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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
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Naumburg.

»Fürwahr, eine stattliche Stadt im Schoosse einer ausgedehnten lachenden Gegend, eigenthümlich ansprechend, und für sich einnehmend in die Ferne wirkend!« sprach Wagner, als die Wanderer den Standpunkt erreicht hatten, von dem aus gesehen sich Naumburg in der That so darstellt, wie der Maler es mit wenigen Worten andeutete. Imposant hebt sich am nördlichen Ende die Steinmasse des Doms mit drei ragenden Kuppelthürmen in wohlerhaltener gothischer Majestät, zur nähern Beschauung mächtig anziehend.

»Ihr seht hier Alles vereinigt,« nahm Otto das Wort: »was am materiellen Lebensbedürfniss von der mütterlichen Erde begehrt und gewährt werden kann. Neben ergiebigen Getraidefluren und Kartoffelländereien eine Fülle schmackhafter, mit Fleiss cultivirter Gemüsearten; Weingelände und -Berge, so weit das Auge dem Bogenlaufe der ohnweit von hier mit der Unstrut vereinten Saale zu folgen vermag, und Obstbäume in Gärten rund umher. Daher auch Wein- und Gartenbau neben schwunghaft betriebener industrieller Thätigkeit Hauptnahrungsquellen der Stadt. Den hier gebauten Wein, vornehmlich den rothen, tadeln Spötter vielleicht mehr, um der Spottlust zu genügen, als mit Recht, denn Mancher derselben trank wohl, ohne es zu ahnen, schon Frankenwein, der auf hiesigem thüringischen Boden gewachsen. – Zwei vielbesuchte Messen tragen zum Flor der Stadt wie zum Vertrieb von einer Menge Landesprodukten lebhaft bei.«

Der Führer zog es vor, statt sich mit seinen Begleitern in die Enge einer städtischen Gaststube zu setzen, diese in die heitern Anlagen des an freundlicher Anhöhe sanft sich emporziehenden Bürgergartens zu führen, und dort leibliche Erquickung und Ruhe mit höchst befriedigender Aussicht und traulicher Unterhaltung eine genügende Zeit lang zu verbinden. Dort gefiel es den Fremden ausserordentlich wohl; sie lagerten sich in den Schatten einiger majestätischen Bäume und horchten den Worten ihres befreundeten Geleiters, Angesichts der unter ihnen dem Auge gefällig sich ausbreitenden Stadt, des entfernter sich einigenden Saal- und Unstrutthales, in welchem sich Schloss und Dorf Gosek nicht minder malerisch schon darstellen, als die weissen Ruinen der nahen historisch merkwürdigen Schönburg. Die Bäume rauschten windbewegt, der Bürgergarten war in der frühen Nachmittagsstunde noch leer, unten aber im Naumburger Schützenhofe war es lebendig, Schüsse knallten, und zur Lust, Erfrischung, Spiel- und Augenweide füllte sich vor dem schöngebauten Schiesshause der wohlangelegte Platz.

»Wenn ich euch,« sprach Otto, »nächst dem Dom, die übrigen hier erblickten Kirchen Naumburgs nenne, so ist zunächst die Stadtkirche zu St. Wenzeslaus auf dem Markte zu erwähnen, die ihren Ursprung bis in das dreizehnte Jahrhundert hinauf datirt, doch brannte sie in dem denkwürdigen Jahre 1517 ab und wurde später erneuert. Sie enthält unter andern ein sehenswerthes, durch Lithographieen bereits vervielfältigtes Gemälde Kranachs: Jesus, die Kinder segnend, wo unter den Knaben einer im Gewand eines Augustiners bemerkt wird, welcher die Physiognomie Luthers unverkennbar trägt. Die übrigen Kirchen, die Marienkirche, wie die zu St. Othmar und zu St. Moritz, sind minder bedeutend.«

»Die Stadt selbst rühmt sich der Ehre, ihren Ursprung Heinrich dem Städtegründer zu verdanken; wollte man ihr diesen streitig machen, so müsste man ihr den Vorzug eines noch höhern Alters einräumen, und nicht unwahrscheinlich mag erscheinen, dass Heinrich I. hier nur erweiterte und befestigte. Als Veste nahm Naumburg 1029 das benachbarte Stift Zeiz in den starken Ring seiner Mauern, wodurch der Stadt unberechenbarer Vortheil erwuchs. Doch empfing diese auch im Laufe der Zeiten ihr reichliches Maass an Weh und Leid, wozu theils ihre politischen Verhältnisse, theils ihre Lage in einer ganz offenen Gegend beitrugen. Aus der Kriegsgeschichte Naumburgs tritt sagenhaft, doch nicht ohne historische Wahrscheinlichkeit, die Erzählung einer Belagerung durch die Hussiten, die als Rächer erschienen, da der damalige Bischof des Hochstifts, Gerhard von Goch, für Hussens Tod auf dem Costnitzer Concil gestimmt. Ein Heer von 40,000 Mann führte Procop heran, dräuend und unheilkündend umlagerte es rings die Stadt, die nun entgelten sollte, was der, noch dazu bereits verstorbene Bischof verschuldet. Gegenwehr war vergebens; da sandte der Bürgermeister Wolf, sechshundert Kinder in Sterbehemden mit Citronen und grünen Zweigen in das Lager, die fussfällig um Erbarmen für die Stadt flehen mussten. Gerührt durch die Bitten dieser Unschuldigen, liess Procop sie mit Wein und Kirschen bewirthen, gab das Wort, von Naumburg abzuziehen, ohne ein Huhn mitzunehmen, und hielt es. Noch in derselben Nacht wurde das Lager abgebrochen. Dankbare Erinnerung feiert noch alljährlich hier am 28. Juli das bekannte Kirschenfest, an welchem Jung und Alt freudig Theil nimmt, und so bleibt die Sage wohl bewahrt in ihrem Rechte, das die Geschichtforschung ihr so mannichfach zu schmälern bemüht ist. Ihr unverwelklicher Stoff rief Kotzebue's bekanntes Rührspiel: Die Hussiten vor Naumburg hervor, welches durch Mahlmanns: Herodes vor Bethlehem, oder der triumphirende Viertelsmeister, auf das glücklichste parodirt wurde. Wie schön passt heute noch auf manchen Herodes und Nicht-Herodes die Stelle:

Bevölkerung und Runkelrüben
Thu' ich am allermeisten lieben.«

»Vom Verderben im Gefolge des dreissigjährigen Krieges für Naumburg wäre viel zu sagen. Liegt doch Lützen nur vier Meilen von hier. Eben so zog das fast ununterbrochen fortrollende Zeitgewitter von 1806 bis 1813 immer dicht über diese Stadt hin.«

»Doch es wird Zeit, meine Lieben, da wir heute noch weiter wollen, uns zu erheben, die Stadt zu durchwandeln und den Dom zu besehen.«

Also zum Fortgang ermuntert, verliessen die Freunde den kühlen und schattigen Ort ihrer Rast und gingen durch die von Handel und Wandel vielfach belebte Stadt, über den schönen und regelmässigen Marktplatz nach der sogenannten Herrenfreiheit, die, den Dom in sich schliessend, einst den ältesten Theil Naumburgs bildete, wo vielleicht die sagenhafte Neuenburg im Gegensatze zu der noch im Namen eines Nachbardorfs fortlebenden Altenburg gelegen war, und die früher eine besondere Ummauerung von der übrigen Stadt geschieden hielt.

Es zeigte sich nun des Domes ehrwürdige Gestalt mit seinen Thurm-Oktogonen, von denen zwei byzantinische Fenster- und Schallöffnungen haben, während der nach Westen gerichtete dritte Thurm von ausgezeichneter architektonischer Schönheit ist. Der Hochbau eines vierten Thurmes unterblieb aus Geldmangel und wurde nur bis zur Höhe des Kirchendaches aufgeführt. Am Schiffe der Kirche mit dem hohen Chor und den vielfach angebrachten Ornamenten wird der rein gothische Styl und Geschmack vorwaltend angetroffen, und hinauf zeigend zu den vielen Menschen- und Thiergebilden der Dachrinnen-Ausmündungen, konnte Otto nicht unterlassen, der so vielfach wiederholten, hier aber besonders heimischen Sage zu gedenken: dass ein Lehrling den schönsten dieser Thürme gebaut habe, den aus Grimm und Groll hierüber der neidische Meister unversehens vom Thurme herabgestürzt, worauf ein Wahrzeichen der That noch bezeichnet, wie hoch das Blut des Herabgestürzten sprützte.

In das Innere des Heiligthums eines jetzt protestantischen Hochstifts schreitend, und geführt von einem der Geschichte und Sage vom Dome wohl kundigen Kirchendiener, wandelten die Freunde still betrachtend manchem schönen und sinnigen Denkmal alter Zeit und Kunst vorüber. Zunächst der sogenannten Taufkapelle oder dem gegen Abend liegenden ehemaligen Chore zugeführt, waren hier auf hohen Seitenpfeilern zwölf wohlerhaltene alterthümliche Steinbildsäulen ins Auge zu fassen, welche namhafte Markgrafen, Grafen und Gräfinnen des Thüringer- und Pleissnerlandes darstellen, und schon im Bezug auf ihre Tracht die Aufmerksamkeit des deutschen Archäologen verdienen; noch höhern Werth aber verleiht ihnen, den Fundatoren der Kirche, die Gleichzeitigkeit ihrer Verfertigung mit dem Dombau. Kranach'sche Gemälde und werthvolle Holzschnitzerei, wie die Glasmalerei der hohen Bogenfenster beschäftigen hier so sehr den Blick, dass er kaum eine gewisse Leere und Verlassenheit dieses Theils der schönen Kirche wahrnimmt, welche bemerken lässt, dass er ein nur selten benutzter ist. Und in der That ist nur der mittlere Theil der Kirche mit seinen zwanzig schlanken Säulenbüscheln der öffentlichen Gottesverehrung gewidmet, aber auch durch allerlei Anbau von Kirchenständen verbaut und verunziert, wie es leider so viele, dem protestantischen Ritus geweihte Tempel aus katholischer Zeit sind. Absondernder Hochmuth beschränkte meist durch geschmacklose Stände den Raum, that der Harmonie des Ganzen Eintrag, und absondernder Purismus erfand die Emporen für das männliche Geschlecht, der sich mit getheiltem Raum im Schiffe hätte begnügen können. So wurde manch ehrwürdig-erhabener, zu Andachtgefühlen schon durch seinen Bau hinreissensfähiger Tempel entstellt, und es muss erst wieder die Zeit eines bessern Geschmacks kommen, unsere Kirchen von allem, das reine Gefühl der Andacht störenden, Unansehnlichen zu säubern und dagegen zu sichern. Verschiedene Seitenaltäre im Naumburger Dome fordern lebhaft zu näherer Betrachtung auf; herrliche Hautreliefs der Passion stellen sich auf einem derselben dar, ein anderer zeigt auf Thürflügeln des Altarblattes Gemälde aus der Wohlgemuth'schen Schule. Die Orgel mit dem Musikchor trennt nun mit Anderem den herrlichen hohen Chor vom Kirchenschiffe; man steigt auf mehren Stufen zu ihm auf, und erblickt im magischen Dämmer, das die farbigen Fenster schaffen, viel des Schönen und Sehenswerthen. Auch hier Kranach'sche Gemälde, namentlich der Bischof Johannes von Schönberg und der Pfalzgraf Philipp am Rhein; vier grosse Pergamentmisssalen mit köstlicher Miniaturmalerei, davon eins allein vielleicht die Arbeit eines ganzen Menschenlebens; schöngeschnitzte Stühle der Chorherren, in denen jetzt nur noch selten bei grossen Kapitelversammlungen die protestantischen Domherren die Hora singen. Bemerkenswerth tritt in Mitten des Chors ein schönes Kenotaph in Sarkophagform vor das Auge, es stellt den ersten Bischof Naumburgs, Hildeward, dar, welcher 1032 starb.

Aus dem freundlichen hohen Chor leitete der Führer nun hinab zur Krypta, an welcher, wie in sehr vielen Krypten, besonders die Säulenkapitäler Aufmerksamkeit verdienen, weil sie meist neben hochalterthümlicher Form durch ganz besondre Kunst und Schönheit der Arbeit sich auszeichnen. Dies ist wenigstens hier bei einigen der Fall. Sonst bietet die Krypta des Naumburger Domes an Merkwürdigkeiten nur noch den Altar zu den zwölf Aposteln und einen eisernen Kasten dar, in welchem Tezel seine Ablassgroschen springen und klingen liess. Hora's droben, Todtenmessen hier unten, Miserere, Requiem und Ablassgroschen erklingen nicht mehr, die ewige Lampe in der Grabeskirche erlosch. –

Die Freunde traten wieder herauf zum Licht des Tages und wandelten in manchen Gesprächen über das Gesehene, über Kult und Glauben und der Zeiten Wandlung der Saale zu, die eine gute Strecke der Stadt west- und nordwärts vorüber fliesst.

 


 

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