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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 26
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
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Der Kiffhäuser.

Die Reisenden waren gar nicht lange gefahren, als ihnen höchst malerisch eine Burg, anscheinend noch bewohnt, auf steiler Felswand dicht über dem Fluss und einem Dorfe entgegentrat. »Diess ist der Wendelstein,« nannte Otto das mittelalterliche Schloss, jetzt Beamtensitz, »einst starke und stattliche Veste, deutlich genug bezeichnend im dreissigjährigen Kriege das Haupthaus genannt. Wrangel und Königsmark belagerten und bezwangen es, und brannten es theilweise nieder. Später war hier eine Zeitlang eine Stuterei.« Wagner liess an geeigneter Stelle den Wagen halten, nahm sich eine flüchtige Skizze von der in der Nähe nichts weniger als schön erscheinenden Burg, und dann ging es weiter. Bald war die berühmte Klosterschule Rossleben erreicht. Das Dorf dieses Namens hat eine bedeutende Häuserzahl; das ehemalige Kloster gleichen Namens geschichtliche Denkwürdigkeit. Es war ein reich dotirtes Augustiner-Nonnenkloster, zuletzt im Besitze der in Thüringen vielfach begüterten Familie von Witzleben; wurde im Bauernkriege zerstört und von Heinrich von Witzleben in eine Knabenschule umgewandelt. Krieg und Pest verheerten und zerstörten sie wieder, und der abermals Verjüngten raubte später ein unglücklicher Brand Gebäude, Kirche, Bibliothek und Archiv, und verzehrte auch einen Theil des Dorfes. Doch sie sah eine günstige Zeit erblühen und erhob sich palastähnlich aus dem Staube. Die Wehen der Zeit rauschten hier nur leise berührend vorüber, und die Anstalt durfte im Segen fortblühen. Ihr Name ist ruhmvoll genannt, und berühmte Männer empfingen in ihr klassische Bildung: Ernesti, v. Thümmel, der grosse Geolog v. Trebra, Geh. Rath Voigt in Weimar, der Mineralog Voigt und Andere.

Otto führte seine Freunde bei dem würdigen Rektor dieser segensreich wirkenden Anstalt, Dr. Wilhelm, ein, und die wohlwollend Empfangenen sahen dort vieles Erfreuende, das der Greis und sein verewigter Sohn gesammelt, namentlich Gegenstände des urdeutschen Alterthums, Urnen und sonstige Funde aus germanischen Gräbern der Umgegend.

Doch es durfte nicht allzulange verweilt werden in den Hörsälen, der Bibliothek, der Kirche dieses berühmten Pädagogiums; bald rollte das leichte Fuhrwerk wieder am flachen Unstrutufer hin, über ausgedehnte Wiesenflächen, durch die fruchtbarsten Felder. Otto liess den geraden Weg verfolgen, von Rossleben nach Schönewerda, von da nach Kalbsrieth, wo sich die Helme in die Unstrut ergiesst, wo ein Steindamm bis zur Salinenstadt Artern führt. Der reine Nachmittagshimmel enthüllte den vollen Reiz der Landschaften. Zur Linken blickte vom Rücken eines Berges die Doppelruine der Sachsenburg, ohnweit davon prangte Schloss Heldrungen, gerade aus hob sich immer näher und ernster der Kiffhäuserthurm, und das Schloss und die weissen Thürme von Sangerhausen begrenzten am Saume des unabsehbaren Fruchtgefildes zur Rechten die herrliche Fernsicht über die güldne Aue. Unfern Schönewerda deutete Otto auf einen stattlichen Bau und Ort zur Linken, der eine Anhöhe krönte, und bezeichnete Donndorf, abermals eine Klosterschule mit günstigen Dotationen; dann, nach einem andern, friedlich in der Flur zur Linken liegenden Dorfe zeigend, nannte er Gehofen, und fragte: »Habt ihr Gellerts Fabeln gelesen?« Die Freunde sahen ihn verwundert an. »Wie so?« – »Ein Thier« – zitirte Otto:

»Wie zu Gehofen ehedessen
Die Küch' im Edelhof besessen
Diess sind Gespenster, glaube mir!«

»In Gehofen trug sich die seltsamste, abenteuerlichste, unglaublichste und doch zeugenbeschworene, actenmässig erhärtete und beglaubigte Gespenstergeschichte des vorvorigen Jahrhunderts zu. Frau Philippine Agnes von Eberstein wurde vom Gespenst einer Nonne, das sie absolut zwingen wollte, mit ihm zu gehen, um einen Schatz zu heben, schwer geplagt. Der Geist weinte, lispelte, sprach, betete, kneipte und maulschellirte, und nannte sich von Trebra. Er peinigte die Edelfrau so sehr, dass sie sogar eines Tages zweimal mit Pistolen nach ihm schoss, wofür sie dann doppelt leiden musste. Dabei sagte ihr das Nonnengespenst die Liederverse, die sie aus dem Gesangbuche beten sollte. Diese Qual datierte vom 9. Oktober 1685 bis zum Sonntage Quasimodogeniti 1686, da wich der Geist von der Frau; aber die Geschichte beschäftigte Jahre lang Gläubige und Nichtgläubige eines Jahrhunderts, das wir nicht das Recht haben, ein finstres zu nennen, denn in den Dämonologieen der Nachwelt werden Gehofen und mancher Würtembergische Ort nahe beisammen stehen.«

Während der Fahrt über das weitgedehnte Rieth sprach sich Otto bedauernd gegen die Freunde aus, dass die Zeit verbiete, noch weiter nördlich bis zu den entlegensten Grenzen des ehemaligen Thüringen zu schweifen. »Gern hätte ich euch nach Merseburg geführt, dessen Schloss so herrlich gelegen ist, dessen Dom so viel des sehenswerthen Alterthümlichen enthält, euch gern auf den Giebichenstein und Petersberg bei Halle geleitet, welchen letztern ihr dort wie einen Zuckerhut über die Ebenen emporragen seht. Und selbst hier in der goldnen Aue muss von uns für diesesmal manche schöne und geschichtliche Stadt unbesucht und unbesehen bleiben. Ich werde euch weder nach Sangerhausen, noch nach Frankenhausen, wo die grosse Bauernschlacht geschlagen wurde, noch nach Nordhausen führen, sondern wir fahren jetzt, Artern, das ausser seiner bedeutenden Saline des Merkwürdigen nichts enthält, im Rücken, nach dem kleinen Städtchen Brücken und Wallhausen; in diesem letzten Ort erbaute sich Otto der Grosse eine Kaiserpfalz, und wohnte oft da, sein Sohn desgleichen. Ueberhaupt war diese reizende Gegend Lieblingsaufenthalt der deutschen Könige.«

Prachtvoll lag den Reisenden nun das schöne Kiffhäusergebirge in der herrlichsten Abendbeleuchtung zur Linken. Mit Absicht hatte Otto einen Weg gewählt, von dem aus dasselbe lange und von seiner schönsten Seite besehen werden konnte. Von der Burg Kiffhausen selbst ragten nur wenige Trümmer über das Gebüsch, während auf dem Scheitel des Berges die Warte wie ein grauer Riese stand. Bald auch sah die niedriger gelegene Rothenburg über der Bäume goldglänzendes Laubgrün. Das Licht auf den Gipfeln und Kuppen, die Schatten in den Thälern und Bergbuchten einten sich in den reizendsten Kontrasten zum lieblich harmonischen Ganzen einer zauberisch schönen Landschaft. Mehr schauend als redend, fuhren die Gefährten rasch dahin, nur zuweilen auf ein und das Andere sich gegenseitig aufmerksam machend, das, durch des Weges Wendung hervortretend, neuen malerischen Anblick gewährte.

Als nun im grossen Bogen des romantischen Gebirges Ost- und Nordseite umfahren war, die eine Anschauung solchen Landschaftreizes gewährt hatten, wie sie in Worten nicht auszudrücken ist, lenkte der Führer von Rossla nach Kelbra, wo man eben ankam, als Abendgrauen über die Berge und die goldne Aue die Flöre der Dämmerung breitete. –

Am andern Morgen rüsteten sich die Freunde zeitig zu früher Bergwanderung. Der Wagen ward nach Tilleda mit dem Bescheid gesandt, dort die Wandergefährten zu erwarten. Nur flüchtig wurden die wenigen Reste eines ehemaligen Klosters in Kelbra besehen, dann ging es fröhlich unter Obstbaumreihen auf die Rothenburg zu, und bald nahm der thaufrische Wald die harmlos Plaudernden in sein trauliches Zwielicht auf, immer auf wohlgebahntem Pfade bergempor führend, bis plötzlich überraschend die malerische Ruine ihnen vor Augen trat. Sie ward ohne Säumen beschritten; ein hoher, runder, geborstner Thurm, eine geräumige Halle, ragende Mauern mit verzierten Fensteröffnungen, dazwischen Gebüsch und Bäume, deutliche Spuren einer Kapelle des altern Baustyls wurden erblickt, durchwandert, durchkrochen. Bei letzterer nahm Otto das Wort: »Hier soll es gewesen sein, wo man den Püstrich fand, jenes seltsame, knabenhaft geformte Bronzebild, das die Weisheit der deutschen Gelehrten für einen thüringischen Götzen nahm und eine Literatur über dasselbe schuf. Das Bild verräth slawischen Ursprung, war auf keinen Fall germanisches Idol, wäre aber, als solches genommen, wohl das grösste metallene aller bekannten und aufbewahrten, und ziert das Naturalienkabinet zu Sondershausen. – Wenden wir uns der Betrachtung der von hier aus so entzückenden Fernsicht zu. Dort liegt die Kette der Bergkolosse des Harzwaldes, die der Brocken mächtig überragt; zu Füssen dieser Bergkette lagert mit zahllosen Städtchen und Dörfern ein Theil der goldnen Aue. Grüne Wälder und weisse Felsenmassen schmücken den Mittelgrund gegen Questenberg und Stolberg hin. Dort ist Gips das vorherrschende Gestein, einen eigenthümlichen Bergzug bildend, voll Grotten und Erdfälle, und diese Vorberge des Harzes sind voll Burgruinen, ihre Höhen und Thäler voll schöner und schauriger Sagen.«

Als dem alternden Gemäuer der Rothenburg, ihren wenig geschichtlichen Erinnerungen, am meisten aber ihrer pittoresken Lage und der Aussicht in Nähe und Ferne genügsame Zeit gewidmet worden, schritten die Freunde, von Otto geleitet, erst auf waldigem Pfade, dann auf neuangelegt werdender, das kleine Gebirge in mannichfacher Krümmung übersteigender Kunststrasse eine ziemliche Strecke bergempor, bis auf dem Hochrücken wieder ein Pfad von der Strasse ablenkte und zwischen Holz und Haide dem Kaiser Friedrichs-Thurme näher führte.

Dicht am Wege stand hoch aufgeschosst eine herrlich blühende Campanula. »Sieh da, die blaue Wunderblume der Sage!« rief Wagner. »Sie sei ein Glückszeichen für uns!« sprach Otto, die Blume pflückend. »Auf ähnlicher Bergwanderung, wie heute, als ich sinnend und träumend über den Kiffhäuser schritt, fand ich auch solch eine Blume, die zur Erweckerin eines Liedes wurde.« »Sage es uns!« baten die Freunde. – Hoch oben stand im Sonnenlichte die hohe Bergwarte, das Gebüsch umher glänzte, wie mit Frühlingsfrische übergossen, goldnes Sedum blühte in Fülle über den Felsen des in Trümmern gestürzten Walles, tief unten auf besonnter Trift weidete eine zahlreiche Schafheerde; es war eine herrliche Sommermorgenstunde, und eine Feierstille über die Natur ergossen, wie Sabbathruhe und Weltfriede; die güldne Aue lag vom bläulichen Duft überflort. Otto sprach den still zuhörenden Freunden sein kleines einfaches Lied, gleich sehr vom Zauber der Erinnerung, wie von der Weihestunde dieser Gegenwart ergriffen:

  »Eine blaue Blum' ich fand,
Die auf meinem Wege stand.
Und ich pflückte sie erfreut
Und bewahre sie noch heut,
Die blaue Blume.«

  »Sommer war's, Geläut' erklang
An des Berges steilem Hang;
Hell besonnt auf luft'gen Höh'n
Stand sie, lieblich anzuseh'n,
Die blaue Blume.«

  »Am Kiffhäuser es geschah,
Dass ich trat der Blume nah.
Was ich habe, dank' ich ihr,
Zauberschlüssel ward sie mir,
Die blaue Blume.«

  »Fragt ihr, was sie gab, ich nahm?
Ihre Macht ist wundersam!
Glücklich war, der sie besass
Und das Beste nie vergass:
Die blaue Blume.« –

»Es weht etwas vom Bergzauber und Berggeheimniss in deinem Liede,« nahm Wagner, als Otto geendet, das Wort; »es ist verständlich dem Verständigen, der die ächt deutsch-nationale Sage von der Wunderblume kennt, und weiss, dass sie dem glücklichen Finder zum Schlüssel der unterirdischen Schätze wird, wie die Poesie zu überirdischen geleitet. Die von alle diesem keine Ahnung haben, werden dein Lied dunkel und unklar finden.« »Mögen sie!« erwiederte Otto heiter: »gesellt doch auch die Sage zu ihren schönen Zauberschätzen hässliche, äffende Kobolde; wie schaal und einförmig wäre alles geistige Leben, wenn es nicht einander strikt widerstreitende Individualitäten gäbe. Jeder hat am Ende Recht, der seine Subjektivität behauptet und seinem innern Wesen treu bleibt, und kann nichts dafür, ob dieses sich eudämonisch oder kakodämonisch offenbare.«

Zum Kaiser Friedrich (wie das Landvolk in der ganzen Umgegend die Kiffhäuserwarte nennt) stiegen jetzt die Wanderer empor. Er ist von rothem Sandstein gebaut, den der Berggipfel in herrlichen, immer noch ergiebig ausgebeuteten Brüchen liefert. Wenn auch das Gestein die Spuren der Jahrhunderte zeigt, wenn auch die Krone vom Haupte des uralten Thurmriesen fiel, wenn er an manchen Stellen borst, der Blitz das Gemäuer spaltete, die Habsucht schatzgrabender Kuxgänger an seinem Fusse wühlte, dennoch steht er noch festgefügt, und wird noch lange stehen.

»So sind wir denn nun hier auf dem weitgenannten, mährchenhaften Kiffhäuser!« rief Lenz aus, sich mit einem grünen Zweige Kühlung fächelnd; »und nun wirst du, Otto, uns gleich einen Zwerg erscheinen lassen, der uns hinunter führt zum verzauberten Barbarossa, wo uns ein edler Wein kredenzt und manches Angenehme geschenkt wird. Auf, lass die Sagenlibellen uns umflattern und umschwärmen, wir wollen uns an ihrem Farbenschmelz erfreuen. Wohlan! Erzähle!«

»Ich werde mich diessmal beschränken,« erwiederte Otto. »Die Kiffhäuser-Sagen sind so allbekannt, dass ihre Wiederholung euch nur ermüden würde, und selbst die ungedruckten, die ich zu erzählen wüsste, klingen den bekannten innigst verwandt. Versparen wir's auf ein andres Mal, und öfnet dafür eure Augen der wunderbaren Magie, welche das frische Naturleben rings über diese Höhen ergiesst, von denen ihr den schönsten Theil der güldnen Aue, die Harzwaldkette, und einen Theil des fernen Thüringerwaldes überschauen oder doch erblicken könnt.«

Von dem viereckten Kaiserthurme abwärts führte Otto die Freunde nur wenige Schritte, dann blieb er stehen. Aus weithingebreiteter Bergfläche, mit dichtem Buschwerk überwachsen, ragten da und dort in voller schöner Beleuchtung mächtige, weitläuftige Trümmer so verstreut und isolirt, dass es schien, als habe nicht eine Burg, nein, eine Stadt auf dem Berge gestanden. Ein Felsblock ward von den Freunden zum Sitz erwählt und dem imposanten, reizenden Landschaft-Ganzen mit voller Ruhe genussreiche Betrachtung geschenkt. Weit fortlaufend zog sich zur Linken, vom Thurme an, der Rest der Ringmauer über des Berges steilen Abhang; dort ragten die Trümmer der Kapelle, dort anderes Gemäuer, dort ein Bogengewölbe, das sogenannte Erfurter Thor, und jäh abstürzend in eine schwindelerregende Tiefe waren, dicht unter Burgtrümmern, die gewaltigen Mühlsteinbrüche des Kiffhäusers, mit in Hornstein verwandelten, drei Fuss starken Baumstämmen, sichtbar.

»Es bedarf nicht der Sage und Fabel,« nahm Otto zu den Gefährten das Wort: »um an dieser Stelle mannichfache Erinnerungen zu wecken. Setzt die Mähr alter Chronisten die Erbauung der Burg Kiffhausen in die Römerzeit, leitet sie den Namen derselben von keifen her, als einer Streitburg, was alle Neuern gläubig nachbeten, so möchte aus anderer etymologischer Forschung und Ableitung nicht minder geringer Gewinn entspringen. Das ganze Volk umher spricht Küpp-Häuser: sollte der Name nicht von Häusern auf der Küppe (Kuppe) eben so und noch mehr folgerecht abzuleiten sein? Die Erbauung der Burg auf diesem Gipfel wurzelt im Dunkel der Frühzeit. Unten in Tilleda stand eine Kaiserpfalz, dieser zum Schutze soll im zehnten Jahrhundert die Veste gegründet worden sein; ich glaube es nicht, und halte Kiffhausen für älter als jene bereits spurlos verschwundene Pfalz, die Otto der Zweite seiner griechischen Gemahlin Theophania zum Witthum verlieh. Die Pfalz lag viel zu fern von der Burg, um von dieser einen Schutz gewärtigen zu können. In der erwähnten Pfalz weilten oft und gern mehre der deutschen Kaiser, und in ihr söhnten sich Heinrich der Sechste und Heinrich der Löwe 1191 mit einander aus. Kiffhausen war wechselsweise kaiserliche Burg und Beute freiheitdurstiger Vasallen. Als die berühmte Schlacht am Welfesholz geschlagen und die Macht des Kaisers Heinrich des Fünften in Thüringen und Sachsen gebrochen war, fiel auch nach dreijähriger Belagerung diese Veste und leuchtete als lodernde Siegesfackel und Freiheitfreudenfeuer über die güldne Aue, bis zum Harz- und Thüringer-Walde hin. Unter Rudolph von Habsburg war Kiffhausen wieder Reichsveste und Lehen der Grafen von Beichlingen-Rothenburg. Später kauften es Grafen von Schwarzburg. Unter ihnen ward hier oben eine köstliche Kapelle gebaut, feierlich geweiht, mit Ablass dotirt, und zu dieser strömte nun eine zahllose Menge, angezogen vom himmlischen Gnadenstrahl, ja Viele gaben Geld für die Erlaubniss, sich hier oben begraben lassen zu dürfen; dort liegt, kaum noch erkennbar, die Kirchhofstätte im Ringe der Mauer, die auch das heilige Kreuzkirchlein einschloss, dessen Trümmer ein verödetes Maueroblongum bilden. Aber auch als die Kapelle verlassen war, kamen noch der Waller viele an Himmelfahrts-, Pfingst- und Johannistagen, suchten Heilkräuter, oder hofften irgend eine Erscheinung, irgend ein Wunder. Uralte Sagen von Bergentrückung und Verwünschung in Bergestiefen erneuten sich hier, und Kaiser Friedrich der Rothbart war es vornehmlich, den mit einer schönen Tochter und zahlreichem Hofstaate die zaubermächtige Poesie des Volkes in den Schoos des Kiffhäusers barg und bannte; des Kaisers durch den Steintisch gewachsener rother Bart ist der Karfunkel, der, nach jeglicher Richtung ausstrahlend, allen Kiffhäusersagen Licht und magische Färbung gibt. Dazu half die Erscheinung eines halb verrückten, halb betrügerischen Schneiders aus Langensalza, der hier oben sich, ein Pseudobarbarossa, für den Rothbart entweder hielt oder doch ausgab, die alte Sage von letzterm verjüngen, und Schatzgräber, Bergleute, Köhler und Hirten streuten späterhin den Wundersamen der Tradition im ganzen Lande aus, der gedeihlich Wurzel schlug und noch bis heute den weitbekannten Berg umblüht.«

Ungern trennten die Reisenden sich von dem schönen Punkte; sie durchstreiften die Gebüsche, betrachteten die einzelnen Trümmer, und Wagner zeichnete den Thurm von einem Punkt aus, wo man auch die nahe Rothenburg erblicken konnte. Dann gingen sie nach Tilleda hinunter, ganz erfüllt von der Naturherrlichkeit, die zu schauen der heiterste Sommervormittag sie heute begünstigt hatte.

Von Tilleda aus musste die Reise nun wieder südliche Richtung nehmen. Es wurde mitten durch die gesegnete Flur direkt nach Oldisleben gefahren, wobei das am Fusse des berühmten Bauernschlachtberges liegende freundliche Frankenhausen nur aus der Entfernung zu betrachten war.

 


 

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