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Was Christine bei ihrer Herrschaft erlebt

Helene Hübener: Was Christine bei ihrer Herrschaft erlebt - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
booktitleNur treu
titleWas Christine bei ihrer Herrschaft erlebt
publisherVerlag der Francke-Buchhandlung GmbH
year1886
isbn3882244860
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
projectid1ad6dd36
wgs9110
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Helene Hübener

Was Christine bei ihrer Herrschaft erlebt

Ursprünglich war ich nicht zum Dienen bestimmt. Meine Eltern waren wohlhabende Leute. Sie hatten ein Schnittwarengeschäft, und ich genoß eine gute Schulbildung, um später die Schreibereien für meinen Vater besorgen zu können. Nebenbei wurde ich von der Mutter im Haushalt unterwiesen und mußte alles mit angreifen. Als ich aus der Schule war, half ich morgens der Mutter in der Küche und im Garten, nachmittags war ich des Vaters Schreiber und sein Rechenmeister. Der Lehrer hatte oft gesagt: »Christine, du hast einen guten Kopf und schreibst eine saubere Hand; aus dir kann etwas werden.« Und heute, nach Jahren, da ich dies schreibe, bin ich nicht mehr als eine Stütze der Hausfrau. Das ist so zugegangen: meine Eltern hatten ihr Vermögen verloren und konnten mit ihrem kleinen, bescheidenen Laden nicht aufkommen gegen die Großhändler. So haben sie das Geschäft aufgegeben. Was sie daraus gerettet, reichte eben hin, sie vor Not und Mangel zu schützen.

»Christine! Du mußt dir deinen Lebensunterhalt bei fremden Leuten verdienen!« sagte mein Vater kürzlich zu mir. Da trat die Mutter ein und erzählte, daß sie eben der jungen Pfarrerin begegnet sei und daß diese gefragt, ob sie nicht ein älteres, treues Mädchen wisse, die als Stütze in ihr Haus kommen möchte, die überall nach dem Rechten sähe und den Haushalt und die Gartenarbeit verstände. Sie solle mit zur Familie gerechnet werden, müsse sich aber aller Arbeit unterziehen, da keine Magd im Hause sei. Der Vater sah mich freundlich forschend mit seinen klaren, treuen Augen an und sagte: »Nun, Christine, wie denkst du darüber? « Ich antwortete, daß es mir unerwartet komme, aber abgeneigt sei ich nicht, den jungen Pfarrersleuten zu dienen, die sich schon im Städtchen allgemeine Liebe erworben hatten. – Es gab einen kleinen Kampf mit der Mutter. Sie hätte ihre Tochter am liebsten bei sich behalten; es ward ihr schwer, mich in ein dienendes Verhältnis eintreten zu sehen. »Ich halte das Dienen für ein köstlich Ding«, sagte mein Vater. »Heutigestags will niemand mehr dienen, alles strebt höher hinaus. Und doch sollten wir, eingedenk der Worte unseres Heilandes: ›So nun Ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr auch euch untereinander die Füße waschen‹, gern einander untenan sein und dienen. Im Dienen lernen wir die schwerste, aber die schönste aller Christentugenden, die Demut, und den Demütigen gibt Gott Gnade. Also ist der dienende Stand ein gar lieblicher und schöner, wenn's von außen auch gar nicht so scheinen will. Du kannst äußerlich die geringste Arbeit tun und innerlich eine geschmückte Braut des Herrn sein. ›Es glänzet der Christen inwendiges Leben.‹«

Ich mußte dem lieben Vater im Herzen recht geben, wie ich denn alles, was er sagte und tat, mir wohl einprägte. Auch die Mutter gab sich zufrieden. Und als die Frau Pfarrer noch einmal mit ihr gesprochen und ihr gesagt hatte, wie sie mich, wenn ich treu sei, werthalten und für mein gutes Fortkommen sorgen wollten, da wurde es als eine ausgemachte Sache angesehen, daß ich die folgende Woche ins Pfarrhaus gehen sollte. Ich bin nicht mehr jung, 34 Jahre alt; aber es ist ja ein älteres Mädchen erwünscht, da es im Haus und Garten viel Arbeit gibt und überdies jemand im Hause sein muß, dem Vertrauen geschenkt werden kann.

So, von den Segenswünschen der Eltern begleitet, trat ich meine Stelle an. Ich brauchte keine Reise zu machen, die Herrschaft wohnte ja in demselben Städtchen, in welchem meine Eltern lebten, so lange ich denken kann. Es war ein milder Frühlingsabend, als ich meinen Einzug hielt. Die Vöglein sangen und zwitscherten in den Linden vor dem Hause, dazwischen tönte das Abendläuten vom Kirchlein. Drinnen im Wohnzimmer wurde Klavier gespielt. Ich kannte das Lied von der Schule her, es hieß: »Befiehl du deine Wege.« Das paßte gerade auf mich. Ich blieb still an der Tür stehen, bis die Töne verklungen waren; dann klopfte ich bescheiden. Jugendliche Schritte kamen auf die Tür zu, die junge Frau öffnete und rief: »Ach, Sie sind es! Heinrich, unsere Stütze, Fräulein Christine ist da!« Der junge Pfarrer, der noch am Klavier saß und einige Akkorde spielte, stand auf, reichte mir seine Hand und sagte: »Gott segne Ihren Eingang!« Ich bat, mich nicht »Fräulein« und »Sie« sondern »du« zu nennen, ich sei es von den Eltern so gewohnt; es würde mir das fremde Haus heimatlicher machen. Der Pfarrer reichte mir wieder seine Hand und sagte: »Wie du willst, Christine! Ich denke, wir Drei werden wohl miteinander fertig werden. «

Ach, wer sollte sich nicht glücklich fühlen bei so lieben, sanften, herzensguten Leuten? Ich kann es mir gar nicht besser wünschen. Ich habe meine Arbeit, denn es gibt außer den häuslichen Dingen einen Garten in Ordnung zu halten, auch Federvieh zu besorgen; doch habe ich reichliches Essen, freundliche Behandlung, kann alle Sonntage in die Kirche gehen und abends meine Eltern besuchen. An den Sonntagnachmittagen habe ich viel freie Zeit, ich habe mir vorgenommen, alles, was ich mit meiner Herrschaft erlebe, aufzuschreiben. Ich war immer die oberste in der Schule und der Lehrer hat meine Handschrift gelobt. Da er ferner gesagt hat, ich habe einen guten Kopf zum Lernen und sei in der richtigen Auffassung vielen über, warum soll ich diese Gaben ruhen lassen? Wenn ich in der Woche meine Arbeit getan habe, kann ich mir Sonntags das Vergnügen machen, ein wenig von meinen Erlebnissen aufzuschreiben. Ich denke, ich werde in diesem Hause, in dem Glück, Friede und Freude herrscht, recht viel Schönes erleben.

 

Sonntag, den 10. Mai 1849.

»Die Welt ist doch schön«, sagte gestern meine Herrin zu ihrem Mann, als sie miteinander in der Jasminlaube saßen und sich des erwachenden Frühlings freuten. Frau Pfarrer sprach es mir aus dem Herzen; denn ich dachte es gerade auch, als ich beim Wegereinigen im Garten war. Solche Arbeiten tue ich gern am Sonnabend, es wird alles auf den Sonntag vorbereitet, und es liegt schon in der Natur eine gewisse feierliche, sabbatliche Stille. Erst hatte die Frau Pfarrerin mir geholfen, aber sie ist zart und fein und kann anhaltend solche Arbeiten nicht aushalten. Darum war es gut, daß der Herr Pfarrer kam und sie zu einem Plauderstündchen in der Laube abholte. Ich arbeitete ruhig weiter, nur ab und an ruhte ich eine Weile und lauschte auf den Gesang der Nachtigall, die sich seit einigen Tagen im niedrigen Gebüsch am See eingenistet hat. »Ja, die Welt ist schön«, dachte ich auch; denn obwohl ich mich nicht solchen irdischen Glückes rühmen kann, wie die Zwei dort in der Laube, bin ich innerlich doch so glücklich, wie nur ein Menschenkind sein kann. Ich freue mich meiner Gotteskindschaft durch Christum, und wer das erfahren, hat so volle Genüge, daß er nur das an irdischen Gaben mag, was ihm von Gottes Hand zuerteilt wird. Alles andere entbehrt er nicht. »Die Welt ist schön«, hörte ich den Herrn Pfarrer sagen, »aber noch schöner wird das neue Jerusalem sein mit seinem ewigen Frühling.« Er sprach noch mehr von der neuen Erde und ihrer Herrlichkeit, und ich ließ meine Hacke noch ein wenig ruhen, um ihm zuzuhören. Der Herr Pfarrer weiß alles gleich aufs Hi mmlische zu beziehen, und das ist der jungen Frau sehr lieb, denn sie hat einen frommen Sinn und ist ein demütige Magd des Herrn. Sie sitzt gern wie Maria zu Jesu Füßen und hört seiner Rede zu.

Heute habe ich es auch tun können. Ich war in der Kirche und hörte Herrn Pfarrer Buße und Glauben verkündigen. Seine Art wirkt auf die Hörer, man kann viel mit nach Hause nehmen. Die Gemeinde ist glücklich, daß sie sich einen solchen Pfarrer erwählt hat. Er ist kräftig und gesund, und wenn er in seiner Kraft und Fülle auf der Kanzel steht und mit gewaltiger Stimme das Wort Gottes erschallen läßt, dann ist alles mäuschenstill. Das ist der beste Beweis, daß die Rede die Herzen trifft.

Was es mir aber hernach für eine Ehre ist, wenn ich den Herrn Pfarrer bedienen kann, das wird sich jeder denken. Wir halten auf ein kräftiges Mittagsbrot, vorzüglich Sonntags bereiten aber vieles schon am Sonnabend vor, damit wir alle am Gottesdienst teilnehmen können.

 

10. Sonntag nach Trinitatis

Ich habe es aufgegeben, jeden Sonntag meine Erlebnisse aufzuschreiben. Ich bin ja nur ein einfaches Mädchen und keine Gelehrte; auch merke ich, daß es mit dem Schreiben nicht so schnell geht wie mit dem Denken. Sodann gibt es oft andere Pflichten und »Pflicht geht immer vor Vergnügen«. In den Wochentagen haben wir immer viel Arbeit gehabt. Erst wollten die Sämereien im Garten besorgt sein, dann kam Wäsche, dann Besuch; ich weiß nicht, wo die Wochen geblieben sind. Aber vergangen sind sie und kehren nicht wieder, wenngleich die jungen Leute die erste Zeit des stillen Glückes für immer hätten festhalten mögen. Tage des Sonnenscheins sind es, licht und hell sieht alles aus. Ich glaube, es gibt auf Gottes Welt nicht noch zwei Menschenkinder, die so fröhlich und glücklich miteinander sind. Sie sind unzertrennlich, keins kann lange ohne das andere sein. Einmal, im Juni, ist die Zeit der stillen Glückseligkeit durch achttägigen Besuch unterbrochen worden. Meine Herrin rief mich eines Morgens und sagte mit glücklichem Lächeln: »Christine, wir bekommen Besuch, viel Besuch: meine Schwester und mein Schwager kommen, ihre fünf Kinder bringen sie mit.«

Wir machten miteinander die Fremdenzimmer zurecht; viel Betten hat Frau Pfarrer von daheim mitbekommen, aber nun kostete es doch Kopfzerbrechen, für alle Kinder ein Lager herzurichten. Es ging aber, und als die Gesellschaft kam, wurde unser stilles Haus der Tummelplatz von vier Jungen. Das älteste der Kinder war ein Mädchen und hieß Charlotte. Die Mutter der Kinder war eine muntere, lebensfrohe Frau, sie lachte und plauderte den ganzen Tag und sang durchs Haus, während meine Herrin gewöhnlich still und in sich gekehrt ist und eine sanfte, gelassene Gemütsart hat. Auch sind sie äußerlich ganz unähnlich, meine Frau ist blond, die Schwester brünett. Die beiden Pastoren waren ein Herz und eine Seele. Sie hatten viele gelehrte Dinge vor, aber abends spielten sie mit den Jungen. Mir gefiel das Charlottchen am besten: es kam wohl daher, weil dies Kind sich am meisten an mich anschloß. – »Christine, gibt's nichts zu helfen?« – »Jawohl«, rief ich, warf ihr ein Tellertuch über die Schultern, und flugs begann sie die Teller und Schüsseln, die ich eben gespült, zu trocknen. Sie wußte gleich, wohin alles gehörte, und war mir eine wirkliche Hilfe. Sie sah immer gleich, wo es fehlte, und dabei war sie so gescheit, konnte so viele schöne Sprüche und Gedichte, daß ich glaube, es wird noch etwas Tüchtiges aus ihr. Charlotte half mir auch Obst pflücken und deckte den großen Mittagstisch, sie half beim Bettenmachen und lief treppauf, treppab. Wenn ihre Mutter kam und wollte mit angreifen, dann hieß es: »Nein, Mütterchen, du sollst Tante Magdalene jetzt genießen, Fräulein Christine und ich werden schon alles besorgen.« Sie ist so selbstlos und wird gewiß einmal ein rechter Segen für ihre Umgebung werden. Ich bin nicht so und mußte mich von dem Kinde beschämen lassen. Gerade an dem Sonntag, als die vielen Besuche hier waren, sollte ich zu meinen Eltern kommen, um den Geburtstag des Vaters mitzufeiern. Meine Herrin konnte mich nicht entbehren, und wenn ich auch äußerlich nicht murrte, brummte ich innerlich und tat die Arbeit nicht mit Freuden. Es hat mir aber leid getan und soll nicht wieder vorkommen.

Nun ist es längst wieder still bei uns, heute ist es ganz still um mich her. Herr Pfarrer ist zu einem Kranken gegangen, und Frau Pfarrer liest einer Blinden die Predigt des heutigen Sonntags vor.

 

Den 15. Sonntag nach Trinitatis

In den letzten Wochen gab es viel zu tun. Wir haben die Früchte des Gartens eingesammelt und viel Freude daran gehabt. »Die schönsten Äpfel«, sagt der Herr Pfarrer, »sollen den Weihnachtstisch zieren, die weniger guten sollen uns den Winter über in der Wirtschaft zugutekommen.« Herr Pfarrer will nächstes Jahr neue Obstbäume pflanzen, da viele alte abgängig sind; er will Erdbeeren anlegen und manche Verbesserungen anbringen. Er interessiert sich sehr für Gartenbau, Frau Pfarrer und ich können beide von ihm lernen. Nun hört das Arbeiten draußen bald auf. Schon verkünden rauhe Winde den Spätherbst; wie wird der erste Winter im Pfarrhause sein? Wir wollen an den langen Abenden fleißig nähen und stricken, und Herr Pfarrer will uns vorlesen. Darauf freue ich mich, wie ich mich denn überhaupt sehr glücklich fühle. Gott segne meine teure Herrschaft und erhalte ihnen ihr Glück!

 

Den 24. Sonntag nach Trinitatis

Kaum mag ich heute die Feder zur Hand nehmen, und doch muß ich unter Tränen und schweren Seufzern berichten, was sich zugetragen. Es ist mir, als sei ich in einem schweren Traum befangen; doch wenn ich mir meine arme Herrin vorstelle, das liebe, blasse, jugendliche Gesicht in der düstern Witwenhaube, dann weiß ich, daß es bittere Wahrheit ist. Der liebe Herr Pfarrer ist nach neuntägiger, schwerer Krankheit von ihr genommen, sie ist ihres irdischen Glückes beraubt und ist durch Gram und Kummer tiefgebeugt. Heute vor acht Tagen hat man ihn zu Grabe getragen. Ich vermag nicht die Tage seiner Krankheit, den bittersten Tag des Scheidens zu schildern; es liegt alles dunkel und verworren vor mir. Nur einzelnes vermag ich herauszuheben. Die Glocken tönten bang und schwer, dazwischen heulte der Sturm und trieb den Schnee zusammen. Draußen harrte eine stille, schwarz gekleidete Menge; es war die Gemeinde, welche ihrem Pfarrer das letzte Geleit geben wollte. Die Schule sang: »Was Gott tut, das ist wohlgetan«, und so ward der Sarg mit dem, der unseres Hauses Ehre war, hinweggetragen. Drinnen aber saß die junge Frau regungslos. Eine Totenblässe bedeckte ihr Angesicht, keine Träne kam über ihre Wangen. Sie deutete nur stumm auf die Brust, dort saß der Schmerz und fand keinen Ausweg. Ihr alter Vater war gekommen und die Schwestern und viele Leute aus der Stadt. Aber es war, als ob kein Trost haften wollte. Sie wehrte allen ab und begehrte nur immer allein gelassen zu werden. Nun sind alle wieder abgereist bis auf die jüngste Schwester, die einige Wochen bleiben will. An deren Brust hatte sie sich zuerst ausweinen können. Seitdem sind die Tränen reichlicher geflossen, die schönen, blauen Augen, aus denen das reinste Glück strahlte, sind trübe und verweint. Das einzige, für das sie zugänglich ist, ist Gottes Wort. Wenn wir ihr sagen, daß Gott nicht Gedanken des Leides, sondern des Friedens über sie hat, daß Er sie nicht verlassen noch versäumen wird, dann faltet sie ihre Hände und begehrt mehr zu hören. Ich habe ihr die Geschichte vom Jüngling zu Nain, von Jairi Töchterlein und Lazarus vorgelesen, sie hat gläubig nach oben gesehen und leise nachgesprochen: »So du glauben würdest, solltest du die Herrlichkeit Gottes sehen.« Meine Bibel, die mir immer teuer und wert gewesen, ist mir nun köstlicher denn Gold und feines Gold; denn der Trost, den wir uns für teures Geld nicht erkaufen können, den dürfen wir uns aus Gottes Wort, der nie versiegenden Trostquelle, allezeit umsonst holen. Es scheint wie ein helles Licht in die dunkle Nacht der Trübsal hinein und heilt die verwundeten Herzen.

 

Silvester.

Weihnachten ist vorüber, Fräulein Mathilde, die Schwester der Frau Pfarrer, ist wieder abgereist; wir sind allein. Bis jetzt haben wir dem stillen Schmerz sein Recht gelassen. Ich habe meine täglichen Pflichten getan und habe meine liebe Herrin gehütet und gepflegt, denn sie bedarf großer Schonung; der Kummer hat sie sehr angegriffen. In der letzten Stunde hat der Herr Pfarrer mich an sein Bett gerufen und mit schwacher Stimme gesagt: »Christine, versprich mir das eine, verlasse meine Frau nicht!« Da hab' ich meine Hand in die seine gelegt und unter Tränen gelobt, nicht von ihr zu weichen. Dies Versprechen will ich halten, so mir Gott hilft, bis an den Tod. Es ist ein trauriger Jahresschluß. Frau Pfarrer und ich haben viel vom sei. Herrn gesprochen, dann hat sie sich ausgeweint; ich habe sie zu Bett gebracht, und endlich ist sie eingeschlafen wie ein müdes Kind. Wie öde und still ist's im Hause! Es ist immer, als müßte ich den festen Schritt des Herrn hören. Warum, o warum mußte er so früh heimgehen? Aber »Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken«, spricht der Herr, und »was ich tue, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren!«

 

Sonntag Estomihi 1850.

Wieder ist alles still um mich her. Ich sitze im Schlafzimmer meiner lieben Frau; sie selbst liegt matt und erschöpft in ihrem Bett. Daneben steht eine Wiege, darin liegt, was Gott ihr zum Trost gesandt. Wie ein kleines Rosenknösplein schlummert es in den weißen Kissen, die Fäustchen fest ins Gesicht gedrückt. Das kleine Mädchen soll fortan der Sonnenschein sein auf dem dunklen, trüben Lebensweg der Herrin. Heute hat zuerst wieder ein Lächeln um ihren Mund gespielt, als ich ihr die Kleine aufs Bett legte und dieselbe sie mit ihren Äuglein so klug und verständig ansah, als wüßte sie alles. »Sieht sie nicht meinem Manne ähnlich?« fragte sie mich. – »Es ist der ganze Vater«, habe ich ihr geantwortet. Da kam ein sonniges Lächeln auf ihr Antlitz, aber gleich darauf nahm dasselbe wieder den wehmütigen Ausdruck an, und sie sagte unter Tränen: »Wenn er das Kindlein nur einmal an sein Herz hätte drücken können!« Ich hoffe aber doch, diese Gottesgabe wird die Frau Pfarrer ablenken von dem tiefen Schmerz. Sie hat nun eine Lebensaufgabe und wird sich derselben, soweit ich sie kenne, mit ganzem Ernst widmen.

 

Pfingsten.

So weit sind wir mit Gottes gnädiger Hilfe. Wir haben heute lange mit unserer Hanna draußen gesessen unter den blühenden Bäumen. »Weißt du, Christine, wie ich im vorigen Jahr mit meinem Mann hier saß?« Tränen erstickten ihre Stimme; ich konnte auch nur nicken und mußte selbst meine Tränen hinunterschlucken. Da jauchzte Hanna laut auf und lächelte uns lieblich an, daß wir nicht länger trauern konnten. Sie ist der Mutter Trost; möchte sie es immer bleiben! Wir sehen dies Jahr das Blühen und Wachsen im Garten mit ganz andern Augen an als im vorigen. Damals machten wir Zukunftspläne, nun wissen wir, daß wir hier keine bleibende Stätte haben, daß wir alles verlassen müssen und uns irgendwo ein kleines, bescheidenes Plätzchen suchen, das wir unser Heim nennen können. Ich sage »unser«, weil ich mich an diese kleine Familie gebunden fühle. Frau Pfarrer verkündigte mir unter Tränen, daß sie mich nicht behalten könne; ihr Witwengehalt sei so klein, daß sie auf eine Stütze verzichten müsse. Darauf ließ ich mich nicht ein. Ich sagte ihr, daß ich mit ganz wenigem zufrieden sein wollte, aber verlassen würde ich sie nicht, ich hätte es dem Herrn Pfarrer versprochen. Ich wolle alles treu zu Rate halten und ihr sparen, ja auch verdienen helfen, sei es durch Handarbeit oder sonst etwas. Die Eltern meinten zwar, ich müsse auch an mein Fortkommen denken; als ich sie aber an mein Versprechen erinnerte, das ich dem sei. Herrn gegeben, da konnten sie nichts dagegen sagen. Sie haben mir ihren Segen gegeben, und ich bleibe. Es ist beschlossen, daß wir in die Hauptstadt ziehen, eine größere Wohnung mieten und sie an Leute wieder vermieten, die wir gleichzeitig verköstigen. – Ein Schweres steht uns nun bevor. Das ist der Abschied von allem, was uns lieb und teuer ist; das Allerschwerste aber ist für die Frau Pfarrer die Trennung von dem Grabe, das sie tagtäglich besucht und welches sie mit den schönsten Rosen bepflanzt hat.

 

12. Sonntag nach Trinitatis

Der Abschied ist überstanden. Mühevolle Tage, schwere Wochen liegen hinter uns. Wir sind nach W. gezogen in die Friedrichsstraße und bewohnen dort eine mittelgroße Wohnung im zweiten Stockwerk. Es kommt uns alles eng und klein vor gegen die weiten Räume des Pfarrhauses; wie gut, daß wir dem Winter entgegen gehen. Das Einleben wird leichter sein als zur schönen Sommerzeit. Meine arme Herrin kann sich schwer zurechtfinden in dem Leben, das sie sich so ganz anders erträumt hat, als es in Wirklichkeit ist. Sie läßt mich für alles sorgen, doch denke ich, daß der Schmerz um den Heimgegangenen sich mildern wird. Gott der Herr ist ihre Zuversicht, aus Seinem Wort schöpft sie täglich Kraft, Rat und Trost. Die kleine Hanna entwickelt sich lieblich, sie ist unsere ganze Freude.

 

Ostern 1862.

Zwölf Jahre sind vergangen. Ich sitze in meinem Stübchen und wundere mich, wie ich das Tagebuch ganz vergessen konnte. Es stürmte so vieles auf uns ein, es gab besonders für mich so verschiedene Arbeit, daß ich froh war, wenn ich Sonntagsnachmittags mit Frau Pfarrer und Hanna zusammensitzen konnte. Wir sind immer noch in der alten Wohnung, die wir zuerst bezogen haben, aber in den zwölf Jahren haben wir mancherlei erlebt. Hanna ist ein stattliches, hübsches Mädchen geworden, sie lernt tüchtig in der Schule und bringt gute Zeugnisse. Die Schulvorsteherin hat meiner Herrin geraten, sie zur Lehrerin ausbilden zu lassen. Letztere ist ganz damit einverstanden; sie will gern, daß Hanna ihre Gaben zum Nutzen anderer anwendet. Ihr Kind ist ihr alles auf dieser Welt; es ist verzeihlich, wenn sie es liebt wie ihren Augapfel, nur sollte sie ein klein wenig strenger sein. Der Eigenwille ist nicht gebrochen in dem Kinde. Hanna weiß: sie kann bei ihrer Mutter alles erreichen. Bei meinen Eltern zu Hause war das Nein – Nein, und Gehorsam war die erste Pflicht. Hat Frau Pfarrerin »nein« gesagt, dann schmeichelt Hanna: »O, Mütterchen, laß mich doch!« Wenn die Mutter noch fest bleibt, so kann sie den nun folgenden Tränen des Kindes nicht widerstehen. So weiß die Kleine ihren Willen beständig durchzusetzen und darum beschleicht mich oft ein banges Gefühl wegen der Zukunft. Einmal faßte ich mir ein Herz und machte die Frau Pfarrer darauf aufmerksam. Da sagte sie: »Christine, die Erziehung eines Kindes, das keinen Vater hat, ist sehr schwer; ich muß meiner Hanna die Liebe des Vaters ersetzen.« – »Wenn der Herr Pfarrer gelebt hätte«, antwortete ich, »auf strenge Zucht würde er gehalten haben; Sie schlagen ja Hanna nie etwas ab!« Da weinte sie bitterlich und meinte, ich solle sie doch nicht quälen; sie bäte Gott täglich, daß Er ihr Kind zu einem frommen Gotteskinde machen wolle, und sie wisse gar nicht, was das Kind mir zu leide getan, daß ich so rede usw.

Nun wußte ich, daß mich meine Herrin nicht verstand, und schwieg betrübt. Frau Pfarrer ist eine liebe, demütige Christin, sie hält sich täglich an Gottes Wort und unterweist auch Hanna darin, aber sie ist eine schwache Mutter, und das ist der Schatten, der auf ihr liegt. Auch sieht sie die Welt zu rosig an und hat wenig Menschenkenntnis. Sie hält alle Menschen für gut und nimmt alles, was sie sagen, für bare Münze. Wie schwer kann sie der festen Stütze im Leben entbehren, und doch ist der Stab ihres Lebens ihr genommen! Wo ich kann, trete ich für sie ein und schütze sie; aber ich bin nur ein einfaches Mädchen, und wenn ich auch mehr Erfahrung habe als meine Herrin und etwas Weltklugheit, so nimmt sie von mir weniger Rat an, als sie es vom sei. Herrn Pfarrer getan haben würde. Im übrigen aber ist meine Frau prächtig. Ihr gutes, reines Gemüt erquickt und erfreut alle, die mit ihr verkehren; ich habe sie so lieb, daß ich für sie durchs Feuer gehen möchte. Darum wird mir auch nichts zu schwer. Wenn alle Mädchen in meiner Stellung mich aufhetzen wollen und sagen: »Ach, um so ein bißchen Gehalt plagen Sie sich? Da bekommen wir ja das Doppelte und Dreifache«, dann antworte ich ruhig: »Ich komme mit meinem Wenigen weiter als Sie mit Ihrem Dreifachen.« – An Gottes Segen ist alles gelegen. Ich meine immer, das Wunder mit den zwei Fischen und den fünf Broten wiederholt sich täglich, wenn wir nur darauf achten. Wir sind in diesen zwölf Jahren oft in Not gewesen, aber die Hilfe stellte sich immer zur rechten Zeit ein. Wir müssen auf die Frage des Herrn: »Habt ihr je Mangel gehabt?« aufrichtigen Herzens sagen: »Herr, nie keinen.« Unsere Wohnung ist immer zur rechten Zeit vermietet worden, davon hing viel ab. Mit den verschiedenen Mietern gab es freilich manche Unannehmlichkeiten, wir haben wunderliche Damen und seltsame Käuze von Männern gehabt, aber wir haben uns ganz gut mit ihnen durchgeschlagen. Die sanfte Liebenswürdigkeit und Feinheit meiner Herrin nötigte manchem Achtung ab, einige aber versuchten die Güte zu mißbrauchen. Nun – da war ich da, und meine Herrin hat mir's nachher gedankt, sonst hätten wir wohl keine Miete zu sehen gekriegt. Augenblicklich haben wir ein Fräulein in Kost und Wohnung, das sich auf das Examen vorbereitet. Sie lernt fürchterlich bis in die Nächte hinein und gebraucht unverantwortlich viel Lampenöl. Ich kann den Nutzen des langen Aufsitzens nicht einsehen. Da machten's die vorjährigen Studenten anders. Punkt acht Uhr wurde die Lampe ausgedreht, und hurtig ging's die Treppe hinunter. Das späte Nachhausekommen war allerdings auch nicht angenehm, und wenn sie nachts um zwei oder drei Uhr Einlaß begehrten, pflegte ich oft über das späte Kommen zu schelten. »Bestes Fräulein Christinchen«, hieß es dann, »es ist ja noch sehr früh; sehen Sie nur, der Tag bricht eben an!« Es waren Windbeutel; wir freuten uns, als wir sie los waren. Dies Fräulein ist die Genauigkeit selber; sie wird sich krank arbeiten, und dann haben wir die Pflege, wie mit jener alten Dame, die sich vor mehreren Jahren bei uns in Pension gab, bald danach bettlägerig war und nach einigen Monaten starb. Hanna hatte gleichzeitig die Masern. Doch wozu erzähle ich dies? Ich wollte nur andeuten, daß wir nicht auf Rosen gebettet sind; aber es ist meiner Herrin möglich, durch die Zuschüsse, welche wir durch die Pension erhalten, Hanna eine gute Schule besuchen zu lassen und nichts an ihrer Ausbildung zu versäumen. Hanna ist sehr klug, hat witzige, drollige Einfälle und kann uns alle aufheitern. Sie weiß sogar ihr Mütterchen fröhlich zu stimmen; es ist mir eine Herzensfreude, wenn ich die liebe Frau, die gewöhnlich ein gelassenes, ernstes Wesen zeigt, lachen höre, wenn ihr Gesicht, das seit dem Tode ihres Gatten tiefe Kummerfalten zeigt, sich zu einem sonnigen Ausdruck verklärt. Wer wollte ihr auch die Freude an ihrem Töchterchen nicht gönnen, habe ich doch auch Hanna lieb wie mein eigenes Kind, nur sehe ich ihre Fehler klarer und wünschte zu ihrem eigenen Besten, sie hätte schnellen, freudigen Gehorsam gelernt. Mein Vater pflegte zu sagen: »Gehorsam ist die Grundlage aller Erziehung, dem Kinde muß vor dem vollendeten zweiten Lebensjahre der Wille gebrochen werden.« Das ist bei unserer Hanna leider nicht geschehen; ich fürchte, die Selbstsucht ist in ihr genährt worden. Wenn ich denke, wie Charlottchen in dem Alter war! Aus der ist nun freilich auch ein vortreffliches Mädchen geworden, einmal hat sie uns mit den Eltern besucht, doch wohnen sie zu entfernt, als daß an ein öfteres Kommen gedacht werden könnte. Charlotte ist Lehrerin in der Nähe von Berlin. Der Frau Pfarrers Vater ist längst tot, in den ersten Jahren verlebten wir die Ferien zuweilen bei ihm. Auch meine guten Eltern sind nicht mehr am Leben, aber ihr Glaube und ihr Wandel in Christo steht mir als ein leuchtendes Vorbild vor Augen. Ihre Lehren sind fest in mein Herz geschrieben. Sie sind mir mehr wert als Geld und Gut.

Ich habe heute viel geschrieben. Das macht, Frau Pfarrer und Hanna sind den ganzen Nachmittag und Abend fortgewesen; nun werden sie bald kommen. Ich will mein Büchlein wieder an seinen verborgenen Ort legen; vielleicht vergeht wieder lange Zeit, ehe ich zum Schreiben komme.

 

Sonntag Palmarum 1868.

Hanna ist ein erwachsenes Mädchen. Schon vor zwei Jahren ist sie konfirmiert worden, und in voriger Woche hat sie ihr Examen als Lehrerin glücklich bestanden. Die Freude war groß, als sie mit gutem Zeugnis nach Hause kam. Sie umschlang ihr Mütterchen und rief: »Nun hast du eine geprüfte Tochter.« Dann umfaßte sie mich und rief: »Christine, freust du dich nicht?« Ja, wir haben uns alle gefreut; nun wurden Zukunftspläne der verschiedensten Art geschmiedet. Hanna weiß noch nicht, ob sie eine Stelle in einer Familie annehmen soll oder an einer Schule unterrichten. Wenn sie vom Fortgehen spricht, wird die Mutter traurig. Ich denke, sie wird bei uns bleiben und sich hier in der Stadt ihre Tätigkeit suchen.

 

Quasimodogeniti.

Nun hat sich etwas ereignet, das große Umwälzungen für uns nach sich zieht. Meine Herrin rief mich vor einigen Tagen und eröffnete mir, daß sie einen Brief aus H. habe, einem weit entfernten Ort. Dort werde eine junge Lehrerin gesucht, welche die Töchter der wohlhabenden Familien unterrichten solle, die Bedingungen seien vorteilhaft, der Ort ein gesegneter. Gottes Wort werde lauter und rein gelehrt, und die Gemeinde sei einem blühenden Garten Gottes zu vergleichen. So sei auch der Ort, mitten in der Heide gelegen, einer Oase gleich, in der man sich geistig und leiblich zu erfrischen vermöge. »Das«, rief die Frau Pfarrer ganz begeistert, »habe ich für mein Kind stets gewünscht: sie soll an einem Ort leben, an dem ihre Seele die rechte Nahrung findet, wo sie im Glauben wachsen und zunehmen kann und ihres irdischen Berufes treulich warten. Auch dir wird es gefallen, Christine. Wir wohnen auf dem Lande, haben ein kleines Gärtchen und behalten unsere Hanna bei uns.«

So lebendig und freudig erregt hatte ich die Frau Pfarrer noch nie gesehen. Hanna war auch Feuer und Flamme für die Sache, wie sie denn leicht für etwas Neues sich begeistern kann. Es scheint ja auch alles wie gemacht für uns, wenn Hanna nicht noch ein wenig zu jung und unerfahren für eine derartige Stelle sein und Ausdauer, Tüchtigkeit und Treue zu diesem nicht leichten Beruf zeigen wird. Heute soll die zusagende Antwort geschrieben werden an der Frau Pfarrer alte Freundin in H., welche die Sache im Namen des dortigen Geistlichen eingeleitet hat.

 

Jubilate.

Nun ist alles fertig! Wir brechen unsere Hütte hier ab und pilgern weiter, diesmal mit fröhlicherem Herzen als damals, wo ich mit der trauernden Witwe das Pfarrhaus verließ. Hanna spinnt goldene Zukunftsträume, sie ist fleißig und hilfreich, wie ich sie nie gesehen. Sie singt mit den Lerchen um die Wette und will, wie ein Vöglein, fröhlich in die weite, unbekannte Welt fliegen. Wir Alten folgen ihr gern; müssen wir doch unser Kind behüten und beschützen. Kisten und Koffer sind schon gepackt, in einigen Tagen geht es fort.

 

Pfingsten.

Wir sind glücklich in H. gelandet. Es ist, als ob man hierin der Heide frischer und freier atmen könnte, als in dem dreistöckigen Hause der großen Stadt. Als wir nach hier aufbrachen, war ein heller, schöner Frühlingstag. Die Bahnfahrt führte uns durch unbekannte Städte und Dörfer; Felder, Wiesen und Wälder flogen an uns vorüber. Erst gegen Abend langten wir an der letzten Station an, von wo wir noch 1½ Stunden mit dem Wagen zu fahren hatten. Es ging durch den weichen Heidesand, die Luft war warm und lind, und die Vöglein sangen ihr Abendlied. Große Flächen üppigen Heidekrauts gab es; schlanke Birken in lichtem Frühlingsgrün schienen uns »Willkommen« zuzunicken, während dunkle Tannen ernst daneben ihr Haupt im Abendwinde schüttelten. Mücken schwirrten, Bienen summten, es überkam uns nach dem Geräusch der großen Stadt ein nie gekanntes Gefühl der Ruhe und des Friedens. Hanna begann leise zu singen. Frau Pfarrer reichte mir die Hand und sagte: »Meine treue Christine, hier sollst du mit uns glücklich sein, Gott segne unsern Eingang!«

Als wir dem Wagen entstiegen und unser neues Heim sahen, da war der Freude kein Ende. Mitten im Grün lag das Haus, dessen Erdgeschoß wir bewohnen sollten, ein zierliches Gärtchen gehörte dazu. Die Freundin der Frau Pfarrer, oder eigentlich die Freundin ihrer Mutter, eine alte Frau Rätin, nahm uns für den ersten Tag freundlich auf, bis die Sachen gekommen und ausgepackt waren. Der Pastor des Ortes kam uns mit großem Vertrauen entgegen, er hatte viel mit Hanna zu verhandeln wegen des Unterrichts, der ihm sehr am Herzen zu liegen schien, da auch einige seiner eigenen Kinder daran teilnehmen sollten.

Als unsere Einrichtung fertig war, begann Hanna in dem großen Schulzimmer rechts den Unterricht mit ihrer kleinen Schar. Als sie mit jugendlich frischer Stimme begann: »Liebster Jesu, wir sind hier, Dich und Dein Wort anzuhören«, und die Kinder im Chor mitsangen: »Richte Sinnen und Begier auf die süßen Himmelslehren« – da übermannte es meine Herrin und mich; wir mußten beide bitterlich weinen, und Frau Pfarrer sagte unter Tränen: »Wenn das mein seliger Mann erlebt hätte!«

 

5. Sonntag nach Trinitatis

»Christine«, sagte gestern Frau Pfarrer zu mir, als wir beide im Garten das Unkraut jäteten, welches nach dem Gewitterregen arg emporgeschossen war, »freust du dich nicht, wie tüchtig sich Hanna als Lehrerin erweist?« – »Ich hätte es nicht gedacht«, erwiderte ich aufrichtig, »daß sie sich so geschickt dazu anstellen werde.« – Die Fenster des Schulzimmers waren der Hitze wegen weit geöffnet, und wir waren stille Zuhörer. Sie hält ihre kleine Schar in Ordnung, trotz ihrer Jugend, die Kinder lernen etwas und hängen mit Liebe an ihr. Täglich bringen sie ihr Blumen, es sind der Sträuße oft so viele, daß es an Töpfen und Vasen fehlt. Hanna gibt sich ihrem Beruf mit Ernst und Treue hin und ist fröhlich und guter Dinge. Die Luft, die uns umweht, muß Herz und Geist gesund machen; die Speise, welche der Seele hier gereicht wird, ist dem kräftigen Brote gleich, welches den Leib nährt und erhält. Erleuchtete Männer Gottes reden hier an heiliger Stätte und wirken durch ihre Predigten, die nicht nur Sonntags, sondern auch in Wochengottesdiensten der Gemeinde geboten werden. In einer solchen Gemeinde lebt sich's gut. Das denken manche Familien, die keinen Beruf haben, der sie an einem bestimmten Ort festhält. Sie siedeln sich hier an und suchen sich eine Liebestätigkeit im Reiche Gottes. Auch einzelne Fremde, welche der Erfrischung und Stärkung bedürfen, halten sich hier zeitweilig auf und erfreuen sich an den schönen Gottesdiensten. »Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth!« möchte ich oft ausrufen, wenn wir im Hause des Herrn sitzen zu Jesu Füßen und Seiner Rede zuhören dürfen. Hanna scheint auch ergriffen vom Heil in Christo. Ich sehe sie öfter denn sonst in ihrer Bibel lesen und sinnend über das Gelesene nachdenken. Frau Pfarrer lebt auf, seit wir hier sind; ihre Augen leuchten, wenn sie ihr Töchterlein ansieht; sie sagt, sie sei glücklich, Hanna hier vor den Versuchungen der Welt geborgen zu wissen. Wir sind fröhlicher als sonst miteinander und fühlen uns so frei ohne die Mieter, die immer kamen und unser Haus so unruhig machten.

 

6. Sonntag nach Trinitatis.

Nun blühen die Rosen. Unser Verdienst ist es nicht, daß unser Garten die schönsten aufweist; der frühere Besitzer hat sie gepflanzt. Hanna hat sich eine dunkelrote Rose ins schwarze Haar gesteckt, das sieht gut aus. Sie ist schlank und zierlich gewachsen, die blauen Augen gucken fröhlich in die Welt. Eben ist Besuch gekommen; da ich nicht entbehrt werde, bin ich hinauf in mein Giebelstübchen gegangen, um zu schreiben. Ein Fräulein Behrens hat sich an uns herangemacht; nun ist es ihr gelungen, mit Frau Pfarrer in Verkehr zu treten. Sie scheint etwas neugierig zu sein; denn schon am ersten Tage unseres Hierseins redete sie mich an und fragte mich nach allem Möglichen aus. Ich war etwas kurz angebunden, denn ich liebe es nicht, über meine Herrschaft ausgefragt zu werden. Mein sei. Vater sagte: Es gehöre mit zur Treue, nicht aus dem Hause zu sprechen. Fräulein Behrens ist besonders liebenswürdig mit Hanna; sie hat ihr angeboten, vierhändig mit ihr zu spielen, jetzt soll über die Stunde beraten werden. Wenn sie Hanna nur nicht eitel macht! Sie lobt ihre schönen Haare, ihre feine Gesichtsfarbe, ihren schlanken Wuchs, und Hanna sieht sehr selbstgefällig dazu aus.

 

7. Sonntag nach Trinitatis.

Es tut mir fast leid, Übles über Fräulein Behrens gesagt zu haben. Sie läßt sich Hannas Klavierspiel sehr angelegen sein; letztere muß zweimal in der Woche eine Stunde bei ihr spielen und wird gewiß noch große Fortschritte machen, da sie fleißig übt und auch selbst zwei kleine Klavierspielerinnen hat. Ihre Schule ist prächtig im Gange. In dieser Woche ist der Herr Pfarrer einmal gekommen und hat zugehört. Er hat sich über die Leistungen der Kinder zufrieden ausgesprochen. Meine liebe Frau Pfarrer schloß Hanna in ihre Arme, als der Geistliche fort war, und sagte: »Mein liebes Kind, wie glücklich bin ich durch dich, bleibe, wie jetzt, deiner Mutter Trost und Freude!«

Es ist eine Zeit der Erquickung nach allen mühseligen, kummervollen Jahren; unser Heim ist eine Stätte des Friedens, wie auch der Ort, an dem wir wohnen. Wenn ich in meinem Giebelstübchen sitze und schaue auf das goldene Kreuz des Kirchturms, das im Abendsonnenschein funkelt, dann bete ich leise: »Ach bleib' mit Deinem Segen bei uns, Du reicher Herr, Dein Gnad' und all' Vermögen in uns reichlich vermehr'!«

 

8. Sonntag nach Trinitatis.

Heute hörten wir eine eindringliche Predigt über Röm. 8, 13: »Denn wo ihr nach dem Fleische lebet, so werdet ihr sterben müssen; so ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschäfte tötet, so werdet ihr leben.« Ich saß weit hinten im Gotteshause, nahe der Tür, da bemerkte ich einen Fremden, den ich sonst nie gesehen. Er schien ergriffen von der Predigt; denn er fuhr sich einigemale über die Augen und saß dann da, den Kopf auf die Hand gestützt, ernst vor sich hinblickend. Beim Hinausgehen sah ich ihn wieder. Er war elegant gekleidet und schien dem vornehmen Stande anzugehören. Es kommen oft Fremde an diesen Ort; warum mußte mir dieser besonders auffallen? Frau Pfarrer hatte ihn auch bemerkt, und als wir von ihm sprachen, rief Hanna dazwischen: »Den habe ich am vorigen Sonntag schon gesehen, er muß hier bleibenden Aufenthalt genommen haben.«

 

9. Sonntag nach Trinitatis.

»Mutter, ich weiß, wer der fremde Herr ist«, rief Hanna am Mittwoch, als sie aus der Klavierstunde kam. »Fräulein Behrens hat mir alles gesagt. Es ist ein reicher, junger Holländer aus vornehmer Familie. Er ist krank gewesen und soll sich hier erholen. Er soll sehr vermögend sein, dabei sehr klug und fromm.« – »Kind«, sagte die Pfarrerin ruhig, »der Fremde interessiert mich wenig, wir kommen ja nicht weiter in Berührung mit ihm.« Mich aber erfaßte plötzlich eine bange Ahnung; ich habe das Gefühl, als ob die Ruhe unseres Hauses bedroht sei. Es ist wohl töricht, denn bis jetzt ist kein Grund vorhanden. – Für morgen ist ein Schulspaziergang geplant. Wir wollen mit den Kindern gleich nach Tisch ins Holz gehen, einige Eltern und erwachsene Geschwister schließen sich an. Ich soll Kaffee kochen, und jedes Kind bringt sich sein Butterbrot mit.

 

10. Sonntag nach Trinitatis.

Es war ein fröhlicher Nachmittag im Holz. Es wurden verschiedene Spiele gespielt, Hanna leitete alles mit sicherer Hand. Sie hat alle Talente, die für eine Schulvorsteherin erforderlich sind; es ist zu bewundern, mit welcher Sicherheit und Selbständigkeit das junge Mädchen auftritt.

Als Hanna mit den Kindern Kreisspiele machte, bemerkte ich zwei Herren, die langsam durch den Wald kamen und sich dem freien Platz näherten. Der Jubel der Kinder mochte sie aufmerksam gemacht haben, sie blieben stehen und sahen dem Spiele zu. Der eine war der Lehrer des Ortes, der andere der schon erwähnte Fremde. »O Monsieur de Pierre«, rief Fräulein Behrens, die natürlich auch mit beim Spielen war. Sie ging auf die Herren zu, mit denen sie sehr bekannt tat, und veranlaßte sie, näher zu kommen. Die Kinder sangen gerade: »Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her« – und Hanna, die wohl die Augen auf die sich nahenden Herren gerichtet hatte, wurde der Gänsedieb. Beim schnellen Herumdrehen glitt ihr das hellblaue Umschlagtuch von der Schulter. Ehe sie sich bücken konnte, war schon der Fremde herbeigeeilt, faßte das Tuch mit seiner Hand und überreichte es Hanna mit höflicher Verbeugung. Hanna wurde rot vor Verlegenheit, da trat Fräulein Behrens lächelnd heran und sagte: »Ich darf wohl die Vorstellung übernehmen: Monsieur de Pierre, mein Klavierschüler, und Fräulein Hanna Lenz, meine Klavierschülerin.« – »Ah, da haben wir dieselbe Lehrerin«, versetzte der Ausländer in reinem Deutsch; »es kommt nun darauf an, wer sich der größeren Zufriedenheit des Fräuleins zu erfreuen hat.« – »Jedenfalls Fräulein Hanna bis jetzt«, sagte Fräulein Behrens offenherzig, »Sie sind ja erst Anfänger.« – Der Herr verbeugte sich wieder und bat Fräulein Behrens, ihn mit der übrigen Gesellschaft bekannt zu machen. Während das kleine Fräulein ihn den älteren Damen vorstellte, verlangten die Kinder stürmisch, weiter zu spielen. Doch schien es mir, als ob bei Hanna die Teilnahme entschwunden wäre; sie schaute immer wieder nach dem Fremden, und wenn er sich umdrehte und dem Spiel zusah, errötete sie ein über das andere Mal. Ich habe diesen »Monsieur« vorigen Montag zum erstenmal in der Nähe gesehen, aber er hat etwas in seinem Gesicht, was mir nicht gefällt. Er ist in dieser Woche etlichemal an unserm Garten vorübergegangen und hat jedesmal sehr höflich und sehr angelegentlich gegrüßt.

 

11. Sonntag nach Trinitatis.

Hannas drittes Wort ist jetzt immer: »Monsieur de Pierre.« Am Freitag kam sie sehr belebt aus der Klavierstunde und erzählte, daß der »Monsieur« von nun an gleich nach ihr Stunde habe. Er sei schon die Treppe heraufgekommen, als sie gegangen. Der Frau Pfarrer schien es nicht ganz recht zu sein; und als Hanna weiter berichtete, daß Fräulein Behrens von einem vierhändigen Stück gesprochen, welches sie zusammen einüben sollten, da sagte ihre Mutter bestimmter, als es sonst ihre Art war: »Das unterbleibt, ich werde mit Fräulein Behrens sprechen.« Hanna erwiderte schmollend, warum nur die Mutter so sonderbar sei; es sei doch ein feiner Herr mit schicklichem Benehmen usw. Ich aber, die ich das Gespräch durch die Tür mit angehört hatte, mußte unwillkürlich die Hände zusammenschlagen und innerlich seufzen: O meine gute Frau Pfarrer, es wird sich doch hier nichts anspinnen! Ein so gesegneter Ort und dann eine Liebesgeschichte? Aber die Welt trägt ein jeder im Herzen, die Versuchungen werden auch hier nicht ausbleiben. Gerade an einem Ort, wo Gottes Brünnlein Wassers die Fülle hat, wo Sein Wort und Sakrament lauter und rein verkündigt und verwaltet wird, da geht der Teufel umher und sucht, wen er verschlinge. Wir müssen doppelt wachsam sein und beten, daß der böse Feind keine Macht an uns finde.

 

12. Sonntag nach Trinitatis.

Ich konnte nicht anders, ich habe der Frau Pfarrer meine Meinung gesagt. Sie hat großes Vertrauen zu mir; muß ich da nicht, wenn ich ihr Kind in Gefahr sehe, sie warnen? Hanna läßt sich, ich muß es mit Schmerzen sagen, betören. Am Mittwoch, es war gerade Singstunde, sehe ich diesen Menschen am Küchenfenster vorübereilen, um das Haus herumgehen und vorn stillstehen und lauschen. Ich trat in die offene Haustür, legte die Hand über die Stirn und sagte: »Um Verzeihung, wünschen Sie etwas?« Er machte ein belustigtes Gesicht und wollte eben antworten – da wird die Schulstubentür aufgerissen und die ganze Kinderschar stürmte davon. Hanna rief lachend: »Langsam und ordentlich!« Aber zum erstenmal schien es, als ob der gewohnte Respekt fehle. Die Kinder haben ein feines Gespür, sie merken sofort, wenn der Ernst fehlt. Hanna war nicht in der rechten Verfassung. Eine Lehrerin, auf welche die Kinder sehen, muß sich, meiner Meinung nach, doppelt in Zucht nehmen. – »O Monsieur«, riefen einige der Dreisteren, »Sie haben uns singen hören, wir haben Sie gesehen.« – Bald war die kleine Schar verschwunden und Hanna trat ans offene Fenster, während Monsieur seinen Hut zog und sich ihr näherte. »Ein köstliches Lied, was Sie da singen ließen, Fräulein. Darf ich mir die Noten ausbitten und den Text? Ich singe so gern.« Hanna holte das Liederbuch, und es entspann sich ein Gespräch. Frau Pfarrer saß arglos im Hinterstübchen und nähte. Ich ging erregt zu ihr und hielt ihr das unpassende Benehmen Hannas vor. Sie sah hilflos zu mir auf, als wüßte sie nicht, was dabei zu machen sei. Da steckte Hanna lächelnd den Kopf zur Tür herein und rief: »Mütterchen, Monsieur de Pierre ist im vorderen Zimmer, er möchte dir seinen Besuch machen.« Ich ging brummend in die Küche und Frau Pfarrer ins beste Zimmer, um sich auch betören zu lassen. Als der Besuch gegangen war, kam sie zu mir und sagte: »Christine, sage mir nichts gegen diesen Herrn, er ist ein prächtiger Mensch. Er hat viel Gemüt und scheint tief religiös zu sein. Das kirchliche Leben hier macht ihm großen Eindruck, hat er mir gesagt. Er gedenkt länger hier zu bleiben.« – »Darf ich fragen, welchen Beruf der Herr hat?« – »Er sprach von einer Anstellung an der Post.« – »Und hat so lange Urlaub?« – »Er ist krank gewesen und soll sich hier erholen.« – Ich schwieg. – »Christine, dir ist etwas nicht recht?« – »In diesem Punkt stimmen wir nicht überein, Frau Pfarrer. Ich kann mich ja irren, aber ich finde gar keinen Geschmack an diesem Monsieur, und wenn er sich hierher gewöhnt, wird Hanna törichte Gedanken bekommen, die Schule wird darunter leiden und Sie werden's sehen, wir werden rechtes Elend dadurch ins Haus bekommen.« Frau Pfarrer sah mich erschrocken an; jetzt schien ihr erst der Gedanke zu kommen, welche Folgen der Besuch haben könnte. Darauf sagte sie ernst: »Unser Kind denkt an so etwas nicht, Christine, und der reiche, vornehme Herr erst recht nicht. Aber wenn er hier einen Besuch macht, kann ich ihm doch die Tür nicht weisen.« Mit diesen Worten ging sie in die Stube, und ich folgte ihr. Hanna saß am Klavier und spielte und sang. Es scheint, als ob Singen und Spielen jetzt ihr Hauptberuf sei. Ich sage mir oft, ich bin ein grämliches, altes Mädchen von 55 Jahren und sehe das Leben in der Welt viel zu düster an; Frau Pfarrer denkt gewiß, ich gönne der Hanna kein Vergnügen. Es ist aber nur meine große Liebe zu dem Kinde, die mich besorgt macht, ich möchte sie bewahren, daß ihre Seele keinen Schaden nimmt.

 

13. Sonntag nach Trinitatis.

Ja, daß ihre Seele keinen Schaden nimmt, darum bitte ich alle Tage. Als unser Kind klein war und einmal dem Feuer zu nahe kam, wie schnell griff ich nach ihr und entriß sie der Gefahr. Und als sie einmal Vergißmeinnicht pflückte am Rande eines tiefen Grabens und dabei ausglitt und ins Wasser fiel, wie eilte ich, sie herauszuziehen. So möchte ich auch jetzt meine Arme nach ihr ausstrecken, um sie aus einer großen Gefahr zu retten; denn in meinen Augen ist es eine Gefahr, wenn sie arglos einem Manne Vertrauen schenkt, der es vielleicht nicht wert ist. Man munkelt allerlei. Einige sagen, der Vater des jungen Mannes habe denselben hierher gesandt, damit er von seinem Leichtsinn geheilt werde; ein anderer sagt, er sei aus eigenem Antrieb gekommen; darin sind aber alle einig, daß ein gewisses Dunkel ihn einhüllt. Volles Vertrauen wird ihm nicht entgegengebracht. Nur meine liebe, gute Frau mit ihrem arglosen, reinen Gemüt läßt sich ganz von ihm einnehmen. Er hat eine liebenswürdige einschmeichelnde Art, ist aufmerksam und gefällig und findet im Vorübergehen immer Gelegenheit, einige angenehme Worte zu sagen, sucht auch oft einen Grund, um einzutreten, und macht dann so viel Spaß, daß ich mein brummiges Gesicht, das ich seinetwegen aufgesetzt, zu einem Lachen verziehen muß. Unterhaltend ist Monsieur, das muß ihm sein Feind lassen, er weiß jeder Sache etwas Eigenartiges abzugewinnen.

 

14. Sonntag nach Trinitatis.

Als ich am vorigen Sonntag beim Schreiben war, klopfte es. Das ist etwas so Außergewöhnliches, daß ich erschrocken auffuhr. Die Tür öffnete sich und vor mir stand die alte Freundin meiner Frau, dieselbe, durch welche wir hierher gekommen. Ich habe diese alte Dame erst wenig erwähnt; sie kommt selten zu uns, da ihr das Gehen schwer fällt. Um so mehr wunderte ich mich, daß sie die steile Treppe erstiegen hatte. Sie setzte sich und holte tief Atem. Dann sah sie sich im Stübchen um und fragte: »Also hier verbringt Fräulein Christine ihre freie Zeit? Was schreiben Sie denn da?« Ich wurde verlegen und legte errötend die Schreiberei beiseite. Sie fragte nicht weiter, sondern freute sich über die schöne Aussicht aus dem Fenster und sprach freundlich mit mir von diesem und jenem. Ich merkte ihr jedoch an, daß sie noch etwas Besonderes auf dem Herzen hatte. Plötzlich sagte sie: »Unten gefällt mir's nicht, Christinchen. Wollte der lieben Frau Pfarrer eine Freude mit meinem Besuch machen und finde diesen ›Monsieur‹, der den Angenehmen bei den Damen spielt. Eben jetzt ist er im Garten vor dem Hause mit ihnen im besten Gespräch. Sie haben mich nicht bemerkt, und da ich Sie nicht unten fand, bin ich heraufgekommen, um mit Ihnen einige Worte im Vertrauen zu sprechen. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß man hier im Ort schon den Namen dieses Herrn mit dem Hannas zusammen ausspricht; es sollte mir des Kindes wegen leid tun, wenn ein Gerede entstünde. Eines jungen Mädchens Ruf ist durch den leisesten Hauch befleckt, und hier kommt noch dazu, daß sie als Lehrerin sich nicht den geringsten Makel in dieser Beziehung darf zuschulden kommen lassen. Sagen Sie, kommt der junge Herr öfter zu Ihnen?« Ich sagte, ich müsse der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß er in letzter Zeit seine Besuche häufiger wiederholt habe, daß die gute Frau Pfarrer leider in dieser Sache nicht klar sehe, auch wohl Hanna gegenüber etwas schwach sei. Ich bat die alte Frau Rätin, als Freundin einmal mit meiner Frau im Vertrauen über diese Angelegenheit zu sprechen. Schon am Montag, während Hanna in der Schule war, ist dies geschehen. Frau Pfarrer hat geweint, Hanna aber erzählte mir freudestrahlend: Tante Rätin wünsche, daß sie mit der Mutter in den Herbstferien eine kleine Reise mache, sie habe Reisegeld geschenkt, und so wollten sie Onkel und Tante in K. besuchen. Charlotte käme auch nach Hause. Zu mir aber sagte die alte Rätin, als ich ihr die Zeitung brachte: »Christine, nun geht's auf die Reise, und wenn sie wiederkommen, ist das Feld geräumt; ich hörte heute, Monsieur wolle nächstens unsern Ort verlassen.« – Ich möchte jubeln, so glücklich bin ich, Hanna wird neue Eindrücke empfangen, und wenn sie wiederkommen, wird es sein, als ob alles ein böser Traum gewesen.

 

16. Sonntag nach Trinitatis.

Seit acht Tagen bin ich allein. Mir ist die Zeit im Fluge vergangen. Es gab im Garten allerlei zu tun, morgen will ich mit dem Reinigen des Hauses beginnen, damit die Heimkehrenden am Sonnabend alles blank finden. Monsieur hat sich gar nicht blicken lassen; es heißt, er habe H. verlassen, hoffentlich auf Nimmerwiedersehen. So wird Hanna sich der törichten Gedanken entschlagen und ihres Berufes, wie früher, mit Ernst warten.

 

17. Sonntag nach Trinitatis.

Nachdem ich gestern frische Blumen in die Vasen gesteckt und den Kaffeetisch gedeckt hatte, ging ich um 4 Uhr nach dem Posthof, um die lieben Reisenden abzuholen. Während ich vor dem Postgebäude warte, sehe ich am Fenster des Wartezimmers einen Herrn stehen. Es war der unvermeidliche Monsieur. Mein Schreck und Ärger war groß; ich sandte wütende Blicke nach dem Fenster hinauf. Was hatte er hier zu suchen? Wollte er dem jungen Herzen aufs neue Unruhe machen? Wie konnte er es wagen, sie öffentlich von der Post abzuholen? Diesmal hatte ich mich getäuscht. Die von hier abgehende Post fuhr vor. Monsieur trat in Begleitung eines andern Herrn heraus und bestieg, eine Reisedecke über dem Arm, einen kleinen Koffer in der Hand, die Post. Ich hörte ihn zu dem Herrn sagen, daß ein heute angekommener Brief ihn nötige, augenblicklich abzureisen. Der Postillion blies, die Post mit Inhalt rollte davon, während die ankommende von der entgegengesetzten Seite in den Posthof einfuhr. Ich faltete unwillkürlich meine Hände und seufzte aus tiefstem Herzensgrund: »Gott sei Lob und Dank!« Da rief eine fröhliche Stimme aus dem Wagen: »Mütterchen sieh, was unsere Christine für ein strahlendes Gesicht macht!« Ja, das strahlende Gesicht mochte wohl der Ausdruck der inneren Empfindung sein, denn in mir strahlte alles. Ich war glücklich, daß ich meine Frau und Hanna wieder hatte, und noch glücklicher, daß der Monsieur, der nicht hierher gehört, unserm Gesichtskreis entrückt war. Mir erschien auf einmal alles in verklärtem Licht. Die Herbstsonne warf ihre goldenen Strahlen im Scheiden auf die buntgefärbten Blätter der Gärten, hier und da blühten noch vereinzelte Rosen, dagegen gab es Astern und Georginen in Fülle. Wir schritten schnell unserm Hause zu. Hanna erzählte von allem Erlebten; auch Frau Pfarrer rühmte, wie erfrischend und herzstärkend die Reise gewesen. Hanna war ganz voll von Charlotte, die, auch Lehrerin, sich sehr für die Schule interessiert hatte. Hanna beschäftigte sich den ganzen Abend mit ihrem Studium und mit Verbesserung des Lehrplanes. Von Monsieur de Pierre war nicht mehr die Rede.

 

18. Sonntag nach Trinitatis

Alles ist wieder im alten Geleise. Die Kinder lernen fleißig, und Hanna ist wieder mit Eifer bei der Sache. Frau Pfarrer und ich haben hinreichend im Garten und Haus zu tun. So leben wir alle der Pflicht, halten unsere Abend- und Morgenandacht, nehmen an den schönen Gottesdiensten teil und führen, wie fast alle Einwohner hier, äußerlich ein christliches Leben. Gott helfe uns, daß wir auch innerlich mehr und mehr zu ernsten Christen heranreifen! Die äußere Gewohnheit tut's nicht; der Ort, an dem wir leben, tut's auch nicht, und sei er ein reichgesegneter. Nur wenn unser Herz Jesum ergreift als seinen Erlöser und Seligmacher, dann löst es sich innerlich von der Welt und ihrem Treiben, dann wird das »Ich« in uns gekreuzigt, wir sehen nichts denn Jesum allein. Dann ist unser Herz der gesegnete Ort, ein Tempel Gottes. Das schenke uns, du treuer Gott, aus Gnaden! Mache auch das Herz unserer Hanna, das noch wie ein schwankendes Rohr im Winde hin und her getrieben wird, fest; denn »es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade«.

 

22. Sonntag nach Trinitatis.

Es ist ein eigen Ding, welch verschiedenen Einfluß die Freunde auf den Menschen ausüben. Mir fällt es besonders bei meiner lieben Frau und bei Hanna auf. Frau Pfarrer ist kein selbständiger Charakter, sie bedarf einer sichern Hand, die sie leitet. Ich wollte, sie könnte mit der alten Frau Rätin zusammenwohnen. Deren Einfluß ist wie der eines guten Engels, während Fräulein Behrens zerstört, was die alte Dame aufbaut. Die letztere ist eine Neuigkeitskrämerin; sie geht gerne hin und her in den Häusern und sammelt Stoff, den sie verarbeiten kann. Es geschieht äußerlich ganz in ehrbarer Weise; sie würde empört sein, wenn man sie nicht für eine gute Christin halten würde, und doch ist oft in ihren Reden ein verborgenes Gift. Mir scheint ihr Umgang für junge Mädchen wie unsere Hanna gefährlich. Hanna schließt sich mehr an sie an als gut ist. Sie hat zweimal in der Woche Klavierstunden bei ihr; aber schon diese beiden Stunden hatten im Sommer genügt, die Bekanntschaft mit Monsieur weiter gehen zu lassen, als statthaft war. Nun ist er fort, es stehen keine Begegnungen dort zu befürchten; aber – das Schwatzen über ihn kann ebenso schaden, mir kommen immer wieder sorgende Gedanken. Fräulein Behrens war kürzlich abends zum Tee bei uns. Als sie ging, flüsterte sie Hanna etwas zu. Diese wurde rot und sagte: »Monsieur?« Darauf nickte das Fräulein, lachte und verschwand. Steht sie etwa noch brieflich mit ihm im Zusammenhang? Ich will nicht weiter darüber grübeln, sondern lieber an die prächtige Frau Rätin denken, die ich seit jenem Tage, als sie in meinem Stübchen erschien und dann so energisch bei uns eingriff, doppelt liebe und verehre. Vor ihrem lauteren Wesen muß sich jede Lüge und Unwahrheit verstecken. Sie ist vermögend, wendet aber ihren Reichtum zur Ehre Gottes an und ist die Wohltäterin der Armen.

Ich habe hier auch Freunde gewonnen, die ich erwähnen muß; es ist der Hausbesitzer und seine Frau, alte Leute, welche den obern Stock unseres Hauses bewohnen. Sie hatten früher ein Geschäft wie meine Eltern, haben sich aber jetzt zur Ruhe gesetzt und leben von ihren Zinsen. Sie sind beide fromm und gottesfürchtig und wandeln in Gottes Geboten. So ist es nicht zu verwundern, daß sie mich oft an meine Eltern erinnern und ich deshalb gern mitunter ein Stündchen mit ihnen verplaudere. Eben noch war ich bei ihnen. Da saßen die Alten in Festtagskleidern und lasen in der Bibel. Sie hatten das Hl. Abendmahl mitgefeiert, auf ihren Angesichtern lag ein himmlischer Friede. Wie traulich und schön war es bei ihnen! Der Alte saß so gerade und steif auf seinem Stuhl wie ein Jüngling. Als ich fragte, warum er sich nicht ein wenig anlehne, rief das Mütterchen: »Das tut er nie, wenn er den Festrock an hat; er denkt, der Rücken könnte schäbig werden.« – »Und sie«, fuhr der Alte fort, »macht es gerade so, wenn sie die Festtagshaube aufhat.«

Sie haben ein warmes Herz für meine Herrin und Hanna, können nicht oft genug hören, wenn ich ihnen von dem reinen Glück der Frau Pfarrer erzähle, und wie dasselbe so schnell zerstört wurde. Sie finden es ganz begreiflich, daß ich die Frau nicht verlassen habe, wenn ich auch nur Geringes für meine Leistungen bekomme. Aber ich habe ja mein kleines, elterliches Erbteil dazu und bedarf nicht mehr. Wie könnte ich je mein Versprechen, das ich dem sei. Herrn gegeben, brechen? Gott helfe nur, daß ich treu und immer treuer werde.

 

Der 2. Advent.

Nun läuten die Adventsglocken uns Frieden und Freude ins Herz hinein. Die selige, fröhliche Weihnachtszeit ist wieder da, wo jedermann singt: »Macht hoch die Tür, die Tor' macht weit!« Aus allen Häusern ertönen Advents- und Weihnachtslieder. Auch wir singen fleißig, Hanna übt mit den Kindern Gesänge ein. Frau Rätin hat uns auf heute Abend eingeladen; wir wollen Rosen und Lilien machen für die großen Christbäume, die am heil. Abend in der Kirche angezündet werden. Eben ruft meine Herrin, daß wir gehen wollen. Ich habe mich noch nie so auf Weihnachten gefreut, wie in diesem Jahr. Gott reinige unsere Herzen und mache sie bereit, daß der König der Ehren einziehen kann!

 

Am Heiligen Abend.

Heute morgen gab es noch viel zu schaffen. Auch Frau Pfarrer und Hanna waren sehr emsig, da sie gestern abend erst spät heimkehrten von Fräulein Behrens, welche sie zum Tee eingeladen hatte. Mutter und Tochter redeten viel leise zusammen, was mir nicht auffiel, da es zu Weihnachten immer Heimlichkeiten gibt. Ich habe auch welche. Für Frau Pfarrer habe ich ein Paar feine Strümpfe gestrickt, für Hanna habe ich weiße Leinwandkragen genäht, die sie sich gewünscht. Um 5 Uhr, als die Glocken uns zur Abendandacht ins Gotteshaus riefen, war alle Arbeit getan, und in Scharen zog die andächtige Gemeinde in die hell erleuchtete Kirche, um an heiliger Stätte das Weihnachtsevangelium zu vernehmen. Zwei riesengroße Christbäume zu jeder Seite des Altars, mit Rosen, Lilien und goldenen Früchten geschmückt, strahlten mit ihren vielen Lichtern im Weihnachtsglanz. Wir sangen: »Das ew'ge Licht geht da herein, gibt der Welt ein'n neuen Schein, es leucht't wohl mitten in der Nacht, und uns des Lichtes Kinder macht.« Und die Predigt tönte an unser Herz, daß wir die Werke der Finsternis meiden sollten und Kinder des Lichtes werden. Dann sangen die Kinder vom Chor wie mit Engelsstimmen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her.« Es war mir wie ein Vorgeschmack des Himmels, ich hätte immer bleiben mögen an dem Ort, da Gottes Ehre wohnet, da Sein Lob ertönt; ich mochte gar nicht hinaus in die Welt der Unruhe. Und hätte ich gewußt, was meiner wartete, ich hätte wohl um besondere Kraft gebeten, es zu tragen. Jetzt ist Mitternacht vorüber und der erste, heilige Feiertag schon angebrochen; doch ich vermag nicht, mich zu Bett zu legen, ich glaube, es wird mehr Ruhe über mich kommen, wenn ich alles geschrieben habe. Nachdem wir aus der Kirche zurück waren, merkte ich, daß Frau Pfarrer und Hanna sehr aufgeregt waren. Sie mußten etwas Besonderes haben. Die Bescherung war fertig im besten Zimmer, es mußte nur noch der Baum angezündet werden. Anstatt nun dies vorzunehmen, sagte Frau Pfarrer: »Christine, wir wollen erst um 8 Uhr bescheren. Du kannst ein Stündchen zu deinen Freunden nach oben gehen. Wir rufen dich, wenn es so weit ist.« Unsere alten Wirtsleute hatten mich aufgefordert, am Weihnachtsabend ein Stündchen zu ihnen zu kommen, wenn es unten paßte. Obwohl mir die Verzögerung der Bescherung auffiel, so grübelte ich doch nicht weiter und ging. Es war lieblich und traulich bei den Alten im Weihnachtsstübchen. Wir sangen miteinander Weihnachtslieder, aber zwischendurch horchte ich immer, ob Frau Pfarrer mich nicht rief. Da sah mich der alte Mann so seltsam an und sagte: »Sollte dort unten wohl etwas vorgehen? Der Ausländer ist wieder da. Ich sah ihn gestern Abend in das Haus des Fräulein Behrens gehen.« Ich weiß nicht, wie mir geschah; es war, als ob mir das Herz still stehen wollte, ich saß wie versteinert da.

»Aber Christinchen, wie sehen Sie denn aus?« rief die Alte. »Sie werden ja kreideweiß, nehmen Sie sich's doch nicht so zu Herzen! Es wäre doch kein Unglück, wenn das junge Fräulein freite, und noch dazu einen so schmucken, jungen Herrn, der sehr vermögend sein soll.« – »Aber er wird sie nicht glücklich machen, das sagt mir eine innere Stimme«, rief ich erregt. »Und es darf nicht –« Da rief es: »Christine, Christine!« Ich flog mehr hinunter als ich ging. Kaum war ich im Vorzimmer, da kommt Hanna gelaufen, fällt mir um den Hals und ruft unter Lachen und Weinen: »Liebste Christine, hast du schon eine Braut gesehen? Sieh mich nur an, ich bin eine! O so viel Glück auf einmal, ich kann's nicht fassen. Denke dir, der gute Monsieur de Pierre will mich armes Mädchen zu seiner Frau machen, dieser reiche, hübsche, vornehme, kluge und fromme Mann! Aber Christine, du sagst ja gar nichts, freust du dich denn nicht mit uns? Es ist alles so schnell gekommen, und gerade am Weihnachtsabend; nun sollst du auch kommen und meinen lieben Bräutigam sehen und zugleich deine Bescherung in Empfang nehmen. Komm doch und sieh nicht so sauer drein! Mama und ich sind beide so glücklich, und Gustav ist so gut.« – Mit diesen Worten zog sie mich in die Stube, die im hellen Weihnachtsglanz strahlte. Da konnte ich denn die größte Überraschung sehen: Monsieur, wie er leibte und lebte, als Bräutigam unserer Hanna. Wie ich aussah, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß er Hanna umfaßte, mit ihr auf mich zukam und sagte: »Fräulein Christine, Sie stehen da wie eine Leichenbitterin, machen Sie doch ein freundlicheres Gesicht und wünschen Sie uns Glück.«

Ich überwand mich, reichte beiden die Hand und sagte, daß ich Gott bitten wolle, sie für Zeit und Ewigkeit zu segnen. Dann ging ich auf Frau Pfarrer zu, welche glücklich und bewegt dreinschaute. »Christine«, sagte sie, »du hast das schwere Leid, das über mich kam, mit mir getragen, nun sollst du auch die glücklichen Zeiten mit uns durchleben.« – »Wenn Sie glücklich sind, Frau Pfarrer, will ich's auch sein, Gott segne unser Kind!« Dann nahm ich meine Geschenke in Empfang, dankte und ging in die Küche. Ich trug das Abendbrot auf, verrichtete meine Obliegenheiten, aber alles wie im Traum; ich konnte mich nicht zurechtfinden. War dies der Heilige Abend? Ich hörte Fräulein Behrens kommen, es wurde gelacht und gejubelt; ich konnte keine Freude daran finden, ich hatte das Gefühl, als ob der Heiland nicht nahe sei. Die schöne Feier in der Kirche war mir wie ein längst vergangener Traum. Ich muß immer wieder denken: wie konnte sich dies alles vollziehen, und ohne daß ich das Geringste merkte? Morgen werde ich wohl alles erfahren. Was wird Frau Rätin sagen!

 

Am ersten Feiertag.

Frau Pfarrer war heute früh auf. Sie sagte, ich habe das Recht, in ihr Vertrauen gezogen zu werden, da ich ihr jahrelang Treue bewiesen und Hanna mit auferzogen habe. Es sei ihr die Verlobung sehr schnell über den Kopf gekommen, Fräulein Behrens habe sie vorgestern zum Tee geladen; da sei ein Brief von Monsieur dagewesen, in dem er um die Hand ihrer Tochter angehalten habe. Sie sei entschieden dagegen gewesen, da Hanna noch jung und unerfahren sei und sie Monsieur nicht genug kenne, um die Bürgschaft zu haben, daß er ihr Kind glücklich machen würde. Da habe aber Hanna entschieden erklärt, sie liebe ihn und wolle ihn und keinen andern; und als sie, die Mutter, noch gezögert, habe auch Fräulein Behrens sie überstimmt, daß sie nicht anders gekonnt, als »ja« zu sagen. Sie wolle aber noch zum Herrn Pfarrer gehen und ihn um Rat fragen. Ich wandte bescheiden ein, daß es nun, da die Sache entschieden sei, zu spät sein werde, und fragte, ob Frau Rätin davon wisse. Frau Pfarrer wurde verlegen und meinte, sie wolle es ihr heute mitteilen. Sonst solle die Verlobung erst auf Neujahr veröffentlicht werden, Monsieur und Hanna würden sich nicht eher zusammen zeigen, bis der Vormund seine Zustimmung gegeben und die Anzeigen gedruckt seien. Als wir noch zusammen sprachen, erschien Hanna, strahlend glücklich, und ein wenig später kam Monsieur die Treppe heraufgestürmt, um seiner Braut »Guten Morgen« zu sagen und den Kaffee bei uns zu trinken. Ich konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrücken. Tag für Tag Monsieur hier im Hause zu haben, ihn mit durchfüttern – ich hab's schon an dem einzigen Tag gemerkt, was ein Herr verzehrt! Und dann Monsieur und die Schulkinder zusammen! Ich kann wohl sagen: mir graut so, daß ich am liebsten davonliefe. Wie ganz anders hatte ich mir das Fest gedacht! Sogar Frau Pfarrer sagte heute Abend, nachdem viel gelacht und gescherzt worden war: »Die Gedanken sind so zerstreut, wir wollen doch eine Weihnachtsbetrachtung lesen.« Es geschah auch, doch sahen sich die beiden immer verstohlen an, Andacht war nicht dabei. Ich mußte an den sei. Herrn Pfarrer denken und Vergleiche ziehen. Er würde an solchem Fest den Heiland obenan gestellt und uns alle hinaufgezogen haben zu Ihm, und so hätte es jeder ernste Christ gemacht. Es ist ja kein Unrecht, sich auf Weihnachten zu verloben, aber des Herrn, welcher der Dritte im Bunde sein muß, und Seines Festes vergessen, das ist unrecht und kann keinen Segen bringen.

 

Neujahr 1869.

Meine Frau ist beim Herrn Pfarrer gewesen. Er hat sehr verwundert dreingeschaut und hat gemeint, es wäre besser gewesen, er würde früher um Rat gefragt worden sein. Dann würde er geraten haben, den jungen Mann erst auf die Probe zu stellen. Er kenne denselben sehr wenig, und ihn dünke, zum Heiraten seien beide noch zu jung. Jedenfalls würde er nun raten, noch etliche Jahre mit der Heirat zu warten; es würde sich dann zeigen, ob die Liebe rechter Art sei. – Auch bei Frau Rätin ist Frau Pfarrer gewesen. Sie kam sehr gedrückt zurück und sagte mir, daß die alte Dame sehr ernst gewesen sei, daß sie ihr die Sache fast habe leid machen wollen. Sie sei sehr betrübt und meine, der Kinder wegen sei es schade; sie sei gewissermaßen verantwortlich für die Schule, da sie Hanna empfohlen. Es sei ihr gar nicht lieb, daß es so bald ein Ende habe usw. Ich mußte der alten Dame im Herzen beistimmen und stellte der Frau Pfarrer vor, daß Hanna fortan keine Zeit und Lust haben würde, der Schule vorzustehen; sie werde durch die Sorgen um ihr künftiges Heim zu sehr abgelenkt werden. Wie alles werden soll, steht mir dunkel vor Augen. Ein neues Jahr liegt vor uns. Gott wolle alles zum besten lenken!

 

1. Sonntag nach Epiphanias.

Das hat ein Aufsehen und ein Verwundern im Ort gegeben. Fräulein Hanna verlobt! Und noch so jung! Wie wird es mit der Schule? Was ist eigentlich dieser Monsieur? So tönte es durcheinander. Die letzte Frage habe ich selbst schon einigemal in Bescheidenheit aufgeworfen. Dann heißt es immer: »Er bekommt nächstens eine schöne Anstellung an der Post, vorderhand bleibt er hier; er kann es, er ist ja so reich.« Daß dieser Reichtum für uns sehr greifbar wäre, kann man nicht behaupten. Im Gegenteil – Monsieur läßt es sich bei uns sehr wohl sein, ist häufig unser Gast zu Mittag und zum Abendbrot, und wir müssen große Anstrengungen machen, daß wir mit Ehren durchkommen. Früher nahmen wir oft mit Übriggebliebenem vorlieb; wenn es aber heißt: »Monsieur kommt«, soll es immer etwas Gebratenes und Gesottenes sein. Ich muß ihm manchen Leckerbissen auf Hannas Bitte besonders bereiten. Hoffentlich wird er seiner Schwiegermutter einmal alles reichlich vergelten, was sie jetzt an ihm tut. Wenn er wirklich so reich ist, wird er ihr doch ein bequemes, sorgenfreies Alter schaffen. Nun ist es beschlossen, daß Hanna zu Ostern die Schule in andere Hände übergibt, dann wird unsere Einnahme sehr gering, und wie es mit der Aussteuer wird, weiß ich nicht.

 

3. Sonntag nach Epiphanias.

Die neue Lehrerin ist gefunden. Fräulein Charlotte, Hannas Bäschen, hat sich bereit erklärt, die kleine Schule zu übernehmen. Sie wird sich bei uns in Kost geben, auch hier wohnen. Ich bin sehr froh darüber. Charlotte ist ein gutes und tüchtiges Mädchen; ich hatte sie als Kind schon lieb. Hanna hat jetzt nur Sinn und Augen für »Monsieur« und für das, was sie als Aussteuer mitbekommen. Die Schule ist ihr Nebensache geworden. Einzelne Eltern haben offen ihre Unzufriedenheit geäußert, zwei Kinder sind fortgenommen und nach der Stadt in Pension gegeben. Mir tut es weh. Hanna hat so gute Gaben, ihre Ausbildung hat viel Geld gekostet. Sie erwies sich anfangs als tüchtige Lehrerin; nun sollte sie doch ihre Aufgabe treu zu Ende führen, bis die Schule in andere Hände übergeht. Aber der Eifer ist dahin, deshalb ist es gut, wenn je eher je lieber Ersatz kommt. »Monsieur« ist zuweilen acht Tage fort; aber ehe man sich's versieht, ist er wieder da. Die Liebe der beiden zueinander ist sehr feurig; es wäre gut, wenn sie etwas weniger sichtbar für andere wäre. Der lieben Frau Pfarrer macht die Aussteuer viel Sorge, sie denkt daran, sich an reiche Verwandte ihres sel. Mannes zu wenden, ob ihr dieselben nicht behilflich sein wollen zur Beschaffung des Notwendigen. Hanna möchte alles gern recht fein und recht schön haben. Es tut mir so leid, daß in dieser Zeit, in der ihr reiches Glück zuteil geworden, die Selbstsucht sich mehr zeigt. Ich meine, das Glück müsse demütig und dankbar machen.

 

Reminiscere.

Heute war ein stiller Fastensonntag. »Monsieur« war abgereist, und wir waren alle in der Kirche. Am Nachmittag bemerkte ich zu meiner Freude, daß Hanna nach ihrer Bibel griff. Ich konnte nicht umhin, zu sagen: »Wie freue ich mich, Hanna, ich glaubte schon, du habest deinen Heiland ganz vergessen.« Sie wurde rot und meinte: ich sei nicht wie sonst gegen sie, es scheine ihr, als gönne ich ihr das große Glück nicht usw. Ich erwiderte ihr darauf: ihr Glück sei auch mein Glück, aber sie solle mir nicht zürnen, wenn ich sie bäte, ihren Pflichten in der Schule etwas mehr nachzukommen. Es sei mir zu Ohren gekommen, daß die Kinder geäußert, es komme nicht mehr genau darauf an, ob sie etwas gut wüßten oder nicht, das Fräulein achte nicht mehr wie früher darauf. Sie wurde wieder rot und sagte unwirsch: »Die dummen Kinder!« und verließ das Zimmer. Ich habe ihr nicht weh tun wollen, aber es war meine Pflicht, zu reden und nicht zu schweigen, zumal ich selbst merke, wie sehr sie darauf bedacht ist, sich ihrer Pflichten so schnell wie möglich zu entledigen. Wie leid ist es mir um meine liebe Hanna! Ich glaube, Frau Pfarrer merkt es auch; sie kommt mir oft still und gedrückt vor, sagt aber nichts. O wenn die Versuchungen des Lebens herantreten an die jungen Seelen, die noch nicht fest gegründet sind im Glauben, wie leichtes Spiel hat der Versucher, sie abwendig zu machen von dem schmalen Weg, sie zu verblenden, daß sie mit sehenden Augen nicht sehen. Der Herr behüte uns vor allem Übel!

 

Quasimodogeniti.

Das schöne Osterfest ist vorüber mit seinen Segnungen. Aber die Feiertage waren Tage der Unruhe. Man hat den ganzen Tag für den Herrn Bräutigam, der natürlich längst wieder da ist, zu sorgen; und er tut nichts dazu, es zu einer gesegneten Stille kommen zu lassen. Als er einmal mit seiner Braut wohl eine Stunde lang gelacht und geplaudert hatte, konnte ich nicht umhin, zu sagen: »Sie könnten wohl auch mit Hanna eine Osterbetrachtung lesen!« Er wurde rot und antwortete: »Sie nehmen sich viel heraus, Fräulein Christine.« Frau Pfarrer meinte jedoch, es sei ihr aus der Seele gesprochen, holte ein Buch, legte es vor »Monsieur« hin und sagte in ihrer sanften Weise: »Lieber Gustav, Sie lesen uns wohl vor.« Er strich sich den blonden Schnurrbart, sagte: »Gewiß!« und begann zu lesen, rückte jedoch immer mit dem Stuhl unruhig hin und her. Ich ging dann noch ein Stündchen nach oben zu meinen alten Freunden. In deren Stübchen herrschte Osterfreude und Osterfriede.

Nun ist die erste Woche nach Ostern schon dahin, und seit gestern weilt ein neues Familienglied bei uns. Frau Pfarrer war mit dem Brautpaar spazieren gegangen, ich hatte in der Küche zu tun, da klingelte es an der Haustür. Als ich auf den Hausflur kam, stand ein Fräulein vor mir. Sie hatte angenehme Gesichtszüge und lächelte mich an. – »Nun, Fräulein Christinchen, Sie kennen mich wohl nicht mehr?« – »Fräulein Charlotte«, rief ich erfreut, »es ist gut, daß Sie da sind –« Tränen erstickten meine Stimme; ich weiß nicht, woher es kam, aber ich mußte weinen, es hatte sich schon lange angesammelt, hatte schon längst wie ein Stein auf meiner Brust gelegen. Nun kam es heraus. »Mit Tränen werde ich empfangen?« sagte das liebe Fräulein traurig. »Ich hoffte, es würde jemand an der Post sein, mich abzuholen; ich hatte doch geschrieben, daß ich heute nachmittag um 5 Uhr eintreffen würde.« – Ich trocknete meine Tränen und sagte verwundert: »Sie haben geschrieben? Das ist wohl ein Irrtum, hier hat niemand etwas gewußt! Wir glaubten, Sie würden am Dienstag kommen, da die Schule nächsten Donnerstag ihren Anfang nimmt. Nun ist Ihr kleines Zimmer nicht einmal in Ordnung; wir wollten am Montag alles einrichten.« – Charlotte schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Ich nötigte sie herein, versorgte sie mit Kaffee und lief dann, um das Zimmer, das sie bekommen sollte neben der Schulstube, instand zu setzen. Als ich eben an der Arbeit war, kam Hanna gelaufen. »Christine«, rief sie zum offenen Fenster herein, »ich habe ganz vergessen, dir zu sagen, daß mein Bäschen heute kommt.« – »Sie ist bereits da!« – »Charlotte ist da?« rief Hanna rot erglühend, »wie dumm, daß ich es vergaß.«

Es war mir nichts Neues, daß Hanna etwas vergaß. Es tat mir nur weh, daß Charlottchen einen so schlechten oder vielmehr gar keinen Empfang gehabt hatte. Nun umarmten sich die Bäschen und küßten sich, während ich dem Fräulein noch eine Tasse Kaffee einschenkte. Hanna rief immer wieder: »Sei nur nicht böse, Charlotte, daß ich dein Kommen vergaß.« – »Einer Braut muß man manches nachsehen«, meinte Charlotte. Dann faßte sie Hanna an beiden Schultern und sagte: »Du hast mir schon viel von deinem Verlobten geschrieben und mußt deiner Beschreibung nach ein großes Glück gemacht haben. Nun sage mir nur das Eine, das ich noch nicht weiß, welchen Lebensberuf hat dein Zukünftiger?« »– Er – –er – –« stotterte Hanna, »er – bekommt sehr bald eine Anstellung bei der Post. Er muß sich jetzt erholen, da seine Augen leidend sind. Er ist aber reich.« – »Dann hat er dir wohl schon schöne Geschenke gemacht und tut deinem Mütterchen viel zugute?« – Hanna schwieg; sie konnte in Wahrheit nicht sagen, daß dies der Fall sei. »Ich bin sehr gespannt auf deinen Bräutigam«, fuhr Charlotte fort. – »Heute abend werde ich ihn dir vorstellen, er kommt zum Abendbrot.«

»Monsieur« war, wie immer, auch diesen Abend gesprächig und heiter; seine witzigen Einfälle erregten die Lachlust, besonders bei Hanna. Als er gegangen war, zeigte sich die sonst lebhafte Charlotte auffallend still. Sie beantwortete alle Fragen einsilbig; erst als Hanna fragte: »Wie gefällt dir Gustav?« sagte sie offen und ehrlich, wie es ihre Natur war: »Ich muß gestehen, daß ich sehr enttäuscht bin.« – »Sehr schmeichelhaft für mich«, versetzte Hanna gereizt. – »Wenn du mich fragst, muß ich dir die Wahrheit sagen. Die ganze Familie war überwältigt von dem großen Glück, das ihr in den Schoß gefallen, als du schriebst, du habest dich mit dem jungen, schönen, frommen und klugen Ausländer verlobt. Der alte Vormund, der telegraphisch seine Einwilligung geben mußte, meinte, es sei hier alles beisammen, was man sich wünschen könnte.« – »Und nun?« fragte Hanna erregt. – »Nun finde ich einen ganz gewöhnlichen Alltagsmenschen, der mir einen etwas hohlen Eindruck macht, der mich, wenn ich es dir offen sagen soll, durchaus nicht anzieht.« – »Du sollst ihn auch nicht heiraten«, versetzte Hanna spitz, während Frau Pfarrer ganz erschrocken dreinschaute. Ich ging hinaus, aber ich hörte, wie beide noch lange laut sprachen. Sogar Frau Pfarrer, die immer sanfte, wurde erregt. Ich hörte sie sagen: »Ich freue mich über meines Kindes Glück und zürne jedem, der es ihr mißgönnt.« Ich aber merke, daß Charlottchen ganz denkt wie ich. Wie gern wollte ich mich geirrt haben!

 

Cantate.

Alles steht im Frühlingsschmuck. Die Vöglein singen und zwitschern an meinem Fenster und in den Bäumen. Das goldene Kreuz des Kirchturms funkelt hell im Sonnenschein. Von unten herauf tönt lieblicher Gesang. Charlotte singt mit einigen Schulkindern, die sie sich zum Sonntag nachmittag eingeladen hat. Alles atmet Friede und Freude. Frau Pfarrer sitzt im Garten und liest mit großer Befriedigung immer und immer wieder einen Brief von Hanna, die augenblicklich bei ihren Schwiegereltern weilt in Amsterdam. Sie ist dahin eingeladen worden und beschreibt mit großem Entzücken das Leben in dem reichen Kaufmannshause. Der Papa ist ein strenger Mann, die Schwiegermutter eine ruhige, wortkarge Frau. Sie sind sehr liebenswürdig gegen Hanna, haben ihr aber gesagt, daß Gustav etwas zum Leichtsinn neigt und daß sie sich deshalb freuen, daß er eine einfache, sparsame Frau bekommt. »Das Vertrauen«, schreibt sie, »werde ich rechtfertigen; ich werde meinem Gustav eine tüchtige Hausfrau sein.« Frau Pfarrer hat mir den Brief vorgelesen, ich freue mich mit ihr der guten Nachrichten. Sie sollte mitreisen, konnte es aber der Kosten wegen nicht. Da nun zufällig von hier eine ältere Dame nach A. fuhr, konnte Hanna in ihrer Begleitung reisen. »Monsieur« redete viel von einer Stelle, die er in Aussicht habe. Er macht deshalb eine Reise und will dann ebenfalls nach A., um mit Hanna daselbst zusammenzutreffen. Uns tut diese Zeit des Friedens sehr wohl. Charlotte lebt sich mehr und mehr ein. Anfangs wollte alles nicht recht gehen. Sie fühlte sich vom Geistlichen mit Mißtrauen angesehen, auch die Eltern der Kinder brachten ihr nicht die Herzlichkeit entgegen, welche Hanna zuerst erfahren; so hatte sie einen viel schwereren Anfang als diese. Aber bald gewann sie sich die Herzen der Kinder und durch diese die der Eltern; jetzt ist sie beliebter, als Hanna je gewesen. Sie hat beim Unterrichten keine Nebengedanken, so haben die Kinder beim Lernen auch keine. Sie ist selbstlos und aufopfernd, und hat trotz ihrer Klugheit ein einfaches, kindliches Wesen. Mir ist, als hätte ich eine Freundin gewonnen. Ich fürchtete zuerst, es würde mit ihr und Hanna zusammen nicht gut gehen; denn Charlotte sagt alles ehrlich und gerade heraus, wie sie denkt, und Hanna ist empfindlich. Aber Charlotte ist nicht viel bei der Familie, ihre Schule nimmt sie ganz in Anspruch, und abends bleibt sie oft in ihrem Zimmer. Sie hat auch Taktgefühl und vermeidet, wenn sie mit Frau Pfarrer und dem Brautpaar zusammen ist, über Dinge zu sprechen, in welchen sie nicht übereinstimmen.

 

Trinitatis.

Hanna ist von ihrer Reise zurück. Sie weiß nicht genug zu rühmen, wie vornehm und großartig alles bei den Schwiegereltern gewesen. Wenn sie deren Gottesfurcht oder Frömmigkeit hatte rühmen können, so würde man fröhlicher in die Zukunft schauen. »Monsieur« soll nun wirklich eine Stelle in Aussicht haben, und dann soll die Hochzeit bald stattfinden. Frau Pfarrer ist es nicht recht; sie bittet Hanna täglich, noch zu warten, aber dann gibt es Tränen, und schließlich gibt die Mutter in allem nach. Hanna bekommt, dank der gütigen, reichen Verwandten ihres verstorbenen Vaters, alles sehr reichlich und gut. Wir haben Schneiderinnen und Näherinnen sitzen, es wollen täglich viele satt werden. Die Arbeit will ich gern verrichten, aber das Haushalten macht Sorgen. Frau Pfarrer gibt mir nur ein geringes Wochengeld; ich weiß oft kaum, wie ich es einrichten soll, um alle zu sättigen. Charlotte bezahlt Kostgeld; doch kann sie von dem wenigen, was sie einnimmt, auch nur wenig zahlen. Sie hat mir aber schon mitunter etwas in die Küche gebracht; so legte sie gestern eine schöne, rundliche Wurst auf den Tisch und sagte: »Hier, Christinchen, ist etwas, damit Sie nicht verzagen. Sagen Sie aber der Tante nichts!« Sie durchschaut alles; sie weiß, daß es viel kostet, wenn »Monsieur« täglich aus- und eingeht, und ebenso, wie's ist mit den vielen fremden Menschen. »Monsieur« ist wieder hier, es muß wohl mit der Stelle nichts geworden sein.

 

2. Sonntag nach Trinitatis.

Nun wird mit aller Macht auf die Hochzeit gerüstet. »Monsieur« hat in einer kleinen Stadt, weit von hier, eine Anstellung gefunden; nur wird es uns nicht klar, ob es bei der Post oder der Eisenbahn ist. Auch scheint die Einnahme nicht besonders hoch. Ich hörte nur, daß Charlotte zu Frau Pfarrer sagte: »Aber, liebe Tante, denkst du denn, daß das junge Paar mit so wenigem reichen wird? Es müßte denn sein«, setzte sie hinzu, »daß Gustav von zu Hause einen bedeutenden Zuschuß bekäme.« – »Ja, er wird gewiß einen Zuschuß bekommen, seine Eltern sind ja vermögend«, erwiderte Frau Pfarrer zuversichtlich. Hanna und »Monsieur« schwelgen in dem Gedanken, bald ein eigenes Heim zu haben. Ich denke, es wird uns allen wohl sein, wenn die Hochzeitsunruhen vorüber sind.

 

10. Sonntag nach Trinitatis.

Die Hochzeit ist gewesen. Das junge Paar ist abgereist, Koffer und Kisten sind an ihren Bestimmungsort abgesandt. Es wurde Hanna zum Schluß doch schwer, von allem, was ihr lieb war, zu scheiden. Die Frau Pfarrer hat viel geweint und Hanna zu allem Guten ermahnt, hat ihr auch viel von ihrem seligen Vater zählt und wie sie als junge Leute ihren Ehestand angefangen. Hanna hat die besten Vorsätze, sie will mit ihrem Mann ein christliches Leben führen. Gott der Herr gebe Seinen Segen dazu; denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. – Die Hochzeit hat in christlicher Weise stattgefunden. Die Brautjungfern, zwei Schulfreundinnen von Hanna, die zum Fest gekommen waren, hatten sich mit blühender Heide geschmückt. Die Braut sah lieblich aus, als sie vor dem Altar stand in ihrem schlichten weißen Kleid und dem grünen Myrtenkranz. Der Herr Pfarrer redete gar schön und eindringlich mit den Zweien, legte ihnen besonders ans Herz, daß sie nun, da sie in die Welt hinauszögen, im Gewirre des Lebens ihres Heilandes nicht vergessen sollten. – Unser Häuschen war festlich geschmückt. Im Schulzimmer, das mit vielen Blumengewinden verziert war, wurde gegessen. Auf der Tafel prangten schöne Blumen. Der Herr Pfarrer war als Gast anwesend, er selbst stimmte bei Tisch geistliche Lieder an, die dem Fest einen lieblichen Anstrich verliehen. Dann fuhr der Wagen vor, der das junge Paar entführte. Hanna, im grauen Reiseanzug, nahm unter Tränen Abschied. Ihr »Monsieur« setzte sich neben sie, strich sich den Schnurrbart, grüßte nach rechts und links, und fort ging's in die weite Welt. – Herr Pfarrer hat ihnen eine Bibel zur Hochzeit geschenkt. Möchten sie sich fest an Gottes Wort halten! Das allein ist Stern und Kern unseres Lebens; ohne dasselbe sind wir wie das Schiff, das sein Steuer verloren hat und den Wellen preisgegeben ist. Wer Gottes Wort nicht hat, kann sich in dem Strudel des Lebens nicht oben halten, er muß untergehen und ewiglich verderben.

 

7. Sonntag nach Trinitatis 1870.

Fast ein Jahr ist vergangen. Unser Leben ist friedlich und still dahingeflossen. Da ich gewöhnlich Sonntag abend mit Frau Pfarrer und Charlotte zusammengesessen bin, so ist aus dem Schreiben nichts geworden. Nun gibt es allerlei aufzuzeichnen, und da ich heute allein zu Hause bin, will ich das Versäumte nachholen. Von dem jungen Paar gingen in der ersten Zeit regelmäßig Briefe ein. Alles atmete Glück und Freude, und Frau Pfarrer strahlte in dem Gedanken an ihre Hanna. Ihr höchster Wunsch ist nun, das Glück ihrer Kinder mit eigenen Augen zu sehen; doch treten jetzt, angesichts der politischen Verhältnisse, alle eigenen Wünsche zurück. Der Ausbruch des Krieges läßt jeden bleiben, wo er ist. Alles ist in Unruhe und bangem Zweifel. – Unsere liebe Frau Rätin ist nach längerem Leiden heimgegangen. Sie starb am Ostersonnabend im festen Glauben an ihren Heiland. Ihre letzten Worte waren: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.« – Unserer lieben Frau Pfarrer hatte sie eine kleine Summe Geldes vermacht, was für dieselbe eine reiche Hilfe ist. Fräulein Behrens ist an einen andern Ort gezogen, wir vermissen sie nicht.

 

8. Sonntag nach Trinitatis.

Hanna ist da! Heiter und lächelnd trat sie am Mittwoch plötzlich in die Laube, in welcher wir am Nachmittag saßen und Bohnen schnitten. Auf unsere erfreuten Ausrufe erklärte sie fröhlich, ihr lieber Mann sei einberufen, und so habe sie sich gedacht, sie selber sei wohl am besten zu Hause aufgehoben. »Ja«, meinte Charlottchen, »er als Ausländer kann ja gar nicht einberufen werden. Das hängt wohl anders zusammen.« Sie blieb dabei, er sei einberufen. Als aber dann der erste Brief von ihm kam, sagte sie bei Tisch: sie müsse ihren Irrtum berichtigen, einberufen sei Gustav nicht, er habe sich aber freiwillig als Krankenpfleger gestellt und warte nun auf Anstellung. Dies schien der Frau Pfarrerin gar nicht recht; sie meinte, wer verheiratet sei, müsse froh sein, daheim bleiben zu können, worauf die junge Frau begeistert antwortete, daß es doch schön sei, in Zeiten des Krieges seine eigenen Angelegenheiten dem Wohl des Landes zu opfern. »Und überdies, Mama«, fügte sie schmeichelnd hinzu, »mußt du dich doch freuen, deine Tochter hier zu haben.« Ja, wir freuten uns schließlich alle, Hanna einmal wieder zu sehen; sie ist fröhlich und guter Dinge und scheint recht glücklich zu sein.

 

9. Sonntag nach Trinitatis.

Gestern war ein heißer Tag. Es gab gegen Abend ein starkes Gewitter. Nach demselben erfrischten wir uns draußen im Garten. Hanna schüttelte in jugendlichem Übermut den Regen von den Bäumen. Da knirschte der Sand, Männertritte ließen sich hören und, ehe wir's uns versahen, stand Monsieur de Pierre in unserer Mitte. Hanna umschlang ihn mit den Worten: »Gustav, bist du wieder da?« Er strich sich den blonden Schnurrbart nach allen Seiten und sagte: »Ja, ich bin wieder da.« – Ich sah Charlotte an, Charlotte sah mich an, Frau Pfarrer aber sagte freundlich: »Nun, hoffentlich entführst du uns Hanna nicht gleich heute abend. Ihr könnt wohl bis morgen bleiben?« – »Gewiß, liebe Mutter«, erwiderte Monsieur, »auch gern noch länger, wenn es dir eine Freude ist. Ich bin bei der Krankenpflege nicht angekommen, der Andrang ist bereits zu groß.« Er strich sich den Schnurrbart und fügte stockend hinzu: »Und das Dumme von der Geschichte ist: ich habe darüber meine Stelle verloren und muß mir erst eine andere suchen, was aber jedenfalls baldigst geschehen wird. Wir nehmen deine Gastfreundlichkeit also von Herzen gern an.«

Mir lief es eiskalt über den Rücken. Das junge Paar ohne Stelle quartiert sich hier bei der Mutter ein! Das kommt mir sehr sonderbar vor. – Charlottchen konnte es nicht lassen, zu sagen: »Lieber Vetter, ich finde es merkwürdig, daß Sie Ihre Stelle aus solchem Grunde verloren haben. Das verstehe ich nicht.« – »Es ist einmal so«, sagte er mit kurzem Achselzucken und wußte dann gewandt auf einen andern Gegenstand überzuspringen. Ich ging an meine Arbeit. Erst richtete ich ein Abendessen her für die vielen Menschen und überzählte seufzend mein Wochengeld mit dem aufrichtigen Wunsch, »Monsieur« möge nicht gar zu lange unser Gast bleiben. Dann kam Frau Pfarrer, um mit mir zu beraten, wo wir die Gäste einquartieren wollten. Es blieb nicht viel Wahl. Die gute Mutter opferte ihre Schlafstube und behalf sich mit dem Sofa des Wohnzimmers.

 

13. Sonntag nach Trinitatis.

Monsieur de Pierre ist da mit seiner Frau und bleibt da. Sie lassen es sich wohl sein bei der Mutter. Charlotte läßt sich außer den Mahlzeiten wenig sehen, sie bleibt meistens in ihrem Zimmer. Dann und wann schaut sie zu mir herein in die Küche und sagt: »Christine, wie lange soll das noch währen?« Ich habe mein reichlich Teil Arbeit, auch im Garten gibt es viel zu tun; wenn »Monsieur« nur Lust hätte, anstellen wollte ich ihn wohl. Hanna legt oft die Hände in den Schoß, wenn sie hätte mit zugreifen können. Frau Pfarrer seufzt, hat aber nicht den Mut, der Sache ein Ende zu machen. Die Leute im Ort reden schon darüber; mir ist es unangenehm, wenn ich gefragt werde, was es mit den jungen Leuten auf sich hat. Der Herr Pfarrer, der einmal bei uns vorsprach, machte ein sehr ernstes Gesicht, als er hörte, »Monsieur« sei ohne Stelle; er riet ihm dringend, so bald als möglich wieder einen Beruf zu ergreifen.

 

15. Sonntag nach Trinitatis

Am letzten Mittwoch gab es eine peinliche Stimmung. Wir gingen, wie gewöhnlich, in den Wochengottesdienst, das junge Paar schloß sich uns an. Da öffnete der Herr Pfarrer die Bibel und las den Text des Tages, 2. Thess. 3, 10-12: »Und da wir bei euch waren, geboten wir euch solches, daß, so jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen. Denn wir hören, daß etliche unter euch wandeln unordentlich und arbeiten nichts, sondern treiben Vorwitz. Solchen aber gebieten wir und ermahnen sie durch unsern Herrn Jesum Christum, daß sie mit stillem Wesen arbeiten und ihr eigenes Brot essen.« Er las die Worte mit Betonung, und alle sahen auf Monsieur, der sich wohl auch getroffen fühlte, denn er wurde rot. Nun begann die Auslegung. Erst sprach der Herr Pfarrer von den groben Vagabunden, welche die Arbeit scheuten und sich bettelnd herumtrieben, dann aber sagte er, es gäbe auch eine feine Art des Vagabundentums, es gäbe Leute, denen man den Vagabunden äußerlich nicht ansehe; nein, sie gingen fein und geschniegelt einher und dennoch arbeiteten sie nichts, sondern trieben Vorwitz. Solchen gebiete er, daß sie dem Müßiggang absagten. Lieber sollten sie gehen und Holz hacken, als müßig stehen und nicht ihr eigenes Brot essen. – Ich war dunkelrot vor Scham und wagte nicht aufzusehen; Charlotte, die neben mir saß, machte ein ganz merkwürdiges Gesicht, Hanna sah beleidigt aus, und »Monsieur« drehte wie immer an seinem Schnurrbart; man konnte nicht sehen, fühlte er sich betroffen oder nicht. Beim Ausgang aus der Kirche steckten die Leute die Köpfe zusammen, ich hörte ein paar alte Frauen im Vorübergehen zueinander sagen: »O, da fehlte ja nur noch der Name.«

Die öffentliche Zurechtweisung ist nicht ohne Wirkung geblieben. Eines schönen Tages erklärte »Monsieur«, abreisen zu wollen; Hanna, die noch bleiben sollte, stimmte dafür, gleich mitzureisen. Nach einigen Tagen kam ein Brief, daß sie gefunden, was sie suchten; aber ein Umzug sei damit verbunden, da Gustav in einem andern Ort eine Anstellung auf einer Kanzlei gefunden. Frau Pfarrer weinte; ich glaube, sie fühlt, daß Hanna nicht den Halt fürs Leben hat, dessen sie bedarf. Sie will bald selbst zu den jungen Leuten reisen und sehen, wie sie's treiben. Uns gegenüber läßt sie nichts auf »Monsieur« kommen. Er macht ihre Hanna glücklich; das ist ihr genug.

 

16. Sonntag nach Trinitatis.

Dieser »Monsieur« versteht aber auch, sie zu umgarnen. In dieser Woche kam ein höchst liebenswürdiger Brief, in welchem er mit sehr feinen Worten seine Schwiegermutter ersucht, ihm eine Summe Geldes zum Umzug vorzustrecken. Sein Vater habe ihm schon in diesem Jahr mehrere Summen gegeben, er möchte ihn jetzt nicht wieder angehen; er wisse, seine Schwiegermutter tue es gern usw. Er hatte gehört, daß Frau Pfarrer etwas von Frau Rätin geerbt habe, und mit Leichtigkeit zog er es der unkundigen, sanften Frau aus der Tasche.

 

19. Sonntag nach Trinitatis.

Unsere liebe Frau Pfarrer rüstet sich zur Abreise. Es ist nun ernstlich beschlossen, daß sie auf längere Zeit zu ihren Kindern gehe. Sie wollen sie am liebsten ganz bei sich haben, doch davon haben wir abgeraten. Es ist besser, sie behält ihr eigenes Heim. Es wurde viel beratschlagt, ob ich mitgehen solle; die Frau Pfarrer ist des Reisens unkundig und kann ihrer zarten Gesundheit wegen nicht viel reisen. Doch einesteils ist die Reise für zwei zu kostspielig, andernteils wäre Charlotte ohne jegliche Hilfe. So soll ich bleiben und hier haushalten, während Frau Pfarrer sich im Laufe dieser Woche auf die Reise begibt. Die gute, liebe Frau, was wird sie in der Fremde erleben?

 

24. Sonntag nach Trinitatis.

Gerade an demselben Tage, an dem der Vater Hannas gestorben, ist dem jungen Paar ein kleiner Sohn geboren worden. Frau Pfarrer schreibt sehr glücklich. Mutter und Kind geht es gut. Möchte dieser Enkel in die Fußstapfen seines Großvaters treten! Frau Pfarrer schreibt weiter, daß ihr Schwiegersohn viel zu tun habe. Er habe in der Eisenbahnkanzlei zu schreiben und sei fast den ganzen Tag in Anspruch genommen. Auch oft die Abende. Sie, die Frau Pfarrer, habe gute Hilfe an der Aufwärterin, aber sie sei so an mich gewöhnt, daß sie schwer ohne mich fertig werden könne, sie werde auch nicht allzu lange bleiben. Nach Weihnachten gedenke sie wieder zu kommen. Charlotte und ich freuen uns auf die liebe Frau, auf den stillen Winter mit ihr. Charlotte hat viel Freunde; im Pfarrhaus verkehrt sie, auch hier und da mit den Eltern der Schülerinnen. Sie fühlt sich glücklich in ihrem Wirkungskreis, und die Schule erweitert sich.

 

2. Sonntag nach Epiphanias 1871.

Es war ein rechter Freudentag, als Frau Pfarrer wieder bei uns anlangte. Sie setzte sich erschöpft in ihren Lehnstuhl und sagte: »Zu Hause ist es doch am besten.« Sie ist noch schmaler und blasser geworden; ich will mein Möglichstes tun, sie herauszupflegen. Von dem kleinen Enkel spricht sie mit großem Entzücken; aber auch Hanna ist, wie immer, ihre Herzensfreude. »Monsieur« lobt sie, wo sie kann; es müßte auch schon sehr schlimm kommen, wenn Frau Pfarrer etwas Nachteiliges über jemand äußern würde. Glanz und Reichtum scheint bei den jungen Leuten durchaus nicht zu herrschen, vielmehr schildert sie die Verhältnisse als sehr einfach und die Wohnung als beschränkt. Der »reiche Monsieur« hat entweder schon viel durchgebracht, oder er hat erst nach dem Tode des Vaters viel zu erwarten. Ich habe mir das Reichsein anders vorgestellt, hier war immer die Schwiegermutter die Gebende und er der Empfangende. Reich sein macht ja auch nicht das Glück in der Welt aus. Mit Gott und Menschen Frieden haben und den Herrn Jesum im Herzen, das macht glücklich und allezeit fröhlich.

 

2. Sonntag nach Trinitatis 1871.

Es ist Sommer geworden, und es ist Friede geworden. Die Zeit der Kriegsunruhen und der bangen Sorgen ist vorüber, aber wie es in der Geschichte der Völker Aufruhr, Kriege und böse, schwere Zeiten gibt, so werden auch die einzelnen Familien von Stürmen und schweren Trübsalen heimgesucht. Es liegt ein Druck auf uns, als ob wir auch vor einem großen Sturm stünden, der über uns hereinbrechen soll. Hanna hat wiederholt bei der Mutter kleine Anleihen gemacht, ihre Briefe klingen oft bedrückt, wiewohl sie es zu verbergen sucht. Sie klagt über schlechte Zeiten, geringen Verdienst, und es hieß doch, als vor einigen Monaten die Nachricht von einer Versetzung einlief, es würde nun alles besser werden. »Monsieur« wohnt mit seiner Familie so entfernt, daß wir alle nicht daran denken können, eine Reise dorthin zu machen. Für Frau Pfarrer ist es sehr schmerzlich, von Hanna so weit getrennt zu sein; ich glaube, sie ist mit ihrem Herzen immer dort, wiewohl sie sonst gern an diesem Ort des Friedens weilt.

 

17. Sonntag nach Trinitatis.

Hanna schreibt immer seltener, oft bleiben die Briefe wochenlang aus. Frau Pfarrer ist sehr bedrückt, Charlotte und ich, wir tun alles, um sie aufzuheitern. Ich habe das Gefühl: es ist bei den jungen Leuten nicht alles, wie es sein soll. Könnte ich einmal hinreisen und nachsehen, ich wollte schon merken, woran es fehlt.

 

Estomihi 1872.

Schwer wird es mir, das Schreckliche, was geschehen ist, aufzuzeichnen, und doch muß ich meinem gepreßten Herzen Luft machen. Seit Weihnachten fehlten alle Nachrichten von den jungen Leuten. Frau Pfarrer wurde immer unruhiger; sie schrieb, bekam aber keine Antwort. Da, am letzten Mittwoch, bringt der Briefträger einen Brief aus A., doch von fremder Hand geschrieben. Frau Pfarrer dreht ihn in den Händen hin und her und sieht mich so eigen an. »Christine«, sagte sie tonlos, »da ist etwas vorgefallen.« Ich suchte sie zu beruhigen, da erbricht sie den Umschlag und liest. Erdfahl wird das Gesicht, die Hände sinken schlaff herunter und sie bricht zusammen. Ich rieb ihr die Schläfen mit Essenz, während Charlotte nach dem zur Erde gefallenen Brief griff und ihn überflog.

Ein Ausruf des Schreckens folgte. »O mein Gott«, rief sie und rang die Hände. »Hanna und Gustav sind verschwunden, haben sich bei Nacht und Nebel heimlich aus ihrer Wohnung entfernt! Du arme, arme Tante«, schluchzte sie, während sie vor ihr niederkniete und ihr die Wangen streichelte. Ich weinte bitterlich, während Frau Pfarrer, die langsam wieder zu sich gekommen war, starr vor sich hinsah und nur von Zeit zu Zeit seufzte: »Meine Hanna, mein armes, verblendetes Kind!« Da Charlotte bei ihrer Tante war, so lief ich in meiner Herzensangst zum Herrn Pfarrer und bat ihn, mit mir zu kommen: es seien schwere Tage über uns hereingebrochen. Als er ins Zimmer trat, hatte Frau Pfarrer den Brief wieder in der Hand und las abermals das Schreckliche, kaum Faßliche. Sie reichte dem Geistlichen das Schreiben, der es unter vielem Kopfschütteln las. Es enthielt die kurze Nachricht von einem Bekannten des »Monsieur«, daß derselbe, nachdem er sich abends vorher eine namhafte Summe Geld bei ihm geborgt und auf Ehrenwort versprochen, es den folgenden Abend wieder zu bringen, mit seiner Gattin die Wohnung heimlich verlassen habe und daß bis jetzt alle Nachforschungen vergebens seien. Der Schreiber des Briefes erkundigte sich höflich, ob die beiden etwa bei der Mutter Aufenthalt genommen, oder ob dieselbe über den Verbleib derselben etwas wisse; dann bäte er, es unverzüglich zu melden. Frau Pfarrer wußte nichts! Der Geistliche hat sehr ernst mit ihr gesprochen, hat sie dann aber auch aufzurichten und zu trösten versucht. Wir sind alle sehr traurig und tiefgebeugt.

 

Invocavit.

Trübe und traurig schleichen die Tage dahin. Die Haare der armen Frau Pfarrer sind in einer Nacht gebleicht. Sie geht ruhelos von einem Zimmer ins andere und ringt die Hände und weint. Dann macht sie ihrem schwer gedrückten Herzen Luft durch bittere Worte wie: »Wäre es nach meinem Willen gegangen, Hanna hätte diesen Mann nicht geheiratet. Aber sie hat es erzwungen, ja erzwungen. O mein Gott, ist es denn möglich? Kommt meine Hanna nie wieder?«

 

Reminiscere.

Gestern war ein arges Schneegestöber. Kaum konnten die Kinder den Schulweg machen; denn der Wind heulte und wehte den Schnee zu Schanzen zusammen. Frau Pfarrer saß im Wohnzimmer und hatte wieder den Unglücksbrief in der Hand, während Charlotte im Schulzimmer mit den Kindern sang: »Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder.« Ich mußte weinen, denn ich gedachte der Zeit, wo Hanna mit ihrer kleinen Schule sang und lernte. Warum mußte alles so kommen? – Um 11 Uhr gingen die Kinder nach Hause, und Charlotte kam zu mir in die Küche. »Wie geht es der Tante heute?« fragte sie. – »Wie alle Tage, sie sitzt und grämt sich.« – »Ich wollte Sie bitten, Christine, morgen von meinem Geburtstag kein Aufhebens zu machen, die Tante wird nicht daran denken, und ich mag in diesen traurigen Tagen auch keine Freude haben.« Sie ging hinüber zur Tante, ich aber hatte schon in der Stille dafür gesorgt, daß Charlotte wenigstens einen Kuchen und einige Blumen bekomme. »Warum soll sie immer leer ausgehen?« sagte ich mir, »sie, die in ihrer Selbstlosigkeit nie an sich denkt.« Wie wird sie gerade morgen das Elternhaus vermissen! Wie gut, daß ich mir am Tage vorher schon Efeu gesammelt hatte, um mit frischen Blumen, die ich von unsern Zimmerpflanzen geschnitten, zusammen einen Kranz zu winden. Am Nachmittag, als ich alles gescheuert hatte, setzte ich mich mit den Blumen und dem Efeu ins Schulzimmer und begann zu winden. Charlotte las der Frau Pfarrer vor; ich hatte nicht zu befürchten, daß sie mich überraschte. Draußen schneite es fort. Der Schnee wirbelte in immer dichteren Flocken herab, und ich dachte eben in Mitleid der Menschen, die in solchem Schneegestöber draußen zu wandern gezwungen seien – da hörte ich fernes Schlittengeläute. Es kam näher. Neugierig, zu wissen, wer in solchem Wetter eine Schlittenfahrt unternehmen konnte, sah ich aus dem Fenster. Es zeigte sich noch nichts. Ich wartete ein wenig. Jetzt wurden die Pferde sichtbar, nun der Schlitten. Gott erbarme sich über die arme Frau, die, in Tüchern verhüllt, darin saß! Der Schlitten hielt vor unserer Tür. Jetzt wurde das große Tuch, das die Gestalt umschloß, zurückgeworfen und das Gesicht aufgedeckt. Ich sah – unsere Hanna, ihr Söhnlein eingewickelt auf dem Schoß ruhend. Sie machte ein Zeichen mit der Hand nach der Haustür zu. Ich verstand sie. Noch ehe sie einen Versuch gemacht, vom Schlitten zu steigen, war ich draußen. Sie reichte mir das Kind; ich, einer augenblicklichen Eingebung folgend, öffnete die Wohnstubentür, ging mit dem Kleinen hinein und legte ihn der Frau Pfarrer auf den Schoß mit den Worten: »Hier haben Sie Ihr Enkelkind, Hanna kommt gleich.« – »Mütterchen, da bin ich«, rief eine Stimme, die wohl dem Weinen näher war als dem Lachen. Aber Hanna bezwang sich: ja sie wußte sich so zu beherrschen, daß sie lachend dem Schreckensruf ihrer Mutter: »Ihr armen, unglücklichen Kinder, was habt ihr getan?« entgegnen konnte: »Was sorgst du dich denn, Mama? Ich begreife es gar nicht, wir sind bei Gustavs Eltern gewesen, weiter ist es gar nichts.« Und die Mutter, glücklich, ihr Kind wieder zu haben, küßte und streichelte sie und rief: »Gott sei Dank, daß ich dich wieder habe, meine Hanna; es ist mir, als sei ich aus schwerem Traum erwacht. Aber wie kommst du in diesem Wetter hier an? Du bist so kalt, siehst zu Tode erschöpft aus; mußte denn die Reise heute sein? Christine, schnell eine Tasse Tee!«

Charlotte hatte Frau Pfarrer den Kleinen abgenommen, der mit klugen Augen um sich schaute, dann aber das Köpfchen wegsteckte und zu weinen begann. »Gib ihn mir nur«, sagte Hanna, »er ist nicht an Fremde gewöhnt. Sei still, mein Hänschen, du bist ja bei der lieben Großmama in der warmen Stube! Hier ist es schöner, als draußen in dem kalten Schnee!« – »Mußte denn die Reise heute sein?« fragte Charlotte noch einmal. – »Ja, es mußte sein«, antwortete Hanna dumpf. »Ich bin schon gestern abgereist, bin die Nacht durch gefahren mit der Eisenbahn und konnte an der Endstation, wo ich den Schlitten nahm, nicht wissen, daß es so bös sein würde.«

Ich brachte den Tee und fragte, ob kein Gepäck mitgekommen sei? Hanna wurde blutrot und sagte, draußen müsse noch ein Kasten stehen, darin sei etwas für den Kleinen. Ein Zigarrenkästchen stand allerdings draußen, darin lag ein Nachthemdchen, einige Lätzchen und ein paar Windeln; das war alles! Mir wollte das Herz zerspringen vor Herzeleid und Weh, denn Hanna mußte etwas sehr Schweres durchgemacht haben, das stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Ihre große Selbstbeherrschung der Mutter gegenüber verbarg dieser den wahren Sachverhalt. Ich ging in mein Giebelstübchen, es standen zwei Betten darin, das eine überzog ich frisch, wärmte es und holte den großen viereckigen Waschkorb, setzte ihn auf zwei Stühle und füllte ihn mit Betten. Dann, nachdem ich Feuer in den Ofen gelegt, ging ich hinunter, um eine kräftige, warme Suppe zum Abendbrot zu bereiten. Als ich sie auftrug, sah Hanna verlangend danach. Sie hustete einigemal recht hohl und die Wangen waren eingefallen. Der Kleine hatte das Scheue verloren und war auf Charlottes Schoß ganz munter geworden. Als ich die Lampe brachte, krähte er laut vor Freude und steckte die Ärmchen nach mir aus. Ich nahm ihn, herzte und küßte ihn; das unschuldig lächelnde Kind ahnte nicht, welch trauriges Los seiner wartete. – »Christine«, sagte Frau Pfarrer nach Tisch, »wir möchten für Hanna und den Kleinen ein Lager in meinem Schlafzimmer herrichten.«

»Zürnen Sie mir nicht, Frau Pfarrer, ich habe mein Stübchen für die beiden in Ordnung gebracht. Sie bedürfen der Ruhe, Hanna ist müde und abgespannt, das Stübchen ist still und abgelegen, dort stört das Kind nur mich, und ich kann's vertragen.«

»Gott lohne dir deine Treue!« sagte Frau Pfarrerin, Hanna aber sah mit einem dankbaren Blick zu mir auf. Ich fühlte, es war für Hanna eine Erlösung, diese Selbstbeherrschung, welche sie in Gegenwart der Mutter zeigte, abzulegen. Sie sagte, sie sei sehr müde und wolle, wenn sie den Kleinen zu Bett gebracht, sich selbst legen. Frau Pfarrer, die ebenfalls sehr erschöpft war, ging früh zur Ruhe, Charlotte begab sich in ihr Stübchen, um zu arbeiten, und ich ging ins Schulzimmer, um den angefangenen Kranz zu vollenden. Was lag zwischen dieses Kranzes Anfang und Ende! Mein Herz war stürmisch bewegt, die Gedanken gingen ruhelos hin und her. Eines aber stand fest bei mir, ich mußte von Hanna die ganze Wahrheit erfahren, nur im Bekennen des Erlebten konnte das arme Herz zur Ruhe kommen.

»Christine, ich will Ihnen ein wenig helfen bei dem armen Kranz«, sagte eine Stimme, und Charlottes Kopf guckte zur Tür herein. »Gesehen habe ich die Blumen nun doch, mehr als einmal, immer wenn ich durchs Schulzimmer mußte; ich will sie Ihnen zureichen, Sie können winden.« – »Arme Charlotte, Sie kommen immer zu kurz, immer, wenn man Ihnen etwas zugute tun will, so wird es vereitelt. Der morgende Tag wird ...« – »Wohl ein trauriger werden«, vollendete Charlotte. »Christine, Sie werden wie ich denken, daß Hanna etwas zu verbergen hat. Die gute Tante ahnt nichts: sie ist nur glücklich, daß sie ihr Kind unter ihrem Dach hat.« Wir sprachen nun lange ernst zusammen, bis der Kranz fertig war. Dann begaben auch wir uns zur Ruhe nach dem aufregenden Tage.

 

Oculi.

Am nächsten Morgen vor der Kirche kamen die Schulkinder mit Blumen und kleinen Angebinden und begrüßten Charlotte mit Gesang. Als Hanna, die schon zum Kaffee herunter gekommen war, das hörte, rollten ihr langsam die Tränen über die Wangen. Sie sagte, sie müsse nach ihrem Kinde sehen und verließ das Zimmer. Später gingen wir alle zur Kirche bis auf Hanna, die bei ihrem Kleinen blieb. Als wir nach der Predigt anstimmten: »Christe, Du Lamm Gottes, der Du trägst die Sünden der Welt!« hörte ich ein leises Schluchzen. Ich sah mich um und gewahrte ganz in der Ecke hinter dem letzten Pfeiler eine knieende Gestalt. Es war Hanna, die in tiefster Verborgenheit dort betete; ein dichter Schleier verdeckte ihr Gesicht, da sie unerkannt bleiben wollte. Sie verließ auch deshalb das Gotteshaus, bevor der Segen gesprochen war, und als wir nach Hause kamen, trat sie uns mit dem Kinde auf dem Arm lächelnd entgegen, erzählte uns, daß es wunderschön geschlafen habe und eben erst aufgewacht sei. Dann sprach sie mit ihrer Mutter von gleichgültigen Sachen, und wenn die Mutter ängstlich fragte, was eigentlich aus Gustav werde, so sagte sie unbefangen: er werde nächstens eine neue Stelle bekommen, und dann sei alles wie vordem, die Mutter sollte sich nur ja nicht sorgen. Frau Pfarrer hatte darauf gedrungen, daß Charlottes Freundinnen, die sich zum Abend angemeldet hatten, nicht abbestellt wurden. »Hanna, du kennst sie ja auch«, meinte sie, »du wirst dich freuen, sie wieder zu sehen?« – »Mutter, laß mich nach oben gehen, ich bin so müde«, sagte sie bittend. Ich hatte viel zu tun und kam erst spät in unser Stübchen, holte aber doch mein Buch und machte, wie immer Sonntags, meine Aufzeichnungen. Da hörte ich von dem Bett her leises, unterdrücktes Schluchzen. Nun hielt ich es nicht länger aus. Ich ging auf das Bett zu, faßte Hannas Hand und sagte: »Liebste Hanna, als du klein warst, sagtest du mir alles. Kannst du mir, deiner alten Christine, denn kein Vertrauen schenken, willst du mir nicht dein Herz ausschütten?«

Da richtete sie sich plötzlich auf und mit heftiger Leidenschaft schlang sie die Arme um meinen Hals und rief: »Ich will dir alles sagen, ich halte es nicht mehr aus, es erdrückt mich sonst. Liebe, gute Christine, daß es nur die Mutter nicht erfährt! Sie darf sich nicht grämen!« Sie brach in ein heftiges Weinen aus; es war, als löste sich mit dem Tränenstrom der Druck, der auf ihrem Herzen gelegen, und nun begann sie mir in Absätzen folgendes zu erzählen: »Wir haben bedeutend mehr gebraucht, als wir einnahmen. Erst machten wir kleine Schulden, dann immer größere. Die Leute kamen und wollten Geld haben, und als wir es nicht geben konnten, verklagten sie uns. Unsere Sachen wurden mit Beschlag belegt, und es wurde uns gedroht, daß sie weggeholt würden, wenn wir nicht bezahlten. Die Not wurde aber immer größer, borgen wollte uns niemand mehr, und die Gläubiger verlangten immer dringender nach ihrem Gelde. Da wurde uns angekündigt, daß am folgenden Tage unsere sämtlichen Sachen abgeholt und verkauft würden, wenn wir das Geld nicht bis dahin herbeischafften. Es war furchtbar. So entschlossen wir uns denn, alles im Stich zu lassen und mit dem Nachtzug nach Amsterdam zu fahren. Mein Mann borgte sich das Reisegeld von einem Freund.« – »So sind alle Sachen fort, die Möbel, das Silberzeug, das Leinenzeug, alles, was mit so großen Opfern angeschafft worden?« unterbrach ich sie angstvoll. – »Alles, nur was ich anhabe und was der Kleine trägt, ist gerettet.« – »Gott, erbarme Dich«, seufzte ich innerlich und sah auf den Zigarrenkasten mit Inhalt, das einzige Überbleibsel aus dem Ruin.

Hanna weinte wieder still vor sich hin und sagte: »Das ist noch lange nicht das Schlimmste. Das Entsetzlichste ist, daß ich von meinen Schwiegereltern verstoßen bin. Sie haben mir verboten, je wieder die Schwelle ihres Hauses zu betreten.« Ich sah sie an, als ob ich sie nicht verstünde. »Ich habe mich als die Schuldige angegeben. Gustav fürchtete den Zorn des Vaters, da habe ich mich demselben zu Füßen geworfen und ihn angefleht, er solle es meinem Mann nicht entgelten lassen, ich habe durch schlechtes wirtschaften den Ruin herbeigeführt. Da stampfte der Mann mit dem Fuß und rief: ich solle mich von dannen heben und ihm nicht wieder unter die Augen kommen, ich solle dahin zurückkehren, woher ich gekommen. Da hab' ich mein Kind genommen und bin aus dem Hause gegangen, so schnell mich meine Füße zu tragen vermochten.« – »Und das hat dein Mann zugegeben, hat es ruhig mit angesehen, daß du alle Schuld auf dich genommen?« – »Er wird es wohl dem Vater nachher gesagt haben, daß er auch nicht ohne Schuld ist. Er kam mir nach auf den Bahnhof und gab mir das Reisegeld hierher. Die Mutter schickte es mir. Wohl«, fügte Hanna bitter hinzu, »damit sie mich auch je eher je lieber los würde. Gustav sagte mir noch, daß der Vater so aufgebracht sei, komme daher, weil er bedeutende Verluste gehabt. Er stehe auf dem Punkt, Bankrott zu machen.« Hanna schwieg erschöpft. Ich aber wußte nun, daß aus dem selbstsüchtigen Mädchen eine selbstlose, sich aufopfernde Frau geworden war. »Was wird aus deinem Mann, was wird aus dir und dem Kinde, welche Zukunftspläne habt ihr?«

»Frage mich nichts!« erwiderte das arme, unglückliche Weib, »ich weiß es nicht. Wir haben kein Geld, keine Sachen, keine Stelle; der ärmste Taglöhner ist reich gegen uns. O, es ist furchtbar! Es hat kein Segen auf uns geruht. Und daran bin ich schuld. Von dem Tage an, da ich Gustav gesehen, habe ich meinen Heiland vergessen. Er, der die erste Stelle in meinem Herzen einnehmen sollte, ist verdrängt worden durch den Mann, den ich liebte. Ich habe nicht mehr mit Andacht in der Bibel gelesen, habe es nach und nach vergessen. Darum kommt nun Gott mit Seiner Strafe, die ich wohl verdient habe. Es tut mir leid, daß ich wider Gottes Gebote gesündigt habe, ach so leid, Christine!«

So hatte ich Hanna nie gesehen. Ihr Wille war gebrochen; ihr Herz war durch die Not zum Herrn geführt, den sie in den Tagen des Glücks vergessen. Sie weinte still vor sich hin, ich strich ihr sanft mit der Hand über das Haupt und sagte ihr tröstende Worte, bis sie endlich ermattet einschlief. Ich war zu aufgeregt, um schlafen zu können, ich habe mein Buch genommen und alles hineingeschrieben; aber oft mußte ich die Feder aus der Hand legen und seufzen und weinen. Die Zukunft hegt sehr dunkel vor uns. Was soll aus der armen, unglücklichen Familie werden? Und wie soll das Schreckliche der ahnungslosen Mutter beigebracht werden? Doch mein Kopf ist zu müde zum Denken, für heute sei's genug mit dem Schreiben, sonst bin ich morgen untauglich zur Arbeit, die meiner wartet.

 

Lätare.

Nun ist der Mutter allmählich die Wahrheit beigebracht. Sie ringt die Hände und vermag es nicht zu fassen, daß alles, was sie so mühsam zur Aussteuer zusammengebracht, verloren ist. Daß Hanna es durch schlechtes Wirtschaften durchgebracht, glauben wir alle nicht. Sie hat gewiß auch ihr Teil Schuld, aber dieser »Monsieur« sollte sich schämen, daß er es ruhig ansieht, wie die arme Frau sich für ihn schuldig gibt. Heute ist ein Brief gekommen voller Liebe und Sehnsucht nach Hanna. Das Ende vom Lied ist, daß seine Eltern darauf dringen, er solle sich wieder einen Beruf suchen, sie wollen ihn nicht länger im Hause haben. Zur Schwiegermutter zu kommen, scheut er sich, so schlägt er Hanna vor, mit ihm in die Großstadt zu ziehen, welche H. am nächsten liegt. Dort fände er am ehesten Beschäftigung. »Aber Kinder«, sagte Charlotte, als Hanna dies aus dem Brief mitteilte, »ihr habt ja keine Sachen, ihr könnt doch nicht in die leeren Räume einziehen?« Da sah Hanna ihre Mutter mit einem schmerzlich bittenden Blick an, legte die Hand auf ihren Arm und sagte: »Mutter, dann müßtest du mit deinen Sachen zu uns ziehen und bei uns wohnen; anders würde es ja nicht gehen.« – »Daß die arme Tante auch um Hab und Gut kommt«, fuhr es Charlotte heraus. – Hanna sah sie mit einem wehmütigen Blick an. »Weißt du einen andern Rat?« sagte sie gedrückt. – Charlotte schwieg. Endlich sagte sie mit gepreßter Stimme: »Es wird wohl nichts anderes übrig bleiben.«

Frau Pfarrer saß die ganze Zeit über stumm, die Hände vors Gesicht gepreßt. Endlich sah sie auf. »Wieder umziehen«, sagte sie traurig, »und alles, was mir lieb ist, preisgeben?« – »Es soll ja alles dein bleiben, liebe Mutter. Du erlaubst uns, daß wir deine Möbel mitbenutzen.« – »Und wovon gedenkt ihr zu leben?« – »Gustav wird bald eine neue Stelle bekommen.« Immer wieder der alte Satz: »Gustav wird bald eine neue Stelle bekommen.« Und wunderbarerweise bekam er auch vermöge seines einschmeichelnden Wesens, seines klugen Redens und verschiedener Zeugnisse, die er immer bei sich führte, stets wieder irgendeine Anstellung, aber es währte stets nur kurze Zeit, dann war er wieder brotlos. Ein elendes Leben fürwahr! Und das war der gepriesene, reiche und kluge Monsieur de Pierre!

»Können denn die Eltern gar nichts tun?« fragte Charlotte. – »Sie haben früher schon viel gegeben, der Vater hat jede fernere Hilfe verweigert. Und überdies«, fügte Hanna stockend hinzu, »scheint es mit dem Schwiegervater auch nicht gut zu stehen. Der Fall mehrerer bedeutender Handlungshäuser hat ihn auch ruiniert.« So stehen die Sachen. Über kurz oder lang wird »Monsieur« seine Ankunft in der Großstadt melden, und dann ist für Frau Pfarrer die Zeit da, daß sie ihr Zelt hier abbricht, um ihren Kindern das Heim ein zweitesmal zu bauen. Alle gehen gedrückt und still einher, nur Hänschen jauchzt und ist fröhlich und guter Dinge. Seine kleine Seele ahnt nichts von dem traurigen Los seiner Eltern; er weiß nicht, daß er einen leichtsinnigen Vater und eine vom Kummer tiefgebeugte Mutter hat.

 

Judica.

Frau Pfarrer rief mich gestern, als Hanna oben beim Kleinen beschäftigt war, und sagte: »Meine liebe, treue Christine, nun liegt mir noch das Schwerste ob. Dich können wir nicht mitnehmen, wir können uns hinfort keine Stütze halten, sondern wollen alles selbst tun; ich hatte immer gehofft, dich bei mir behalten zu können, aber unsere Verhältnisse sind derart, daß wir uns aufs äußerste einschränken müssen.« – »Dann müssen wir uns vorderhand trennen«, entgegnete ich traurig, setzte aber hinzu, daß ich mit in die Stadt gehen würde und alles einrichten, dann aber suchen wolle, an demselben Ort möglichst in ihrer Nähe eine andere Stelle zu finden. Frau Pfarrer schluchzte laut. »Christine, von dir mich zu trennen, scheint mir unmöglich. Wir haben Freude und Leid zusammen getragen, mehr denn zwanzig Jahre!« Ich tröstete meine Frau und sagte, daß wieder glückliche Tage kommen würden und daß sie ihre Augen aufheben sollte zu den Bergen, von denen die Hilfe kommt. Dann trat Hanna mit dem Kleinen an. Ich aber ging hinauf in mein Stübchen und weinte bitterlich.

 

Palmarum.

Charlotte ist wirklich edel und gut. Sie hat heimlich, ohne daß es jemand wußte, an die reichen Verwandten des sei. Herrn Pfarrers geschrieben, hat ihnen die Not vorgestellt, hat wahrscheinlich Hannas jetzigen Gesundheitszustand geschildert und sie gebeten, sich zu erbarmen. Sie haben sofort eine namhafte Summe Geldes geschickt. Nun ist wenigstens für den Umzug gesorgt, und es ist für die ersten Wochen Geld da. Dann muß der Mann sorgen. Mir aber schenkte Gott der Herr eine Stelle in der Nähe, damit ich zur Hand sein kann, wenn es not tut!

 

Misericordias domini.

Wieder zogen wir durch die stille Heide der Hauptstadt zu. Nur vier Jahre waren verflossen, als Hanna frisch und blühend mir gegenüber saß und hoffnungsvoll in die Zukunft schaute. Nun lehnte in der Ecke des Wagens ein blasses, hohlwangiges Weib, das des Lebens Bitterkeit erfahren. Sie hatte ihres Heilands Hand verlassen und war vom rechten Wege abgeirrt. Nun sah sie, daß sie ohne den treuen Hirten verderben müsse; darum kehrte sie wieder um zu Seiner Herde, und der gute Hirte hörte die schwache Stimme Seines armen verirrten Lammes und kam, es zu suchen.

Der liebliche Ort, der eine so schöne Friedensstätte für uns hätte sein können, lag hinter uns, die Großstadt mit ihrem Lärm und Getöse vor uns. Am Bahnhof wartete »Monsieur«. Er hatte eine Droschke gemietet, in welche wir stiegen, um die sehr fern liegende Straße, in welcher er eine Wohnung gemietet hatte, zu erreichen. Er war verlegen, als er seine Schwiegermutter begrüßte. Diese, die wohl Grund hatte, ihm zu zürnen, sagte nur in ihrer sanften Weise: »Ihr habt schlecht hausgehalten, Gustav, das muß anders werden.« – »Ja gewiß, liebe Mutter«, war die Antwort. Dann wußte er sie durch liebenswürdige, gewandte Redensarten so zu fesseln, daß die gute Frau Mutter, wie immer ihm gegenüber, auf den Mund geschlagen war. Die Wohnung lag im vierten Stockwerk in einer langen Straße. Hanna mußte oft ausruhen und husten, bis sie oben war, dann sank sie erschöpft in einen Lehnstuhl. Es war ein Stuhl, in welchem der sei. Pfarrer besonders gern gesessen. Alle Möbel heimelten uns an, daher kam es auch wohl, daß Frau Pfarrer sich hier schneller einlebte als anderswo, wiewohl die Räume sehr eng und beschränkt waren. Wie gut, daß Geld von den Verwandten da war, Gustav hatte bis jetzt keine Stelle. Erst zu Ende des Monats würde er, wie er sagte, Arbeit bekommen in dem Kontor eines reichen Kaufmanns. Die Anstellung an der Post hatte er nun aufgegeben, wohl auch nie gehabt; es war alles Schwindel gewesen. Daß er es zu irgendeinem Examen in irgendwelchem Fache gebracht, glaube ich nimmer. Er hatte die Schule durchgemacht und dann, denke ich mir, hatte das Bummeln seinen Anfang genommen. Hanna, das arglose Mädchen, und die noch arglosere Mutter hatten sich von ihm täuschen lassen. Meine hellen Augen waren ihm stets ein Dorn im Auge gewesen. Doch sie sollten ihn ferner beobachten, wenn er es auch nicht meinte. Ich hatte innerlich zu Gott geseufzt, Er möchte mich eine Stelle in der Nähe meiner Lieben finden lassen, und Gott erhörte mein Gebet schneller als ich gedacht. Im zweiten Stockwerk desselben Hauses wohnte eine Frau von Z., deren Wirtschafterin erkrankt war. Ich konnte in ihre Stelle eintreten, und nebenbei erlaubte mir die gnädige Frau, welcher ich mit kurzen Worten einiges von den Schicksalen der Frau Pfarrer mitgeteilt, abends eine Stunde oben helfen zu dürfen. So bin ich entschlossen, der jungen Frau die schwerste Arbeit abzunehmen, habe ihr heute einen schweren Korb, mit dem sie die Treppe hinauf wollte, abgenommen und ihn für sie nach oben getragen. So will ich ihre drückende Lage, so viel in meinen Kräften steht, erleichtern und ihr helfen, wo ich kann.

 

Cantate.

Hohe Häuser umgeben uns ringsum. Nur von einem Fenster aus sehe ich die grüne Spitze eines Baumes über eine hohe Mauer grüßen, daran merke ich, daß es Frühling ist. Wenn man grüne Felder und blühende Sträucher sehen will, muß man weite Wege machen. Frau Pfarrer und Hanna bleiben lieber daheim, das weite Gehen greift sie beide an. Ich war eben bei ihnen. Beide saßen am offenen Fenster und schauten trübe auf die Straße, in der geputzte Leute hin und her gingen. »Monsieur« ist, wie immer, in die Stadt gegangen, um sich mit seinen Freunden die Zeit zu vertreiben. Er gewinnt überall Freunde, die willig von ihm angebotene Zigarren rauchen und sich von ihm Bier vorsetzen lassen. Ihm sitzt das Geld so lose, er gibt es leicht weg am unrechten Ort; nur wenn die Seinen zu notwendigen Ausgaben etwas haben wollen, hat er nichts. Das Geld von den Verwandten naht sich seinem Ende, die arme Frau Pfarrer muß dann das Wenige, was sie selbst hat, mit Hanna und ihrem Kinde teilen. Dabei ist »Monsieur« immer oben auf, redet von bedeutenden Stellen, die er in Aussicht hat, während Hanna und ihre Mutter schweigen und recht aussichtslos in die Zukunft blicken. Ich arbeite jeden Abend von halb neun an bei ihnen und nehme der jungen Frau die schwerste Arbeit ab. Sie ist immer still und geduldig, keine Klage kommt über ihre Lippen, kein Vorwurf trifft den Mann, der so wenig für sie sorgt. Auch ihr Verhalten gegen die Mutter ist ein ganz anderes geworden. Seit sie täglich aus den lauteren Quellen des Wortes Gottes schöpft, ist eine heilsame Veränderung mit ihr vorgegangen.

Dein Wort, o Herr, laß täglich sein
Die Leuchte unsrer Füße,

Erhalt' es bei uns klar und rein,
Hilf, daß wir draus genießen
Kraft, Rat und Trost in aller Not,
Daß wir im Leben und im Tod
Beständig daraufbauen!

 

3. Sonntag nach Trinitatis.

Gestern hat unsere Hanna einem zweiten Söhnlein das Leben gegeben und ist bald darauf schwer erkrankt. Es herrscht große Aufregung und Verwirrung oben. Die Mutter ist ganz ratlos und möchte Charlotte zum Beistand. »Monsieur« scheint auch besorgt, ist aber entschieden dagegen, das Bäschen kommen zu lassen. Frau v. Z., eine sehr gütige Dame, will mich freigeben und sich nach einer andern Stütze umsehen. Natürlich ist mein Platz bei meiner alten Herrschaft.

 

4. Sonntag nach Trinitatis.

Am Freitag hat der Herr unsere Hanna heimgeholt. Die Mutter ist ruhig und gefaßt, sie weiß ihr Kind entnommen allem irdischen Leid; sie ahnt wohl, daß, wenn Hanna am Leben geblieben wäre, viel Not und unabsehbares Elend ihr Teil gewesen wäre. Dem armen, jungen Weibe ist sehr viel zugemutet worden im letzten Jahr, aber ihre Seele ist durch die Trübsal bewährt worden zur Seligkeit. Dafür dankt die Mutter Gott. – Nun liegt unser Kind, unsere frische, lebensfrohe Hanna auf der Bahre. Einen Kranz von weißen Rosen hält sie in der Hand, die unverwelkliche Krone des ewigen Lebens wird ihr Gott aus Gnaden geben.

Charlotte, die treue, gute Seele ist gekommen. Sie wollte heimreisen, um die Sommerferien bei den Eltern zu verleben, da traf sie die Trauerbotschaft, wie sie beim Kofferpacken war. Sie hat alles liegen und stehen lassen, um der Tante zum Trost hierher zu eilen. Morgen ist das Begräbnis. Wäre nur alles schon vorüber!

 

5. Sonntag nach Trinitatis.

»Monsieur« ist außer sich in seinem Schmerz, doch ich glaube, er wird es bald überwunden haben: er ist zu leichtsinnig, als daß ein tieferer Eindruck haften bleiben könnte. Das kleine Knäblein, das am Sarge der Mutter getauft wurde, war so schwach, daß es derselben bereits gefolgt ist in die ewige Heimat. Der kleine Hans ist kräftig und munter, er weiß nicht, was er verloren hat. Frau Pfarrer möchte gern den kleinen Enkel behalten, aber mit dem Schwiegersohn will sie nicht zusammen bleiben. Alle raten davon ab. »Monsieur«, der gern die Schwiegermutter noch mehr ausgenützt hätte, ist ärgerlich, daß sie mit ihren Sachen an einen andern Ort ziehen will, und hat sich plötzlich entschlossen, zu seinen Eltern zu reisen und den Kleinen mitzunehmen. Will er durch den Anblick des Kindes die Eltern noch einmal erweichen, daß sie ihm Obdach gewähren, bis er abermals eine Stelle hat? Was wird aus meiner armen, schwergeprüften Frau und mir?

 

Im Sommer 1874.

Zwei Jahre sind wieder dahin. Die letzte Frage in meinem Tagebuch hat der Herr gnädig gelöst. Wir sind beide wieder an dem Ort angekommen, in dem Frau Pfarrer ihr erstes und einziges Ehejahr so glücklich verlebte. In dem Städtchen gibt es ein Stift, in dem alte Frauen und Jungfrauen unbescholtenen Rufes unentgeltliche Aufnahme finden. Die Vorsteherin des Stiftes war gestorben, und nun ist meine liebe Frau Pfarrer als neue Vorsteherin berufen. Sie hat eine hübsche Wohnung und einen niedlichen, kleinen Garten dort, und genießt außerdem manches Gute, was sie sich als alleinstehende, arme Witwe nicht hätte leisten können. Ich habe, als alte Jungfer, auch ein Plätzchen im Stift bekommen einesteils, weil ich 25 Jahre in einer Stellung gewesen, andernteils, weil ich aus dem Ort selbst stamme und Eingesessene immer den Vorzug haben. Als wir wieder unsern Einzug im Städtchen hielten, waren wir beide tief bewegt. Doch ich durfte mich nicht lange meinen Gefühlen hingeben. Arbeit gab es in Menge. Es galt, meiner Herrin ihr letztes Heim gemütlich und freundlich einzurichten. Wie glücklich war ich, bei ihr bleiben zu können, ihr nach wie vor zu dienen, wie ich es dem Herrn Pfarrer versprochen. Frau Pfarrer half beim Einrichten, dann aber, gegen Abend, als ich sie noch etwas fragen wollte, war sie verschwunden. Ich ahnte, wo ich sie finden würde. Als ich mit meiner Arbeit ziemlich fertig war, ging ich durch den Stiftsgarten, an den Scheunen vorbei, zum Gottesacker. Ich fand die Tür angelehnt und betrat denselben. Es war still und menschenleer. An einem der Hügel, der ein hohes, schwarzes, mit Efeu umranktes Kreuz zeigte, kniete meine liebe Herrin. Sie hatte das Kreuz mit den Händen umschlungen und schluchzte leise. Dort, in der fremden Stadt, hatte sie ein Grab zurückgelassen, hier fand sie eins wieder. Sie hatte alles verloren, was ihr auf der Erde teuer war, und das einzige Vermächtnis ihrer Tochter, das hatte der Mann, der so viel Weh über sie gebracht, mitgenommen in die Fremde. Alle Bitten, das Kind ihr zurückzugeben, waren vergebens. Er war mit dem Kleinen über das Meer gegangen in einen fernen Weltteil. – Ich berührte meiner Frau Schulter und zeigte auf die Worte am Kreuz: »Was Ich tue, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren.« Da rief sie in bitterem Schmerz: »Christine, wäre ich meinem Kinde nicht eine so schwache Mutter gewesen, es wäre alles anders, ganz anders gekommen.« Ich schwieg bei diesem ihrem demütigen Zugeständnis ihrer Schwäche, bat sie aber dann, sich wie sonst an Gottes Barmherzigkeit und Treue zu halten, und ihn zu preisen, der alles wohlgemacht.

Da ertönte das Abendläuten vom fernen Kirchlein. Wir falteten die Hände, und Frau Pfarrer betete laut: »Christe, Du Lamm Gottes, der Du trägst die Sünde der Welt, erbarme Dich unser; Christe, Du Lamm Gottes, der Du trägst die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden!«

Frieden hat die liebe Frau. Sie wird geliebt und verehrt von allen Insassen des Stifts. Sie tragen sie auf den Händen; es ist ein Wetteifer, wer ihr am meisten Handreichung tut. Ich bin und bleibe aber ihre erste Dienerin, und ich sage es jetzt, da ich im Dienste alt und grau geworden bin, aus eigener Erfahrung, was damals mein seliger Vater zu mir sprach: »Das Dienen ist ein köstlicher und lieblicher Stand, wenn man's treu damit nimmt.« Je länger bei einer Herrschaft, desto mehr wächst man zusammen mit derselben in Freude und Leid, desto mehr wird man ein Glied des Hauses und wird geliebt und geachtet. Und so will ich dienen bis an mein Lebensende, und wenn der Herr mir aus Gnaden Seine Himmelstür auf tut, so will ich Ihm dienen mit Freuden und vor Sein Angesicht kommen mit Frohlocken. Und würdigt Er mich einst, die goldenen Gefäße des Himmelreichs zu waschen, so will ich es tun und dabei lobsingen und preisen Ihn, der da ist und bleibt unser Meister von nun an bis in Ewigkeit. Amen!








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