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Was der Vetter von seinem Nachbar, dem Wittlinger erzählte

Adolf Schmitthenner: Was der Vetter von seinem Nachbar, dem Wittlinger erzählte - Kapitel 1
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authorAdolf Schmitthenner
booktitleNovellen
titleWas der Vetter von seinem Nachbar, dem Wittlinger erzählte
publisherFr. Wilh. Grunow
year1896
firstpub1892
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Adolf Schmitthenner

Was der Vetter von seinem Nachbar, dem Wittlinger erzählte

Ich hatte schon meine Schlafschuh angezogen, als mir mein Bruderskind, die Anna, die mir seit dem Tod meiner Frau die Haushaltung führt, noch einmal klopfte. Vetter, sagte sie leise, der Marder ist wieder da, ich hab seinen Schatten gesehen, wie er vom Scheuerndach auf den Stall gestiegen ist.

Schon gut, sagte ich, geh nur ins Bett, sei leis, und mach das Licht gleich aus!

Sie ging in ihre Kammer hinauf. Ich holte aus dem Winkel meine Flinte, aus dem Wandschränklein ein paar Patronen, löschte das Licht, lud finsterlings und setzte mich ans Fenster meiner Wohnstube. Von da hatte ich den Taubenschlag und den Hühnerstall mir grad gegenüber. Der Mond stand hinter dem Hause. Der Hof und die Straße vorndran waren ganz hell. Ich saß und wartete; mein Marder kam nicht.

Er hat Lunten gerochen, dachte ich und wollte schon das Fenster schließen. Jetzt kommen die letzten aus dem Adler, ist der Marder noch nicht fort, so verscheuchen sie ihn gewiß!

Da, ist das nicht meines Nachbars des Waisenrichters Wittlinger Stimme? Was thut der am Werktag im Wirtshaus? Sie hatten doch heut keine Gemeinderatssitzung? Der Oberamtmann war auch nicht hier, und der Oberförster auch nicht. Mit wem spricht er doch? Ist das nicht der durchgefallne Ratsschreiber, der dem Nachbar das bitterböse Pasquill gelegt hat? Herr meines Lebens! Ich horche. Sie sinds wirklich; vor meinem Hause geben sie sich die Hände und verabschieden sich wie zwei Spezel. Der Schreibersfritz geht die Gasse hinauf, der Waisenrichter macht mit dem Schlüssel an seiner Hausthür herum. Ich räuspere mich. Der Nachbar hört zu rasseln auf und horcht, dann fängt er wieder an, und jetzt hat er die Thür auf. Ich räuspere mich noch einmal und schnalz einen Kirschkern an das Scheuernthor.

Seid Ihrs, Herr Nachbar? fragt der Wittlinger und geht einen Schritt auf die Straße heraus, bis er mich sehen kann. Was treibt Ihr denn noch so spät?

Ich spionier ein bißl, sag ich.

Wartet, ich komm gleich, sagt der Nachbar und schließt sein Haus wieder zu.

Ich will mein Haus aufmachen, ruf ich.

Ist nicht nötig, meint er, kommt über die Straße herüber, hebt sich mit den Händen am Fensterkreuz und steigt herein. Ich trau meinen Augen nicht. Er atmet tief auf, es hat ihn doch etwas angestrengt, und sagt: Ich habs nimmer gethan seit dazumals.

Seit wann?

Wo ich für Eure Schwester, Gott hab sie selig, den Maiblumenstrauß auf Euern Tisch gestellt hab. Verwichnen Mai warens dreiundvierzig Jahr.

Ich will ein Licht anzünden.

Laßt nur, sagt der Nachbar, der Mond scheint hell genug zu unsrer Schwätz! Wir setzen uns miteinander ans Fenster. Hast gesehen, wer bei mir war?

Ja, der Schreiberfritz. Habt Ihr miteinander eine Brunnenordnung aufgestellt? Wißt Ihr noch, wies in dem Pasquill heißt: Und wenn der Schulz gar nix mehr weiß, – dann steh du auf, du g'scheiter Geist, – und kommandier nur immerzu – hott, hüstrum, oha, alte Kuh!

Ich war ganz bös geworden über den leichtfertigen Mann und versetzte ihm drum eins. Aber der Nachbar sah mich lachend an und sagte: Heut macht mich niemand bös. Sonst hätts der Schreiberfritz schon zuweggebracht.

Nachbar, Nachbar, sag ich und schau dem Wittlinger ins Gesicht, was fällt Euch in Euern alten Tagen ein!

O, ich bin katzennüchtern, lacht er.

Sitzt am Werktag mit dem Schreiberfritz im Wirtshaus!

Drum bin ich auch kein Kirchengemeinderat nicht.

Habt kein Stolz im Leib; der Kerl hat Euch vor der ganzen Gemein verschimpfiert!

Und deswegen soll seine Frau in Fetzen gehn, und sein Bub Hunger leiden? ruft er zornig.

Ja, wenn er mit Euch am Werktag im Wirtshaus sitzt, dann wirds so weit kommen!

'S ist schon so weit, darum hab ich ihn im Wirtshaus aufgesucht!

Ach was, Geschwätzwerk! rief ich ärgerlich. Ich war schläfrig und hätte den Nachbar gern los gehabt.

Wo soll ich ihn aufsuchen als im Wirtshaus, wenn ich ihm einen Verdienst verschaffen will?

Ihr ihm einen Verdienst?

Wer mehr als ich? Ich bin dran schuld, daß er nimmer auf dem Rathaus abschreiben darf, das heißt, das Pasquill, das er auf mich gemacht hat, ist schuld dran.

'S ist ganz in der Ordnung, daß ihm der Bürgermeister die Thür gewiesen!

Ja, aber soll derwegen seine Frau ihr Kleid nicht waschen können, weil sie nur eins hat, und sein Bub so hohläugig aus seinen Augen herausschauen? Ich war heut beim neuen Notar, ich hab gehört, daß er einen Schreiber braucht. Auf mein Zureden giebt er dem Fritz die Stell.

Nachbar, rief ich, ich hab Euch unrecht gethan! Ich hielt ihm meine Hand hin. Er sah sie nicht. Fast ingrimmig rief er aus: Nichts ists, eine elendige Kleinigkeit ists, so niederträchtig, wie wenn ich einen Strohhalm aufheb. Ich weiß nicht, 's ist mir heut so wohl, so wohl ums Herz. Und Gott sei Dank, ich weiß auch jetzt, warum! Ists Euch auch schon einmal so gegangen, daß Ihr des Morgens aufgewacht seid und habt noch gewußt: ich hab mich heut nacht über etwas so recht arg gefreut und hab meinem Herrgott gedankt, aber 's ist Euch nimmer eingefallen, was es war? So ist's mir heut morgen gewesen, aber Gott sei Dank, ich weiß es jetzt!

Ich sah den Waisenrichter groß an. Nachbar, sagte ich, Ihr seids nicht gewohnt, Ihr spürt den Wein!

Ich bin heut auch im Pfarrhaus gewesen. Den Wein? Ach was, ich hab nur zwei Glas Bier getrunken!

Ihr? Im Pfarrhaus? Wie kommt Ihr dazu? Ich hab gemeint, keine zehn Gäul brächten Euch dorthin. –

Ja, gelt? Ich hab immer gesagt, das sind neumodische Sachen; die jungen Pfarrverwalter und Vikare haben sie aufgebracht. Wir Evangelische müssen auf unsern Glauben stolz sein, hat unser Pfarrverwalter am Reformationsfest gesagt. Stolz? das hat mir nicht gefallen. Und ich habs dem Pfarrverwalter gesagt, wie wir zusammen vom Rathause heim sind. Mein, Herr Pfarrer, sag ich, am letzten Sonntag haben Sie sich verhauen! Ich? Wieso? fragt er. Sie haben gepredigt, wir Evangelische sollten auf unsern Glauben stolz sein. Das geht oben hinaus. Das paßt nicht für uns. Warum nicht? fragt er und schaut mich kurios an. Weil es nichts damit ist, sagt ich. Das verstehn Sie nicht, Herr Wittlinger, meint er. So? Das versteh ich nicht? Auch recht. Gute Nacht, Herr Pfarrer. Seit der Zeit trutzten wir miteinander – bis heut.

Aber, Nachbar, warum wäret Ihr denn so darauf versessen, daß wir Evangelischen nicht stolz sein dürfen?

Seht, ich hab von meinem Vater einen Acker geerbt, er liegt oben auf dem Hedrich. Von droben ists grad so weit nach unserm Ort wie nach Alsbach, und grad so gut sieht man ins eine Dorf wie ins andre. Hundertmal war ich mit meinem Vater droben. Was ist das für eine große Kirche dort? Hab ich ihn gefragt. – Das ist den Alsbachern ihre Kirch, die ist katholisch. – O, ist unsre Kirch so klein! Hab ich dann gerufen. – Wenns Betglockzeit war, fing die Alsbacher Glock immer zuerst an. Das war eine gewaltig große Glock; mächtig hat sie gethan. Vater, warum thust du deine Kapp nicht runter? hab ich gefragt. Das ist nicht unser Glock! sagt er. Jetzt fing unsre an, so dünn und hurtig, als ob sie ein Büblein war, das neben her springt. Wir haben beide die Kapp herunter gethan, und ich hab das Abendlied gebetet, aber hab mich dabei vor unserm Herrgott geschämt wegen unsrer kleinen Glock. Ich war froh, wie sie aufhörte. Die andre läutete noch eine Weile fort. – Die haben eine große Glock! sagt ich, die thut einmal! – Ja, eine große Glock, und eine große Orgel und einen hohen Turm, sagte mein Vater. – Seitdem meinte ich, im evangelischen Glauben sei selig zu leben und zu sterben, aber stolz sein auf unsern Glauben, nein, das passe sich nicht für uns, wegen der kleinen Glock, und der kleinen Orgel und dem niedern Turm.

Und jetzt denkt Ihr anders? fragte ich.

Jawohl, ich bin stolz darauf, evangelisch zu sein.

Wie ist denn das gekommen?

Soll ichs Euch erzählen? Aber Ihr seid müd, Nachbar, Ihr habt zweimal gegähnt.

Das war vorhin, jetzt bin ichs nicht mehr, 'S kommt von der unruhigen Nacht her. Die Wallfahrer haben mich durch ihren Gesang vor Tag aufgeweckt. 'S ist doch ein Unfug, der Bürgermeister sollts verbieten!

'S war neulich die Sprach davon auf dem Rathaus. Ich hab den Herren gesagt: Laßts bleiben! Wollen sie uns ärgern, so sollen sie ihren Willen nicht haben, und wenn nur ein einziger darunter ist, der da singt, um seinen Herrgott zu loben, mag er uns in Gottes Namen aufwecken, wollen wir ihm den Mund nicht zuhalten. So sagt ich auf dem Rathaus, und meine Meinung hats gewonnen. Ich bin jetzt goldfroh drum. Dem Wallfahrergesang hab ichs zu danken, daß ich jetzt stolz auf meinen Glauben bin.

Wie ging das zu?

Hört nur! Ihr wißt vielleicht, daß heut nacht unser Kind krank war?

Ja, die Anna hat mirs gesagt! 'S ist aber wieder wohl?

Ja, Gott sei Dank! Wie wir ins Bett wollen, meine Frau und ich, 's war neun vorbei, und wir waren müd, – wir haben Kartoffel gehäufelt den ganzen Tag, wir sind jetzt fertig.

So? Ich noch nicht ganz.

Meine Frau geht zuerst in die Kammer und sagt: Horch doch, was die Bertha so hart schnauft. Ich halt mein Ohr hin. Das pfeift, sag ich. Drüber wacht sie auf und hustet, so hart und hohl. Großmutter, da thuts weh, sagt sie und langt an den Hals. Drauf will sie weinen, bringt aber nur ein kläglich Wimmern heraus. Sie hats wieder wie fernd, sag ich zu meiner Frau, geh in die Küch und zünd Feuer an; wir müssen Dämpfe machen die Nacht durch! Meine Frau geht in die Küch, und derweil sie drauß schafft, mach ich mit zwei Stühlen, einem Sensenstiel und zwei Brettlein eine Stellasch über der Kleinen ihr Bett und häng ein Leintuch darüber, daß sie wie in einem Zeltlein liegt. Wie ich so hantier, fällt mir die Stiftshütte ein mit der Bundeslade drinnen. Nach dem Nachtessen halt ich unserm Großen, meinem Emil seinem Buben, die biblische Geschichte abgehört. Sie hatten grad »die gottesdienstlichen Einrichtungen des Volkes Israel« auf. Ich denk aber nicht weiter drüber nach, denn meine Frau kommt herein mit heißer Milch. Ich nehm sie ihr ab; die Kleine ist brav und trinkt. Meine Frau bringt zwei Töpfe mit dampfendem Wasser herein; die stellen wir in das Zelt auf die beiden Stühle rechts und links vom Bettlein. Damit müssen wir fortmachen die ganze Nacht durch, sag ich zu meiner Frau; leg dich schlafen! Nach Mitternacht, wenns nötig ist, kannst mich ablösen. Meine Frau giebt nach, legt sich ins Bett, und ich sitze neben dem Zeltlein auf einem Schemel, wenn ich nicht draußen am Herd schüre oder Töpfe herein und hinaus trage. Zwei stehen über dem offnen Feuer, zwei im Zeltlein. Sobald die Dampfwolken, die unter dem Leintuch vordringen, dünner werden, wird schanschiert, und so gehts fort. Meine Frau und der Bub schliefen, und auch die Kleine ward bald wieder still, aber sie wälzt sich im Schlaf, und das Pfeifen will nicht nachlassen, und der Husten klingt immer noch bös. Kommt deine Mutter und holt dich? habe ich gedacht und schau nach dem Fenster. Dann hab ich unsern Herrgott angerufen, er soll uns das Kindlein lassen. Wie Mitternacht vorüber war, hab ich meine Frau wecken wollen. Aber sie schläft so ruhig; sie brauchts nötiger als du, denk ich, und hol die frischen Töpf herein. Wie ich mich aber auf den Schemel setz, nick ich ein. Ich reiß mich raus, mach mir in der Küch zu schaffen, schau nach der Kleinen. Aber sobald ich mich wieder setze, fallen mir die Augen zu.

Kein Wunder, fiel ich dem Nachbar ins Wort, Ihr habt die siebzig hinter Euch.

So kämpft ich eine Weile. Da hör ich auf einmal vielstimmigen Gesang von fern. Es hatte schon unser Hahn gekräht, es ging gegen Morgen. Es sind Wallfahrer, sagt ich mir, sie gehen nach Walldürn. Ich will aufstehn und ans Fenster treten, aber ich bin zu müd, ich bleib sitzen. Ich hatt meine Freud an dem feierlichen Klang und hör andächtig zu. Wie sie an unser Haus kommen, war das Lied zu End, sie fangen zu beten an, ich hör das Gemurmel deutlich; wie sie auf den Marktplatz kommen, singen sie wieder. Das hör ich noch, dann aber bin ich eingeschlafen. Ich hör die Wallfahrer noch weiter und sah sie auch, aber das war im Traum. Mir träumt, ich steh am offnen Fenster, und die Pilger ziehn unten an mir vorbei. Es ist Nacht, aber ich seh alles ganz deutlich. Es sind lauter fremde Leut, aber sie schauen mich freundlich an und grüßen mich, und ich sie auch. Da kommt ein Mann her, so groß wie ich und von meiner Postur, hat weiße Haar und geht auch vornüber gebückt. Ihr habt euch früh auf den Weg gemacht, ruf ich. Ja, sagt er und bleibt stehen, und mit ihm stand der ganze Zug; ja, sagt er, und die Knochen sind müd, ich hab gestern den ganzen Tag Kartoffel gehäufelt. – So? sag ich, das hab ich auch gethan, ich bin fertig geworden. Warum liegt Ihr denn nicht in Euerm Bett? – Drum hab ich daheim ein krank Enkelkind, das hat einen so bösen Husten. Da will ich zu unserm Herrgott nach Walldürn, daß ers wieder gesund macht. – Ich hab auch ein krank Enkelkind, sag ich, Bertha heißts. – So zieht doch mit mir! ruft der Mann und schaut mich so freundlich an. In Walldürn ist die Gnadenstätt. Dort wächst der feurige Busch, wißt Ihr, der Busch, in dem Gottes Herrlichkeit erscheint. Kommt mit! – Nein, sag ich und beug mich zu ihm hinaus, – es war mir ganz feierlich ums Herz geworden. Nein, wir haben die Stiftshütte Gottes in unsrer Stube, da steht die Bundeslade drinnen; da wohnt die Herrlichkeit des Herrn. Ich habe die Rauchwolke gesehn, die drüber lagert, und zwei Engel mit goldnen Flügeln halten Wacht. In meinem Haus ist die Gnadenstätte, da hab ich für meine Bertha gebetet. – Da schaut mich der Mann traurig an und sagt: Ihr irrt Euch, kommt doch mit nach Walldürn! – Drüber donnerts, und schwere Tropfen fallen. Ihr habt ja keinen Schirm bei Euch! sag ich zu dem Alten, geh an den Schrank und hol meinen neuen Schirm. Wenn Ihr heimwärts geht, gebt ihn wieder zurück! – Gott lohns! ruft der alte Mann und nimmt den Schirm. Wenn Ihr in Eurer Stiftshütte betet, so betet auch für meine Bertha! – Gern, sag ich, und wenn Ihr bei Euerm feurigen Dornbusch betet, dann betet auch für meine Bertha! Damit mach ichs Fenster zu, geh in die Stube zurück und hör, wie es in Strömen regnet. Gottlob, daß er einen Schirm hat, sag ich, und sags so laut, daß ich drüber aufwach. Ich saß auf dem Stuhl neben dem Zeltlein, draußen war grauer Frühtag, es regnete stark. Erschrocken sprang ich auf und sah nach den Töpfen, das Wasser war kalt; dann sah ich nach dem Feuer in der Küch, es war aus. Voller Angst schlag ich das Leintuch zurück. Die Kleine liegt mit rosigen Bäcklein da; ich horch, sie atmet ganz leicht und frei. Da schlägt sie die Augen auf und schaut mich an.

Großvater! sagt sie und war gar nicht verwundert.

Thut dirs noch weh? frag ich. Wo? fragt sie, an meinem Fuß? und zieht das rechte Beinlein herauf.

Ich dank unserm Herrgott im Herzen und sag: Schlaf weiter, Kind! und laß das Leintuch wieder herunter, schlag aber den Zipfel über die Stuhllehne, damit frische Luft zukann. Dann leg ich mich ins Bett. Vor dem Einschlafen schau ich noch einmal nach meiner Stiftshütte hinüber und denk an meinen Traum. Da ward mirs auf einmal wieder so feierlich, so leicht und selig ums Herz wie in meinem Traum, als ich dem Alten von meiner Stiftshütte erzählte; und ich habe die Hände gefaltet und unserm Herrgott gedankt. Drüber bin ich eingeschlafen. – Durch einen großen Spektakel bin ich morgens aufgewacht. Die Kleine steht aufrecht in ihrem Bettlein und reißt die Stiftshütte zusammen.

Großvater, jetzt bin ich wieder gesund, sagt sie und steigt zu mir herüber in mein Bett. Nun fiel mir alles wieder ein. Auch daß ich mich vor dem Einschlafen noch so recht herzlich und heilig gefreut hatte, wußt ich noch. Aber worüber? das konnt ich nicht mehr finden, wie ich mir auch den Kopf zerbrach. Beim Morgenessen erzählt ichs meiner Frau.

Ha, Narr, lachte sie, was wirds sein? Die da ists, – sie fütterte gerade die Kleine. Daß sie gesund geworden ist, hat dich vor dem Einschlafen noch einmal so froh gemacht.

Nein, sagt ich, diesmal rätst du letz, und ich ging grübelnd im Zimmer auf und ab. Da kommt unser Großer, der drauß im Scheuerntenn gelernt hat, mit seinem Gesangbuch zur Thür herein. Es läutete grad in die Schul.

Großvater, hör mich ab, sagt er und hebt mir sein Buch hin.

Ich nehms ihm aus der Hand und schau hinein, und er fängt an:

Und ob es währt bis in die Nacht und wieder an den Morgen, soll doch mein Herz an Gottes Macht verzweifeln nicht noch sorgen. So thu das Volk von rechter Art, das aus dem Geist geboren ward, und harre seines Gottes!

Wie ich den Vers hör und den Namen unten schau »Martin Luther,« fällt mirs wie Schuppen von den Augen. So thu das Volk von rechter Art, das aus dem Geist geboren ward! Ich denk an meine Stiftshütte und an die Bundeslade, das Bettlein mit dem geretteten Enkelkind, und an die Wolken der göttlichen Herrlichkeit drüber und an meinen Traum, Gott sei Dank, wir brauchen nicht nach Walldürn zu laufen, brauchen keine Gnadenstätte zum feurigen Dornbusch. Wir haben unsre Stiftshütte mit der Bundeslade daheim. Wenn wir beten und schaffen, für Kind und Kindeskind wachen und sorgen und unserm Vater im Himmel vertrauen, so offenbart sich uns Herrlichkeit und Gnad und Erbarmen. Gottlob, daß ich ein evangelischer Christ bin! Das war meine Freude gewesen und mein Dank heute früh vor dem Einschlafen. 'S ward mir wieder so still und feierlich und selig zu Mut, so froh und stolz und dankbar. Gottlob, daß ich ein evangelischer Christ bin! –

So erzählte mein Nachbar und schwieg. Der Mond war über das Haus hervorgetreten, sein Licht floß zum Fenster herein. Mein Nachbar schaute zu ihm empor, sein Gesicht leuchtete, und die weißen Haare schimmerten. Wir schwiegen beide eine Weile.

Und deshalb waret Ihr heute im Pfarrhause? fragte ich ihn.

Jawohl, sagte er und wandte mir rasch seinen Kopf zu. Ich hatt Anstand genommen an dem Wort unsers Pfarrverwalters, wir Protestanten müßten stolz sein. Stolz? Nein, das nicht, hatt ich gedacht. Ihr wißt ja, wegen der großen Glocke und der großen Orgel und des großen Turms der Alsbacher. Und ich hatt mich mit unserm Pfarrverwalter verzürnt, weil er mir gesagt hatt, ich verstünde das nicht. Jetzt aber war ich selber stolz geworden auf unsern Glauben und auf unsre Freiheit. So zog ich nach dem Mittagessen meinen schwarzen Rock an und ging ins Pfarrhaus. Herr Pfarrer, sagt ich, nichts für ungut, daß ich mit Ihnen getrutzt habe. Ich weiß jetzt, es ist so, wie Sie sagten, wir müssen auf unsern Glauben stolz sein. Ich habs gelernt, nicht aus den Büchern, sondern aus eigner Erfahrung. Aber Sie müssen auch nimmer einem alten Manne sagen, wenn er auf dem Holzweg ist: Das verstehen Sie nicht. Denn sonst sieht es aus, als ob Sie nur aus den Büchern gelernt hatten und nicht aus dem Leben, und das thut kein gut. Drauf hat er mir die Hand gegeben und mir für den guten Rat gedankt. Aber jetzt ists hohe Zeit, ins Bett zu gehen. Ich hab viel nachzuholen! –

Er stand auf. Ich zündete das Licht an und leuchtete ihm in den Hausgang.

Ihr werdet schon mitmüssen, sagte er, Eure Hausthür ist ja geschlossen und das Hausthor.

Ich holte die Schlüssel aus meiner Kammer und sah im Vorbeigehen auf der Wanduhr, daß es schon auf Zwölfe ging.

Ich hätt mich an Eurer Stell heut nach dem Nachtessen gleich ins Bett gelegt, sagte ich zu meinem Nachbar, als ich wieder bei ihm war, – nach einer so bösen Nacht!

Hatt ich auch vor, sagte der Nachbar, während wir durch den Hof gingen. Aber auf dem Weg ins Pfarrhaus begegnete mir dem Schreiberfritz sein Bub; er sah so hohläugig aus! Jetzt bin ich einmal angezogen, dacht ich, jetzt gehst du zum neuen Notar und legst ein gut Wort für den Schreiber ein.

Ich öffnete das Hofthor und stellte das Licht dahinter auf den Boden.

Hat der Notar gleich ja gesagt?

O nein, es hat Hitz gekostet. Er hat mich gefragt, warum ich für den Schreiberfritz laufe. Als ich sagte, er dauert mich, hat mich der Notar sonderbar angeguckt. Ihr fürchtet Euch vor ihm? sagte er und lachte.

Nein, sagte ich, aber er gehört in meine Verwandtschaft. Ist ja auch wahr, weitläufig.

Endlich hat er zugesagt, er wollts mit ihm probieren. Morgen früh soll er sich stellen. Ich ging gleich zum Schreiberfritz, aber er war in der Stadt. Nach dem Nachtessen, ich wollt grad ins Bett gehen, sah ich ihn an meinem Fenster vorbeigehen. Ich setz die Kapp auf und geh ihm nach. Aber ich hab ihn auf der Straß nimmer erwischt. So mußt ich ihm nach in den Adler. Da konnt ich nichts reden mit ihm. Der Vogele war da, und der Maklerfranz, und die Lumpen all. So mußt ich aushalten, bis der Schreiberfritz aufbrach, er war der letzt, aber gottlob noch nüchtern; dann bin ich ihm nach, und unterwegs hab ichs ihm gesagt.

Hat ers Euch gedankt? fragte ich. Wir stunden beide auf der Straße. Der Mond war hinter eine Wolke getreten, es war finster.

Nun ja, sagte mein Nachbar, so in seiner Art! Aber jetzt gute Nacht!

Gute Nacht, sagte ich und faßte seine Hand.

Das war schön von Euch, sagte ich leise.

Ach was, sagte er unmutig, es war nichts; es geschah ja nur aus lauter Freud und Stolz, weil ich ein evangelischer Christ bin!

Ich weiß nicht, wies geschah, auf einmal hatt ich meinem Nachbar einen Kuß gegeben. Es war zum erstenmal in unserm Leben. Wir schämten uns auch beide sehr und liefen in unsre Häuser und schlossen schleunig zu. Und doch hats niemand sehen können, der Mond stand ja noch hinter der Wolke.








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