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Wanderungen durch Thüringen

Ludwig Bechstein: Wanderungen durch Thüringen - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorLudwig Bechstein
titleWanderungen durch Thüringen
publisherOlms Presse
year1978
isbn3487081598
firstpub1838
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070806
modified20160926
projectid063f1d97
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Schleusingen.

»Herrlich ist der Thüringerwald, wenn im Sonnenkuss eines heitern Sommermorgens die hohen Berghäupter erglühen, die Wiesen goldgrün leuchten und über den dunkeln Schlagschatten meilenlanger Tannenforste bläulicher Duftschimmer ruht; herrlich auch, wenn ein sonniger Nachmittag, ein heiterer Abend auf das Land herablächelt, die Heerden heimziehen, und die in Ruhe schaffende Natur das harmonische Walten des Weltgeistes widerspiegelt – aber ein mühseliges, unerquickliches Wandern ist im Thüringerwald, wenn unfreundliche Witterung über ihm lagert. Alle Höhen sind dann vom Wolkenflor dichten Nebels umschleiert, die Berge dampfen wie Meiler, die Thalbäche rollen und rauschen mit Ungestüm, jede Fernsicht ist verschlossen, und den Heitersten überfällt eine trübe, unerquickliche Stimmung, die ihm das Fusswandern zur Bürde, die Reise zur Last macht. Glücklich dann der, dem ein Wagen zu Gebote steht, welcher ihn rasch von dannen trägt.« – Mit solchen Betrachtungen eröffnete Otto ein Morgengespräch mit seinen Reisegefährten, nachdem er ein Fenster geöffnet, den Himmel und die Berge prüfend beschaut hatte. Der Gickelhahn glich dem wolkenüberlagerten Sinai; das Gewitter hatte sich nicht verzogen, sondern in die Berge gelegt, und grollte und murrte noch in ihnen fort.

»Was beginnen wir nun? Wohin nun?« fragte kleinlaut Lenz und Wagner.

»Hier ist nur ein lakonischer Rath«, erwiederte Otto, nach dem Klingelzug greifend: »Extrapost!« Der Kellner trat ein. »Extrapost nach Frauenwald!« – Nach einer Stunde sassen die Reisenden wohlbehalten im Wagen, grüssten im Vorüberfahren die Freunde, warfen noch einen Blick in den Manebacher Grund, auf den stattlichen Felsenkeller, und gelangten bald auf steil ansteigender Kunststrasse in die nebeldüstre Waldung. Lange ging es aufwärts; bisweilen zerriss ein Sturmstoss den Flor und verstattete einen Blick in die Thaltiefe, durch welche, angeschwellt von dem Wetterguss, der Waldbach rauschte. Es blieb Otto nur übrig, den Freunden das Haus des Gabelbachs zu zeigen und später den Gasthof zum Auerhahn, an welchem sie vorbeifuhren, denn auf der Höhe des Gebirges war undurchdringlicher Nebel vorherrschend.

In dem 2,360 Fuss hoch gelegenen Dorfe Frauenwald, einer Poststation, wurde ein Frühstück eingenommen und frische Pferde nach Schleusingen bestellt. Unterdess hellte sich's auf, der Nebel präcipitirte sich theils, theils war er emporgestiegen und schwamm in malerischen Wolkenformen über dem Gebirge; das Land lag erfrischt, kühl strich der Hauch des Windes über die hochliegende Bergebene. Bald senkte sich der Weg tief abwärts in das Thal der Nahe und führte an nur wenigen Mühlwerken vorbei, und durch einige Dörfer die Reisenden nach der alten ehemaligen Hennebergischen Grafen-Residenz Schleusingen. Hier gab es für Otto Mancherlei zu erzählen, für die Fremden Mancherlei zu sehen. Das noch wohlerhaltene stattliche Schloss, die Bertholdsburg, der Sitz der landräthlichen Behörde, der Forstinspection und der Landgerichtscommission für den Kreis Schleusingen bietet dem Landschafter ein anziehendes Erinnerungsblatt in sein Album, und so zeichnete Wagner von einem passenden Standpunkte das Schloss und die, 344 Wohnhäuser und 2,828 Einwohner zählende Stadt, welche auf einem Vorberge des Thüringer Waldes an dessen südlicher Abdachung liegt, während Otto von ihrem Ursprung im grauen Alterthum, ihrem blühenden und berühmten Gymnasium, seit der Hennebergischen Landestheilung im J. 1660 unter drei fürstlichen Tutoren, Preussen, Meiningen und Weimar gemeinschaftlich, erzählte, und dann die begleitenden Freunde in die Kirche führte, wo er ihnen die Begräbnisskapelle aufschliessen liess.

Sie sahen sich in einem kleinen Raume rings von steinernen Epitaphien umgeben, von denen einzelne ein ziemliches Alter, andere aber die Hand späterer Bildhauer verkündeten. »Diese Monumente«, nahm Otto das Wort, »sind, wenn auch nicht von hohem Kunstwerth, doch immer von Interesse für die Specialgeschichte, wie für diese Stadt. Ein Theil derselben befand sich in dem ehemaligen Hennebergischen Erbbegräbniss zu Kloster Vessra und ward erst später hier aufgestellt. Ihr seht in ihnen nur einen kleinen Theil der Denksteine jenes weitverzweigten Grafengeschlechts, das eine lange Jahresreihe hindurch in mehren blühenden Linien herrschte, glänzte und dann erlosch. Diese ersten beiden Denkmäler wurden Wilhelm dem Dritten und seiner Gemahlin errichtet; wenn er im Leben so gross war, wie dieses kräftige und trotzig ausschauende Standbild, so war er ein Riese. Der folgende Stein, ein bis an die Zähne geharnischter Ritter, der auf einem Löwen stehend, die Fahnenlanze mit dem Stammwappen hält, ist Wilhelms Sohn; seine Gemahlin steht neben ihm. Er musste sein Erbe mit dem Schwert erkämpfen, da ein herrschlustiger Oheim ihm die Hälfte streitig machte. Diesem folgt auf dem dritten Steine der sechste Wilhelm mit seiner frommen Gemahlin, in dessen langes Regentenleben die Reformation fiel. Eifrig und hartnäckig suchte der im äussersten Grade bigotte Fürst sie von seinem Lande fern zu halten, allein vergebens. Der Bauernkrieg schlug ihm durch Verheerung des Landes und Zerstörung fast aller Burgen eine tiefe Wunde – endlich starb er nach vierundsechzigjähriger Regierung – als Protestant. Sein Sohn, Georg Ernst, mit den Denksteinen zweier Gemahlinnen, war der Letzte des ganzen Stammes. Noch steht hier das Denkmal Wolfgangs des Zweiten, Bruders Georg Ernsts, der unter Karl V. bei Chierasco focht und fiel. Hier ist noch der Helm, durch den die tödtliche Kugel drang. Dieses letzte Denkmal endlich, des Hennebergers Poppo, zwischen zwei Frauen, mit dem Schriftstein am Boden, schliesst die Reihe. Poppo war früher geistlich, er wurde Protestant und heirathete zweimal auf seines Bruders Wunsch, dem sich alle Aussicht auf Nachkommenschaft verschloss; aber es lag im Willen der Geschicke, dass dieser Stamm ferner nicht mehr grünen sollte.«

»Es ist wunderbar und nicht zu verkennen«, nahm Lenz das Wort, »dass die Natur oft nur die Vollstreckerin eines höhern Willens, nennen wir ihn nun Geschick, Weltordnung oder Vorsehung, wird und werden muss. Ein besseres Bild, als das des Baumes, konnten darum die Alten nicht wählen, um das Aufblühen und Mehren der Geschlechter zu bezeichnen; davon fielen und fallen nun manche Stämme gewaltsam, andere sterben allmälig ab, noch andere grünen sparsam fort. Hie und da lichtet sich der Hochwald, doch gibt es stets noch lachende Erben genug, die wieder theilen, wo der Hinweis zur Einigung und zum werdenden Ganzen deutlich genug gegeben ist.«

»So spricht der Prophet«, fiel Wagner fast ironisch ein: »Ich will die Krone zu nichte, zu nichte, zu nichte machen, bis der komme, der sie haben soll, dem will ich sie geben.« Und Otto schloss nicht ohne ernste Beziehung am ernstesten Orte, in der Fürstengruft, mit den Worten des weisen Priesterkönigs Salomo: »Wohl dir, Land, dess König edel ist!« –

Gern hätte Otto mit seinen lieben Gefährten noch länger in Schleusingen bei nicht minder lieben Freunden dort geweilt; es hätte sich zum Besehen noch die Gymnasial-Bibliothek, ein altes Johanniterordenshaus, und eine blühende Papiermachée- und Puppenfabrik, welche vortreffliche Waaren liefert, dargeboten; wie nicht minder das Schiesshaus mit geschmackvollen Anlagen und ein Berggarten mit höchst reizender Aussicht auf die Stadt, die Burg und den Wald die Freuden der Geselligkeit gewährt haben würde. Allein weit, sehr weit waren noch der vorgesteckten Reise Bahn und Ziele, und so musste Otto selbst zur Eile treiben. Der Nachmittagshimmel war heiter, rasch ging die Fahrt (denn auf gut gebahnten, aber gleichwohl nicht sehr anziehenden, zumal vom Regen erweichten Landstrassen zu wandern, wurde nicht für vortheilhaft befunden) an dem lebhaften Flossplatze vorbei, wo die Flosse zusammengefügt werden, die oft in langer Reihe den Spiegel der Schleuse und Werra zieren, und bis Westphalen und Bremen auf der Weser Breter und Stämme, ja Masten und Raaen, vom Thüringerwaldgebirge der See und dem Handel holzarmer Länder zuführen.

Im Weiterfahren durch das anmuthige, massig breite, von Waldbergen begrenzte und mit grünen Wiesen prangende Thal der Schleuse machte Otto die Gefährten auf einen ziemlich grossen, natürlichen Wasserbehälter in der Nähe des Ortes Rappelsdorf aufmerksam, führte an, dass das Volk ihn für unergründlich halte, und erzählte, dass seit alten Zeiten die Sage geheimnissvoll diesen Weiher umflüstere. »Es wiederholt sich hier«, sprach er, »eine der durch ganz Deutschland und weiter verbreiteten Nixensagen, die sich in dem bewaldeten Theile Thüringens eben nicht häufig vorfinden, wo es aber der Fall ist, fast gleichlautend sind. Eine Nixe wohnte auch in dieser Fluth; eines Tages ward dort droben auf dem Wirthshause, die Ruderburg, vulgo Hudelsburg genannt, eine Hochzeit gehalten, der sich das Nixlein zugesellte, dort schwärmte, tanzte, an der Hand und vielleicht am Herzen eines feurigen und hübschen Burschen der Heimkehr zu rechter Stunde vergass, und dann mit Ach und Weh und der untröstlichen Verheissung schied, sie werde ihre Freude mit dem Leben büssen müssen. Der Herzgeliebte säumte nicht, am andern Morgen zum Wasser zu gehen und nach einem günstigen Zeichen zu spähen; aber, o weh! bleich und blutig war die Fluth, die Geliebte war todt, und so feurig seine heisse, schnell entflammte Liebe, dass er das nasse Element zum Grabe wählte. Seitdem nennt man den Teich die Todtenlache, unter welchem Namen er weit und breit gekannt, zum Theil gefürchtet und gemieden, oft beschrieben und selbst besungen ist.«

Diese Erzählung leitete das Gespräch wieder auf Volkssagen im Allgemeinen, auf Thüringens grossen Reichthum an solchen, und dass es wohl nicht ganz unverdienstlich, sie zu sammeln und in schlichter Einfachheit aufzubewahren. »Was wir in dieser Weise jetzt aus dem Volksmunde noch gewinnen, ehe es zu spät wird«, sprach sich Otto darüber aus, »ist vielleicht spätern Generationen nicht unwillkommen, denen die natürliche Quelle, aus der uns noch zu schöpfen vergönnt ist, versiegt sein dürfte. Aus der Sagenpoesie, wie sie sich in den Völkern verschieden ausprägte, ist auf deren Charakter zu schliessen, wie auf ihren höhern oder tiefern geistigen Culturzustand. Es scheint die Zeit zwar noch fern zu liegen, in welcher man diese Sagenpoesie als eine zu pflegende Wissenschaft wird betrachtet wissen wollen, doch sind die Elemente zu einer solchen reichlich in ihr enthalten. Das scheinbar Harmlose, Unnütze sogar, das Fabelhafte, Haltlose, an Ammenmährchen und Weibergeschwätz bisweilen Streifende muss ihr freilich Gegner erwecken in einer Zeit, wo Alles dem Reellen zustrebt, wo eine Vergangenheit nur anerkannt wird, wenn sie auf festen Säulen unumstösslicher geschichtlicher Wahrheit ruht, und ächte Männlichkeit den achtungswerthen Grundzug alles wissenschaftlichen und literarischen Strebens, als erfreulichstes Zeichen der Zeit, zu bilden beginnt. Dennoch aber, meine ich, wird diese Richtung nicht ohne Nutzen für Wissenschaft und bildende Kunst ruhig und ernst zu verfolgen und höherer Entwickelung entgegen zu führen sein, und hie und da begegnender Tadel muss nur dazu anspornen, sie mit rechtem Ernst und am rechten Flecke zu erfassen. Ihr Nutzen, wenn man von der Blüthe Nutzen, wie von einer Frucht verlangt, ist zum Theil schon in der Stofffülle bewährt und probehaltig, die sie dem Dichter, dem Maler, dem Bildner zu tausendfachen Kunstschöpfungen darbietet, wenn die früher mehr gekannten und beliebten Stoife anfangen, sich zu erschöpfen.«

»Wenn dieses Letztere auch nicht der Fall werden wird«, sprach Wagner, »da die Antike, die Geschichte und selbst die Legende, welche zwischen Mythe und Volkssage in der Mitte steht, unerschöpflichen Stoff den Künstlern für ihre Darstellungen bietet, so wirkt schon der Reiz des Neuen anziehend und anregend. Die Düsseldorfer Malerschule hat uns mit mehrern erfreulichen Stücken solcher Art beschenkt. Wäre Historienmalerei mein Fach, so würde ich Dich bald mit einem Bild überraschen, das eine Deiner heimathlichen Sagen zum Vorwurf hätte.«

»Es ist ja bereits solche künstlerische Auffassung der Volkspoesie, namentlich durch die Malerei, nichts Neues mehr«, warf Lenz ein. »Wie mancher Balladenstoff, dem Sagenmunde des Volkes entnommen, wurde durch Bilder dargestellt! Denkt doch an Erlkönig, Lenore, denkt an Früheres, an Faust, an Frühestes, die Nibelungen!«

»Du hast in Bezug auf die Ballade Recht«, gab Otto zu; »allein vom epischen Stoffe, von der Nationalepopöe rede ich nicht, wenn ich von der einfachen Sagenpoesie des Volkes spreche, sonst erweitert sich der Kreis in das Unendliche und wird unübersehlich.« –

Mitten im grünen Thalgrunde hoben sich jetzt vor den Augen der Reisenden zwei altergraue Thürme über rothen Ziegeldächern. Auf dem Berge zur Linken stand hoch über einem anmuthig auf die Höhe hingebauten Dörfchen die einsame Ruine einer Kapelle, zur Rechten schnitt eine schroffe Bergwand mit nacktem Felsgeklüft zwischen buschigem Laubwald die Aussicht ab.

»Dort liegt die einst reiche und stattliche Prämonstratenser-Abtei Vessra«, begann Otto, »jetzt eine Königl. Preussische Domaine, mit einem Gestüt von 170 Stück Pferdebestand, die grösstentheils im Sommer auf die Waldweide im Gebirge geführt werden. Wir wollen am alten Klosterthore, das noch ein steinernes Grafenwappen ziert, absteigen, und ich will Euch zu der Stelle führen, welche jetzt ein Stall ist und Winters von Stampfen und Gewieher durchschallt wird, in welcher jedoch einst die fromme Hymne, das Sanctus und Gloria und das Schellen der Messglocken erklang. Die gothischen Verzierungen der Fenster, die ragenden Thürme, das durch einen neuen Anbau halb versteckte, herrliche Portal im reinsten byzantinischen Style verkünden noch den ehemaligen prachtvollen Tempel. Ich wünschte, es wäre weniger von Kloster Vessra erhalten worden, dann stände das alte Tempelhaus mit seinen Riesenpfeilern vielleicht als einsame malerische Trümmer in diesem freundlichen Thale; so – ohne den Nutzen eines Gestüts und den Vortheil, den in räumlicher Beziehung eine zum Pferdestall umgewandelte Kirche gewährt, im Mindesten verkennen zu wollen – regt sich in mir, so oft ich hier weile, immer eine gewisse Indignation. Uebrigens wurde das Kloster, das unter seinen Mönchen einen der ältesten Hennebergischen Annalisten, als Monachus Vesserensis den Historikern bekannt, aufzuweisen hatte, im Bauernkriege angezündet und geplündert, und dort bereits im Jahre 1677 durch Herzog Moritz zu Sachsen das Gestüt errichtet.«

Die Freunde stiegen bald wieder ein und gelangten in das Werrathal und zu der Stelle, wo die Schleuse in die Werra fällt, und nach allen Seiten hin freundliche Landschaftsbilder sich dem Auge darbieten. Zunächst einige neue Ansiedelungen nahe der Brücke, wo sich die Flüsse vereinigen, die später vielleicht zu einem Dörfchen wachsen, das nicht unpassend Schleusemünde genannt werden dürfte; dann, nach dem Walde zu, der eben verlassene alte Klosterbau. Nach Westen zeigt sich das Städtchen Themar, eng von seiner Ringmauer umschlossen, und in geringer Entfernung dahinter der Engpass: das Nadelöhr, darüber die Warte eines hennebergischen Vasallensitzes, der Osterburg, welche der Bauernsturm ebenfalls brach.

Als die Reisenden mehr und mehr die Höhe des Berges gewonnen, wurde der Blick auf den Dolmar und die Geba im Westen, und im Süden auf die jetzt sich düster in der Nähe erhebenden Gleichberge frei, wie auf den Thüringer Wald. Auf dem kleinen Gleichberg konnte man deutlich die Basaltringe erkennen, die ihn wie Trümmer einer Teufelsmauer oder eines Riesenwalles umlagern, und Otto konnte die Tradition nicht unerwähnt lassen, dass dort ein Ritter einen Bund mit dem Bösen gemacht, ihm eine unüberwindliche Veste in einer Nacht und vor dem Hahnenschrei aufzuthürmen. Eine Legion Teufel rührte sich ämsig, schon stand der Bau, mit dem letzten Steine flog Herr Urian durch die Lüfte, da krähte der Hahn, vor Schreck liess der Böse den Stein auf den Feldberg bei Themar fallen und zerstörte wüthend den Bau. »Der Stein, den er fallen liess,« fuhr Otto fort, »ist eine sehenswerthe Masse theils senkrecht stehenden, theils waagerecht liegenden Säulenbasaltes, mit starken Nestern von Olivin, um so interessanter für unsere Gegend, da alle Basalthöhen umher, Gleichberge, Geba, Dolmar, Hutsberg, Disburg, Heldburg, Straufhain und andere, so weit wir sie kennen, fast gar keine Säulen, sondern blos Trümmerbasalt liefern. Uebrigens fahren wir auf Trümmern jenes Teufelssteines, und dort müht sich eben ein Chausseesteinklopfer im Schweisse seines Angesichts, ein sechsseitiges Säulenfragment zu zerkleinen.«

»Wahrhaftig!« rief Lenz und sprang aus dem Wagen, sich das Gestein näher zu besehen und einige hübsche Stücke mitzunehmen, die mit anderm Gesammelten von Zeit zu Zeit eingepackt und in die Heimath gesandt wurden.

Auf einem freundlich wechselnden Wege, der jedoch keine besondere Merkwürdigkeiten darbot, gelangten die Reisenden nach Hildburghausen, verweilten aber in dieser schöngebauten ehemaligen Herzogsresidenz von 362 Häusern und 3,500 Einwohnern nur kurze Zeit, um noch vor Abend den Ort zu erreichen, der Otto bewogen hatte, von Ilmenau aus die Tour über Schleusingen zu machen. Doch unterliess dieser nicht, einen kundigen Freund, der sich vom Anbeginn des Hessberger Fundes für diesen lebhaft interessirt hatte, zu ersuchen, mitzufahren, und dessen Vorliebe für die höchst interessante Naturmerkwürdigkeit liess keine Fehlbitte zu.

Zuvor aber führte Jener die Besuchenden zum Hause des Maurermeisters Winzer, wo sie mit Erstaunen wieder solche mächtige Steinplatten sahen, auf denen sich deutlich eine Menge Reliefs tatzenähnlicher Gebilde und pflanzenähnlicher Gewinde zeigten.

 


 

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