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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 35
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
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Der Candelaber.

Freudenvoll, mit jenem seligen Gefühl in der Brust, das aufkeimende Liebe gewährt, schritten die jungen Freunde im Geleit ihres Führers dem einfachen Waldstädtchen Friedrichrode zu und ohne Aufenthalt hindurch, da es in einer Viertelstunde von Reinhardsbrunn aus zu erreichen ist. Die bedeutenden Leinwand- und Garnbleichereien dort, wie der Handel mit solchen Waaren konnten denen kein sonderliches Interesse abgewinnen, welchen die Gestalten zweier Huldinnen vorschwebten, die den ausschliesslich alleinigen Gegenstand ihrer Unterhaltung bildeten.

»Meine Rolle ist ausgespielt,« scherzte Otto zu den Freunden: »was fange ich mit verliebten Leuten an? Sage ich, dies vor uns liegende Dörflein heisst Engelsbach, so seufzt ihr nach euern Engeln; mache ich im Vorbeigehn euch auf eine Sculptur an der Kirchhofmauer aufmerksam, das Paradies genannt, so denkt ihr an das Paradies der Liebe, das euch gestern mein prophetisches Ahnen verkündete, und deute ich nach der Höhe des hier zur Rechten noch liegenden Ruinenberges der verschwundenen Schauenburg, so schaut ihr euch, statt nach ihm, nach dem Arensteinischen Reisewagen um. Nicht wahr, ich habe mich als Vates bewährt?«

»Vollkommen!« stimmten die Befragten bei, und schauten in der That rückwärts, nicht nach dem Paradiese, sondern nach dem Wagen; dieser kam aber noch nicht so bald, und Otto gewann Zeit, Jene auf einem freundlichen Fusspfade durch Haselnuss- und Hainbuchengebüsch allmälig emporzuführen, um über den Dörfern Altenberga und Catterfeld einen Standpunkt zu gewinnen, von welchem aus nicht nur der Thalgrund mit den ihn schmückenden beiden Dörfern und der hochgelegenen, lindenumgrünten Immanuelskirche sich malerisch schön ausnehmen, sondern von wo aus auch gerade über der genannten Kirche eine durch die Fichtenwaldung des, dieser Aussichthöhe gegenüber liegenden Berges gehauene Stallung den Candelaber, das schöne Denkmal an des heiligen Bonifacius segensreiches Walten in Thüringen, erblicken lässt. Nächstdem ist dem Auge vergönnt, weit umher zu schweifen, und sich auf der zahllosen Menge von Berggipfeln, Bergrücken, Berghalden des Thüringer-Waldes zu ergehen, welche bald ein Jagdhaus, bald eine trigonometrische Warte, bald eine Ruine in mannichfachem Wechsel, in verschiedenartiger Beleuchtung, schmücken.

Während solches Alles auf der Höhe von Otto angedeutet wurde, rief Lenz plötzlich: »Dort kommt der Wagen!« und raschen Schrittes ging es, mit wehenden Tüchern bewillkommnend und signalisiernd, bergab, und Altenberga zu.

Die froh begrüssten Damen stiegen aus; dem Kutscher ward ein Wegweiser aus dem Dorfe zugegeben, und er bedeutet, nach Georgenthal vorauszufahren, worauf die Anhöhe erstiegen wurde, welche der Candelaber schmückt.

»Dies ist die schöne, würdige Stelle,« nahm Otto droben das Wort: »an welcher, wie die Sage erzählt und die Geschichte bestätigt, Winfried-Bonifacius den Umwohnern zuerst den Heiland kennen lehrte, und dessen sanfte Lehre verkündete. Der Apostel Thüringens, in diesen Einöden dem Mangel Preis gegeben, sah sich durch ein Wunder gespeist, ein Adler liess einen Fisch aus den Lüften vor ihm niederfallen; er sah auf sein Bannwort eine Rabenschaar, deren lautes Geschrei sein Predigen störte, entweichen, und so gründete er hier glaubens- und vertrauensvoll den ersten Christenaltar, die erste Kirche, im Jahre Siebenhundert vier und zwanzig. Sanct Johannes dem Täufer geweiht, von Zeit zu Zeit erneuert, stand diese zuletzt den Einsturz drohend, und die Sage verkündet, dass, als man sie habe abtragen wollen, um sie im Thale aufzubauen, das Material immer am andern Morgen wieder auf dem Berge gelegen habe. Doch wurde statt ihrer unten am Berge Siebzehnhundert und zwölf die Immanuelskirche erbaut.«

Zuhörend hatten sich die Damen auf die Stufen des steinernen Riesenleuchters niedergelassen, und blickten mit Ernst nach der von Otto bezeichneten nahen Stelle hin, wo Kalk und Ziegelstücke das Vorhandengewesensein eines Gebäudes andeuteten. Otto sprach weiter: »In dem Kirchlein auf dieser Höhe empfing Ludwig der Springer die Taufe. Als es längst verfallen war und der Platz öde Waldung werden wollte, vermachte ein armer Holzhauer, Nikolaus Brückner, unten aus Altenberga zwanzig Meissnergülden zu einem Denkmal hier oben; der Gedanke fand grossen Anklang, es wurde öffentlich zu weitern Beiträgen aufgefordert, der damals regierende Herzog August von Sachsen-Gotha und Altenburg bestimmte sinnig die äussere Form des Denkmals und wählte die des Kirchenleuchters, um würdig die Stelle zu bezeichnen, von welcher aus sich die Morgenröthe des Glaubenslichtes über die Gefilde Thüringens ergoss. Im Juni des Jahres Achtzehnhundert und elf konnte der Grundstein dieses Denkmals feierlich gelegt werden, dann erhob es sich so, wie es hier vor Augen steht, auf sieben Stufen und acht Kugeln ruhend, in edler Form eines Candelabers, unten mit Akanthusblättern, oben mit drei Engelköpfen geziert, welche ein Flammenbecken tragen. Es war ein herrlicher Weihetag, als aus Nähe und Ferne Tausende auf diesem Berge zusammenströmten, und zur Feier desselben, zur Einweihung des Denkmals sich die drei deutschen Hauptconfessionen brüderlich die Hände reichten. Unter Glockengeläute und Musik bewegte sich ein langer Zug, voran zwei katholische Kirchenfahnen mit den Bildern der Heiligen Bonifaz und Benedikt, den Berg empor; Schulkinder mit ihren Lehrern, Schulzen und Vorsteher der umliegenden Gemeinden, Beamte, Künstler, welche das Denkmal gearbeitet, Land- und Stadtgeistliche, namentlich ein katholischer Prälat aus Erfurt, ein lutherischer Superintendent aus Gotha, ein reformirter Diakon aus Schmalkalden, folgten. Jeder der drei Letztern hielt eine Rede, und mit kirchlichem Gesänge wurde die Feier beschlossen.«

Die Zuhörerinnen des Sprechers blieben nicht ungerührt bei der Erinnerung an die Vergangenheit; Otto machte sie noch auf einen, im nahen Gebüsche, verborgenen uralten Taufstein mit Akanthusverzierung aufmerksam, und lenkte dann ihre Blicke auf das reizend hingebreitete Waldgebirge, vom nicht mehr fernen Inselberg überragt, hin, auf die grünenden Thäler, und auf das niedrigere Land, an dessen Beginn sich die Stadt Ohrdruf zeigt, die nicht minder an Bonifacius Wirken und Walten erinnert.

Lange genug weilten auf der geweihten, bedeutungsvollen Stätte die Reisenden, sich der Aussicht erfreuend und mancher traulichen Mittheilung pflegend, dann schlug Otto ihm wohlbekannte Waldpfade ein, führte durch ein umzäuntes Wildgehege, und auf äusserst angenehmen Wege durch einen jungen Tannenforst, in welchem hie und da Ruhesitze sich darboten. Dann auf etwas steilem Bergpfad abwärts schreitend, machte er aufmerksam auf die schöne Lage des Gothaischen Ortes Georgenthal, das im romantischen Thalgrunde neben drei spiegelnden Teichen, von herrlichen Wiesen, Felswänden, Waldungen umgeben, erblickt wird, an einem jener laut über das Gestein hinrollenden Bergwasser, die so sehr den Reiz wie den Schmuck dieser traulich heimischen Thäler erhöhen. Von dem ehemaligen reichen und berühmten Cistercienser-Kloster des stattlichen Amtsortes ist wenig mehr zu erblicken, und das Erhaltene wurde in öffentlichen Zwecken dienende Räumlichkeiten umgeschaffen.

Nach einem Spaziergange durch Georgenthal, an den Teichen und dem freundlichen Schützenhofe vorüber, gönnten sich die Damen einige Ruhe, und die Herren fanden in der trefflichen Brauerei nach bairischem Vorbilde, für die noch kurze Strecke, die heute zu durchwandern war, ein erlabendes Stärkungsmittel. Sie brachen hierauf nach Tambach auf, den herrlichen Thalgrund im Lichte des hellen Nachmittags durchwandernd, in welchem Lenz, neben dem Todtliegenden des Bodens, noch mancherlei mandelstein- und lavaähnliche Mineralien zu Tage anstehend fand.

 


 

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