungen durch ein »Etwas« vermittelt, das zwar dem Körper glich, aber dennoch unabhängig vom Körper funktionierte und den Tod des Körpers überlebte. Zwischen dem ersten Gliede des einfachsten Falles von Gedankenlesen und der tatsächlichen Manifestation des Geistes unabhängig vom Körper als letztes Glied war die Beweiskette eine ununterbrochene geworden. Jede Phase führte zur anderen. Diese Tatsache, scheint mir, bringt die ersten Spuren systematischer Wissenschaft und Ordnung in das Gewühl dessen, was bisher nur einfache Sammlung verwirrender und mehr oder minder unverwandter Tatsachen gewesen war.

Ungefähr zu dieser Zeit hatte ich ein interessantes Erlebnis. Ich war einer von drei Delegierten, die im Auftrage der »Psychischen Gesellschaft« in einem »Geisterhause« wachen sollten. Es handelte sich um den Fall eines so genannten »Poltergeistes«. Lärm und dumme Streiche hatten sich seit Jahren ereignet, sehr ähnlich dem klassischen Falle in der Familie des John Wesley zu Epworth im Jahre 1726 oder dem Falle in der Fox-Familie zu Hydesville nahe Rochester im Jahre 1848, welch letzteres Ereignis der Ausgangspunkt des modernen Spiritismus wurde. Nichts Sensationelles ergab sich aus unserer Expedition, dennoch war sie nicht ganz vergeblich. Während der ersten Nacht ereignete sich nichts. Während der zweiten Nacht ertönte gräßlicher Lärm, wie wenn jemand mit einem Stocke auf einen Tisch schlägt. Selbstverständlich hatten wir jede Vorsichtsmaßregel in Anwendung gebracht, doch konnten wir das Geräusch nicht erklären. Aber einen Eid konnten wir nicht darauf schwören, daß nicht ein schlau angelegter Dummejungenstreich uns einen Possen spielte. Damit fand die Sache damals ihr vorläufiges Ende. Einige Jahre später erfuhr ich aber durch einen Einwohner des Hauses, daß kurz nach unserem Besuche die Knochen eines, vor langer Zeit begrabenen Kindes im Garten aufgefunden worden seien. Sicherlich, das war sehr sonderbar. Sogenannte »Gespensterhäuser« sind selten und Häuser, in deren Gärten menschliche Gerippe ruhen, sind – wir wollen es hoffen – gleichfalls selten. Dass aber beide Fälle für ein und dasselbe Haus zutreffen, spricht sicherlich wenigstens in gewissem Grade für die Echtheit mitgeteilten Phänomens. Dabei ist interessant daß im Fall der Fox-Familie gleichfalls von menschlichen Überresten gemunkelt wurde und daß im Keller Spuren eines Mordes aufgefunden wurden, wenn auch das tatsächliche Verbrechen niemals einwandfrei festgestellt werden konnte. Wäre es der Wesley-Familie gelungen, sich mit ihrem Quälgeist in Verbindung zu setzen, so kann ich kaum daran zweifeln, daß sie irgendein Motiv für diese Beunruhigung herausgefunden hätten. Es scheint beinahe, daß ein plötzlich und gewaltsam unterbrochenes Leben noch eine unverbrauchte Reservekraft besitzt, die sich dann in sonderbarer, widriger Art und Weise geltend machen kann. Später hatte ich ein anderes sonderbares Erlebnis ähnlicher Art, welches ich am Schlusse beschreiben will.

Von dieser Zeit bis zum Beginne des Krieges fuhr ich fort, in den Mußestunden eines sehr geschäftigen Lebens dieser Sache Beachtung zu schenken. Ich erlebte eine Reihe von Sitzungen mit erstaunlichen Resultaten, welche einige Male im Dämmerlichte Materialisationen zeigten. Da aber das Medium kurze Zeit später bei betrügerischen Kniffen ertappt wurde, versagte ich diesen Erlebnissen jegliche Beweiskraft. Allerdings scheint mir die Tatsache ganz klar, daß in gewissen Fällen, z. B. in dem Falle der Eusapia Palladino, die Medien sich betrügerische Eingriffe zuschulden kommen lassen, wenn ihre individuelle Kraft versagt.Dr. A. Freiherr von Schrenck-Notzing sagt in seinem neuesten Werke »Physikalische Phänomene des Mediumismus« (Verlag Reinhardt, München): »Vielfach konnten bei Eusapia Paladino schwindelhafte Manipulationen nachgewiesen werden, die im wesentlichen nur wieder darauf hinausliefen, durch wohlbekannte Kunstgriffe eine Hand oder einen Fuß frei zu bekommen und mit Hilfe derselben einzelne Phänomene vorzutäuschen. Näheres hat der Verfasser ausgeführt in der Einleitung zu dem Werk ›Materialisations-Phänomene‹. Allerdings beruhen Eusapias Schwindeleien niemals auf Taschenspieler-Kunststücken oder auf Vorbereitungen für die Sitzungen. Sie werden in der Regel improvisiert und passen sich an die jeweilige Situation mit den einfachsten Mitteln an. Mangel an Produktionskraft, unrichtige Anwendung der Kontrolle, suggestive Einwirkung, das Bestreben, die Wünsche der Teilnehmer zu erfüllen, sowie ein körperliches Unwohlsein und seelische Verstimmungen sind als Ursachen für die unechten Leistungen bei Eusapia Paladino anzusehen. Aber so oft auch diese Täuschungen vorkommen mögen, sie sind nicht imstande, irgendeinen Zweifel zuzulassen an der Realität der wirklich echten und unter scharfer Kontrolle zustande gekommenen Leistungen, d. h. an den reinen, unverfälschten Erscheinungen über Mediumität ... Vielfach setzten sich die Manifestationen nach Schluß der Sitzungen bei voller Zimmerbeleuchtung fort oder kamen, wenn das Medium gut disponiert war, auch bei weißem Licht zustande.« In ähnlicher Weise urteilen viele der hervorragendsten Forscher. C. A. M. Dennoch mögen sie zu anderen Zeiten durchaus echte Kräfte betätigen. Die Begabung des Mediums in ihrer untersten Entwicklungsform ist eine rein physische, ohne Beziehung zur Moral. In vielen Fällen ist sie intermittierend, ohne durch eigenen Willen kontrolliert werden zu können. Eusapia wurde mindestens zweimal bei sehr plumpen und dummen Betrügereien ertappt, obgleich sie bei anderen Gelegenheiten mehrere Male eingehende Untersuchungen erfolgreich bestand, die unter Wahrnehmung aller möglichen Vorsichtsmaßregeln von wissenschaftlichen Komitees durchgeführt wurden, Komitees, denen Leute mit bestem Namen, Franzosen, Italiener, Engländer, angehörten.Mitglieder solcher Kommissionen waren: d'Arsonval, Aksakoff, Branly, Bergson, Botazzi, Bisson, Crookes, Curie, Crawford, Courtier, Dessoir, Delanne, Flammarion, Foa, Flournoy, Gibier, Graetz, Geley, Grunewald, Hyslop, v. Hartmann, Hudson, James, Kotik, Lombroso, Lodge, Langevin, Mangin, Miquel, Maeterlinck, Maxwell, Morselli, Ochorowicz, Penzing, Richet, de Rochas, Schrenck-Notzing, de Vesme, Yourjewitsch, Zöllner und andere. Ich persönlich ziehe es aber vor, Erlebnisse mit einem später ertappten Medium überhaupt nicht gelten zu lassen. Alle im Dunkeln produzierten Phänomene verlieren meiner Ansicht nach notwendigerweise viel von ihrem Werte, falls sie nicht von beweiskräftigen Botschaften begleitet sind. Es ist die Gepflogenheit unserer Kritiker, zu behaupten, daß wir fast unser ganzes Beweismaterial annullieren müssen, wenn wir die Medien, die sich einmal oder das andere Mal als unzuverlässig erwiesen haben, ausschalten. So steht die Sache durchaus nicht. Bis zur Zeit des erwähnten Zwischenfalles hatte ich niemals an einer Sitzung mit einem berufsmäßigen Medium teilgenommen, und trotzdem hatte ich ohne Frage immerhin einiges Beweismaterial gesammelt. Das größte Medium von allen, D. D. Home, zeigte seine Phänomene in hellem Tageslicht. Er war bereit, jede Probe über sich ergehen zu lassen, und niemals konnte irgendeine Beschuldigung unredlichen Verhaltens aufrechterhalten werden. Und so war's mit vielen anderen. Die Gerechtigkeit fordert, folgendes in Betracht zu ziehen. Es wäre doch wunderbar, wenn so ein Medium ohne gelegentlichen Skandal davon kommen könnte, ein Wesen, das an exponierter Stelle stehend den Amateurdetektivs und sensationshungrigen Reportern willkommenes Versuchsobjekt wird. Und wenn nun gar mysteriöse, menschlichem Erkennen widerstrebende Phänomene vor Geschworenen und Richtern verteidigt werden müssen, die gewöhnlich keinerlei Kenntnisse über Phänomene und ihre Begleiterscheinungen besitzen! Allerdings ist das ganze System, die Zahlung des Mediums von seinen Erfolgen abhängig zu machen (wie es heute gang und gäbe ist), ein verderbliches. Heutzutage erhält ein Medium ohne Resultate keine Zahlung. Nur wenn das professionelle Medium, unabhängig von seinen Erfolgen, die Garantie einer Jahreseinnahme besitzt, nur dann lässt sich die starke Versuchung ausschalten, im Falle des Ausbleibens tatsächlicher Phänomene gefälschte unterzuschieben. Ich habe jetzt den Werdegang meiner eigenen Anschauungen bis zum Beginne des Krieges verfolgt. Ich hoffe, für mich in Anspruch nehmen zu dürfen, daß ich mit Vorsicht und Überlegung zu Werke ging und daß alle Leichtgläubigkeit, deren unsere Kritiker uns zeihen, mir fern lag. Ja, ich erwies mich allzu vorsichtig, allzu skrupelhaft, mit schuldhaftem Zaudern versäumte ich, den geringen Einfluss, den ich besitzen mag, in die Wagschale der Wahrheit zu werfen. Vielleicht wäre ich weiter meinen Lebensweg dahingezogen, bis zum Ende, als Suchender, der der ganzen Angelegenheit zwar Sympathie, aber dennoch nur dilettantisches Interesse entgegenbringt, so etwa, als ob es sich um ein unpersönliches Problem handele (wie um die Existenz der Atlantis, oder um die Shakespeare-Bacon-Frage). Da brach der Krieg herein. Und der Ernst desselben packte unsere Seelen, ließ uns tiefer in unseren Glauben blicken und seinen Wert abwägen. Mitten in einer todwunden Welt, aus der täglich Nachricht von dem Tode der Blüte unserer Rasse zu uns aufdrang, Nachricht von der Vernichtung unserer Jugend, unserer unerfüllten Hoffnung, – – – umgeben von Müttern und Gattinnen, die keine klare Vorstellung davon hatten, wohin ihre Lieben entschwunden waren, ... da flammte mir plötzlich die Erkenntnis, daß es sich bei meinem Suchen, welches ich so lässig und dilettantenhaft betrieben hatte, nicht um das Studium einer Kraft außerhalb der Gesetze wissenschaftlicher Erkenntnis handele, sondern um etwas Ungeheures, um ein Niederbrechen der Mauern zwischen zwei Welten, um direkte, unleugbare Nachricht aus dem Jenseits, um eine Hoffnungsbotschaft, eine tröstende, fahrende Offenbarung für die ganze Menschheit zur Zeit ihrer größten Not. Die objektive Seite der Sache verlor ihr Interesse, denn wenn man sich über ihre Echtheit und Wahrheit erst schlüssig geworden, so ist man in dieser Beziehung zum Ziel und Ende gelangt. Aber von unendlich größerer Bedeutung ist die religiöse Erwägung. Die Telephonklingel ist an und für sich eine recht kindliche Einrichtung ... aber sie kann das Signal einer lebenswichtigen Meldung werden. Alle die großen und kleinen Phänomene hatten die Rolle der Telephonglocke gespielt, so schien mir's. Einzeln genommen bedeutungslos hatten sie dem Menschentum das Signal zugerufen: »Auf! Rafft euch empor! Helft! Hier kommen die Zeichen! Sie führen zu der Botschaft, die Gott euch senden will!« Nicht um die Zeichen handelt es sich in Wahrheit, sondern um die Botschaft. Ja, mir schien's, als solle eine neue Offenbarung den Menschen enthüllt werden. Noch kann niemand sagen, wie tief sie in dem Entwicklungsstadium steckt, das ich als »Johannes-der-Täufer-Stadium« bezeichnen möchte. Noch weiß niemand, ob größere Vollständigkeit und Klarheit in Zukunft erwartet werden darf. Ich bin der Überzeugung und betone, daß alle diese physischen Phänomene allen, denen überhaupt an ihrer Untersuchung gelegen ist, als unleugbar echt erwiesen gelten müssen.

Aber trotzdem haben sie an und für sich als Einzelerscheinungen keine Bedeutung. Ihr wahrer Wert liegt vielmehr in der Tatsache; daß sie ein ungeheures Wissen stützen, und mit objektiver Tatsächlichkeit ausstatten, durch welches unsere bisherigen religiösen Anschauungen auf das tiefste beeinflußt werden müssen, so daß für diejenigen, welche die Verhältnisse durchdacht und sich zu ihrem Verständnis emporgerungen haben, Religion zur wahrhaften Tatsache wird – nicht mehr ein Gegenstand des Glaubens, sondern tatsächlichen Erlebens.

Dieser Seite der Frage will ich mich jetzt zuwenden.

Meinen bisherigen Bemerkungen muss ich noch hinzufügen, daß sich mir seit dem Kriege einige außerordentliche Gelegenheiten boten, die Echtheit und Wahrheit der allgemeinen Tatsachen zu bestätigen, auf Grund deren ich meine Anschauungen gebildet hatte. Eine in unserem Hause lebende Dame, Fräulein L. S., entwickelte die Gabe des automatischen Schreibens. Von allen möglichen Formen der dem Medium eigentümlichen Kräfte sollte diese Form – die Fähigkeit des automatischen Schreibens – der schonungslosesten Prüfung unterworfen werden. Zwar ist sie weniger geeignet, zum Zwecke der Täuschung anderer mißbraucht zu werden, jedoch führt sie sehr leicht zur Selbsttäuschung, die noch verhängnisvoller und gefährlicher ist. Schreibt die betreffende Person aus eigener Kraft, oder ist – wie sie vorgibt – tatsächlich eine sie kontrollierende Kraft vorhanden, gleich dem biblischen Geschichtsschreiber der Juden, der behauptete, unter Kontrolle zu stehen? Ich will nicht leugnen, daß im Falle der Fräulein L. S. einige Botschaften sich als nicht wahr erwiesen, besonders im Punkte der Zeit waren sie durchaus unzuverlässig. Aber trotz alledem war die Zahl der sich als wahr erweisenden Meldungen viel größer, als daß ein zufälliges Erraten oder sonst zufälliges Zusammentreffen die Erklärung darbieten konnte. Nach der Torpedierung der Lusitania erklärten die Morgenblätter, daß, soweit bisher bekannt, kein Verlust an Menschenleben zu beklagen sei. Das Medium schrieb sofort: »Der Verlust ist gräßlich und wird einen großen Einfluß auf den Krieg üben.« Die Meldung erwies sich als wahr in zweifacher Hinsicht, denn der Verlust an Menschenleben wirkte in Amerika als erster starker Antrieb zur Teilnahme am Kriege. Außerdem sagte die Dame die Ankunft eines wichtigen Telegrammes für einen bestimmten Tag voraus und gab sogar den Namen des Boten an, einer Persönlichkeit, die als Bote überhaupt kaum in Betracht kommen konnte. Alles zusammengenommen, niemand konnte an einer im Medium von außen wirkenden Kraft zweifeln, wenn auch die unterlaufenen Fehler sich unserer Beachtung nicht entzogen.

Eine andere Begebenheit aus der ersten Zeit des Krieges steht klar in meiner Erinnerung. Eine an einer chronischen Krankheit leidende, mich interessierende Dame war in der Provinz gestorben. An ihrem Bette wurde Morphium gefunden, und die Frage, ob Selbstmord vorlag oder nicht, wurde von den Geschworenen der Leichenschau als nicht entschieden betrachtet. Eine Woche später hatte ich mit Herrn Vout Peters eine Sitzung. Nach einer Reihe vager, unwichtiger Äußerungen kündete er plötzlich: »Hier ist eine Dame, die sich an eine ältere Frau anlehnt. Sie wiederholt das Wort ›Morphium‹ – – schon dreimal hat sie's gesagt.« Ihr Bewußtsein war damals getrübt. Sie hat es nicht absichtlich getan. »Morphium!«

So lauteten beinahe wörtlich die Äußerungen des Mediums. An Telepathie war nicht zu denken, denn ich hatte zur Zeit ganz andere Gedanken im Kopf und erwartete keinerlei derartige Botschaft.

Selbst wenn wir von persönlichen Erlebnissen ganz absehen, muss dennoch diese Bewegung aus der wundervollen Literatur, die im Laufe der letzten wenigen Jahre entstanden ist, große ergänzende Beweiskraft schöpfen. Selbst wenn keine andere spiritistische Literatur existieren würde als die nachbenannten in den letzten Jahren erschienenen fünf Bücher, so würden meiner Ansicht nach diese fünf genügen, um jedem vernünftigen Forscher die Tatsachen als bewiesen gelten zu lassen. Ich meine die Bücher: »Raymond« von Professor Lodge, »Psychical Investigations« von Arthur Hill, »Reality of psychical Phenomena« von Professor Crawford, »Threshold of the Unseen« von Professor Barrett, und »Ear of Dionysius« von Gerald Balfour .

Bevor ich mich der Frage der neuen religiösen Offenbarung zuwende, wie wir zu ihr gelangen und woraus sie besteht, möchte ich noch eine andere Seite des Gegenstandes berühren. Unsere Gegner haben uns stets aus zwei verschiedenen Richtungen angegriffen. Einmal behaupten sie, die von uns angeführten Tatsachen seien unwahr. Mit diesem Vorwurf habe ich mich bereits beschäftigt. Dann aber klagen sie, daß wir uns auf verbotenem Grund und Boden befinden und denselben meiden sollten. Da ich von dem Standpunkt einer relativ materialistischen Denkart ausging, hatte dieser Einwand für mich persönlich niemals eine Bedeutung. Aber anderen möchte ich einige kurze Erwägungen anempfehlen.

Gott hat uns sicherlich keinerlei Fähigkeiten gegeben, mit der Bestimmung, dieselben unter keinen Umständen zu gebrauchen. Die Tatsache, daß wir die Fähigkeit besitzen, ist an und für sich ein Beweis für die heilige Pflicht dieselbe zu erproben und zu entwickeln. Gewiß, jede Fähigkeit kann mißbraucht werden, wenn wir unser natürliches Gefühl dafür verlieren, wo die Grenzen gesteckt sind, bis zu denen unsere Vernunft uns tragen darf. Aber ich wiederhole: Die bloße Tatsache des Besitzes einer Fähigkeit ist beweiskräftiger Grund dafür, daß wir verpflichtet sind, von ihr, als gesetzmäßiger Kraft, Gebrauch zu machen.

Und da müssen wir uns doch erinnern, daß diese lauten Anklagen gegen »verbotenes Wissen« bei jedem Fortschritte menschlichen Erkennens erhoben wurden, unter dem Vorwande mehr oder weniger passender Bibeltexte. Das hat die moderne Astronomie erfahren. Galilei mußte tatsächlich seine Lehre widerrufen, Galvani hat's erfahren und die Lehre von der Elektrizität. Darwin hat's erfahren, der den Feuertod hätte leiden müssen, wäre er wenige Jahrhunderte früher geboren worden. Simpson hat's erfahren, als er bei Entbindungen Chloroform anwenden wollte, denn heißt es nicht in der Bibel: »Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären?« Wahrlich, ein Vorwurf, der so oft gemacht und so oft ad acta gelegt wurde, kann nicht mehr auf ernstliche Beachtung Anspruch machen. Aber denen, welchen das theologische Bedenken auch heute noch als Stein des Anstoßes gilt, möchte ich zwei kleine Schriften empfehlen, beide von Geistlichen verfaßt. Zunächst: »Is Spiritualism of the devil« (Ist Spiritismus Werk des Teufels?) von Pfarrer Fielding Ould, und dann »Our self after death« (Unser Selbst nach dem Tode) von Pfarrer Arthur Chambers. Auch kann ich die Schriften des Pfarrers Charles Tweedale empfehlen. Als ich zuerst meine eigenen Anschauungen über diese Probleme veröffentlichte, drückte mir Archdeacon Wilberforce als einer der ersten brieflich seine Zustimmung aus.

Es gibt Theologen, die nicht allein diesem Kultus widerstreben, sondern sich zu der Behauptung versteigen, daß derlei Phänomene von bösen Geistern herrühren, die unsere verstorbenen Lieben personifizieren und vorgeben, Lehrer himmlischer Regionen zu sein. Schwerlich haben derartige Leute jemals persönlich erfahren, welch tröstenden, erhebenden Einfluß diese Botschaften auf den Empfänger ausüben. Ruskin hat gestanden, daß er seine Überzeugung von einem Leben nach dem Tode aus dem Spiritismus schöpfte. Allerdings war es einigermaßen unlogisch und undankbar von ihm hinzuzufügen, daß er nach dem Gewinn dieser Erkenntnis mit dem Spiritismus nichts weiter zu tun haben wolle. Es gibt aber viele Menschen – quorum pars parva sum – die ohne Rückhalt erklären können, daß sie durch Forschung auf diesem Gebiete von der materialistischen Weltanschauung abgewandt wurden, aufwärts zum Glauben an ein zukünftiges Leben, mit allem, was ein solcher Glaube mit sich bringt. Wenn so etwas das Werk des Teufels ist, dann kann man nur sagen, der Teufel ist in seinem Handwerk ein armseliger Pfuscher, der Früchte hervorbringt, die aller Voraussicht nach seinen Absichten sehr wenig entsprechen.

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