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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 28
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
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Erfurt.

Der folgende Morgen führte, bei wieder etwas hellerem Himmel, die Reisenden aus der Grossherzoglichen Residenz der uralten Hauptstadt des Thüringerlandes zu. Otto zeigte den Freunden zur Linken in friedlicher Niederung die Wallendorfer Mühle, die einst Schauplatz einer gar romantischen Liebe des Grafen Wilhelm von Orlamünde zur schönen Meta, der Müllerstochter, war, und zur Rechten den 1459 Fuss hohen Ettersberg mit dem Jagdschlösschen Ettersburg, welcher bei gutem Wetter eine ausgedehnte Fernsicht gewährt, und der Umgegend als Wetterverkündiger, wie überall hohe Einzelberge, dienen muss. Er hatte bereits den Hut gelüftet; die Wolken, die seine Stirne umlagert hielten, verzogen sich, und so prophezeihte er den Reisenden günstig. Die Heerstrasse war äusserst belebt; Landleute in reinlicher Tracht, meist Mädchen und Frauen, mit Körben aller Art auf den Rücken, eilten dem Wochenmarkt in der Residenz zu, um die Erzeugnisse ihres Fleisses und ihrer Feldwirthschaft zu verwerthen, aber auch Wagen voll Gemüse und sonstige Victualien flogen, von starken Ackerpferden gezogen, dem Auge rasch vorüber; darauf sassen oft noch ganze Gesellschaften gemischten Geschlechts, fröhlich durch einander plaudernd in allen Variationen des hier ziemlich breiten und singenden thüringischen Dialektes.

»Wir haben auf unsrer Reise,« nahm Lenz das Wort: »viel des Schönen gesehen, das Natur oder Kunst dem Auge gefällig darboten, aber vom eigentlichen Leben des Volkes, dessen Brauch, Sitte und Wesen, haben wir nur wenig erblickt; wie kommt das?«

»Das hat einen sehr natürlichen Grund, und kann für mich kein Vorwurf sein,« erwiederte Otto. »Um Studien jener Art zu machen, bedarf es eines längern Verweilens in Städten und Dörfern, als eure Zeit und Eile vergönnt. Vom Vogelschiessen, in Thüringen allbeliebt, habt ihr in Ilmenau eine Vorstellung erhalten: Weimar, Gotha, Erfurt, Rudolstadt halten neben jenem die berühmtesten, besuchtesten; vielleicht führt unser Reiseglück uns auch in ein Kirmsedorf; diese beiden noch in aller Aechtheit erhaltenen und vom Volke mit Vorliebe festgehaltenen Volksvergnügungen sind besonders geeignet, Anschauungen des thüringischen Volkslebens zu geben. Um festliche Gebräuche von Einzelorten wahrzunehmen, die oft originell genug sind, muss man zu günstiger Zeit und Stunde anwesend sein, es giebt deren manche, und ich will euch, den ziemlich einförmigen Weg zu kürzen, einige nennen. Naumburg hat sein Kirschenfest, von dem ich euch erzählte, Mühlhausen sein Brunnenfest, wo eine dankbare Erinnerung die Jugend zur Freude leitet, an der alles Volk Theil nimmt. Das Dorf Günstedt, im Königlich Preussischen Amte Weissensee, feiert ein Fest, der Ablass oder die Spende genannt, auf einer unabsehbaren Wiese, zu welchem Tausende strömen; Querfurt hält auf seiner berühmten Eselswiese einen berühmten Jahrmarkt, Erfurt, dem wir uns nahen, hat noch seinen grünen Montag mit Waldeslust und Waldesjubel, seine Peter- und Hospitalkirchweihen; in frühern Zeiten zog sein Frohnleichnamsfest die Bevölkerung der ganzen protestantischen Umgegend zur Theilnahme herbei, und diese vergass bei dessen Glanz, dass es ein katholisches Kirchenfest sei. Eine Menge früherer Feste wurden eingestellt, oder beschränkt, so in vielen Städten der beliebte Gregoriustag, in Erfurt der Walperzug nach der Wagdweide, eine Erinnerungswallfahrt an einen errungenen Sieg der Städter über die Burggrafen von Kirchberg. Im uneigentlichen Sinn kann man auch Volksfeste die festlichen Tage von Himmelfahrt, Pfingsten, Trinitatis und Johanni nennen, wo das Waldvolk den Berggipfeln zuströmt, und sich in den kräuterreichen Waldungen verbreitet, um hochlodernde Feuer die Nächte durchschwärmt, sich wacker zutrinkt, und zum Theil auch sich wacker prügelt. Orgien dieser Art mögen wohl noch späte Nachklänge vorzeitlichen heidnischen Hain- und Bergkults sein. Namentlich am hochgehaltnen Dreifaltigkeitstage muss jede Arbeit ruhen, muss spazieren gegangen werden; an diesem Tage vornehmlich blüht auch nach dem Volksglauben die Wunderblume an gesegneten Stellen in grüner Waldesnacht.« –

Unter solchen und ähnlichen Mittheilungen kamen die rasch des Wegs Fahrenden bis zu dem Punkt, von welchem aus Erfurt in seiner ganzen Grösse am Fusse nicht hoher Berge mit vielen Thürmen und Thürmchen in der höchst fruchtbaren, weit zu überschauenden, mit friedlichen Dörfern geschmückten Thalebene der Gera liegt. Ueber die Höhen des Steigerwaldes blickte neugierig der ferne Inselsberg herein, und nicht allzufern zur Linken ragten über Duftschleiern die Gleichischen Bergschlösser, herüberschauend nach den stattlichen Vesten der Neuzeit: Petersberg und Cyriaksburg. Sanfte, vielfach verzweigte, grösstentheils aus Kalkstein bestehende Höhenzüge und Plateau's, zwischen denen kleine Flüsschen und Bäche sich winden, bilden, mit Nadelholz- und Laubwaldungen untermischt, den Charakter dieser Gegend, in einem Umkreis mehrer Meilen, und in ihr, der lachenden, freundlichen, ergiebigen, in Thüringens Mitte günstig gelegenen, wurde in der Urzeit dieses Landes die grösste und beste Stadt desselben gegründet. Otto nahm von der Gegend Veranlassung, dieser Gründung zu gedenken.

»Das Erfurter Gebiet,« sprach er: »ist mir immer merkwürdig, weil in ihm die vielleicht älteste deutsche Sage haften blieb, die von einer Zeit, in welcher noch alles Flachland unter Wasser stand, wo mithin noch nicht einmal von den undurchdringlichen Wäldern und Wildnissen des alten Germaniens die Rede war. Dieser Sage nach verliefen sich aber die Gewässer, als die Riesen den Felsendamm an der Schmücke, unter der nachherigen Sachsenburg, jenem Unstrutpass, den ich euch zeigte, durchgestochen. Von der Gründung der Stadt weiss nur die Sage zu erzählen, die bald einen Müller Erf an einer Gerefurt (Erefurt), bald den mythischen König Merovig als erste Erbauer nennt. Das alte Erphesford tritt jedenfalls schon früh fertig in die Geschichte; so fand es Bonifacius, und hielt es eines daselbst zu begründenden Bisthums werth; Klöster erhoben, Ansiedler mehrten sich; Karl der Grosse machte Erfurt zu einer Stapelstadt; die spätern Kaiser hielten hier Reichs- und Kirchenversammlungen, und verliehen nach und nach Mauern, städtische Ordnungen, Stiftungen, Freiheiten, während das Bisthum wieder erlosch und die Stadt unter den Krummstab von Mainz kam. Die thüringischen Landgrafen haben sich nie dauernder Herrschaft über die Stadt erfreut, deren erwachender Bürgertrotz sich den Reichsstädten gleich achtete. Hader, Kampf und Fehde nach allen Richtungen hin ziehen sich durch die ganze Geschichte Erfurts wie ein blutiger Faden, und nichts, was in der Frühzeit allgemeines Interesse erregen konnte, fand Erfurt ohne Theilnahme. Anhängerin des Grafen Adolph von Nassau, Erzbischofs von Mainz, traf die Stadt der päpstliche Bannstrahl und die Reichsacht; sie trug beides standhaft, und Adolphs Dankbarkeit half ihre Universität gründen, die dazu beitrug, ihr die höchste mittelalterliche Städteblüthe zu verschaffen; auch dem Bunde der deutschen Hansa schloss Erfurt sich an.«

»Indessen mitten im gedeihlichen Wachsthum traf die Stadt hemmend ein furchtbarer Schicksalsschlag. Ein schändlicher Mönch steckte sie 1472 in Brand, wodurch fast die Hälfte ihrer Häuser in Asche sank. Später untergruben die wachsende Macht der benachbarten Sachsenherzoge, Leipzigs aufblühender, kosmopolitische Bedeutsamkeit gewinnender Handel, und nachlässige Verwaltung des städtischen Vermögens Erfurts Glück; letztere führte endlich zu offenbarem Aufruhr der Bürgerschaft gegen den Rath und zu Händeln, welche zu der städtischen Schuldenlast von 500,000 Gulden unermessliche neue Kosten fügten, eine grosse Anzahl Patrizierfamilien theils zur Flucht, theils zur Auswanderung zwangen, und zuletzt der Stadt die Reichsacht zuzogen. Mangel an Gemeingeist zerrüttete unheilbar Erfurts frühern Flor, doch hob es sich bald darauf in geistiger Beziehung um so mehr, durch Lehrer seiner Hochschule, wie Eoban Hesse, Johann Lange, Justus Jonas, Draconites, Camerarius, und Andere. Aber nicht lange, so brachen in Folge der Reformation so heftige Streitigkeiten aus, dass Lehrer und Schüler sich wegwandten. Unaufhörlich wechselnd sah Erfurt fortan Zeiten des Friedens, wie des Krieges über sich verhängt, es sah in seinen Mauern und in seinem Gebiete Gustav Adolph, Tilly und Banner, später Friedrich den Grossen; es lehrte dort Wieland, es glänzte in ihm der gefeierte, wissenschaftliche, kunstsinnige Coadjutor Dalberg, der nachherige Fürst Primas. Das Loos der Völker unterwarf Erfurt und sein Gebiet dem Scepter Preussens 1802, doch nur auf kurze Zeit, in der die Universität erlosch – später wogten Heere über diese jetzt so friedlichen Fluren, Frankreichs Siegesfahnen wehten von den Citadellen – Contributionen – Explosionen – Brand – Seuchen – Monarchencongresse – Napoleon mehr als einmal hier anwesend – bis endlich eine unermesslich schreckliche Zeit für Erfurt mit der des neuen Titanensturzes zusammenfiel. Doch auch dieses fast untragbare Weh ging vorüber, Erfurt sah und sieht wieder eine bessere Aera, und hat sich nach allem erlittenen Ungemach wieder zu einer Stadt von über 3000 Häusern und 21,000 Einwohnern, ohne das Militär, erhoben.« –

Dumpf rollte über die Zugbrücke des Wallgrabens und durch das starkgemauerte, einen dunkeln Gang bildende Schmiedstädter Thor der Wagen, der die reisenden Freunde in das zum Theil noch sehr alterthümliche, merkwürdige Erfurt trug, und durch einige Strassen mit ziemlich unansehnlichen Häusern auf den schönen stattlichen Anger zu dem belebten, wie beliebten Gasthaus zum Kaiser brachte. Während die Reisenden bei einem Gabelfrühstück sich restaurirten, umgab sie ein bewegtes Leben, Posten kamen an und fuhren ab, Passagiere aller Art erschienen, die Kellner flogen flink umher. Aus dem gemüthlichen Stillleben der Reise sah man sich plötzlich in das rege Gewühl einer Grossstadt versetzt, und ergötzte sich an diesem Wechsel geraume Zeit, bis zu einer Promenade durch die Stadt aufgebrochen wurde.

»Erfurt bietet so viel des Sehenswerthen dar,« sprach Otto im Gehen, indem er die Freunde an der einfachen alten Kaufmannskirche vorbei, in die Johannesstrasse führte: »dass ein wochenlanges Verweilen kaum hinreichen würde, die Schaulust zu begrenzen, zumal wenn dieselbe Freude am Alterthümlichen hätte. Ist auch von den Ueberresten des Mittelalters bereits unendlich Vieles zerstört, durch Feuer und Neubauten verschwunden, so ist doch noch gar Manches übrig an Bildwerk, Inschriften und Zierrathen, der schönen Kirchen nicht zu gedenken.« Und so fanden es auch die Freunde, sie fanden noch die Steinbilder an den ehemaligen Patrizierhäusern, nach denen diese Häuser zum Theil bis heute den Namen führen; oft Gebilde der Kunst, oft auch barocke Zeugnisse vom Ungeschmack einer spätern Zeit, immer aber nicht uninteressant. Die Chroniken der alten deutschen Städte grössern Umfanges und geschichtlicher Bedeutsamkeit sind meist mit Lapidarbilderschrift an den Häusern zu lesen. – In der Futtergasse, welche auf den Wenigenmarkt führt, bezeichnete Otto das Theater, Privateigenthum, und nur von Zeit zu Zeit durch gute ambulante Truppen belebt. Auf den Wenigenmarkt angelangt, trat ein alterthümliches gethürmtes Thor entgegen, die Aegidiikirche mit einem gewölbten Durchgang, der zur Krämerbrücke leitet. Diese beschreitend, wurden zur Rechten und Linken freundliche Häuser erblickt, deren untere Stocke Kaufladen an Kaufladen bilden.

»Ihr seht hier eine Eigentümlichkeit Erfurts,« sprach Otto: »welche ihr nicht leicht in einer zweiten deutschen Stadt also finden möchtet; ihr wandelt nämlich, ohne es zu gewahren, auf einer steinernen Bogenbrücke. So waren, wie man auf alten Bildern findet, die Brücken von Paris einst mit Häusern dicht besetzt. Die hiesige Krämerbrücke, deren Namen sich von selbst erklärt, wurde bereits in dieser Gestalt 1321 erbaut.«

»Bevor wir, den Haupt-Sehenswürdigkeiten Erfurts uns zuwendend,« nahm Otto wieder das Wort, als die volkbelebte Brücke überschritten war: »dem Friedrich-Wilhelms-Platze nahen, ersuche ich euch, mir auf einem kleinen Umwege rechts ab in die Michelsstrasse zu folgen; in dieser, einst von den vornehmsten Patrizierfamilien bewohnten Strasse erblickt ihr neben manchem noch vorhandnen Hause, das sich durch Wappen, Bildwerk oder Inschrift vor andern auszeichnet, noch sonstige Gebäude von geschichtlicher Bedeutung für diese Stadt. So lässt selbst die Sage in diesem ersten Eckhause zur Linken einen Templerhof gewesen sein, wiewohl sich in der Geschichte dafür keine Bestätigung findet. Dort gegenüber der mit Epitaphien äusserlich geschmückten Michaelskirche steht noch wohlerhalten mit Inschriften und gothischen Fensterverzierungen späterer Zeit grau und steinern das ehemalige Universitätsgebäude, in ein städtisches Arbeitshaus umgewandelt. Nahe dabei in dem ehemaligen Kloster Pfortaischen Hofe befindet sich das Königliche Inquisitoriat. Thürme verschiedener nicht mehr vorhandener Kirchen werden in dieser Gegend erblickt, und wenn wir jetzt uns links in die schmale Pergamentergasse wenden, erinnert, aus winkelvoller Seitengasse vortretend, des Turnierhauses alterthümlicher Bau an die kampfliebende Belustigung des Mittelalters, und an Albrecht, den unartigen Landgrafen, der seine letzten Jahre darin verlebte.«

Jetzt aus der Pergamenter-Gasse getreten, lag vor den Augen der staunenden Fremden der grosse, zur Rechten mit den anmuthigsten Gartenanlagen und Baumreihen geschmückte Friedrich-Wilhelms-Platz, mit seinen langgedehnten Häuserreihen, seiner Fontaine, seinem Obelisk, einem Denkmal der Erinnerung an den Kurfürsten Friedrich Karl Joseph, und dem ehrwürdigen Dom, neben dessen hohem und stumpfem Thurmkegel die schlanken Spitzen der Thürme des Severistifts in den blauen Himmel aufragen. Bald auch wurden über terrassenförmig aufgeführten Mauern und grünen Erdwällen die Werke und Gebäude des Petersberges erblickt, und den Platz erfüllten in glänzender Parade mehre Bataillone des 31. und 32. der Königlichen Infanterie-Regimenter sammt ihrem Stabe, deren vortreffliche Musik zugleich die Reisenden mit langentbehrtem Genuss erfreute. Ungemein viel trägt zur Belebung Erfurts das Militär bei, indem ausser dem erwähnten noch vier Fusscompagnien der dritten Artilleriebrigade, drei Garnison-Compagnien, ein Commando Pionniere und drei Bataillone Landwehr-Infanterie, im Ganzen aber 3000 Mann in den beiden Festungen und in der Stadt vertheilt sind. Als der schönen Musik eine Zeitlang wohlgefällig zugehört war, führte Otto seine Freunde die breiten Stufen zum Dom empor, welche von ihrem lateinischen Namen Gradus früher dem ganzen, in ältern Zeiten durch viele Häuser weit mehr eingeengten Platze die Benennung: der Graden, verschafften. Schon oben von der Cavate, der breiten, geplatteten Balustrade, welche die vordere Seite des Domes ganz umzieht, gewährte sich eine reizvolle Aussicht auf den grossen Platz, die nahen Strassen und ansehnlichen Gebäude. Aber zum herrlichen Panorama entfaltet, lag vom Domthurm überblickt, das Häusermeer der Stadt mit den ragenden Felszacken ihrer immer noch schwer zu zählenden Thürme, mitten in dem grünenden Gefilde, von Bergen umfangen, und wie ein Stern nach allen Richtungen hin die weiss in die Ferne leuchtenden Strassen ausstrahlend. Rundum erstrecken sich, freundlicher wie ehedem graue Mauern und trotzige Thürme, die gediegenen Werke der Fortification, und schliessen in ihren weiten grünen Ring schirmend und sichernd die Stadt, die vielen und weitläuftigen Vorstädte, zahlreiche Gärten, Wiesen und Vergnügungsorte mit ein.

Nach solchem mannichfachen, von ganz hell gewordenem Himmel begünstigten Aussichtgenuss wurde nun das Innere des Domes besehen, doch vorher auch die berühmte grosse Glocke, Maria Gloriosa, nicht unbetrachtet gelassen, da einmal der Thurm erstiegen war. Mit dem 11 Ctr. schweren Klöppel wiegt dieselbe 286 Ctr., und wird bei hohen Festen angeschlagen. Sie zu läuten wagt man nicht mehr; ihr mächtiger Umschwung würde den Thurm allzusehr erschüttern, dessen Gemäuer durch einen Brand in Folge eines Wetterschlages litt, der ihn des Daches und die Kirche noch zweier Nebenthürme, wie mehrer Glocken im Jahr 1717 beraubte.

Das Dom-Innere wirkt überraschend auf den Beschauer. So Vieles erscheint nach den Verwüstungen, die es in den unglücklichen letzten Kriegsjahren erlitt, novantik, so Vieles restaurirt, Manches davon im guten und besten Geschmack, wie die Sculpturen der Seitenaltäre, die Kanzel, das Orgelchor, Andres im schlechten und verwerflichen, wie die unhaltbare theilweise Firnissmalerei der Fenster, eine trübselige Vertreterin der glühenden Farbenpracht, die sie ersetzen sollte. Dazwischen tritt wieder Hochalterthümliches in unentstellter Einfachheit hervor. Ein schönes Lukas Kranachisches Gemälde ziert wohlerhalten den einen der acht Pfeiler, und zog sogleich Wagners Kennerblick auf sich; nicht minder lockte an der Mauer das riesengrosse St. Christophsbild, dann ein uralter Gobelin und der merkwürdige Grabstein jenes durch seine sagenhafte Doppelehe so berühmten Grafen von Gleichen, zwischen seinen beiden Frauen dargestellt, zur nähern Betrachtung hin. Vom ehemaligen Kloster auf dem Petersberge, wo des Grafen Geschlecht sein Erbbegräbniss hatte, ward dieser Stein herab in den Dom gerettet, und selbst die Gebeine des Gatten will man neben seinen Weibern aufgefunden haben, und zeigt sie in einer bretternen Kiste als langes Gerippe hinter dem Hochaltar des hohen Chores.

Wenn das Domschiff, der Kreuzesform entbehrend, auch in seinem Totalanblicke die architektonische Schönheit vermissen lässt, die andre Gebäude dieser Art in der Regel auszuzeichnen pflegt, und dafür nur anziehende Einzelheiten zeigt, so wirkt der hohe Chor um so imposanter, mächtiger. Seine durchaus mit Glasmalerei gezierten Fenster tragen, mit Ausnahme weniger Ausbesserung, noch den Stempel der Aechtheit, sein hohes pfeilerloses Gewölbe verdient alle Bewunderung, nicht minder die schöne, mit Geist restaurirte Schnitzerei an den Chorstühlen, wie ein ächt gothisch gearbeiteter Kronleuchter eines noch lebenden Künstlers. Mitten im Chor steht eine metallene männliche Statue, von alter Arbeit, ein büssender Kerzenträger, der Wolfram genannt, nach Angabe der Schliesserin ein Bild aus grauer Heidenzeit, nach richtigerer Lokalsage aber Stiftung eines zu quälender Kirchenbusse verdammten Patriciers, der das Bild zum Gedächtniss seiner Busse gab und Mönch wurde.

Vom Dom aus wandten sich die Schaulustigen zur Kirche des nahen St. Severi-Stifts, in welcher vornehmlich ein gothischer Taufstein aus dem fünfzehnten Jahrhundert, in hoch aufstrebenden, kunstvollsten Laubwerkverschlingungen durchbrochen gearbeitet, sehenswerth ist. Ein Wunder, dass dieses Kunstwerk alle drangvollen, den beiden Nachbartempeln oft äusserst bedrohlichen Zeiten glücklich überstand! Noch während der Blokade 1813 wurde der Dom und dieses Stift mit seiner schönen Kirche in den Bereich der Feste Petersberg gezogen, und hatten gänzliche Zerstörung zu gewärtigen.

Zur ohnedies erschwerten Besichtigung der nahen Festung Petersberg keine Lust bezeigend, wandten sich die Freunde wieder abwärts nach der Stadt, da bereits die Mittagsstunde herbei gekommen, und wandelten durch die Marktstrasse an der Allerheiligenkirche, deren äussere Zierde, gleich der des Domes, manche Zertrümmerung erlitt, vorüber, um zum Fischmarkt und Rathhause zu gelangen. Mit Bedauern aber musste Otto den ältern Theil desselben ganz abgetragen erblicken, welcher eine Fülle von Erinnerungen aus der Stadtgeschichte in seinem Innern bewahrt hatte, und konnte sich nicht enthalten, seinen Begleitern in Bezug auf diese Umwandlung aus der Ballade eines jungen Dichters, der sich Ludwig von Erfurt nennt, folgende Strophen vorzusagen.

  »Was für ein Trümmerhaufen erhebt beim Roland sich?
Das ist das alte Rathhaus, das keinem Sturme wich;
Das Roland gegenüber Jahrhunderte gethront,
Das haben seine Söhne nicht länger mehr verschont.

  Die edlen Wappenschilder, die Fahnen, die im Saal,
Im hochgewölbten prangten, man nimmt sie ab zumal.
Die alte Armbrust selber, die Sechse nur gespannt,
Die weit ins Feld geschossen, verlieret ihren Stand.

  Die Hallen weichen mächtig zerstörender Gewalt,
Die Decken stürzen nieder, dass weithin es erschallt.
Voll Wehmuth sieht's der Knabe, der einst im Saal gespielt,
Dort seiner Väter Nähe wie Geisterhauch gefühlt.

»Doch, wozu,« spottete der Sprecher hinterher: »wozu die Threnodien auf das Alte, Vergangene? Lasst sie nicht laut werden, ihr jungen vaterländischen Dichter, sonst verdächtigen Jene euch gleich des Stillstandes und der Nichttheilnahme an den Interessen der Gegenwart, die gleich der Drachenzähnesaat des Kadmus, nur Hass und Zwietracht im Busen tragen, aber weder eine Erinnerung haben, noch eine Geschichte kennen wollen. Uns lasst friedsam am Rolandbilde vorbei durch die neue und Schlösser-Strasse zum Kaiser wandeln – zu Mittag zu speisen.« –

Der Nachmittag wurde von den Freunden theils mit Besichtigung so manches Sehenswerthen (Alles zu schauen, wurde eben so ermüdend, als überflüssig befunden), theils an Vergnügungsorten zugebracht, deren der Hirschbrühl mehre enthält, darunter Vogels Garten, wo ein Conzert, von der Militärmusik gegeben, Statt fand, das die Freuden der Geselligkeit dort auf eine edle Weise oft erhöht.

Bei einer spätern Ueberwandlung des Friedrich-Wilhelms-Platzes deutete Otto seinen Begleitern noch an, dass der Petersberg von der Sage als der Ort bezeichnet werde, auf welchem die erste Kapelle Erfurts gestanden. Dabei wurden jene auch auf ein den Platz zierendes Privathaus aufmerksam gemacht, die hohe Lilie, früher ein Gasthaus, das durch die Einkehr berühmter Männer, wie Dr. Luther, Landgraf Philipp von Hessen, Kurfürst Moritz von Sachsen, König Gustav Adolph von Schweden u. A., selbst geschichtliche Berühmtheit erlangte.

Unter den mancherlei öffentlichen Sehenswürdigkeiten und Privatsammlungen, zu welchen letztern der Zutritt durch Befreundete erwirkt, und die mit freundlichster Bereitwilligkeit den Fremden eröffnet wurden, verdient besondrer Erwähnung das evangelische Waisenhaus, im ehemaligen Augustinerkloster, welches eine recht schätzbare Naturalien- und Kunstsammlung enthält, einen gut gemalten, bekannten Todtentanz aus späterer Zeit, vielleicht der jüngste in der Reihe dieser, dem frühen Mittelalter entstammten Darstellungen, und worin endlich Luthers Zelle, die er als Mönch bewohnt, mit ernster Erinnerung betreten ward. Sie ist mit Bibelsprüchen bemalt, wodurch ihre frühere Einfachheit in etwas beeinträchtigt wurde, sonst ruft noch manches Buch, Geräth und Autographen das Andenken an ihren einstigen Bewohner lebendig hervor. – Herr Kaufmann Bellermann zeigte den Freunden das von seinem Vater theils gesammelte, theils selbst verfertigte Kunstkabinet, enthaltend in antiquarischer Mannichfaltigkeit gelungene Werke der Phelloplastik, wie der Malerei, herrliche Panoramen, eine künstliche Sammlung ausländischer Schmetterlinge und Käfer, mit täuschender Wahrheit nachgebildet, und noch so manches Interessante aus Heimath und Fremde an Produkten der Natur, wie des Kunstfleisses.

So flogen die zum Aufenthalt in Erfurt bestimmten Stunden unter stets wechselndem Genusse willkommener und belehrender Anschauungen und harmloser Geselligkeit in Otto befreundeten Zirkeln schnell dahin. Ueber die äusserst zahlreichen herrlichen altdeutschen Baudenkmäler dieser Stadt, ihre Sculpturen, Inschriften, Kenotaphe, Urkunden u. dgl. könnten schätzbare Werke ins Leben gerufen, Folianten gefüllt werden; allein noch scheinen jene ihrer gründlichen Historiographen zu harren, und es ist nur Schade, dass so Manches davon im Laufe der Zeiten untergeht, zerstört, oder verschleppt wird, was dann unwiederbringlich verloren ist, und davon höchstens eine Chronik dürftige Nachricht, oder die Mappe eines mit Sinn dafür begabten Privatsammlers leicht verlierbare Zeichnungen aufbewahrt.

 


 

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