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Was ist eine schöne Seele?

Christoph Martin Wieland: Was ist eine schöne Seele? - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleWas ist eine schöne Seele?
pages10
created20131204
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Was ist eine schöne Seele?

 


 

Beispiele malen oft mit einem einzigen Zug unsre Idee besser als leere und schwankende Schulerklärungen. Was ich eine schöne Seele nenne, wüßte ich nicht anschaulicher zu machen, als durch etliche Beispiele aus dem schönen Werke meines Lieblingsautors unter den Alten, aus der Cyropädie des Sokratischen Xenophon.

Das erste gibt mir die junge Gemahlin des Tigranes, dieses liebenswürdigen Prinzen, dessen Klugheit und edle Gesinnungen zu eben der Zeit, da sie ihm die Achtung und das Vertrauen des Cyrus erwarben, seinen Vater und sein ganzes Haus vom Untergang retteten. Cyrus hatte mit dem besiegten Könige von Armenien, dem Vater dieses Prinzen, von dem Lösegeld gesprochen, welches er für die Zurückgabe seiner Gemahlin und seiner Kinder zu geben gedächte. Er wendete sich darauf an Tigranes: »Und wie viel würdest du geben, um deine Gemahlin wieder zu erhalten?« – Man muß aber wissen (sagt Xenophon), daß Tigranes erst seit Kurzem vermählt war und seine junge Gattin aufs zärtlichste liebte. – Ich, sagte der Prinz, ich würde sie eher mit meiner Seele loskaufen, ehe ich zugeben wollte, daß ein so liebenswürdiges Geschöpf dienen sollte. Cyrus fand das Recht eines solchen Liebhabers besser, als das Recht des Siegers, und gab sie ihm auf die edelste Art wieder. Er that noch mehr: er machte den armenischen Fürsten aus einem unwilligen Vasallen zu einem dankbaren Freund, schloß einen neuen Vertrag mit ihm, stellte seine Familie unentgeldlich auf freien Fuß und schloß die Scene mit einem freundschaftlichen Gastmahle.

132 Diese Umstände mußten voraus geschickt werden, um, was nun folgt, verständlich zu machen.

Als die Armenier mit ihren Frauen nach Hause fuhren (so fährt Xenophon fort), machte Cyrus den einzigen Inhalt ihres Gespräches aus. Der Eine erhob seinen Verstand, der Andere seine Tapferkeit, ein Dritter seine Leutseligkeit, und noch Jemand zuletzt seine Schönheit und stattliche Gestalt. Hier wandte sich Tigranes an seine junge Frau: Sage mir, Liebe, ist dir Cyrus auch so schön vorgekommen? – »Die Wahrheit zu sagen,« antwortete sie, »ich habe ihn nicht angesehen.« – Und wen sahest du denn an? – »Wen anders hätte ich ansehen können, als den, welcher sagte, daß er seine Seele geben würde, um mich von der Dienstbarkeit loszukaufen,« erwiederte die junge Frau. – Diese junge Frau, vorausgesetzt, daß sie fühlte, was sie sagte, war, was ich eine schöne Seele nenne.

An eben dieser Stelle der Cyropädie wird eines Weisen Erwähnung gethan, der ehemals Hofmeister des Prinzen von Armenien gewesen war. Cyrus, der ihn vermißte, fragte den Tigranes nach ihm. – »Hat ihn nicht mein Vater hier hinrichten lassen?« versetzte der Prinz. – Und was hatte er denn Uebels gethan? fragte Cyrus. – »Mein Vater beschuldigte ihn, er verführte mich. Und doch, mein bester Cyrus, war es ein so guter, so rechtschaffener Mann, daß er mich noch unmittelbar vor seinem Tode zu sich bitten ließ, um mich zu beschwören, daß ich seine Hinrichtung meinem Vater verzeihen möchte. Er thut es nicht aus bösem Herzen, sprach er, sondern, weil er nicht weiß, was er thut. Was aber die Menschen aus Unwissenheit sündigen, das nehme ich ihnen so auf, als ob sie es wider Willen thäten.« – Wie Schade um einen solchen Mann! rief Cyrus. – Dieser Mann, 133 meine Freunde, hatte, was ich eine schöne und zugleich eine große Seele nenne.

Noch ein Beispiel aus eben diesem Sokratischen Heldenbuche! Wem sollte wohl Panthea, die reizende und tugendhafte Gemahlin des Königs Abradates von Susiane, unbekannt seyn? Es ist augenscheinlich, daß Xenophons Absicht war, uns in dieser Panthea das Ideal einer an Leib und Seele schönen Frau darzustellen. Sie war unter den Gefangenen, welche Cyrus in einem wider den König von Assyrien gewonnenen Treffen gemacht hatte. Cyrus übergab sie dem Araspes, einem jungen Krieger, den er vorzüglich liebte, nachdem er ihm die ganze Wichtigkeit des Schatzes, den er ihm anvertraute, vorgestellt hatte. Sie wurde nach einem festen Bergschlosse gebracht, und Araspes leistete ihr Gesellschaft. Nun begegnete dem guten Jüngling wider Verhoffen etwas Menschliches. Er wurde in die schöne Panthea verliebt, und seine Leidenschaft gewann, nach langem Widerstand, endlich so viel Gewalt über ihn, daß er sich gezwungen fand (sagt Xenophon), sie um etwas anzusprechen, das ihm die schöne Panthea, welche ihren abwesenden Gemahl inniglich liebte, nothwendig abschlagen mußte. Gleichwohl wollte sie bei Cyrus noch keine Klage deßwegen führen, weil sie den jungen Mann nicht in Gefahr bringen wollte, einen so wichtigen Freund zu verlieren. Als der Unglückliche aber mit Gewalt zu drohen anfing, säumte sie sich nicht, dem Cyrus wissen zu lassen, was für einem unsichern Hüter er sie anvertraut habe. Sogleich berief Cyrus den Araspes zurück und fand ein Mittel, ihn mit guter Art von Panthea zu entfernen.

Diese Prinzessin benachrichtigte inzwischen ihren Gemahl von Allem, was er in Rücksicht ihrer dem großmüthigen 134 Cyrus schuldig war, und rieth ihm, sich je bälder je lieber von der assyrischen Partei loszumachen und der Freund eines jungen Helden zu werden, der durch seine Weisheit und Güte mehr Eroberungen machte als durch seine Waffen. Abradates folgte dem Rath seiner Gemahlin, und Panthea genoß das Vergnügen, die Stifterin eines schönen Bundes zu seyn und dem Cyrus sein edles Betragen gegen sie auf eine edle Art vergolten zu haben. Einige Zeit darauf kam es zwischen diesem Prinzen und dem König Krösus zu einer entscheidenden Schlacht. Panthea hatte ihrem Gemahl ingeheim eine prächtige goldne Waffenrüstung machen lassen, und nun, da er sich zum Treffen anschickte, überraschte sie ihn damit unverhofft. Abradates bezeugte ihr ein angenehmes Erstaunen darüber, daß sie sich ohne Bedenken habe entschließen können, ihr kostbarstes Geschmeide aufzuopfern, um es in einen ritterlichen Schmuck für ihren Mann zu verwandeln. »Habe ich einen andern Schmuck vonnöthen als dich, erwiederte ihm Panthea, und womit sollte ich mehr prangen, als wenn dich Jedermann mit meinen Augen ansieht?« Mit diesen Worten legte sie ihm die schönen Waffen an; aber, wiewohl sie es zu verbergen suchte, schlichen sich doch Thränen ihre Wangen herab. Abradates, der an sich einer der schönsten Männer war, sah in dieser herrlichen Rüstung so reizend und edel aus, daß man die Augen nicht von ihm verwenden konnte. (Ich erzähle immer mit Xenophons Worten.) Schon hatte er die Zügel in den Händen und war im Begriff, seinen Streitwagen zu besteigen, als Panthea allen Anwesenden sich zu entfernen winkte und mit diesen, der edelsten Spartanerin würdigen Worten Abschied von ihm nahm. »Abradates, sprach sie, wenn jemals ein Weib ihren Mann werther als ihre eigne Seele hielt, 135 so weißt du, ob ich eine von diesen Weibern bin. Wozu sollte ich viel Worte machen? Ich glaube dich durch meine Handlungen besser davon überzeugt zu haben, als durch Alles, was ich jetzt sagen könnte, geschehen würde. Aber, wiewohl ich so für dich gesinnt bin, wie du weißt, so schwör' ich dir doch bei deiner und meiner Liebe, daß ich lieber neben dir, als einem tapfern Mann, von gemeinschaftlicher Erde bedeckt liegen, als, wenn du ohne Ehre zurück kämest, ehrlos mit einem Ehrlosen leben wollte. So denke ich, und so muß ich denken, wenn ich dich und mich den Besten unter den Sterblichen gleich schätze. Ueberdieß, welchen Dank sind wir nicht dem Cyrus schuldig, der, als das Kriegsglück mich zu seiner Sklavin machte, anstatt sich dieses Vortheils wider meine Ehre zu bedienen, mein Beschützer wurde und mich dir wie das Weib seines eigenen Bruders aufbewahrte! Können wir zu viel für den großmüthigen Mann thun, der so viel für uns gethan hat?«

Wer müßte der gewesen seyn, den eine solche Frau – in dem Augenblicke, da er von ihr schied, um sie vielleicht nie wieder zu sehen, nicht begeistert hätte? Mit Bewunderung und Entzücken legte Abradates seine Hand auf ihr Haupt, sah gen Himmel auf und betete: Laß mich, o großer Orosmasdes, durch Thaten zeigen, daß ich würdig bin, der Mann dieser Panthea und der Freund des Cyrus zu seyn! Mit dem letzten Worte entriß er sich ihren Armen. stieg den Wagen hinauf, und die Thür ward hinter ihm zugeschlossen. Panthea, da sie ihn selbst nicht mehr erreichen konnte, folgte dem Wagen so lange, bis Abradates, da er es gewahr wurde. sie bat, gutes Muthes zu seyn und sich zu entfernen.

Xenophon malt seine Bilder selten aus; es sind nur leichte Umrisse; aber, o! wie viel mehr sind diese Umrisse werth, 136 als die Gemälde von tausend Andern, und wie stark ist nicht oft die Wirkung eines einzigen Zuges! »In der That, sagt er, machte Abradates und sein Wagen einen schönen Anblick, aber Niemand hatte Augen für ihn, bis Panthea weggegangen war.«

Abradates kam nicht lebendig aus der Schlacht zurück; aber er hatte sie gewinnen helfen und starb einen edeln Tod. Die Eroberung von Sardes, welche die unmittelbare Frucht dieses Sieges war, beschäftigte den Sieger so sehr, daß etliche Tage vorbeigingen, eh' er sich des unglücklichen Fürsten erinnerte. Wo ist Abradates? fragte er endlich. Man sagte ihm, er sey in der Schlacht umgekommen, »und seine Gemahlin (setzte einer von den Bedienten hinzu) hat seinen Leichnam aufgesucht und auf ihrem eigenen Wagen mit sich hierher an das Ufer des Paktols gebracht, und während ihre Kämmerlinge und Sklaven sein Grab graben, sitzt sie auf der Erde, sein Haupt in ihren Knieen haltend, nachdem sie sich allen ihren Schmuck abgerissen, um ihn damit auszuschmücken.«

Cyrus eilt an den Ort dieses traurigen Schauspiels; aber, wie er die schöne Unglückliche mit dem Leichnam auf ihrem Schoß auf der Erde sitzen sieht, bricht ihm sein männliches Herz; seine Thränen fallen auf die Leiche herab. Du edle und getreue Seele, ruft er, so bist du gegangen, und uns hast du zurückgelassen. Er will ihn mit diesen Worten bei der Hand nehmen, und die Hand bleibt in der seinigen, denn sie war mit einem ägyptischen Säbel vom Arm getrennt worden. Dieser Umstand vermehrte den Schmerz des Cyrus; die Unglückliche schrie laut auf, nahm die geliebte Hand aus des Cyrus seiner, küßte sie und fügte sie wieder an, so gut sie konnte. So ist alles Uebrige zugerichtet, sagte sie. Aber wozu solltest du es sehen? – Und ich – ich weiß, daß ihm Alles das um meinetwillen widerfuhr. Ich Thörin war es, die ihn anreizte, Alles zu wagen, um sich als deinen Freund 137 zu beweisen und deine Achtung zu verdienen. Und, o! ich bin gewiß, er dachte nicht, was ihm begegnen könnte, sondern blos, was er thun wollte, um sich dir angenehm zu machen. »Und so gab er, ohn' es zu bereuen, sein Leben hin – und ich – sitze hier neben ihm und athme!«

Cyrus antwortete ihr eine Zeit lang nur mit Thränen. Endlich, da er wieder Worte fand, bemühte er sich, sie durch die einzigen Vorstellungen, die ihre Seele in einem solchen Zustand ertragen konnte, aufzurichten. Zugleich ließ er Alles vor ihr ausbreiten, was er zur Ausschmückung des Leichnams und zu einer prächtigen Bestattung herbei zu schaffen befohlen hatte. Und denke nicht, sagte er, daß du nun verlassen seyest. Ich ehre deine Keuschheit, deine ganze Tugend; ich werde nie aufhören, dir Beweise davon zu geben, und überdieß will ich dich Einem von den Meinigen übergeben, der dich geleiten soll, wohin du selbst verlangst. Sage nur, zu wem du gebracht werden willst.

Sey ruhig, Cyrus, versetzte Panthea; ich werde dir nicht verbergen, zu wem ich gehen will.

Cyrus mußte sie verlassen. Er ging (sagt Xenophon), und ihn jammerte des Weibes, das einen solchen Mann verloren, und des Mannes, der ein so vortreffliches Weib sein genannt hatte und nun nicht mehr sehen konnte. Panthea befahl jetzt ihren Kämmerlingen, sich zu entfernen; laßt mich, sprach sie, bis ich mich recht satt über ihn geweint habe. Nur ihre Pflegemutter bat sie zu bleiben. Wenn ich todt bin, sagte sie zu ihr, so hülle ihn und mich in das nämliche Tuch. Die unglückliche Alte fiel ihrer Königin zu Füßen, flehte ihr, keinen solchen Gedanken Raum zu geben. Aber Panthea durchbohrte sich die Brust mit einem Dolche, den sie schon lange auf diesen Fall bei sich trug, legte ihr Haupt auf ihres Mannes Herz und starb.








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