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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 41
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
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Salzungen.

Damit die Liebenden in Liebenstein nicht allzusehr in isolirter Traurigkeit den letzten, für jetzt vergönnten Tag ihres Beisammenseins zubringen möchten, und um alle sentimentalen Grillen durchaus zu verscheuchen, womit Familienromane auch in der Wirklichkeit nur zu leicht sich anhäufen, schlug Otto vor, sich am Vormittage reisefertig, am Nachmittage aber noch einen gemeinschaftlichen Ausflug nach dem nur zwei Stunden gelegenen freundlichen Städtchen Salzungen zu machen, und sich dort zu trennen, da ohnedies die Wege beider Parteien jetzt in entgegengesetzter Richtung auseinander liefen.

Dieser Vorschlag fand Beifall, um so mehr, da Frau Arenstein zwar Salzungen in Liebenstein oft hatte nennen und rühmen hören, selbst aber noch nicht dorthin gekommen war, wie sehr sie auch mit Vorliebe für alles landschaftlich Schöne und Naturmerkwürdige reiste.

So wurde denn noch ein Wagen gemiethet und der Najade Liebensteins Lebewohl gesagt. Im Betracht, dass die Freunde, wie billig, ihren Verlobten mehr Aufmerksamkeit schenken würden als seinen Mittheilungen, hatte Otto es so angeordnet, dass Jene zusammenfuhren und er den Gesellschafter der Mutter abgab, da es keineswegs als Amüsement gepriesen werden mag, verliebten Verlobten Gesellschaft zu leisten, selbst wenn noch so viele herzliche Theilnahme an deren Glück statt findet. »Die Reise,« nahm Otto zu seiner muntern und ihm gern zuhörenden Begleiterin das Wort: »welche ich mit meinen Freunden machte, erscheint mir gegenwärtig, ihrem Ende nahe, wie ein vor unsern Augen aufgeführtes, manchmal an Längen leidendes Lustspiel am Schlusse des letztes Aktes, wo die Entwickelung bereits erfolgte, der Zuschauer befriedigt ist, nichts mehr erwartet und an das Fallen der Gardine, vielleicht auch an das Abendessen denkt. Man sehnt sich nach langem Umherwandern oder Fahren wieder in das gewohnte Gleis, zumal wenn dies ein freundlich geebnetes ist.«

»Ich habe eine Reiseausdauer, über die ich mich bisweilen, bei meinen Jahren, oft selbst verwundre,« versetzte Frau Arenstein. »Es kommt Alles auf die Verhältnisse an, in und unter denen wir leben, und auf die Richtungen, die uns in der Jugend gegeben werden.«

Diese Aesserung führte zu recht lehrreichen und anziehenden Mittheilungen aus dem Leben der interessanten Reisegefährtin, während welcher man durch die freundlich im Grunde der Schweina mit einem Schlösschen liegende Herzogliche Besitzung Marienthal kam, und auf einem nicht guten Wege den Hessischen Marktflecken Barchfeld mit mehreren Schlössern erreichte. Dort befindet sich der Reisende nun in dem breiten und mit wechselnden anziehenden Nah- und Fernsichten erfreuenden Thale der Werra, und erreicht, noch einige Dörfer passirend, auf neuer und gut erhaltener Chaussee in kurzer Zeit Salzungen, dessen zahlreiche Gradirhäuser auf den Thalwiesen am steilen Abhang eines Berges verbreitet und sichtbar sind.

Die Gesellschaft, einmal gekommen, um zu sehen und Zerstreuung zu suchen, verschmähte nicht, der Saline zu nahen, welche den Wohlstand der Stadt hauptsächlich begründen half. Fünf Brunnen liefern die achtgradige Soole, die zum Theil in zwölf Gradirhäusern gradirt und in mehren Kothen oder Nappen versotten wird. Vor dem von letztern genannten Nappenthore liegt denn nun auch das neue Badehaus, wo die erfolgreichen, in den meisten geeigneten Krankheitsfällen das Seebad ersetzenden Soolbäder gegeben werden, deren Ruf in jedem Sommer eine grössere Anzahl Gäste nach der Salinenstadt zieht. Otto erwähnte, dass auch in der Nähe Salzungens ein Sauerbrunnen ausquelle, von gutem Gehalt und angenehmem Geschmack.

Von Norden nun nach Süden die Stadt durchwandelt habend, und über den freundlichen Markt einer Pforte zugeführt, sahen die Fremden sich freudig überrascht durch den Anblick eines ziemlich grossen, ruhigen Wasserspiegels, der, rings von kleinen Anhöhen umgeben, heiter und schön die Uferbilder wiedergab.

»Dies ist der Salzunger See,« sprach Otto zu den Begleitenden: »bei einem Areal von mehr als vierzig Acker ist er an manchen Stellen, namentlich hier an der Nordseite, unter dieser Sandsteinfelsenwand, von beträchtlichster Tiefe, in welcher auch mehrere Salzquellen entspringen, und es ist nicht zu läugnen, dass ungeachtet seiner malerischen Umgebung, ungeachtet dass er eine Zier der Gegend ist, ihm etwas Unheimliches beiwohnt. Mehrere zu verschiednen Malen bemerkte und beobachtete plötzliche Aufwallungen, deren Zeit sonderbarer Weise mit Erdbeben in entfernten Ländern zusammenfiel, namentlich am ersten November siebzehnhundert fünf und fünfzig mit dem in Lissabon, haben zu der Meinung Anlass gegeben, dass dieser kleine Landsee unterirdische Verbindungen mit einer weiten Ferne habe. Ich will das Gewagte dieser Meinung nicht widerstreiten, doch welches Forscherauge durchschaut die räthselhaften Tiefen, blickt in das Geäder des Erdkörpers!«

»All' unsre Forschung,« äusserte Lenz: »ist, was das Erdinnere und dessen Zusammenhang mit dem Meere betrifft, wenig mehr, als die Tangente des Kreises, die nur eben berührend an äusserster Grenze hinstreift.«

»Auch düstre Sagen von alljährlicher Opferheischung und einer Nixe, die in seiner Tiefe wohnt, theilt dieser See mit vielen seiner deutschen Brüder,« fuhr Otto fort, und machte hierauf die Freunde auf die Einzelnheiten der Umgebung im Weitergehen aufmerksam. »Vor uns erblicken wir, indem wir rechts dem schönen See, links erst einigen Wohnhäusern und einer nach dem See auslaufenden breiten Strasse der Stadt, dann einer Reihe terrassenartig sich abstufender Gärten vorüberwandeln, ein isolirtes Gasthaus, einen mit zwei alten stattlichen Lindenbäumen bewachsenen grossen Rasenplatz, dann eine, mancherlei Bäume und Strauchwerk geschmackvoller Anlagen hoch überragende röthliche Felswand, und darüber seitwärts ein freundlich einladendes Gesellschaftshaus in anmuthigster Umgebung eines nur der schmückenden Flora geweihten Berggartens. Dann immer zur Rechten gewandt, streift der Blick auf Nutzgärten, die an weitgedehnte Felder angrenzen; hierauf führt alsbald die beschränkte Aussicht zum See zurück, lässt neben Gärten das stattliche Gebäude einer Rübenzuckerfabrik gewahren, zeigt uns darüber bürgerliche Wohnungen und herrschaftliche Ökonomiegebäude, und endlich über der nördlichen Felswand ein hübsches zweistockiges Herzogliches Schloss, die Burg genannt, Sitz der Justiz- und Verwaltungsbehörden. Hinter diesem Bau hebt sich das auf gleicher Höhe gelegene Gotteshaus empor. Ein unglücklicher Brand, der im Jahre siebzehnhundert sechsundachtzig Salzungen zum grössern Theil einäscherte, auch die Kirche und die alte Schnepfenburg verzehrte, ist grösstentheils Ursache des jetzt neu und freundlich sich darstellenden Äussern vieler Strassen und Gebäude.«

Bei den vorhin erwähnten Linden angelangt, wo schon See und Stadt ein äusserst harmonisches Landschaftbild gewähren, führte nun Otto auf Gartenpfaden die Fremden den Anlagen der sogenannten Grube zu, einem Erdfall, (die ganze Vertiefung, deren Mittelpunkt der See bildet, ist ein solcher) den im grossen Halbkreis eine Sandsteinfelsenwand umgiebt, und dessen niedrigster Punkt ein äusserst tiefer, dunkler Wassertümpfel ohne äussern Zufluss, aber mit einem Abfluss in den See bildet, die Teufelskutte geheissen. Dort begrüsst zunächst ein geschmackvolles Tempelchen, der Erinnerung an einen glückverheissenden Tag geweiht, einladend den Wanderer auf vorteilhaftester Stelle der Aussicht. Dann hat Jener wahrzunehmen, wie mitten in eine uranfängliche Öde und dicht neben grossen mit Nutzen ausgebeuteten Steinbrüchen die Landesverschönerungskunst Bäume pflanzte, Schattengänge wölbte, Ruhesitze anbrachte, fremde Zierpflanzen einheimischen zur Seite stellte, tief in die Felswand hinein mächtige Kellergewölbe baute, und so Nützliches und Angenehmes geschmackvoll einigend, als Lebensverschönerungskunst thätig wirksam war. – Mit Lust ergingen sich in den traulichen Anlagen die liebenden Paare, webend an heitern Zukunftbildern, und in der Gegenwart glücklich, befriedigt, während Otto der Mutter zugesellt fast ausschliesslich zu dieser sprach und ihr, der stets gütig und aufmerksam Zuhörenden, auf tausend Fragen Bescheid gab.

Aus der Grube unmerklich aufwärts geschritten, sah man sich nun in der Gartenanlage des Seebergs mit einer Sommerwirthschaft in dem heiter geselligen und zahlreichen Kreise Fremder und Einheimischer anlangen, mit Artigkeit da, mit Herzlichkeit dort begrüsst, und musste sich gestehen, einen der schönsten Punkte betreten zu haben.

»Betrachtet euch hier am Ziel unsrer diesmaligen gemeinsamen Reise,« sprach Otto zu Lenz und Wagner: »ich sparte absichtlich diese reizende Aussicht in Nähe und Ferne zum Finale auf; das hier aufgerollte Halb-Panorama verdiente von Künstlerhand gezeichnet zu werden. An Thüringens Grenze stehend, erblickt ihr noch einmal in ziemlicher Nähe einen grossen Theil des Waldes und seiner sanften Bergformen.«

Tief unten lag der spiegelnde See, mit einer Gondel, von Schwänen und anderm Geflügel belebt, die Stadt nur zum Theil sichtbar, ein reizendes Landschaftgemälde für sich bildend. Vom höchsten Punkte, der für die Fernsicht in den Anlagen des Seebergs vergönnt ist, erläuterte Otto diese nun den Freunden: »Östlich hinauf blickend, sehen wir vor allem den Dolmar mit langgestrecktem Rücken die niedrigeren und nähern Höhen überragen, deren Kette die Berge um Schmalkalden bilden. Dort blicken wir in die Gegend des Drusenthales, und sehen auf dem dunkeln Grunde des Waldgrünes die hohe Warte der Wallenburg hell gezeichnet. Überhaupt werden von hier aus, mit Einschluss der Salzunger Burg, sieben Schlösser, Ruinen und Ruinenstätten erblickt. Über Liebenstein gipfelt sich der Inselsberg empor, auch hier seine malerischen Formen dem Auge gefällig entwickelnd.«

»Die Ruine Liebenstein liegt vom Abendscheine umglänzt, waldumgeben auf ihrem Berggipfel, die Felsen des Hohlensteins und Blumenkorbes sind sichtbar, Schloss Altenstein glänzt hell und freundlich herüber, Barchfeld schmückt den Thalgrund, in dem wir eine Reihe Dörfer erblicken, darunter Allendorf, wo früher ein Nonnenkloster sich in eine Thalbucht unter den Schutz der Burg Frankenstein und ihrer Dynasten gestellt hatte, die, einst Herren des ganzen Gaues, sammt ihrer Veste verloschen. Der hinter Salzungen steil ansteigende Mühlberg beschränkt die Aussicht nach Norden, aber nach Westen wird sie wieder frei in den lieblichen Wiesengrund der Werra, auf Dörfer und Höfe, und die Ruine des Krainbergs bildet scheinbar den anziehenden Schlussstein der Fernsicht, eigentlich aber weit hinter ihr der lange Sargrücken des Meissner.« –

Die Trennungsstunde nahte, viel zu früh den Liebenden; der Abschied war herzlich, schmerzlich, doch kurz. Man schied ja in bester, seligster Hoffnung. Die Damen fuhren noch gegen Abend nach Eisenach ab, der andre Morgen sah die Freunde durch das Werrathal aufwärts nach Meiningen fahren.

 


 

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