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Wanderungen durch die Prairien und Wüsten des westlichen Nordamerika

Balduin Möllhausen: Wanderungen durch die Prairien und Wüsten des westlichen Nordamerika - Kapitel 1
Quellenangabe
typereport
authorBalduin Möllhausen
titleWanderungen durch die Prairien und Wüsten des westlichen Nordamerika
publisherHermann Mendelssohn
printrunZweite Auflage
year1860
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
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Vorwort von Alexander von Humboldt

Die Verhältnisse gegenseitigen Wohlwollens und eine gewisse Gleichheit der Bestrebungen in dem Laufe ernster und wichtiger Unternehmungen haben, wie ich schon mehrmals geäußert, allein mich bewegen können, die innere Scheu und die Abneigung zu überwinden, welche ich, vielleicht mit Unrecht, von jeher vor den einleitenden Vorreden von fremder Hand hege. In der so langen Dauer eines bewegten Lebens habe ich diese Vorreden nur überaus selten, zweimal für deutsche und zweimal für französische, vielgelesene Werke geschrieben. Es waren diese Werke der Zeitfolge nach: unseres großen Geologen, Leopold's von Buch, Reise nach dem Nordcap in der französischen Uebersetzung; der englische Reisebericht von Sir Robert Schomburgk's gefahrvollem fünfjährigen Unternehmen, um die Küste der Guyana bei Essequibo astronomisch mit dem östlichsten Punkte des Ober-Orinoco bei der Mission Esmeralda zu verbinden, an den ich von Westen her gelangt war; die Original-Ausgabe der sämmtlichen Werke meines unvergeßlichen Freundes François Arago; endlich die ostindische und tibetanische Reise des so früh dahingeschiedenen, liebenswürdigen Prinzen Waldemar von Preußen.

Die Schrift, welche ich jetzt unaufgefordert, aus Achtung für die rastlose und ausdauernde Thätigkeit des Verfassers in einer großen Expedition, für die bescheidene Einfachheit seines kräftigen, überaus ehrenwerthen Charakters und für ein ausgezeichnetes, durch den Anblick der freien Natur fast allein ausgebildetes Kunsttalent, mit einem empfehlenden Vorwort begleite, macht keine Ansprüche auf physikalische Wissenschaftlichkeit, ob sie gleich über die äußere Bodengestalt und die geographischen Verhältnisse so wenig durchforschter Gegenden viel Interessantes, Selbstbeobachtetes oder bisweilen den mitreisenden Fachgelehrten Entlehntes, darbietet. Herr Möllhausen, früher angestellt als Topograph und Zeichner bei der Sendung, welche unter dem Befehle des muthigen und einsichtsvollen Lieutenant Whipple zur Bestimmung der südlichen Eisenbahn-Richtung nach den Küsten des Stillen Oceans von der Regierung der Vereinigten Staaten veranstaltet wurde, veröffentlicht ein Tagebuch, in dem er, gleichsam als Commentar zu seinen landschaftlichen Aufnahmen und historischen Skizzen, empfangene lebensfrische Natureindrücke wiedergiebt. Ueberall, wo die Darstellung des Reisenden das Resultat einer sicheren und gewissenhaften Anschauung der Gegenwart ist, gewährt sie eben dadurch schon und besonders in dem, was die Zustände der Eingeborenen auf den verschiedenen Stufen ihrer Uncultur betrifft, ein wichtiges, rein menschliches Interesse.

Die Nähe nordamerikanischer und europäischer Ansiedler gereicht den unabhängigen Stämmen, wie eine traurige Erfahrung fast in allen Zonen lehrt, zum Verderben. Allmälig auf engere Räume zusammengedrängt und, wo der nahe Contact Beute verheißt, an Verwilderung zunehmend, reiben sie sich meistentheils in ungleichen Kämpfen auf. Wenn im frühesten Anfange des Inca-Reiches von Peru, in den Cordilleren von Quito, auf der Hochebene von Neu-Granada (dem alten Cundinamarca) und in dem mexikanischen Anahuac, südlich von dem 28sten Parallelkreise, die alte indianische Bevölkerung sich erhalten, ja sogar an einigen Punkten ansehnlich vermehrt hat, so ist die Ursache davon größtentheils darin zu suchen, daß viele Jahrhunderte lang vor der spanischen Conquista die Bevölkerung dort aus friedlichen ackerbauenden Stämmen bestand. Alles, was sich in Herrn Möllhausen's Reisebericht auf Ethnographie und auf die physischen und sittlichen Verhältnisse der, selten kupferfarbigen, häufiger mehr braunrothen, Ureinwohner zwischen dem Missouri und den Rocky Mountains, zwischen dem Rio Colorado und dem Littoral der Südsee bezieht, ist auf zwiefache Weise anziehend. Es berührt entweder allgemeine Betrachtungen über die bald fortschreitende, bald in ihrem Fortschritt gehemmte Cultur; oder besondere, locale, mit historischen Erinnerungen zusammenhängende Verhältnisse. Bei Verallgemeinerung der Ansicht reizen die mannichfaltigen Stufen unentwickelter Intelligenz in dem Urzustände der Horden, welche man so unbestimmt und oft so unpassend Wilde ( Indios bravos) nennt, die Einbildungskraft dazu an, aus der eng begrenzten Räumlichkeit der Gegenwart zu einer geheimnißvollen Vergangenheit, zu der Zeit aufzusteigen, wo ein großer Theil des Menschengeschlechts, der jetzt sich einer hohen Blüthe der Cultur, in Wissenschaft und bildender Kunst, erfreut, in eben solcher Rohheit der Sitte lebte. Wie oft habe ich selbst die lebendigste Anregung zu diesen Betrachtungen erfahren auf einer Flußschifffahrt von mehr als 380 deutschen Meilen in den Wildnissen des Orinoco, südlich von den Cataracten von Atures, auf dem Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro! Aber auch in den Zuständen der Ungesittung erkennt man hier und da mit Erstaunen einzelne Spuren des Erwachens selbsttätiger Geisteskraft; man erkennt sie in dem gleichzeitigen, den Verkehr zwischen nahen Stämmen erleichternden Besitze mehrerer Sprachen; »in Ahnungen von einer überirdischen, furcht- oder freudebringenden Zukunft; in traditionellen Sagen, die kühn bis zur Entstehung des Menschen und seines Wohnsitzes aufsteigen.«

Die Horden, welche zwischen Neu-Mexiko und dem Rio Gila leben, ziehen aus örtlichen Ursachen noch darum die Aufmerksamkeit auf sich, weil sie auf der Straße der großen Völkerzüge zerstreut sind, die, von Norden gegen Süden gerichtet, vom sechsten bis zum zwölften Jahrhundert unter den Namen der Tolteken, der Chichimeken, der Nahuatlaken und der Azteken das südliche tropische Mexiko durchwandert und theilweise bevölkert haben. Bauwerke und Reste des Kunstfleißes dieser, zu einer Art höherer Cultur gelangten, Nationen sind übrig geblieben. Man bezeichnet noch, durch alte Traditionen und historische Malereien geleitet, die verschiedenen Stationen, d. h. das Verweilen der Azteken am Rio Gila und an mehreren süd-süd-östlichen Punkten. Es sind dieselben in meinem mexikanischen Atlas angegeben, und die 1846 vom Ingenieur-Lieutenant W. Abert und später von Möllhausen gesehene, vielstöckige Bauart großer Familienhäuser (Casas grandes), zu denen man durch, nächtlich eingezogene, Leitern aufstieg, bietet noch jetzt Analogien der Construction bei einzelnen Stämmen.

Da die übrig gebliebenen, zum Theil gigantesken Sculpturen, wie die Unzahl religiöser und historischer Malereien der pyramidenbauenden, der Jahrescyclen kundigen Tolteken und Azteken sehr übereinstimmend menschliche Gestalten darstellen, deren physiognomischer Charakter besonders in Hinsicht der Stirn und der außerordentlich großen, weit hervortretenden Habichtsnasen von der Bildung der jetzt Mexiko, Guatemala und Nicaragua in der Zahl vieler Millionen bewohnenden, ackerbautreibenden Eingeborenen abweicht: so ist von großer ethnographischer Wichtigkeit die Lösung des, schon von dem geistreichen Catlin behandelten, Problems, ob und wo unter den nördlichen Stämmen sich Gestalten und Gesichtsbildungen finden lassen, die nicht blos als Individuen, sondern racenweise mit den älteren monumentalen übereinstimmen. Sollten nicht bei der amerikanischen nord-südlichen Völkerwanderung, wie bei der asiatischen ost-westlichen, zu welcher der Anfall der Hiungnu auf die blonden Jueti und Usün den frühesten Anstoß gab, nördlich vom Gila, wie dort im Caucasus (auf dem pontischen Isthmus), einzelne Stämme zurückgeblieben sein? Alles, was in dem Neuen Continent mit den gewagten Vermuthungen über die Quelle eines gewissen Grades erlangter Civilisation, was mit den Ursitzen der wandernden Völker (Huehuetlapallan, Aztlan und Quivira) zusammenhängt, fällt bisher wie in den Abgrund der historischen Mythen, Unglaube an eine befriedigende Lösung des Problems bei dem bisherigen noch so bedauernswürdigen Mangel von Materialien, darf aber nicht dem fortgesetzten Bestreben nach muthiger Forschung Schranken setzen. Die Frage nach solchen Ueberbleibseln der wandernden Völker im Norden findet in Catlin's auf dem Berliner Museum aufbewahrten Oelbildern wie in Möllhausen's Zeichnungen mannichfaltige Befriedigung. Auch hat sie eine werthvolle Arbeit auf dem Felde der Sprachen veranlaßt, welche die Spuren des Azteken-Idioms (nahuatl) auf der Westseite des nördlichen Amerika verfolgt. Professor Buschmann, mein talentvoller, vieljähriger Freund, hat in einem von ihm unternommenen Werke einige vor einem halben Jahrhundert von mir geäußerte Überzeugungen bekräftigt und in Arbeiten, die er gemeinschaftlich einst mit meinem Bruder, Wilhelm von Humboldt, unternommen, seine tiefen Kenntnisse der alten Azteken-Sprache historisch nutzbar gemacht.

Neben dem ethnologischen und historischen Interesse, das sich an den so wenig bekannten Erdraum knüpft, dessen genauere Beschreibung der Gegenstand der nachfolgenden Blätter ist, tritt in gleichem Maße anregend hervor das politische Interesse des allgemeinen Weltverkehrs, wie der Culturverhältnisse des Bodens, welche durch jenen Verkehr mittelbar begünstigt werden. Die reichen atlantischen Staaten, die am Ohio und Mississippi, fühlen sich durch den Lauf der Begebenheiten gedrängt, die geeignetsten Wege nach den neu errungenen und in den mächtigen nordamerikanischen Staatenbund aufgenommenen Küstenländern des Stillen Meeres zu finden. Diese Küstenländer sind reicher, als das Europa gegenüberliegende östliche Litteral, mit sicheren und schönen Häfen, mit Schiffsbauholz und dem gesuchtesten aller Mineralproducte versehen. Die neue Heimath, lange von Mönchen, streng aber friedlich, regiert, und dem einträglichen Fischotter-Fange geöffnet, ist durch ihre natürlichen Verhältnisse und in den Händen einer rastlos thätigen, unternehmenden, intelligenten Bevölkerung berufen, eine wichtige Rolle in dem chinesischen, japanischen und langsam aufkeimenden ost-sibirischen Handel zu spielen.

Wenn zu der Zeit der zweiten Entdeckung von Amerika durch Christoph Columbus Ackerbau, bürgerliche und staatliche Einrichtungen, weite Verbreitung derselben Form des religiösen Cultus: wenn Verkehr, durch Kunststraßen über hohe Gebirge befördert: monumentale Sculpturen, wie große Bauwerke (Tempel, Treppen-Pyramiden, Wohnungen der Fürsten und Befestigungsmittel) sich vom mexikanischen Anahuac bis Chili allein Asien gegenüber, im westlichen Theile des Neuen Continents, fanden: so war der vielfach größere, verhältnißmäßig flachere, von Flußnetzen durchzogene, östliche Theil ein Sitz der Wildheit, von Volksstämmen bewohnt, welche, vereinzelt, selten in Conföderationen zu kriegerischen gemeinsamen Unternehmungen verbunden, sich fast allein vom Jagdleben und Fischfänge ernährten. Dieser sonderbare alte, nach den Weltgegenden zu bezeichnende Contrast der Cultur und Uncultur begann aufgehoben zu werden, seitdem in zwei, durch ein halbes Jahrtausend getrennten Epochen, von dem nördlichsten und südlichsten Theile Europa's aus, das große oceanische Thal überschritten wurde, welches zwei Continente scheidet. Die erste, scandinavisch-isländische Ansiedelung, veranlaßt von Leif, dem Sohne Erik's des Rothen, war schwach, von vorübergehender Art und sittlich fruchtlos gewesen, ohne alle Einwirkung auf den Zustand der Eingeborenen, obgleich die amerikanischen Küsten in der kalten und gemäßigten Zone vom dreiundsiebzigsten Grade (von der kleinen Gruppe der westgrönländischen Weiber-Inseln) bis zu 41 ½ º der Breite von kühnen christlichen Seefahrern besucht wurden.

Erst zu der Zeit der zweiten Entdeckung von Amerika, durch Christoph Columbus, der Entdeckung innerhalb der tropischen Zone, hat sich recht eigentlich eine Erdhälfte der anderen zu offenbaren angefangen. Des Astronomen und Arztes Toscanelli alte Verheißung: buzcar el levante por el poniente, den goldreichen Orient durch eine Schifffahrt nach Westen aufzufinden, wurde erfüllt. Steigt man in der Erinnerung zu den Weltaltern hinauf, in welchen den Culturvölkern, die das Becken des Mittelmeeres umwohnten, durch die Gründung von Tartessus und die wichtige Irrfahrt des Coläus von Samos die gadeirische Pforte, die mittelländische Meerenge, geöffnet wurde: so erkennt man in derselben ostwestlichen Richtung ein unausgesetztes Streben atlantischer Seefahrer nach der jenseitigen Ferne. Die weltgeschichtlichen Begebenheiten, in denen sich ein großer Theil der Menschheit von einer gewissen Gleichmäßigkeit der Tendenz belebt zeigt, bereiten Großes langsam und allmälig, aber um so sicherer, vor; sie entwickeln sich aus einander nach ewigen Gesetzen; ganz wie die, welche walten in der organischen Natur.

Obgleich die Südsee erst sieben Jahre nach dem Tode des Christoph Columbus von dem Gipfel der Sierra de Quarequa auf dem Isthmus von Panama durch Vasco Nuñez de Balboa gesehen, und wenige Tage darauf in einem Canot von Alonzo Martin de Don Benito beschifft wurde, so hatte doch schon Columbus im Jahre 1502, also eilf Jahre vor Balboa, auf der vierten Reise, in welcher er am meisten die Thatkraft seines Geistes erwiesen, im Puerto de Retrete an der Ostküste Veragua's eine genaue Kenntniß von der Existenz der Südsee erhalten. Er bezeichnet in der Carta rarissima vom 7. Julius 1503, in dem Briefe, in welchem er so poetisch seinen großartigen Wundertraum beschreibt, auf das Deutlichste die zwei einander gegenüberliegenden Meere oder, wie der Sohn in der Lebensbeschreibung des Vaters sagt, die gesuchte Verengung (estrecho) des Festlandes.« Dieser ihm durch die Eingeborenen offenbarte Ocean sollte nach seiner Meinung ihn führen nach dem Gold-Chersones des Ptolemäus, nach dem ost-asiatischen Gewürzlande; dahin, wo einst in großer Zahl, durch Chronometer geleitet, nordamerikanische, in San Francisco gebaute Schiffe segeln werden. In einer Zeit, wo Entwürfe zu riesenhaftem Bau sowohl von Eisenbahnen (die geradlinige Entfernung der atlantischen Küste zu der Küste von San Francisco in Californien ist ohngefähr 550 deutsche Meilen), als von oceanischen Canälen: durch den Naipi und Cupica, durch den Atrato und Rio Truando, durch den Huasacualco und den Chimalapa, durch den Rio de San Juan und den See Nicaragua, auf das Lebhafteste den Menschengeist beschäftigen, gedenkt man gern an den ersten kleinen Anfang der Kenntniß vom Stillen Meere, an das, was Columbus auf seinem Todtenbette davon wissen konnte. Der große, schon von seinen Zeitgenossen, wie ich an einem anderen Orte erwiesen, halb vergessene Mann, starb in Valladolid den 20. Mai 1506 in dem festen Glauben, welchen auch noch Amerigo Vespucci bis zu seinem Tode in Sevilla (am 22. Februar 1522) theilte, nur Küsten des Continents von Asien und keines neuen Welttheils entdeckt zu haben. Columbus hielt das Meer, welches den westlichen Theil von Veragua bespült, für dem Gold-Chersones so nahe, daß er das Lagenverhältniß der Provinz Ciguare in West-Veragua zum Puerto Retrete (Puerto Escrivanos) verglich mit dem von »Venedig zu Pisa, oder von Tortosa an der Mündung des Ebro zu Fuenterabia an der Bidassoa in Biscaya;« auch rechnete er von Ciguare bis zum Ganges (Gangues) nur 9 Tagereisen. Sehr beachtungswerth scheint mir dazu noch der Umstand, daß heutiges Tages der Goldreichthum (las minas de la Aurea), welchen die Carta rarissima des Columbus in den östlichen Theil Asiens setzt, in Californien, an der Westküste des Neuen Continents, zu finden ist.

Eine übersichtliche Schilderung dieser Contraste zwischen der Jetzt- und Vorzeit, wie des großen Gewinnes, welchen verständige Durchforschungen der Terra incognita des fernen Westens in dem Gebiete der Vereinigten Staaten der allgemeinen Länderkenntniß noch für viele Jahrzehente werden darbieten können, ist der Hauptzweck dieses Vorwortes gewesen. Es bleibt mir am Schlusse desselben noch die angenehme Pflicht zu erfüllen übrig, den Leser daran zu erinnern, daß der Verfasser des nachfolgenden Reiseberichtes vom Mississippi und Arkansas zu den Ufern des Stillen Meeres den Vortheil gehabt hat, durch eine frühere Reise nach dem Nebraska-Flusse an das Leben unter Indianer-Stämmen lange gewöhnt zu sein. Nachdem er, der Sohn eines preußischen Artillerie-Officiers, den Militairdienst im Vaterlande mit belobenden Zeugnissen seiner Oberen verlassen, ging er, kaum 24 Jahre alt, nach dem westlichen Theile der Vereinigten Staaten: unabhängig, allein; unwiderstehlich getrieben (wie es bei strebsamen und kräftigen Gemüthern vorzugsweise der Fall ist) von einem unbestimmten Hang nach der Ferne, nach dem Anblick einer wilden, freien Natur. Nahe bei den Ufern des Mississippi erhielt er Kunde von dem schönen, vielversprechenden naturhistorischen Unternehmen, das Sr. K. H. der Herzog Paul Wilhelm von Württemberg nach dem Felsengebirge (den Rocky Mountains) eben vorbereitete. Der junge Mann bat um die Erlaubniß, sich diesem Unternehmen anschließen zu dürfen, und erhielt sie auf eine edle, wohlwollende Weise. Die Expedition gelangte ohne Unfall bis in die Gegend des Forts Laramie am Platte-Fluß, als große Unwegsamkeit des Bodens, ein furchtbarer, allgemeines Augenübel erregender Schneefall, wiederholte Raubanfälle der Eingeborenen und das Absterben der so notwendigen Pferde den Herzog für jetzt zum Aufgeben des Unternehmens nöthigten. Von diesem getrennt, aber sich anschließend vorbeiziehenden Ottoe-Indianern, die ihn mit einem Pferde versahen, wandte sich Herr Möllhausen nun nördlicher nach Bellevue, dermalen dem Sitze einer Agentur und Niederlage des Pelzhandels. Nach einem dreimonatlichen Aufenthalte und thätigen Jagdleben bei den Omahas schiffte er den Mississippi herab und hatte die Freude, wieder mit dem Herzog Paul Wilhelm von Württemberg zusammenzutreffen und in mehrfachen Excursionen an der Vermehrung der wichtigen zoologischen Sammlungen dieses Fürsten mit zu arbeiten. Im Jahre 1852 schiffte er sich in New-Orleans nach Europa ein, von dem verdienstvollen preußischen Consul, Herrn Angelrodt, in St. Louis an der Mündung des Missouri, beauftragt, während der Reise für die glückliche Ueberkunft einer Zahl interessanter, dem Berliner zoologischen Garten bestimmter Thiere einige Sorge zu tragen.

Der muthigste Entschluß, mit vermehrten Kenntnissen und vermehrter künstlerischer Ausbildung, wenn gleich mit sehr beschränkten Mitteln, eine zweite Excursion nach dem Westen der nordamerikanischen Freistaaten zu wagen, stand bei Herrn Möllhausen fest. Meinem innigen und vieljährigen Freunde, dem Geh. Medicinalrath und Professor Lichtenstein, verdanke ich die Bekanntschaft des jungen Reisenden. Wie sollte ich, vielleicht der älteste unter den Reisenden dieses Jahrhunderts, der ich mich in frühester Jugend von ähnlicher, unbestimmter Wanderungslust gedrängt fühlte, nicht Interesse für den mir so warm Empfohlenen gewonnen haben? Die Huld des hochherzigen, jedem aufkeimenden Talente gern hülfreichen Monarchen gestattete es, daß Balduin Möllhausen seine sehr ausgezeichneten, physiognomisch wahren Reiseskizzen aus dem Leben der Indianer Ihm persönlich vorlegen durfte. Bei dem wachsenden Wohlwollen, dessen meine Arbeiten und Bestrebungen sich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu erfreuen haben, bei den edlen Aufopferungen, welche so viele der einzelnen Regierungen dort zur Beförderung des freien geistigen Fortschrittes, besonders in allen Theilen des astronomischen, geographischen und naturhistorischen Wissens machen, durfte ich hoffen, daß Empfehlungen von mir, vereint mit denen eines anderen mir theuren Freundes, des preußischen Gesandten, Herrn von Gerolt, dem Zurückkehrenden bei den obersten Behörden und bei der edeln Smithsonian Institution von ersprießlichem Nutzen sein würden. Unsere Hoffnungen sind bald erfüllt worden. Herr Möllhausen hat selbst im Eingange zu dem Reiseberichte seine Anstellung als Topograph und Zeichner bei der, auch wissenschaftlich wohl ausgerüsteten, Expedition des Lieutenant Whipple erzählt.

Trotz der Mühseligkeiten, die von einem, blos auf dem Landwege eilf Monate dauernden, ernsten Unternehmen unzertrennlich sind, hat der Reisende doch während desselben mehrmals Abhandlungen an die geographische Gesellschaft zu Berlin gesandt, unter denen zwei von allgemeinem Interesse waren. Die eine Abhandlung betraf die Sitten und die Verschiedenheit des Körperbaues der am Großen Colorado und im nahen Gebirge lebenden, wenig bekannten Indianerstämme: der Mohawes, Cutchanas und Cosninos; die andere den sogenannten versteinerten Urwald zwischen der »alten Stadt« (Pueblo de Zuñi) und dem Kleinen Colorado. Dieses merkwürdige Phänomen, in welchem Coniferen mit einigen baumartigen Farren vereinigt sind, ist auch von dem Geologen der Expedition, Herrn Jules Marcou, jetzt Professor an der föderalen polytechnischen Schule zu Zürich, in seiner so überaus lehrreichen »allgemeinen Orographie von Canada und den Vereinigten nordamerikanischen Staaten« beschrieben worden. Der nachfolgende Reisebericht hat durch wissenschaftliche Auszüge aus den gelehrten, bereits gedruckten Arbeiten des Herrn Marcou bereichert werden können. Der Zweck der großen Expedition unter den Befehlen des Lieutenant Whipple ward glücklich erreicht am 23. März 1854 durch die Ankunft an der Küste der Südsee bei dem Hafen San Pedro, nördlich von dem californischen Missionsdorfe San Diego. Die schnelle Rückreise ging von San Francisco über den Isthmus von Panama nach New-York, so daß Herr Möllhausen nach einer Abwesenheit von einem Jahre und fünf Monaten mit seinen Sammlungen aus dem Far West und einer großen Zahl interessanter, im Angesicht der Naturscenen sinnig aufgefaßter, malerischer Entwürfe, in Berlin ankam. Diese Studien hatten sich wieder des aufmunterndsten Beifalles und der huldreichen Anerkennung des Königs zu erfreuen. Sr. Majestät hatten die Gnade, zu beschließen, den jungen Reisenden in Ihre Dienste zu nehmen und als Custos der Bibliotheken in den Schlössern von Potsdam und der Umgebung anzustellen. Seine lebensfrischen Schilderungen der wilden Natur in der Mannichfaltigkeit ihrer Gestaltungen, des Zustandes der Uncultur eingeborener Stämme und der Sitten der Thierarten, erinnern daran, wie in empfänglichen Gemüthern tiefe Gefühle die Sprache veredeln. Was Balduin Möllhausen in einem so vielbewegten Leben, unter mannichfaltigen Entbehrungen, doch Ersatz gewährenden Naturfreuden erfahren, ist für seine geistige Ausbildung nicht verloren gegangen; denn, wie Schiller in so schöner Einfachheit sagt, »der Mensch wächst mit seinen Zwecken.«

Berlin, im Monat März 1857.

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