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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
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Paulinzelle.

Ueber mehre Dörfer führte der oft gekrümmte Thalweg die Wanderer und folgte dem munter hinrinnenden Bergflüsschen bis Oberrottenbach, wo jene rechts in einen wiesenreichen Grund einbogen, in dessen Schoosse sich wieder ein Dörfchen, Milbitz, idyllisch birgt. Der Weg gewann eine gewisse Einförmigkeit, es trat hier kein Fels gigantisch und überraschend hervor, kein Berg überragte keck und kühn seine Nachbarn, es war wieder so traulich um die Freunde, wie vor wenigen Tagen, als sie durch die hohen und düstern Forste des Oberlandes bei Steinheide pilgerten, nur minder still; in den Wäldern lockte der Pyrol, schmetterten Finken, liess die Grasmücke ihren lieblichen Gesang hören. Bald leuchtete, aus drei silbernen Teichen wiedergespiegelt, das Bild der sich westwärts neigenden Sonne; wo wäre ein Thalkloster ohne Teiche gewesen? Fischen, Krebsen und andern angenehmen Fastenspeisen zu Liebe – wer weiss, ob nicht Mancher sich tonsuriren liess? – Jetzt einen Hügel hinan, durch rauschende Tannen und Föhren – siehe, da lag unten im Thale still der düstre Riesenbau, die erhabenen Trümmer Paulinzell's, mitten in grünen Wiesen, von Haseln und Erlen umbuscht, von dunkeln Tannenwaldungen überragt, die das einsame Thal gleichsam einfrieden. Da stand die hohe byzantinische Ruine, der die Wanderer auf dem wieder abwärts führenden Wiesenpfade zueilten und an die Morgenseite der äusserst malerischen Kirchentrümmer gelangten, vor der sie im stillen Erstaunen standen. Otto liess die Freunde sich satt sehen; er störte ihre Bewunderung mit keinerlei ciceroneischem Geschwätz von der Gründerin des Klosters, Paulina, der Tochter eines Ritters Moricho; er rüttelte nicht den Moder alter Urkunden auf. Alles ward mit Ernst betrachtet, hin und her das geräumige Schiff des zerstörten Tempels durchwandelt. Von der Abendseite her, die Wagner sogleich zu zeichnen beschloss, wurde nach dem Totalanblicke dem Einzelnen aufmerksame Betrachtung gewidmet. Hier zeigt sich der zerstörte Eingang, von zwei Thürmen, von denen nur noch der eine kaum erhalten, einst geziert und gleichsam geschützt. Eine geräumige, pfeilergetragene Halle, ein geweihtes Cymetrium nahm die Schaaren der Beter auf, die der Tempel vielleicht nicht fasste; in ihr stand wohl auch jenes riesige Steinbecken, als Weihkessel, das, jetzt am Boden liegend, der Betrachtung nicht unwerth ist. Mächtig in fünffachen, säulengezierten Rundbogen wölbt sich das Portal, dessen Säulenkapitäler noch die schönen Drachen- und Arabesken-Verzierungen zeigen, die eine Eigenthümlichkeit des neugriechischen Baustyls sind. Sieben, wieder von Säulen getragene Rundbogen reihen sich über dem Portal, über welchem zwei grosse Fensteröffnungen unter einer Bogenverzierung angebracht sind, von welcher der Giebel aufsteigt. Hohe Tannen und Fichten wurzeln nebst grünendem Gesträuch in grosser Anzahl auf dem Gemäuer und verleihen ihm einen ganz besonders malerischen Schmuck. Das Portal wird von schlanken Rothtannen überragt, und zu ihnen hinauf haben sich Birken und Flieder, Vogelbeerstämme und Wachholder, Himbeeren und Bittersüss in nachbarlicher Eintracht gesellt. Durch das Portal eintretend, erblickt der Wanderer die Doppelreihe von sechs starken Säulen, nebst zwei mächtigen Pfeilern, und zur Linken die noch ganz erhaltene Seitenwand mit ihren neun kleinern Bogenöffnungen unten und acht grössern oben, bis zu der Stelle, wo auf den Pfeilern ruhend ein kühngesprengter Bogen die Scheidewand andeutet, wo die Seitenarme des Kirchenkreuzes und der hohe Chor beginnen. Die Decke des schönen Tempels, der ausser dem Hochaltar noch eine grosse Zahl von Seitenaltären hatte, war nicht gewölbt, sondern flach, die Mauer der Vorbaue des Kreuzes ist noch grösstentheils erhalten, und die innere, von den Säulen getragene, steigt 60 Fuss hoch empor. Schwache Spuren alterthümlicher Wandmalereien entdeckte Wagners forschender Blick; mehre verwitternde, moosbedeckte Grabsteine liegen am beraseten Boden. Auch von der Morgenseite gewährt die reizende, grandiose Ruine ein schönes Bild, das die Wanderer durch langes Beschauen dauernd in sich aufzunehmen suchten.

Die Abendsonne küsste scheidend das Thal, ein Glöckchen auf dem alten Thurme ward geläutet, die Ruine glühte, wie im Gebet, durch die Bäume und Büsche auf ihr und um sie her ging ein Rauschen; es war, als wehe der Geist der Vorzeit durch die öden Räume, über die alten Gräber. Als Dämmerung zu schatten begann, gingen die Wanderer nach dem Gasthause des dicht anliegenden Dorfes, wo eine Schaar Studenten bei vollen Flaschen sass. Den heitern Musensöhnen ward sich heiter zugesellt und mit ihnen mehr über die Gegenwart, als über die Vergangenheit gesprochen, manch ernstes, manch lustiges Wort, wie es eben kam. Mit aufblühender Jugend sich selbst verjüngen, ist Genuss. Meist schwärmt noch ihr Herz und hängt an Idealen, es sind die schönsten Tage des Jahres, wenn die Bienen – schwärmen. Immer erfreut den Verständigen der Anblick dieser goldnen Zeit der Freiheit; über die jugendfrohen Gestalten giessen die Götter holden Zauber aus. Da ist kein Abzeichen künftigen Ständeunterschiedes; der künftige Minister trinkt mit dem künftigen Dorfpfarrer aus einem Glase, ein Bruderband umschlingt Alle, so war es wenigstens am längsten, ist es grösstenteils noch, bei den Jenensern. Wohl Allen, die ihrer akademischen Jugend aus rechter Herzensfülle froh geworden, ehe Zeit und Verhältnisse sie hinter Actenstösse, in Antichambren, in dumpfe Kranken-, peinliche Gerichtsstuben oder hinter die Düngerstätten schlecht dotirter Landpfarreien bannten, wo die Einseitigkeit ihr Dominium und Domicil hat, und das Leben aus gefärbter und trüber Brille grämlich anschaut, und was am schlimmsten ist, sich oft so stilitisch isolirt, dass sie sich und ihr Thun, Wissen und Glauben für unfehlbar und allein richtig hält.

Der Vollmond war emporgestiegen über das Waldgebirge; alle Versammelten, unter ihnen auch einige Reisende, die kurz vorher von Königssee angekommen, ein Herr und drei Damen, brachen nach den Ruinen auf. Der Mondschein umspann diese mit einem magischen Lichtnetze, das durch die Fensterbogen in langen Streifen fiel, durch die Büsche auf dem Gemäuer zitterte, im Thau funkelte, der auf dem feuchten Rasenteppich flimmerte. Einzeln irrten Leuchtkäfer um die Büsche, Fledermäuse schossen, den Damen schreckhaft, wie Lemuren umher. Die Damen selbst, in ihren weissen Kleidern, glichen den Geistern der Nonnen, die in diese Zellen Paulina Reclusa versammelt. Die Stimmung, welche sich aller Anwesenden bemächtigt hatte, konnte nur eine ernste sein; man sprach leise, als ob man fürchte, das erhabene Schweigen dieser Einsamkeit zu stören. Jetzt trat Otto an die Stelle, wo einst der Hochaltar gestanden, unter der im Steinsarkophag die irdischen Reste der Tochter Moricho's ruhen, und sprach Welkers schönes Gedicht auf diese Ruine. Alle standen tief schweigend um den Sprecher; einige Studenten hatten sich weggeschlichen.

Als Jener die Stelle gesprochen:

    In dem Dom zu Paulinzelle,
In des Thales Zaubergrunde
Hebt das Hochamt wieder an!
Aber nicht bei Kerzenhelle
Kommt der Chor, der Sacristan,
Nah'n und gehen die Gestalten:
Nur die Mondesfackel flammt,
Vielgetheilt durch Mauerspalten;
Und es wird ein Todtenamt
In der öden Nacht gehalten –

da erklang es mit einemmale wunderbar und feierlich von tiefen Männerstimmen:

    Requiem aeternam
dona eis domine!
Et lux perpetua luceat eis,
ut in resurrectionis gloria!

dass die Damen sich heimlich schauernd eng aneinander schmiegten. Es war ein erhebender Moment, einer der seltenen, in denen das Walten einer höhern Macht nahe und erkennbar zu dem Menschengeiste tritt und ihn mit Gefühlen erfüllt, die davon zeugen, dass dem Geiste eine längere Dauer, als diese Spanne Erdenleben, beschieden ist. – Wir können nichts ahnen, was nicht vorhanden, wäre es auch nur für den Ahnenden; jede Hoffnung trägt ihren Anker, für jeden Anker gibt es einen Grund – wenn unser sterbliches Auge auch nicht durch die Wellen schaut, die über ihm wogen. –

In dem stillen Paulinzelle fanden die Fremden alle ein zwar beschränktes, doch leidliches Nachtlager, auf das sie das Sprüchwort von den frommen Lämmern anwenden mussten.

 


 

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