Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Bechstein >

Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 42
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
Schließen

Navigation:

Schluss.

Anfangs der Rückfahrt mehr nach innen als nach aussen gekehrt, und mehr in Gedanken verkehrend mit der nächsten Vergangenheit und nächsten Zukunft als den sich darbietenden Gegenständen der Aussenwelt und Gegenwart, sassen die Freunde Otto's im Wagen, und dieser störte ihren stillen Gedankenflug auf keine Weise; vielmehr senkte er sich selbst in Nachdenken über das wunderbare Walten einer Macht, die immer verborgen räthselhaft wirkend erscheint, nenne sie nun der Gläubige Vorsehung, Führung, der Ungläubige Zufall, Schicksal, Fatum, der naturphilosophische Denker Weltordnung. Es mussten hundert und aber hundert Zufälligkeiten vorhergehen und zusammentreffen, dass zweimal zwei Menschenleben, verschiednen Ländern entstammt, verschiednen Zielen nachstrebend, sich liebend an einander ketteten; und doch war dabei nichts Ungewöhnliches, nichts Seltsames, und kann dergleichen sich schon hundertmal ereignet haben. So wenig romanhaft war diese Liebe, so frei von Hindernissen, gewaltsamen Erregungen, Kämpfen und Thränen, und dennoch entbehrte sie nicht eines romantischen Interesses, noch weniger des tiefsten, innigsten Gefühls.

Im Weiterfahren spann sich indess bald wieder freundliche Unterhaltung, trauliche Mittheilung an. Der Sommertag war hell und schön, das Thal bot manche anziehende Parthie. Drei Dörfer, welche den Namen Breitungen führen, und nahe beisammen liegen, erscheinen von weitem gesehen wie eine Stadt. Herrenbreitungen, auf Churhessischem Grund und Boden, hiess früher Burgbreitungen; das Meiningische Frauenbreitungen hiess Königsbreitungen und war Villa der deutschen Könige, als welche es schon in Urkunden des zehnten Jahrhunderts vorkommt. Das erstere war ein Mönchs-, das zweite ein Nonnenkloster.

Von Breitungen nur eine Stunde entfernt liegt auf einer Anhöhe dicht an der Strasse ein altes burgähnliches Rittergut, die Todtenwart, dessen Mauern von freundlichen Gartenanlagen umgeben sind. Unter schattenden Lindenbäumen, von denen einer sich durch besondre Grösse und Stärke auszeichnet, nahmen die Freunde ein mitgebrachtes Frühstück ein, während der Kutscher nach dem am Bergesfusse gelegenen Gasthaus hinabfuhr. Auf der Höhe ist eine sehr freundliche Aussicht thalabwärts, wie thalaufwärts eröffnet, und einer der geeignetsten Ruhepunkte für Alle die, welche zu ihrem Vergnügen reisen, und denen Stimmung und Verhältnisse betrachtendes Verweilen gestatten.

Dort wurde vor Allem den geliebten, nun geschiedenen Gefährtinnen aus vollem Reisebecher ein Lebewohl, ein Lebehoch getrunken, und dann auf die glücklichste Zukunft noch manches Glas geleert. Die Freunde machten noch einmal im Geiste die ganze Reise, gedachten scherzend kleiner unwesentlicher Unfälle und Hemmungen, wie ertragener Mühen, erfreuten sich aber dabei des reinen und ungetrübten Bildes von Thüringen, das fest in ihrer Erinnerung stand. Das Skizzenbuch ward prüfend durchblättert, und Otto konnte sich nicht enthalten, gegen Wagner zu bemerken: »Du hättest doch noch mehr zeichnen sollen, und Manches von andern Standpunkten aus,« worauf Jener sich lächelnd entschuldigte, sprechend: »Mir muss nun das Gesammelte genügen; was ich nicht habe gewinnen können, komme auf Rechnung meiner Bequemlichkeit; doch glaube ich genug zu besitzen, um damit das Buch schmücken zu können, in welchem Du unsre Reise beschreibst, denn solches wirst Du schwerlich unterlassen können!«

Auch Lenz sprach ähnliche Meinung aus, und Otto erwiederte, den Scherz der Freunde von der ernsten Seite aufnehmend: »Wenn ich mir eine Reise, wie wir sie gemeinsam unternahmen, von meiner Hand geschildert denke, überfällt mich ein gewisses Zagen. Wie vieles Schöne hat nicht Thüringen noch neben dem Geschauten, Bereisten, dem ich euch nicht zuführen konnte?! Selbst der Wald – nach jeder Richtung hin Interessantes, Malerisches darbietend, konnte von uns nur fragmentarisch überblickt und gewürdigt werden, bedeutende Städte, ich nenne nur Langensalza, Mühlhausen, Nordhausen, blieben mit ihren Gebieten ganz ausser dem Bereich unsrer Tour. Und dann – die Schilderung selbst – wie Vieles würde in einen engen Raum zusammen zu drängen, wie oft würde ich müssen darauf bedacht sein, mehr zu verschweigen, als zu sagen, und am Ende doch nicht dem Vorwurf allzugrosser Redseligkeit entgehen? Dabei würde ich dennoch nach Vollendung des Ganzen die Empfindung haben, die sich aufdringt, wenn man in eines lieben Freundes Nähe war, von ihm schied, und nun fühlt, ihm dies und das, was man ihm sagen wollen, doch nicht gesagt zu haben, weil es viel Mehr und Andres zu plaudern gab. Endlich möchten die verschiedenartigsten Anforderungen des kritischen Theiles unsers Publikums zu bedenken, wenn auch nicht zu fürchten sein, wiewohl es wirklich einige Individualitäten darunter giebt, deren allzu jugendliche Phantasie ihren Verstand überredet, man müsse sonderlich auf ihre Weisheit achten, ihr Urtheil fürchten und ihre eingebildete geistige Superiorität scheuen, während der Billige und Verständige ruhig ihrem nur leider oft zu gewaltsamen Ringen nach Autorität zusieht und ihnen von Herzen erwünschtes Emporkommen gönnt.«

»Hast Du Musse und Lust zu schreiben,« nahm Lenz das Wort: »so kümmre Dich um nichts und um Niemand und schreibe. Schildre nach eignem Ermessen, schmeichle nirgend und übertreibe nie. Jedes Buch ist gut, das aus innerlich empfundner Wahrheit hervorgeht. Die Anforderungen der Kritik sind stets so mannichfaltig, dass Alle zu befriedigen durchaus unmöglich ist. Einer liebt Charakteristiken, Persönlichkeiten; ein Zweiter möchte politische Zustände der Völker und Staaten geschildert, Mängel beleuchtet und aufgedeckt sehen; ein Dritter würde alles Historische hervorgehoben und mit gründlichster und tiefster Forschung vor Augen gelegt wünschen, während einem Vierten wünschenswerth erscheinen dürfte, die poetischen Grundstoffe in Mähr und Sage weitläuftig zu müssiger Unterhaltung versponnen zu finden.«

»Dies Alles zu berücksichtigen ist schier unmöglich für einen Einzelnen, für ein Einzelwerk,« fuhr Otto fort: »darum hat man sich hier und immer dem Publikum auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Kritik, wenn sie ächt und ehrlich, und es ihr nicht darum zu thun ist, eines Autors Charakter und Persönlichkeit anzutasten oder zu verläumden, wird ihren Scharfsinn überall an dem Vorhandnen üben, nicht an dem, was mangelt. Wir aber eilen heiter und wohlgemuth, lebensfroh und harmlos unsern Heimathorten wieder zu, und singen da, wo wir ausgingen und die Wanderung begannen:

Wanderstab,
Dankend legen wir dich ab!
Weil es muss geschieden sein
Raste nun und ruhe fein.
Glücklich sei, wer dich ergreift,
Mit dir in die Weite schweift,
Über Thal und Höhen streift!
Wanderstab!
Erst am Pilgerziel, am Grab,
Legen wir dich ab.«

 


 

 << Kapitel 41 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.