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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Quilitz oder Neu-Hardenberg

Nun, König Edward, flieh,
Hier halt ich fest die Feinde dein,
Hier glückt es oder nie.
G. Hesekiel
Selig, wem Tatkraft und behaglichen Sinn leiht Gegenwart,
Wer neu sich fühlt, Neues zu bilden bedacht ist.
Platen

Die Geschichte von Quilitz bis zum Jahre 1763 hin ist arm und dunkel. Der Besitz wechselte vielfach, so daß wir einer Menge von Namen begegnen, ohne weiter etwas zu haben als ebendiese Namen. Zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, also zur Zeit, als die Hohenzollern ins Land kamen, finden wir in Quilitz die Höndorps, Beerfeldes und Schapelows; gegen Ausgang desselben Jahrhunderts haben sich die Besitzverhältnisse geändert, und wir hören von den Eyckendorps, Pfuels und Barfus. Lauter Familien, die, mit Ausnahme der beiden letztern, in Barnim und Lebus nicht länger existieren. Um 1685 kam Quilitz, und auch wohl das benachbarte Kloster Friedland, in Besitz der markgräflich Schwedter Linie des Hauses Brandenburg und verblieb bei dieser Linie bis zum Tode des Markgrafen Karl, 1763.

Alles dies bedeutet wenig, und die üblichen Details über Besitzverhältnisse, Hufenzahl, Hebungen, Verpfändungen etc., die wir den spärlich vorhandenen Urkunden entnehmen könnten, würden das Bild wohl erweitern, aber nicht lebendiger machen. Auch das, was wir sonst wohl heranzuziehen gewohnt sind: die Grabsteine in der Kirche, die Sagen und Traditionen im Dorfe selbst – alles versagt gleicherweise den Dienst. Die Kirche hat aufgeräumt mit den alten Hinterlassenschaften, selbst der Name Quilitz ging verloren, und nur die Kleidung seiner Bewohnerinnen ist noch wie eine Art Tradition aus der Wendenzeit her geblieben. Frauen und Mädchen des Dorfes tragen noch den roten, vielgefalteten Friesrock, das geblümte Mieder, den breiten Überfallkragen, das ganze malerische Kostüm, das ich an anderer Stelle bereits (siehe Seite 39 ff.) ausführlicher beschrieben habe.

Einigermaßen Leben und Farbe gewinnt die Geschichte von Quilitz erst mit dem Jahre 1763, und wir wenden uns deshalb, mit Übergehung alles dessen, was vorher liegt, dieser Epoche zu.

Quilitz von 1763 bis 1814

Nach dem Tode des Markgrafen Karl fielen die am Rande des Oderbruchs gelegenen Güter desselben, Friedland und Quilitz, an die Krone zurück. Aber nicht auf lange; Friedrich II. verschenkte sie im selbigen Jahre noch, und zwar gab er Friedland an den damaligen Major von Lestwitz, »den Sieger von Torgau«, Quilitz an den Oberstlieutenant von Prittwitz, der in der Schlacht bei Kunersdorf, als Rittmeister bei den Zietenschen Husaren, den König vor drohender Gefangenschaft gerettet hatte. Gegen beide Offiziere unterhielt der König seit den genannten beiden Tagen ein verwandtes Gefühl besonderer Dankbarkeit. »Lestwitz hat den Staat, Prittwitz hat den König gerettet«, so hieß es damals sprichwörtlich. »Lestwitz a sauvé l'état, Prittwitz a sauvé le roi.«

Die Rettung des Königs durch Prittwitz wird verschieden erzählt. Die gewöhnliche Darstellung des Hergangs ist die folgende:

»Als gegen Abend die preußischen Truppen nach übermenschlicher Anstrengung und Tapferkeit endlich zurückgeworfen waren und fast aufgelöst das Schlachtfeld verließen, war der große König in Verzweiflung, und man hörte ihn die Worte rufen: ›Kann mich denn heute keine verwünschte Kugel treffen!‹ Zwei Pferde waren ihm unter dem Leibe erschossen worden, und eine dritte Kugel hatte ihm ein goldenes Etui in seiner Westentasche zerdrückt. Etui und Kugel existieren noch und werden, unter andern Erinnerungsstücken der Art, auf dem Stadtschloß zu Potsdam gezeigt. Das Etui (Gold und Emaille) hat die Form einer Schachtel und steckt in einem mit Sammet gefütterten Gehäuse. Die Kugel ist ganz platt gedrückt. Nach dem schnellen Rückzuge des Heeres streifte noch Joachim Bernhard von Prittwitz mit einem Trupp von etwa fünfzig seiner Zietenschen Husaren auf dem Schlachtfelde umher. Als auch er endlich sich vor den andrängenden Kosakenschwärmen zurückziehen wollte, rief ihm der Unteroffizier Velten, der, später geadelt, als Major in der Rheincampagne fiel, zu: ›Herr Rittmeister, da steht der König!‹ Sich umwendend, erblickte Prittwitz den König, der fast allein und nur in Begleitung eines Pagen, welcher sein Pferd hielt, auf einem Sandhügel des sogenannten Mühlberges stand. Er hatte seinen Degen vor sich in die Erde gestoßen und blickte mit verschränkten Armen dem herannahenden Verderben entgegen. Eilig sprengte Joachim Bernhard auf ihn zu, doch nur mit Mühe vermocht er ihn zu überreden, sich aufs Pferd zu werfen und auf seine Rettung bedacht zu sein. Endlich folgte der König seinen Bitten, indem er rief: ›Nun, Herr, wenn Ihr meint, vorwärts.‹ Aber schon waren die Kosaken ganz nahe gekommen. Joachim Bernhard wandte sich um und schoß den feindlichen Offizier vom Pferde. Dies machte die Verfolger einen Augenblick stutzen, der König gewann mit seiner kleinen Schar einen Vorsprung, und jene vermochten ihn nicht wieder einzuholen. Mehrmals rief er dabei aus: ›Prittwitz, ich bin verloren!‹ Auf diese Weise rettete sich Friedrich vom Mühlberg herab ins Tal, über die sogenannte große Mühle, hinter deren Défilén er vorläufig sicher war. Hier ritt er auf die erste Anhöhe und sah auf die zerschossenen Bataillone, die vorüberzogen. Mit Tränen in den Augen rief er ihnen zu: ›Kinder, verläßt mich heute nicht, euren König, euren Vater.‹ Und dann ritt er weiter und kam spätabends nach dem Dorfe Ötscher. Auf dem Rücken Joachim Bernhards schrieb er hier mit Bleistift an den Minister Finckenstein in Berlin die berühmt gewordenen Worte: ›Alles ist verloren, retten Sie die königliche Familie, Adieu für immer.‹ Während in Ötscher der unglückliche König, nur von wenigen Getreuen umgeben, sich aufs Stroh warf, sammelte Joachim Bernhard die aufgelösten Trümmer der Armee, etwa 3000 bis 4000 Mann, so daß ihm nicht nur der Ruhm gebührt, den König, sondern auch den Rest der Armee gerettet zu haben. Denn wurden diese Truppenreste nicht in der Nacht noch nach Ötscher, wo die Schiffbrücken waren, dirigiert, so waren sie auf dem rechten Oderufer verloren. Als er dem Könige melden wollte, daß sich einige Bataillone gesammelt hätten, verhinderten ihn die Adjutanten daran, die bei der verzweifelten Stimmung des Königs fürchteten, derselbe werde, sobald er erführe, er habe noch Truppen in Händen, den unglücklichen Kampf von neuem beginnen.«

So erzählen die meisten zeitgenössischen Schriftsteller. Etwas abweichend davon berichtet Frau von Blumenthal in ihrer trefflichen Lebensbeschreibung Zietens über denselben Hergang, und in Erwägung des Umstandes, daß Prittwitz selbst eine Vorrede zu dieser Lebensbeschreibung schrieb, also das Buch oder doch wenigstens diese ihn selbst so nah angehende Stelle gelesen haben muß, können wir nicht umhin, dieser andern Darstellung eine vorzugsweise Bedeutung beizulegen. In dieser heißt es:

»Am Abend der unglücklichen Schlacht stand das Détachement von Zieten-Husaren zur Rechten des Königs, als der Monarch für seine Person noch nicht die Hoffnung zum Siege aufgeben wollte, obgleich schon aller Anschein dazu verloren war. Der König warf sich mit etwas Infanterie in das stärkste Feuer. Ihm wurde das Pferd, das er ritt, erschossen; sein Adjutant, der Oberst von Goetz, gab ihm zwar das seinige, allein eben jetzt drängte auch die österreichische Reiterei des General Laudon mächtig auf ihn ein, und Friedrichs Person geriet in augenscheinliche Gefahr, um so mehr, als er nicht zurückgehen und auf seine Sicherheit bedacht sein wollte. In diesem furchtbaren Augenblicke, an dem Preußens Glück und Ehre hing, sprengten, entflammt von Wut und Rache, die Zietenschen Husaren herbei, hieben mit Nachdruck in die österreichische Reiterei ein und hielten sie von dem Regiment von Diricke – an dessen Spitze der König stand – bis zur Rettung des letztern glücklich entfernt. Unter ihnen zeichnete sich besonders der Lieutenant Velten aus, indem er der erste war, der einen Trupp österreichischer reitender Grenadiere zurückwarf, die schon den König umringen wollten. Der Rittmeister von Prittwitz, nachmaliger General der Kavallerie, hatte unterdessen den Mut, daß er sich ohne Anfrage zum Geleitsmann des Königs aufwarf, ihn halb mit Gewalt aus dem Feuer herauszog und ihn über das Défilé bei der Mühle bis zur Schiffbrücke bei Göritz durchbrachte, wo sich die Armee bald darauf wieder formierte. So wurde Prittwitz der Retter Friedrichs und der Retter des Vaterlandes.«

Der Krieg war zu Ende und Prittwitz Herr auf Quilitz. Es war ein schönes Gut, aber unwohnlich geworden, wie die meisten Güter, die lang in Pächterhänden sind, und da der nunmehrige Oberstlieutenant von P., der kurz zuvor (1762) eine Freiin Seher-Thoß geheiratet hatte, standesgemäß zu leben gedachte, so mußt er vor allem darauf aussein, ein Haus aufzuführen, das den Ansprüchen seiner übrigens auch in Schlesien begüterten Gemahlin entsprach. Der Bau ward unverzüglich begonnen und war schon bis zu den ersten Steinen des ersten Stocks gediehn, als König Friedrich des Weges kam, sei es auf einer seiner Revuereisen in die östlichen Provinzen oder eigens zu dem Zwecke, das Oderbruch und die Melioration desselben zu inspizieren. »Prittwitz, Er baut ja ein Schloß; Er will ja hoch hinaus«, waren die nicht allzu gnädigen Worte, mit denen der König sich an den zur Seite stehenden Oberstlieutenant wandte, der nunmehr seinerseits nichts Eiligeres zu tun hatte, als dem Wunsch und Winke des Königs nachzukommen und unter Fortlassung einer Beletage sofort das Dach auf das Erdgeschoß setzen zu lassen. Erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts wurde durch Schinkel ein Umbau des Schlosses vorgenommen.

Stell ich nunmehr zusammen, was in Quilitz noch an die Prittwitz-Zeit erinnert. Die Zimmer des Erdgeschosses sind im wesentlichen dieselben geblieben, namentlich gilt dies von dem großen, mit Stuckreliefs geschmückten Gartensalon, der auf eine Parkwiese und jenseits derselben auf die Wasser- und Baumpartien des Parkes blickt. Auch dieser Park selbst stammt noch aus der Prittwitzschen Zeit, ebenso wie zwei seiner Gedenksteine. Der eine derselben ist ein unscheinbarer Grabstein, unter dem der Schimmel begraben wurde, den Rittmeister von Prittwitz in der Schlacht bei Kunersdorf ritt, der also den historischen Moment der Rettung des Königs miterlebte respektive seinen Anteil daran hatte. Der Grabstein ist jetzt seinerseits wieder unter Laub und Moos halb begraben, so daß es unmöglich ist, eine Inschrift zu entziffern. Man hat deshalb die ganze Erzählung von dem im Park bestatteten Schimmel wieder in Zweifel ziehen wollen. Aber gewiß mit Unrecht. Äußere und innere Gründe sprechen dafür. Der Stein hat ganz die Form eines Grabsteins. Außerdem ging der König selbst, der auf der obersten Terrasse von Sanssouci nicht nur sein Pferd und seine Lieblingswindspiele begraben ließ, sondern auch inmitten derselben begraben sein wollte, seinen Generalen mit dem entsprechenden guten Beispiele voran. Man liebte damals dergleichen.

Ebenfalls im Park, dem Gartensalon gegenüber und eine Wand dunkler Bäume als Hintergrund, erhebt sich malerisch das Marmordenkmal, das Prittwitz im Jahre 1792 dem Andenken des großen Königs errichten ließ. Die Zeichnung zu diesem Monumente wurde von Johann Meil, dem damaligen Vizedirektor der Berliner Akademie der Künste, entworfen, die Ausführung in karrarischem Marmor aber einem Bildhauer in Lucca, namens Joseph Martini, anvertraut. Die Worte, die dieser an der linken Seite des Denkmals eingraviert hat, lauten: »Joseph Martini Lucensis inventor faciebat 1792«; also etwa: »Joseph Martini von Lucca hat es erfunden und ausgeführt, oder erdacht und gemacht.« Das Wort inventor muß hier überraschen, wenn man es mit der vorzitierten, der Schadowschen Autobiographie entlehnten Notiz zusammenhält, »daß Meil den Entwurf gemacht habe«, also der Inventor gewesen sei. Die Komposition ist etwas steif, etwas herkömmlich und in vielen Stücken angreifbar, aber dennoch eine gute Durchschnittsarbeit. Ein Säulenstumpf trägt das Reliefbild des großen Königs; ein trauernder Mars, kniend, umklammert von der einen Seite her die abgebrochene Säule, während sich eine aufrecht stehende Minerva von der andern Seite her an den Säulenstumpf lehnt. Das Hauptinteresse, das diese Gruppe einflößt, ist das, daß es das erste Denkmal ist, das dem Andenken des großen Königs errichtet wurde. Schadows Friedrichs-Statue auf dem Stettiner Exerzierplatz ist erst das zweite. Allerhand kleine Anekdoten knüpfen noch an dieses Denkmal an. So heißt es, daß eine Eule längere Zeit im Schutz der Minerva genistet habe. Fraglich. Aber bis diesen Tag ist die Statue, namentlich der offen am Boden liegende Helm des Mars, der bevorzugte Platz nesterbauender Schwalben. Am anziehendsten ist die einfache Auslegung, die die Quilitzer den Gestalten des Mars und der Minerva gegeben haben. Sie sagen, »es sei Prittwitz und seine Frau, die um den Alten Fritz trauern«.

Wir begegnen der Prittwitz-Zeit, oder doch einer Mahnung an dieselbe, auch noch in der alten, übrigens durch Schinkel völlig umgebauten Kirche. Einige Schritte vor dem Altar ist eine Erztafel in die roten Ziegel des Fußbodens eingelassen, auf der wir in Vergoldung ein kurzes römisches Schwert erblicken, um das sich ein Lorbeer windet. Darunter lesen wir: »Joachim Bernhard von Prittwitz, königlich preußischer General der Kavallerie, Ritter des Schwarzen Adler- und Sankt-Johanniter-Malteser-Ordens, geboren 3. Februar 1727, gestorben 4. Juni 1793; und seine Gattin Maria Eleonora von Prittwitz, geborne Freiin von Seher-Thoß, geboren 1739, gestorben 1799.« Unter dieser Tafel befindet sich höchstwahrscheinlich die Gruft, in der das Prittwitzsche Paar beigesetzt wurde; die Tafel selbst aber stammt ersichtlich erst aus den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts, wo die Kirche restauriert wurde. 1793 hatte man noch die altherkömmlichen Grabsteine. Die Benutzung von Gußeisen deutet auf die Schinkelsche Zeit.

Zum Schluß nennen wir noch zwei Portraits, denen wir in einem Zimmer des Schlosses begegnen und die höchstwahrscheinlich der Prittwitzschen Hinterlassenschaft angehören. Es sind dies: der Alte Fritz und General von Prittwitz selbst. Das erste Bild wurde 1786, kurz vor dem Tode des Königs, von Bardou gemalt. Die Auffassung weicht ab von dem Herkömmlichen. Neben dem Ausdruck physischen Leidens ist es ein Zug milder Schwermut, der den Kopf charakterisiert und anziehend macht. Das Portrait des alten Prittwitz, ebenfalls Brustbild, zeigt uns den General wahrscheinlich in der Uniform des Regiments Gensdarmes, dessen Commandeur en chef er seit 1775 war. Auf dem roten (pfirsichblütfarbenen) Frack ruht das breite Orangeband des Schwarzen Adlerordens. Die Farbe des Ordensbandes wirft einen gelben Reflex auf das ohnehin leberfarbene, wenig anziehende Gesicht, dessen Griesgrämigkeit unter dem gelben Lichte noch zu wachsen scheint.

1793 starb General von Prittwitz, 1799 seine Witwe. Quilitz blieb aber noch eine Reihe von Jahren hindurch in Händen der Familie, und zwar im Besitz des Geheimen Finanzrats Friedrich Wilhelm Bernhard von Prittwitz, geboren 1764, gestorben 1843, ältesten Sohnes des Generals. Herr von Prittwitz stand zu Hardenberg und Stein in naher Beziehung, nahm aber 1808 seinen Abschied und lebte seitdem ganz in Quilitz, bis er die Herrschaft 1810 an den Staat verkaufte (mittelst Tausch) und dafür die frühere Propstei Kasimir im Leobschützer Kreise Oberschlesiens erwarb.

Aus diesen Jahren, wo von Prittwitz der Jüngere die Herrschaft innehatte, wissen wir wenig über Quilitz zu berichten, es sei denn, daß von 1801 bis 1803 der damals zwanzigjährige Schinkel hier seine ersten architektonischen Versuche machte. Er begann mit dem Kleinsten, und zwar mit zwei Wirtschaftsgebäuden, von denen das eine auf dem Vorwerk Stuthof, das andere auf dem Vorwerk Bärwinkel errichtet wurde – zwei Ortsnamen, die fast noch weniger wie die Aufgabe selbst imstande waren, seinen Genius zu beflügeln. Aber dieser war eben da und bewies sich im Kleinen, wie er sich später im Großen bewies. Wenn an diesen frühesten Bauten Schinkels – nur ein Gartensaal im Flemmingschen Schloß zu Buckow ist noch älter – etwas zu tadeln ist, so ist es das, daß der Genius des jungen Baumeisters, der Zug nach idealeren Formen sich hier an der unrechten Stelle zeigt. Diese Wirtschaftsgebäude machen etwa den Eindruck, wie wenn ein junger Poet einen wohlstilisierten und bilderreichen Brief an seine Wirtsfrau oder deren Tochter schreibt. Der Stil, die Sprache sind an und für sich tadellos, nur die Gelegenheit für den poetischen Ausdruck ist schlecht gewählt; Gemeinplätze wären besser. Schinkel selbst, der in späteren Jahren mit so besonderem Nachdruck der Anlehnung an das Bedürfnis das Wort redete, würde diese, einer höheren Form huldigenden Wirtschaftsgebäude, speziell das auf dem Vorwerk Bärwinkel, zwar mit Interesse, aber sicherlich auch mit Lächeln wieder betrachtet haben. Indessen, wie jugendlich immer: ex ungue leonem. Je unverkennbarer dies hervortritt, um so auffallender ist es, daß eine Zuschrift an Herrn von Wolzogen, den Herausgeber der Schinkelschen Briefe, gerade dieses interessante, aus Raseneisenstein und Eisenschlacken errichtete Wirtschaftsgebäude dem Zimmermeister Tietz in Friedland und dem Maurermeister Neubarth in Wriezen hat zusprechen wollen. Herr von Wolzogen hält dieser Zuschrift gegenüber seine ursprüngliche, auf einen Ausspruch Waagens gestützte Ansicht zwar aufrecht, aber doch mit einer gewissen Unsicherheit, die, wir zweifeln nicht daran, beim Anblick des Gebäudes selbst sofort der festen Überzeugung Platz machen würde: dies ist von Schinkel und von niemand andrem. Es ist sehr die Frage, ob die architektonischen Kräfte zweier kleiner Städte selbst in unsern Tagen, nachdem Schinkel eine Schule herangebildet hat, fähig sein würden, einen so originellen, alle Schablone vielleicht nur allzusehr verleugnenden Bau aufzuführen, damals aber (1803) vermochten es die vereinten Baukräfte von Friedland und Wriezen sicherlich nicht. Ich neige mich sogar der Ansicht zu, daß die Verwendung von Schlacke und Raseneisenstein, eines Materials, das hierlandes nie als Baumaterial verwendet worden ist, dort aber zufällig zur Hand war, allein schon als Beweis dafür dienen darf, daß der Bau von Schinkel herrühren muß. Gerade in dieser genialen Benutzung des zufällig Gebotenen war er ja so hervorragend. Das Ganze (ein Molkenhaus) hat die Form einer Basilika: ein Hochschiff und zwei niedrige Seitenschiffe. Wenn aber eine Basilika die prachtvolle breite Giebelwand nach vorne stellt und dieselbe als Portal benutzt, so hat Schinkel bei diesem Bau das umgekehrte Arrangement getroffen. Er hat den breiten Frontgiebel als Hintergrund und die Apsis nach vorne genommen, die nun als Eingang dient. Und wie vieles auch sich gegen ein Basilika-Molkenhaus sagen lassen mag, darüber kann für mich kein Zweifel sein, daß Friedland-Wriezen damals solchen Einfalles nicht fähig war.

Neu-Hardenberg (Quilitz) seit 1814

1810, wie bereits erwähnt, war Quilitz aus den Händen des jüngeren Prittwitz in den Besitz der Krone übergegangen, aber auch diesmal nur auf kurze Zeit. Wie 1763 dem General von Prittwitz, so wurde Quilitz im November 1814 dem Fürsten-Staatskanzler von Hardenberg als Dotationsgut verliehen und der alte Name Quilitz, ihm zu Ehren, in Neu-Hardenberg umgeändert. Der Fürst besaß es – samt dreizehn andern Gütern, die zusammen die »Herrschaft Neu-Hardenberg« bilden – bis zu seinem am 26. November 1822 in Genua erfolgten Tode, um welche Zeit, nach dem Rechte der Erstgeburt, der gesamte Besitz an den Sohn des Staatskanzlers, den dänischen Geheimen Konferenzrat Grafen von Hardenberg-Reventlow, kam. Dieser starb am 16. September 1840 ohne männliche Nachkommen, und die Herrschaft fiel nunmehr dem nächsten Erbberechtigten, dem Grafen Karl Adolf Christian von Hardenberg, zu.

Der Fürst-Staatskanzler war acht Jahre lang im Besitz von Neu-Hardenberg; es scheint jedoch, wenn wir diese seine letzten Lebensjahre von Monat zu Monat verfolgen, daß er nicht allzu viele Mußetage für eine Villeggiatur auf seinen Gütern fand. Nur von wenigen Fällen haben wir eine bestimmte Kunde, zum Beispiel von seinem Einzug in Quilitz, wahrscheinlich im Sommer 1816, und von der Feier seines siebzigjährigen Geburtstages am 31. Mai 1820. Über den Einzugstag leben noch einige Traditionen fort, ziemlich farblose Berichte von Triumphbogen und Eichenlaubguirlanden, von spalierbildender Jugend und plattdeutschen Empfangsgedichten – die letzteren von den zwei hübschesten Mädchen des Dorfes in ihrer wendischen Nationaltracht vorgetragen. Aber hiermit schließt die Reihe der halbverblaßten Bilder ab, die in der Tat nur durch den Quilitzer roten Friesrock ein bestimmtes Kolorit erhalten. Mehr schon wissen wir von dem siebzigsten Geburtstage, wiewohl der Fürst beschlossen hatte, ihn in Stille zu feiern. Mancher Gratulant traf ein: unter diesen Beglückwünschenden, freilich brieflich nur, auch Goethe. Die Zeilen, die er schrieb – wie wir offen gestehen müssen, etwas gezwungen und schwerverständlich waren folgende:

Wer die Körner wollte zählen,
Die dem Stundenglas entrinnen.
Würde Zeit und Ziel verfehlen,
Solchem Strome nachzusinnen.

Auch vergehn uns die Gedanken,
Wenn wir in dein Leben schauen,
Freien Geist in Erdesschranken,
Festes Handeln und Vertrauen.

So entrinnen jeder Stunde
Fügsam glückliche Geschäfte.
Segen dir von Mund zu Munde!
Neuen Mut und frische Kräfte.

Am 13. Oktober 1817 hatte die festliche Einweihung der durch Schinkel restaurierten Neu-Hardenberger Kirche statt, und das Interesse, das der Staatskanzler dieser Kirche widmete (er vermachte ihr eine Dotation und fehlte nie beim Gottesdienst), läßt darauf schließen, daß er bei dieser Einweihung zugegen war.

Auch ein anekdotenhafter Vorfall mit seinem Schwiegersohn, dem Fürsten Pückler, zeigt uns den Staatskanzler in seinem Hardenberger Schloß. Der Park hinter dem Hause war bei jedem Besuch ein Punkt freundschaftlichen Disputs zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn. Das feine Auge des letztern hatte seit lange gegen die altfränkisch-steife Anlage, die damals noch vorhanden war, protestiert, und das in andrem Sinne feine Gefühl des Schwiegervaters hatte mit gleicher Beharrlichkeit die Neuerungen abgelehnt, weil diese Neuerungen gleichbedeutend waren mit Entfernung eines Dutzend der allerschönsten Bäume. Davon wollte der Staatskanzler nichts wissen; man sieht, er hatte auch seine Pietät. Der Schwiegersohn aber, als er alle Überredungskünste scheitern sah, schritt endlich auf jede Gefahr hin zu Tat und Abhülfe. Ein Kreis nächstes Freunde war bei Tisch versammelt, und in dem schon erwähnten Gartensalon aus der Prittwitz-Zeit herrschte jene Tafelheiterkeit, an der das Herz des Fürsten hing und auf deren Pflege und Hervorrufung er sich so wohl verstand. Nun war das Mahl beendet, und Wirt und Gäste traten auf die Veranda hinaus, die den Blick hat auf Wiese und Park und Monument. Der alte Fürst stand wie getroffen – das war der Park nicht mehr, dessen großen Mittelgang er noch vor Tisch in lebhaftem Geplauder durchschritten hatte. In der Tat, der Park war während der Stunden des Diners ein andrer geworden, ein solcher, wie er jetzt ist, wie er nach des Schwiegersohnes Ansicht werden mußte. Eine Allee war verschwunden, und wo ein Elsbruch war, war eine Parkwiese entstanden, an deren Ausgang das Wasser des Kanals blitzte. Der Fürst, im ersten Augenblicke sichtlich unangenehm berührt, war doch artiger Wirt und guter Schwiegervater genug, um gute Miene zum bösen Spiele zu machen, und die jetzigen Besucher mögen sich des Einfalls freuen. Wir aber entnehmen diesem kleinen Hergang abermals das Faktum einer längeren oder kürzeren Anwesenheit des Staatskanzlers auf seinem Neu-Hardenberger Schlosse.

Gleichviel indes, wie selten oder wie häufig seine Besuche stattfanden, jedenfalls war von Anfang an seine Sorgfalt diesem neuen Besitze zugewandt, und Schloß, Park, Kirche sind in ihrer jetzigen Gestalt seine Schöpfung.

Machen wir zuerst einen Rundgang durch die Zimmer des Schlosses. Wir werden hier einer reichen Anzahl von Kunstschätzen begegnen, die der Aufmerksamkeit des Besuchers wert sind. Das Schloß erinnert nach dieser Seite hin am meisten an Schloß Tegel, welches letztere freilich den Vorrang behauptet. Vielleicht wäre dies anders, wenn Neu-Hardenberg alle die Kunstschätze umschlösse, die es umschließen müßte, wenn nicht eine großmütige Laune des Staatskanzlers es darum gebracht hätte.

Es hat das folgenden Zusammenhang. Der Staatskanzler hatte bereits im Jahre 1804 – also lange bevor ihm die Herrschaft Neu-Hardenberg zufiel – das im lebusischen Kreise gelegene Gut Tempelberg käuflich an sich gebracht und daselbst ein Schloß aufgeführt, das, zu anererbtem Hardenbergschen Familienbesitz, auch noch jene Fülle von Kunstschätzen beherbergte, die der kunstliebende Fürst auf seinen Wanderungen durch Europa an sich gebracht hatte. Es war dies eine Fülle von Dingen. Vieles, namentlich Bilder und Stiche, hatte er in früheren Jahren in England gekauft andres rührte aus der Zeit seiner Ansbach-Bayreuther Verwaltung her. Es ist bekannt, mit welchem Eifer er die Archive jener Landesteile durchforschen ließ; von allem nahm er Abschrift. Eins der wichtigsten Resultate dieser Untersuchungen war die Auffindung der »Memoiren der Markgräfin von Bayreuth«. Ein feiner, literarisch-ästhetischer Sinn, ein Sinn für das Sammeln historischer Erinnerungsstücke oder auch bloßer Kuriositäten, begleitete ihn durchs Leben. In sehr charakteristischer Weise zeigte sich dies im Jahre 1786, unmittelbar nach dem Tode Friedrichs des Großen, als er das in Braunschweig deponierte Testament des Königs nach Berlin brachte und sich als Belohnung lediglich eines der Windspiele des großen Königs erbat. Es war dies eine außerordentlich wertvolle Sammlung. Das Beste derselben ging nach der Schlacht bei Jena verloren. Davoust nämlich, auf seinem Raub- und Siegeszuge durch die Mark, ließ vier Wagen voll dieser Kunstschätze nach Paris schaffen Davoust war wohl kein Mann der Literatur. Dieser Umstand mag es erklären, daß er sich mit der Wegführung glänzender, als wertvoll in die Augen springender Kunstwerke begnügte und die 16 000 Bände zählende Bibliothek in Tempelberg zurückließ. Ebenso entging seinem Auge eine Anzahl Mappen, mit alten, zum Teil seltnen Stichen gefüllt. Bibliothek und Kupferstichmappen befinden sich noch im Neu-Hardenberger Schloß. , und als im Jahre 1814 die Rückgabe alles dessen erfolgte, was Napoleon in zehn Siegesjahren mit nach Paris geschleppt hatte, leistete der Fürst-Staatskanzler auf die Rückforderung des ihm persönlich Genommenen Verzicht. Welche Gründe ihn dabei leiteten, ist nicht recht klar. Doch scheint es, daß er in jener vornehmen Feinfühligkeit, die ihm allerdings eigen war, von seinen eigenen Ansprüchen absah, um die Wiedererstattung all dessen, was anderen (auch dem Staate) genommen worden war, mit um so mehr Nachdruck, weil mit größerer Unbefangenheit, betreiben zu können. So blieb denn der größte Teil jener Kunstschätze, die einst die Säle von Schloß Tempelberg geschmückt hatten, in Paris zurück, und nur die von Davoust übersehenen Reste wurden 1814 von Tempelberg nach Neu-Hardenberg hinübergeschafft. Allerdings erfuhr diese Sammlung, bis zum Tode des Staatskanzlers, durch einzelne Ankäufe und Geschenke eine Erweiterung, aber immerhin blieb sie nur ein Bruchstück der alten Herrlichkeit.

Wir schreiten nun dazu, diese Bruchstücke, zumal Portraits und Bilder, in Augenschein zu nehmen.

 

Im Billardzimmer:

1. Alte Familienportraits des freiherrlichen Hauses Hardenberg, bis zurück ins sechzehnte Jahrhundert. Das älteste und deshalb interessanteste dieser Bilder ist klein, nicht ganz handhoch und zeigt die Jahreszahl 1558. Es stellt dar: Eler Hardenberg, seines Alters zweiundsechzig Jahr.

2. Portrait des Staatskanzlers; von dem französischen Maler Quinzon. – Naglers Künstlerlexikon bringt diesen Namen nicht, auch keinen ähnlich klingenden, so daß ich, hinsichtlich der Rechtschreibung, nicht sicher bin.

3. Portrait des Sohnes des Staatskanzlers, damals etwa fünfzehn Jahr alt. Ein sehr hübsches Bild. – Christian Heinrich August Graf von Hardenberg-Reventlow, einziger Sohn des Fürsten-Staatskanzlers aus seiner ersten Ehe mit Friederike Juliane Christine Gräfin von Reventlow, wurde am 19. Februar 1775 geboren und starb als dänischer Hofjägermeister und Geheimer Konferenzrat am 16. September 1840. Er war von Jugend an in dänischen Diensten. Im Jahre 1814 führte dies zu einer eigentümlichen Begegnung, wie sie die Annalen der Diplomatie vielleicht nicht zum zweiten Male aufzuweisen haben. Am 25. August des genannten Jahres wurde zwischen Preußen und Dänemark, das bekanntlich auf französischer Seite gefochten hatte, der Friede zu Berlin geschlossen. Die Beauftragten waren Vater und Sohn: der Staatskanzler Fürst Hardenberg für Preußen, der Geheime Konferenzrat Graf Hardenberg-Reventlow für Dänemark. Der letztere verblieb in seinen alten Beziehungen und ging darin so weit, daß er sogar auf den Fürstentitel verzichtete, als ihm, nach dem im November 1822 erfolgten Tode seines Vaters, die Herrschaft Neu-Hardenberg zugefallen war. Man hat preußischerseits dies ablehnende Verhalten getadelt, ein Verhalten, das im wesentlichen sagte: »Ich zieh es vor, ein dänischer Graf zu bleiben.« Aber wenn es dieser Ablehnung allerdings an Verbindlichkeit gegen Preußen gebrach, so geziemt sich doch andererseits die Frage: »War der Sohn zu solcher Verbindlichkeit überhaupt verpflichtet?« Man darf wohl antworten: »Nein.« Der jüngere Hardenberg war ein geborner Hannoveraner, seine Mutter war eine Dänin. Als sein Vater in den preußischen Staatsdienst trat, gehörte er (der Sohn) bereits mit Leib und Leben dem dänischen Staate an. Wenn durchaus eine Schuld gefunden werden soll, so liegt sie jedenfalls nicht bei dem Sohne, sondern in häuslichen Verhältnissen, die er am wenigsten ändern konnte. 1787 oder 1788 trennten sich bereits die Eltern, und die begleitenden Umstände, vor allem die bald erfolgende Wiederverheiratung des Vaters, ließen es ratsam oder selbst geboten erscheinen, daß der erst zwölfjährige Sohn der Mutter folgte. Unter Einfluß und Leitung des Vaters wäre er natürlich preußisch geworden, dieser Leitung indes enthoben, war es selbstverständlich, daß die dänische Aussaat auch dänische Frucht trug.

 

Neben dem Billardzimmer:

1. Die alte Burg Hardenberg im Hannoverschen, wie sie noch vor etwa 150 Jahren war.

2. Die jetzige Burg Hardenberg (Ruine).

3. Ein eingerahmtes Blatt mit den oben mitgeteilten Versen Goethes, die derselbe zum siebzigjährigen Geburtstag des Staatskanzlers an diesen richtete.

 

Im Gartensalon und dem angrenzenden Zimmer:

1. Große Malachitvase; Geschenk des Kaisers von Rußland.

2. Portrait Friedrich des Großen; von Bardou gemalt (schon erwähnt; vielleicht aus der Prittwitz-Zeit).

3. General von Prittwitz.

4. Portrait des Staatskanzlers aus der Zeit seines ersten oder zweiten Aufenthalts in England (1772 oder 1781). Ein Pastellbild von Benjamin West.

5. Napoleon; von Gérard.

6. Blücher; ein Geschenk von diesem selbst an den Staatskanzler.

7. Friedrich Wilhelm III. (jung) in österreichischer Husarenuniform.

8. Ein prachtvoller Mosaikkopf, der, von Hardenberg etwa zwischen 1790 und 1805 angekauft, durch einen Zufall dem Auge Davousts entging und der Tempelberger Sammlung verblieb. Von dort kam er 1814 nach Neu-Hardenberg. Es ist eine vorzügliche Arbeit; ein Frauenkopf, Halbprofil, von weißem Teint und dunkelblondem Haar. Die Lippen sinnlich, die Augen groß und schwärmerisch; ein Halbmond auf der schönen Stirn. – Ich habe nicht in Erfahrung bringen können, welcher Zeit das Bild angehört, auch nicht, wen es darstellt. Doch glaube ich nicht zu irren, wenn ich es für einen Kopf der Beatrice Cenci halte, die hier im Kostüm der Diana auftritt.

9. Ein großes Mosaikbild: Die Tempelruinen von Paestum. Ein Geschenk, das Papst Pius VII. etwa um 1820 an den Fürsten-Staatskanzler machte. Das Bild ist gegen vier Fuß lang und einen Fuß hoch. Ein breiter Rahmen umgibt es, der oben, als beinah fußhohes Ornament, das päpstliche Wappen trägt. Die drei Tempelruinen nehmen die Mitte des Bildes ein; rechts Baumgruppen im frischesten Grün, links Trümmerreste unter wucherndem Strauchwerk; im Hintergrunde Bergzüge, vom ein paar Gestalten. Das Bild wurde bei seinem Eintreffen in Berlin so schön gefunden, daß König Friedrich Wilhelm III. ein gleiches oder ähnliches zu haben wünschte und deshalb in Rom unterderhand anfragen ließ: was der Preis eines solchen Mosaikbildes sei. Die Rückantwort, wahrscheinlich Niebuhrs, lautete: 6000 Taler. Als bei Hofe über diese Summe gesprochen wurde, soll der General von Rohr halb erschrocken, halb treuherzig bemerkt haben: »Aber doch mit dem Rahmen.«

 

Im Eßzimmer:

1. Eine Landschaft von Schinkel. Im Hintergrunde die Ruinen der Burg Hardenberg. Ein Festzug: Landvolk, geschmückte Stiere etc., kommt den Hügel herab und bewegt sich, an einer alten Eiche vorbei, einem Ceres- oder Pomona-Bilde entgegen. Eine Kopie des Bildes befindet sich in der Wagner-Galerie zu Berlin.

2. Eine Mondlandschaft von van der Neer. Ein vorzügliches Bild, braun im Ton; von Schinkel, bei seinen Besuchen in Neu-Hardenberg, immer sehr bewundert.

3. Luther; von Holbein.

4. Katharina von Bora; von Holbein. Auf der Rückseite dieses Bildes, auf Holz gemalt, befindet sich ein zweites Bild, und zwar ein Totenkopf. Unter demselben stehen, auf einem sauber gemalten Zettel, folgende Worte:

Entgèn den tot ist kein schilt,
Darum leebe, als du sterve wilt.

»Entgèn« meint entgegen oder gegen; »schilt« ist Schild.

5. Eine Maria mit dem Kinde. Wie es heißt, von Rubens; aber andern Bildern des Meisters sehr unähnlich.

6. und 7. Zwei kleine Landschaften, sehr blau im Ton, vom Landschafts-Bruegel.

8. und 9. Zwei Landschaften von Nikolaus Berghem.

10. Die Feuerprobe der Kaiserin Kunigunde, Gemahlin des Gegenkaisers Rudolf. Ein figurenreiches Bild von Lucas Cranach. Der Kaiser, ein Bischof, Ratsherrn und Edelfräulein stehen zur Seite der Kaiserin; diese, als Zeichen ihrer Treue, legt eben ihre Finger in den Rachen eines »glühenden Löwen«.

11. Violinspieler; von van den Bosch.

12. Wirtshausszene; von Teniers. Ein Stammgast der niedrigsten Art legt voll bedenklichen Einverständnisses seine Hand auf die Schulter der Wirtin, einer runzligen, alten Weibsperson, deren Kopf in einer Nachtmütze steckt. Der Stammgast und, wie es scheint, Galan hält ihr das Glas hin, und sie schenkt ein. Ein Alter, mutmaßlich der Ehemann, schaut aus einem kleinen Alkovenfenster, mit sauersüßem Gesicht, der Szene zu. Die Alte in der Nachtmütze ist vortrefflich.

13. Ein Bürger- oder Ratsherrnkopf; von Rembrandt. Das Prachtstück der Sammlung.

14. Die Adamiten; von Rubens. Etwa zwölf Weiber und drei oder vier Männer sind gemeinschaftlich, wie es die Sekte vorschreibt, im Bade. – Als im Jahre 1840, bei Übernahme des Schlosses, auch die Bildergalerie gerichtlich taxiert wurde, hatte der Wriezener Aktuarius dieses Bild wie folgt bezeichnet: »Nackte Weibsbilder von einem gewissen Rubens. 15 Silbergroschen.«

Unser letzter Besuch gilt der Kirche.

Sie wurde, wie schon bemerkt, in den Jahren 1816 und 1817 durch Schinkel restauriert und im Oktober 1817 eingeweiht. Schinkel ließ von dem alten Bau wohl nur die Umfassungsmauern stehen – der Turmaufsatz, das Mausoleum und das Innere der Kirche selbst sind sein Werk. Der Turm ist ein Kuriosum. Auf dem Unterbau desselben, der etwa bis an den Dachfirst reicht, hat er eine kleinere Etage aufgesetzt, dieser Etage aber nicht die Form eines Würfels, sondern eines niedrigen, von zwei Seiten her zusammengepreßten Zylinders gegeben. Das Ganze sieht nicht nur aus, sondern entspricht auch den Proportionen, wie wenn man ein ovales Serviettenband auf eine oblong geformte Teebüchse stellt. Wie Schinkel zu dieser Sonderbarkeit gekommen ist, ist schwer zu sagen. Er hielt viel vom Ausprobieren. Erwiesen ist, daß er Dinge, die gezeichnet seinen Beifall hatten, hinterher änderte, weil er fand, daß sie sich in Wirklichkeit anders ausnahmen als im Bilde. Diese häufige Wahrnehmung ließ ihn vielleicht sagen: »So vieles, was die Theorie gutheißt, macht sich hinterher schlecht; sei's drum einmal versucht, ob nicht das, was die Theorie verwirft, sich hinterher gut mache.« So setzte er, wenn wir überhaupt richtig erklärt haben, eine elliptische Etage auf einen oblongen Unterturm. Aber freilich war es ein mißglückter Versuch. Wir zweifeln nicht, daß er ihn später selber als solchen angesehen hat.

An der entgegengesetzten Giebelwand der Kirche befindet sich ein auf dorischen Säulen ruhendes Giebelfeld: das Mausoleum. Es verhält sich zu einem frei und selbständig dastehenden Bau etwa, wie sich ein Hautrelief zu einer vollen, plastischen Figur verhält, steckt zu größerem Teil in der Kirchenwand drin und bildet eigentlich bloß eine Mausoleums front.

Das Innere der Kirche – an den Berliner Dom erinnernd und in der Tat um dieselbe Zeit aufgeführt (1817), in der Schinkel die Restaurierung des Domes leitete – ist hell, geräumig, lichtvoll, ein wenig nüchtern. Das Ganze mehr ein Betsaal als ein Kirchenschiff. Eigentümlich ist der Altar. Hinter demselben, die Kirche chorartig schließend, erhebt sich eine hohe Nischenwand, deren halbkreisförmige Fläche durch gemalte Säulen in fünf Felder geteilt wird. Aus dem Mittelfelde springt die Kanzel hervor, nach rechts und links hin von je zwei Feldern frankiert. In diesen befinden sich die Kolossalfiguren der vier Evangelisten, und zwar Johannes und Lukas zur Linken, Matthäus und Markus zur Rechten der Kanzel. Die Bilder sind von ungleichem Wert: Matthäus, Johannes, Lukas lassen viel zu wünschen übrig; der Markus aber ist im ganzen genommen vorzüglich. Sie rühren von einem gewissen Bertini her, den der Staatskanzler – bekanntlich ein Mäzen der schönen Künste – nach Italien schickte, um diese Bilder nach den Vorbildern großer Meister zu fertigen. Trotz ihrer Mängel bilden alle vier einen Bilderschmuck, wie er derart in märkischen Dorfkirchen schwerlich zum zweiten Male gefunden wird.

Der Altar der Kirche weist noch eine andere Sehenswürdigkeit auf: das Herz des Fürsten-Staatskanzlers. Auf einem Kissen ruht es, von einer Glasglocke umschlossen. Der Schrein aber, der das Ganze birgt, trägt an seiner Außenseite folgende Strophe:

Des Fürsten Herz, das liebend treu geschlagen
Für seinen König und fürs Vaterland,
Das – in den schweren, blut'gen Kampfestagen,
Wo vielen auch die letzte Hoffnung schwand –,
Durch Mut und Weisheit stark, in kühnem Wagen
Des Vaterlandes Ruhm und Rettung fand
Und, nach vollbrachtem Werk, gebaut dem heil'gen Worte
Des Herrn den Tempel hier – das ruht an diesem Orte.

Diese Strophe, die dem Andenken des Fürsten eine maßvolle und wohlverdiente Huldigung darbringt, böte eine schickliche Gelegenheit, wenigstens den Versuch einer Charakteristik zu wagen. Ich nehme aber Abstand davon. Was ich sagen könnte, ist oft gesagt; Neues, Schärferes, Zutreffenderes kann nur von denen erbracht werden, die im Vollbesitz des Materiales sind. Eine solche Charakteristik des Fürsten gehört der Zukunft an. Eines aber möge schon heute hier seinen Ausdruck finden, die Überzeugung, daß Hardenberg ein auserwählter Mann war, dem, nach dem Willen Gottes, die Aufgabe zufiel, die Rettung unseres Vaterlandes glücklich durchzuführen. Selbst seine Schwächen leisteten dieser Aufgabe Vorschub. Ein bloßer sans peur et sans reproche – etwa wie Stein oder Marwitz, zu denen wir freilich freudiger und gehobener aufblicken – hätte es mutmaßlich nicht vermocht. Der Fürst war kein sans reproche, seine Fehler liegen klar zutage, und man braucht, wie einer seiner Biographen sich ausdrückt, »kein moralischer Herschel zu sein, um diese Fehler mühlos zu entdecken«. Aber diese Mischung von Edlem und minder Edlem, von Schlauheit und Offenheit, von Nachgiebigkeit und Festigkeit, war genau das, was die Situation erheischte. Eigensinn und Prinzipienreiterei hätten uns verdorben. Sein Leben, Vorbild oder nicht, hat uns gerettet. Wie er selber in Bescheidenheit hinzusetzen würde: »durch die Gnade Gottes«.

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