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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
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Das Meininger Oberland.

Zur linken Seite den waldigen Höhenzug des Gebirges, zur rechten massige Kalkhügel und die sanft durch das Wiesenthal sich hinschlängelnde, hier noch sehr kleine Werra, fuhren die drei Reisegefährten wieder über Hessberg und einige andere Dörfer auf gut gebahnter Kunststrasse dem Walde zu und erblickten bald den hohen Wartthurm des Eisfelder Schlosses, der, frei in dem alten Burghofe stehend, genau so viel Fuss hoch sein soll, als sein Umfang zählt, und erreichten die fast ganz neu gebaute Meiningische Stadt Eisfeld von 335 Häusern und 2762 Einwohnern, bei guter Zeit. Ein Theil der Mauerwerke des alten Schlosses, früher Wittwensitz der Herzoginnen von Hildburghausen, bot während der kurzen Rast, die sich die Freunde hier vergönnen wollten, dem fleissigen Zeichner ein malerisches Bild, und eben so wurde ein Denkmal nicht unbesehen gelassen, das, an eine ewig denkwürdige Zeit erinnernd, die bescheidene Gottesackerkirche zu Eisfeld aufzuweisen hat: das des berühmten Dr. Justus Jonas, Luthers Zeitgenossen und wackern Mitstreiters, der in Eisfeld als Superintendent starb.

Otto erzählte während der Weiterfahrt den Genossen, was Eisfeld im dreissigjährigen Kriege erlitt. Die Völker Wallensteins brannten das Städtchen grösstentheils nieder; Ungarn, Croaten, das Cambrische Regiment und Schweden verheerten nach einander Stadt und Land und trieben die Einwohner in die Wälder, so dass sich nur schwer und allmälig der Ort wieder erholte.

Nach der kurzen Fahrt einer Stunde grüsste die Reisenden abermals eine schöne Burgruine von massiger Höhe herab: der Schaumberg, der über dem Städtchen Schalkau aufragt; in diesem wurde der Wagen entlassen und die Fusstour wieder begonnen, denn es winkte der Wald, der herrliche, rauschende, mit seinen zahllosen Hütten und Hämmern, in welchem sich's so anmuthig wandert. Schalkau mit seinen 126 Häusern und 922 Einwohnern bot ausser der schönen gothischen Kirche kaum etwas Sehenswerthes dar; aber Otto bewog die Freunde, ihm zur Ruine Schaumberg zu folgen, dem einstigen Sitze von Rittern gleiches Namens. Die Besucher kamen über den geschmackvoll angelegten Ida's-Platz am Fusse des Berges, zum Gedächtniss eines schönen ländlichen Festes so genannt, und hatten bald die Höhe des Burgberges erstiegen. Die Burg war kastellartig erbaut, mit runden Mauerthürmen und einem merkwürdigen Wall umgeben, welcher nämlich geräumig hohl war, so dass Volk und Vorräthe sich in ihm bergen konnten; ausserdem zeugten noch ein ziemlicher, doch nicht hoher Wartthurm und ansehnliche Mauerreste von dem grossen Umfange der Burg. Den Freunden, die auf der Höhe des Walles sich der pittoresken Aussicht auf den freundlichen Itzgrund, seine ausgebreiteten Wiesen, den nahen, vom Pless oder Bless (2668 Fuss über d. Meeresfl.) und dem Kieferle (2717 F.) überragten Wald und auf mehr als 16 im Thalgrunde verstreute Dörfer und Höfe erfreuten, erzählte Otto, dass Burg Schaumberg im dreissigjährigen Kriege durch die Kaiserlichen unter dem Marchese di Grana zerstört wurde. »Alles kündet hier den Untergang durch Feuer«, sprach er; »vor mehrern Jahren ergab eine Nachgrabung auf diesen Trümmern keinen andern Fund, als in der Glut verglastes oder geschmolzenes Geräth; eine Kanonenkugel von sechzig Pfund Schwere ward aufgegraben, nebst mehren kleinern.« – Hierauf wandte sich der Erzähler zum nächstvorliegenden Reiseplan, indem er sagte: »Wir könnten Tagelang in den Gründen dieses Theils der Thüringer-Waldkette umherpilgern, jeder Tag würde uns Neues und Sehenswerthes bieten, des Romantischen freilich weniger, als des Gewerblichen; dieser Theil Thüringens ist neben ungeheurer Betriebsamkeit doch der ärmste, weil er der rauheste, unwirthbarste ist. Alles Wohl und alles Weh, das im Gefolge zahlreicher Fabriken geht, findet sich auch hier; ein armes Volk, auf die Kartoffel als Nahrungsmittel fast einzig hingewiesen, in Missjahren und harten Wintern oft bitterm Mangel Preis gegeben, neben reichen und glücklichen Brodherren. Hier arbeitet Alles, Kinder von zartester Jugend an, und Greise und Mütterchen sind noch mannichfach thätig. Der Wald hier oben hat einen ganz andern Charakter, als jener Theil, durch den ich Euch vom Dolmar aus führte; die Schieferbedeckung und Schieferbekleidung der Häuser in Städten und Dörfern, mit weissen Blumen, Arabesken und Inschriften, gibt diesen etwas ganz Originelles; der mindere Wohlstand lässt uns Schaaren von kleinen Kindern selbst bei rauher Temperatur in völliger Nacktheit, wie junge Wilde erblicken, in der sie sich jedoch immer besser ausnehmen, als in Lumpen; dabei ist bei aller Armuth des Volkes ein reicher Kindersegen bemerkbar: eine Ausgleichung des Himmels für manches andere entbehrte Glück, denn je mehr Hände zur Arbeit, um so besser, es kommen doch in der Regel erst zwei Hände auf einen Mund. Aus diesem Hochlande, sowohl aus dem Meiningischen, als noch mehr aus dem Koburgischen Antheile, sind in der neuesten Zeit viele Leute nach Amerika ausgewandert, Begüterte und Unbegüterte, und es ist zu hoffen, dass es diesem einfachen, thätigen Volke, das gewohnt ist, der Natur ihre Gaben durch Fleiss und Ausdauer abzutrotzen, in der neuen Heimath wohlergehen werde.«

»Das wollen wir allen unsern deutschen Landsleuten von Herzen wünschen«, nahm Wagner das Wort. »Es ist ein schwerer Schritt, dem Vaterland auf Nimmerwiedersehen Valet zu sagen, vom alten wohnlichen Heimathheerde zu scheiden, um in irgend einer halben oder ganzen Wildniss einen neuen zu gründen, wo sich's doch bei Vielen fragt, ob die heimathlichen Laren sich übersiedeln lassen wollen?«

»Ein trübes Thema«, sprach Lenz, »so reich an tiefem Schmerz, wie an hohen Hoffnungen, Völkerkrankheit und Völkerheilung; Fingerzeig der Gotteshand und Mene Tekel zugleich. Ich habe nie in das ubi bene, ibi patria stimmen können!« »Auch ich nicht!« bestätigte Otto. »An irgend Etwas muss der Mensch sich mit allen geistigen Organen klammern, ein Einzelnes muss er lieben, und Heimathliebe ist eine Tugend. Darüber schrieb mir jüngst eine gemüth- und geistreiche Freundin wahre und schöne Worte: Wer nicht Etwas auf Erden über Alles liebt – ist wohl schwerlich fähig, das Ganze zu lieben, und die Weltbürger neuester Sorte strafen diese meine Behauptung wenigstens nicht Lügen, denn sie lieben Nichts, als sich selbst, und ihre Wetterfahnennatur hält in der Eile, mit der sie sich nach dem Winde ihres Vortheils dreht, nicht einmal dem Scheine des Gegentheils, womit sie ein Weilchen bestehen könnten, lange Stich. Die wahrhaft edeln Geister aber, die als Ausnahmen gelten können, sind rar, oder schmachten gefesselt. – Mancher jedoch wandert aus, mit glühender Heimathliebe in der wunden Brust, für die kein Heilkraut in den Savannen und Urwäldern Amerika's wächst.«

Sehr ernst gestimmt schritten die Wanderer den Burgberg herab, und die nächste Stunde sah sie dem Dorfe Grümpen zueilen, das am Bache gleiches Namens in einem düstern Thalgrunde liegt, den die Reisenden aufwärts verfolgten. Doch begünstigte heiterer Himmel die Wanderung; der Fusspfad krümmte sich oft über grünende Wiesen hin, und der Mineralog wurde aufmerksam auf viele grösstentheils beras'te Haufen von Sand und Gerölle am Ufer des murmelnden Bergflüsschens. Otto gab ihm darüber Aufschluss, indem er berichtete, dass vor Zeiten hier Seifenwerke (Goldwäschen) bestanden und der Berg zur Linken noch den Namen Goldberg führe. »Dieser Goldberge, Silberberge, Bäche und Quellen gibt es im Thüringer-Walde viele«, erläuterte er, »das Vorwalten der Bergmanns-Traditionen ist hier ausserordentlich, daneben auch noch ungemein viel Aberglaube im gemeinen Volke, der immer am meisten in Thalschluchten und Waldengen haften blieb. Es hat der Volksaberglaube bei aller Verwerflichkeit in moralischer und ethischer Beziehung doch eine hochpoetische Seite; er ist Nachhall der wunderbaren und räthselhaften Naturstimme, die das Menschenherz in den frühesten Zeiten schon durchklang und durchzitterte, und darum selbst so unerklärlich, weil das Unerklärliche sein weites Reich ist, darin er herrscht und waltet, ein über- und ein unterirdischer Dämon zugleich.«

Aus der Enge eines Seitenthales der Grümpen, in das die Wanderer einbogen, ragte über dem Dorfe Rauenstein höchst malerisch die Burgruine Rauenstein empor, mit hohem, halb zertrümmertem Thurm und wenigem Gemäuer; dicht unterm Burgberge leuchten die weissen Wände des Thalschlosses, das von den Herren von Schaumberg aufgeführt wurde, als der dreissigjährige Krieg das Bergschloss gebrochen, der im Meininger Oberlande die Zerstörung übernahm, die im Unterland ein Jahrhundert früher der Bauernkrieg mit den Ritterburgen übte. Otto lenkte den Schritt der Freunde, nach einer nöthigen Erquickung, zunächst zur grossen, 1785 angelegten, Greinerschen Porzellanfabrik, die den Wohlstand nicht nur des früher sehr dürftigen Dorfes Rauenstein, sondern auch der nahen Umgegend, vortheilhaft hob. Der Bach treibt hier ein Pochwerk, das neben der Fabrik liegt und zu ihr gehört. Diese, eine der blühendsten des Thüringer-Waldes, beschäftigt, ohne Taglöhner und Holzarbeiter, über 120 Menschen, deren Arbeitslohn sich jährlich auf 30,000 Rthlr. beläuft. Ihr Inneres wurde besehen, die Reisenden durften alle Arbeitsstuben durchwandern; Wagner aber blieb zurück und trug von Burg und Dorf eine Zeichnung in sein Skizzenbuch. Die Fabrik hat drei grosse Oefen nach thüringischer Einrichtung, im Gegensatze zu der englischen. Es bedurfte nur eines kleinen Fussweges, um wieder in das sich immer mehr verengende Waldthal der Grümpen und den Theuerngrund zu gelangen, in welchem die Reisenden wacker aufwärts schritten. Dort ist Thonschiefer das vorwaltende Gestein; die Gegend trägt einen ernsten, melancholischen Charakter, einsam rollt der Bach und mit einförmigem Geräusch seine Wellen, ihm zur Linken zieht die chaussirte Strasse neben mehren Mühlwerken hin. Von beiden Seiten fallen Bäche in das Thal.

»Ich würde Euch«, sprach Otto zu den Freunden, »gar nicht in diese Einöde und zu dem kleinen, nur 75 Häuser zählenden Stadtflecken Steinheide, den wir in Kurzem erreichen werden, geführt haben, da wir nachher gerade entgegengesetzte Richtung einschlagen müssen; allein ich wollte Euch gern so viel als möglich von meinem geliebten Thüringen zeigen; es ist unmöglich, auf gerader Linie das Meininger Oberland kennen zu lernen, es muss auf Kreuz- und Querzügen geschehen, und zum Glück wandelt sich's in der Abendkühle und auf dem Moosteppich der Wälder überaus angenehm.«

Die Freunde versicherten, durchaus nicht müde zu sein und dass ihnen die Fusswanderung bergauf und bergab grosses Vergnügen gewähre. Nur kurze Zeit konnte in dem Städtlein »auf unser lieben Frauenberge«, wie Steinheide früher hiess, gerastet werden; man wollte noch Sonneberg erreichen. Der Ort Steinheide sah früher eine bessere Zeit; der Bergsegen schüttete auch über ihn sein reiches Füllhorn, über tausend Bergleute wohnten hier, jetzt ist er verarmt; alle Gruben kamen zum Erliegen und die Einwohner müssen meist ihren Erwerb in der Nachbarschaft, in Fabriken und beim Steinbrechen suchen.

Von dem 2,523 Fuss hohen Frauenberg, auf dem Steinheide liegt, stiegen die Wanderer auf schattendüstern Waldwegen nieder. »Wenn ich Euch alle Bergsagen aus der Gegend um Steinheide erzählen wollte, die ich weiss, ich würde vor Abend nicht fertig«, sprach Otto. »Vom Silbergeheg, vom Sonnenthal, von der Sackpfeife, überall Traditionen von Schätzen und Erzgängen. Im ungeheuern Thal oder wüsten Adorf fingen einmal einige Einheimische einen Venetianer und bedräuten ihn hart, dass er ihnen offenbare, wo die Bergschätze verborgen. Gezwungen ging er mit, doch als sie an den Ort kamen, begann in Wald und Lüften ein entsetzliches Brausen und Toben und der Wale stürzte, von epileptischen Zuckungen ergriffen, zu Boden, dass seine Peiniger meinten, er werde unter ihren Händen sterben. Da liessen sie ab von ihm und gingen eilig von dannen, ohne Frucht ihrer Gewaltthat. –«

Es war ganz heimlich und still in dem hohen, kühlen Forst, der Himmel lachte blau herab durch die Tannenwipfel, der Geist der Natur rauschte in den Bäumen. Die Freunde sangen ein Lied:

    »Der Wald ist stille, der Wald ist grün,
Die Blätter flüstern, die Blumen blüh'n;
Die Wolken zieh'n, die Wipfel glüh'n,
Die Bäume rauschen im Walde.«

    »Im Wald ist Frieden, im Wald ist Ruh';
Die Blumen schliessen die Aeuglein zu.
Und heimwärts flieh'n Vogel und Bien',
Die Bäume rauschen im Walde.«

    »Was rauscht ihr Bäume fort und fort?
Sprecht mit dem Wand'rer doch auch ein Wort!
Waldbäume grün, fragt er zu kühn? –
Die Bäume rauschen im Walde.«

    »Wer spricht zum Frager, der da fragt?
Wer kündet, was diess Rauschen sagt? –
Die Wolken zieh'n, die Sterne glüh'n,
Die Bäume rauschen im Walde.«

Geräusch wurde laut, Stimmen von Arbeitern; der Boden war mit Schiefertrümmern bedeckt, die Freunde standen am Griffelschieferbruch des Fellberges. Schwarz starrten die Gesteinwände der Brüche, die Lenz und Wagner in dieser Art zum ersten Male sahen. Ein Arbeiter erklärte die Gewinnung, zeigte die scheitgrossen, angefeuchteten und mit Reisern bedeckten Stücke, die sich leicht bis zu den dünnen Griffeln spalten lassen, mit denen wir in der Schule die ersten Schreibversuche auf Sonneberger Tafelschiefer machten und die vier Species der Rechenkunst uns einprägten. Gleich daneben wurde auch ein Wetzsteinbruch besucht und besehen. – Die Wanderer weilten an einem Scheidewege; ein Pfad führte hinab in das Thal der Effelder, zunächst nach dem Eisenhüttenwerk Augustenthal, mit einer Eisengiesserei; der andere nach Steinach. Otto schlug den ersten ein, bald sahen sie die Essen rothe Gluth ausspeien, hörten den Takt des Zainhammers und traten aus dem Walddunkel und der düstern Umgebung Augustenthals auf eine Thalwiese, längs deren das grosse Dorf Hämmern sich hinstreckt. Das Thal wurde immer weiter, ruhiger floss der Waldbach, Mengersgereuth mit einer Marmelmühle wurde erreicht, doch stand schon das Werk, es war Feierabend. Nahe bei der Mühle lagen ganze Haufen kleiner Stücke aus älterem Flötzkalk, viele mit hübschen Dendriten, die, meist von Kindern viereckig geschlagen, zu den runden Marmorkugeln verarbeitet werden, die unter dem Namen Schusser, Schüsser, Märbel u. s. w. (jede Provinz hat eine andere vulgäre Benennung dafür) ein Spielwerk deutscher Kinder sind, die aber zu ernstern Zwecken millionenweise nach Holland und über die See versandt werden. Wieder drang vom nahen Hammerwerke Schwarzwald das Tosen der Werke aus dem Thale herauf zu dem Bergpfade längs der Emisleite, deren Schieferbrüche von den heimkehrenden Arbeitern verlassen wurden. Jetzt auf äusserst belebter Fahrstrasse noch durch das Dorf Forschengereuth wandelnd, wurde mit der sinkenden Dämmerung die Meiningische Berg- und Fabrikstadt Sonneberg, mit 340 Häusern in eine Thalenge hingebaut, in welcher die Wanderer nach ihrem tüchtigen und angreifenden Marsche ersehnte Rast fanden, erreicht.

»Sonneberg«, erzählte Otto am andern Morgen beim Frühstück, »hiess früher das Städtlein zu Rotin beim Hause Sonnenberg, welches Haus der Wohnsitz eines mythischen Frankenherzogs, Namens Suno, gewesen sein soll. Das ist fast der einzige romantische Zug, den ich hier zu berichten weiss. Der Lebenspulsschlag Sonnebergs seit früher Zeit ist Handel, Handel, Handel! Der Magistrat des freien Frankfurt lud die Kaufleute Sonnebergs zu den Messen ein und gewährte ihnen grosse Vorrechte, wofür bestimmte Geschenke an Waaren gewährt wurden. Aufzählen will ich Euch die Masse der Waaren, die hier und in der Umgegend gefertigt werden, nicht; sie sind bekannt genug, Holz und Stein, Glas und Metall, Leder und Papier liefern das Material, das auf tausendfache Weise verarbeitet, vom feinsten Kunstwerk bis zum Spielzeug, das man für einen Kreuzer kauft, in alle Welt wandert. Das Meiste wird fabrikmässig gefertigt. Fünfundzwanzig bis dreissig Handelshäuser en gros senden Waaren nach Holland, England, Russland und Amerika, und man kann den Waarenabsatz eines Jahres durchschnittlich jetzt, wo freierer Verkehr herrscht, wohl auf 400,000 Gulden anschlagen. Rechnet man den Absatz der übrigen Fabriken des Meininger Oberlandes, dessen Herz Sonneberg ist, und den Ertrag der Wälder an Bau- und Brennhölzern hinzu, so erhöht sich diese Summe noch über das Doppelte.«

Die Freunde durchwandelten nun mit behaglicher Schaulust das räumlich und gut gebaute Städtchen, das fast nur aus einer einzigen Strasse besteht. Viele stattliche Häuser künden Wohlstand an, und aus freundlichen Anlagen längs der bebauten Anhöhen grüssen bunte Gartenhäuschen herab. Mit dem rothen Thonboden der Aecker wechselt anmuthiges, frisches Wiesengrün, und massige Waldberge schliessen auf drei Seiten die Aussicht, während nach Süden das Thal der Röthen sich in ein gut bebautes, waldloses Hügelland öffnet. Manches Haus wurde betreten, manche Fabrik besehen, und es war interessant, zu sehen, wie z. B. in einer grossen Malerstube Spielwaaren von Hand zu Hand gingen, davon eine das Roth, eine zweite das Blau, eine dritte das Grün an die Figuren malte. Heraustretend aus dem erstickenden Firnissdunst der wegen des schnellern Trocknens stark geheizten Stube, schöpfte Wagner tief Odem und rief: »Ich möchte hier kein Maler sein und Tag für Tag den hölzernen Soldaten blaue Monturen malen!« worauf Lenz spottend versetzte: »Du würdest zur Abwechslung wohl auch einmal grüne Monturen malen dürfen!« –

Allzuvieles Schauen ermüdet, und technische Gewerbe, die in Stuben betrieben werden, in denen ganze Generationen ein bleiches, einförmiges und kein Glück irgend einer Art darbietendes Dasein verleben, sind nicht geeignet, eine andere als eine schmerzliche Theilnahme dem einzuflössen, der gewohnt ist, in glücklicher Freiheit zu wandeln und in den Reizen der Natur unverkümmerten Genuss zu finden. Das Merkantile hat nur dann romantischen Anstrich, wenn es in grossartiger Ausdehnung, mitten in einer schönen Natur, mit übermächtiger Gewalt die Elemente sich zinsbar macht, wie, um ein Beispiel anzuführen, die Fabriken des berühmten Maschinenbauers Coquerill im Thale der Maas bei Lüttich.

Neu gestärkt verliessen die Wanderer noch am Vormittag die Kaufmannsstadt und pilgerten thalaufwärts, um dem Laufe der muntern, geschwätzigen Röthen zu folgen, deren lebendige Wellen über Mühlwerke aller Art stürzen, und kamen wieder an zwei Märmelmühlen, auch einer Puppenmassenmühle, anderer nicht zu gedenken, vorbei. Bald hob sich die Chaussee über den Thalweg, der zur Linken blieb, stieg über die Höllenkuppe und leitete nach dem Dorfe Steinach zu. Zur Rechten sahen die Wanderer hinunter in das Thal der Steinach, das belebteste, gewerblichste im ganzen Oberlande, zur Linken hinab auf den einsamen Hof Wibelsburg, in dessen Nähe der Sonneberger Tafelschiefer bricht. Steinach und Obersteinach zeigten sich schon im Thalgrunde; so weit das Auge reichte, gewahrte der Blick mannichfaltige Mühlwerke; beide Orte sind durch solche zu einem einzigen geworden.

Der Tag war heiss, die Sonne stand im Mittag; auf der Berghöhe hatte frischer Luftzug belebend die Wanderer umhaucht, in den Thälern aber lag drückende Schwüle. Prächtige Wolken hingen mit Silberrändern über dem Gebirge, über dem Frankenwalde hing ein Wetter, das aber südlich, nach Kronach zu, hinabzog. Der Steinacher Felsenkeller bot das frischeste, schmackhafteste Bier, der Anker tischte herrliche Forellen auf und Krebse; Krebse, die Cardinäle der Leckerbissen, die roth uniformirte Nobelgarde der Thiere, welche auf des Menschen Tafel getragen werden.

Von Steinach zieht die Kunststrasse, der Thalkrümmung folgend, eine Strecke dem Laufe des wasserreichen Waldflusses entlang, überspringt diesen dann, sich zur Rechten wendend, und biegt in das Thal der Lausche, aus dem die zahlreichen Häuser des Glashüttendorfes Lausche mit ihrer schwarzen Schieferbekleidung an der Wetterseite schon sichtbar werden. Diese eigenthümliche Bauart, verbunden mit oft sehr grotesken Verzierungen von Staniol, der blendend weiss von dem dunkeln Grunde des Schiefers absticht, gewährt ein etwas melancholisches Bild, zumal wenn, wie es bei den Reisenden der Fall war, eine dunkle Wolke vor die Sonne tritt und ein tiefer Schatten die Gegend wie ein Trauerflor überhüllt. »Noch seltsamer ist der Eindruck«, bemerkte Otto, »wenn man zur Winterzeit aus dem blendenden Schnee diese schwarzen Häuser von weitem liegen sieht; sie nehmen sich dann aus, wie Riesensärge auf ein weisses Bahrtuch hingestellt.«

Nicht so ernst, freundlich vielmehr erschienen den Fremden die Bewohner dieses und der benachbarten Waldorte; kräftige Formen, gesundes Aussehen zeichnete die Männer, blühende Schönheit viele Frauen und Mädchen aus. Während die Wanderer sich kurze Rast gönnten, erzählte Otto den Freunden die Geschichte des Ursprungs der bedeutenden Hüttenwerke in Lausche und dem nahen Henriettenthal und Ernstthal, welche jetzt Hunderten nützliche Beschäftigung und guten Erwerb gewähren.

»Ich kann meine Geschichte«, sprach er, »beginnen, wie ein Mährchen. Es war im Schwabenlande ein Mann, der hiess Hans Greiner und lebte am Ende des sechzehnten Jahrhunderts, in welchem aller Orten die Gräuel des Fanatismus sich in Verfolgung anders Glaubender kund thaten. Auch Hans Greiner, der Lehre Luthers zugethan, musste sein Vaterland flüchtend meiden und suchte eine neue Heimath in den thüringischen Wäldern. Da fand er einen Schicksalsgenossen, Namens Müller, der aus Böhmen gekommen war und die Kunst des Glasmachens aus jenem Lande mit herüberbrachte. Beide Männer vereinigten sich und legten auf dem Gebiete der Pappenheim, die ihr Stammhaus in Gräfenthal haben, die erste Glashütte an. Aber es währte nicht lange, so gab es Streit zwischen ihnen und dem Grundherrn, sie gingen aus seinem Territorium, was mit ein paar Schritten gethan war, und legten ihre Hütten, vom Herzog Johann Casimir zu Coburg begünstigt, da an, wo jetzt das 107 Häuser zählende Dorf Lausche steht, welches nach seinem Waldbache den Namen führt. Erst hundert und fünf und zwanzig Jahre später wurde die neue Hütte bei Henriettenthal durch einen Nachkommen jenes Greiner begründet und Ernstthal zu Ehren des damaligen Herzogs Johann Ernst zu Saalfeld genannt. Bald mehrten sich die Familien der Gründer, Glasmacher und Gesellen siedelten sich an, lange blieb der Schwabenhans im Gedächtniss der Nachkommen, sein Fleiss, seine Geschicklichkeit, seine Ausdauer erbten nicht minder, wie seine Züge, in seinen Nachkommen fort, und seit lange durchklingt der Name Greiner das ganze Oberland. Fragt, wem die übrigen Glashütten zu Alsbach, Gehlberg, Glücksthal und Bernhardsthal, die Porzellanfabriken zu Limbach, Breitenbach, Rauenstein, Schmiedefeld, Veilsdorf, Tettau, wo jährlich 400 Centner Porzellan gebrannt werden, Volkstedt bei Rudolstadt, wo Schiller eine Zeitlang wohnte, und andere ganz oder antheilweise gehören? immer wird Euch der Name eines Greiner entgegentönen, an Schwabenland erinnernd, und immer rühmlich und mit Achtung genannt. Aber auch die Familie Müller zählt wackere Nachkommen, namentlich hier, und es besteht noch nach mehr als zwei Jahrhunderten der Geschäftsverband, der die Gründer einigte. – Wir wollen nun zunächst einige Glasbläser vor der Lampe aufsuchen und erst am Abend den Schmelzofen betreten.«

Es ist höchst interessant zu sehen, aber höchst schwierig zu beschreiben, mit welcher Fertigkeit, mit welcher einfachen, aber sichern und kunstgeübten Technik die Millionen farbiger Glasperlen, glatte, geriefte, runde, längliche, goldne, silberne, stahlblaue u. s. w., die kleinen Stickperlen, welche noch vor einem Jahrzehend die schönen Augen liebender Mädchen und Frauen verderben halfen, und die in den höhern Kreisen von der leichtern Arbeit des Seidenstraminnähens auf eine Zeitlang verdrängt wurden, und die mannichfaltigen künstlichen und niedlichen Glasspielwaaren gefertigt werden. An einem einfachen Tische, unter welchem ein Blasebalg mit einem Tretzuge befestigt ist, der einem rechtwinkelig gekrümmten Löthrohr immerwährenden Luftstrom zuführt, sitzt der Arbeiter; vor dem Schmelzrohre brennt eine Dochtlampe, auf deren starke Flamme der Luftstrom geleitet wird. Manche bedienen sich aber nicht einmal dieses Gebläses, sondern des Mundes mittelst dazu besonders eingerichteter Lampen. Aus den verschiedenartigsten Glasröhren nun werden mit Hülfe höchst einfacher Werkzeuge die mannichfaltigsten Glaswaaren zu Stande gebracht, und so sahen die Fremden da Spielwaaren, anderswo Thermometer, Barometer und ähnliche nützliche Geräthe fertigen; in einem andern Hause wurden Krystallgläser geschliffen u. s. f.

Ueber dem belehrenden Besehen so mannichfacher Verschiedenheiten eines einzigen Gewerbes war der Abend herbeigekommen. Otto führte die Freunde zur Glashütte. Ein sanfter Choralgesang geübter Männerstimmen schallte ihnen entgegen, die Arbeiter sangen ein Abendlied und schickten sich an, in der Nachtkühle ihr Werk zu beginnen; ihnen, den Gluthgewohnten, war Kühle die Hitze, die den Fremden beim Eintritte kaum erträglich schien, bald aber gewöhnt man sich an die erhöhte Temperatur. Lodernde Kienfackeln beleuchteten mit grellen Lichtern das Haus und die bis zum Gürtel nackten, geschwärzten Arbeiter. Ein malerisches Nachtstück! Alles rührte sich nach beendigtem Gesang in schweigsamer Thätigkeit; aus den glühenden Häfen, in denen die flüssige Glasmasse in der Feuerhölle inmitten der Hütte stand, nahmen mit ihren langen Eisenpfeifen die Arbeiter die zähe Masse, schwenkten sie und bliesen sie auf, während andere mit allerlei Eisengeräth dem weichen Glase die nöthige äussere Form geben halfen. Auch den Besuchenden wurde freundlich angetragen, sich selbst Reiseflaschen zu blasen; sie thaten es, aber mit ungeübten Lungen, und der Glasbläser musste das Beste dabei thun. Wieder begann Gesang, wobei jedoch Niemand müssig blieb, sondern fort und fort ging unter Klirren und Klopfen, Singen und Klingen, Schwirren und Rasseln die Arbeit ihren Gang. Wagner skizzirte sich rasch das bewegliche Bild mit den grellsten Lichtern und den tiefsten Schatten, und sprach, als die Hütte verlassen wurde: »Ich wundere mich, dass unsere Maler nicht mehr Nachtstücke liefern. Glashütten, Eisenhämmer, Schmelzöfen, letztere meist neben rauschenden Waldbächen, schaumstäubenden Mühlrädern, wo das vom Feuer grell, oder vom Mond sanft beleuchtete Wasser herrliche Effecte macht, bieten den wechselvollsten Stoff, die Hüttenarbeiter und allenfalls dazu kommende Reisende, etwa auch Damen, langgliederige Ladies und kurzhalsige Dandies die bunteste Staffage und den Reiz des Contrasts. Nächstens versuche ich mich an solchem Bild und male eine Amazone, deren Pferd im Clairobscur vor der Hütte schnaubt, wie sie eine Glashütte besieht und sich eine Whiskyflasche bläst. Die Hütte muss einsam im Walde stehen, umrauscht von dunkeln deutschen Tannen, durch die, von bethauten Farrenkräutern umbuscht, ein Bergbach sich über Wacken und Granitblöcken Bahn gebrochen.«

»Male doch lieber uns Drei darauf«, ermahnte Lenz, »und ein schönes deutsches Mädchen! Dandies, Incroyables und Amazonen passen nicht in diese Gegend, besuchen sie auch schwerlich, folglich dürfte Deinem Bilde der Reiz der Wahrheit mangeln.«

»Es geschehe also«, versetzte Wagner mit leichtem Spott; »ich werde malen, was Du wünschest, und Dich, naturforschenden Beschäftigungen obliegend, dazu.«

Die Wanderer sprachen im ländlichen Gasthause der Lausche ein und fanden dort Gelegenheit, sich noch lange mit Fabrikarbeitern, Glasbläsern, Forstmännern und Holzleuten über ihre Beschäftigungen und den Wald überhaupt zu unterhalten, und ihre Kenntniss von einem so gewerbthätigen Theile Thüringens, wie das Meininger Oberland ist, erwünscht zu bereichern.

 


 

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