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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
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Der Dolmar.

»Wanderlust
Schwellt die freie Mannesbrust!
Mit lusthellem Angesicht
Grüssen wir das Morgenlicht.
Hügelab und Berghinan
Ueber Wald und Wiesenplan
Ziehn wir rüstig unsre Bahn.
Wanderlust
Freit aus Stubenqualm und Dust,
Schwellt die Mannesbrust!«

»Wandertrieb
Macht uns recht das Leben lieb.
Seht ihr, wie der Vogel zieht,
Dass er fremde Länder sieht!
Pilgernd über Thal und Höhn
Lässt am besten sich verstehn
Wie die Welt so reich und schön.
Wandertrieb,
Den Natur ins Herz uns schrieb,
Macht das Leben lieb!«

Also erklang in der Morgenfrühe der schallende Gesang von vier leichtgerüsteten wohlgemuthen Wandergesellen, als sie die letzten Häuser der Bernhardstrasse Meiningens hinter sich hatten, und die nackte Kuppe des Dolmars vom ersten Sonnenkuss rothglühend in das Werrathal hereinleuchtete. Otto hatte gesagt, wir wollen Adolph Schaubach selbst mit auf den Dolmar nehmen, so brauchen wir uns nicht mit seiner gut geschriebenen Monographie dieses Berges zu tragen, und haben an ihm den kundigsten Geleitsmann, und da der Freund gern eingewilligt, so wurde für eine Strecke Wegs das Wandrerkleeblatt gleich ein glückverheissendes vierblätteriges. Vielreisenden drängt sich eben so, wie Jägersleuten, der Glaube an Omina auf, und sie sehen ein gutes Zeichen immer lieber als ein böses auf ihren Weg treten, oder ihn durchkreuzen; ein hübsches rothwangiges Mägdlein lieber als ein altes rothäugiges Weib, einen Vogel lieber als eine Kröte, und es dünkt ihnen erspriesslicher, wenn der Hase zur Seite bleibt, statt quer über den Weg zu laufen. Man bog ohnweit des Landhauses Jerusalem, das ein freundlicher Park umgibt, in ein Seitenthal der Werra ein, wo sich malerisch das in den Thalgrund und an den linken Bergesabhang angebaute Dorf Helba mit einem Herrenhaus und kleiner Kirche zeigte. »Dieses Helba mit seinem Thal« nahm Otto zu den Freunden das Wort, als sie nahe bei dem Dorfe gingen: »kommt mir stets vor, wie die Vignette oder die gedrängte Vorrede zu dem schönen Buche Thüringerwald, das in seinem reizenden Bilderschmuck und mit seinem köstlichen Inhalt nahe vor uns aufgeschlagen liegt, und das wir zu durchblättern uns vorgenommen haben. Meiningen, die Stadt, ist immer noch mehr fränkisch, als thüringisch, die Pforte Frankens heisst sie ohnediess in alten Büchern; der Volksdialekt ist der fränkische, gleich erkennbar an der Diminutivsilbe le, wo Thüringer und Sachse chen anhängt, Bäumle, Lämmle, Vögele, statt Bäumchen, Lämmchen, Vögelchen u. dgl., der Münzfuss ist der rheinische nach Gulden und Kreuzern. Eben so hat das Werrathal in der Nähe der Stadt zwar manchen Reiz und bietet hübsche Gegenden, allein es fehlt ihnen im Allgemeinen doch ein entschiedener Charakter; hier aber dieses helbaer Thal trägt schon ächt thüringischen Typus. Seht hier einen raschen mit lautem Gemurmel hinrollenden Waldbach, fette kräuterreiche Wiesen, hängende Felsen hoch über den sorglos an die Bergwand angeklebten Hütten des Landmanns, diese Hütten aber nicht ärmlich, und den Einsturz früher als die Felsen drohend, sondern reinlich und von freundlichem Aeussern; hier spielende Kinder, im Hemde, halb oder nach Belieben auch ganz nackt, dort eine weidende Heerde, drüben eine zahlreiche Gänseschaar, ein Kapital der Bauern, das ein Geschrei erhebt, als gelte es Kapitole zu retten, dort dampft ein Meiler und füllt das ganze enge Waldthal mit herbem Harzgeruch, und mitten hindurch zieht die neue und wohlgehaltne Hochstrasse, die nach Benshausen, Zella, über den Oberhof, nach Ordruf und Gotha führt.«

»Wir verlassen sie eben und biegen hier ein,« sagte Schaubach, in ein stilles ganz grünes Thal zur Linken voranschreitend, an dessen Ende er auf die sogenannten Armlöcher aufmerksam machte, kesselförmige Vertiefungen am Fuss eines Berges, aus denen bisweilen reiche Wassermassen ausströmen. Otto wusste den Freund noch mit zwei Sagen, einer ächten und einer künstlichen zu ergänzen, dass nämlich bei diesen Armlöchern ein Ritter ohne Kopf spuken reite, die eine, und die andre, dass gelehrte Forscher-Hypothese in ihrem Namen Armlöcher einen Nachhall des deutschen Gottes Irmin erblicken wolle.

Der Berg dehnte sich jetzt bald vor den Wanderern, wie ein wachsender Gigant, und der bergkundige Führer ermahnte zu langsamen gemessenem Schritt mit dem Gruss der Tyroler-Alpengänger: »Zeit lassen!« und so stiegen die Wandrer gemächlich empor. Plötzlich rief Lenz erfreut: »Sieh da, ein Ammonshorn!« und hob seinen Fund auf. In einer gewissen Region des Muschelkalkplateaus, welches sich über Utendorf sanft zum Berg emporzieht, finden sich Ammoniten ziemlich häufig, nur am Wege sind sie meist aufgelesen. Je näher man dem steil aufsteigenden Gipfel kommt, desto mehr bedecken Basaltstücke die Felder, bis zuletzt der Basalt ganz vorherrscht, der hier meist in rundlichen Stücken, welche zum Theil Olivin und Hornblende enthalten, zu Tage kommt. Der Führer leitete die kleine Gesellschaft nicht gleich zum umfangreichen Gipfel des Berges, sondern führte sie zum Dolmarbrunnen, wo man sich auf weichen Rasen lagerte. Dieser Brunnen liegt so hoch am Berg, dass man nur wenige Minuten braucht, ihn vollends ganz zu ersteigen. Eine entzückende Fernsicht breitet sich vor dem staunenden Auge des Beschauers aus, die reichlich des Steigens Mühe lohnt, doch es ist wohlgethan, erst durch Ruhe und einige Erquickung Geist und Körper zu stärken, ehe man die Seele in dem herrlichen Landschaftgemälde schwelgen lässt. Diesen Rath befolgten auch die Freunde, dann wurden die Fernrohre zur Hand genommen, und das reizende Panorama betrachtet, das die Natur in vollendeter Schönheit hier darbeut.

Zu den Füssen der Schauenden breitet sich ein frischgrüner Laubwald aus, der eine sanftgewölbte Matte umkränzt, und über diesen Waldkranz zieht sich in bunter Abwechselung ein Theil der Kette des Thüringer-Waldes.

»Dieser Theil der Dolmaraussicht« nahm Schaubach das Wort: »ist der schönste, pittoreskste; wie ein Amphitheater liegt das Gebirge vor uns mit seinen reizendsten und mildesten Parthien. Das Wälder- und Wiesengrün der hohen Bergterrassen wandelt sich immer mehr in sanftes Blau, bis die fernsten Höhen in mattvioletten Duft am Horizont verschwimmen. Richten wir den Blick auf den Mittelgrund, so heben sich an dieser Stelle zwei Punkte ganz besonders malerisch hervor; dort der lange Marktflecken Steinbach-Hallenberg, über welchem auf einer schroffen rothen Porphyrklippe der Ruinenthurm der alten Hallenburg hängt; nicht weit davon, zur Rechten, schimmern friedlich die rothen Dächer und der Kirchthurm des Dörfchens Herges hervor, über welchem gerade der felsgekrönte Donnershauk den Horizont begrenzt – und dann die schroffe Felsenwand des Hundsteins, die wie die Ruine einer Titanenburg sich emporgipfelt. Auf das Anmuthigste wechseln hier dichte Waldungen mit dem Grün der Matten und dem wogenden Meere junger Saaten. – Haben wir nun den Reiz der näher liegenden Landschaft eingesogen, so wollen wir vollends zum Dolmargipfel hinaufsteigen und seine Ebene umwandelnd, das grossartige Rundgemälde betrachten, das diese vor den Thüringer-Wald riesig hingebaute 2184 Pariser Fuss über der MeeresflächeDie Höhenangaben des Dolmars sind nicht weniger verschieden, als die über andere und bedeutendere Berge des Thüringer-Waldes. Wenn wir im Allgemeinen bei deren fernerer Angabe dem neuesten, oben angeführten Handbuche vom Professor Dr. Völker folgen, so darf hier nicht unbemerkt gelassen werden, dass nachfolgende zwei Schriften vielfach als Quellen benutzt wurden, und eben so verdienstlich als instruktiv über diesen Gegenstand sind:
Höhen-Messung einiger Orte und Berge zwischen Gotha und Coburg, durch Barometerbeobachtung vermehrt und den in der siebenten Jahresversammlung zu Berlin vereinigten Naturforschern dargebracht von K.C.A. von Hoff, Ritter des weissen Falkenordens u. s. w. Gotha 1828. Fol. – Und:
Höhen-Messungen in und um Thüringen, gesammelt, verglichen und mit einigen Bemerkungen begleitet, von Demselben. Gotha 1833. 4.
erhabene Bergwarte gewährt.«

Die Freunde stiegen nun zum Gipfel hinauf und erreichten bald die geringen Überreste eines Jagdschlösschens, das 1688 Herzog Moritz von Sachsen-Zeitz auf diese Höhe baute, welches aber 1726 vom Blitz zerstört wurde. Von Nordwesten die Hochebene umwandelnd, bald betrachtend verweilend, bald das Auge zur weitesten Fernsicht bewaffnend, liehen sie der Schilderung ihres Führers ein williges Ohr. Dieser sprach: »Jene äusserste blaue Bergkuppe ist der erste Urgebirgsgipfel des Thüringer-Waldes, den wir auf diesem Standpunkt erblicken können, doch keinesweges dessen Markstein, ihm zunächst strecken der Arensberg und der Windsberg ihre langen Rücken, und deutlich gewahren wir unter ihnen den isolirten Felsgiganten des Hohlensteins mit dem hellen Häuschen, das ihn krönt, und nahe dabei die Burgruine Liebenstein. Immer mehr vom Nordwesten nach Norden uns wendend, gewahren wir die Granitfelsenkuppe des Gerbersteins, um die in wilder Zertrümmerung des in sich zusammengestürzten Berges Riesenpfeiler stehen und lagern. Seine 2147 Fuss hohe Felsenzinne bietet ebenfalls eine der reizendsten Aussichten dar. Unser Blick überfliegt die Gegend, in welcher in einem Thalkessel, den die Gebirgsstrahlen bilden, die geschichtlich merkwürdige Stadt Schmalkalden mit ihrer schönen Kirche, ihrer hochprangenden, aber öden Wilhelmsburg, ihrer regen Betriebsamkeit und ihren Erinnerungen und ernst und einfach liegt; wir sehen dort den Stahlberg, in dessen unerschöpflichem Schoosse die Eisenmenge gewonnen wird, die in tausenderlei nützliches Geräth verwandelt, aus Schmalkalden und andern gewerbsthätigen Orten Thüringens, in alle Länder geht. Dort jener hochragende Gipfel mit der Waldblösse ist der Steinberg, 2866 Fuss, und hinter ihm, just im Punkt des Nordpols ragt der König der thüringischen Berge, der Inselberg mit seinem Häuschen, 2949 Fuss majestätisch empor, der erhabenste Punkt dieser Gebirgsgruppe. Rechts dehnt sich langhin der Rücken der Hohenheide, vor welcher der Felsgipfel der Hohenwarte malerisch aufragt. Jetzt bedecken nähere Höhen den fernem Gebirgszug. Ein mächtiger Hühne ragt der mattenreiche Hühnberg mit hohem und kahlen Felsenhaupt empor, an dessen Fuss wir neben Wiesen einen Theil des Ortes Seligenthal ruhen sehen, dann blickt das heitere duftblaue Gebirge wieder eine kleine, aber merkwürdige Strecke vor; man nennt diese den Rosengarten, und es ist dort auf thüringischer Seite die Wasserscheide zwischen Weser und Elbe. Dort herüber führte die Strasse von Tambach nach Schmalkalden, die einst auch Luther fuhr, als er dem grossen Fürstentag in Schmalkalden beigewohnt. Weiterhin erreicht der Gebirgsrücken im Sperrhügel wieder einen seiner höchsten Gipfel, von welchem sich eine überaus schöne Aussicht auf die Stadt Schmalkalden, das Werrathal, die Rhön und die wald- und felsenreichen Nachbarberge darbietet. Dort gerade vor uns, ganz waldüberdeckt, erhebt sich in massiger Höhe der kleine Dolmar, über den hinweg wir die vorhin schon angedeutete malerische Umgebung Steinbach-Hallenbergs erblicken, während den Hintergrund eine ununterbrochene Bergkette bis zum grossen Herrmannsberg bildet. Schroff und steil gipfelt sich dieser mit seinem Porphyrzackenkamm in die Höhe, und deckt noch einen Theil des hinter ihm wieder sichtbar vortretenden violetten Gebirgzuges.«

»Der grosse Herrmannsberg,« nahm Otto zu den Freunden das Wort: »gehört auch mit zu den gewichtigen Trägern der thüringischen Volkssage, die mit ganz besondrer Vorliebe ihre Wunderblumenkränze um diese hohen Bergsäulen des Vaterlandes hängt, auf deren einsamen Felsgipfeln sie unverwelklich fortgrünen.Leser, die sich näher für thüringische Volkssagen interessiren, darf der Verfasser hier auf sein Werk: Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes u. s. w. verweisen. Diese Berggipfel sind vornehmlich Inselberg und Schneekopf, Warberg und Herrmannsberg, Hörseelberg und Kiffhäuser; an den Sagen, die sich an ihre Gipfel knüpfen, ist eine ganz wunderbare Verwandtschaft wahrzunehmen; das Vorhandensein grosser Schätze im tiefen Schoosse, ausblühende Wunderblumen, die jene anzeigen, unterirdischer Hofhalt voll unheimlichen Glanzes, und Heraustreten von Zeit zu Zeit oder doch Sichtbarwerden der gebannten Mächte, wird allen diesen Bergen mehr oder minder poetisch ausgeschmückt von der Sage beigelegt. Ein Schloss soll auf jenem Berge gestanden haben, das mit seinen ruchlosen Besitzern verwünscht ward. Nur zu Zeiten sind sie sichtbar. Ein Hirtenknabe, der einer verlaufenen Kuh nachging, fand eine Gesellschaft, die auf dem Berg Kegel spielte, er musste aufsetzen, zum Dank wurden ihm die Kegel geschenkt; er schleppte sie nach Hause, wo er sie in Gold verwandelt fand. Musikanten brachten den verzauberten Rittern Ständchen, und wurden reich belohnt, andere, die habsüchtig und neidisch auf jener Glück, das Gleiche thaten, empfingen empfindliche Strafe.« – Otto schwieg, Schaubach sprach weiter: »Wenden wir uns rechts vom Felsgrat des Herrmannsberges, so fällt uns zunächst in die Augen der vorhin schon bezeichnete Hundstein, neben dem der weit sichtbare, durch die kegelförmige Gestalt seiner Spitze sich auszeichnende Rupberg aufragt, welcher seinen weiten, mit Matten und Holzung bedeckten Rücken bis nach Mehlis erstreckt, wo der Reisigestein schroff in das romantische Thal hinabfällt, aus welchem wir einige Häuser von Mehlis hervorblicken sehen; den fernern Hintergrund bilden hier der Gipfel des Gebranntensteins, die Zellaerläube und die Brandleite, zusammen eine malerische Berg- und Felsengruppe. Hoch über Mehlis überragt hinter dem Rupberg beginnend der Spitzigeberg das Gebirge, auf welchem nicht weit davon, wo dieses hinter ihm vortritt, unser Blick auf das Pürschhaus auf der Suhlaer Laube fällt. In gleicher Höhe zeigt sich das Signal auf dem Schneekopf, an welchem wir den noch höhern Nachbar dieses thüringischen Berggiganten, den Beerberg mit seinem Signalthurm emporsteigen sehen. Dort hinauf, an der kahlen Wand des Wildekopfs vorbei, windet sich in einer wildromantischen Schlucht die Strasse von Suhl nach Oberhof, und der Wanderer erblickt dort oben einen Kontrast von rauhen Höhen, grotesken Felsen, tiefen Thälern und rauschenden Tannenwäldern; im fernen Thalgrunde die Stadt Suhl und eine unendliche Fernsicht nach Westen. Der Beerberg, an dem wir den Rennsteig eine Strecke hinziehen sehen, ist der höchste Berg des Thüringer-Waldes, 3064 Fuss über der Meeresfläche.« –

Immer mehr zum Ostpunkt hingewandt, schritten die Freunde auf der Bergebene weiter, und ihre Blicke hafteten auf dem hoch emporragenden Finsterberge, der sich isolirt über das Gebirge erhebt. »Der Gipfel des Finsterbergs,« nahm Schaubach wieder das Wort: »ist mit einem Felsenkranz umgeben und mit einem Hain hoher Tannen überwachsen. Zwischen diesem, dem Hochgebirge und unserm Standpunkt setzt ein niederer Gebirgszug durch, welchem dort der Domberg bei Suhl und der konische Ringberg angehören. Dort, wo wir den Domberg schroff in das Thal hinabfallen sehen, liegt die genannte Stadt, und wir sehen die Strasse nach Ilmenau sich zum Gipfel des hohen Gebirgs zu einer Stelle empor winden, welche die Kalteherberge heisst. Dort liegen in fast gleicher Höhe, der Döllberg und das Gottesfeld, von welchem letztern Otto ohnstreitig eine Sage zu erzählen wissen wird.«

»Es ist nur die bekannte und sich häufig wiederholende von einer versunkenen und durch Gottes Zorn verfluchten Stadt,« stimmte der Genannte bei: »von welcher ein Wildschwein eine Glocke auswühlte, die, nach Schleusingen gebracht, beim ersten Läuten furchtbar schauervollen Klang gab und zersprang. Wiederholt umgegossen, blieb ihr Klang derselbe und lautete höhnend wie eine Dämonenstimme: Sau aus, Sau aus! Die Schwere des Fluches liess nicht ab von dem Metall und machte es unbrauchbar zu frommen Kirchendienst.« –

»Dort blicken freundlich Thurm und Kirche von Heinrichs aus dem Thal der Hasel herauf,« fuhr der Führer fort: »und darüber erheben sich die kahlen berasten Gipfel des Teuschels- und Adlersbergs. Ein äusserst flacher, bewaldeter Rücken schliesst sich an diese an, und es zeigt sich der sanftgewölbte Gipfel des Blessbergs bei Schalkau, welcher das Berggebiet des Meiningischen Oberlandes beherrscht. Unter ihm im Mittelgrund ist der Schneeberg bei Grub sichtbar, und weit dort hinten in blauer Ferne grüssen wir die Höhen des Fichtelgebirges, Schneeberg und Ochsenkopf. Mit dem Thüringerwald sind wir zu Ende. Aber nun thut sich, indem wir uns immer südlicher wenden, eine unermesslich weite und reizend mannichfaltige Aussicht in das gesegnete Frankenland auf. Könnten wir nur, was so fern liegt, uns durch optische Hülfsmittel näher zaubern und es in ein kleines Totalbild zusammenfassen!«

»Sein kolorirtes Dolmar-Panorama gewährt ein solches Bild,« nahm Otto zu den Freunden das Wort: »Wir sehen darauf, ohne dass uns Höhenrauch, Nebel- und Wettergewölk die Aussicht jemals trübt und dunkelt, die Veste Coburg, Schloss Hohnstein, einen Theil der Stadt Hildburghausen, die Klosterkirche von Vierzehnheiligen, den hohen Staffelberg, die Ruine Straufhain und die Veste Heldburg, die fränkische Leuchte, die verwaiste Schöpfung des unglücklichsten Sachsenfürsten, Friedrich des Mittlern, – lauter Punkte, die wir jetzt zum Theil mit dem Fernrohr mit einiger Mühe suchen müssen.«

»Zu unsern Füssen erblicken wir Kühndorf,« sprach Schaubach weiter: »mit seinem alten hennebergischen Grafenschloss, und dort drüben das ehemalige Kloster Rohr, darüber ein Berg mit malerischen Felswänden sich lang und grün hinstreckt. Über diesen, aber in weitem Zwischenraum von Feldern und Wäldern stehen, wie die Säulen des Herkules, die Basaltkegel der Gleichberge bei Römhild, der kleinere ohnstreitig ein ausgebrannter Vulkan, ein Wunder der Gegend, von Sagen umklungen, mit dreifachem Basaltwall umgürtet, in jeder Hinsicht merkwürdig und sehenswerth. Weit hinter diesen Bergen dehnt sich das Frankenland mit Städten, Dörfern, Klöstern und Warten, während wir die niedrigern Höhen des Werrathales mit dem Blick leicht überfliegen. Dort trennt die Schanze ohnweit Henneberg Baiern und Meiningen, Franken und Thüringen, Rhein- und Wesergebiet, das katholische und das protestantische Deutschland. Wir wenden uns jetzt vom Südpunkt westwärts und kehren in die Gegend, aus der wir kamen. Ein Theil von Meiningen, sein schönster, ist uns sichtbar, das übrige deckt der weit in das Thal vorspringende Drachenberg. Dort liegt einsam die Ruine Henneberg, dort Dreissigacker, dort in der Ferne die Lichtenburg bei Ostheim, und der Gebirgszug der Rhön beginnt. Der Kreuzberg überragt hoch diese kahle und rauhe Bergkette, über welche sich westlich auch der Gangolf aufgipfelt. Dort neben dem burgruinengekrönten Hutsberg beginnt die Geba, des Dolmars Nachbarberg, die Vorwarte der Rhön, wie der Dolmar die des Thüringer-Waldes, noch um etwas höher wie dieser, an deren Fuss wir die Dörfer Bettenhausen, Melkers, Stepfers- und Rippershausen liegen sehen. Hinter der Geba blickt die Disburg hervor, der Leichelsberg und die Hart.« – »Das ist jene Disburg,« nahm Otto das Wort: »welcher hennebergische und auch ausländische Geschichtsforscher die Ehre zueignen, das alte Dispargum gewesen zu sein, das Chlodio, der Frankenkönig erbaute, als er die Thüringer besiegt hatte. Vieles fabeln von ihr die Hypothetiker, möchten gern aus ihr eine Disen-(Göttinnen)burg, aus ihrem Nachbarberg, der Hart, einen Herthasitz machen, und aus den Ortsnamen Katz am Fuss dieser Berge Katten als Urbewohner der Gegend mit Gewissheit annehmen, welches Letztere noch mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat, als nordischer Götterkult in unserm Lande; da sich in jenem ganzen Gebiet viele altgermanische Gräber finden.« – »Die Etymologie,« warf Lenz ein: »ist die leichteste Weise, Beweise für alles beizubringen, und bei ihrer hohen Wichtigkeit zum Behuf historischer Forschung dennoch der allergefährlichste Pfad, für den, der es liebt, im Irrgarten seiner vorgefassten Lieblingsmeinungen zu wandeln.«

»Mit Worten,« sprach Wagner: »lässt sich, nach Göthe's Ausspruch, trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten. Diess glückt unsern etymologisirenden Altertumsforschern oft überraschend.« – Die Freunde waren nun nicht mehr fern von dem Punkt, von welchem sie ihre Rundsicht begonnen hatten, sie erblickten immer noch die langgedehnte Kette des Rhöngebirgs, das mit einer Gruppe mächtiger Basaltkuppen zu schliessen scheint, unter denen Baier, Dietrich und Ochsenberg die höchsten sind. Stopfelskuppe, Bless und die Hunkuppen blicken als Zwischengebirgszug mit dunkelgrünen Waldgewändern umkleidet in das Werrathal, aus welchem das Kammergut Maienluft bei Wasungen mit hochragendem Ruinenthurm aufsteigt. Noch zeigt sich ein reizendes Landschaftsbild, in dessen Mittelgrund der Breitunger See, der Kreimerteich und die mäandrisch durch eine üppige Wiesenflur hinströmende Werra silberblitzend leuchten, während zahllose Ortschaften: darunter Herren-, Frauen-und Altenbreitungen, Salzungen, Barchfeld u. a. sichtbar sind, über denen der lange Rücken des Meissner sich streckt, und in der weitesten Ferne die Höhen bei Göttingen verdämmern.

Auf die grüne Bergmatte lagerten sich die vier Wandergesellen und überschauten heitern Sinnes und Geistes das herrliche Thüringerwaldgebirge, das nun in mehr als einer Richtung von ihnen durchwandert und näher betrachtet werden sollte. Während dem Rest der mitgebrachten Erfrischungen sein Recht geschah, nahm Otto das Wort: »Noch einer besondern Merkwürdigkeit in archäologischer Beziehung muss ich hier gedenken, es fanden sich nämlich auch am Dolmar Hünengräber, deren Fundergebnisse im Allgemeinen mit denen übereinstimmend waren, welche die Gräber in der Nähe der Geba und Disburg lieferten – was aber weit wichtiger: am Dolmar fand sich im Herbst 1816 eine Goldmünze, über einen Dukaten schwer, vom feinsten Gold, in der Form der sich im Hennebergischen nicht selten findenden sogenannten Regenbogenschüsselchen; es ist nämlich Volksglaube, dass da, wo ein Regenbogen sichtbar aufsteht, eine solche Münze vom Himmel falle. Diese kam in die Hände des Vicekanzler Geheimerath Freiherrn von Donop in Meiningen und rief ein gelehrtes Werk voll geistreicher und scharfsinniger Combinationen: Das magusanische Europa, ins Leben. Die Münze wurde für eine der interessantesten Heracleen erkannt, die als ein unicum gelten kann, und die Begeisterung des Besitzers bildete aus historisch-etymologischer, mythologischer, numismatischer und antiker Weltsagen-Forschung die in dem magusanischen Europa niedergelegte grandiose Hypothese aus, dass Phönikier unter Anführung des Herkules magusanus das Innere Germaniens betreten, und diese Gegend unter andern einer ihrer Colonien Wohnsitze bot, während sich phönikischer Götterkult mit keltischen und scandinavischen weniger verschmolz, als vielmehr jenen erst bilden half.«

»Ich bin kein Alterthumsforscher,« nahm Lenz das Wort: »aber einen Einwurf wollte ich sogleich der Hypothese machen, der wohl Erwägung verdienen möchte: Wenn nicht durch Handelsverkehr die Münze in diese Gegend kam, kann sie nicht Siegesbeute der durch Karl den Grossen gegen die Sarazenen in Spanien – wohin die Münze weit eher und leichter als mitten in die deutschen Urwälder gelangen konnte – gesandten germanischen Hülfstruppen, darunter auch Thüringer, gewesen sein? Du erwähntest Hünengräber am Dolmarberge, kann sie nicht mit in ein Grab gegeben, später ausgeackert und so in die Hände des gelehrten Besitzers gelangt sein? Und klingt diese Annahme nicht wahrscheinlicher und natürlicher, als um eines Einzelfundes willen dieser Gegend die Anwesenheit eines Volkes zu vindiciren, von dem, hätte es Deutschlands Inneres betreten, Nachrichten und Spuren wohl mehr als fast gar keine noch vorhanden sein würden.« – Diese Frage, auf Möglichkeitsfälle gestellt, konnte nicht geradezu verneint werden. –

Am Basaltsteinbruch des Dolmar vorbei, schritten die Wanderer nach Kühndorf hinunter und gelangten bald in das Thal der muntern Schwarza und in den Flecken gleichen Namens selbst, der durch seine Bierbrauerei berühmt ist. Bis dorthin begleitete der gefällige Freund aus Meiningen die drei Wandergefährten, um nach einem gemeinschaftlichen Valettrunk zu scheiden. Bei diesem konnte sich Otto nicht enthalten, eine lokale Sage – scherzhaft zu erzählen, indem er begann: »Es muss nicht zu allen Zeiten so goldhelles, kräftiges und schmackhaftes Bier in dem Gräflich Stollbergischen, unter Preussischer Hoheit stehenden Flecken Schwarza von 190 Häusern und 1174 Einwohnern gegeben haben, wie jetzt, denn einst geschah es, dass zwei Knaben in einem Nachbardorf Bier holen mussten. Als sie zurückkehrten, war es Abend, und es zog gerade Frau Holle mit ihrem ganzen wilden Heer durch den Ort, der treue Eckart mit dem Stabe voran, der hiess warnend Alles aus dem Wege gehen, auch die Knaben. Allein obgleich diese sich furchtsam in eine Ecke drückten, kamen doch der durstigen gespenstigen Weiber einige und tranken alles Bier aus, was in den Kannen der Knaben war. Wie nun der Zug vorüber, trat den Erschrockenen und Bangenden der alte Eckart wieder nah, lobte sie, dass sie geschwiegen, und legte ihnen ferneres Schweigen auf. Als sie nun nach Hause kamen, waren die erst leeren Kannen voll guten Bieres und flossen drei Tage lang unerschöpflich, bis die Knaben das Schweigen brachen. Seitdem aber soll es Schwarza nie an gutem Bier gebrochen haben.« –

 


 

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