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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
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Jena.

Es war ein Rasttag ohne Rast, den die reisenden Freunde in Jena hielten, denn da gab es herum zu wandeln und zu sehen genug, und länger als einen Tag wollten sie sich nicht aufhalten. Als sie nach einem guten Abendtrunke die von Musensöhnen belebte Rasenmühle verliessen, führten Otto und die Begleiter sie durch die einfachen alten Baumreihen auf eine Rasentrift, welche den stolzen Namen »das Paradies« führt. Der Phrat dieses Paradieses ist die bescheidene Saale, die hier sanft hinfluthend die einfachen Uferbilder wiederspiegelt. Es ist ein belebter und beliebter Spaziergang der Jenenser vornehmen Welt, und entfaltet viel idyllische Schönheit. Allein auch in das grünende Paradies blickt wie ein nackter Mauerthurm ein scharfgespitzter Kalkkegel; eine Schneidemühle mit mehren andern Gebäuden gewährt dem Auge angemessenen Ruhepunkt.

Während des Lustwandelns unterliess Otto nicht, die berühmten sieben Wunder Jena's zur Introduction des Introitus zu machen. Er nannte sie, das wohlbekannte lateinische Distichon gleich übersetzend:

»Altar, Drache und Kopf, der Berg, die Brücke, der Fuchsthurm
    Und das Weigelische Haus, die sieben Wunder von Jena«,

und verhiess, so weit es möglich, sie zu zeigen. »Uebrigens«, sprach er, »hat Jena jetzt ganz andere Wunder aufzuweisen, als jene alterthümlichen Wahrzeichen und Curiosa: eine Menge wissenschaftlicher Anstalten von hoher Bedeutung und Wirksamkeit, welche die Wunder der Erde und des Himmels, der Natur und des Menschen den lernbegierigen Jüngern offenbaren, von denen wir morgen eine und die andere besuchen wollen.«

Im Gasthause zur Sonne auf dem schöngebauten Marktplatze nahmen die Reisenden ihre Wohnung, in welcher sich bald die eingeladenen Freunde Otto's aus Jena einfanden. Bei vollen Flaschen ächten Rheinweines wurde nun Manches herüber und hinüber erzählt und besprochen. Ein geschichtskundiger Professor theilte Interessantes über den Ursprung der Stadt und deren spätere Zeiten mit. Den erstem datirte er von den Sorben her, welche unstreitig in diese Gegenden streiften und zur Burgen- und Städtegründung Anlass gaben; später fand sich der Ort als Eigenthum benachbarter Burgherren, oft halbirt oder gar geviertelt, und deshalb Gegenstand des Streites, bis Jena an die Nachkommen des Landgrafen Friedrich des Strengen und später an die Sachsenherzoge kam. In einer sehr trüben Zeit, nach der Schlacht von Mühlberg und Churfürst Friedrich des Grossmüthigen Gefangennehmung, wurde hier die hohe Schule, jedoch noch nicht als Universität, gegründet; erst als der Churfürst 1552 wieder frei ward und hierher kam, wurden die besten Hoffnungen auf eine schönere Zeit lebendig, die sich auch im Jahre 1557 erfüllten, wo die feierliche Einweihung der Universität Statt fand, die durch manche wechsel- und drangvolle Zeiträume ihren ehrenhaften Ruf bewahrte. In Jena kam stets das akademische Leben in der Eigenthümlichkeit, welche der jedesmalige Zeitgeist mit sich brachte, zu hoher Blüthe, und in diesen mannichfaltigen Phasen gestaltete sich die Universität immer als ein tüchtiges Ganzes, das sich getrost neben die übrigen Schwester-Hochschulen Deutschlands, ja sogar über manche, stellen konnte.

 

Ein anderer Freund sprach sich belehrend über die blühenden Anstalten für Wissenschaft und Kunst aus, die eine Zierde Jena's sind, während ein Dritter aus dem Schatze seiner Erinnerungen Einzelzüge jener Zeit mittheilte, in welcher Schiller hier lebte und lehrte, Göthe hier anregend und nach allen Richtungen hin fördernd wirkte, Carl August mit Liebe die akademische Freiheit sich entfalten liess und zu den meisten der jetzt bestehenden scientifischen Einrichtungen sichern Grund legte. Endlich kamen auch Schilderungen grossartiger Studentenaufzüge und Comitate, Fahrten nach Weimar, dortiger Theaterscenen, des berühmten Bierherzogthums Lichtenhain, der Landsmannschaften und der Burschenschaft, der Wartburgfeier u. s. w. zur Mittheilung. Der Wein regte an, alte Erinnerungen wurden lebendig, die leeren Flaschen mit vollen vertauscht, das Gaudeamus erklang und unter Gesang und Scherzen kam unvermuthet die Mitternacht herbei, als eben die weinfröhliche Gesellschaft das Burschenlied ertönen liess: Stosst an! Jena soll leben! Hurrah hoch! –

Die deutschen Hochschulen, und vornehmlich Jena, haben eine eigenthümliche Art der Romantik zur Erscheinung gebracht, deren chevaleresken Geist erst eine spätere Zeit gehörig ergründen und würdigen wird, ein zweites Mittelalter voll tiefer Innerlichkeit und kecken Heraustretens aus den Schranken des Alltäglichen, eben so viel Hang zur Wissenschaft und Gelehrsamkeit, als zu Possen und Mummenschanz, zu Sitte und Anstand, wie zu Rauferei und Händelsucht, mit stetem Vorwalten enormen Durstes. Im geistigen Leben dieser Hochschulen ist für künftige Novellendichter eine unerschöpfliche Stofffülle enthalten, die nur Wenige erst ahnen, aber die reichste Ausbeute verheisst. Sollten gutgeschriebene Studenten-Romane nicht ein zahlreiches, antheilnehmendes Publicum finden? –

Der nächste Vormittag sah nun die Freunde, welche die halbe Nacht durchlacht und durchschwärmt, mit sehr gesetzten Mienen durch Jena wandern. Die Universitätsbibliothek mit ihren zahlreichen Schätzen ward zunächst besehen und vor Allem dem Minnesängercodex und den mit seltenen Malereien versehenen Antiphonarien gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Dort ist auch jenes komische Wunder Jena's, der Drache, aufgestellt, ein künstlich aus Skeletten gebildetes Thier der Apokalypse, von gräulichem Ansehen, welches vor einigen hundert Jahren Studenten in den Teufelslöchern, am Fusse der Kernberge, gefunden zu haben vorgaben.

Länger noch als auf der Bibliothek veranlasste Lenz die Freunde zum Verweilen im Grossherzoglichen mineralogischen Museum, und äusserte unverholen seine Freude über den grossen Reichthum dieser Sammlung sowohl, als auch über die Pracht einzelner Exemplare und die grosse Mannichfaltigkeit der Gebirgs- und Steinarten aus fast allen Ländern der Erde. Mit grösstem Antheile wurden die vielen Suiten einzelner Länder betrachtet, und die mündlichen nähern Erläuterungen des kundigen Custos dieser Anstalten gehört. Nicht minder anziehend war die Betrachtung der Grossherzoglichen Petrefactensammlung mit mehren Prachtstücken, darunter vorzüglich ein kleines Stück angeschliffenen Madensteins höchst merkwürdig ist, indem es Blätter des Smolecopteris elegans mit gestielten und gespaltenen Keimkornkapseln zeigt. Auch hier höchst interessante Petrefacten aus fast allen Ländern, oft weit Hergekommenes dem Verwandten nahen Ursprunges zu wissenschaftlichem Vergleiche passend zugesellt. Doch es musste geschieden werden, um mit Uebergehung der zoologischen und osteologischen Cabinette, wie des anatomischen Museums, die Sternwarte und den botanischen Garten noch zu besuchen und Zeit zu einem Ausfluge in die Umgegend zu behalten.

Den Garten der Sternwarte weihen schöne Erinnerungen. Er liegt zwischen dem Neuenthore und der Engelbrücke und war früher Schillers Eigenthum, der hier ein Wohn- und ein Gartenhaus besass und vornehmlich in letzterm gern weilte und dichtete. Aus dem engen Raume dieses Häuschens gingen viele der unsterblichen Schöpfungen hervor, welche Deutschland erfreuten und seine Jugend begeisterten. Schiller hat fast während seines ganzen Lebens sich grosser Prunkräume nicht erfreut; in engen Zellen besuchte ihn die Muse, seine himmlische Freundin, und führte die idealen Gestalten seiner Dramen zu dem Dichter. Als dieser sich so weit durchgekämpft, des Lebens und grössern Besitzthums froh werden zu können, starb er. Eine schöne Fernsicht in das reizende Saalthal hin entschädigte ihn für die beschränktere Häuslichkeit. Hierher, in Schillers Garten, wo der grössten Dichtersterne Deutschlands einer bescheiden glänzte, wurde 1812 die Jenaische Sternwarte gebaut. Als diese und der botanische Garten von den Freunden besehen war, mussten sie eilen, ihr Gasthaus zu erreichen, denn der Himmel hatte sich ganz trüb umzogen und der einfallende Regen drohte die Hoffnung auf einen Nachmittagsspaziergang gänzlich zu vereiteln.

Und es regnete immer noch, als schon der aromatische Duft der Bohnen von Mokka das Zimmer der Freunde mit Wohlgeruch erfüllte. »So macht der Himmel mir die Freude zu Wasser,« klagte Otto wehmüthig ironisch, während er seinen Gefährten und sich einschenkte, »Euch heute tüchtig zu ermüden und von Thal zu Berg, von Berg zu Thal zu führen. Jammerschade! Welche malerische Punkte, lieber Wagner, hätte ich Dir gezeigt, wenn wir uns bis zum Gipfel des steilen Hausberges, darauf der Fuchsthurm steht, hinaufgearbeitet, und welche Fülle von seltenen Pflanzen aus der hiesigen, wirklich reichhaltigen Flora Dich, lieber Lenz, unterwegs finden lassen! Bei jedem Schritte fast über die secundäre Flötzformation und den Muschelkalk der hiesigen Berge hättest Du eine interessante Versteinerung gefunden, und am Ende hätte Keiner von euch Beiden mir zugehört, wenn ich die Geschichte der drei Kirchbergischen Schlösser auf dem Hausberge oder die der Kunitzburg auch noch so gründlich abgehandelt und die schönsten Sagen dazu und davon euch erzählt hätte.«

Die Freunde gaben dem Sprecher lachend Recht, und Wagner nahm das Wort: »Hört, ich will euch etwas sagen! Wenn es lange regnet, bringen wir hier ungenutzt die Zeit hin. Wie wäre es, wenn wir noch heute weiter führen und liessen es bei dem, was wir bereits gestern und heut von Stadt und Gegend gesehen; bewenden?«

»Ich wäre gleicher Meinung«, äusserte sich Lenz: »ist es uns doch ohnediess mehr um Totaleindrücke zu thun, als um Besehen und Betrachten jeder Einzelnheit.« »So muss ich sehr um Verzeihung bitten, euch so oft und viel im Verfolg unsrer Reise mit Einzelnheiten belästigt zu haben!« versetzte Otto scheinbar empfindlich. »Ich danke für dem gütigen Fingerzeig, und nehme ihn ad notam

»Nun wahrlich, das fehlt noch!« rief Wagner. »Ihr seid auf bestem Weg, euch zu zanken! Pax vobiscum! Es ist zwar gar nichts Ungewöhnliches bei derlei gemeinschaftlichen Reisen, doch soll es zwischen uns ungewöhnlich sein. Der Regen wirkt verstimmend, daher hängen sich im Regenwetter die Engländer. Gebt den Farben der Unterhaltung einen hellern Ton! Fahren wir fort?« – Otto sprach scherzend: »Wenn ich Böses mit Bösem vergelten wollte, so bestellte ich jetzt einen zugemachten Wagen nach Naumburg, sperrte dieses mineralische Herz hinein, liesse euch in Gottesnamen durch das schöne Saalthal kutschieren, spräche im Vorbeifahren: dort oben liegt Dornburg, und bei Camburg: diess ist Camburg, und heute Abend kämen wir in Naumburg an, ohne dass ihr auch nur das Mindeste von den reizend gelegenen Schwesterburgen Rudelsburg und Saaleck, von der freundlichen Saline Kosen, und von dem berühmten Schulpforte gesehen, denn über alle diese Orte führt der gerade Weg nicht. Seht, so habe ich euch in meiner Gewalt, so strafe ich Auflehnung gegen meine wohlüberdachte Führung, wenn euch blos nach Totaleindrücken lüstet, und mein Bemühen euch Vergnügen zu machen, so verkannt wird. Solcher Reisenden weiss ich mehr, die sich einbilden, Thüringen zu kennen, oder gesehen zu haben, wenn sie einmal von Leipzig oder Halle über Gotha und Eisenach nach Frankfurt am Main mit der Eilpost reisten.«

»Ich ergebe mich auf Discretion!« rief Lenz; die Eintracht war hergestellt, und ein Wagen bis Camburg wurde gemiethet. Bis dieser vorfuhr, war eben noch Zeit für Otto, den Jenaischen Freunden Valet zu sagen. Bald hatten die Reisenden den Musensitz im Rücken.

 


 

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