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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 36
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
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Der Dietharzergrund.

Tambach breitete sich schon, ein ächter Waldflecken, an einem sanften Bergabhange mit 300 Häusern, meist, nach Waldsitte, mit Holz bedeckt, vor den Fusswanderern aus, als der Wagen mit den Damen diese einholte. Die Wiesenmatten leuchteten im Goldglanze der Abendsonne; nahe zur Linken lag noch ein stattliches Dorf, Dietharz, und zur Rechten glühte eine pittoreske, über 100 Fuss lange Felswand, der Spitterstein, hoch über einem grünenden Seitenthale.

Der schöne Abend forderte lebhaft zu einem Spaziergang auf; freundlich lockende, stille Thäler münden in den weiten Gebirgskessel, darin Tambach liegt; eines derselben birgt in seinem tiefen Schooss in wildester Umgebung von Felsgeklüft und Gestrüppe und schattenden Bäumen den schönen Spitterfall; allein Otto sah dem Wasserstande des dorther kommenden Baches an, dass im hohen Sommer die Kaskade der Wildniss den weiten Hin- und Herweg nicht lohnen würde, und begnügte sich, denselben seinen Gefährten zu schildern. Eben so wenig glaubte er, dass die Gesellschaft einen Gang nach dem, in einem andern Thale ausquellenden Luthersbrunnen, aus welchem Luther sich stärkte und Genesung trank, da er krank vom Schmalkalder Fürstentage 1537 nach Tambach reiste – lohnend finden würde, und dachte auf eine andre Ueberraschung. Er führte seine Freunde und Freundinnen nach der nahen Tafelglashütte, und ein günstiger Zufall wollte, dass gerade geblasen wurde.

Die Dämmerung begann schon im Thale; feierlich-religiöser Gesang der Arbeiter, meistens Böhmen (ein Kruzifix über dem Eingange deutete ihr Glaubensbekenntniss an), begrüsste die Nacht. Im Ofen glühte eine Feuerhölle, rührige Thätigkeit begann. Die Arbeiter regten ihre langen Pfeifen geschäftig; oft eintauchend in die Masse, bald erkühlend, bald erwärmend, schwingend und rollend, bildeten sie die glänzenden Blasen, gaben ihnen Cylinderform, hitzten die Cylinder bis zum Aufspringen, drehten die Öffnung rein ab, sprengten sie der Länge nach, und streckten sie in der Gluth des Reverberirofens, ebneten sie mit glühendem Eisen, brachten sie zum Erkalten in den Kühlofen und gewannen so die glatten Tafeln, die theils dem wohlthätigen Lichte vergönnen, geschlossene Räume zu erhellen, theils zu unbestechlichen Wahrheitpredigern werden, zu welchem Ende auch eine Spiegelfabrik in Tambach in erfolgreichem Gange ist. – Man konnte sich des malerischen Effekts und des eigenthümlichen Eindrucks dieser Anschauungen nicht genug erfreuen, fühlte aber denn doch beim Nachhausegang einige Ermüdung und Abspannung, und suchte zeitig die Ruhe, um am folgenden Morgen sich nicht säumig und noch schlummerbedürftig finden zu lassen.

Wandergerüstet trat die Reisegesellschaft am andern Morgen aus dem Gasthofe zum Bären, eben als melodisch läutende Heerdenglocken zahlreich den Ort durchschallten. Der Wagen blieb zurück, denn er hätte nur hemmend wirken können in diesen engen Thälern; mitten im Gebirge sind die Wege für grössere Geschirre untauglich. Auch der eingeschlagene bot häufige Gelegenheit, den Damen hülfreiche Hand zu leisten, wenn bald ein feuchter, schwindelerregender Steg, dorniges Gestrüpp und wasserüberflossene Pfade zu passiren waren; doch erhöhten solche kleine natürliche Hindernisse nur die gute, zu Scherz und Frohsinn geneigte Stimmung der Gesellschaft. Zwischen manchem zaghaften Angstschrei und manchem Gelächter gab Otto seine Erläuterungen, denen mindestens Dame Arenstein sehr aufmerksam zuhörte.

So wurde denn eines der wildromantischsten Thäler beschritten: der Dietharzer- oder Schmalewassergrund, den kein durch die Gegend Reisender unbesucht lassen sollte. Er bietet der Schaulust schon in seinem Eingange eine Felshöhle; das Hülloch über dem Märtersbach (vielleicht Märtyrersbach, wie die Höhle von Heulen?), bietet die mannichfachen Felspartieen der Saalweidenwand, und leitet so immer wechselnd zu einem gigantesken Felskegel, den Altenfels, der eine Ritterburg trug. Bald darauf wurde aber der wichtigste Gegenstand des Thales, der ungeheuer kolossale Falkenstein, sichtbar; senkrecht abgeschnitten, ja gegen das Thal überhängend, überragt er hoch alle Nachbarfelsen. Er wurde als Ziel dieser Morgenwanderung angenommen; in seiner Nähe auf moosgrüner Matte hingelagert, ruhte sich's herrlich aus, und wenn ein Theil der Wandergefährten von der Schönheit des Morgens, vom Reize der Wald- und Bergnatur und von lieber Nähe gesättigt war, so gab es einen andern Theil, welcher die Gaben nicht verschmähte, die der Bediente der Familie Arenstein in einem vorsorglich gefüllten Korbe nachgetragen hatte; vielmehr war der Platz einladend geeignet, geistige und materielle Genüsse zu vereinigen. Als Otto die Sage vom Falkenstein erzählte, während Wagner sich eine Skizze von dem wahrhaft malerischen Porphyrfelsen nahm: dass einst ein oben auf der Höhe spielendes Kind unverletzt, von Engeln behütet, herabgefallen, und mit droben auf dem Gipfel wachsenden Blutnelken unten ruhig spielend von der Mutter wiedergefunden worden sei – auch dass solche Blutnelken Sagenzeugen des oben von grausamen Raubrittern vergossenen Blutes armer Fremdlinge seien, da erfasste Lenz und Wagner ein ritterliches Verlangen, zum Gipfel empor zu klimmen und den Damen solche Nelken zu pflücken. Otto widerrieth freundlich eine den Hals um nichts wagende Galanterie, die auch die Jungfrauen ablehnten. Allein Jene bestanden auf ihrem Vorhaben; sie glaubten, wenn sie den Fels umgingen, ihn leicht erklimmen zu können. Otto ging ein Stückchen mit, zeigte ihnen an der östlichen Seite die schmale und schwer zugängliche, dicht voll Laub gewehte Felsenspalte, durch welche das Aufklimmen zwar möglich, aber auf keine Weise anzurathen ist. Jene machten einen Versuch, standen aber bald von ihrem Vorhaben ab, und brachen, von Otto etwas verspottet, von den Damen belobt, mit den Uebrigen auf. Sie wurden durch einen Bergwald empor- und in ein andres Thal geführt, darinnen Heerdenglockengeläut erklang, darin eine Höhle, der Keller, eine Felswand, der Bielstein, und wieder näher nach Dietharz zu eine in das Thal sanft auslaufende Felsenzunge zu sehen war, welche durchbrochen wie ein Nadelöhr, eine 20 Fuss breite und 10 Fuss hohe, dabei gegen 6 Fuss lange Oeffnung zeigt, und das steinerne Loch genannt wird.

Otto äusserte laut sein Bedauern, zu so manchem schönen Punkte dieser Gegend wegen Weite und Unfahrbarkeit der Wege die Schau- und Wanderlustigen nicht geleiten zu können, und verhiess dafür um so grössern Genuss beim Besteigen des Inselberges. In Tambach hielt es nicht schwer, auch für die Freunde ein leichtes Fuhrwerk aufzutreiben, welches sie mit den Damen zugleich wieder nach Reinhardsbrunn zurück bringen sollte, wenn auch hin und wieder auf steilen und gefährlichen Wegen ein wenig ausgestiegen werden musste. Man konnte sich um so eher der Notwendigkeit nachgebend mit einem Pferde begnügen, als Frau Arenstein einem der Herren den vierten Platz in ihrem Wagen anbot, um welchen Otto gern seine beiden Freunde loosen liess, für seinen Theil es für das beste Loos haltend, bei gutem und etwas heissem Wetter nicht in einem bedeckten Wagen rückwärts sitzend, langsam bergauf fahren zu müssen. Lenz war der Glückliche, dem sich in das transportable Gynäceum einzuschwingen und einzuschmiegen vergönnt war; Wagner aber, als er nun mit Otto im ländlich bescheidnen Einspänner allein fuhr, schüttete gegen diesen sein ganzes liebeübervolles Herz aus, wie er für Rosabella glühe und ihren Besitz ersehne.

»Ich weiss nur einen prosaischen Rath,« lachte Otto: »wirb um sie, heirathe sie! Mir sind Ehen genug bekannt, die sich auf einer Lustreise zur gemeinschaftlichen Lebensreise anknüpften. Die Mutter ist eine verständige Frau, welche Bildung genug hat, nicht geldstolz zu sein; prüfe die Angebetete, sieh, ob auch Du ihr mehr als flüchtiges Wohlwollen abgewinnen kannst, das Weitere findet sich. Der gerade Weg ist auch heutzutage noch der beste. Man erfleht nicht mehr eine Gegenliebe fussfällig, die sich mit Ernst verweigert, man weint nicht, siegwartisirt nicht, härmt sich nicht ab im sentimentalen Seufzen, und thut wohl daran. Deshalb behält das Herz immer seine Rechte.«

Der Liebende seufzte dennoch, und Otto half ihm gleich darauf, da der Wagen von Zeit zu Zeit mit schmerzlichen Rippenstössen fühlbar machte, dass er nicht in Federn hing. Gleichwohl kamen Alle wohlbehalten wieder in Reinhardsbrunn an, wo der herrliche Abend noch im Freien genossen ward, wo auf stillen Promenaden die Herzen mehr und mehr sich aufschlossen, annähernd bewegter schlugen, und in ihnen süsse Unruhe das Walten des allmächtigen Weltbezwingers Eros verkündete.

 


 

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