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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 24
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
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Freyburg.

Eine Fähre trug die heitern Wandergesellen, die in der Kühle des schönen Sommerabends noch das unferne Freyburg erreichen wollten, bald über den Strom. Otto hätte sie den Thalweg führen können, allein er zog es vor, mit ihnen durch einen, den Durchgang gastlich gewährenden, mit Statuen und bacchischen Reliefs am Felsen verzierten Weinberg auf etwas steilem Pfad emporzuwandeln, um den Freunden den Genuss einer ausgedehnten Fernsicht zu gewähren, welche des Abendhimmels Goldglanz, der Wolken malerische Form und Färbung und das magischmilde Licht, das sich über die Fluren ergoss, verschönte, ja verklärte. Entzückte Seher standen die Freunde über den Felsabhängen der Weingelände, überschauten weithin den Lauf der hier schiffbar gewordenen Saale, sahen Naumburg am Abhange des bis zur Stadt sich absenkenden südlichen Höhenzugs sanft hingelagert, friedliche Dörfer rings verstreut und grüssten das ihrem Pfade fern ab liegende, hochprangende Schloss von Weissenfels. Dann, vom Fernen zum Nahen zurückkehrend, deutete Otto hinab auf die Vereinigung der beiden Flüsse Unstrut und Saale; hierauf den weiterstrebenden Blick nach Norden gewandt, zeigte sich schon die hochragende Warte der alten Neuenburg über Freyburg, gleichsam der Zielpunkt des heutigen Tages, und die Wanderer sagten der schönen Gegend Naumburgs Lebewohl.

»Ich möchte anstimmen: welche Lust gewährt das Reisen!« begann Wagner ein neues Gespräch: »wenn ich überdenke, welch schönen Landestheil wir heute durchschritten und wohlgefällig wahrnahmen. Aus einem beschränkt gelegenen Städtlein und leidlicher Herberge stiegen wir zu Aussichtgenuss und alternden Ruinenschlössern empor, dann wieder hinab in einen amphitheatralisch von Weinbergterrassen umgebenen Salinenort, weilten am Thor eines ehemaligen ansehnlichen Klosters, jetzt, wie seit lange, berühmte klassische Bildungsanstalt, erfreuten uns am sichtbaren Wohlstande einer blühenden Handelsstadt und liessen uns wieder vom Anblicke des Neuen zu dem des ehrwürdigen Alten leiten, welches wir nur verliessen, um in den Reizen schöner Natur zu baden und uns zu neuem Genuss zu stärken.«

»Ich stimme bei,« sprach Lenz: »obwohl ich für mein Fach hier minder Anziehendes finde, als auf dem Thüringer Walde; doch fällt auch mir nicht ein, auf unsre Fahrt die oft erfahrene Parodie des vorhin angezogenen Liedes anzuwenden: welche Last gewährt das Reisen!«

»Oder,« fiel Otto scherzend ein: »welches Geld verzehrt das Reisen!«

»Erzähle uns, da der Weg jetzt einförmiger wird, seit wir Naumburg nicht mehr sehen, etwas von Freyburg,« bat Lenz, und der Führer willfahrte gern.

»Jener hochragende Wartthurm gibt den willkommensten Anknüpfungspunkt vorbereitender Erzählung. Länger als sieben und ein halbes Jahrhundert horstet auf jenem Berge eine, wenn auch von Zeit zu Zeit theilweise erneute altthüringische Burg, die noch heute im guten baulichen Zustand und als Amtslokal bewohnt ist. An der Ostgrenze des alten Thüringens gelegen, weit umher die Marken überblickend, von mancherlei Geschichtssagen neben örtlicher Tradition umklungen, ist jene Veste ein durchaus zu beachtender Hochpunkt. Gründer derselben und der unten liegenden Stadt wird Ludwig der Springer genannt, wenn auch das Jahr der Gründung nicht mit Bestimmtheit anzugeben ist. Nahe bei Freyburg, wo jetzt das Rittergut Zscheiplitz in höchst romantischer Umgebung gelegen ist, stand einst die Weissenburg, welche ein Eigenthum des Pfalzgrafen Friedrich des Zweiten von Sachsen war, den die Sage durch den thüringischen Ludwig ermorden lässt, der hierauf die Wittwe des Getödteten ehelichte. Auf seiner osterländischen Grenzburg wohnte, wahrscheinlich ihrer schönen Lage wegen, der Pfalzgraf, und in ihrer Nähe geschah die That, an welche sich die mancherlei schönen Chronikensagen, von der Haft auf dem Giebichenstein und dem heute bereits erwähnten Sprunge, von der Flucht nach Sangerhausen und der dort dem heiligen Ulrich gelobten und erbauten Kirche, von der Reue der schönen Pfalzgräfin und der Gründung des Klosters Reinhardsbrunn anreihen. Wir wandeln hier gleichsam einem romantischen Quellengebiete thüringischer Sage zu, und weiter führend, bringe ich euch zu Stellen, über welche sich die ganze Nordscheingluth blutiger Frühzeit ergoss.«

»Bleiben wir ferner in diesem Gebiete der so gemüthlich dem Volk in das Herz und aus dem Herzen klingenden Sage, so tritt uns die hiesige Neuenburg neben der Wartburg bei Eisenach als thüringische Landgrafenresidenz dennoch auch geschichtlich denkwürdig entgegen und wir finden Ludwig, mit dem spätem Beinamen des Eisernen, abwechselnd dort wie hier stattlicher Hofhaltung pflegend. Daher ergibt sich ein natürlicher geschichtlicher Grund und Boden für die hier wurzelnde Sage, dass den in die Ruhl verirrten, vom dortigen gastlichen, aber rauhen Schmied hart angeredeten und gegen den Unfug der Edelinge aufgereizten Landgrafen der Zorn übermannt und er hier sie zu Paaren getrieben im rechten Sinne des Wortes, das vielleicht jener Sage entstammt, sie in den Pflug gespannt und gegeiselt und gehauen, dass Mancher zu Boden fiel, und mit ihnen einen Acker umgerissen, der noch bis heute der Edelacker heisst und den ich euch morgen zeigen werde.«

»Nicht weniger anziehend ist die ebenfalls bekannte Sage von der lebendigen Mauer, die der Landgraf über Nacht hier erstehen liess. Als der Barbarossa ihn besuchte, besah er auch die Gelegenheit der Neuenburg, fand sie nicht stark genug umfestet und rügte den Mangel einer sichernden Mauer. Lächelnd erwiederte da der Landgraf: der Mauer sorg' ich nitt, die mache ich schon, so ich ihrer bedarf. Dess wunderte sich der Kaiser und äusserte, diese Mauer wohl sehen zu wollen. Und über Nacht kamen, durch des Landgrafen Eilboten hergerufen, alle die nächsten edlen Vasallen und Dienstmannen mit ihren Wappnern und Knechten, im besten Rüstzeug und Geschmuck und umstellten die Burg. Statt eines Mauerthurmes stand allemal ein edler Graf oder Freiherr mit dem Banner und jeder Edle hatte vor sich seinen Knecht, der den Wappenschild hielt und hinter sich einen, welcher den Helm trug. Als nun der Morgen anbrach, sagte der Landgraf dem Kaiser an, dass die Mauer fertig, und dieser trat heraus, sie zu besehen, freute sich ihrer gar sehr und bekannte, dass er Zeit seines Lebens bessere, edlere und köstlichere Mauer nie geschaut.«

»Ja noch vom Tode dieses männlichen Landgrafen,« fuhr der Erzähler fort, »weiss die Sage Anziehendes zu melden, denn er verordnete bei seinem Sterben, dass die widerspänstigen und widerhaarigen Ritter ihn, den Gestorbenen, auf ihren Schultern bis gen Reinhardsbraun tragen sollten, zehn Meilen Weges, und sollten es zu thun geloben bei Eiden und Treuen; thaten es auch, denn sie fürchteten ihn mehr als den Teufel.«

»Diese sämmtlichen Sagen haben einige Historiker meiner Heimath, aus unkritischem Patriotismus, der hiesigen Gegend abstreiten und einer Neuenburg bei Schloss Altenstein zueignen wollen, die spurlos verschwunden, jeder historischen Bedeutsamkeit ermangelt; darüber ist fast bis zur Galleaufregung da und dort gestritten worden, während unbefangener Blick und Kunde des Oertlichen, wie des Geschichtlichen, ohne Weiteres die Freyburger Sagen unangefochten lassen müssen. Den meisten Zwist erregte der Edelacker, weil beim Dorfe Steinbach, ohnweit Altenstein, ein Landgrafenacker gelegen, von dem nicht minder örtlich wie hier die Sage von der Edeln Geiselung und Pflugziehung im Volksmunde lebendig ist, wie ich aus eignem Hörensagen weiss. Statt aber um des Kaisers Bart oder darum zu streiten, ob die ganz der Sage angehörende Thatsache hier oder dort vorgefallen, sage ich: wenn sie vorfiel, so fiel sie sicher dort und hier vor, denn hier werden nicht allein volkdrückende Ritter gewohnt haben, und es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass der Landgraf, aus der dort nahen Ruhl oder von der Wartburg kommend, dort den Anfang mit seinem allerdings empfindlichen Strafexperiment machte, und da es erfolgreich wirkte, es hier wiederholte, daher die Wiederholung der gleichen Sage natürlichen, wie geschichtlichen Halt findet.«

Als dieses im Bezug auf die Gegend, welche durchwandelt wurde, wichtige Sagenkapitel abgehandelt war, wandte sich das Gespräch der Freunde wieder andern Gegenständen zu, und als der letzte Abendschein im dämmernden West erglühte, ward Freyburg erreicht und im Rathhaus ein einfach ländliches Quartier genommen.

Der nächste Morgen fand die Gefährten zeitig munter und gern bereit, das Gasthaus zu verlassen, um einen Excurs auf den Schlossberg anzutreten, um so mehr, da Freyburg selbst, ausser der nicht grossen, aber gefällig im ältern neugriechischen Baustyl, dem sich in jüngern Theilen der gothische beigesellte, aufgeführten, mit drei Thürmen gezierten Kirche und einer übergüldet gewesenen Statue Herzog Christians von Sachsen-Weissenfels auf dem Marktplatze, des Sehenswerthen nichts darbot. Wohl aber fand Otto einen, der Gegend und ihrer Geschichte genau kundigen Mann, welcher sich auf dessen Bitten willig und bereit zeigte, nicht nur mit hinauf zur Burg zu gehen, sondern auch eine Strecke Weges zum Geleiter zu dienen. Der Burgberg war bald erstiegen, der Schlüssel zur Kapelle erbeten und in ihr, der grössten alterthümlichen Zier des in manchen Theilen neuen Bergschlosses, wurde im Baustyl die Urkunde hohen Alters entdeckt: kunstreiche Säulen und Kapitäler zeichnen sich darin besonders aus, von denen namentlich die schwarze Mittelsäule, der Träger des Gewölbes, auffällt, da sie aus einem viereckigen Pfeiler besteht, an dessen vier Kanten eben so viel freistehende Säulen stossen, die aber auf einem gemeinschaftlichen Piedestal ruhen, wie sie von einem Kapital zusammen gekrönt sind. Diese seltne Säulenform findet aber ihren Pendant in der Domkrypta zu Naumburg. Auch die im reinen Halbkreis gewölbten Gurte und Gradrippen sind noch durch besondere bogenförmige Auszackung der einzelnen Gurtsteine merkwürdig. Diese eigenthümliche, den Baustyl des 10. oder 11. Jahrhunderts verrathende Kapelle ist nur leider durch spätere Anstriche, hinzugethanes Flitter- und Bildwerk einer geschmacklosen Zeit also überladen, dass es dem Auge wehe thut, welches nur am Anschauen reiner Kunstformen sich erfreuen und stärken möchte.

Auch hier ist eine, zu ökonomischem Gebrauch benutzte Krypta vorhanden, allein die Freunde konnten sie nicht sehen – der Schlüssel war verlegt. Es wurde nun der sehr tiefe Brunnen in Augenschein genommen, dessen Tiefe hinabgelassene Lichter anschaulich machen, und einem alten Steinbild am Hause Aufmerksamkeit geschenkt, welches an den Püstrich erinnern könnte und von Manchem für ein altthüringisches Götzenbild gehalten, mindestens ausgegeben wird. Hierauf bestieg man den hohen und umfangreichen Wartthurm, dessen Höhe 147 Fuss erreicht, und erfreute sich der, von dem ortskundigen Führer bezeichneten Hauptpunkte der unermesslichen Aussicht. Dieser nannte, im Norden beginnend und nach Osten sich wendend, Merseburg, den Petersberg bei Halle und die Thürme dieser Stadt, die Kapelle auf dem Landsberg, das Leipziger Observatorium, Lützen, Weissenfels, Hohen-Mölsen, wo Heinrich des Vierten Gegenkönig, Rudolph von Schwaben, die rechte Hand verlor, sodann über die Naumburger Gegend südlich blickend die Jenaischen Berge mit dem ragenden Fuchsthurm, dann westlich über die Finne, ein kleines Gebirge, schweifend, tief im Nordosten den Kyffhäuser und den Brocken. Dies Alles sah der beredte Mann mit unbewaffnetem Auge und wusste fast über jeden genannten Ort interessante Einzelnheiten zu erwähnen. Ein reiner Morgenhimmel begünstigte ungemein jeglichen Fernblick und die Freunde erfreuten sich gemeinsam seiner Schöne, des Reizes der Landschaft und des durch beide gewährten Genusses.

»Nun folget mir zum Edelacker!« sprach der kräftige, obwohl schon bejahrte Führer, leitete die Fremden aus der Burg und über Hutrasen und verfallene Steinbrüche, etwa einen Büchsenschuss vom Schlosse, zur Stelle, die, früher ummauert und gefreit, jetzt nur von einem Erdwall umzogen, doch gekannt und geschont ist, so dass dieses Feld von Nachbarländereien immer gesondert erscheint. »Seht, hier war ein guter Platz, den Peinigern der Unterthanen ihr Recht anzuthun!« begann der Führer wieder: »dort die nahe Burg, wo Damen und Hofgesinde zusehen konnten. Der Acker enthält fünf Magdeburger Morgen, 38 Quadrat-Ruthen Landes und ist gross genug, dass ihrer Viele damit zu thun hatten. Die Sage verschweigt ihre Namen, aber die Geschichte vermag ohne schwierige Combination die Geschlechter der damals Gezüchtigten zu nennen. Gut, dass sie es nicht wieder thun können!«

Die Reisenden gingen nicht wieder zur Stadt herab, sondern ihr Führer brachte sie eine gute Strecke auf dem Höhenzuge des linken Unstrutufers auf Fusswegen weiter, wobei er nicht nur Veranlassung nahm, jene auf einen Punkt zu führen, wo der Blick überraschend schön in das entferntere Saalthal bis Naumburg hinabreicht und die Unstrut selbst diesem zwischen ihren Uferweinbergen zueilen sieht, und wo auch Freyburg sich freundlich und malerisch ausnimmt – sondern auch viel Interessantes aus der neuern Kriegsgeschichte mitzutheilen. Während des siebenjährigen Krieges und nach der Schlacht bei Rossbach war Friedrich der Grosse selbst in Freyburg und bat sich statt der langen Bewillkommnungsrede des Stadtraths, die ihm drohte, Etwas zu essen aus. Auch der letzte Regent dieser Stadt aus dem Sachsenstamme, König Friedrich August III., besuchte Stadt und Burg auf friedlicher, der Besichtigung der zwölf Unstrutschleusen gewidmeten Reise. In den Tagen der Leipziger Völkerschlacht sah Freyburg des Kriegsgetümmels viel und eine angstvolle, unglückliche Zeit, wie ein geschlagenes und fliehendes Heer nur im Gefolge haben kann. Hier war der Uebergang über die Unstrut Hauptrettungsmittel, da der Pass bei Kösen besetzt war; er dauerte auf Nothbrücken vom 19. bis 22. October. Am 21. war Napoleon von 6 Uhr Morgens bis Nachmittag 2 Uhr in und um Freyburg, Murat und Berthier bei ihm, und leitete selbst einen Theil des Rückzuges, der unaufhörlich unter Geschützdonner und kreuzendem Tirailleurfeuer erfolgte. Nachdem der Kaiser nach Eckardtsberga geflüchtet war, leisteten hier die Franzosen noch lange Widerstand gegen die Verbündeten, bis sie endlich den völligen Uebergang über die Unstrut bewerkstelligten, die ihnen, wenn von Kösen aus mit Nachdruck gewirkt und das rechte Ufer zeitig besetzt wurde, zur zweiten Beresina werden konnte. –

Der Führer zeigte noch die Stellen der Nothbrücken an, leitete dann zu einem alten Denkstein in der Zscheiplitzer Flur, der dem Andenken des ermordeten Pfalzgrafen gewidmet sein soll und wünschte, sich verabschiedend, den mit Dank Lebewohl sagenden weiter Wandernden glückliche Reise.

 


 

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