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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
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Suhl.

Der nächste Morgen hob heiter lächelnd sein rosiges Antlitz über die grünen Berge, und hauchte balsamische Frische über Thäler und Tiefen. Die Höhen schwammen im bläulichen Opferduft, und die Blumen der Waldwiesen standen im Diamantenschmuck ihrer Kronen wie reizende junge Königinnen. Die zahllosen hochgezogenen Rosenbäume an den Häusern Suhls standen voll und überall prangender Blumen, und ihr Arom füllte so die Strassen, dass der Wanderer sich in eine Stadt des Orients versetzt wähnen konnte; dazu blickte in der Thüringer-Waldstadt fast aus oder hinter jedem Fenster eine Schaar fremdländischer Gewächse überraschend hervor, dort blühende Oleander-und Granatbäume, dort bräutliche Myrthen mit Silberblüthensternen überstreut, dort Camellien und Rhododendren. Hier reihten sich die monströsen Formen seltner Cacteen, und das rosafarbenblüthige Epiphyllum suchte durch Blüthenfülle die Pracht zu überbieten, mit welcher die einsamere Feuerpurpurblume des Cereus speciosus ihre flammende Blüthenherrlichkeit ausstrahlte. Hunderte von Vögeln schmetterten mit leisen und lauten Stimmen ihren Morgengesang, und eine spätsingende Nachtigall ergoss in melodischen Tönen vielleicht ihre Sehnsucht nach Liebe und Freiheit. Von der grünen Wand des Dombergs klang der Morgengruss fröhlichfreier Waldsänger nachbarlich in die Stadt. Das kleine Häuschen droben auf dem kolossalen Porphyrfels des Ottiliensteins glühte im Frühstrahl wie eine Alpenrose und blickte treulich herab auf den schönen regelmässigen Marktplatz. Dort hinauf wurde der erste Ausflug unternommen. Am steilen Bergpfad fand der naturkundige Lenz mehr als ein Fragment des Gesteins, aus dem der Domberg besteht, erst granitischen Syenit und Stücke des fleischrothen Feldspaths, von dem ein Gang den ersten durchstreicht, dann specksteinähnlichen Porphyr, mit bisweilen eingesprengtem Quarz und Braunsteindendriten. – Aufathmend standen die Freunde auf der Plattform des Ottiliensteins, die früher eine Kapelle trug, und überblickten erst schweigend die bezaubernde Landschaft, ehe Freude und Staunen über deren hohen Reiz Worte fand. Die Morgensonne drückte den bläulichen Duft der Frühe in das schöne Gebirgsthal und auf die Stadt, die weithin durch dasselbe die langen Arme ihrer Häuserreihen erstreckte, und mit ihnen, dicht zu Füssen der Schauenden hingebreitet, den riesigen Domberg umfängt, wie ein Kind das Knie des Vaters.

»Wahrhaftig eine so grosse Stadt hätte ich auf dem Walde nicht zu erblicken geglaubt!« rief Wagner entzückt aus, der gern mit gewohnter Fertigkeit das weite Halbrund in sein Skizzenbuch eingetragen, wenn diess sich in kurzer Frist hätte thun lassen, und Lenz äusserte, indem er aufmerksam ein vom Fels gebrochenes Farrnkraut betrachtete: »So malerisch-reizend Suhl hier gelegen ist, so mannichfaltig interessant scheint mir für den Mineralogen wie für den Botaniker seine Umgebung; alles kündet hier die Gebirgsflora an, und ich habe im Heraufsteigen schon vier bis fünf der seltneren Cryptogamen bemerkt.«

»Dass Suhl eine ausgezeichnete Flora hat, will ich meinen;« stimmte Otto bei: »auch in geognostischer Beziehung bietet seine Umgegend eine grosse Mannichfaltigkeit dar. Früher selbst mit Vorliebe Botaniker, habe ich diese Gegend oft durchstreift und aus ihren Schätzen mein Herbarium bereichert; es gewährt eine der reinsten Freuden, so harmlos hinzuschweifen durch die blühende Herrlichkeit der Natur, und immer Neues, vorher nicht Gekanntes zu finden und zu entdecken. Wer mit rechtem Sinn und Ernst Botaniker ist, in dessen Innern bildet sich ein stillfrommes Naturpriesterthum aus, das Herz und Gemüth läutert und heiligt, und noch in späten Jahren blickt man, wie in ein rosiges Tempe, in die Tage zurück, in denen man mit Jünglingsfeuereifer dem reinen Dienst der Flora huldigte und opferte.«

Die Freunde, nachdem sie ihre Blicke an der wahrhaft überraschend schönen Aussicht auf die Stadt, die mit nahe an tausend Häusern munter vom Flüsschen Lauter durchrollt, eines Theils concentrirt den Markt umgibt, andern Theils in drei bis vier Strassenzeilen nach Westen hin sich ausstreckt, dann wieder ähnliche Strahlen in noch längerer Ausdehnung ostwärts sendet, dort auf hohen Mauerterrassen freundliche Häuser und schwebende Gärten zeigt, und endlich mit ihren bescheidnen Vorstädten sich in grünende Thalengen verliert – und an dem Blick auf die frischen Wiesen, die zum Theil inmitten Suhls, von Häusern eingegrenzt liegen, auf die spiegelnden Teiche, die an den Höhen wogenden Saatfelder und die dunkelgrün hinter ihnen aufragenden Waldberge gelabt und ergötzt hatten, setzten sich auf die Bank vor dem Pavillon, welcher den Fels Ottiliensteins schmückt. Otto nahm, – nachdem er eine heimlich mit heraufgebrachte Flasche Rebensaftes, von der Gastlichkeit der Benshäuser Freunde in den Wagen practicirt, entkorkt, den Reisebecher gefüllt und dem göttlich schönen Sommermorgen eine Libation gebracht, erzählend das Wort: »Suhl, meine Lieben, ist die bedeutendste Stadt des Preussischen Henneberg, ausserordentlich gewerblich betriebsam, ein lebensthätiger Phönix, der mehr als einmal schon aus Schutt und Asche zu stets verjüngtem Flor erstand. Der Bergbau, schon im vierzehnten Jahrhundert hier betrieben, legte den Grund zu der Eisenfabrikation, die Suhl längst, wie jetzt noch, Ruf und Ruhm verschaffte. Im dreissigjährigen Krieg wütheten Isolani's Kroaten hier vandalisch und äscherten die Stadt ein; in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zerstörte ein furchtbarer Brand sie ganz; dennoch blieb Suhl, wie man sie mit Recht nannte, die Rüstkammer Deutschlands, man hätte einst sagen können: Europa's. Die erste Gewehrfabrik entstand am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, nachdem schon lange vorher die hier ansässigen Panzerer die fränkische Ritterschaft mit Harnischen und Gewaffen versorgt hatten. Lange Zeit war Suhl Deutschlands einzige Waffenfabrik. Stephan Reiz lieferte dem Polenkönige Stephan Bathori dessen ganzen Bedarf zum Krieg gegen Russland; Preussen, Litthauen und Liefland bezogen Gewehre aus Suhl; vom Kaiser Rudolph II. kamen Abgeordnete, die auf viele tausend Gewehre Bestellung machten; Spanien und Frankreich, die Republik Venedig und die Schweiz, das polnische Zeughaus zu Krakau und Dänemark bezogen eine Zeitlang ihren Bedarf aus der thüringischen Waffenfabrikstadt. Die Türkenschlachten wurden mit Suhlaer Gewehren geschlagen. Und jetzt, wo in allen Ländern sich blühende Gewerke dieser Art erhoben haben, wetteifert Suhl immer noch mit den berühmten Fabriken zu Namur und Lüttich und liefert allein für Holland seit Belgiens Abfall alljährlich 5500 Kriegsgeschosse, während es die Preussische Armee ebenfalls mit 5000 dergleichen versieht und noch gegen 1000 elegante Jagdgewehre und Pistolen jährlich absetzt.«

»Wird der Bergbau lebhaft betrieben?« fragte Lenz, dessen Frage die Lust zu verrathen schien, ein Bergwerk zu befahren, doch musste sie verneint werden. »Der Bergbau war ehemals sehr blühend,« erwiederte Otto: »allein jetzt ist er nicht mehr erheblich. Am Dellberge, der dort drüben sich ziemlich hoch emporhebt, sollen früher täglich 300 Bergleute angefahren sein; er lieferte Glanzeisenerz und Glaskopf, jetzt werden die 9 bis 10,000 Centner Roheisen, welche der Betrieb der Eisenhüttenwerke um Suhl jährlich erfordert, grösstentheils von auswärts her bezogen. Eine Menge alter Halden und verfallener Stollen in der nähern und fernern Umgegend deuten auf den frühern Bergbau hin, und auch Sagen hört man noch von alten Leuten, in welchen der frühe Erzreichthum des Landes fabelhaft vergrössert fortlebt. Ist es euch genehm, so wandeln wir nun hinab in die Stadt, unsre Flasche ist fast leer, geben wir ihr daher vollends den Rest! Drunten führe ich euch eine Strecke das lachende Lauterthal entlang nach dem Stadtflecken Heinrichs zu, wo wir auf dem neuen und stattlichen Schiesshaus rasten, dann machen wir dem freundlichen Pastor Kommer einen Besuch und bitten ihn, den patriotischen Sänger des Schneekopfs, uns auf diese Hochwarte des Thüringerwaldes eben so zu geleiten, wie Schaubach uns auf den Dolmar führte, treten in die Werkstätten einiger hiesigen Graveurs in Stein und Metall ein, suchen den Erfinder des Acolodicons, Sturm, auf, und wandern dann ein Stück nach Goldlauter zu, von Hammer zu Hammer, auf dass ihr aus dem Fundament erfahrt, durch wie viele Hände und Hämmer das Eisen geht, ehe es als Muskete zum Schlachtfeld, oder als Pürschbüchse zur Jagd getragen wird.«

Die Wanderer schickten sich an, den Ottilienstein zu verlassen, warfen noch einen Blick auf den von Menschen wimmelnden Markt, denn es war gerade ein Wochenmarkttag, zu welchen stets eine grosse Menge Bewohner der Nachbarorte strömt, da der Verkehr dort äusserst lebhaft ist – dann zeigte und nannte Otto den Gefährten die Steinsburg, einen hohen Sandberg mit einer Basaltkuppe, um die wieder der Sagenepheu von einer dort gestandenen Burg, Schätzen in der Tiefe, aus blühender Glücksblume und wandelnder Jungfrau romantisch rankt, so wie den Ringberg und Spitzberg, die mit dem Dell- und Domberg u. a. den engern Gebirgsring um die Stadt bilden. Von unten herauf klangen die Töne eines mit Meisterschaft geblasenen Hirtenhornes, und langsam bewegte sich, freudebrüllend, im langen Zuge eine Rinderheerde von mehr als 700 Stück zur Stadt hinaus, bei deren Anblick Otto nicht unterlassen konnte, seinen Freunden die Schmackhaftigkeit der beliebten Suhlaer Käschen, von der Grösse eines Guldenstücks, anzupreisen.

Durch schöne Gartenanlagen, an Teichen vorbei, in denen ganze Schaaren Forellen standen und über würzige Wiesen voll Alpenkräuterduft, auf denen Lenz eine Menge anderswo selten oder nicht vorkommender Kräuter entdeckte, kamen die Wanderer zu dem Schiesshaus, das durch seine Grösse und die Schönheit der Anlagen Zeugniss von dem Geschmack und dem geselligen Sinn der Einwohner Suhls gibt; gleichwohl besteht noch eine zweite Schützengesellschaft dort, die ihre Schiessen auf dem »fröhlichen Mann« nicht minder fröhlich und gastlich, wie jene, hält. Der Sinn für dieses Vergnügen ist auf dem Thüringerwald und in seinen Nachbarorten ausserordentlich rege und lebendig, und die Vogelschiessfeste sind fast überall nach Maassgabe der Kräfte und Verhältnisse glänzend, und zahlreich besucht.

Als die Freunde wieder in die Stadt zurückkehrten, erfreuten sie sich am Anblick der frischen, roth- und vollwangigen Thüringerwaldmädchen, die in ihren nationellen Trachten theils noch zum Markte gingen, theils daher kamen, und durch lautes Gelächter und neckendes Aufziehen der Gefährtinnen das bewegliche Bild doppelt belebten, welches der Markt darbot.

Mehre Besuche wurden nun gemacht und überall die sociale Höflichkeit wahrgenommen, die es nicht merken lässt, wenn auch ein solcher unangemeldeter Besuch nicht ganz zur gelegenen Stunde kommt. Gastlichkeit ist eine der grössten Tugenden der Bewohner Thüringens, zumal auf dem Walde; dort ist das steife Ceremoniel nicht heimisch, das die Vornehmen zu ihrer Selbstqual erfunden haben, und die Betretenheit ungekannt, die vor einer fremden Persönlichkeit zurückscheut, welche im Oberrock und Reisehut anklopft. Mit Freundlichkeit wird angeboten, was das Haus vermag, und mit Bereitwilligkeit gezeigt, was der Fremde zu sehen wünscht. Viel hörten Rühmliches, viel sahen Schönes die wandernden Freunde vom alten Döll, Suhls anerkannt berühmtesten Steinschneider und Medailleur. Otto zog vom eignen Finger einen Siegelring und hielt ihn den Freunden gegen das Licht. »Ha, Göthes Portrait! Wie gut getroffen!« rief Wagner, »welch schöner Pyrop!« rief Lenz aus. »Auch dieser gelungene Göthekopf ist ein Stück von Dölls Meisterhand,« berichtete Otto und führte die Bewundernden zum Erfinder des Aeolodicons, der freundlich und gefällig dem schönen Instrument, das er im Hause hatte, die sanfte und schwermuthsüsse Harmonienfülle entlockte, die dessen besondere Eigenthümlichkeit bildet. Man hat in Suhl höchst zweckmässig das Aeolodicon mit der Orgel zum kirchlichen Gebrauch verbunden, und mancher Dorfgemeinde dient zur Begleitung des Gesanges erbaulich das bescheidene und bei weitem wohlfeilere Instrument.

Unterdessen war der Mittag herbeigekommen, der musikalische Kronenwirth empfing mit einer Jubelouverture auf seinem trefflichen Flügel seine Gäste, und bald zeigte die Tafel jene leckern Forellen, nach denen schon beim Erblicken im Teich der Mund gewässert. Als bei Tische die Rede wieder auf die beträchtliche Eisenfabrikation kam, und die Fremden den Flor der Stadt priesen, liess der Wirth nicht unbemerkt, dass neben jenem blühenden Gewerbszweig auch der von sogenannten Stuhlwaaren, Leinwand, Trill, Barchent u. dergl. Erwähnung verdiene, wenn doch einmal vom Flor der Stadt die Rede sein solle. »Dieser Stuhlwaarenfabriken,« sagte er, »sind hier nicht weniger als sieben, die im Grossen das Geschäft betreiben, ausser den Meistern, die für eigene Rechnung handeln. Die Weberei beschäftigt hier gegen 500 Menschen, und es werden jährlich circa 16,500 Stück Waare ausgeführt und abgesetzt. Das ist aber nichts gegen sonst, wo statt fast 300 Stühlen, wie jetzt, noch einmal so viele im Gange waren.« –

Man brach auf, um einen Spaziergang in das keineswegs idyllische, sondern von reger Thätigkeit erfüllte und belebte Lauterthal anzutreten. Bald war es erreicht, man ging einigen zunächst begegnenden Rohrbohr- und Schleifmühlen und einer Bajonetschleifmühle vorüber, um bei dem aus einigen Häusern bestehenden Weiler Lauter in den grossen Lauterer Hammer einzutreten. Mächtig pochten die Hämmer, das Gebälk des düstern Breterhauses schütterte von ihren Schlägen, die Räder rauschten, die Essen flammten, und pfeifende Blasebälge fachten die brennenden Kohlen zu blauer Gluth. Wenn ein frischer Korb voll derselben aufgeschüttet wurde, stob jedesmal ein Funkenregen rings umher. Die Cyklopengestalten der Arbeiter, halbnackt, geschwärzt von Dampf und Staub, schafften rührig da und dort und blickten mit hellen Augensternen die eingetretenen Fremden an. Alles ringsum war schwarz von Kohlenstaub, schwere Eisenbarren lehnten in Reihen am Haus, und bald belehrte ein gefälliger Werkmeister, dass diese Roheisenscheiben Gänse genannt würden und jede circa drei Centner wiege. Er zeigte die Gussstücke, erklärte die Beschickung der Erze im Blauofen und führte die Wanderer eine Bretertreppe hinan zu einer Stelle, wo sie in die flammende Hölle des Ofens sehen konnten, in welchem in ungeheurer Gluth die Erze kochten. »Wie lebendig wird einem hier die Wahrheit, mit welcher Schiller den Eisenhammer schildert, vor das Auge gestellt!« rief Wagner seinen Gefährten zu, denn er musste rufen, da der Lärm des Werks das Sprechen unverständlich machte, und jene bestätigten mehr durch Zeichen, als durch Worte, wie der gleiche Gedanke sich ihnen ebenfalls aufdringe. Unten im Hammer war nahe an dem Ofen eine kleine Rinne in dem Boden, der Werkmeister sah nach der Uhr, führte die Fremden an diese Rinne und winkte einigen Knechten. Diese waren gleich zur Hand mit spitzen Eisenstäben; sie stiessen ein Loch in den Bauch des feuerspeienden Drachen, des Hochofens. Da sahen die Fremden ein überaus herrliches Schauspiel. Wie Lava aus dem Krater eines Vulkans wälzte sich die Feuerfluth des geschmolzenen Erzes langsam in den Sand, glühend im blendenden Weissfeuer, dann hochroth flammend, glitzernd leuchtend und allmälich zur Kupferröthe übergehend, langsam erkaltend. Darauf gegossenes Wasser sonderte die Schlacke ab.

Hierauf wurde auch das Verfahren bei der Blechfabrikation gezeigt und erklärt, wobei der Werkmeister bemerkte, dass die Suhlaer Bleche von vorzüglicher Güte seien und weit im Handel verbreitet, dass sie besonders zu Dampfmaschinenkesseln und Soolsiedepfannen verarbeitet würden, und sich schon im Mittelalter deshalb besondern Rufes erfreut hätten, dass sie zu Harnischen und Rüstungen gut zu verarbeiten gewesen wären.

Nachdem hier nun alles besehen war, wandten die Reisenden sich weiter, und gelangten auf dem anmuthigen Thalwege noch an mehren Eisen- und Blechhämmern vorüber, bis die Rohrschmiede und Bohrmühle erreicht war. Hier sahen sie nun die Bearbeitung der Platinen, 32 Zoll langer Eisenstücke, wie diese glühend gemacht, unter den Reckhammer gebracht, unter diesem über einen eisernen Dorn gelegt, zusammengeschweisst und gestreckt wurden, sahen, wie die vom Wasser getriebene Gewalt der mächtigen Bohrmühle diese werdenden Flintenläufe durchbohrte und wie diese auf ungeheuern Schleifsteinen trocken geschliffen wurden, wobei ein ohrenzerreissendes Getöse ihnen die Möglichkeit jeder mündlichen Mittheilung raubte und sie bald aus diesem Werk trieb, um in ein nicht minder wichtiges und nicht minder geräuschvoll lebendiges einzutreten. Hier wurden Klingen, Bajonette und Ladestöcke geschmiedet, welche nass geschliffen werden, und ganze Reihen theils noch schwarzer und unpolirter, theils fertiger und silberhell glänzender Kürasse erinnerten daran, dass auch für diesen Rest mittelalterlicher Schutzwaffen hier eine Fabrik bestehe. Alles Wissensnöthige wurde erklärt und erläutert, und befriedigt verliess die Gesellschaft diese Hammerwerke, in denen »früh und spät den Brand die Knechte mit geschäftiger Hand nähren.«

Goldlauter birgt sich recht schüchtern in die Enge eines Schneekopfthales, lang und schmal strecken sich die Häuserzeilen in dem Grund hinauf. Die Freunde ruhten auf sonnigem Rain; Wagner zeichnete einen malerischen Hammer, Lenz erfreute sich an so mancher Blume der Gebirgsflora, in der hellen Lauter und an ihrem Uferrand leuchtete das goldblüthige Chrysosplonium, auf den Waldwiesen prangte mit weissen Dolden der Bergeppich, das stolze Geschlecht der Athamanta und die schwankende Blüthenähre des Schlangenkrautes. Ueber Goldlauter, bis wohin der Spaziergang erstreckt wurde, gab es für Otto genug zu berichten von ehemaligen Bergwerken in der Nähe und deren wieder neu aufgenommenem Bau, von quillendem lautern Gold, daher Waldbach und Ort den Namen bekommen und ähnliche ßergmannssagen, deren diese Gegend voll ist.

»Wenn wir hier hinauf stiegen,« redete Otto die Freunde an, als sie hinter dem Dorfe sich zum Umkehren wandten, und Lenz in einer alten Halde noch nach Fischabdrücken im Thonschiefer der Gegend suchte, aber nur Fragmente fand: »so würden wir auf die Schmücke gelangen, doch möchte es für heute zu spät sein, und wir wollen uns morgen in dem einsamen, 2872 Fuss hoch über der Meeresfläche gelegenen Gasthaus ein Vesperbrot erbitten.«

Auf dem Rückweg fiel dem, die organische, wie die unorganische Natur stets mit scharfblickendem Aug' überschauenden Lenz ein isolirter Porphyrfels auf, welcher im nahen Felde am Wege lag, und ging auf ihn zu, als Otto erwähnte, dass dieser Fels vorzugsweise den Namen des rothen Steines führe. Lenz untersuchte das Gestein desselben näher und äusserte, dass er aus einem festern und bessern Porphyr bestehe, als der Ottilienstein. Ein Schlag mit dem Berghammer daran bröckelte einige Stücke ab, an denen sich zarte dunkle Dendriten zeigten. »Sogar von diesem Stein,« sprach Otto: »giebt es eine, hier allem Volk bekannte Sage, mit welcher ich euch jedoch verschonen will, um nicht abermals die gleiche Spottlust wie bei der vom Rupberg zu erwecken, da es sich abermals von einer verwünschten Jungfer handelt. Merkwürdig ist es aber, wie in diesen Gegenden die Tradition geschäftig war, Fels und Wald, Berg und Höhle, Thal und Bach mit Geistern zu bevölkern, ähnlich den alten Griechen, deren Mythos Oreaden, Najaden und Dryaden da erschuf, wo die Phantasie der Germanen auf die angedeutete, nicht minder eigenthümliche Weise sich thätig zeigte.«

Unter Gesprächen, die sich bald auf die mysteriöse Welt deutscher Volkspoesie und deutschen Volksaberglaubens, bald auf die grosse Mannichfaltigkeit der in Gebirgsgegenden vorkommenden Naturprodukte aus dem Pflanzen- wie aus dem Mineralreich, darüber Lenz anziehende Vergleiche aufzustellen wusste, bald auf die malerischen Reize der Gegend Suhls bezogen, wurde bald noch ein Standpunkt erreicht und ausgewählt, den Wagner für günstig hielt, Stadt und Gegend zu zeichnen. Freundlich im Thal hingebreitet, liegt Suhl unter der steilaufragenden Wand des Dombergs, Porphyr-Felsenzacken ragen da und dort aus dem Laubholz, und das Häuschen auf dem Ottilienstein horstet dort wie eine Wächterwohnung, wie ein Lug ins Land. Weit hinauf in die Weitung des Hochgebirgs ist der Blick auf dieses frei, man gewahrt den Spitzigenberg, den Wildenkopf und die Suhlaer Laube, an welcher hoch hinauf schmal und gezackt, wie ein erstarrter Blitz, eine Strecke die Strasse sichtbar ist, die von Suhl aus zum Oberhof führt. Dann breitet der Beerberg, der Riese des Gebirgs, seinen breiten Rücken; die Abdachung des Berges, welcher die Hofleite genannt wird, setzt ihren mit Gärten und herrlichem Wiesengrün geschmückten Fuss bis in die Stadt hinein, und gewährt zur Rechten einen mannichfach belebten Vorgrund. – Dabei wehte von den Wiesen der Waldkräuter würziger Duft, die eine Seite des Dombergs glänzte im Abendstrahl, die andere überhüllte ein sanfter Schatten; einige Bergkuppen glühten goldröthlich, andere, niedrigere hoben düstergrün, fast schwarz die Häupter empor, wie eine Schaar Mönche, die zur Abendhora wallen. Um die Zinnen des Gebirgs schwamm Verklärung, mit melodischem Geläute zogen die Heerden heim.

 


 

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