Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Bechstein >

Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
Schließen

Navigation:

Ilmenau.

Wer jemals in einer der heitern Thüringerwald-Städte süssruhend vom Kuss des Morgens geweckt wurde, ohne mit dem Bewusstsein zu erwachen, du musst aufbrechen und weiter wandern – wer dann gemächlich sich erhob und behaglich zum Fenster hinausschauend die Frische des Morgens wohlgemuth in sich trank, links und rechts und gegenüber Nachbarhäuser und Nachbarfenster musterte, und über ein und das andere Haus hinweg gleich hinaus sah auf Wald und Berge, der hat gefühlt, was die Reisenden empfanden, die in Ilmenau einen jungen Tag begrüssten, dessen Erwachen so erquickende Kühle fächelte und dessen Himmel so rein und saphirblau sich über dem dunkelgrünen Gebirge wölbte. Das Hirtenhorn durchschallte den noch stillen Ort, und in einem endlos langen Zuge wandelte die Heerde der Stadt mit ihren harmonisch gestimmten Glocken dem Thore zu.

Lenz und Wagner hatten von den holden Jungfrauen geträumt, die ihnen am gestrigen Tage auf dem Oberhof erschienen, und waren an ihrer Seite über elysische Gefilde gewandelt, während Otto, in frühe Zeiten vom Zauberer Hypnos zurückgeführt, im wunderlichen Traumleben halb schwelgte, halb litt. Jenen beiden war es Genuss, von der freundlichen Erscheinung zu sprechen, die, wie es schien, ihre Herzen dauernd beschäftigte und beglückte, und der Freund kannte viel zu sehr aus eigener Erfahrung die holde Schwärmerei jugendlicher Liebesphantasieen, um nicht theilnehmend den Mittheilungen, Wünschen und Hoffnungen seiner Begleiter sich hinzugeben. Er fühlte lebhaft, dass es nicht wohlgethan sei, auf dem Verfolg der Reise stets nur den Docenten hervorblicken zu lassen, sondern wo möglich selbst auch Lernender zu sein, wäre es auch nur in der schweren Kunst der Herzenskündigung.

Endlich entstand nach dem Frühstück doch die Frage: wohin zuerst? Sollte die Porzellanfabrik, oder die Papiermachéefabrik zuerst besehen, oder zuerst ein Ausflug in die Umgegend gemacht, ein Bergwerk befahren und Mineralien gesehen und gesammelt werden? Es war an Otto, die Eintheilung des Tages, den die Reisenden zum Verweilen in Ilmenau ersehen hatten, zweckmässig zu bestimmen. Er schlug vor Allem eine Morgenspazierfahrt vor, die ohne Verzug ausgeführt wurde. Rasch durchfuhren die Freunde das Städtchen, zum obern Thore hinaus, an der Porzellanfabrik, den Halden des Johannesschachtes und seinem Zechenhause vorüber und den Martinröder Berg hinan. Auf der Höhe wurde an einem reinlichen geebneten Platze Halt gemacht, und den Aussteigenden stellte sich ein einfaches Werk der Kunst und ein bewundernswerthes der Natur dar; das erste ein Denkmal in Form eines Altars aus dem rothen Sandstein des Berges, mit der Inschrift auf der einen Seite:

Marienstrasse
Ihr Name unser Stolz
Ihr Zweck gemeinsamer Nutzen.

auf der andern Seite:

Die Communen des Amtes Ilmenau
1809 – 1811.

und Otto erläuterte, dass die Strasse ihren Namen zu Ehren der Grossherzogin Maria Paulowna von Weimar erhalten habe. Die Fremden umstanden aber bald anstaunend die grosse Eiche, einen riesigen, wohl mehr als tausendjährigen Baumstamm, der gerade nicht hoch, aber weitschirmend die greisen Aeste breitet. Derselbe übertrifft zwar nicht die Grimmenthaler Wallfahrtslinde an Umfang, steht ihr aber nur wenig nach. Lenz umklafterte den Stamm und fand, dass derselbe über dreissig Fuss im Umfang hielt. Eine reizende Fernsicht bot sich von der Höhe des Martinröder Berges den Reisenden, die vom jungen Morgen verklärt ward. Durch die Waldung ist ein Blick frei auf die aus dem Wiesengrund aufragende Elgersburg, hinter welcher die Arlesberger Forste mit dem Rumpertsberg, dem Schmidstein, dem Lindenberg und andern einen dunkeln Hintergrund bilden; die schmale Thalrinne des Martinröder Wassers gewährt einen Hinabblick auf das Städtchen Plaue, einen der ältesten Orte Thüringens, über welchem malerisch die Ruine der Ehrenburg thront, und die weisse, hochgelegene Kirche weithin leuchtet. Hoch und kahl, mit wilder Felsklippenzerklüftung, hebt sich mehr rechts die Höhe der Reinsburg über ihre Nachbarberge; ein Stück Gemäuer, das auf ihrem Scheitel steht, bezeichnet die Stätte einer bis auf den Namen ganz verklungenen Veste. Weitere Aussicht deckt die Tannenholzung; aber äusserst lieblich gewährte sich den Rückfahrenden die Ansicht von Ilmenau mit seinen 417 Häusern, das am Fusse der Sturmhaide, zum Theil noch mit an ihrem Abhang freundlich und nett nach wiederholtem Brandunglück hingebaut ist. Breite Wiesenstrecken rahmten eine Menge kleiner Teiche ein, und einer derselben blitzte gross und weit, wie ein spiegelnder See, das Gold der Morgensonne zurück.

»Hinter dem Ehrenberg, der sich über jenem grossen Teich erhebt«, nahm Otto das Wort, »liegt ein Marktflecken, in welchem ein genialer deutscher Schriftsteller das Licht der Welt erblickte. Langewiesen ist des Fleckens, Heinse des Schriftstellers Name. Aus dem rauhen Klima des Thüringer-Waldes trat diess feurige Herz und legte sich erglühend an den warmen, üppigen Busen Italiens. Der Süden beugte sich über ihn, sah ihn tief und lange an mit den schwarzen, flammenden Augensternen, und als er ihn fragte: wie heissest du? antwortete der Süd mit einem Seufzer: Fiormona! Laidion! Heinse trat wie ein wunderbarer Stern an den Dichtersternenhimmel seiner Zeit, und verschwand wie ein solcher. An seinen Strahlen entzündete Mancher der Romantiker seine Gluth, und der Einfluss seines Ardinghello auf mehre Werke dieser Schule ist unverkennbar. Dieser Dichter kam mit seinen phantastisch-üppigen, sinnlich-flammenden Phantasiegebilden und Künstlernovellen um dreissig Jahre zu früh. In seiner stillen, einförmigen Heimath litt es ihn nicht, er musste wandern, schwärmen, glühen, anbeten, und ist fern von Thüringen gestorben.«

Die Freunde hatten Ilmenau wieder erreicht und der Führer rieth zu einem Excurs nach Manebach, um dort das Bergwerk zu besehen und das sehr freundliche Thal nicht unbesucht zu lassen. Zuvor führte er aber die Gefährten bei einem seiner Ilmenauer Freunde ein, der den Bekannten wie die Fremden mit gewohnter herzlicher Gastlichkeit willkommen hiess, obschon ihm bereits das Vogelschiessen das Haus mit Gästen gefüllt hatte. Alles war in heiterer, seelenvergnügter Stimmung, wie ein Volksfest sie erfordert, und reichlich flossen schon am Vormittag die Gaben des Dionysos. Ja es hielt sogar schwer, sich wieder loszureissen aus dem frohen Männerkreise und der Unterhaltung, welche ihn belebte. Während Otto mit alten lieben Bekannten Fragen und Antworten tauschte, erzählte der Herr des Hauses dem naturkundigen Lenz, an welchem er einen aufmerksamen Hörer fand, die Geschichte des Ilmenauer Bergbaues, zeigte ihm aus dem Fenster seines der Sturmhaide ganz nahe gelegenen Hauses diesen Berg und berichtete, dass auf ihm in den ältesten Zeiten eine Raubburg gelegen, die vom Kaiser Rudolph mit 65 andern zerstört worden sei, dass schon im dreizehnten Jahrhundert der Bergbau, doch mit mancher Unterbrechung, geblüht habe, vornehmlich auf Kupfer und Silber betrieben, letzteres mit einer Ausbeute von 16,398 Mark innerhalb 10 Jahren. Der Berichterstatter nahm aus einem Büreauschranke die ganze reichhaltige Serie der in Ilmenau geprägten sächsisch-hennebergischen Silbermünzen und zeigte sie vor, meldete dann, wie durch Teichdurchbrüche und überwältigende Grubenwasser die Werke zum Erliegen gekommen, wie durch den Grossherzog Carl August unter der thätigsten Mitwirkung Göthe's und des Bergraths Voigt, des bekannten Mineralogen, 1784 abermals eine neue Gewerkschaft gebildet und eine Zeitlang nicht ohne Erfolg der Bau im Flötzgebirge der Sturmhaide auf erzhaltigem, bituminösem Mergelschiefer betrieben worden sei. »Doch ein Stollenbruch«, fuhr der Erzähler fort, »welcher sich im Martinröder Stollen 1796 ereignete, ersäufte den Kunstschacht – und die Gewerke, die ohne rechten Erfolg 16,000 Thaler in dem neuen Johannesschacht bei Roda verbaut hatten, wurden muthlos. Das Beste, auf was wir jetzt noch bauen, ist Eisen und Braunstein.«

Unterdess hatte einer der anwesenden Bewohner Ilmenau's ein Gespräch mit Wagner angeknüpft und diesen von den Tagen unterhalten, welche Carl August, Göthe und Knebel dort in heiter waltender Gemüthlichkeit, allen Zwanges baar, den die Etikette in Weimar den verwandten Geistern vor Zeugen anlegte, oft übersprudelnd froh verlebt. Da ward jenes noch stehende Berghäuschen auf dem aussichtreichen Gipfel des Gückelhahns erwähnt, an dessen Wand Göthe mit Bleifeder einen sinnigen Vers schrieb, und Anekdote an Anekdote gereiht. Auch noch vorhandene Briefe Göthe's in den damaligen Bergbau-Angelegenheiten wurden erwähnt und vorgezeigt; sie trugen aber alle den gleichen Typus des formellen Geschäftsstyls, den der grosse Dichter sich angeeignet hatte, so dass nichts Erfreuliches aus ihrer Lectüre gewonnen wurde.

Endlich ward verabredet, am Nachmittag und Abend mit alten und neuen Bekannten wieder zusammen zu treffen, und nach Manebach aufgebrochen. Rasche Pferde führten die drei Reisenden, denen ein beim Bergamt Angestellter auf ihr Bitten sich angeschlossen, dem schönen, von der Ilm durchschlängelten Manebacher Grunde zu. Sie fuhren an mehren Mühlwerken vorüber, und der junge Begleiter machte sie auf die ungeheure Schlackenhalde aufmerksam, die vor dem Frauenwalder Thore aufgethürmt lag, und erwähnte dabei, dass diese noch aus der Zeit des ergiebigen Silberbergwerks herrühre und einigermassen von dessen ungeheurem Betrieb zeuge, obwohl unendlich viel davon zum Chausseebau hinweggefahren worden.

Schon pilgerten einzelne Lustwandler dem Schützenhofe zu, Musikanten, die Instrumente auf dem Rücken tragend, Bürger und Bauern von nahen und fernen Orten, und die Verkäufer hatten bereits ihre Buden aufgethan. Ja, aus einem Kiosk leuchteten auf dem geräumigen, mit Buden und Laubzelten geschmückten Platz vor dem Schiesshaus auch die farbigen Gewänder eleganter Damen. Schüsse knallten, die Trommel des Zielers wirbelte, das fröhliche Leben begann.

»Halt!« rief der Begleiter dem Kutscher zu, und die Rosse standen. »Wir wollen zwar jetzt, da wir Wein getrunken, kein Bier trinken, aber ich ersuche die Herren, einen Augenblick auszusteigen und mir zu folgen. Jetzt ist es leichter, Ihnen die grösste Merkwürdigkeit unsers Schützenhofes zu zeigen, als Nachmittags, wenn eine drängende Menge sie umlagert.« Die Reisenden betraten mit ihm das Erdgeschoss des 132 Fuss langen, 2 Etagen hohen Schützenhofes und schritten in den ungeheuern Keller. Dieser, so geräumig in festen Porphyrfels getrieben, dass man mit einem Wagen darin fahren könnte, besteht aus zwei neben einander parallel laufenden Wölbungen, jede 170 Fuss lang, aus denen ein 20 Lachter tiefer Schacht als Luftloch aufwärts führt. Darin lagerte nun in zahllosen Fässern das berühmte Ilmenauer Felsenkellerbier, das weit in die Umgegend, nach Erfurt, Weimar und andere Städte Thüringens versandt, durstige Kehlen nicht minder erquicklich, wie an Ort und Stelle, labt. Der Keller wurde gebührend trefflich gefunden, nicht minder das Bier, welches doch versucht werden musste, und dann ging die Fahrt im Manebacher Grunde fort. Während derselben sprach sich der Bergbeamte belehrend über den Boden Ilmenau's in mineralogisch-geognostischer Beziehung aus, was besonders von Lenz mit Dank angenommen wurde. »Der Kern unsers Gebirges«, sprach er, »wird von Porphyr gebildet, mit mächtigen Anlagerungen von Todtliegendem. Der Hornsteinporphyr tritt in nackten Felsengruppen zu Tage, und der Schooss des Gebirges enthält vornehmlich Braunstein- und Rotheisensteingänge, untermengt mit Schwer-, Fluss- und Kalkspath-Geschieben. Das Todtliegende zeigt sich theils als Conglomerat, theils als bunter Thon- und Sandstein, und über demselben haben sich bituminöse Mergel- oder Kupferschiefer aufgelegt, unter denen früher die silberreichen Sanderze brachen, welche den Flor der Stadt gründeten. Im Kupferschieferflötz nach Roda zu fand man schöne Fischabdrücke, und über denselben kommen Lager von Zechstein mit Gryphiten, Gyps und Stückstein vor, über welchem die Sandstein-Formation beginnt, die unsern Porcellan- und Glasfabriken höchst brauchbares Material liefert. Am häufigsten wechseln die Gebirgslager auf dem Wege nach Langewiesen; der Ehrenberg bietet auf der kurzen Strecke von der Lohmühle bis zum Marienhammer gegen zwanzig verschiedene Gesteinarten. Bei Manebach und Kammerberg, wohin wir fahren, liegen zwischen Kohlensandstein und Schieferthon Steinkohlen in vier mächtigen Flötzen so über einander, dass jedesmal der Schieferthon die Steinkohlen einschliesst, und der Kohlensandstein zweimal eingeschlossen ist und zweimal die äussern Kettenglieder bildet.«

Auf diese Weise lehrreich unterhalten, legten die Reisenden gar bald das freundliche Thal zurück und kamen bei den genannten, unter Felsen und aufwärts steigenden waldumkränzten Bergwiesen reizend und malerisch gelegenen Orten an. Man ging zu dem Stollen, grüsste mit heiterm »Glück auf!« Steiger und Knappen, schwarze Bergmannshemden wurden übergeworfen, Grubenlichter angezündet, und so gerüstet fuhr man ein. Rauschend tosten die Wasser des Kunstschachts, und die Gestänge ächzten, bewegt von einem mächtigen Rade über der Erde. Die Ausbeute in der Tiefe für die Besuchenden waren interessante Abdrücke vorweltlicher Kryptogamen und versteinerte Reste von palmenartigen Monocotyledonen. Die Arbeit der Knappen in diesen Schachten ist mühsam und beschwerlich; jährlich werden über 6000 Centner Steinkohlen zu Tage gefördert.

Freudig begrüssten die Grubenbefahrer wieder den warmen Tag, das göttliche Sonnenlicht, nahmen im Gasthause zu Manebach einen ländlichen Imbiss und tranken dazu, es klingt fabelhaft, ächtes Augsburger Bier, das thüringische Fuhrleute der Rarität halber von Zeit zu Zeit mitbringen. Die Thüringer Wäldler, im Besitz vortrefflicher Brauereien und Biere, wollen denn doch auch manchmal etwas Apartes haben.

Der Platz vor dem Ilmenauer Schiesshause wimmelte am Nachmittag, der weite Tanzsaal wimmelte; die Lauben, die Hütten, die Zelte, die offenen Bänke waren gedrängt voll und besetzt. Das war ein Leben! Lustig flaggte die Grossherzoglich-Weimarische Landesfarbe, und Manchem konnte es im Gedränge gelb und grün vor den Augen werden. Haupttag des Vogelschiessens! das war das Zauberwort, das von nah und fern die Tausende herbei- und herüberlockte. Schützen aus allen Nachbarstädten und Flecken, vornehmlich von Amtgehren, welcher Nachbarort alljährlich mit Ilmenau in Abhaltung dieses beliebten Volksfestes wechselt. Hier ist, nach Göthe's Wort: »des Volkes wahrer Himmel.« Von Arnstadt, Erfurt, Gotha, Weimar, Schleusingen, Meiningen, Hildburghausen, Suhl, wie von den kleinern Städten Plaue, Königssee, Eisfeld, Schalkau und andern, der Dorfschaften nicht zu gedenken, finden sich sicher jedesmal Repräsentanten beim Ilmenauer Vogelschiessen ein und helfen diese glänzenden Tage feiern. Die ungeheuern Forste des Weimarischen und der Nachbarstaaten erfordern natürlich ein zahlreiches Personal, und daher sind denn auch die Mehrzahl der Schützen praktische, nämlich Jäger, und es ist eine Lust, mit den naturbefreundeten, daher nicht höfisch zierlichen, sondern ächt deutsch und kernhaft sich offen gebenden Grünröcken zu verkehren. Es war, als wenn nicht allein die nur dritthalbtausend zählende Einwohnerschaft Ilmenau's, sondern die zahlreiche Bevölkerung des ganzen Waldes hier versammelt wäre. Hier bewegt sich denn zwanglos, frei und lebensfroh mitten unter vornehmen und geputzten Städtern das thüringische Landvolk, das Volk, welches rothe Westen und Tuchlätze trägt, und Röcke von der Farbe seiner Wälder, und schwarze oder gelbe Beinkleider; Weiber und Mädchen mit blaugezwickelten rothen Strümpfen, faltenreichen Tuchröcken, braunen Wämsern, silber- und bändergezierten Miedern; und Alle sind lustig und guter Dinge. Da gibt es Musikanten, dort Leiermänner, hier tanzende Paare, dort kosende, dort setzt es auch wohl thüringische Maulschellen und Püffe, die nur wenig die Lust unterbrechen. Unsichtbar segnend wandeln durch die ächte deutsche Volkslust zwei hellenisch-mythische Gestalten, Ceres und Bacchus Arm in Arm. –

Nachdem die Festfeier des Nachmittags, der Schützenzug nach herabgeschossenem Corpus des Vogels, manch donnerndes Vivat, manch schäumendes Glas gesehen, gehört und genossen war, manche alte Bekanntschaft erneut, manche neue angeknüpft worden, folgten die Freunde einer gastlichen Einladung, den Rest des Abends in Wenzels Berggarten zuzubringen, dessen schöner Salon vom Lampenschein erhellt, von freundlichen Gestalten belebt war. Ein köstlicher Kardinal schimmerte purpurn in der Terrine, duftete Vanillearom und empfing durch einige Flaschen Champagner die wahre Weihe. Hell schwammen mehre getheilte Orangen auf der dunkeln Fluth. In die Freude, die im Becherklang austönte, klang plötzlich lauter Männerchorgesang; eine Bergknappenschaar zog auf und sang einen alten beliebten Bergreihen mit stetem Refrain, dessen erste Strophe ächt volksthümlich also lautete:

Viel Bergleut' sind eine schöne Zier
Allhier auf dieser Erd';
Sie bringen das Gold und das Silber herfür,
Gleich wie's geschrieben steht.
Man kann's ihnen auch beweisen,
Sie gewinnen's mit Schlägel und Eisen;
Man könnte nicht lachen,
Kein' Ausbeut' nicht machen,
Wenn halter kein Bergmann nicht wär'.

Es war Mitternacht vorüber, ein Gewitter zog prächtig über den hohen Gickelhahn, dumpfer Donner grollte und schmetterte im Gebirge, in eiligen Zügen stob ein Theil des Volkes nach der Stadt, die Blitze flammten blendend auf und züngelten blau um die Bergscheitel, grosse Tropfen fielen; Alles suchte in Eile ein sicheres Obdach. Zürnend flammte das Wetter über dem Thalkessel der Waldstadt, aber es zog gnädig vorüber und entlud sich nur in der brausenden Stromfluth eines gewaltigen Regengusses.

 


 

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.