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Was der Alltag dichtet

Ilse Frapan: Was der Alltag dichtet - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorIlse Frapan
titleWas der Alltag dichtet
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
addressBerlin
year1899
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid394dfe7b
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Onkel Johnny

Wie das reizend ist, solch eine junge Birke im April! Vollbehangen mit schlanken grüngelben Kätzchen, die im leisen Wehen durcheinander schaukeln, noch blattlos die feinen Zweige, eine schüchterne schmiegsame Beweglichkeit in dem ganzen Baum, bis zum weißfleckigen hellaufschimmernden Stamme. Solch eine Birke steht vor Medags Gartenpforte, und die Sonne des Nachmittags zeichnet ihren zierlichen Schattenriß auf die grauweiße Wand des einstöckigen Häuschens hinter der Pforte. Und Milli und Liddi Medag blieben jedesmal, wenn sie geschäftig und beladen unter der Birke durchliefen, mitten im Wege stehen, guckten in das Zweignetz mit dem blauen Himmel dahinter, lachten glückselig, kniffen sich mit den freien Fingern gegenseitig in den Arm und liefen dann weiter, während die Zungen auch nicht einen Augenblick ruhten. Sie liefen zu einem zweiten Häuschen, das aber noch viel kleiner war, als ihr Elternhaus hinter dem grüngestrichenen Staket. Es war eigentlich nur ein großes Gartenzimmer mit einer Hausthür und einem Dach: umschlossen ward es von einer lückenhaften, ungleich beschnittenen Stachelbeerhecke; halbgroße Blätter und röthliche Blüthenglöckchen dehnten sich wohlig im Nachmittagsstrahl. Es ist natürlich, daß den zwei frohen, halbwüchsigen Mädchendingern all' diese anderen frohen, halbwüchsigen Dinge außerordentlich gut gefielen, und daß sie in das Gartenhäuschen, zu dem sie die Möbel hinübertrugen, ganz verliebt waren. Milli versuchte im Ueberschwang der Begeisterung sogar eine große weiße Waschkanne auf dem Kopfe zu tragen, gab es aber auf, ganz verwundert darüber, daß eine Waschkanne so schwer sei, und daß die Bardowiekerinnen ihre vollbepackten Gemüsekörbe, die doch warscheinlich noch weit schwerer waren, auf eine so unbequeme Weise trügen. Liddi hatte einen frischlackirten Stiefelknecht zärtlich wie ein Wickelkind in den Arm gedrückt. Sie sahen sich entzückt um.

»Milli, was er wohl sagen wird? Alles so reizend klein! Nicht, Du? Aber das Bett muß nicht so dicht am Fenster stehen, sonst kriegt er Zug! Du, der rosa Toilettetisch macht sich hier pummelig; ich freu' mich recht, daß wir Mama dazu gekriegt haben. Und der dicke alte Cylindersekretär kennt sich gar nicht wieder, seit er gebohnert ist.«

Milli stieß einen Freudenschrei aus: »Liddi, Liddi, 'n Schmetterling! Hier drinnen! O Gott, wenn er nur nicht wieder rausfliegt, bis Onkel Johnny kommt! Könnten wir ihn nur mit etwas füttern? Was frißt er, Du??«

Liddi sprang in die Höhe: »Blumenduft und Sonnenschein, das ist die Nahrung mein! Und das hat er hier doch genug! Schade, daß es nur 'n ganz gewöhnlicher Butterlecker ist.«

»Aber hier in dieser Ecke riecht es muchelig! Und sieh, was ist denn das nur für'n Ding hier an der Wand? 'n Champignon?«

Die Schwestern wurden bedenklich: wenn es nun am Ende gar 'n giftiger Pilz ist, und wächst hier in Onkel Johnnys süßer kleinen Stube?

»Liddi, ich weiß was! Hier muß der Maibaum her, der Eimer mit dem Maibaum!«

An den Maibaum hatte Liddi noch gar nicht gedacht, Milli war wirklich erstaunt über sie.

»Mein Gott! Onkel Johnny wird doch hoffentlich auch 'n Maibaum haben sollen? Ohne Maibaum ist gar kein Pfingsten, das weißt Du doch wohl.«

»Das heißt, wenn er nu' gerade zu Pfingsten kommt.«

Milli runzelte die Stirn: »Natürlich zu Pfingsten! Das richtet er sich ein. Ach, er muß zum Fest kommen! Wir haben doch nun schon lange genug auf ihn gewartet.«

Ja, das hatten sie, lange genug! Eigentlich war schon, solange sie denken konnten, die Rede davon gewesen, »daß Onkel Johnny nun wohl bald mal wieder 'rüber kommen würde.« Als kleines Mädchen, vor sechs, sieben Jahren, hatte ihm Milli eindringliche Briefe geschrieben, mit großen Buchstaben und gelegentlichen Tintenklexen ihn flehentlich gebeten, ihr, wenn er »nun bald« komme, »recht viele seltene amerikanische Blumen und merkwürdige amerikanische Steine mitzubringen«; einen Wunsch, den Onkel Johnny aus zwei Gründen nicht erfüllen konnte. Erstlich nämlich, weil er überhaupt nicht kam, und zweitens, weil er sich meist in Brooklyn aufhielt, wo die Blumen und die Steine, obwohl amerikanisch, doch viel weniger merkwürdig sind, als kleine siebenjährige Hamburgerinnen vermuthen. So wenigstens hatte Millis Mama die Kleine darüber getröstet, daß Onkel Johnny diese interessanten Nichtenbriefe unbeantwortet ließ, »Onkel Johnny hat aber Photographieen geschickt, die sollt ihr besehen!« Milli und Liddi ließen die Unterlippe hängen; diese langen Straßenansichten mit den himmelhohen Häusern waren ihnen furchtbar gleichgültig, doch begriffen sie, daß dort keine Blumen zu sammeln waren. Mama nahm sie auf den Schoß und erzählte ihnen von Onkel Johnny wie er noch klein war und der freundlichste, liebste Bruder, Mamas einziger Bruder! Und Mama zeigte den Kindern ein achteckiges Pappgehäuse, rosa war es, mit vergoldeten Eckleisten und kleinen Glocken rund um ein chinesisches Dach, Sie wischte sich dabei die Augen, denn Onkel Johnny hatte es gemacht, als er noch in die Schule ging; und was für geschickte Finger der Junge gehabt hatte! Mama öffnete eins der acht rosa Fächer und zeigte den Kindern eine hellblonde Locke, die mit einem blauen Seidenfaden zusammengebunden war. »Die ist von Onkel Johnnys Kopf, er hatte ein rechtes Mädchengesicht und ganz helles Haar, Einmal war bei uns ein Kinderball; denkt Euch, da zog Euer Großvater Onkel Johnny ein weißes Tarlatankleid an, und er tanzte so niedlich Pepita, daß alle meinten, er wäre ein Mädchen, – sonst wäre er nämlich der einzige Junge auf dem Kinderball gewesen, und das mochte er nicht, denn Onkel Johnny war ein bißchen schüchtern, wißt ihr!« Die kleinen Mädchen horchten mit großen Augen. Sie kannten verschiedene Onkel, Brüder ihres Papas; die hatten theils Chokolade, Bonbons, Geduldspiele und andere schätzenswerthe Aufmerksamkeiten für Milli und Liddi, theils übersahen sie deren Dasein vollständig; in einem aber glichen sie sich alle, sie trugen solche Röcke und Beinkleider wie Papa und hatten nichts an sich, was an kleine Mädchen in weißem Tarlatan erinnerte. Und mehr denn je warteten Milli und Liddi auf den so ganz ungewöhnlichen Onkel aus Brooklyn. Es wäre zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß sie sieben Jahre lang auf ihn gewartet hatten. Man könnte danach vielleicht glauben, daß sie gar nichts anderes gethan hätten. Aber sie beschäftigten sich höchst mannigfaltig; lernten aus dem Ploetz und dem Plate Französisch und Englisch, übten sich in der Kalligraphie und der Orthographie, in der Mythologie und der Geographie, lernten Aufsätze machen über: »Keine Rose ohne Dornen« oder »Wohlthun trägt Zinsen«, lernten daheim auch Pfannkuchen backen und Kaffee trichtern und Tassen spülen und Knöpfe annähen – »aber meine mit 'm Hinterstich,« sagte Papa, – und hörten auch über Onkel Johnny einige andere Dinge, als die von seiner Kunstfertigkeit in Papparbeiten und im Tanzen. Sie erfuhren ganz zufällig, daß Onkel Johnny in Brooklyn nur einen Arm habe. Großmutter Harms war nämlich jetzt zu ihnen gezogen, und das war ja Onkel Johnnys Mutter. Sie war eine sehr muntere rothbäckige Dame mit einer netten Taille und einem merkwürdig reichhaltigen Nähkasten, in dessen Begleitung sie auch zu Besuch ging. Sie lachte sehr gern und erzählte auch selbst komische Geschichtchen. Sie nannte diese Geschichten aber »Döhntjes«, zu Millis und Liddis Verwunderung.

»Kommt, Kinners, ich will Euch 'n Döhntje vertelln!«

»Großmutter, warum sprichst Du denn Platt?«

»I, Du naseweise Deern, ist Platt vielleicht schlechter als Hoch? Nu will ich erst recht Plattdeutsch snacken!«

Wenn aber Mama dabei war, wurde niemals Platt gesprochen, und Papa war es auch lieber so. So gern Großmutter Harms lustige Geschichten hörte, so sehr verabscheute sie traurige. Wenn jemand verunglückt oder gestorben war, hielt sie sich sofort die Ohren zu. »Behalt es man für Dich,« pflegte sie kopfschüttelnd zu ihrer Tochter zu sagen, »was sprichst da noch lang' über? Dank Gott, daß Du wohl und munter bist, und Deine Kinder auch! Was gehn mich die Kranken an! Bankrott ist Einer? Dank Gott, daß Dein Mann 'n ordentlicher Mann ist; was die anderen sind – wenn ich mir da graue Haare um wachsen lassen wollt', denn hatt' ich all lang' kein ein schwarzes mehr auf'n Kopf.«

»Du, Großmutter, ist es wahr, daß unser Onkel Johnny nur einen Arm hat?« fragten die Kinder eines Tages.

Großmutters Gesicht wurde lang und unbehaglich. »Wer sagt das? Was geht Euch das an?«

»Papa hat heute gesagt: ›was will er denn mit dem einen Arm machen?‹ Oder so was! Einen Arm? Wieso denn einen? Ist der andere denn ab?«

Großmutter wandte sich brummend auf die Seite: »Ihr alten neugierigen Gören! Das gibt viele Leute, die mit einem Arm auskommen. Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um, das is 'n alter Spruch.«

»In was für 'ne Gefahr hat sich Onkel Johnny denn begeben, Großmutter?«

»In 'n Krieg, Du neugierige Trina!«

»O! Was hatte er denn im Krieg zu thun, Großmutter?«

»Je, dat seggst Du woll! Dat segg ick ook! Piff, paff, Arm is ab!« Großmutter sah sehr böse aus trotz der rothen Backen,

»O Gott, wie schrecklich! Der arme Onkel Johnny – wenn er doch herkäme!« seufzten die Kinder. Dann fragten sie die Mama aus:

»Ist Onkel Johnny 'n Soldat?«

»Mama schüttelte den Kopf.

»Was für'n Krieg war das denn, Mama, wo ihm der Arm abgeschossen worden ist?«

»Es war für die Sklaven, Kinder, daß die Sklaven freie Menschen würden,«

»Die schwarzen Neger, Mama?«

»Ja, die Neger.«

Milli und Liddi sahen einander blitzschnell an, Staunen, Bewunderung, Triumph lag in dem Blick.

»O, Mama, wie süß von ihm!«

Mama seufzte.

»Hat er denn gesiegt, Mama? Sind die schwarzen Neger frei geworden?«

»Ja, Kinder!«

»O Gott, wie prachtvoll! Und das hat unser Onkel Johnny gethan? Warum hast Du uns das noch nie erzählt?«

»Ich dachte, Ihr wüßtet es schon. Es ist ja schon ziemlich lange her. Onkel Johnnys Frau starb, während er verwundet lag, – aber fragt nur ja nicht Großmutter danach, Großmutter kann das nicht hören.«

»O Mama, wann kommt er denn endlich, unser Onkel Johnny? Schreib ihm doch, daß wir ihn so gern mal sehen möchten. Was will er denn noch in Amerika, wenn die Neger nun doch schon alle befreit sind?«

Mama lächelte stumm und rieth den kleinen Mädchen, ihre Vocabeln noch mal durchzusehen. Aber dann, ein Vierteljahr später, hatten die Eltern das Gartenhäuschen gemiethet, zum »vorläufigen« Logis für den Erwarteten, der nun endlich seine Abreise fest bestimmt hatte, und Milli und Liddi waren entzückt, daß sie jetzt endlich etwas für Onkel Johnny thun dürften, Milli fing sofort ein Paar Schuhe zu sticken an, und Liddi häkelte einen Tabaksbeutel, Aber das Schönste war doch das Ausschmücken von Onkels Häuschen hinter der Stachelbeerhecke. Besonders weil man dazu nicht Hut und Mantel zu nehmen und über eine langweilige Straße zu gehen brauchte. Denn das Medag'sche Haus sammt seinem Privatgärtchen und Onkels Häuschen mit der Stachelbeerhecke und die schöne schlanke wiegende Birke – all' das stand mit einander in einem großen baumreichen Garten, dem Garten der Wirthschaft zum »Grünen Glas«, Es war aber eine stille Wirtschaft mit einem alten Wirth, der die Ruhe liebte und sein Schäfchen längst im Trockenen hatte, so daß seine Hauptbeschäftigung darin bestand, mit einer langen Pfeife unter den Eichen und Kastanien herumzuwandeln, in einer sonnigen Laube ein Schläfchen zu machen, vor aller Welt sein buntes Käppchen zu lüften, hier und da einen Kegeljungen zurecht zu setzen und seine Enkelinnen zu schaukeln, hoch, hoch bis in die Kronen der Linden. Im Winter hielt Herr Nehlsen täglich eine Art vierundzwanzigstündigen Schlafes ab; ein alter glatzköpfiger Aufwärter bediente die spärlichen Gäste, die meistens im Vordergarten Platz nahmen oder in der geräumigen Gaststube; in den Hintergarten verirrte sich selten ein Fremder. Ein schmaler Gang zwischen Gärten führte vom Medagschen Hause auf die Straße, sonst ging man über die Wirthschaftsdiele, ganz ungenirt und gemächlich und begrüßt von Papa Nehlsen mit dem bunten Käppchen und der langen Pfeife: »Süh so, Madam Medag! Auch n' büschen unterwegs? Ja, wie ich noch so junge Beine hatte, wie Madam Medag, da hätten mich auch keine zehn Pferde zu Hause gehalten, aber nu heet dat: Das sünd die Tage, die uns nicht gefallen! Jejeje!«

Im Herbst, im trüben, nebeligen November, waren Medags eingezogen, und dies war der erste Frühling in dem großen baumreichen Gatten. War das ein Freuen und Wundern über alles, was unvermuthet aus dem Boden brach, Leberblümchen und rothe Primeln und Muskathyacinthen, die sie Träubelchen nannten, auf schmalen, laubbedeckten Rabatten, und unzählige Ahornsämlinge mitten auf den Wegen, die unschuldigen, vertrauensseligen Dinger! Und droben an der Ulme das grüne, flattrige, rundliche Zeug, das den ganzen Garten mit flachen zarten Pflästerchen bestreute, und eine Eiche mit bräunlichem Blüthengekräusel, und dicke Harzpinsel an den straffen Kastanienästen und lockere, braune Kirschzweige mit kugeligen aufbrechenden Knospen. Jeden Tag fand man etwas Neues, und es war für Milli und Liddi eine schwere Prüfung, in die Schule zu gehen, statt zu beobachten, wie die seidengrauen Blättchen am Goldregen weiterkamen, und wie das Farnkraut unter dem Gebüsch seine braunen Spiralen auseinander rollte. Und zu all' diesem Glück war nun noch Onkels bevorstehende Ankunft gekommen, – wunderschöne Tage gab es für die Backfische. Als das Gartenhäuschen wohnlich herausgeputzt war, – in der feuchten Ecke richtig ein Maibaum und auf dem runden Sophatisch Tulpen und Goldlack – da war es ihnen auch klar, daß Onkel Johnny heute ankommen müsse; die Hammonia war ja schon lange genug unterwegs. Großmutter ward bestürmt, mit an den Hafen zu gehen; – erst schüttelte sie den Kopf: »Wer weiß, ob nu gerade heute,« aber die Freude und der Eifer der Kinder steckte sie an, und als sie rothbäckig und adrett mit ihrer netten Taille und dem Blumenhut zwischen den Kindern ging, sah sie ebenso erwartungsvoll aus wie diese. Das Wetter war auch so schön, das stimmte munter. Ein frischer ostwindiger Frühlingstag, ohne Aprillaunen; an allen Schiffen flatterten die Wimpel und Flaggen, an allen Hüten die Bänder, ein Glitzern und Flimmern umspielte jedes Schieferdach, jedes Fenster, jede Straßenlaterne, ja jedes Kieselchen auf dem Boden, Man konnte es förmlich erkennen, daß morgen Pfingsten sein sollte, obgleich am Hafen der gewöhnliche Alltagslärm und das gewohnte Arbeitsgedränge herrschten. »Auf die Landungsbrücke, Großmutter, auf die Sankt Paulianer Landungsbrücke müssen wir!« riefen die Mädchen froh und geblendet und berauscht, und sie stürmten davon und ließen die Großmutter stehen. Die schüttelte den Kopf und lachte und verlor sich dann auch in den Anblick des Hafens, zwischen die Schiffe hinein, die in langen Straßen stolz und blank dalagen. Mit wichtigen Mienen drängten sich Milli und Liddi durch das Gewühl, fühlten mit Vergnügen die Brücke unter sich schwanken wie ein Boot und klopften mütterlich die rothbekreuzten Nacken der blökenden Hammel, die da eben gegen ein Schiff zu getrieben wurden. – »Wann kommt die ›Hammonia‹ an?« fragten sie jeden, der ihnen einen Augenblick das Gesicht zukehrte. »Weet ick nich!« war die gewöhnliche Antwort. Ein Hafenbummler unterwarf sie einem strengen Verhör, was sie hier den Platz zu sperren hätten. Das Geschrille der Dampffähren, das sorgenvolle Blöken der Hammel, das Wagengerassel und Pferdebahnklingeln, dazu all' diese Menschenstimmen rundum, – Milli und Liddi wurden roth und aufgeregt, seufzten und blickten sich an, – ihre Arme waren fest ineinander geschlungen – sie fragten mit immer kleinlauteren Tönen nach der »Hammonia« und wurden zuletzt fast ins Wasser gepufft von demselben Hafenbummler, der sich einen kleinen Witz machen wollte. Großmutter schalt ihnen entgegen, ein Matrose hatte sie auf ihren Leichdorn getreten, und niemand wußte etwas von der »Hammonia«. Sie gingen in das Kontor der Dampfschiffgesellschaft, ›Die Hammonia‹ ist gestern angekommen,« sagte ein erstaunter Herr, der noch erstaunter wurde, als ihn Milli und Liddi fragten: »Und unser Onkel Johnny? Haben Sie den nicht mitgebracht?« – Der Heimweg war traurig, die Steine waren so spitz, die Straßen so staubig, und das Heiligengeistfeld – meine Güte, wie öde und dürr! – Das hatte vorher alles ganz anders ausgesehen. Plötzlich fiel es Milli ein: »Vielleicht ist es eine Ueberraschung, und wenn wir kommen, ist Onkel Johnny schon lange zu Haus?« Neue Kräfte fuhren in die müden Füße, auf 'all den kümmerlichen Grasspitzen glänzte auf einmal ein Abendsonnenstrahl.

»Lauft nicht so! Ich kann ja nicht nach!« keuchte die Großmutter, Aber die Unbände faßten sie lachend von beiden Seiten unter die Arme, ihr Protestiren machte sie nur immer lustiger. Je näher sie dem Hause kamen, desto zuversichtlicher wurden die Mädchen. Zuletzt machte sich Milli los und lief allein voran durch den kleinen Gang, daß die Spatzen aufflogen und hinter ihr her schalten.

Die Mama riß mit gespanntem Gesicht die Hausthüre auf: »Nun? Allein? Ihr habt ihn nicht gefunden?« Und dann nickte sie halb betroffen, halb resignirt: »Wir müssen jetzt jeden Tag an den Hafen gehen, Onkel hat natürlich ein anderes Schiff genommen.«

»Ich glaube immer noch, daß er morgen kommt oder sonst am Pfingstmontag, Mama! Nachher haben wir ja keine Ferien, das kann er sich doch denken.«

Und sie warteten und warteten; Pfingstsonntag war blau und goldig, und Papa wollte mit den Kindern in den zoologischen Garten gehen. Aber sie waren voller Bedenken: »Wenn nun Onkel Johnny kommt, und wir sind nicht mal da!« Nur der kleine fünfjährige Kurt, der noch keinen Verstand von Onkel Johnny hatte, ging mit, um das neugeborene Renntier zu sehen. Mittags gab es Wein, und Milli brachte einen Toast aus: »Wir wollen darauf anstoßen, daß Onkel Johnny bald kommt.«

»Ihr habt Euch das nun so fest in den Kopf gesetzt, Kinder!« sagte die Mama. »Was glaubt Ihr eigentlich, das Ihr davon haben werdet?« Aber dann stießen sie doch alle auf sein Kommen an, und Großmutter gab ein paar »Döhntjes« von ihm zum besten, wie Onkel Johnny als kleiner, kleiner Junge in sein Abendgebet eingeflochten habe: »Lieber Gott, danke auch vielmal für Brot und Butter, aber Bratenfett haben wir selber«, und wie er so reizende Puppenstrümpfe habe stricken können, ordentlich mit Hacken und Zehen, besser als seine Schwester. Nachmittags ging die ganze Familie an den Hafen; – als sie dort erkundeten, daß heut kein Schiff von New-York zu erwarten sei, fuhren sie nach Blankenese hinunter; aber das Dampfboot war überfüllt, die Wirthschaftsgärten über und über mit Menschen besetzt; über die Elbe her kam ein kalter Wind, in dem die jungen Blätter zitterten, und als sie glücklich daheim waren, bedauerten sie, fortgegangen zu sein: »es ist doch nirgends so gut wie zu Hause!«

Den nächsten Tag begann das Warten von neuem, – Milli fand, daß »Onkels Maibaum« viel mehr die Blätter hängen ließ, als natürlich sei: »Gut, daß Pfingsten bald vorbei ist, bis morgen ist er gewiß verwelkt.« Sie saßen auf Gartenstühlen vor Onkels Häuschen, lasen zerstreut in alten Westermannschen Monatsheften und dachten daran, wie schön es gewesen wäre, wenn –

»Hat Onkel Johnny noch nicht geschrieben?« fragten Milli und Liddi jeden Tag, wenn sie aus der Schule kamen,

»Er schreibt ja überhaupt selten, Kinder!« war die Antwort. »Sprecht nur nicht mit Großmutter davon, sie ängstigt sich mehr, als sie sagen kann.«

Großmutter ging allerdings Tag für Tag an den Hafen, wollte es aber nicht wahr haben, »Man muß sich Bewegung machen, sonst wächst man an,« sagte sie, »ob ich nun da gehe oder da, das is ja egal.«

Endlich hieß es, Onkel Johnny habe geschrieben. »Er war verhindert, herüberzukommen, denkt aber, daß er es nun bald möglich machen wird.« – »Er wird wohl nicht aus dem Geschäft abkommen können,« sagte Milli mit altkluger Wichtigkeit, »was hat er eigentlich für'n Geschäft, Mama?« Mama antwortete, daß er »eigentlich« Architekt sei, »doch seit er den rechten Arm verloren hat, ist es natürlich schwierig! Aber er kommt.«

Der Sommer wurde heiß. Das Gartenhäuschen, von großen Bäumen überschattet, lag kühl in grüner Dämmerung, während auf Medags Gärtchen die volle Nachmittagssonne brannte und in dem Zimmer der Mädchen kein geschütztes Fleckchen zu finden war. Wie schön hätte man dort »unten« über seinem langen Aufsatz sitzen können! »Über das Reisen« lautete das Thema, und da Milli noch nie selber gereist war, dachte sie natürlich an den Reisenden, den sie noch immer erwarteten. Jeden Tag wischten die Mädchen den Staub ab in Onkels Häuschen, putzten die Scheiben und trugen zuweilen eine blühende Pflanze hinein. Sie verwelkte dort bald, wie die Tulpen und der Goldlack verwelkt waren; der Schmetterling war längst davon geflogen; über die feuchte Ecke hatte Papa eine Holzspantapete genagelt, hatte sie eigenhändig braun lackirt, – alle Monat einmal wurden die Betten gelüftet, daß Onkel Johnny frisch schlafen sollte, wenn er käme. Milli druckste an ihrem Aufsatz in der durchheizten Stube weiter – in Onkels Häuschen durfte man doch nicht mit Schularbeiten eindringen, wie hätte das ausgesehen, wenn er nun plötzlich gekommen wäre!

Der Sommer verging, die Birke ward goldgelb, und wenn der Wind in ihrer Krone wühlte, fiel ein Blätterregen; die Stachelbeerhecke – sie hatte keine Stachelbeeren getragen – ward früh kahl, und Onkels Häuschen lag stumm und todt unter den breiten Kastanien, von denen die stacheligen Früchte auf das Dach prallten, um dann weitab zu springen. Am Familientische war die Rede davon, das Gartenhäuschen aufzugeben, »Aber wo soll denn Onkel Johnny wohnen, wenn er jetzt kommt?« fragten voll Schrecken die Backfische. Sie bekamen keine bestimmte Antwort, aber einige Tage später hieß es: »Wir richten die Stube ein, ganz oben, Papa läßt einen kleinen Regulirofen setzen, und Ihr könnt es so niedlich machen, wie Ihr wollt.« »O, Mama, die Wanzenkammer?« fragte Milli vorwurfsvoll. Mama machte ein strenges Gesicht: »Sprich keinen Unsinn, Milli, das Zimmer ist jetzt vollständig sauber; überhaupt – was mal vor hundert Jahren gewesen ist – – Und dann soll es ja nur vorläufig sein, – das Gartenhäuschen ist unheizbar.«

Und so ward denn die Stube mit dem ominösen Namen für Onkel Johnny eingerichtet. Aber es machte sich dort alles nicht halb so hübsch, wie in dem vielfenstrigen zierlichen Häuschen, der Cylindersekretär sah dort aus wie ein dicker Elephant, und der rosa Toilettentisch fand gar keinen Raum. Er war übrigens schon verblichen, und selbst Milli fand es eigentlich »abgeschmackt«, einem Herrn solch ein Möbel hinzustellen. Die frisch getünchten Wände mit dem schwarzen Oefchen davor, das enge Fenster und die schlauchartige Gestalt des Raumes machten, daß Milli und Liddi ihn »erbärmlich scheußlich« fanden und unverbesserlich für ihre schwachen Kräfte. »Wer weiß denn, ob er überhaupt kommt?« sagten die Eltern und zuckten die Achseln. »Wir haben wieder lange nichts von ihm gehört.«

Onkel Johnny bezog die Wanzenkammer gerade so wenig wie das Gartenhäuschen, Aber in seinen seltenen Briefen sagte er, daß er den Plan der Heimkehr nicht aufgäbe, sondern eines Tages ganz unvermuthet ankommen werde.

Als der Brief gekommen war, ließ sich Großmutter zum Essen nicht sehen. Milli ging, steckte den Kopf in ihre Thüre und sagte: »Bitte, Großmutter, es steht schon alles auf dem Tisch.«

»Na, ich erleb' es woll nich mehr, ich woll nich!« sagte die Großmutter mit hängender Unterlippe und drehte gedankenlos die Daumen umeinander.

»Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben,« meinte Mama, »– übrigens – der kleine Ofen käme mir jetzt gerade so zu paß, in Kurts Kämmerchen ist doch eine Feuerwand, nicht?«

Und so wurde denn der neue Regulirofen aus Onkel Johnny's Zimmer wieder weggenommen – schöner ward es nicht dadurch.

Es wurde wieder Frühling. »Je, denn müssen wir woll das Gartenhäuschen scheuern lassen,« sagte die Großmutter, »ich hab' es eben mit Nehlsen richtig gemacht – –« sie schwieg verlegen.

»Das ist aber 'n Himphamp!« stöhnte das Dienstmädchen, »Erst drei Treppen rauf mit dem schweren Postür, und nu wider runter! Die wissen auch nich, was sie wollen,«

Milli und Liddi waren diesmal viel weniger eifrig. »Er kommt ja doch nicht! In jedem Brief steht was anderes. Hättst Dein Geld sparen können, Großmutter.«

Aber als dann wieder alles an Ort und Stelle war, die runden Sonnenflecken über den neulackirten Fußboden huschten und auf der gelbblumigen Theedecke, trugen sie auch wieder ihre Wiesensträuße hier hinein und gingen an den Hafen, so oft sie frei hatten. Einmal wird er doch kommen, und wie nett, wenn Milli und Liddi dann gerade unten sind und ihn in Empfang nehmen können! Eine Photographie, die den Onkel als achtjährigen zarten Knaben in einem karrirten Kittel und weißen Spitzenhöschen darstellte, hing über Großmutters Sopha, aus Amerika hatte er nie ein Bild geschickt. Aber einen Herrn mit einem Arm – den wird man doch finden? Und die Mädchen malten sich selbst sein Bild, edel und kühn, ihrer Mama ähnlich, mit blauen Augen und hellblondem, lockigem Haar, – jeder würde ihm ansehen, was für ein Held und Menschenfreund er sei.– –

»Heut morgen hat es wieder gereift,« sagte Mama, als es abermals Oktober geworden, »in dem Gartenhäuschen verstockt und verspakt (verschimmelt) alles, – was fangen wir denn nur einmal mit den Sachen an?«

Und sie begann etwas von »Zumuthung« und »Rücksichtslosigkeit« zu murmeln, und Großmutter hielt sich die Ohren zu und ging endlich kopfschüttelnd in ihre eigene Stube. Papa mußte auf ein paar Wochen verreisen, es gab Hausschneiderei und Mädchenwechsel, Kurt lag an den Masern, und Großmutters gute Laune war durch ein hartnäckiges Reißen in der Schulter stark bedroht.

Dazu war ein abscheuliches Schlackerwetter, Tag für Tag fiel halbgeschmolzener Schnee aus einem schwarzgrauen Himmel: der Sturm sauste um das Haus, daß die Schornsteine wankten und die Aeste brachen; klappernde Fensterscheiben, rauchende Oefen, Wasser im Keller,

»Nein, wenn so alles zusammenkommt, ist's zum Davonlaufen!« stöhnte Mama. »Ihr könnt lachen, Ihr geht in die Schule und kümmert Euch um Gott und die Welt nicht, so zwei unbrauchbare Kreaturen!« Damit waren natürlich die Backfische gemeint, und sie lachten allerdings, sobald sie das Haus hinter sich hatten. Denn daheim sein und zu allerlei unangenehmen Geschäften gepreßt werden, das war jetzt eins und dasselbe. Am liebsten rieben sie noch Großmutters Schulter mit flüchtiger Salbe ein, beide zusammen – auch das war eine von Mamas Ausstellungen, daß sie immer beide dasselbe thun wollten; Großmutter machte dabei so verkniffene Gesichter und erzählte manchmal 'n Döhntje mitten hinein.

Gerade waren sie bei diesem erheiternden Geschäfte, als noch spät, so gegen halb zehn Abends, die Hausthürklingel erscholl. »Ist das bei uns?« fragten sie einander, halb erschrocken, halb lachend, denn sie wußten, daß Marie schon schlafen gegangen, und daß sie die Thür öffnen mußten. Es klingelte stärker; »das ist Papa!« schrie Milli, ließ die Großmutter stehen und rannte mit den gesalbten Händen, froh über die Unterbrechung, die Treppe hinunter. Liddi folgte, auch sie unabgewischt und erwartungsvoll. Der Vorplatz war spärlich erhellt, die Petroleumlampe flackerte auf und erlosch plötzlich.

»Papa! Papa! Wie reizend von Dir, daß Du zurückkommst!« kicherten die Mädchen, sie hatten im letzten Lampenstrahl den Papa durch das Glasfenster der Thür gesehen und lösten eilig die Kette.

»Halloh! Wen haben wir hier?«

Milli und Liddi fuhren zurück, das war doch gar nicht Papa, das war ja eine fremde, rollende, fragende Stimme. Zwei Männer standen plötzlich auf dem dunklen Flur, es wurde ein unterdrücktes Lachen hörbar, dann rieb einer ein Zündholz an: die Mädchen, die sich erschrocken an die Wand gedrückt und »Mama! Komm herunter!« gerufen hatten, bemerkten gleichzeitig, daß der größere der zwei Herren einen leeren, schlaff herabhängenden Aermel hatte.

»Sind Sie – sind Sie – ach, Mama, Mama, komm doch mal schnell herunter!« riefen die Backfische vereint, voller Ahnung,

»Der Herr will zu Mr. Medag, das ist doch hier recht?«

Jetzt kam Mama die drei Treppenstufen herunter, gerade, als der zweite Herr ein kleines Gepäckstück auf den Boden aufstieß. »Im Dunkeln? Was ist denn das?«

Wieder ward ein Streichholz entzündet, in Mamas Händen blinkte eine Spritze.

Liddi nahm sie ihr fort, versteckte sie unter ihre Schürze, und Milli flüsterte: »Ich glaube, Onkel Johnny ist gekommen,«

Nun stieß Mama einen Schrei aus: »Johnny?!« » All right!« erwiederte die joviale rollende Stimme. »Bruder Johnny! And here's my sister Dora

»Johnny, Johnny, Johnny!« Mama schluchzte auf, machte ein paar Schritte vorwärts und fiel ihrem Bruder um den Hals. »So lange haben wir auf Dich gewartet!«

» Well, well, Dora! Never mind, old girl!« Der Onkel strich seiner Schwester mit der linken Hand übers Gesicht, dann erhob er den leeren Ärmel, schüttelte ihn und lachte laut: » Well, was sagst Du dazu, hm?« Seine Stimme klang rauh.

Mama schluchzte noch einmal und machte sich los: »O Johnny, all die Jahre! Und was hast Du durchgemacht! Aber nun komm! Komm hinein! Wie anders hatten wir uns das gedacht; komm doch, Johnny!«

Milli war hinaufgeeilt und hatte eine Lampe gebracht, mit der sie wie eine Gipsfigur auf dem Treppenabsatz stand. Ihr Herz klopfte heftig; sie sehnte sich so, dem Onkel auch guten Abend zu sagen, aber er schien sie nicht zu bemerken.

» Well, Mutter lebt noch, hm?« fragte er im langsamen Hinaufsteigen; dabei kehrte er Milli sein dunkelgefärbtes Gesicht zu, in dem die Augen funkelten. Er war breitschultrig, mit kurzem Halse, trug den Hut im Nacken und sah völlig anders aus als alle übrigen Onkel, Der zweite Herr folgte uneingeladen mit dem Mantelsack; er sah etwas ungewaschen und verhungert aus, einen Ueberrock hatte er nicht.

»Ich bin so frei,« murmelte er, als er an Milli vorüberging; eine breite nasse Spur zog sich über die Stufen hinter ihnen drein.

Als Onkel Johnny die Frage nach seiner Mutter gethan, schrak Mama heftig zusammen und sah ihn an; dabei erschrak sie noch heftiger und blickte schnell wieder weg.

»Gott Lob und Dank, Mutter geht es gut!« Mama seufzte auf. »Sie hat zwar augenblicklich etwas Rheumatismus – – «

»Und Kinder hast Du auch? Well, ich weiß. Du hast Kinder! Drei oder vier, I guess?«

Ein Ausdruck sprachlosen Schreckens überzog Mamas Gesicht, »Drei, Johnny,« sagte sie in gekränktem Ton, matt und beschämt.

» Boys? Three boys? Schon zu Bett? Hm?«

Mama wendete sich plötzlich um: »Milli und Liddi stellt Euch vor, – es scheint, daß Onkel Euch noch nicht gesehen hat.«

»Das sind ja schon junge Ladies!« bemerkte der Onkel.» Well, what's your name? Und während er Milli die linke Hand hinstreckte, brach ein Strahl so herzlicher Freundlichkeit aus seinen tiefliegenden Augen, daß die Mädchen sich beide zugleich herandrängten, lächelnd und gewonnen. Hand in Hand mit Liddi marschirte der Onkel die letzten Stufen hinauf. Es lag eine fröhliche Sorglosigkeit in seinem oft ertönenden Lachen, das zu seinem schwerfälligen Schritt in auffälligem Gegensatz stand; oft wendete er sich zu seiner Schwester um – er schien bereits völlig zu Hause.

Im Wohnzimmer brannte noch die Lampe; die Mädchen begannen ein aufgeregtes Hin- und Herrennen. »Herr –?« fragte Mama den etwas ungewaschenen Mann mit dem Mantelsack, der sich mit einem gemurmelten: »Bin so frei,« neben Onkel Johnny gesetzt hatte und seinen Hut in der Hand drehte.

Onkel Johnny machte eine Handbewegung. »Mr. Quasebart, guter Freund von mir von Amerika her.«

»Ah so!« Mama nickte verlegen, »Aber jetzt will ich vor allen Dingen Mutter« – Sie näherte sich der Thür. »Oder – willst Du vielleicht lieber zu ihr gehen, Johnny?« Sie warf einen Blick auf Herrn Quasebart, »– wenn ich sie vorbereitet habe?«

Der Onkel schüttelte den Kopf: »Möchte Mutter nicht stören heut' Nacht, – ich komme morgen wieder.« Er stand vom Stuhl auf. Sofort sprang alles auf die Füße,

»Johnny! Onkel Johnny! Du sprichst doch nicht vom Weggehen? – Eben kommst Du! Und Mutter – solche Freude aufzuschieben – nein – das ist Sünde. – Komm! Komm!«

» Well, ich weiß nicht –.« Onkel Johnny blickte vor sich nieder, und plötzlich war sein Gesicht ernst, fast traurig. Etwas wie ein Seufzer klang durch das Zimmer.

»Johnny!« Mama faßte ohne alle Rücksicht auf Herrn Quasebart ihres Bruders Hand, die Mädchen, die sich herangeschlichen hatten, zeigten einen aufgeregten flehenden Ausdruck. Nun sah der Onkel auf und in die beiden runden unschuldigen Gesichter: »Komm zu Großmutter, bitte, bitte!« lispelten sie, rothübergossen.

» Well, never mind!« und die alte Sorglosigkeit war schon wiedergekehrt, » Let us see the old lady!.« Er nickte Herrn Quasebart obenhin zu: »Auf nachher!« und ging den Weg, den die Schwester ihm zeigte; Milli und Liddi waren wie zwei Seraphim mit der Freudenbotschaft voraus geeilt, damit sich Großmutter nicht allzu sehr erschrecke.

– Lange, lange saß Herr Quasebart auf demselben Stuhl in der Wohnstube, drehte seinen Hut in den Händen und blickte mit durstigem Interesse nach dem geschnitzten Buffett, auf dem eine halbgefüllte Flasche mit zwei Gläsern auf einem Brett stand. Milli hatte das zurecht gesetzt in einem unklaren Gefühl, daß es nothwendig sei. Er hörte Thüren öffnen und schließen, gedämpfte Stimmen, die bald näher, bald ferner klangen, er hörte den nassen Schnee an die Fenster klatschen und den Wind die Aeste zusammenfegen, – er hörte endlich einen Schritt herankommen und eine bewegte Frauenstimme sagen: »Es thut mir unendlich leid, – mein Bruder bleibt hier. Vielleicht darf ich Ihnen –« Und halb im Schlaf schon hörte er die Flasche auf dem Buffett klingen und erwachte erst, als er den Wein schluckte; es rann ihm warm durch die Glieder. Mama leuchtete ihm hinaus; sie sprachen kein Wort weiter. »Danke verbindlichst,« bemerkte Herr Quasebart erst, als er draußen im Regen stand.

– – Mama ging leise wieder hinauf, alle Treppen bis zu Großmutters Zimmer, von dem ein Fensterchen auf die Treppe führte. Sie spähte neben dem Vorhang hinein; ein Nachtlämpchen brannte dämmerig, die alte Frau lag im Bette, und davor, den Kopf in der Mutter Hände gedrückt, kniete eine große dunkle Gestalt. Ein tiefes Schluchzen klang durch die Nachtstille, und dann das »sch! sch! so! so!« aus dem Munde der alten Frau, sanft und einlullend wie zu einem kleinen Kinde.

Mama drückte die zusammengefalteten Hände gegen die Brust: »Ach, gebe Gott – Und wenn nur erst mein Mann hier wäre!« –

Milli und Liddi hatten nach kurzem aufgeregtem Flüstern wundervoll geschlafen, und als sie erwachten, kam es ihnen vor, als sei Weihnachten. Hah! Weihnachten war schon oft für sie dagewesen, schon vierzehn-, fünfzehnmal, aber Onkel Johnny – nein, nur zu denken, daß der nun unten in Papas Bett geschlafen hatte und jetzt vielleicht schon beim Kaffee saß. »Und daß heute gerade Sonntag ist, Milli, nein, wie segensreich!« Sie umarmten sich mit nassen Händen und losem Haar, wie sie gerade waren. »Was wollen wir mit ihm thun, Du? Ob er uns gleich wiederkennt? Ob er wohl viel von Amerika erzählt? Ob er sich wohl furchtbar gefreut hat, als er Hamburg sah? Aber es war ja schon dunkel, als er kam! Ach, das thut nichts, mit all den Lampen ist es am schönsten!« Und Milli sprang hoch in die Höhe und begann mit heller Stimme zu singen: »Mein Hamburg an der Elbe, du theure –« Liddi schüttelte sie: »So früh singt man nicht! Die Hähne, die so früh krähen –« »Ach warum! Ich bin auch so schrecklich vergnügt! Endlich ist er mal da!« Und sie fing von neuem an zu singen, daß es schallte: »Mein Hamburg an der Elbe –« Es klopfte an die Thür: »Schämt Ihr Euch denn gar nicht? Kurt schläft ja noch, und Onkel Johnny und Großmutter sind so spät eingeschlafen! Daß man großen Mädchen noch so etwas sagen muß.« Die Backfische schwiegen kleinlaut: »Ach so, er schläft noch,« flüsterte Milli. »Das ist langweilig. Ein Glück, daß keine Schule ist!«

Sie gingen nun herum, Besuche im Hause machen. Zuerst in die Küche zu Marie, der sie die merkwürdigsten Dinge über Onkel Johnnys plötzliches Erscheinen »mitten in der Nacht!«, über seine fremde Sprache und seine große Freundlichkeit mittheilten. Und Maries Neugier und Antheil war so groß, daß sie darüber Kurts Milch anbrennen ließ, so daß Mama hereinstürzen und eine neue Zornesfluth über die unbesonnenen Köpfe der Backfische ausgießen mußte. Nachdem sie diese That verübt, begaben sich die beiden zu Großmutter. Sie war schon aufgestanden und setzte sich eben die Staatshaube mit den gelben Bändern auf, aus der ihr rothbäckiges Gesicht ganz jugendlich hervorsah. Dieser Anblick entzückte die Mädchen, denn er entsprach ihrer eignen Feststimmung.

»Großmutter, Großmutter, nun ist Onkel Johnny endlich da!« jubelten sie. Die Hände, die eben die schöne Schleife unter dem runden Kinn banden, zitterten ein wenig, es war etwas Unruhiges, Hastiges in ihren Bewegungen.

»Ist er schon auf?« fragte sie. »Ich komm' im Augenblick; – je, das is'n Döhntje, nich? Wenn man an nichts denkt – Ist er schon auf?«

Alle drei eingehakt, gingen sie ins Wohnzimmer; Mama stand allein dort und machte Kurts Frühstück zurecht: »Johnny schläft noch tief, eben hab' ich an der Thür gehorcht, – er wird wohl später trinken, warten kann man doch wohl nicht!«

»Wir warten!« Milli und Liddi drehten heldenmüthig ihre Tassen um. »Den ersten Morgen muß man doch mit Onkel Johnny frühstücken!«

Die Großmutter sah aus, als hätte sie nicht übel Lust, wie die Kinder zu thun; ihre Blicke hingen gespannt an der Thür. Als Marie hereinkam, sprang sie auf und wurde roth. Mama klagte, daß Kurt schlecht geschlafen habe: »Die Unruhe von gestern abend hat ihm nicht gut gethan, und jetzt kommt die schwierige Frage: wo bringen wir Johnny unter, wenn Papa zurückkommt? Das sagt mir mal!«

Gegen zwölf Uhr, als man eine Tasse Thee trank, machte sich ein fremder Schritt bemerklich und ein starkes Klopfen am Familienzimmer: der Reisende trat herein.

Bei Tageslicht sahen die Mädchen, daß Onkel Johnny tief gebräunt war mit heller Stirn und dichtem, dunklem Haar. Ein starker Schnurrbart und halb zugedrückte, aber lebhaft funkelnde Augen gaben seinem Gesicht etwas Militärisches, doch wiegte er sich beim Gehen wie ein Seemann, und seine Kleider saßen weit und lose. Eine gewinnende fröhliche Herzlichkeit sprach aus seinen verwetterten Zügen, wie er Mutter und Schwester küßte und die Nichten mit einer kleinen Verbeugung und einem festen Druck der braunen Hand begrüßte,

»Guten Morgen, young ladies! Eine ist Milli, und eine ist Liddi, hm? Linke Hand kommt vom Herzen, hm? Wenn die rechte weg ist, hm?« Er lachte rauh und fragte dann: »Was trinkt Ihr?«

»Thee, aber wenn Du lieber Kaffee willst – Du kannst es nur bestellen!« Mama hatte jetzt ein heiteres Gesicht, die Freude des Wiedersehens sprach sich deutlich darin aus. Onkel Johnny strich das Kinn: »Dann wäre ich für Grog.«

Alle lachten auf. »Mein Gott, nu schon, auf'n Morgen«, sagte die Großmutter, während Liddi eilig in die Küche sprang.

»Wie hast Du geschlafen, Johnny?«

»Ganz gut, – etwas Schmerzen in der Hand; aber das ist die alte Geschichte.« Er lächelte ein wenig. »Ach so, Ihr meint die linke? Nein, in der rechten Hand, immer in der rechten, das ist nun so.«

Milli sah verwundert ihre Mama an: »Aber die ist ja ab – abge – abgenommen, Onkel Johnny.«

» That's it. In der abgenommenen Hand. Die Fingerspitzen, Milli.« Und als er ihren erschrockenen Blick gewahrte, setzte er hinzu: »Deine Hand ist abgenommen, aber Du fühlst sie den ganzen Tag, und das treid (quält) den Menschen. Er sieht mit Augen: sie ist weg; er macht die Augen zu und hat sie. – Der Doktor sagt, es sind die Nerven.« Er lachte gezwungen und streifte mit einer plötzlichen Bewegung den Aermel von der rechten Schulter. Das Hemd, das einärmelig war, ließ einen kurzen Stumpf sehen, dunkelfarbig an der Schnittfläche. Mama hielt sich aufschreiend das Tuch vor die Augen; Großmutter fuhr mit den Händen nach den Ohren, ihr Gesicht war ängstlich und abwehrend. Milli, die aufgestanden war, blickte mit scheuem Mitleid nach dem sich leise bewegenden Stumpf: »Lieber Onkel, lieber armer Onkel!« stammelte sie und streichelte schüchtern seine Hand.

» Well, never mind!« und gleichmüthig warf er den Rock wieder über. » Kind of barometer, you know! Liddi, noch ein Glas, if you please.«

»Wann bist Du eigentlich gekommen, Johnny? Spät Abends, denk' ich?«

»Nein, um sechs Uhr in dem Morgen, Freitag.«

»Sonnabend Morgen? Aber wie ist denn das? Es war doch gestern Abend bereits zehn, als –«

»Oh, Herr Quasebart war so freundlich, mich in Logis zu nehmen. Ich war dort zwei Tage, restaurirte mich, you know?

Nach diesen ganz unbekümmert gesprochenen Worten ward es still. Mama sah mit starren Augen vor sich nieder, ihre Mundwinkel waren tief hinabgezogen, als sei ihr das Weinen nahe. Großmutter aber war sogleich eine fliegende Röthe in die Backen gestiegen, und sie bewegte ganz mechanisch die Kiefer, als kaue sie an den überraschenden Worten des Sohnes.

Endlich sprach Mama: »Wer ist das eigentlich, dieser Herr Quasebart?« Es lag große Ueberwindung in der Frage. Johnny zuckte die Achseln: »Hab' ihn nicht danach gefragt. Guter Bekannter, machten die Ueberfahrt zusammen. Zeig mir Deinen Dritten, Dora, ich habe noch business, geh' später aus!«

Er strich seiner Schwester über die Augen, die vorwurfsvoll und mit Thränen an ihm hingen. » Why! Cheer up, old girl! Cheer up, dear!« Sie drückten sich die Hand.

»Ach, wir wollten Dich ja so gern vom Schiff abholen!« seufzte Milli, die endlich ihrer Enttäuschung Worte gab. Der Onkel wendete sich ganz erheitert zu ihr hin: »Wir können noch gehen, Milli, meine Sachen sind noch an Bord, never mind, morgen – wann Ihr wollt.«

»Morgen ist ja Schule, Onkel Johnny!«

»Also heute. Sagen wir um fünf Uhr? Ich hole Euch ab.« Er ging hinaus und langte seinen Hut und Ueberzieher vom Haken.

»Aber Du kommst doch zum Mittagessen? Du wirst doch nicht den ersten Tag von Deiner Familie –« sagte Mama voll Bestürzung. Er nickte ihr zu: » Well, ich weiß nicht, Dora? Macht keine Umstände für mich, vielleicht komme ich früher, vielleicht um fünf Uhr. Auf Wiedersehen nachher, good bye, Mutter.« Und ohne sich weiter zu besinnen, ging er aus die Hausthür zu.

»Jetzt hast Du Kurt doch nicht gesehen –« sagte Mama niedergeschlagen, »na, es thut ja nichts –«

Johnny streckte ihr die Hand hin: »Wenn ich wiederkomme. Adieu, Milli, adieu Liddi, Ihr sollt die ›Saxonia‹ sehen, war ein ganz famoses Schiff.

Langsam und verstört kehrte die Familie in die Zimmer zurück, »Mutter, komm' Mutter!« rief Mama halb klagend, halb tröstend, damit legte sie den Arm um die Großmutter.

»Kommt Onkel Johnny wirklich nicht zum Mittagessen?« fragten die Backfische. »Du hast ihm nicht gesagt, um wieviel Uhr, Mama! Wohin wollte er denn? Aber wie süß, daß er mit uns nach der ›Saxonia‹ fährt, nicht?«

»Der arme Kurt, der nun oben im Bett sitzt und wartet! Nein, es ist – –« Mama schüttelte den Kopf. »Und bei diesem Wetter! Er hat nicht mal 'n Regenschirm mitgenommen.«

»Mama, Mama! Ich will ihm nachlaufen, soll ich?« rief Milli bereitwillig. »Er geht gewiß nicht so schnell. Ich bring' ihm den Schirm!«

Ganz freudestrahlend kam sie dann wieder angelaufen und schüttelte sich die Tropfen aus dem Haar: »Er hat ihn genommen! Er hat sich so bedankt! Er hat mich zurückbegleitet bis an die Thür, Mama, bis an die Thür, und er war doch schon weit, im Vordergarten! Erst wollte er ihn nicht haben, aber dann sagte er, weil ich mich so abgelaufen hätte!« –

Das Mittagsessen verlief ziemlich unruhig.

Erst hatten sie lange gewartet, aber zuletzt konnte Marie den Kalbsbraten »nicht länger halten«, wie sie sagte, und so setzte man sich verstimmt zu Tisch. Onkel Johnny kam nicht, aber dreimal ward während des Essens an der Thür geläutet, und es gab ein allgemeines Aufhorchen und Aufsspringen, Das dritte Mal war es Onkel Wilhelm, ein etwas grämlicher, hypochondrischer Wittwer, der von den Kindern gefürchtet wurde, weil er eine drückende Langeweile zu verbreiten pflegte und das noch obendrein mit Vorliebe an den Sonntagnachmittagen, Auch den beiden Frauen sank das Herz, als er sich gebückt und hüstelnd auf einen Stuhl niederließ, während seine Augen argwöhnisch in alle Ecken fuhren.

»Wie geht es denn? Alles beim alten?« das war seine ständige Erstlingsfrage,

»Alles beim alten«, war Mamas Antwort; sie kam nach einem Verständigungsblick mit Großmutter, aber die Backfische horchten auf, daß Mama nichts von Onkel Johnnys Ankunft erzählte!

»Essen Sie mit?« fragte Mama,

»Schon damit durch! Bin auch kein Liebhaber von Kalbsbraten. Kalbfleisch – Kalbfleisch, sag ich immer. Na, laßt Euch nicht stören, ich dreh' mich rum – das Zusehen ist nicht angenehm, wenn man satt ist.«

Und halb mit dem Rücken zu den Speisenden sprach er weiter: »Nicht 'n Hund möchte man rausjagen. Aber ich – je was bleibt mir übrig? Die dumme Deern will auch 'n Sonntag haben, sagt heute zu mir: ›Gehen Sie man aus, Herr Bormann, ich hab' heute 'ne kleine Visite in der Küche, denn können wir Sie nich brauchen.‹ So unverschämt wird die. Aber den Juchhei mit anzusehen, geht ja auch nicht. Wenn Ihr fertig seid, können wir 'n Skat machen, eine von Deinen Töchtern kann mitspielen, dann sind wir komplett.«

Die Backfische wurden roth vor Unzufriedenheit, sie deuteten und nickten heftig ihrer Mama zu; der sah man es an, daß sie wie auf Kohlen saß. Jedes horchte nach der Hausthürklingel, mit einziger Ausnahme von Onkel Wilhelm, der sie ermahnte, fleißig weiter zu essen, damit man anfangen könne.

Endlich raffte Mama sich auf: »Es thut mir unendlich leid, Vetter, daß Sie es heute bei uns nicht so recht treffen – die Sache ist – wir sind nämlich Alle miteinander – eingeladen heut Nachmittag, es ist recht schade – aber – –« Sie war sehr verlegen, besonders vor ihren Kindern; – die aber freuten sich ganz ohne Gewissensbisse, kniffen einander in die Hände unterm Tisch und schämten sich kein bißchen, als der Onkel sich mit gekränkter Miene erhob: »Na, denn kann ich mich ja nur wieder trollen! Hab' Euch am Ende schon zu lange hier gesessen? Nee, denn will ich Euch nicht weiter dunkeln.«

»Vetter, bitte nehmen Sie es doch nicht so? Schenken Sie uns bald ein andermal –«

Onkel Wilhelm schüttelte energisch den kleinen kahlen Kopf mit den großen abstehenden Ohren: »Der Weg ist mir zu weit, Ihr wohnt ja am Ende der Welt. Ich kann es nicht versprechen.« Er faßte die Frauen plötzlich argwöhnisch ins Auge: »Hör' mal, der Junge war ja krank, bettlägerig denk' ich, – wie ist es denn mit dem? Geht der vielleicht auch auf Visiten?« Er war sehr schlecht gelaunt,

Mama murmelte, das Mädchen sei zuverlässig, sie sagte das sehr ungern; sie hätte ihren kranken Kleinen niemals dem Mädchen überlassen. Als der unangenehme Besuch fort war, hing eine schwere Verstimmungswolke über ihrem Gemüth, »So wird man gezwungen, zu lügen; so muß man den alten verlassenen Mann vor den Kopf stoßen! Aber es ging doch nicht anders, Mutter. – Dieser Vetter Bormann, der so neugierig ist wie eine Ziege, nein, es ging nicht!« Großmutter nickte dazu, und nach einiger Zeit fing sie ganz unvermittelt an zu lachen: »Na, das war nu eigentlich recht so 'n Dönthje mit Wilhelm! Aber der ist auch so klug; meinst, er hätt' es geglaubt? Denk' nicht dran!«

Endlich stürzte Milli, die längst schon am Fenster gestanden, mit einem Freudenschrei zu ihrer Schwester: »Liddi, mach 'n Luftsprung! Onkel Johnny kommt! Viertel nach fünf erst, jetzt können wir noch gehen,«

Onkel Johnny schwenkte schon von weitem seinen breitrandigen Hut gegen die Backfische und rief ihnen aufgeräumt entgegen: » Here we are!« Seine Backen waren geröthet, und die Augen blitzten. Er zog ein Buch aus der Tasche, warf es im Schwung auf den Tisch und sagte: »Das werden wir lesen! Aber jetzt, come along, dears! Ihr wollt ja auf die ›Saxonia‹, I guess«! übrigens – habt Ihr schon gegessen?«

»Vor drei Stunden! Aber Du kannst ja schnell etwas kriegen, Johnny, das ist gleich gewärmt.«

»Oh, never mind! Ich habe keinen Hunger – come along

Großmutter und die Backfische standen im Nu bereit, inzwischen war Onkel Johnny mit Mama zum kleinen Kurt hineingegangen. Milli und Liddi fanden ihn, wie er den kranken Bruder auf dem linken Arm durchs Zimmer hin und her trug; Kurt hatte seine Aermchen um des Onkels Hals geschlungen und sein Gesicht an des Onkels Backe gedrückt. »Bleib' bei mir, Onkel Johnny!« bat er weinerlich, als der Onkel ihn absetzte; er hatte ihn vor ein paar Minuten zuerst gesehen und hing schon an ihm wie eine Klette,

Mama betrachtete ihren Jungen nachdenklich. Das war so gar nicht Kurts Gewohnheit, die Schwestern neckten ihn oft wegen seiner Fremdenscheu.–

Der Regen ließ nach, und es war erträgliches Wetter, als man mit dem Jollenführer bei der »Saxonia« anlangte; nur gingen die Wellen der Elbe hoch, und die herabgelassene Schiffstreppe schwankte bedenklich: Onkel Johnny mußte seine Mutter fast hinauftragen, die Backfische kletterten schon allein nach. Kaum hatten sie das Schiff betreten, als mehrere Matrosen, ein Mann in weißer Schürze und ein kleiner Bursche, der aussah wie ein Stiefelputzer, herankamen, um Onkel Johnny die Hand zu schütteln. Er grüßte nach allen Seiten: » Here we are«! Die alte Lady ist meine Mutter; Milli, gib dem Gentleman die Hand, we are excellent friends, are we; hm, Captein?« Der Mann mit der weißen Schürze hielt sich den Bauch vor Lachen, Onkel Johnny aber drehte sich lachend auf dem Absatz herum.

» Excellent friends with every one of you!« wiederholte er. »He, Captein, bring' uns etwas Schiffszwieback, Milli will Schiffszwieback kauen, und Glühwein for the old lady und einen Cognak für mich.«

Etwas verwundert über solche ihnen völlig neue Manieren gingen die Backfische hinterdrein, aber der Onkel ließ sie nicht lange nachdenken; er zeigte bald hierhin, bald dorthin auf dem sauberen blanken Schiff, wo ihm alles zunickte, bis auf den freundlich die Zähne zeigenden Neger, einen der Heizer, der im groß karrierten Sonntagsstaat um eine Aufwärterin herumscharwenzelte.

»Halloh, da ist ja 'n Loch, Maat.« Onkel Johnny wies auf eins der großen Fenster im Salon, das eingeschlagen war. Der Koch erzählte, das habe ein Jollenführer gestern Abend mit dem Bootshaken gethan. – »Stößt ihn einfach da rein, aber der Onkel is abgefaßt: ›dat harr ick nich sehn, dat dat Finster to wör! Ick dach recht, dat wör open‹, seggt he.«

»Take care!« schrie Onkel Johnny, »Hier geht's down, aber ich weiß nicht, ob Mutter das standen (leisten) kann.«

Großmutter verzog den Mund, als sie die lange, lange, steile Treppe hinunterblickte: »Was sollen wir da unten? Das is hier je besser.«

»Oh, ich wollte Euch bloß die Stelle zeigen, wo ich die Ueberfahrt gemacht habe,« bemerkte Onkel Johnny.

»Johnny, Du bist jewoll nich klug! Willst doch nich sagen, daß Du im Zwischendeck rübergekommen bist?«

»Warum nicht?« Onkel Johnny lachte und pfiff. »Wo sonst, meinst Du?«

Großmutter machte eine Bewegung, als wolle sie sich die Ohren zuhalten: »Na, das ist das erste, was ich höre! Aber da unten is es mir zu dunkel, ich kann mich jewoll hier irgendwo hinsetzen.« Sie fiel schwer auf eine Bank, während die Backfische erwartungsvoll die Reise in das Zwischendeck antraten.

»Die Luft ist hier gar nicht schön,« bemerkte Milli und zog die Nase kraus.

»Oh jetzt ist sie sehr gut; das bißchen Maschinenöl macht nichts. – Aber wir hatten 'n paar Tage schlecht Wetter, alles zu, und von den Passagieren hier unten neun Zehntel krank – da war die Luft schlechter, Milli.«

»O, was habt Ihr da angefangen!« rief Liddy mitleidig.

» Well, wir hatten Whisky, Tag und Nacht, und wenn die Kinder schrieen, sangen wir eins, und wenn das Schiff rollte wie besessen, denn tanzten wir Hornpipe, es waren famose Kerls dabei.« Onkel Johnny schnalzte laut mit den Fingern und fing an, sich zu drehen.

»Tanztest Du auch, Onkel?« riefen die Mädchen mit großen Augen.

» So I did; lehrte sie viele Songs und auch den Hornpipe, wir hatten vergnügte Zeit.«

Die großen dämmerigen Räume mit den vielen Matrazen, eine neben der anderen, und dreifach übereinander, hatten etwas traurig Unwirthliches, das von den schmucken Sälen, die sie oben gesehen, von dem prächtigen Damenpavillon auf dem oberen Deck und dem hübschen Rauchzimmer beträchtlich abstach. Der Gedanke, weshalb Onkel Johnny sich diesen häßlichen, dumpfen Massenraum zur Ueberfahrt aufgesucht, dämmerte ihnen allmählich und machte sie still und weich, Milli konnte zwar der Versuchung nicht widerstehen, sich in eine Koje »der zweiten Etage« zu legen, aber sie kroch schnell wieder heraus; es kam ihr vor, als drücke die Decke, die auch nur wieder ein Bett war, auf ihre Brust, und wirklich stieß sie mit dem Kopf daran beim Aufstehen,

»Das war meine Ecke –« Onkel Johnny deutete seitwärts, »So 'ne Ecke ist angenehmer, natürlich, und dann dritter Stock; unten ist es gefährlicher, wißt Ihr?– wegen der Seekrankheit.« Er lachte, und die Kinder maßen die Höhe bis zur obersten Koje: »Gott, Onkel, wenn Du da nu mal rausgefallen wärst!«

»Ja, ich fiel, in einer stürmischen Nacht, stieß mich hier,« er zeigte auf den Armstumpf, »daß Blut kam –« Wie er die traurigen Mienen der Beiden bemerkte, brach er schnell ab: » Never mind, wir wollen zu der alten lady upstairs, ihr sollt Schiffszwieback kauen und Glühwein haben,«

Diese Mahlzeit wurde in der kleinen engen Schiffsküche der zweiten Kajüte eingenommen, die Thüre blieb dabei offen, und der Kreis der guten Bekannten drängte sich heran und warf Onkel Johnny muntere Neckworte zu, die er auffing und zurückgab. Die Sprache aber, ein Gemisch von Englisch, Spanisch und Plattdeutsch, war den Backfischen größtentheils unverständlich. Sie amüsirten sich trotzdem wundervoll. Der Koch brachte einen fingerzahmen Papagei, der alsbald aufs lebhafteste an der Unterhaltung theilnahm, indem er durch Schreien, Hurrahrufe und Lachen seine gute Laune kundthat.

Zuletzt fing Onkel Johnny mit starker, aber etwas verwetterter Stimme zu singen an, » Sing turururururulay, sing turulurulay!« hieß der Refrain, der von allen wiederholt wurde. Es wurde Bravo geschrieen und in die Hände geklatscht, der Neger gebärdete sich ganz außer sich vor Vergnügen. » A niggersong, a niggersong!« schrie einer und klopfte auf den Tisch, daß die Gläser in die Höhe sprangen. Onkel Johnny stand hinter dem Tische auf, schob sich den Hut tief in den Nacken, streckte die Lippen vor und sang:

»Way down upon the Swawny river,
Far far away
Dere 's where my heart is turning ebber,
Dere 's where de old folks stay!
Oh, my heart ist sad and dreary,
Everywhere I roam,
Oh darkies, how my heart grows weary
Far from de old folks at home!

Fern fern zum Swaneyfluß da unten,
Fern fern und weit,
Dort hin, wo die alten Leute wohnen,
Sehnt sich mein Herz alle Zeit!
O mein Herz ist matt und traurig,
Länder ein und aus!
O Schwarze, wie wird mir so schaurig
Fern von den Alten zu Haus!

In der rauhen Stimme bebte eine natürliche tiefe Bewegung, die bei den letzten Liedworten sich fast bis zum Schluchzen verstärkte. Es war eine rührende Klage, wie ungeschult und dröhnend die Stimme des Sängers auch sein mochte; eine echte menschliche Empfindung war darin ausgedrückt und klopfte mit einfachen kräftigen Schlägen an die Herzen der Zuhörer. Der Neger stieß ein melancholisches Beifallsgeheul aus, der dicke Koch machte gerührte Augen, alle klatschten in die Hände, stampften mit den Füßen und drängten sich so nahe zu Onkel Johnny, daß der Tisch sicher umgefallen, wenn er nicht am Boden festgeschraubt gewesen wäre. Den Backfischen ward es beklommen zu Muthe, es war wie ein Traum, und ein so ganz ungewohnter. Großmutter saß mit rothen Backen, lachte zuweilen, sah sich verloren um und zupfte endlich ihren Sohn an dem leeren Aermel: »Es wird denn wohl auch Zeit, Johnny.« Aber nun brachte gerade der Neger eine Harmonika heraus, und Onkel Johnny mußte noch einmal singen, und dann hieß es: »Hornpipe, Johnny!« Sie ließen den »Herrn« ganz fort und wurden immer vertraulicher. Das schien ihm gerade recht so; er hatte einen strahlenden, selbstzufriedenen Ausdruck, blickte mit stolzem Lachen auf die Lober, und seine Rede war eine blühende Folge von Witzen und Scherzen. Stets leerte er sein Glas auf einen Zug, setzte es mit einem Schwung nieder und schien den Wisky so gut zu vertragen, wie ein Anderer Brunnenwasser. Er bat unaufhörlich, daß die »young ladies« trinken möchten, aber Milli schwamm schon alles vor Augen von dem gewürzten, heißen Wein, und Liddi lachte fortwährend, ohne zu wissen, worüber.

Ueber die letzten Stunden fehlt ihnen die Erinnerung, doch glauben sie, daß Onkel Johnny auch getanzt habe, und daß Großmutter schließlich ganz böse wurde und nach Hause wollte. Sie hatten eine schwache Erinnerung von einer lauten Scene, an Ruderplätschern und schwarzes Wasser mit Lichtern, die Funken hineinwerfen, an einen langen dunklen Heimweg durch unbekannte Gegenden und an einen stürmischen Empfang von Mama. Dieses letzteren Begebnisses erinnerten sie sich am deutlichsten, denn Mama kam noch am folgenden Tage wiederholt darauf zurück, erzählte, wie sehr sie sich geängstigt, wie sie schon stundenlang am Fenster auf sie gewartet, wie sie gleich ein Gefühl gehabt: es ist etwas passirt! wie sie sich Vorwürfe gemacht, daß sie sie habe gehen lassen. Die Backfische sagten darauf nicht viel; ihre gestrigen Erlebnisse erschienen ihnen durchaus nicht beschämend oder bedenklich; sie waren sogar im Stillen entzückt darüber, daß man so lustig sein konnte, aber ihre Köpfe waren schwer, und die Schule wollte gar nicht schmecken; auch bedrückten sie Mamas verstimmtes Gesicht und Onkel Johnny's Schweigsamkeit.

Ja, der war ein ganz anderer Mensch heute. Kaum ein Wort kam über seine Lippen, das Essen wies er zurück, sah vor sich nieder – man merkte wohl, es war ihm unbehaglich zu Muthe. Endlich ging er in das Zimmer des kleinen Kurt, nahm ihn aus dem Bette und trug ihn hin und her. Der Junge schwatzte leise mit ihm, Onkels Stimme nahm wieder den zärtlichen Ton an, den sie gestern gehabt; als Mama ihren Bruder so erblickte, ging sie mit impulsiver Freundlichkeit auf ihn zu – zum ersten Male heute: »Wird er Dir nicht zu schwer?«

»O never mind! Er ist ja zart wie ein Hühnchen.« Und wieder trug er den Kleinen auf und ab, Kurt war ganz froh, er fand es so langweilig, immer zu Bett zu liegen.

»Heut bleibt Onkel Johnny den ganzen Tag zu Hause,« frohlockten die Backfische. In demselben Augenblick kam Jemand die Treppe herauf: »Ich bin so frei,« sagte eine Stimme, die Milli schon gehört hatte, »ist Herr Harms zu Hause?« Der kleine ungewaschene Mann hatte eine schüchterne Piepstimme und verbeugte sich bei jedem Wort. Als Onkel Johnny ihn erblickte, wurden zwei Gesichter hell. Fünf Minuten spater trabten schon eilige Schritte den feuchten Gartenweg hinab.

Großmutter saß unbeweglich da, nur daß sie mechanisch die Daumen drehte. Milli kam zu ihr: »Onkel Johnny ist aus.« Es erfolgte keine Antwort. »Großmutter, Onkel Johnny ist ausgegangen.« Die alte Frau machte wieder die stummen Kieferbewegungen, ihre Backen sahen roth aus. »Großmutter, warum sagst Du denn gar nichts? Herr Quasebart ist gekommen, so 'n sonderbarer Mann ist das – und Onkel ging gleich mit ihm.«

Nun hielt sich die Großmutter die Ohren zu, »Wenn Du weiter nichts weißt, – laß mich in Ruh!«

›Großmutter wird auch immer wunderlicher!‹ dachte Milli. Zum Trost für sich schlug sie das Buch auf, das Onkel Johnny gebracht hatte. Aber es war englisch; über die ersten Zeilen kam Milli nicht hinaus.

»O, es ist schon zehn, – Onkel hat keinen Hausschlüssel,« sagte Liddi besorgt zur Mama, die eben nach alter Gewohnheit eigenhändig die Hausthür für die Nacht versorgen wollte, nun aber nickend die Hand zurückzog.

»Kümmere Dich nur nicht darum, ich werd' ihn schon hören,« machte die Mutter resignirt.

»Ach, Du bist so müde, meine arme Mama, die Lider fallen Dir ja schon über Deine armen, müden Kieker!« Liddi und Milli hatten helle Schmeichelstimmen, nun baten sie beide. »Wir wollen gern aufbleiben! Laß uns, süße Mama, für uns ist das Aufbleiben ja nur 'n Spaß.«

Die Mutter ward ungeduldig: »Nein, nein, das fehlte noch! Und wer weiß, wann er kommt!« setzte sie mit einem leisen Seufzer hinzu.

Die Mädchen wanderten anderen Tags in die Schule, ohne daß Onkel Johnny zum Vorschein gekommen wäre. Unterwegs verabredeten sie sich, daß eigentlich alles doch ganz anders sei, als sie sich's gedacht hatten. »Heute will ich ihn mal an das Buch erinnern,« sagte Milli,

Das war nun wirklich ein guter Einfall von ihr. Onkel hatte beim Mittagessen geschwiegen und matt und blaß ausgesehen. Auf die Fragen seiner Schwester und der Nichten, was ihm nur fehle, hatte er abwehrend geantwortet. Die Backfische sahen, ohne sich darüber klar zu werden, etwas wie eine Wolke schweben zwischen ihrer Mama und Onkel Johnny. Der Anblick des Buches brachte eine Aufhellung, ja eine fast unvermittelte Heiterkeit in seine Züge.

»Oh, ich hatte es ganz vergessen! Aber hier ist Handy Andy Von Samuel Lover, und Ihr müßt Englisch lesen lernen und alles verstehen, und was Ihr nicht versteht, will ich Euch sagen.«

Sogar Mama bekam einen ganz anderen Gesichtsausdruck nach diesen Worten: »Das mögt Ihr wohl, Ihr alten kleinen Schlingel!« sagte sie, Milli auf die Schulter klopfend. »Verwöhne sie nur nicht zu sehr, Johnny,« setzte sie scherzend hinzu, »solche Springinsfelde brauchen einen strengen Lehrmeister.«

»Nein, Strenge, das kann ich nicht afforden,« bemerkte Onkel Johnny kopfschüttelnd, »hier ist ein Irishman mit lustigen Streichen, und sein Name ist Handy Andy, Take a seat, and let us begin with the beginning.« Nun, mit Onkel Johnny zu lernen, das war wirklich ein Vergnügen! Er konnte einem auf den Weg helfen, er konnte alles faßlich und verständlich machen, und sein einer Arm benahm sich dabei hülfreicher, sozusagen ausdrucksvoller, als zwei von anderen Leuten. Er wurde immer aufgeräumter, und seine Schülerinnen saßen da mit runden, glühenden Backen, amüsirten sich prachtvoll und fühlten sich gleichzeitig aufs höchste geehrt, während sie fast von Minute zu Minute besser in das Verständniß des Buches hineinwuchsen. Als sie an ein Lied kamen, sang der Onkel es ihnen vor, es hatte eine pathetische Melodie und gefiel ihnen außerordentlich. Nachher fragte ihn Liddi mit ihrer schüchternen Kleinkinderstimme nach seiner Verwundung, und da erzählte er die ganze Geschichte. Der Schuß war nur wie ein leichter Schlag zu spüren gewesen und hatte ihm doch den Oberarmknochen zersplittert. Erst eine Viertelstunde später war er ohnmächtig geworden,

»War es in der Schlacht?« fragte Milli athemlos,

»Nein, ich trug gerade Jemand, es war eine feige, verirrte Kugel aus dem Hinterhalt.«

»Wen trugst Du denn, Onkel Johnny?«

» Well, einen Blessirten, einen armen Darky, Neger den sie in den Rücken getroffen hatten.«

Milli blickte ihn mit Begeisterung an, »Mama hat uns früher, als wir noch klein waren, erzählt, wie Du die Neger befreit hast.«

» Well – I don't know,« sagte Onkel Johnny lachend, »ein Mann ist sehr wenig, glaube ich, Milli,« Er legte neckend den Kopf auf die Seite, das gewinnende Lächeln eines scherzenden Kindes erschien auf seinem Gesicht.

»Sind die Neger nun ganz so wie andere Menschen, wie wir Weißen, Onkel?«

»Ganz ebenso, Milli, nur – sie riechen nicht sehr angenehm.« Milli rümpfte die Nase.

»Auch mit Eau-de-Cologne nicht?«

» Silly little goose!« lächelte der Onkel.

Milli überhörte diese Ansprache, dagegen fiel ihr plötzlich etwas ein: »Aber Deine Frau war keine Negerin, Onkel?«

Onkel Johnny erhob den Kopf und ließ ihn dann sinken: » Well, nein, sie war aus Neu-England,« – er stand auf und schlug das Buch zu, nickte den Kindern und ging aus.

Nach einer Stunde etwa ward stark an der Glocke gezogen, und eine lebhaft sprechende, kräftig auftretende Herrengesellschaft füllte den Hausflur.

»Hier herein, Gentlemen!« rief Onkel Johnny mit animirter Stimme, den Hut weit im Nacken, das Gesicht geröthet, in der Hand eine Anzahl Flaschen tragend. Er zeigte auf das Wohnzimmer, aus dem Mama, ein Bündel Wäsche unter den Arm nehmend, mit einem unwillkürlichen Aufschrei entfloh, als alle diese Fremden hereinkamen.

» Well, Dora, never mind!« rief Johnny ihr nach, »lauter gute Freunde von mir; wir brauchen nur kochendes Wasser und Zucker, das übrige hab' ich mitgebracht!«

Er stellte die Flaschen mit Geklirr auf den Tisch, schleuderte den Hut in eine Ecke und forderte seine sechs Begleiter gemüthlich auf, es ihm gleichzuthun.

Milli sah mit Erstaunen das Häufchen Hüte, das sich auf dem Boden sammelte. Sie mußte furchtbar lachen; nie im Leben hatte sie gedacht, daß es so etwas in der Welt gäbe. Onkel Johnny hielt ihr die Hand hin, lachte auch und sagte: »Gläser und Theelöffel, if you please, und ein Stuhl ist da zu wenig.«

Als sie mit dem Mädchen das Verlangte hereintrug, war schon ein eifriges Gespräch im Gange. »Liddi muß auch kommen,« rief der Onkel und schob ihr einen Stuhl hin, »und die zwei anderen Ladies? Wo sind sie?« Aber auf die Antwort wartete er nicht, sondern machte sich daran, die Flaschen aufzuziehen und die Gläser zu füllen. Milli saß auf der Stuhlbank und wußte nicht, ob sie weglaufen oder bleiben sollte. Der da gerade sprach, ein Mann mit hoch aufgekämmtem Haar und in die Höhe gewirbeltem Schnurrbart, war ihr ziemlich uninteressant. Er stand da mit zurückgeworfenem Kopf und hatte die Daumen in die Armlöcher der Weste gesteckt, während er in verächtlichem Ton schrie: »Richtig verkommen sah das da aus auf dem Bau! Geradezu verloddert. Ich hab förmlich Blut geschwitzt! Nee, wirklich, das ist nu gerade zu mein Tod, alles – bloß das nich. Na, sag ich zu mir: wenn du nu gerade hier bist, denn drück wenigstens die krummen Wände grade, sag ich so zu mir!« Eine Lachsalve unterbrach den Sprecher. »Je, gleich, wie ich auf den Bauplatz kam: Donner und Doria! wie sah das da aus! Und, bei mir grade das Gegentheil, bei mir sieht alles sauber aus! Das blänkert man so. Kreuz Millionen, wie hat das da ausgesehen! Und das sagt ich auch zu meinem Schwager, der neulich bei mir angekommen is. Na, er frug ja nu erst, ob da ein Herr Märzlufft wohnen thäte. ›Zu dienen‹, sag ich, – ick harr je sin Breef vorher kreegen un wuß all gans good, wer dat wär! – ,zu dienen, das bin ich selbst‹ ›Paul!‹ sagt er und will je nu zärtlich werden. ›So, Du bist das?‹ sag ich, ›Na, wie siehst Du denn aus? Hör mal, hier is 'n Hemd und eine Hose von mir und 'n Kragen, und nu geh mal los, sag ich zu ihm, und sieh mal zu, da geradeüber auf 'n Schweinemarkt, da steht ein Gebäude mit 'n Thurm, da gehst Du erst mal rein und nimmst da 'n Bad‹ sag ich, ›und denn wollen wir mal weiter sehen.‹ ›Ja,‹ sagt er, ›ich hatte mich auch recht fein machen wollen zu dem Besuch, man bloß, ich hatte kein Geld nich in der Tasche.‹ Na, als er nu aus dem Bad kam, da sah er all ganz anders aus; ich hatte ihm zehn Mark in die Tasche gegeben, nu sagte er: ›Ich fühl' mich all ganz anders. Paul,‹ sagt er, ›Du hast mich zum Menschen gemacht,‹ – – Ja, Sparen, das hab ich nie gekannt, da weiß ich nichts von, das ist bei mir – –« Milli stand leise auf und schlich hinaus, Niemand gab acht auf sie. Wie häßlich der Mann gesprochen hatte, »solch 'n Prahlhans!« dachte Milli, »wie merkwürdig, daß Onkel Johnny ihn eingeladen hat.« Es wurde ein sehr ungemüthlicher Abend, immer wartete man, daß diese Fremden Weggehen sollten, und sie wurden immer lärmender und ungezwungener. Man mußte in Großmutters Stube Abendbrot essen, und Mama saß da und horchte mit ängstlichem Gesicht nach dem Wohnzimmer. Sie seufzte oft und sprach nicht. Als sie Großmutter zu Bett begleitete, hörten die Mädchen sie flüstern: »Ach, wäre er doch lieber drüben geblieben! Ein namenloses Unglück!« Sprachen sie von Onkel Johnny? Die Backfische sahen sich traurig an. »Onkel ist so reizend, aber seine Bekannten sind so merkwürdig, nicht, Du?« »Und wie viele er schon hat, und er ist doch erst 'n paar Tage in Hamburg,« »Aber wenn Papa nun kommt, glaubst Du, daß er sich gar nicht über Onkel Johnny freut?« Sie wurden sehr nachdenklich. Inzwischen war das Gespräch bei Großmutter lauter geworden; eben sagte sie in gereiztem Ton: »Wenn Du jetzt so klug bist, Nora, weißt Du auch, warum Dein Vater ihn hinübergeschickt hat?« And vorwurfsvoll klang es zurück: »Daß Ihr das gethan habt, daß Ihr so hart und erbarmungslos« – – »Scht! scht! Sollen die Gören auch noch alles wissen? Laß mich in Ruh! Das ist jetzt doch nicht mehr zu ändern.« »Leider Gottes nicht!« hörten sie die Mama seufzen. »Was für ein Unglück!«

Ganz klein zusammengeduckt saßen die beiden Kinder, wagten nicht einmal mehr miteinander zu sprechen. Etwas Formloses, Schweres, Drückendes lag über dem Hause; sie verstanden es nicht recht, aber sie fühlten die Wirkung. Und doch hatten sie den Onkel so lieb und mochten nichts Unrechtes von ihm denken. Und dann fiel es ihnen ein, wie sie Jahre lang auf ihn gewartet hatten, wie sie das Gartenhäuschen mit Liebe und Freude für ihn geputzt, und wie er nun endlich gekommen, aber so ganz anders. Sie schlichen still in ihr Stübchen; auf dem dunklen Vorplatz begegnete ihnen Mama, und als sie sie küßten, war Mamas Gesicht naß von Thränen. Es war auch ihnen zum Weinen zu Muthe.

Wie fahl und gelb Onkel Johnny am anderen Morgen aussah! Seine Lippen waren bläulich, und er kam müde und schwer zum zweiten Frühstück und drückte sich gleich in die Sophaecke.

»Friert Dich, Johnny?« fragte ihn Mama, ohne ihn anzusehen. Er seufzte ein paarmal, ehe er antwortete, daß es ihm allerdings kalt sei, immer kalt in Hamburg.

»Gibt es nicht vielleicht 'n Cognak im Haus?« fügte er halb verdrießlich, halb beschämt hinzu. Danach ward es ihm wärmer, und auch seine Seele thaute auf. Zu Mittag war er ganz aufgeräumt, las mit den Backfischen Handy Andy und zeigte ihnen einige englische Lieder, dieselben, die er ihnen vorgesungen. »Well, girls, die sind für Euch, Ihr könnt sie Euch aufbewahren.« »Oh, Onkel Johnny, hast Du das geschrieben, und mit der linken Hand?« staunten die Kinder. »Warum nicht? Was ist daran Besonderes? Wenn man die rechte Hand verloren hat, schwingt man die Fahne mit der linken!« rief Onkel Johnny, indem er das Blatt lebhaft hin und her schwenkte, mit großen Schritten auf und abging und abgerissene Liederstrophen vor sich hinsang.

Milli begann plötzlich, ohne Uebergang, von dem Gartenhäuschen zu erzählen,

»Oh, Onkel, wie haben wir uns auf Dich gefreut, Mama, Großmama, Papa, wir alle! Und immer sind wir an den Hafen gelaufen, und Du kamst nicht und kamst nicht! Und das Gartenhäuschen gehört uns immer noch und ist ganz für Dich möblirt, nur, daß es da jetzt zu kalt wäre! Aber wie oft haben wir da gesessen und von Dir gesprochen und gedacht, wenn Du doch nur kämest! Zweimal haben wir auch noch das andere Zimmer eingerichtet, weil –«

Onkel Johnny war stehen geblieben, den einen Fuß auf einen Stuhl gestemmt, das beschriebene Blatt in der Hand. Der sorglose, unbekümmerte Ausdruck war aus seinem Gesicht verschwunden, etwas Horchendes, Ungläubiges malte sich darin, aber immer mehr kam heftige Erregung hinein, und plötzlich röthete sich sein Gesicht, und in den Augen standen Thränen.

» Dear girls!« flüsterte er und drückte Millis kleine Hände an seine heiße Stirn. »Wo ist Deine Mutter? Ich will – –«

Er stürzte hinaus, rannte die Treppe hinauf, blieb lange, lange fort. »Nein, wir dürfen sie nicht stören, sie sprechen zusammen, glaube ich!« flüsterten die Kinder, und geduldig warteten sie. Endlich kamen sie alle die Treppe herunter, Mama, Großmutter und der Onkel; auf ihren Gesichtern lag es wie Sonnenschein nach schwerem Regen, Mamas Augen blickten ganz glücklich. Sie ging auf die Mädchen zu und rief mit einer Stimme, die noch bebte von vergossenen Thränen:

»Milli und Liddi, Onkel Johnny will mal das Gartenhäuschen ansehen! Er meint, es wäre ihm nicht zu kalt dort; wollt Ihr nicht mitkommen?«

Wie zwei Gummibälle sprangen sie von ihren Sitzen, hängten sich rechts und links ihrer Mama in den Arm, Großmutter hakte Onkel Johnny unter, und in feierlichem Marsch ging es »nach Onkels Häuschen.« Der November schenkte noch ein paar linde Tage jetzt; weder Reif noch Schnee lag im Garten, die Eiche stand noch mit rostrother Krone, durch die kahlen Kastanienäste schimmerte feurig die Sonnenkugel. Aber die Stachelbeerhecke starrte gleich einer Garnitur von Schrubbern um das leere Häuschen, und als sie die Thür aufschlössen, quoll ihnen ein feuchter Schimmelgeruch entgegen.

»Wir sind so lange nicht hier drinnen gewesen! Ach, da stehen noch vertrocknete Blumen im Glas! Und die Spinnen, wie sind nur die hier hereingekommen? Ach, und die Wand ist grün! Nein, nein, das ist gar nicht mehr schön hier – nicht mal menschlich!« Und Liddi drohte dem Onkel mit scherzendem Vorwurf: »Du bist viel zu spät gekommen, Onkel Johnny!«

Eine sonderbar niederdrückende Wirkung ging von dem düsteren, niedrigen Raum aus. In den Ecken schienen Fledermäuse zu nisten und um die Hereingekommenen mit schwerem, lautlosem, athemhemmendem Fluge zu streifen.

»Nein,« sagte Großmutter schaudernd und ließ die Unterlippe hängen, »das ist ja mehr schon 'n Grab als 'ne Wohnung, – kommt schnell wieder 'raus.« Aber Onkel Johnny ließ sich nicht fortziehen. Er starrte nachdenklich auf den Boden und sagte mit gedämpfter Stimme: » Well, ich weiß nicht, – ich habe schlechter gewohnt, ich möchte hier bleiben.«

»Im Sommer, Johnny, dann laß ich mir's auch gefallen, aber –«

»Warum könnte nicht hier ein Ofen gestellt werden?« Er deutete in die feuchte Nordwestecke. »Wir schneiden ein Loch in die Fensterscheibe für das Rohr –«

Und alle weiteren Aber wurden abgeschnitten, denn Onkel Johnny wollte das Gartenhäuschen, und nichts war zu machen. Er besorgte selbst die nöthigen Wege, half beim Putzen und Lüften der Sachen, und als zum ersten Mal das Feuer im Ofen hell flackerte und ein gelber Wintersonnenstrahl die kleinen Fenster umspielte, da fanden auch die übrigen, daß hier kein übler Aufenthalt sei. Die Backfische versuchten sogar, Aepfel dort zu braten, und ein würziger Duft durchzog den Raum; was sie an kleinem Zimmerschmuck selbst besaßen, das hatten sie herübergeschleppt, und aus Onkel Johnnys Koffer war auch noch allerlei zum Vorschein gekommen, merkwürdige Tabakspfeifen, eine Anzahl Dolchmesser, ferner einige Photographien. All das war an den Wänden befestigt und machte sie weniger düster und langweilig. Der Onkel selbst ging auch ganz zufrieden umher, fand alles gut, war herzlich und unbefangen und fast zu dankbar. Das aber war augenscheinlich – ganz wohl und frei fühlte er sich nur mit den Kindern; in Anwesenheit der Erwachsenen versank er bald in ein brütendes Schweigen, aus dem er mit einem schmerzlichen, schamvollen Schrecken auffuhr, wenn er angeredet wurde. So wurde denn auch die Handy Andy-Lektüre »hinüber« verlegt, um so mehr, da Papa wieder eingerückt war und für seinen Nachmittagsschlaf lautlose Ruhe verlangte. Er war auch so überarbeitet, der arme Papa! Kaum je gönnte er sich eine Erholung, und für seine Kinder hatte er niemals Zeit gehabt. Nach ihm gab es nur eine menschliche Tugend: Arbeit; er sah auf die halbe Welt mit mitleidiger Geringschätzung und trug in Gegenwart solcher Leute, die ohne Beschäftigung lebten und leben konnten, eine leidende gekränkte Miene zur Schau, die nicht sehr ermuthigend war. Onkel Wilhelm konnte durch sie aus der bequemsten Sophaecke aufgescheucht werden.

Die Backfische waren sehr gespannt, »was Papa und Onkel Johnny wohl zu einander sagen würden.« Sie waren sich ja ganz fremd, und soweit die Mädchen urtheilen konnten, sehr verschieden. Als Mama ihren Bruder an die Hand nahm, um ihn ihrem Manne zuzuführen, war sie blaß und zitterte, und in ihren Augen lag eine heiße stumme Bitte.

Zum Glück ging Alles glatt und gut: die beiden Herren hatten gleich viel mit einander zu sprechen, Papa war sehr zuvorkommend, und Onkel Johnny sprudelte ordentlich vor Witz und guter Laune. Sie blieben nach dem Mittagessen so lange zusammen sitzen, daß Papa sein Schläfchen vergaß und mit Onkel Johnny's Hülfe drei Flaschen Rothwein leerte. Papas Stimme klang ihnen allen ganz fremd, als sie ihn dort mit Onkel Johnny lachen hörten. Aber Mama saß inzwischen wie auf Kohlen: sie wußte ja, daß ein Haufen Arbeit vorlag, und daß nun die Nachtruhe geopfert werden mußte, um diese verlorenen Stunden zu ersetzen. Onkel Johnny aber war ganz aufgelebt. »Well, wenn ich gewußt hätte, wie Du bist, Schwager, so hätt' ich mich nicht lange besonnen mit dem Herüberkommen«, lachte er noch unter der Hausthür.

»Nun kommen sie beide nicht wieder! Lieber Gott, was soll daraus werden!« stöhnte Mama, als es halb neun Abends geworden; Großmutter saß lange stumm, aber plötzlich lachte sie auf und rief in muthwilligem Ton: »Nee, hör' mal, Dora, das is schon mehr 'n Döhntje, daß der sogar Deinen Rudolf rumgekriegt hat! Is er wirklich mit ihm los? Achhott, das sag Du man ja und ja Niemand!« In diesem Augenblick kam der Kontorbote und brachte einen Zettel von Papa: er müsse die Nacht durcharbeiten, ließe sich dort etwas zu essen holen, sie möchten nicht auf ihn warten. Mama strahlte ordentlich: »Na gottlob! siehst Du wohl, Mutter? Ganz so war es doch nicht. Mein guter Rudolf!« Und sie drückte den Zettel an ihr Herz, Die Backfische wagten nicht zu fragen, wo Onkel Johnny geblieben sei. Sie guckten durch die halbbeschlagene Scheibe: seine Fenster waren dunkel. Er ist gewiß schon zu Bett, dachten sie, und es war etwas Mütterliches in dem Wunsche, ihn schon wohlversorgt in seinem warmen Zimmer zu wissen. –

Der helle Schein des späten Mondes über ihr Kopfkissen weckte Milli; sie setzte sich im Bette auf und blickte hinaus in den bereiften Garten, der im Mondschein so feenhaft unwirklich flimmerte. Jedes Zweiglein dicht besetzt mit dem weichen glänzenden Ueberzug; wie ein Zaun aus Korallen zog sich die Stachelbeerhecke um Onkels Häuschen, das mit seinem weiß bepuderten Dach wie ein Zuckerbäckerfabrikat aussah. Und wie still es war! Kein Lüftchen spielte, nirgends ein Fenster gelb erleuchtet, kein Sperling piepte, kein Wagen rollte in der Ferne. Aber da, – plötzlich – ein Geräusch von der Ecke her, ein tiefer brummender Ton, scheltende Worte, dumpfe Fußtritte. Aber das geht ja nicht, – das hier ist ja keine Straße, das ist ja unser Fußweg, unser Garten, da darf doch Niemand gehen in der Nacht! Und Millis Herz fing an zu klopfen. Wenn ein Dieb käme! Oder mehrere, denn man spricht ja! Milli drückte athemlos das Gesicht gegen das Glas, Plötzlich krachte es unten, – jemand hatte heftig an das hölzerne Staket gestoßen, das laute zornige Sprechen erklang wieder, und jetzt sah Milli eine Gestalt sich von dem Staket ablösen, einige wankende Schritte machen, wieder anprallen, von einer Seite auf die andere taumeln, – entsetzlich! Jetzt, jetzt – er fällt! O Gott, er fällt! – und Niemand hält ihn! Auf die rechte Seite, wo der leere Aermel hängt, und Niemand hebt ihn auf! Wo der leere Aermel hängt, in dem der arme schreckliche Stumpf steckt, wo er immer Schmerzen hat – wo – o er kann nicht wieder aufstehen! Er scharrt mit den Füßen und brummt, und es ist so gräßlich anzusehen, wie er hülflos und zornig sich auf dem Boden wälzt. Milli reißt ihr Kleid vom Nagel, schlüpft in die Schuhe, die Zähne klappern ihr vor Aufregung und Frösteln, – wenn nur der Hausthürschlüssel steckt, wenn nur Niemand sonst aufwacht, es ist ja zu traurig und schrecklich, und Milli schämt sich so für den armen Mann da unten und möchte ihm so gern, so gern helfen – jetzt und immer, damit dieses Gräßliche – – –

Und sie steht unten im Garten, und angstvoll sucht sie die hülflose Gestalt. Aber alles ist leer und still, und der Mond beleuchtet den einsamen Garten wie ein Krankenzimmer. Die Kleine fährt mit der Hand über die Stirn, – hat sie geträumt? Aber wie könnte denn ihr etwas so Häßliches träumen? Sie besinnt sich, daß sie trotz allem fürchterlichen Erschrecken gleich an Onkel Johnny gedacht hat, wie sie den Taumelnden sah, und sie wird roth über ihre eigene Schlechtigkeit und kann sich selber nicht begreifen. Flüchtig eilt sie ins Haus zurück, immer fürchtend, Liddi zu wecken; flüchtig streift sie ihr Kleid ab und verkriecht sich unter die Decke; halb unbewußt falten sich ihre Hände: »O, lieber Gott, laß es nicht wahr sein und mache Du, daß mir nie wieder etwas so Schreckliches einfällt!« bebt es von ihren Lippen. Und dann nahm sie sich vor, den guten Onkel Johnny doppelt lieb zu haben und ihm alles an den Augen abzusehen, weil sie ihn in ihren unbegreiflichen schlaftrunkenen Gedanken so beleidigt hatte.

Aber am nächsten Mittag, als sie von der Schule kam, fehlte Onkel Johnny am Tische, sie bemerkte es sogleich, und ihr Herz fing heftig an zu schlagen. »Wo ist Onkel?« fragte Liddi harmlos. Mama zuckte die Achseln: »Onkel ißt heute drüben, er ist nicht ganz wohl.« Milli fühlte, wie sie erröthete, sie aß in der Verlegenheit immer noch aus dem leeren Suppenteller. »Na, Milli, es ist ja nichts mehr drin«, sagte Papa und nahm ihr den Teller weg, »iß doch Fleisch!« und er schob ihr die Schüssel zu. »Was fehlt denn Onkel Johnny?« fragte Liddi im Kauen. »Er hat schlecht geschlafen, und dann thut ihm auch sein Arm wieder weh;« Mama sah ziemlich verstimmt aus. Milli aber war alles Blut zu Kopf gestiegen, und sie konnte fast nicht schlucken. »Was fehlt denn Dir heute?« sagte Papa und sah sie unzufrieden an. Die Pein des Kindes wuchs, »Nein, ich weiß nicht ... gar nichts, Papa –« stotterte sie. »Hat Onkel schon gegessen? Kann ich es ihm nicht hinübertragen?« bat Liddi. Mama, Papa, Großmutter, alle drei machten eine abwehrende Bewegung. »Marie wird es schon besorgen,« »Nein, ich!« sagte Papa und stand mit finsterem Gesicht auf. In der Thür wendete er sich noch einmal zu Liddi: »Daß Ihr mir nicht hinüberlauft nachher! Der Mann muß Ruhe haben!« »Welcher Mann?« begann Liddi in naiver Verständnißlosigkeit. Milli stieß sie an: »Sei doch still«, flüsterte sie leise. Großmutter aß tapfer drauf los mit brennenden Backen: Kurt, der seit einigen Tagen wieder aufstehen durfte, begann zu weinen, als er allein die Treppe gehen sollte. »Onkel Johnny soll kommen! mich rauftragen!« Er streckte beweglich die dünnen Händchen aus, »Kurt ist wieder klein geworden – zwei oder drei Jahre alt? Das kommt auch davon. Nein! Nein!« Und Mama faßte ihren Liebling nur leicht an die Hand. »So die Kinder zu verwöhnen! Nein, nein!«

Papa kam ganz verstört und kopfschüttelnd aus dem Gartenhäuschen, belud sich eigenhändig mit vier Siphons, die Mari vom alten Nehlsen holen mußte, und verschwand wieder auf längere Zeit. »Schick lieber zum Arzt«, sagte er seiner Frau, ehe er ins Geschäft ging, »der Mann gefällt mir gar nicht. Er fliegt immer so zusammen, will nichts essen und stöhnt vor sich hin. Der Arm scheint sogar geblutet zu haben. Wie mag denn das zugehen?« Er blickte noch einmal scharf zu der wieder erröthenden Milli. »Und die Mädchen läßt Du nicht hinüber. Wozu? Das ist dem Mann ja nur lästig. Hört Ihr wohl?«

Als Marie von den Kindern ausgefragt wurde, wie es dem Onkel gehe, wollte sie sich todtlachen, »Ach danke, ganz gut so weit. Es sieht man so komisch aus, daß Herr Johnny mit allen Stiefeln im Bett liegt. Ich hab ihn gefragt; er sagt, er fängt Fliegen, die gibt es da massenhaft,«

»Marie ist doch zu dumm und albern«, sagte Liddi, »lacht über Glück und Unglück. Und mit den Fliegen, das ist doch lauter Unsinn, das hat er doch gewiß nicht gesagt.« Dann wollten sie Großmutter besuchen, aber die kümmerte sich gar nicht um sie. Sie hatte die Hände an den Ohren, wiegte den Kopf hin und her und murmelte: »Ach, wenn ich doch man einmal todt wär'!« Immer nur die paar kummervollen Worte.

Der Arzt wollte erst den anderen Morgen kommen, hatte er sagen lassen. Aber als er ans Gartenhäuschen kam, fand er die Thür von innen verschlossen, und eine rollende Stimme brüllte ihn an: »Machen Sie, daß Sie wegkommen! Ich hab' schon zehnmal gesagt, daß ich keinen Doktor will.«

»Der Herr scheint weniger krank, als schlechtgelaunt zu sein. Jedenfalls bedarf er meiner Hülfe nicht!« sagte der Doktor beleidigt und ließ sich von Mama nicht länger aufhalten.

»Johnny! Johnny!« bat es vor seiner Thür. »Bist Du allein, Dora?« Die Thür ward aufgeschlossen, mitten in dem Gartenzimmer stand Onkel Johnny, völlig angezogen, den Hut auf dem Kouf. »Warum hetzt Ihr mir den Salbenschmierer auf den Hals?« sagte er heftig und vorwurfsvoll. »Ich war schon daran, alles kurz und klein zu schlagen!« Das Zurückschrecken seiner Schwester brachte ihn etwas zu sich. Er faßte nach ihrer Hand. »Thut mir die Liebe und laßt mich nach meiner Façon leben«, sagte er milder, »jeder muß nach seiner Façon selig werden, isn't it?« Dann, als die geängstigte Frau zu weinen begann, die scheuen Blicke in dem verwüsteten Raum herumgehen ließ und die Hände rang, verlor er seine aufrechte, zornig herausfordernde Haltung, die an ihm etwas Neues und Erschreckendes war. Er wurde kleinlaut, suchte seine Schwester zu beruhigen. Ihr Weinen that ihm weh: Don't dear! cheer up! it isn't al bad as that! cheer up now!«

»Ach, sprich doch deutsch! Du hast sogar Dein Deutsch verlernt, Johnny!« sagte die Erschrockene und lehnte sich ganz überwältigt an die Wand. Und plötzlich stieg eine schmerzhafte Bitterkeit in ihr auf. »Wenn Du überhaupt mein Bruder Johnny bist, woran ich manchmal zweifle«, flüsterte sie halb unbewußt. Der Angeredete brach in ein wildes Lachen aus: »Dein Bruder Johnny, den Ihr als halbes Kind ohne Freunde, ohne Geld in die weite Welt hinausgestoßen habt, ob ich der bin? Ja, Dora, der Bruder Johnny bin ich, und ich kann auch ganz gut deutsch, aber ich weiß nicht – manchmal spreche ich es lieber nicht, manchmal ist es mir zuwider.« Er trat wieder auf sie zu »Well, don't, mind it«! Ich will gehen und Fliegenpapier kaufen! Da ist wieder eine! Scht, da!« und klatschend fuhr er mit der Hand durch die Luft, nach einer Stelle, die er athemlos anstierte. Die Schwester folgte seinem Blick, sah aber nichts. »Du hast noch nicht recht ausgeschlafen«, seufzte sie, »Du träumst von Fliegen, als ob wir im August wären. Wo siehst Du sie denn?« Ueber sein Gesicht ging ein verlegenes Staunen: »Es kann sein, daß ich mich geirrt habe; es schien mir so – aber jetzt – und es ist wahr, ich könnte noch schlafen!« Er blickte nach dem Bette und riß sich den Rock auf. »Der Pillendreher soll nicht herein! Gute Nacht und hurrah! Guck mich nicht so an, – ich weiß ganz gut, daß ich manchmal zuviel kriege! Weg! weg! dear old girl, oh don't!cheer up, dear!«

Bleich und zitternd kam Frau Medag in ihrer Wohnung an und erzählte in der ersten Bestürzung der kleinen Milli das Erlebte, sie wußte kaum, was sie that. Sie besann sich erst recht, als die Tochter Backe an Backe mit ihr schluchzte: »O Mama, o Mama, und wir hatten ihn doch so lieb gehabt!« Nun suchte sie ängstlich und reuevoll das Kind zu beruhigen: »Bitte, bitte, laß Dir nichts merken! Gegen Liddi nicht, auch nicht gegen Papa und am wenigsten gegen Großmutter natürlich. Zeig, daß Du ein erwachsenes Mädchen bist, daß ich mich auf Dich verlassen kann!« Dazwischen rang sie wieder die Hände, sammerte, keinen Rath zu wissen, wollte zum Arzt gehen, unterließ es wieder und lief haltlos hin und her.

Endlich hielt Milli sie fest; sie hatte das Gesicht getrocknet, ihre Miene war feierlich, eine große inbrünstige Wärme strahlte aus den gerötheten Augen: »Mama, liebe Mama«, sie umarmte die Mutter, »warum wollen wir verzweifeln? Es ist alles ganz furchtbar schrecklich, aber ich glaube, ich weiß«, – sie stockte, erröthete und senkte die Augen, »– woher das bei dem armen Onkel Johnny kommt, und wenn man es weiß, Mama, dann kann man doch etwas dagegen thun, dann kann man ihn retten, nicht? O, wir wollen ihn retten, meine süße Mama, wir beide!« Sie drückte sie heftig an sich. »Und wir müssen es sogar, meine Mama, nicht? Sind wir nicht die Allernächsten, die er hat?« Aber bei der Mutter war die mittheilsame Stimmung schon vorüber, und sie bereute fast, daß sie sich hatte von ihr hinreißen lassen. Die schwesterliche Zutraulichkeit gegen das eigene Kind verwandelte sich schnell wieder in mütterliche Ueberlegenheit. »Vor allem sei Du klug und lasse Dir nichts anmerken«, sagte sie ausweichend, »wir wollen nun nicht mehr davon sprechen.« Und dann besann sie sich, daß Kurt gebadet werden müsse, und sie besorgte ihre Geschäfte und vergaß sich dabei, solange sie dauerten. Immer dichter legten sich die Wolken auf die Stimmung des Hauses.

Aber am nächsten Tage, – gerade beim Mittagessen – ging die Thür auf, und Onkel Johnny erschien, heiter und sorglos, frisch gekleidet und rasiert, ganz als ob nichts vorgefallen wäre. Er hob sogleich Kurt auf den Arm und setzte ihn sich auf die Schulter. »Und was macht Handy Andy?« rief er den Mädchen zu. Alle umringten ihn wie einen Wiedergefundenen, und das genirte ihn nicht im Geringsten. »Well, well! Keine Umstände für mich! Wie geht's, Mutter? Nicht so frisch wie gewöhnlich? Why, dearest, why?« Er ließ Kurt auf den Boden und setzte sich zu seiner Mutter, um ihr die Hände zu streicheln.

Eine kleine Weile blieb sie unzugänglich, erröthete nur und guckte weg. Aber sein Lachen war zu ansteckend, seine Herzlichkeit zu gewinnend, sie sah ihn endlich an und mußte lachen, »Ja, Du, Du, Du!« drohte sie.

»Wie merkwürdig Johnny Mutter ähnlich sieht!« sagte Frau Medag.

»Eben wollte ich dieselbe Bemerkung machen«, fiel ihr Mann ein. Onkel Johnny steckte muthwillig seinen Arm durch den der Mutter: »Je, so sind wir nu –« er lachte entschuldigend – »wir beiden armen Waisenknaben, hm?«

»Ach Du! bist 'n gefährlicher Jung!« drohte die Mutter.

»Na, komm', laß gut sein. Der Mensch ist ungleich, ungleich ist die Stunde, oder heißt es: sind die Stunden? Milli, wie heißt es? Dora, danke, ich esse ja, – gewiß, soviel ich kann! Wir wollen auch mal wieder singen, isn't it?« Und mit pathetischer Betonung sang er:

»Weep no more, mylady!
Weep no more today!
For I sing you a song
Of my old Kentucky home!
Of my old Kentucky far away!«
Zu deutsch etwa:
Wein' nicht mehr, Mylady,
Weine nicht mehr heut',
Denn ich sing' Dir ein Lied
Von Kentucky, meinem Heim,
Nun dem alten Kentucky weit, so weit!

Er warf den Kopf zurück, lachte und scherzte, ein Strom unwiderstehlicher guter Laune ging von ihm aus und riß alle mit. Seine Schwester betrachtete ihn zuweilen ungläubig: dieser liebenswürdige, gute, heitere Mensch und der schreckliche, wuthbebende, verbitterte von gestern – war das ein und dieselbe Person?

Am Abend, der an Heiterkeit dem Mittagessen nicht nachgestanden, sondern durch Onkel Johnnys Lieder, komische Vorträge und Taschenspielerkünste belebt worden war, hatte Papa noch eine eindringliche Unterredung mit den beiden Frauen. »Der Mann hat nur keine Beschäftigung«, sagte er überlegen, »da ist sonst kein Tadel an dem Mann, aber jeder fragt doch zuerst unwillkürlich: Was thut er nu den ganzen Tag? Die Sache ist nicht leicht, der rechte Arm – je nu, 'n intelligenter gebildeter Mann mit gutem Willen, was sollte der nicht 'ne passende Beschäftigung finden? Will mich mal ernsthaft umsehen,«

Es vergingen einige friedliche Tage, eine Zeit des Aufathmens. Onkel Johnny war fast ausschließlich in der Familie; die offene Zuneigung der Kinder schien wie lindes Oel auf die Wunden zu wirken, die das Leben ihm geschlagen hatte. Jeden Tag brachte er ein anderes Lied, das er aufgeschrieben, seine Erzählungen hatten die frische Unmittelbarkeit des Erlebten. »Du kannst es so machen, daß man alles sieht, deutlich vor sich, den Krieg und das Meer und den schrecklich großen Mississippi«, sagte Milli bewundernd, Du könntest Bücher schreiben, Onkel Johnny, ich würde sie am allerliebsten lesen, am liebsten von allen Büchern der Welt!« »Silly little goose!« lachte der Onkel in ihre begeisterten Augen hinein; es klang Milli aber wie die allerzärtlichste Schmeichelei. Sie lernte »Rose white of Eulalie« singen, und wenn Onkel Johnny »Home, sweet home« vortrug, dann weinte die ganze weibliche Hälfte der Familie.

Papa kam sehr vergnügt nach Hause, eine Stelle war gefunden in dem Bureau eines stadtbekannten Baumeisters. Er brauchte gerade einen erfahrenen intelligenten Mann mittleren Alters, auf den er sich verlassen konnte. »Gehalt zahlt er vorläufig nicht, und ich muß sagen, wenn das auch auf den ersten Blick nicht so günstig erscheint, – es ist ein Vorzug. Der ideale Werth der Arbeit, das ist die Hauptsache für den Mann! Sollst mal sehen – ausgezeichnet.«

Onkel Johnny ging geduldig wie ein Lamm auf das Bureau. Er sagte, er wolle sich von dem Salär des ersten Monats ein Paar Stiefel kaufen, dazu reichte es gerade. Diese Bemerkung machte Mama außerordentlich verlegen: »Aber, lieber Johnny, wenn man dreitausend Dollar Pension bezieht – –«, stotterte sie erröthend. Darüber verdrehte Onkel Johnny die Augen auf eine urkomische Weise, »Zweitausend Dollar Pension und dreißigtausend Dollar vom Gegentheil, da kannst Du Sprünge machen!« »Vom Gegentheil – dreißigtausend – was heißt das? Um Himmelswillen« – Mama brachte nur arme verlorene Worte heraus. Onkel Johnny lachte sorglos: » Oh, never mind it! Auf ein Haar hätten sie mich getangt, gefaßt. aber so 'ne Ecke im Zwischendeck ist nicht weit vom Raum, und da sind manchmal Ballen, so hoch!« Er drehte sich auf dem Absatz, Mama war ganz bleich geworden, »Johnny, Johnny, das ist ja eine fürchterliche Neuigkeit – wenn ich recht verstanden habe« – sie sah unsicher in seine vergnügten Züge, »wenn sie nun Beschlag auf Deine Pension legen?« »Ja, diesen guten Einfall haben sie schon gehabt«, war die trockene Antwort. Mama schrie auf, nicht laut, aber so bange, daß auch Johnny sich einen Augenblick betreten umsah. »Scht, die alte Frau! Was braucht die davon zu wissen?« sagte er hastig. Mama machte die gewohnte Gebärde des Händeringens. »Aber sag' doch, was um Himmels willen soll denn daraus werden? Was willst Du anfangen?«

Ein Schatten der Verachtung überflog sein Gesicht. » Well, never mind! Wenn Ihr mich hinauswerft, – irgend ein Hundeloch, wo man ungestört krepiren kann –«,

Seine Schwester wich zurück, das war wieder der Ton von jenem schrecklichen Morgen. Aber der sehnsüchtige Wunsch ihres Herzens siegte über ihr Erschrecken; sie berührte seinen Arm und stammelte mit thränenvoller Stimme etwas von »Gut werden«.

Er sah mitleidig geringschätzig auf sie nieder. »Gut? Wieso gut? Was heißt das? Da wird nichts mehr gut, Dora! Wenn ein Mensch da unten ist, wo ich bin – – well don't, dear, don't cry! Gut ist relativ, gut ist nicht immer dasselbe! Mir ist gut! Vortrefflich! Cheer up, dear!« Er schnalzte mit den Fingern und versuchte zu lachen. Es gab eine sonderbar weinerliche Grimasse. In dem hellen Gaslicht, unter dem er stand, sah er so verfallen und verkommen, so schlaff und gefurcht aus, mit so dunkelgeränderten rastlosen Augen, mit so vernachlässigter loser Kleidung, – wenn man ihm am Abend auf der Straße begegnete, ein Mensch zum Bangewerden! Sie konnte ihn nicht länger ansehen, sie schlich weinend weg, wieder und wieder sich den Kopf zergrübelnd, wie das hatte so werden können. Und zum Unglück mußte denselben Abend noch Onkel Wilhelm daherschneien mit den großen Horcherohren und athemlos vor Neugier. Onkel Johnny, der vor jedem Fremden mit abergläubischem Schrecken floh, hatte kaum Zeit gehabt, durch das Schlafzimmer zu entkommen, als auch schon das dringende Verhör begann.

»Je, nu sag' mir mal, Dora, ich habe man gehört, daß Ihr Besuch gekriegt habt! Dein Bruder soll ja plötzlich bei Euch hier eingerückt sein. I, sag' ich, sie hat ja man den einen, sag' ich so zu mir, und der wurde ja woll, wenn mir recht is, so mit sechzehn, siebzehn Jahren nach Amerika geschickt! War 'n hübscher Junge, 'n bißchen 'n Leichtfuß, trank sehr gern Champagner, na, und das war ja nu nichts für Deinen Alten. Also mußte der Junge die Reise in die neue Welt antreten, hähä! Na, und nun hör' ich man, daß er wieder hier is!« Er rieb sich die Hände, freute sich offenbar der angerichteten Ueberraschung, ließ die Augen forschend rundum gehen. Papa war einen Augenblick schreckdurchzuckt still geblieben, aber nun hatte er die Brille zurecht gerückt und sich Haltung gegeben. Nein, dies hatte keinen Zweck, dies war entschieden unangenehm, dann hatte einmal das Aushorchen und Herumspähen kein Ende. Er nahm die gekränkte Miene an, die er für Leute hatte, welche nicht oder zu wenig arbeiteten, und brachte damit eine abkühlende Wirkung hervor: »Ich falle aus den Wolken! Wer beschäftigt sich denn so angelegentlich mit mir und meiner Familie, daß er besser hier im Hause Bescheid weiß, als ich selbst?« Auf diese in ärgerlichem Tone vorgebrachte Gegenfrage sperrte Onkel Wilhelm verwundert den Mund auf, Mama senkte verwirrt ihr Gesicht, mit zitternden Händen schob sie das Gedeck des Verleugneten, das noch dastand, mit den übrigen zusammen; Großmutter hatte ihre Zuflucht zu dem stets bereiten Strickzeug genommen, aber Milli und Liddi saßen da mit feuerrothen Backen und wagten sich nicht zu rühren.

Onkel Wilhelm rückte unruhig hin und her: »Na, denn«, sagte er verdutzt, »wie is es denn? Er is also nicht hier, der Bruder Jonathan? Oder was? Ich werde je woll harthörig!« »Er wollte ja oft kommen, es war immer die Rede davon« – lispelte Mama,

Onkel Wilhelm warf die Lippe auf, »Na, hör' mal Du, das is aber doch 'n großer Unterschied! Wollte kommen, – is gekommen! Man kann 'n Menschen doch nicht dumm machen?« Papa sah sich in die Enge getrieben, und sein Aerger stieg. Nein, dieser Mensch, dieser amerikanische Verwandte da – nun mußte man noch gar seinetwegen lügen! Er schlug sich klatschend aufs Knie und rief: »Wenn ich nur wüßte, woher dies ganze Gerede kommt! Mir ist es unfaßlich!« »Herrjes, Vetter!« begütigte Onkel Wilhelm, »das kann ich Dir sagen, das haben Deine Töchter erzählt,« »Ihr?« Papa schoß einen Zornblick auf die zwei armen pausbäckigen Sünderinnen, die zu dieser peinlichen Frage nicht wußten, ob sie ja oder nein sagen sollten. Onkel Wilhelm wandte ihnen den steifen Hals zu: »Na, eine von Euch geht je woll in dieselbe Klasse mit meinem Doktor seiner Kleinen, nich?« »Wir wissen ja gar nicht, wie der Doktor heißt«, sagte Liddi kläglich. Milli aber faßte Muth; sie hatte begriffen, daß sie lügen sollte. »Es wird wohl ein Mißverständniß sein, wir haben immer so viel von Onkel Jo – – von diesem Onkel gesprochen, und da mag es wohl falsch aufgefaßt worden sein«, bemerkte sie mit so entschiedenem Ton, daß Onkel Wilhelm sie groß anguckte. »Na, Du wirst ja nu woll bald aus der Schule kommen«, sagte er bedächtig, »fufzehn, nich? Je, je, das wächst Euch nu bald übern Kopf, paß man auf, Dora, wie bald Dir das auf der Nase spielt.«

»Ach, aber Vetter! Das würde ich mir schönstens verbitten!« Mama ergriff mit Freuden jede Möglichkeit, das Gespräch abzulenken. Aber Onkel Wilhelm machte sich bald wieder auf den Weg: »Na, ich wollte mich hier nu 'n bißchen über Amerika belernen, und nu muß ich mir so die Nase stoßen! Aber denn will ich Euch auch nicht weiter dunkeln, ich bin immer froh, wenn ich wieder in meinen vier Pfählen bin.«

Als er wirklich weg und außer Hörweite war, brach in der Medag'schen Familie ein Gewitter los, Papa sah aus, als möchte er gern Jemand schlagen, um seine Wuth und Beschämung loszuwerden. Die Mädchen krochen in die eine, die Frauen in die andere Zimmerecke, während er den engverstellten Raum mit langen Schritten durchmaß und zornige Worte hinauswarf: »Das ist nu doch gradezu dumm! Mehr als dumm, das ist verrückt! Das kann ja jeden Augenblick herauskommen, und merkt Ihr das denn nicht? En lebendiger Mensch, das ist doch kein Fingerhut!« Er schmiß Mamas Fingerhut auf den Fußboden, aber der dumme unschuldige Fingerhut verstand die Mißhandlung nicht und hüpfte sechsmal in die Höhe, ehe er unters Sopha kollerte. Auf einmal stürmte Papa mit Tigerschritten auf seine Mädchen los: »Und Ihr! Ihr seid schuld an der ganzen Blamage! Wem habt Ihr das erzählt? Seid Ihr von gestern, daß Ihr nicht wißt, aus dem Hause wird nicht geschwatzt? Wem habt Ihr das herumgetragen?« »Ach, Papa, – wir wußten doch nicht – unseren Freundinnen.« »Wie vielen, ich will es wissen! Auf der Stelle.« »Wie viele Freundinnen ich habe? Gestern hab' ich sie gezählt, fünfundfünfzig, Papa!« schluchzte Liddi. Großmutter im Winkel lachte hell auf, aber Papa rief, zurückprallend: »Was? Fünfundfünfzig Stück? Dora, ich bitte Dich, hörst Du das? Und Du schämst Dich nicht, Liddi, fünfundfünfzig Freundinnen zu haben?« Liddi nickte thränenüberströmt, der Papa schüttelte ihren Arm: »Na, jetzt laß das Gewinsel, hilft ja nicht mehr. Aber 'n andermal – – Und Du, Große, auch fünfundfünfzig?« »Ich hab es Mary ten Kate gesagt, Papa, und Doktor ten Kate ist Onkels Doktor, Liddi hat gar keine Schuld«, sagte Milli, ihrer Schwester Hand drückend. »Geht zu Bett, Kinder«, seufzte Mama, »es ist nun mal geschehen.« In der Thür kehrte Milli noch einmal um: »Also wir sollen jetzt immer sagen, daß Onkel Johnny nicht da ist?« Papa stutzte, sah Mama an und stöhnte auf: »Ach, all' dieser Unsinn! Ich weiß schon selber nicht mehr. Es wär' ja am Ende viel besser gewesen, man hätte einfach ja gesagt! Was gehen einen denn die Leute an?« Das Ende vom Liede war, daß Mama versprechen mußte, morgen zu Onkel Wilhelm zu gehen und zu erklären. »Er kann ja gestern gekommen sein, gerade gestern, man kann sich doch nicht mit allen Verwandten überwerfen; sag', was Du willst, mir ist alles recht!« Am nächsten Morgen aber hieß es: »Ich denke, wir sagen vorläufig nichts. Der alte Spionierer liefe gleich in der ganzen Stadt damit herum. Und die Göhren sollen auch den Mund halten.« »Ein Gotteswunder, daß ihn noch Niemand gesehen hat, andere Verwandte oder Bekannte, mein' ich«, sagte Mama nachdenklich, »was daraus werden soll, das weiß der liebe Gott.« »Na, er ist jetzt ganz nett im Zuge, der Architekt Döse ist ganz entzückt von ihm, das wollte ich Dir noch erzählen. ›Der hat Grips‹, sagte er, ›und Erfahrung, solche Leute kann man brauchen‹, sagte er.« Die gute Nachricht bewegte die geängstigte Frau so sehr, daß sie ihrem Manne um den Hals fiel. »Mein guter Rudolf, wenn er Dich doch früher gekannt hätte! Es wäre alles anders gekommen.«

Seit Onkel Johnny in Döses Bureau arbeitete, kam er nicht mehr zum Abendessen. Es war viel zu thun dort, und oft gab es Nachtarbeit. Im Anfange hatten sich alle darum gesorgt, ob er denn nicht das kalte Zimmer und das unregelmäßige Abendbrod gar zu unbehaglich empfinden werde. Aber er klagte nie, machte nicht die geringsten Ansprüche und war voller Dankbarkeit für alles, wenn er auch noch scheuer und zurückhaltender geworden war. Weihnachten stand vor der Thür, die Mädchen stickten und häkelten für Onkel Johnny; der kleine Kurt, munter und wohlauf jetzt, lief dem Onkel nach wie ein Hündchen.

Eines Mittags kam Papa mit der gekränkten Leidensmiene zu Tisch: »So, Dein Bruder ist noch nicht da! Ich denke, der sitzt bei Döse im Bureau« – – »Das denk' ich auch,« Mama lächelte unsicher. »Ja, prost Mahlzeit!« sprudelte Herr Medag heraus. »Weißt Du, wo er ist? Weißt Du's?« »Nein, nein!« rief Mama erschrocken, Großmutter hielt sich bereits die Ohren zu. »Weißt Du's? Weißt Du's?« wiederholte der Mann. »Ach so sag doch, Rudolf! Gestern haben wir ihn doch noch gesehen!« jammerte Mama.

»Bei Nehlsen sitzt er in der Gaststube! Hat auch schon wieder Freunde gefunden, singt, daß man es straßenweit hört! Na, ich danke!«

»Bei Nehlsen?« Mama sank zurück, ein tiefer Seufzer schallte durchs Zimmer: »Warum hast Du ihn nicht mitge...« – –

Herr Medag schüttelte energisch den Kopf: »Ich will mich hüten! Wenn er es so haben will, denn laß ihn doch. Ich wollte es Euch nur sagen. Morgen weiß es natürlich die ganze Stadt. Bei Nehlsen, dem alten Klatschmaul!«

»Mein Gott, was sollen wir machen!«

Milli stand mit einem Ruck auf, sie sah roth, aber entschlossen aus.

»Ich hol' ihn,« sagte sie.

»Wen willst Du holen? Ich glaube, es rappelt! Milli, dumme Deern, wie kannst Du wohl in 'n Wirthshaus ...« –

Aber sie hörte nicht mehr, sie war ohne Hut und Mantel aus der Hausthür gestürmt, den verschneiten Garten entlang; weder die Zurufe vom Hause noch das drohende Gebell Sultans, des großen Hofhundes, der ihr entgegensprang, beirrten sie. »Kusch dich, Sultan! Komm hier! Kennst mich doch!« rief sie dem schwarzweißen Neufundländer zu, und das mächtige Thier ließ sich bereden: es schwänzelte, sie erkennend, und wälzte sich plötzlich ausgelassen im Schnee, Milli konnte vorüber. Ohne Besinnen und ohne Anklopfen trat sie ins Gastzimmer, aus dem Johlen und Singen erscholl. Die Lampen brannten schon, aber bei dem Zwielicht draußen erschien das Zimmer ziemlich düster; dichte Tabakswolken umquollen die Lampen, und es roch so schnapsig, das Milli die Nase rümpfte. Ja, da saß wirklich Onkel Johnny, den Rücken der Thür zugewandt, setzte das Glas hart aus der Hand und sang hell auf: »We all are jolly good fellows! we all are jolly –«

Milli ging mit zitternden Knieen vorwärts, legte die Hand auf seinen Arm und flüsterte ihm halb ins Ohr: »Bitte, Onkel, komm zum Mittagessen.

» Onkel Johnny brach seinen Gesang ab und blickte sich bestürzt um: » Well, Milli, Du bist es!« sein Gesicht erheiterte sich. »Halloh, wo kommst Du her?«

»Komm, bitte, nach Hause,« sagte das Kind eindringlich,

Onkel Johnny griff sich verwundert an die Stirn: » Well, ja, warum nicht, wenn es sein muß – gleich, Milli, – warum nicht –« –

Sein schwerfälliges Aufstehen, sein geröthetes Gesicht, die schwere Zunge, und der betäubende Geruch, all das beklemmte und betrübte das Mädchen aufs äußerste. Ach, wie sie sich schämte vor diesen Leuten, die sie lachend oder neugierig anstarrten, sich schämte für ihn, der dastand ohne allen Glanz, ohne alle Ueberlegenheit, mit gesenktem Kopf, unsicher auf den Füßen, gehorsam wie ein kleiner Junge, stumpf und gleichgültig wie ein Besinnungsloser! »Komm, lieber Onkel Johnny!« Milli zog an seinem leeren Rockärmel, zog ihn vorwärts bis zur Thür.

Dort sprang ihnen der alte Nehlsen in den Weg: »Adje, Adje, Herr Harms, na beehren Sie mich heut nachmittag wieder? Wir wollen ja denn die Sache, die bewußte Sache, wissen Sie, 'n büschen näher kommen, nich?«

Onkel Johnny nickte und murrte etwas Unverständliches.

»Na un – – de – das soll wieder aufgeschrieben werden, nich, mein bester Herr? Jewoll, jewoll, – na, denn kommen Sie bald wieder! Immer zu Diensten, Herr« – – –

Wie Milli diesen Tag nach Hause kam, das hat sie nicht gewußt, nur zweier Umstände konnte sie sich erinnern: nämlich, daß ihr Onkel Johnny mitten im Garten seinen eignen Ueberrock anzog, und daß er bei der Stachelbeerhecke abschwenkte und in sein Häuschen ging; er würde später nachkommen, gab er ihr mit auf den Weg.

Zu Hause war alles ungehalten über sie; »und es hat ja doch nicht genützt!« hieß es. »Und er kommt ja doch nicht!«

Und danach wurden die Kinder aus dem Zimmer geschickt, und Papa und Mama hielten Rath miteinander. Laute Worte erklangen, die Mädchen fürchteten sich: »Ach, sie werden sich doch nicht zanken?«

Da kam Onkel Johnny in die Hausthür. Milli lief ihm entgegen, sie hatte ihn zurückhalten wollen, aber sie fand die Worte nicht, sie streichelte ihm nur stumm die geschwollene bläuliche Hand.

»Well, well, little mother!« lächelte er gutmüthig. »Gibt es noch etwas zu essen?«

Er ging in das Wohnzimmer, und bald klang es drinnen von drei lauten Stimmen, Onkel Johnny allein schien guter Laune.

»Wenn ich Nehlsens Wirtschaft übernehme, das soll wohl besser flutschen, als bei Döse,« hörten die Mädchen ihn rufen; und dann Papas ironische Entgegnung: »Zum Kaufen gehört aber Geld, wie denken Sie sich das eigentlich, mein Herr Schwager?«

Und dann wurde es lauter und immer lauter. Milli und Liddi zitterten, wie sie, sich fest umschlingend, auf dem Vorplatz auf und abgingen. »Ach Milli, sie zanken sich!«

»Liddi, nein, wie schrecklich!« Milli brach in Thränen aus.

»Onkel Johnny sagt, er will den ganzen Garten von Nehlsen und das Haus und alles kaufen.«

»Aber das wäre doch himmlisch, nicht?«

Plötzlich flog die Thür auf, und Papa trat heraus. Er war blaß und hatte einen ganz verzweifelten Ausdruck im Gesicht.

»Was steht Ihr hier?« fuhr er die Kinder an. Dann riß er Hut und Ueberzieher vom Nagel und rannte die Treppe hinunter.

Wieder öffnete sich die Thür, und sie hörten Onkel Johnny's Stimme: » Well, goodbye, dearest! Es ist besser so. Glück für Dich, Dora! Glück für Euch alle.« Mama schluchzte, aber sie ging nicht aus dem Zimmer.

Langsam und schwer kam Onkel Johnny an die Treppe. Milli und Liddi hatten, einem plötzlichen Gefühl folgend, sich versteckt. Sie hörten ihn seufzen und ächzen und mühsam Stufe um Stufe hinuntersteigen.

»Wohin geht er? Ach laß uns sehen, Liddi!« Als er in dem Gartenhäuschen verschwand, athmeten die Kinder etwas aus; sie hofften, er werde schlafen und dann wiederkommen, um mit ihnen zu lesen und zu singen. Er hatte ihnen auch eine lustige Domfahrt versprochen, in fünf Tagen war schon Weihnachtabend, da gab es nicht viel Zeit mehr zu verlieren.

Abends wurde Milli zu einer kleinen Besorgung ausgeschickt, und Liddi lief natürlich mit, wie es ihre Gewohnheit war.

In dem Gartenhäuschen brannte Licht. »Onkel ist also nicht auf seinem Bureau,« flüsterten die Kinder, »wollen wir nicht mal zu ihm hineingucken?« Ihr Plan wurde aber dadurch vereitelt, daß die Lampe erlosch, und Onkel Johnny selbst herauskam; er trug einen Koffer in der Hand und ging, ohne sich umzublicken, durch den kleinen Gang nach der Straße. »Onkel,« wollte Liddi rufen, aber das Wort blieb ihr im Munde stecken; Milli drückte ihren Arm: »Komm, wir wollen ihm nachlaufen, er hat ja den Koffer mit, – ach, er wird doch nicht wieder wegreisen?« Sie gingen und gingen, immer einige Schritte hinter dem Onkel her, der sich nicht einmal umblickte. »Milli, nun sind wir schon am Holstenthor! Dürfen wir denn noch weiter?« »Komm,« flüsterte die andere, »laß uns sehen, wo er bleibt, ich bin so schrecklich bange um ihn.« Milli zitterte, ihre Stimme war voll Thränen. Immer stand vor ihr das schreckliche Bild aus jener Mondscheinnacht,, und tausend heiße, unklare Wünsche bewegten ihre Kinderbrust. Auf einmal war Onkel Johnny nicht mehr auf der Straße vor ihnen. Aus einer Thür scholl Gläsergeklirr und Musik; viele Leute drängten aus und ein: »Gewiß ist er hier hineingegangen!« rief Milli, die Schwester nachziehend. »Laß uns sehen.« Ein enger dunstiger Raum mit einem Schenktisch, hinter dem eine große Drehorgel gespielt ward, that sich vor den geängstigten Kindern auf.

Sie wurden angestarrt, aber man machte ihnen Platz. Milli ließ die Augen wandern, dann trat sie mit der Sicherheit eines kleinen Polizisten in eine halbdunkle Ecke. »Onkel Johnny, bitte, komm nach Hause!« flehte sie mit weit aufgerissenen bangen Augen. »Bitte bitte, komm!«

Aber was war das? Kann man mit so böser Stimme sprechen und solch ein wildes Wort? Hatte er nicht geflucht und mit den Zähnen geknirscht? Milli fuhr zurück, aber doch wiederholte sie mit thränenerstickter Stimme: »Lieber, lieber Onkel Johnny, komm nach Haus!«

Der Mann sprang auf, in seinen Augen war die scheue Angst eines verfolgten Thieres. Aber sowie sein Blick die beiden kleinen Pausbäcke traf, die unter ihren schwarzen Kreiselmützen ihn so bittend und liebevoll anstarrten, verlor sich seine Wuth. Er stieß einen schweren Seufzer aus, goß hastig den Cognak hinunter, der ihm eben gebracht ward, rief etwas gegen den Schenktisch hin und ging hinaus, begleitet von spöttischen Blicken und Worten. Als sie draußen waren, – die Backfische hatten sich gleich rechts und links an seine Seite begeben, – lachte er heiser und drohend auf: »Wer hat Euch hergeschickt? Ich werde mir das verbitten bei Eurer Mutter! Kommt nur.«

Milli betheuerte, daß Niemand sie geschickt habe. »Wir sahen Dich zufällig, lieber Onkel, als Du mit dem Koffer – Ach, Du hast ihn dort vergessen!« unterbrach sie sich selbst; sie wollte umkehren.

»Come along!« grollte der Onkel. »Er soll da bleiben, ich wohne von jetzt an dort.«

»Onkel! Lieber Onkel! Wo willst Du wohnen? In der scheußlichen Wirtschaft? O, das kann doch nicht sein, Du kannst doch nicht von uns wegziehen!«

Ein unverständliches Murren war die Antwort.

»Onkel Johnny, ist es Dir zu kalt in dem Gartenhäuschen?«

»O, Du kannst ja einen anderen Ofen bekommen! Einen großen ordentlichen! O, willst Du nie wieder mit uns Handy Andy lesen? – Bitte, bitte, zieh nicht fort! Wir werden so traurig sein, ach und so bald ist Weihnachtsabend!« Liddi fing leise an zu weinen, während Milli fortfuhr zu bitten und zu quälen: »Wir wollen Dir ja auch alles zu Gefallen thun, nur komm wieder, Onkel Johnny.«

Er sagte zu alledem nichts; ungeduldig, unsicher, elend sah er aus, ein trauriger Anblick. So kamen sie bis in Nehlsens Garten, bis vor das Gartenhäuschen. Plötzlich verließ ihn die zornige Stimmung. Er umfaßte die beiden Kinder, die ihm die unschuldigen Mäulchen entgegenstreckten. Aber er berührte sie nicht mit den Lippen, sein Kopf sank tiefer und tiefer, bis in die vier warmen Kinderhände, die er küßte und mit heißen Thränen benetzte: »Good bye, dear girls, liebe Milli, liebe Kinder, lebt wohl, geht in Euer Haus, bleibt bei Papa und Mama, es ist gut da; good bye! Geht, geht! Nein, Ihr müßt nicht mit hereinkommen! Gute Nacht!« Er drängte sie leicht fort von der Schwelle, und die beiden Mädchen, erregt und überreizt, eilten mit lautem, unstillbarem Weinen nach Hause. Auf alle Fragen und Erkundigungen gaben sie nur verworrene Auskunft, wollten weder essen noch trinken; stundenlang lagen sie noch schluchzend im Bette, küßten und drückten die Eltern mit stürmischer Zärtlichkeit und verfielen dann wieder in ein herzbrechendes Weinen, das sogar den kleinen Kurt für eine Weile ansteckte. Als sie endlich einschliefen, bemerkte die Mutter mit wehmüthigem Sinnen den schmerzlichen Gesichtsausdruck der Beiden. »Ach, das Leben! Das Leben! Wie früh fängt es an, uns zu zeichnen.«

Am anderen Tage fand das Dienstmädchen das Häuschen drüben mit halboffener Thür. Als sie erschreckt sich näherte, sprang ihr eine große Katze entgegen, die dort ihr Nachtquartier gefunden zu haben schien. Dann kam Herr Medag, Großmutter, die ganze Familie: Onkel Johnny war spurlos verschwunden, Schrank und Schiebladen leer, das Bett zerwühlt. »Da, weiter hat er nichts hier gelassen,« bemerkte Papa und hielt eine starkriechende Flasche in die Höhe. Mit einem Blick auf die blaß und trübäugig dastehenden Kinder setzte Mama sie hastig in eine Ecke.

Am Nachmittage stellte sich Herr Nehlsen ein, und sein lebhaftes Gespräch mit Papa, von dem die Kinder ausgeschlossen wurden, zog sich über Stunden hin. Am nächsten Morgen meldete sich Herr Quasebart: »Mein Onkel ist nicht mehr hier,« sagte der kleine Kurt. Danach kam er zur Großmutter gesprungen und lächelte: »Der Herr sagt, er will es gut haben, er ist ein ganz komischer Herr.« Darauf sprach Großmutter längere Zeit unter vier Augen mit Herrn Quasebart.

Weihnachten ging vorüber, ohne daß Onkel Johnny sich hätte sehen lassen. Aber nach Neujahr kam Kurt heim mit einem Stück Schokolade: das habe ihm Onkel Johnny auf der Straße in die Hand gedrückt. Die Mädchen sahen ihn nie. – –

Großmutter war still geworden, sie sprach nie mehr von Döhntjen, und ihr Interessenkreis wurde immer enger, immer eintöniger. Sie strickte und strickte, legte Päckchen langer Strümpfe zusammen und wusch Strümpfe in ihrer Waschschüssel, die wunderliche Großmutter! Milli hatte es ein paarmal gesehen und sie darum befragt, aber Großmutter antwortete nie, wenn sie keine Lust hatte. An den Sonntagnachmittagen, wo Großmutter meistens allein zu Hause blieb, sagte sie oft, es könne ja sein, daß Jemand zu ihr komme; sie möchten ihr einen Kuchen bereit halten. Und immer war an solchen einsamen Sonntagen der Kuchen aufgegessen worden, ohne daß Großmutter ihren Besuch weiter erwähnt hätte.

So vergingen drei Monate, und es ging gegen den Frühling. Warme Märztage hatte es schon gegeben, nun aber brauste ein Nordweststurm und hatte alles wieder mit nassen Flocken überschüttet. Wie übellaunig und müde Pava nach Hause kam! Er fiel nur so in die Sophaecke und gähnte: »Gott sei Dank, daß wieder mal ein Tag vorbei ist!«

Er begann langsam zu essen; auf einmal verzog er ärgerlich das Gesicht: »Natürlich, da klingelt es schon wieder! Wenn jetzt Besuch kommt – ich habe keine Lust mehr! Tragt mir mein bißchen Futter in die Schlafstube!«

Aber auch dort fand er keine Ruhe. Einen Augenblick später kam Mama zu ihm: »Ach, mein armer Rudolf, da ist richtig Jemand, der Dich allein sprechen will!«

»Wer denn? Warum bist Du denn so aufgeregt? Es wird doch nicht von – –«

»Weiß Gott, ich fürchte auch immer etwas! Das ist ein endloses Unglück!«

Ein großer stattlicher Manu wartete im Wohnzimmer: »Herr Medag? Ich glaube, wir haben uns schon einmal gesehen?« Er beugte sich flüsternd vor: »Ich komme in trauriger Veranlassung; es handelt sich um Ihren Herrn Schwager, er hat einen gefährlichen Anfall – könnten Sie vielleicht mitkommen?« »Jetzt? Wohin denn?« fragte Papa kläglich und erschrocken. »Wir müssen doch wissen, wohin wir ihn transportiren sollen, Herr Medag! Er hat schon soviel Schaden da gethan – zwei Schränke voll Gläser, Herr Medag – und alles in Scherben,« flüsterte er vorwurfsvoll, »es wäre doch gut, wenn Sie mitkämen – wir können die gute Seele ja nicht auf 'n Polizeiposten bringen lassen, nich?« Schweigend machte sich Medag bereit; auf der Treppe stand seine Frau und blickte fragend und angstvoll in sein verstörtes Gesicht. »Geh zu Bett,« winkte er ihr zu, »er scheint krank zu sein, das war zu erwarten.« Er ging ein paar Schritte und kehrte noch einmal um: »Könnten wir ihn nicht eventuell in die Kammer oben bringen lassen, was meinst Du?«

»Ach ja! Ja!« Die Frau brachte nichts weiter heraus, sie drückte nur ihres Mannes Hand.

»Aber die Kinder?«

»Ach die wissen, fürchte ich, mehr, als sie merken lassen!« – Und dann stand sie stundenlang am Fenster, die Stirn an die Scheibe gedrückt, mit laut hämmerndem Herzen.

Eine leichte Berührung weckte sie: »Mama, Mama,« stammelte Milli, »ich bin wieder aufgestanden, ich kann ja nicht schlafen! Laß mich hier mit Dir stehen, ich hab' ja alles gehört.« Ihre Thränen flossen ineinander. »Liebe Mama, wenn Papa ihn hierher bringt jetzt – o, laß ihn uns retten, wir beide! Einmal Abends, ganz ohne Licht, wollen wir uns an sein Bett setzen und ihn so recht bitten und – o, er ist ja so gut, Mama, warum, warum sollte er es nicht thun! Und dann nachher, wenn er wieder gesund ist – immer wollen wir bei ihm sein und ihn bewachen, meine süße Mama, und dann sollst Du mal sehen – – ach, wein' nicht so, meine Mama, es wird noch alles gut werden, alles gut werden.«

Und wieder küßten sie sich und drückten sich aneinander, und langsam, langsam ging die Zeit. Sie horchten, ob nicht fern eine Droschke zu hören sei, und überlegten, wie man mit dem Wagen werde in den Garten kommen können, zehnmal beschworen sie einander, zu Bett zu gehen: »Ich wecke Dich, Mama, so wie ich Jemand kommen höre!« »Milli, leg' Dich hin, wenn Papa kommt, will ich Dich rufen!«

Langsam ging die Nacht herum; die Hähne in Nehlsen's Hühnerstall hatten schon zweimal gekräht, der Wind ward müde und schlief ein in den Aesten, ein dünner weißlicher Schnee überdeckte den Garten, auf den der Orion groß und feierlich herunterblickte.

Schritte und gedämpfte Stimmen kamen durch den engen Gartenweg. Milli schrak zusammen und klammerte sich an die Mutter: »Mir ist so ängstlich und so schrecklich traurig, das ist gewiß Papa mit – –«

Ja, er war es, er ging voran; Träger mit Laternen und einem dunkelen langen Dinge folgten, Mutter und Tochter flogen an die Hausthür, eben kam Papa an das Staket: »Den Schlüssel zum Gartenhaus, schnell!« sagte er dumpf. Auf seinem Gesicht lag der Ernst des Todes.

»Die Kammer ist bereit, Rudolf!« –

»Nein, nicht – wir müssen ins Gartenhaus, laß die Leute nicht warten.«

Milli lief nach dem Schlüssel; Herr Medag hatte die Träger hinter die Stachelbeerhecke geführt; seine Frau hielt krampfhaft seine Hand, sie wagte kaum zu athmen.

»Nimm Milli den Schlüssel ab und schick' sie zu Bett, es ist schon schlimm genug, daß Du –«

»Aber was ist denn geschehen, Rudolf? War die Botschaft nicht schrecklich genug? Kann es noch entsetzlicher kommen?«

»Geh', geh', nimm den Schlüssel und schick' das Kind ins Haus,« wiederholte er dringend.

Milli gehorchte mit nassen Augen.

Herr Medag war auf die Frau zugetreten und hatte sie umfaßt: »Sei stark, Dora, sieh' Dich nicht um jetzt, es ist besser so, es ist – sogar – nothwendig, daß auch Du ins Haus gehst!«

»Ich will ihn sehen! Er ist mein Bruder! Johnny! Johnny!« weinte sie auf. Da beugte er sich nieder und flüsterte ihr ins Ohr, etwas von plötzlicher Geistesstörung, Polizeiarzt, Chloral und Entschlafensein für ewig – und daß er ihn nicht habe lassen wollen in dem Kellerlokal zwischen den fremden Leuten und auf der Polizeiwache noch weniger. Halb ohnmächtig hing die Frau in seinen Armen.

»Ein Zettel war in seiner Hand, den hat er mitten in der Tobsucht geschrieben und mir mit seiner letzten Kraft gereicht: ›Sagt es den Kindern nicht! Johnny.‹«

Die Träger kamen alle vier hintereinander aus dem Gartenhause: »Wir sind fertig, Herr, wir haben ihn in Gottesnamen niedergesetzt.« Herr Medag nickte und zahlte ihnen Geld in die Hand. Dann zog er die Frau mit sich fort: »Der Himmel wird schon hell; morgen gibt's viel zu thun – nun wollen wir schlafen.« – – –

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