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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Der Schloßberg bei Freienwalde und die Uchtenhagens

Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
Auf seinen Pfaden hintendrein. –
Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel.
Goethe
Ein Kind aus schwarzer Menge blickt,
Es lächelt sterbensweh und nickt
Und macht im Saal die Runde.
E. Mörike

Die Hügel sind Freienwaldes Schönheit und sein Schatz. Wer, der je in der Märkischen Schweiz war, hätte nicht vom Ruinen- und Kapellenberg, von der Königshöhe und dem Monte Caprino gehört; heute jedoch, an allen diesen Punkten schöner Aussicht vorübergehend, machen wir dem entfernter gelegenen, halb verwilderten Schloßberg unsren Besuch, auf dem laut Sage die alte Burg der Uchtenhagens stand.

Vorher, einleitend, ein Wort über den Ursprung dieses Geschlechts.

 

Die Uchtenhagens saßen hier, um Freienwalde herum, drei, vielleicht auch vier Jahrhunderte lang, und emsiger, neurer Forschung ist es gelungen, die Schicksale derselben, die lange Zeit hindurch nur unklar dämmerten, wieder klar und deutlich an das Licht der Geschichte zu ziehn. Aber die historische Forschung, soviel ihr gelang, vermochte doch nicht bis auf die Anfänge des Geschlechtes zurückzugehen. Diese Anfänge sind in Dämmerung geblieben, und wir scheiden deshalb alles, was wir von den Uchtenhagens zu sagen haben werden, in eine sagenhafte und eine historische Zeit. Die historische Zeit, auf die wir weiterhin eingehender zurückzukommen gedenken, beginnt mit dem Ausgange des vierzehnten Jahrhunderts, zu welcher Epoche sich die Familie bereits in Freienwalde vorfindet. Aber nur die Sage beantwortet uns die Frage: Wie kamen die Uchtenhagens nach Freienwalde hin?

Und dieser Sage wenden wir uns zuvörderst zu.

Henning von Jagow, »klein an Gestalt, aber hoch an Gemüt«, nachdem er sich, verdient oder unverdient, die Ungnade des Markgrafen zugezogen hatte, war aus dem Lande verbannt worden. Ein Preis stand auf seinen Kopf. Jagow indessen, unwillig, das Land zu verlassen, daran er hing, zog sich bis an die Oder, in die Sumpf- und Waldreviere, zurück, die damals die Ostgrenze des markgräflichen Besitzes bildeten, also aller Wahrscheinlichkeit nach in die Berge und Brüche der Freienwalder Gegend. Hier lebte er mit anderen Verbannten und Ausgestoßenen das Leben des Geächteten, ungekannt, namenlos, aber sicher im Schutz der Wälder. Es war ein Leben voll Kampf und Gefahr, voll Freiheit und Übermut, ähnlich dem, das uns alte Balladen und Volksgesänge als das Leben Robin Hoods, dieses unerreichten Vorbilds poetischen Wald- und Räuberlebens, geschildert haben; aber unser Jagow trug doch schwer daran, denn es zog ihn unter die Menschen und in die Nähe des Markgrafen zurück, und seine Seele trachtete mehr und mehr nach einer Gelegenheit, sich die Gunst seines Herrn, den er liebte, neu zu erwerben. Und diese Gelegenheit bot sich endlich. Es kam zu einem Kriege mit den Pommern, und um Freienwalde herum stießen die Heere des Pommernherzogs und des Markgrafen aufeinander. Man focht Mann gegen Mann (collato pede, wie der Chronist erzählt), und der Sieg neigte sich schon den Pommern zu, als Jagow aus der Waldestiefe mit seinen Geächteten hervorbrach. Er faßte den Feind im Rücken, und nach tapferer Gegenwehr wandten sich die Pommern zur Flucht, der Oder zu, die jedoch nur von wenigen erreicht wurde. Die Mehrzahl färbte den Boden mit ihrem Blut. Und die Stelle, wo das Blut floß, heißt bis diesen Tag das »rote Land«. Jagow aber, vor den Markgrafen geführt, wurde mit dem Lande belehnt, auf dem er so glücklich gekämpft hatte, und empfing, auf daß sein Name nicht fürder mehr an alte Zeit und alten Groll erinnere, den Namen Uchtenhagen, weil er »uht dem Hagen«, das heißt aus dem Walde, zu seiner, des Markgrafen, Rettung herbeigekommen war.

Soweit die Sage, von der ich annehmen möchte, daß sie der Klasse der bloß aus dem Namen hergeleiteten Zurechtmachungen, also jenen nachträglichen Erfindungen angehört, an denen das siebzehnte und noch mehr das achtzehnte Jahrhundert auf dem Gebiete der Adelsgeschichte so fruchtbar war.

Aber das mangelnde historische Fundament soll uns nicht undankbar machen gegen die Sage selbst, die, sie sei jung oder alt, verwirrend oder die rechten Wege führend, um ihrer selbst willen ihre Berechtigung hat. Wir überlassen uns deshalb, eh wir in das Gebiet der Geschichte eintreten, auch im weiteren noch ihrer Führung und erfahren von ihr mit der ihr eigenen Bestimmtheit, daß es der Schloßberg war, auf dem sich die erste und älteste Burg der Uchtenhagen erhob.

Und diesem Schloßberg, ohne längeres Verweilen, gilt jetzt unser Besuch.

 

Wir haben Freienwalde mit der Nachmittagspost erreicht und einem jener Cicerones, die den Posthof zu umstehen pflegen, vertraulich mitgeteilt, daß wir noch vor Sonnenuntergang oder doch vor dem Hereinbrechen vollständiger Dunkelheit den Schloßberg zu sehen wünschten, zu Fuß, wenn möglich, zu Wagen, wenn nötig. Da in den Cicerones von Freienwalde gemeinhin mehrere Ämter kumulieren, mindestens aber die Metiers des Führers und des Fuhrmanns zusammentreffen, so ist die Antwort selbstverständlich, und nach einer halben Stunde rollt ein Einspänner vor, der nicht voll bis in die Zeit der Uchtenhagens zurückreicht, aber doch beinah. Der Hintersitz ist leer; auf dem Vordersitz befindet sich der Führer selbst, nunmehr als Kutscher, und knipst mit der Peitsche, um sich in seinem neuen Amte zu beglaubigen. Er trägt einen hellgrauen Flausrock, dazu eine schwarze Tuchmütze, deren Schirm halb über sein Gesicht fällt. Was auf den ersten Blick überrascht, ist, daß er nicht raucht. Aber freilich, jene sonderbare Klasse von Personen, der er zugehört und von der jedes Dorf oder jedes Ackerstädtchen wenigstens ein Exemplar aufzuweisen hat, raucht nie. Es sind dies die Träger der Volkspoesie, die Sagenhüter, die Märchenerzähler des Nordens. Sie sind gutgeartet, redselig und schweigsam zugleich, lieben die Scholle, darauf sie geboren, haben einen Anflug von Kränklichkeit und wandern, halb bewundert und halb belächelt, aber wegen ihrer Verträglichkeit wohlgelitten, wie Fremdlinge zwischen ihrer derberen Umgebung. Obwohl gelegentlich von einer überraschenden Scharfsinnigkeit, haben sie in den gewöhnlichen Fällen des Lebens doch nichts von jener Bauernschlauheit, die sprüchwörtlich geworden ist. Das Feld ihres Geistes ist von der Phantasie überwuchert, und so gleichen sie jenem Acker, der zu schwach ist, um ernste und solide Frucht zu tragen, aber, dem schönen Unkraut Platz gönnend, desto üppiger in roten und blauen Blumen steht.

So auch unser Führer und Fuhrmann. Über den Platz, den wir einzunehmen haben, sind wir nicht lange in Zweifel. Natürlich überlassen wir den in Riemen hängenden »Fond« seinem Schicksal und setzen uns auf das Vorderbrett unmittelbar neben den Flausrock, nicht gewillt, eine zweifelhafte Bequemlichkeit auf Kosten besserer Unterhaltung zu erkaufen. Denn es unterhält sich schlecht auf den Rücken anderer Leute los.

Noch einmal ein Peitschenknips, diesmal nicht in die Luft, sondern in die Weichen des Einspänners, und über das Straßenpflaster hin, das noch die alten Traditionen des Ortes wahrt, holpert und rasselt unser Wagen, dessen Hintersitz die komischsten Sprünge macht, in den Freienwalder Kiez hinein, bis plötzlich das Holpern und Rasseln einem süßen Gefühl der Glätte und jenem leis knirschenden Tone weicht, den jeder kennt, der aus dem Sturm und Drang schlecht gepflasterter Straßen in den stillen Hafen einer Lehm- und Kieschaussee eingemündet ist.

Der Abend ist schön, und Duft und Nebel steigen aus den Wiesengründen auf. Der Wald zur Linken steht, wie es im Liede heißt, »schwarz und schweigend«, und nur vor uns, nach Nordwesten zu, glüht noch der Abendhimmel in wunderbaren Farbenspielen durch die Nebelschleier hindurch. Es ist just die Stunde, um den Schloßberg und die Burg der Uchtenhagen zu besuchen, denn die Landschaft selbst erscheint wie ein weit aufgetanes Tor, um uns rot und golden in das Land der Sage einzuführen.

Es labt uns das Bild und die Frische des Abends, aber endlich haben wir abgeschlossen mit der Landschaft und fühlen ein leises Unbehagen über das Schweigen unseres Führers, an dessen Seite wir doch Platz genommen um bequemerer Unterhaltung willen. Die vordersten Hügelpartien liegen bereits hinter uns, wir müssen bald halben Weges sein, aber er schweigt noch immer. Da der Berg nicht zum Propheten kommt, so bleibt nichts anderes übrig als das alte Auskunftsmittel, und blindlings in die allerbequemste Form der Unterhaltung hineintappend, beginn ich mit der Frage:

»Sagen Sie, wie denken Sie über die Uchtenhagens?«

Der Angeredete läßt sich Zeit, und zweimal mit der Leine klatschend, um die lange Pause minder auffällig zu machen, antwortet er endlich in absichtlich unbestimmten Ausdrücken:

»Ja, da ist viel.«

Und so rollen wir weiter in den stillen Abend hinein, dessen allerstillste Stelle unser Wagen zu werden droht. Ich will aber dies Schweigen unterbrechen, es koste, was es wolle, und so fahr ich denn fort:

»Es soll hier eine große Schlacht gewesen sein. Hier hinter den Bergen. Ich glaube, sie nennen es das ›rote Land‹.«

Er nickte mit dem Kopfe.

»Nun sagen Sie mir: Ist denn das Land noch immer rot?«

»So rot«, antwortete er halb wie im Echo und machte dabei eine Handbewegung, als ob er sagen wollte: »Lieber Herr, sprechen wir davon lieber nicht.«

Nichtsdestoweniger hatte diese Frage das Eis gebrochen, ich sah es an seiner veränderten Haltung, und mit der Rechten auf die quadratmeilenweite Umgebung deutend, fuhr ich fort: »Sie müssen sehr reich gewesen sein... Ich meine die Uchtenhagens.«

Er sah unter seinem Mützenschirm zu mir auf, ein halb wehmütiges Lächeln flog über sein Gesicht, und er wiederholte auch jetzt nur meine Worte: »... sehr reich... sehr

Es war ersichtlich, daß er einen Nachsatz machen wollte, ihn aber rücksichtsvoll verschwieg. Ich kam ihm also auf halbem Wege entgegen und ergänzte:

»Sehr reich; aber wie

Dies Wort schien ihm Gewißheit zu geben, daß ich einer von dem romantischen Geheimbund sein müsse, der nach Art anderer Geheimbünde zwar seine nicht ausgesprochenen, aber nichtsdestoweniger ganz bestimmten Erkennungszeichen hat. Er wußte nun, daß er sprechen dürfe, ohne Furcht vor Profanation.

Und er wartete auch keine weitere Frage ab, rückte vielmehr vertraulich näher und sagte: »Wissen Sie denn, was sich die Kiezer hier erzählen? Da war hier in Freienwalde, in der Uchtenhagenschen Zeit, ein Böttcher, der wohnte neben dem Kirchhof und hieß Trampe. Das Wasser stand damals bis an die Stadt heran, und zwischen Trampes Haus und dem Wasser lag bloß der Kirchhof. Eines Nachts hörte nun Trampe ein Knurren und Winseln, und er trat ans Fenster, um zu sehen, was es sei. Er sah aber nichts als den Vollmond, der am Himmel stand. Er legte sich also wieder nieder und warf sich eben auf die rechte Seite, da hörte er seinen Namen rufen: ›Trampe‹, dreimal. Und dann wurd es wieder still. Und in der nächsten Nacht ebenso. Trampe meinte nicht anders, als er werde nun sterben müssen, und er ergab sich auch in sein Schicksal und dachte: ›Wenn es wieder ruft, dann wirst du folgen, es sei, wohin es sei.‹ Und in der dritten Nacht rief es wieder. Trampe trat nun auf den Kirchhof hinaus, und als er sich umsah, war es ihm, als liefe was wie ein Hund zwischen den Gräbern hin und her. Er konnt es aber nicht genau sehen, denn das Kirchhofsgras stand sehr hoch. Trampe folgte der Spur, die nach der Wasserseite des Kirchhofs ging, und als er an den Strom kam, sah er einen Kahn, der mit dem Vorderteil im Wasser und mit dem Hinterteil auf dem Trocknen lag. An der äußersten Spitze des Kahns aber stand ein schwarzer Pudel mit zwei Feueraugen und sah Trampen so an, daß dieser dachte, hier ist Einsteigen das beste. Und kaum daß er saß, so fuhr der Kahn, als ob er von hundert Händen geschoben würde, wie ein Pfeil in den Fluß hinein und über das Wasser fort.«

Hier unterbrach sich der Erzähler einen Augenblick, um mir die Linie zu beschreiben, die der Kahn damals gezogen haben müsse, und fuhr dann fort:

»Keiner steuerte, keiner führte das Ruder, aber der Kahn ging rechts und links, immer wie der Pudel den Kopf drehte; so kamen sie bis an den Schloßberg. Der Kahn lief jetzt auf, beide sprangen ans Ufer und stiegen bergan. Inzwischen war es dunkel geworden, der Mond war unter; aber ob nun der Hund rückwärts bergan lief oder ob er den Kopf nach hinten zu gedreht hatte, soviel ist gewiß, Trampe sah immer die zwei Feueraugen vor sich, die ihm bis oben hinauf den Weg zeigten. Und als er nun in den Burghof trat, standen da wohl hundert Fässer, alle voll Gold. Das war so blank, daß es im Dunkeln blitzte. Das Schloß selbst aber lag in Nacht, und nur mitunter glühten die Fenster auf, und allerlei Gestalten wurden sichtbar, Ritter und Edelfräulein, die kicherten und lachten. Dahinter klang es dann wie Tanzen und leise Musik. Trampe sah und horchte. Aber nicht lange, so trat ein Ritter an ihn heran, legte ihm eine schwere Hand auf die Schulter und fragte, ›ob er der Böttcher aus Freienwalde sei‹. Und als Trampe bejaht hatte, befahl er ihm, die Fässer zuzuschlagen: ›Das dreizehnte Faß ist für dich.‹ Und nun ging Trampe an die Arbeit und schlug alle Fässer zu. Das dreizehnte aber, das er vorsichtig gleich beiseite gestellt hatte, rollte er den Berg hinunter. Er war nun fertig und wollte wieder gehn. Da fuhr es ihm mit eins durch den Kopf, ›ob nicht der Ritter jedes dreizehnte Faß gemeint haben könnte‹, und als er noch so dachte, rollte er auch schon heimlich ein zweites Faß bergab. Als er aber unten ankam, lag nur ein Faß da. ›Hm‹, dachte Trampe, ›wirst es noch mal versuchen‹, und stieg wieder bergauf und rollte ein drittes Faß hinunter. Und sehen Sie, das war es ja grade, was sie gewollt hatten, und als er wieder unten war, war alles verschwunden, auch das erste Faß, und nur an der Vorderspitze des Kahns saß wieder der Pudel und sagte: ›Trampe, du hast verspielt.‹ Das ärgerte Trampen, und er dachte, als sie zurückfuhren: ›Das soll dir auch nicht wieder passieren.‹ Ist ihm auch nicht wieder passiert, denn die Uchtenhagens haben ihn nie wieder holen lassen, wenn sie einen brauchten, um ihre Fässer zuzuschlagen.«

Die Geschichte, die bedeutungsvoll mit dem Zusatz: »wie sie sich die Kiezer erzählen«, eingeführt worden war, war kaum zu Ende, so hielten wir auch schon am Fuß des Schloßberges, vielleicht an derselben Stelle, wo an jenem Abend der bedenkliche Uchtenhagensche Fährmann seinen Kahn gelandet hatte. Wir sprangen vom Wagen, schirrten aus, schlugen die Leine vorsichtshalber um einen Baumstamm, wiewohl der Charakter unseres Einspänners alle möglichen Garantien für sein Wohlverhalten bot, und stiegen den Berg hinan. Es war inzwischen immer finsterer geworden, und dichte Schatten lagen um uns her, die durch zwei Lichter am Ausgang einer seitwärts gelegenen Schlucht nur noch zu wachsen schienen. Ich war etwas zurück geblieben und beeilte mich, weil ich an Trampe dachte, wieder an die Seite des Führers zu kommen. Und es gelang auch. In demselben Augenblick aber, wo ich seinen Arm streifte, klang es wie Hundeblaff von der Schlucht her über den Berg, und ich zuckte zusammen und stand. Der Führer, der meinem Gedankengange gefolgt sein mußte, sagte ruhig: »Das ist dem Müller seiner; der andere blafft nicht.« Und die Ruhe, mit der er dies sagte, überhob mich jeder Verlegenheit. So kamen wir endlich auf der Kuppe des Hügels an.

An der Rückseite desselben befinden sich noch halbmannshohe Mauerreste, mit deren Hülfe sich die Grundform der ehemaligen Burg, besonders aber des Burgtors, vielleicht bestimmen ließe. Der Eingang in das letztere, noch deutlich erkennbar, wird irrtümlich als Kellereingang bezeichnet, weil sich die Phantasie der Kiezer am liebsten mit Kellergewölben und den Trampeschen Fässern beschäftigt.

Wir unsrerseits maßen zunächst die Überbleibsel der alten Umfassungsmauer aus, setzten uns dann, einen Strauch als Lehne, auf die Trümmerwand und blickten in die Schlucht nieder, auf der Elsen- und Birkengebüsch so dicht, so still, so schwellend heraufzusteigen schien, wie Blätter aus einem Korbe quellen, in den sie zuvor gepreßt wurden. Und dazu klang es in der Tiefe wie ein Quell, der über Kiesel fällt. Ich fragte: »Ist das ein Wasser unten?« – »Ja.« – »Wie heißt es?« – »Das klingende Fließ.« Sonst war alles ruhig. Der Führer, längst gesprächig geworden, fing an zu erzählen von Pfingst- und Maiennächten, wenn unten in Tal und Schlucht die Rehe schrein und hoch über dem Berg, als wär es der Kyffhäuser, die Dohlen kreischen. Aber es war nicht Mai, nicht Pfingsten mehr, kein Reh schrie durch die Nacht selbst der Hundeblaff in der Mühle schwieg. Nur das klingende Fließ klang nach wie vor im Silberton zu uns herauf.

 

So fanden wir den Schloßberg. Wir verließen ihn, um heimkehrend uns der Frage zuzuwenden: Was erzählt uns die Geschichtesie, die jede Auskunft über den Schloßberg selbst verweigert – von den Bewohnern desselben, von den Uchtenhagens?

Die historische Zeit der Uchtenhagen umfaßt einen Zeitraum von etwa drittehalb Jahrhunderten. 1367 wird ihrer zum ersten Male gedacht, und 1618 erlischt das Geschlecht. Eine Urkundensammlung, wie sie neuerdings unter Benutzung der verschiedensten Archive veröffentlicht worden ist, hat die Herstellung einer Stammtafel ermöglicht, der wir – und dadurch mittelbar der Urkundensammlung selbst – einen mühelosen Verkehr zwischen oben und unten, zwischen Anfang und Ende des Geschlechts verdanken. Aber wir verdanken ihr nichts, was als eine historische Tat der Uchtenhagens angesehen werden könnte. Vielmehr fehlt nach dieser Seite hin all und jedes. Wir begegnen ihnen weder in Kostnitz noch in Worms; wir sehen sie weder unter Friedrich dem Eisernen vor Bernau noch zu Joachim Hektors Zeiten bei Mühlberg; wir sehen sie weder gegen die Hussiten noch gegen die Türken im Felde und dürfen eben nur annehmen, daß sie nirgends gefehlt haben werden, wo es galt, dem Rufe des Kurfürsten zu folgen oder für die Ehre des Landes einzustehen.

Noch einmal also, das urkundliche Material bietet uns landes- oder allgemeingeschichtlich nichts, es belehrt uns aber über die Vermögensverhältnisse der Familie und zeigt uns dieselbe in ihren Beziehungen zu ihren Lehnsmännern, Burgleuten und Hintersassen oder, wenn uns der Ausdruck gestattet ist, in den Verwaltungsgrundsätzen, wonach sie die Regierung ihres ziemlich ausgedehnten Besitzes leiteten, eines Besitzes, der nach Quadratmeilen rechnete und Städte umschloß. Da finden wir denn die Uchtenhagens, allen alten Sagen, »wie sie sich die Kiezer erzählen«, zum Trotz, als wahre Muster ritterlichen Wandels; fromm, sittig, ehrbar in ihrem Hause, mild, helfend, fürsorglich nach außen hin. Sie bauen Kirchen und schenken Glocken, sie schützen die Bürger in ihrem Recht und ihrem Besitz, sie belohnen den Rat Freienwaldes mit neuen Feldmarken, sie vertreten die Stadt vor dem Kurfürsten und erwirken ihr Jahrmarktstage und Freiheit von Zoll und Abgaben. Nichts, was die finsteren Märchen rechtfertigte, die in Spinnstuben bis diesen Tag mit Graus und Behagen geflüstert werden, vielmehr in allem die Anzeichen einer Regierungskunst im kleinen, dabei, in bestem Sinne, das Bewußtsein von den Rechten und Pflichten des Regiments. Ein Spruch im Freienwalder Stadtarchive gibt uns Auskunft darüber, aus welchem Glauben und Meinen heraus die Uchtenhagen ihre Herrschaft übten.

All' Obrigkeit, die ist von Gott
Und soll handhaben sein Gebot.

Es soll ihr gehorchen alle Welt,
Nicht leben, wie's Lust und Laune gefällt.

Das Schwert gab Gott in ihre Hand,
Damit zu wahren Leute und Land.

Dem Guten soll sie geben Schutz,
Den Bösen strafen, dem Guten zu Nutz.

Eines Vaters Herz aber soll sie ha'n
Zu denen, so ihr sind untertan.

So war der Spruch, nach welchem die Uchtenhagen in Haus und Hof ihre Rechte wahrten, ihre Pflicht erfüllten; nichts, was auf Fluch und Untat hinwiese, auf Taten, die unsühnbar gewesen wären. Wohl im Lauf der Jahrhunderte mischte sich auch ein blutbeflecktes Blatt in die Geschichte des Hauses, ein Vetter erstach den andern im Zweikampf oder aus Notwehr, aber dem Verbrechen folgte die Reue auf dem Fuße, und Kurfürst Albrecht Achill nahm den Bußfertigen wieder in seine Huld und Gnade auf, »gleichweis, als ob die Geschichte nie geschehen wäre«.

 

Durch sechs Generationen hin, der vorhistorischen Zeit zu geschweigen, hatte der alte Stamm geblüht, nicht voll, nicht zahlreich, aber doch immerhin geblüht. Da, in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, trieb er plötzlich neue Sprossen in Fülle: acht Söhne und fünf Töchter wurden geboren, und Freude war im alten Haus der Uchtenhagen. Aber es war das reiche Blühen vor dem Tode. Eh ein Menschenalter um war, noch vor Schluß des Jahrhunderts, waren alle Söhne des Hauses tot bis auf einen, und der überlebende achte, inzwischen vermählt mit Sophie von Sparr, einer Vaterschwester des berühmten Feldmarschalls, schaukelte ein einzig Kind auf seinen Knien – ein zartes Kind, die blauen Adern sichtbar unter der feinen Haut. Dies Kind, ein Knabe, war Kaspar von Uchtenhagen, der letzte seines Geschlechts. Er starb, neun Jahr alt, und wurde in der Kirche zu Freienwalde beigesetzt. Es heißt im Volk, daß er vergiftet worden sei, und die Sage – die hier wieder für die Geschichte eintritt – erzählt sein Ende so:

Einer der Lehnsvettern des Hauses, voll Verlangen nach dem Besitz der Uchtenhagens, wußte dem Knaben eine prächtige Goldbirne zu reichen, die mit einem langsam wirkenden Gifte vergiftet war. Ein Bologneser Hündchen, das den Knaben auf Schritt und Tritt zu begleiten pflegte, sprang, als dieser die Birne essen wollte, an ihm herauf, halb liebkosend, halb geängstigt, um dem Knaben mit der Vorderpfote die Birne aus der Hand zu reißen, aber Kaspar nannte ihn lachend ein »neidisches Tier« und aß die Birne. Eine Traurigkeit, so fährt die Sage fort, begann alsbald den Knaben zu beschleichen, seine Lebendigkeit verlor sich, und sein Auge wurde matt. So verging er wie eine Blume. Seine Mutter saß in der Sterbenacht an seinem Bett; da richtete er sich noch einmal auf, küßte der Mutter die Hand und sprach sterbend, aber leise-vernehmlich vor sich hin:

»Alle Liebe ist nicht stark genung,
Ich muß doch sterben und bin so jung.«

So die Sage. Eh wir aber auf dieselbe in aller Kürze noch einmal zurückkommen, begleiten wir die Uchtenhagen durch ihre letzten Jahre bis zum völligen Erlöschen des Geschlechts,

Hans von Uchtenhagen, der überlebende Vater des früh heimgegangenen Kindes, den Freuden dieser Welt für immer abgewandt und ohne tieferes Interesse, das alte Erbe des Hauses zusammenzuhalten, verkaufte, bald nach dem Tode Kaspars von Uchtenhagen, die Stadt Freienwalde samt allen seinen sonstigen Gütern an den Kurfürsten Johann Sigismund, zugleich sich verpflichtend, die reichen Besitzungen jenseits der Oder, die sogenannte Insel Neuenhagen, sofort in kurfürstlichen Besitz übergehen zu lassen. Andererseits ward ihm, dem Hans von Uchtenhagen, die Beibehaltung aller diesseits der Oder gelegenen Besitzungen, namentlich der Stadt Freienwalde, auf die Dauer seines Lebens zugestanden, auch das Recht ihm eingeräumt, bei etwaiger Geburt eines Erben, gegen Rückzahlung der Kaufsumme, in den alten Besitz wieder eintreten zu können. Aber kein Erbe wurde geboren, und in das alte, still und freudlos gewordene Stadthaus der Uchtenhagens, das sich, mit Turm und Zinnen, ein alter gotischer Bau, neben der Freienwalder Kirche erhob, trat nur noch der Engel des Todes. Dem Sohne folgte drei Jahre später die Mutter, bis nach abermals zwölf Jahren voll stillen Leids und frommer Betrachtung auch Hans von Uchtenhagen aus der Unrast dieser Zeit eintrat in das Reich des ewigen Friedens. Das Kirchenbuch berichtet:

»Anno Domini 1618, am Abend Judica des 21. Martii, zwischen zwölf und ein Uhr, ist der edle, gestrenge und ehrenfeste Hans von Uchtenhagen, dieses Städtleins Erbherr und Junker und der letzte dieses Geschlechts, selig im Herrn eingeschlafen und verschieden und danach, am Sonntag Exaudi (war der 17. Mai), allhier in Sankt-Nikolaus-Kirche unter den Altar in sein gewölbtes Begräbnis, nach adliger Weise, zu seiner in Gott ruhenden Frauen und Söhnlein gesetzet, da er in seinem ganzen Alter das vierundsechzigste Jahr erreicht hatte.« Soweit das Kirchenbuch.

Helm und Schild waren ihm in die Gruft gefolgt, Freienwalde wurde kurfürstlich, und nur das Wappen der Stadt: das rote Rad im silbernen Felde, deutet bis diesen Tag auf die Uchtenhagensche Zeit.

 

Das Geschlecht ist erloschen, und es erübrigt uns nur noch die Frage: Was blieb in Freienwalde und Umgebung von Erinnerungsstücken an die Uchtenhagensche Zeit? Doch noch mancherlei. Das wohlerhaltene und bis diese Stunde bewohnte Amtshaus des Dorfes Neuenhagen, früher eines der Schlösser der alten Familie, darf an sich als ein solches Erinnerungsstück gelten, und die gewölbte Schloßkapelle mit Stuckaltar und symbolischen Figuren Das Schloß Neuenhagen jenseits der Oder ist verhältnismäßig wohl erhalten bis auf den heutigen Tag. Es wird noch bewohnt und bietet, wie wir nicht zweifeln, einen besseren Aufenthalt als mancher moderne Bau. Die alten Uchtenhagen-Räume dienen den verschiedensten ökonomischen Zwecken: das Burgverlies ist ein Wirtschaftskeller, die große Halle eine Waschküche geworden. Ein anderes Zimmer (man verzeihe diesen Exkurs), drin ein schwedischer Oberst in der nach-Uchtenhagenschen Zeit den Amtmann von Neuenhagen über Strohfeuer rösten ließ, um die verborgenen Schätze zu erkunden, diente, dieser Reminiszenzen unerachtet, noch vor kurzem als Schlafzimmer. Ich hätte mir ein anderes gewählt. Was aber besser als alles andere erhalten ist und mehr als alles andere interessiert, das ist ein gewölbter Raum: jetzt Amtsstube, früher die Schloßkapelle der Uchtenhagens. Die Altarwand, noch vollkommen gut erhalten, ist ein umfangreiches, aus verschiedenen Teilen zusammengesetztes Stuckrelief, das, nach Art solcher Stuckbilder, nicht einen frei stehenden Schrein bildet, sondern in das Mauerwerk selber, wie eine Wandverzierung, eingelassen ist. Es besteht aus einem Christus am Kreuze, zu dem zwei Heilige aufblicken; dies Hauptstück des Bildes ruht aber auf einer Art Fries, in dessen Feldern wir die symbolischen Figuren des Hahns, des Greifen, des Pelikans und des Wiedehopfs erblicken. – In der Kirche zu Neuenhagen befindet sich übrigens noch ein gut erhaltener Grabstein aus der Uchtenhagener Zeit. Seine Inschrift lautet: »Das Blut Jesu Christi reiniget uns von allen unseren Sünden. Johannes 3. Anno Domini 1592 den 13. Dezember. Hier ruhet... die viel tugendreiche Hippolyta von Uchtenhagen, in Gott selig entschlafen.« Hippolyta, dem Bilde nach etwa vierzig Jahr, war eine ledig gebliebene Schwester von Hans von Uchtenhagen. verlohnte wohl, zu anderer Zeit, eine eingehendere Besprechung, als ich ihr in unten stehender Anmerkung gebe.

Aber heute verweilen wir an dieser Stelle nicht länger und treten vielmehr dort ein, wo die alte Zeit der Uchtenhagens in Bild und Wort am vernehmlichsten zu uns spricht: in die alte Kirche von Freienwalde. Die Uchtenhagens haben sie gebaut, und sie ist das eigentliche und beste Monument des heimgegangenen Geschlechts. Bis vor wenigen Jahren lagen noch verschiedene Grabsteine vor den Stufen des Altars, unter dem in gewölbter Gruft die Toten ruhten – nun sind die Grabsteine fort, und die Gruft ist verschüttet. Aber anderes ist geblieben. Über der niedrigen Sakristeitür, zur Linken des Altars, befindet sich das beinah lebensgroße Bildnis Kaspars von Uchtenhagen, desselben, von dem die Sage erzählt, daß Bosheit ihn vergiftet habe. Das Bild ist, mit Rücksicht auf die Zeit, in der es entstand, eine vorzügliche Arbeit. Beschreib ich es. Ein Tischchen steht zur Seite, mit einer roten Decke darüber; auf dem Tische liegt die hohe Sammetmütze des Knaben, in Form und Farbe den Otterfellmützen nicht unähnlich, denen man noch jetzt in den Oderbruchgegenden begegnet; vor dem Tisch aber steht der Knabe selbst, blaß, durchsichtig, mit schmalen Lippen und rotblondem Haar, ein feines Köpfchen, klug und durchgeistigt, aber wie vorausbestimmt zu Leid und frühem Tod. Seine Kleidung zeigt reicher Leute Kind. Über dem roten Unterkleid trägt er einen grünen Überwurf mit reichem Goldbesatz, und eine getollte Halskrause, weiße Ärmelchen und schwarze Sammetschuhe vollenden seine Kleidung und Erscheinung. In der Rechten hält er eine schöne, große Birne, während ein Bologneser Hündchen bittend, liebkosend an ihm emporspringt. Die Umschrift aber lautet: »Da ich, Kaspar von Uchtenhagen, bin gewest diesergestalt, war ich viertehalb Jahr alt Anno 1597, den 18. November.«

Es ist ersichtlich, daß dies überaus anziehende Bild, das wirklich eine Geschichte herauszufordern scheint, die äußere Veranlassung zu jener Sage gegeben hat, die ich bereits erzählt habe. Die Birne, das Hündchen, der Ausdruck von Wehmut in den Zügen, dazu der frühe Tod – es hätte, der Kiezer und ihrer sagenbildenden Kraft ganz zu geschweigen, in den Herzen der Freienwalder selbst kein Fünkchen Poesie lebendig sein müssen, wenn sie sich die Gelegenheit hätten entgehen lassen wollen, aus so dankbarem und so naheliegendem Stoff eine Sage ins Leben zu rufen.

Wir freuen uns, daß die Sage da ist, möchten sie nicht missen, aber sie ist eben Sage und nicht mehr. Der Beweis ist mit Leichtigkeit zu führen. Das Bildnis selbst belehrt uns in seiner Umschrift, daß es gemalt wurde, als Kaspar von Uchtenhagen ist »vierthalb Jahre alt gewest«. Er muß also, da wir die Birne auf diesem Bilde bereits erblicken, besagte Birne, wenn er sie überhaupt aß, mit viertehalb Jahren gegessen haben. Kaspar von Uchtenhagen starb aber erst sechs Jahre später, und würden wir, um der Sage gewaltsam eine historische Grundlage zu geben, durchaus annehmen müssen, daß die durch Brauen von Gifttränken niemals berühmt gewesene Mark Brandenburg eine selbst Italien überbietende Meisterschaft in der Aqua-Tofana-Kunst besessen habe.

Kaspar von Uchtenhagen, wie uns sein eigen Bild am besten belehrt, starb einfach daran, daß seine Seele von Geburt an in einem halbverklärten Leibe gewohnt hatte. Er starb und ward in »der Gruft unterm Altar beigesetzt«. An der hintern Wandung des Altars aber, schlecht übermalt und minder gut erhalten als das erste, bereits beschriebene Bildchen, begegnen wir einem zweiten Bilde des Knaben, das ihn uns zeigt, wie der nunmehr Neunjährige, blaß und die Ruhe des Todes auf der Stirn, im offenen, blumenüberstreuten Sarge liegt. Er trägt ein weißes Sterbehemd und in dem glatt anliegenden Haar einen blühenden Rosmarinkranz; um den Hals aber schlingt sich ein schwarzes Band, daran, bis zur Brust hernieder, eine Schaumünze und ein länglich viereckiges Medaillon hängt. Eine Unterschrift gibt Tag und Stunde seines Todes; die Wappen der Sparrs und der Uchtenhagens schieben sich in die oberen Ecken des Bildes ein, und daneben lesen wir, nicht ohne an den Vollklang lateinischer Kirchenlieder erinnert zu werden:

Ah tibi Jesu lectulum
In me para mollissimum,
Meo quiesce pectore
Et intime servabo te;

Worte, denen als deutscher Text der dreizehnte Vers von Luthers Liede »Vom Himmel hoch, da komm ich her« beigefügt ist:

Ach mein herzlich Jesulein
Mach dir ein rein sanft Bettelein,
Zu ruhen in meins Herzens Schrein,
Daß ich nimmer vergesse dein.

Noch wenige Worte. Kaspar von Uchtenhagen ruhte bereits länger denn zweihundert Jahr in der Gruft seiner Väter, und wenige waren es, die nach dem Bilde hinterm Altar blickten. Das blasse Gesicht und der Rosmarinkranz im Haar rührten kein Herz mehr, und kaum jemand existierte, für den die Schaumünze und das Medaillon, die auf dem Herzen des Knaben ruhten, eine Bedeutung gehabt hätten. Man nahm sie als Ornament, als Einfall des Malers. Da, während der zwanziger oder dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, als ein Umbau nötig geworden, stiegen die Uchtenhagens noch einmal aus ihrer Gruft an das Tageslicht hinauf, und in langer Reihe, das Kirchenschiff hinunter, standen ihre Kupfer- und Eichensärge. Vor dem Altar aber stand ein kleiner Sarg, der Sarg Kaspars von Uchtenhagen. Man nahm den Deckel ab, und siehe da, da lag das Kind ganz wie auf dem Bilde mit Kranz und Krause. Erst bei der Berührung zerfiel alles zu Staub, und Form und Hülle waren hin. Aber das schwarze Seidenband hielt noch, und an dem Seidenbande hingen, wie das Bildnis es zeigt, eine Schaumünze und ein Medaillon. Beide werden aufbewahrt und sind eine Sehenswürdigkeit von Stadt und Kirche. Die Schaumünze hat das übliche Ansehn, das Medaillon aber, etwa anderthalb Zoll lang und einen Zoll breit, ist in zierlichster Weise den Formen eines alten Gebetbuches nachgebildet, mit geripptem Rücken und zwei kleinen Klammern daran. Diese Klammern sind festgenietet und öffnen also weder sich selbst noch das Buch, wohl aber bewegt sich an der Stelle, die dem Schnitt des Buches entsprechen würde, ein kleiner Schieber hin und her und ermöglicht, eine Reliquie oder eine geweihte Hostie in das Büchelchen hineinzulegen. Nichts der Art indessen ward an jenem Tage, wo die Särge noch einmal ans Licht emporstiegen, in dem goldenen Büchelchen gefunden, und nur ein Zettel fiel heraus, auf dem geschrieben stand: »Psalm 63, 10.« Diese Stelle aber lautet: »Sie stehen nach meiner Seele, mich zu überfallen«, und die darin liegende Hindeutung hat der alten Sage, wie sie vorstehend erzählt wurde, zu neuem Leben verholfen.

Ja, sie wächst wieder. Um Mitternacht, so heißt es jetzt, glühen die Fenster der alten Kirche plötzlich in rotem Lichte auf, und die Gestalt Kaspars von Uchtenhagen in weißem Sterbekleide und mit glatt anliegendem Haar tritt vor den Altar und spricht leis, aber vernehmlich das Kirchenschiff hinunter:

»Alle Liebe ist nicht stark genung,
Ich muß doch sterben und bin so jung.«

Und wenn der Ruf verhallt ist, erlischt der rote Schein in den Fenstern, und alles ist wieder wie zuvor.

So erzählen Sage und Geschichte vom alten Geschlecht der Uchtenhagen.

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