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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Freienwalde

1. Von Falkenberg nach Freienwalde. Die Stadt. Der Ruinenberg. Monte Caprino

Hier schmucke Häuschen, schimmernd
Am grünen Bergeshang;
Dort Sicheln und Sensen, blitzend
Die reiche Flur entlang;
Und weiterhin die Ebne,
Die stolz der Strom durchzieht...
Uhland
Nehmt, Kinder, nehmt! Es ist kein Traum!
Es kommt aus Gottes Haus.
W. Müller

Freienwalde – hübsches Wort für hübschen Ort. Seine Rechtschreibung schwankt; aber ob wir Freienwalde schreiben (von »frei im Wald«) oder Freyenwalde (von Freyja im Wald), in den Marken gibt es wenig Namen von besserm Klang.

Viele Wege führen hin; dies hat es mit berühmteren Plätzen gemein. Wir wählen heute nicht die kürzeste Strecke quer über das Plateau des Barnim, sondern die üblichste, über Neustadt-Eberswalde, die trotz des Umweges am raschesten zum Ziele führt. Bis Neustadt Eisenbahn, von da aus Post. Der Neustädter Postillon, einer von den alten, mit zwei Tressen auf dem Arm, bläst zum Sammeln, und während links die weiße Wolke des dampfenden Zuges am Horizont verschwindet, biegt unser Postwagen rechts in die Chaussee ein, die uns auf der ersten Hälfte des Weges abwechselnd über Tal und Hügel, dann aber vom schönen Falkenberg aus, am Fuße des Barnim-Plateaus hin, dem Zielpunkt unserer Reise entgegenführt.

Wie oft bin ich dieses Wegs gekommen. Um Pfingsten, wenn die Bäume weiß waren von Blüten, und um Weihnachten, wenn sie weiß waren von Schnee; heut aber machen wir den Weg zur Pflaumenzeit und freuen uns des Segens, der lachend und einladend zugleich an den gestutzten Zweigen hängt. Es ist um die vierte Stunde, der Himmel klar, und die niedersteigende Sonne kleidet die herbstliche Landschaft in doppelt schöne Farben. Der Wagen, in dem wir fahren, hindert uns nicht, uns des schönen Bildes zu freuen; es ist keine übliche Postchaise mit Ledergeruch und kleinen Fenstern, es ist einer von den großen Sommerwagen, ein offenes Gefährt mit zwanzig Plätzen und einem »Himmel« darüber, der auf vier Stangen ruht. Dieser »Himmel« – die Urform eines Baldachins, der Wagen selbst aber dem alten Geschlecht der Kremser nah verwandt, an deren Stelle mehr und mehr das Kind der Neuzeit, »der Omnibus«, zu treten droht.

In leichtem Trabe geht es auf der Chaussee wie auf einer Tenne hin, links Wiesen, Wasser, weidendes Vieh und schwarze Torfpyramiden, rechts die steilen, aber sich buchtenden Hügelwände, deren natürlichen Windungen die Freienwalder Straße folgt. Aber nicht viele befinden sich auf unserem Wagen, denen der Sinn für Landschaft aufgegangen; Erwachsene haben ihn selten, Kinder beinah nie, und die Besatzung unseres Wagens besteht aus lauter Kindern. Sie wenden sich denn auch immer begehrlicher dem näher liegenden Reiz des Bildes, den blauen Pflaumen, zu. In vollen Büscheln hängen sie da, eine verbotene Frucht, aber desto verlockender. »Die schönen Pflaumen«, klingt es von Zeit zu Zeit, und sooft unser Kremser den Bäumen nahe kommt, fahren etliche kleine Hände zum Wagen hinaus und suchen die nächsten Zweige zu haschen. Aber umsonst. Die Bewunderung fängt schon an in Mißstimmung umzuschlagen. Da endlich beschleicht ein menschliches Rühren das Herz des Postillons, und auf jede Gefahr, selbst auf die der Pfändung oder Anzeige, hin links einbiegend, fährt er jetzt mit dem wachsleinenen Baldachin mitten in die Zweige des nächsten Baumes hinein. Ein Meistercoup. Wie aus einem Füllhorn fällt es von Front und Seite her in den offenen Wagen; alles greift zu; der Kleinste aber, ein Blondkopf, der vorne sitzt und die Leine mit halten durfte, als führ er selber, deklamiert jetzt auf den schmunzelnden Postillon ein: »Das ist der Daum, der schüttelt die Pflaum«, und an Landhäusern und Wassermühlen, an Gärten und Fischernetzen vorüber geht es unter endloser Wiederholung des Kinderreims, in den der ganze Chorus einfällt, in das hübsche, aber holprige Freienwalde hinein.

Freienwalde ist eine Bergstadt, aber nicht minder ist es ein Badeort, eine Fremdenstadt. Wir haben erst eine einzige Straße passiert und schon haben wir fünf Hôtels und eine Hofapotheke gezählt; noch sind wir nicht ausgestiegen, und schon rasseln andere Postwagen von rechts und links heran; das Blasen der Postillone nimmt kein Ende; Herren in grünen Reiseröcken und Tiroler Spitzhüten wiegen sich auf ihren Stöcken und umstehen das Posthaus, bloß in der vagen Hoffnung, ein bekanntes oder gar ein hübsches Gesicht zu sehen; Hausknechte erheben ihre Stimme zu Ehren der »Drei Kronen« oder der »Stadt Berlin«, und die ersten Anfänge des Ciceronetums, rätselhafte Gestalten in Hausröcken und Strohmützen, stellen sich schüchtern dem Neuankommenden vor und erbieten sich, ihm die Schönheiten der Stadt zu zeigen. Nur der fliegende Buchhändler fehlt noch, der die »Schönheiten Freienwaldes«, besungen und lithographiert, mit beredter Zunge anzupreisen verstände.

Freienwalde ist ein Badeort, eine Fremdenstadt, und trägt es auf Schritt und Tritt zur Schau; was ihm aber ein ganz eigentümliches Gepräge gibt, das ist das, daß alle Bade- und Brunnengäste, alle Fremden, die sich hier zusammenfinden, eigentlich keine Fremden, sondern märkische Nachbarn, Fremde aus nächster Nähe, sind. Dadurch ist der Charakter des Bades vorgeschrieben. Es ist ein märkisches Bad und zeigt als solches in allem jene Leichtbegnüglichkeit, die noch immer einen Grundzug unseres märkischen Wesens bildet. Und zwar mehr noch, einzelne Residenzausnahmen zugegeben, als wir selber wissen. Freienwalde ist kein Roulette- und Equipagenbad, kein Bad des Rollstuhls und des galonierten Bedienten, am wenigsten ein Bad der fünfmal gewechselten Toilette. Der breite Stempel, den die echten und unechten Engländer seit fünfzig Jahren allen europäischen Badeörtern aufzudrücken wußten, hier fehlt er noch, hier ist der komplizierte »Breakfast-Tisch« noch ein kaum geahntes Geheimnis, hier wird noch gefrühstückt, hier sucht noch kein grüner und schwarzer Tee die alte Herrschaft des Morgenkaffee zu untergraben, hier herrscht noch die vaterländische Semmel und weiß nichts von Buttertoast und Muffin, des Luftbrotes (aërated bread) und anderer Neuerungen von jenseit des Kanals ganz zu geschweigen.

Und einfach wie die Frühstücksfrage, so löst sich auch die Frage des Kostüms. Der Shawl, der früher eine Mantille, oder die Mantille, die früher ein Shawl war, der Hut mit der neuen »Rüsche«, der Handschuh, der dreimal durch die Brönnerprobe ging – hier haben sie noch Hausrecht, und das zwölf Jahr gediente Leihbibliothekenbuch, hier ruht es noch frei und offen auf dem Antimakassar-Stuhl, mit der ganzen Unbefangenheit eines guten Gewissens. Nichts von Hyperkultur, wenig von Komfort. Während überall sonst ein gewisser Kosmopolitismus die Eigenart jener Städte, die das zweifelhafte Glück haben, »Badeörter« zu sein, abzuschwächen oder ganz zu verwischen wußte, ist Freienwalde eine märkische Stadt geblieben. Kein Wunder. Nicht der Welttourist, nur die Mark selber kehrt hier zum Besuche bei sich ein.

Freienwalde, wie wir sahen, ist eine Bergstadt; kleine Bergstädte aber sind selten die Stätten einer glänzenden Architektur. Die Häuser, überall ein »bestes Plätzchen« suchend, schaffen mehr Gassen und Winkel als eigentliche Straßen, und das Beste, was wir von Freienwalde zu sagen wissen, ist, daß es von dem bedenklich-pittoresken Vorrechte derartiger Bergstädte keinen allzu starken Gebrauch macht. Die Budengasse, der Seidene Beutel, der Köter- oder Rosmarinweg sind freilich Lokalitäten, die dem Klange ihres Namens so ziemlich gleichkommen, aber der Marktplatz mit seiner kahlen Geräumigkeit macht vieles wieder gut. Mehr als gut. Weite hier und Enge dort hätten sich gegenseitig aushelfen können.

Die Schönheit der eigentlichen Stadt ist mäßig, ihr Reiz liegt draußen auf den Bergen. Diesen Bergen verdankt es alles, was es ist: von dort aus kommen seine Quellen, und von dort aus gehen die Fernsichten ins Land hinein. Wer nicht kommt, um hier die Eisenquelle zu trinken, der kommt doch, um einen Blick in die »Märkische Schweiz« zu tun. Und diesen Freienwalder Bergen, den Hütern, Wächtern und zum Teil Ernährern der Stadt, schreiten wir jetzt zu.

Zunächst der Ruinenberg. Er erhebt sich unmittelbar im Rücken der Stadt und hat mit dem bekannten Potsdamer »Brauhausberge« das eine gemein, daß er, wie dieser, die älteste Aussichtsfirma und nach Ansicht vieler auch noch immer die bestfundierte repräsentiert. Er ist am leichtesten zu ersteigen. Das ist eins, was ihn empfiehlt. Bequeme Terrassen bilden den Weg, so daß man die Höhe plaudernd erreicht, als erstiege man die Treppen eines Renaissanceschlosses. Der Blick vom Ruinenberg aus hat nur in Front eine Bedeutung, wo man zunächst auf die malerisch in der Tiefe liegende Stadt, dann über die Türme und Dächer hinweg in die duftige Frische der Bruchlandschaft herniederblickt. Wie ein Bottich liegt diese da, durchströmt von drei Wasserarmen: der Faulen, Alten und Neuen Oder, und eingedämmt von Bergen hüben und drüben, die, wie ebenso viele Dauben, die grüne Tiefe umstehn. Meilenweit nur Wiesen; keine Fruchtfelder, keine Dörfer, nichts als Heuschober, dicht und zahllos, die, immer kleiner und grauer werdend, am Horizonte endlich zu einer weidenden Herde zusammenzuschrumpfen scheinen. Nur Wiesen, nur grüne Fläche; dazwischen einige Kropfweiden; mal auch ein Kahn, der über diesen oder jenen Arm der Oder hingleitet, dann und wann ein mit Heu beladenes Fuhrwerk oder ein Ziegeldach, dessen helles Rot wie ein Lichtpunkt auf dem Bilde steht. Der Anblick ist schön in seiner Art, und wessen Auge krank geworden in Licht und Staub und all dem Blendwerk großer Städte, der wird hier Genesung feiern und dies Grün begrüßen, wie ein Durstiger einen Quell begrüßt. Aber der Anblick, so erlabend er ist, erleidet doch Einbuße durch seine Monotonie. Erst weiter südwärts, nach Frankfurt zu, verändert das Bruch seinen Charakter, erweitert ihn und schafft ein Bild voll Schönheit und Fruchtbarkeit, wie es die Mark in dieser Vereinigung nicht zum zweiten Male besitzt.

Der Ruinenberg blickt weit ins Bruch hinein. Wodurch er sich indessen von den Nachbarbergen am wesentlichsten unterscheidet, das ist der schon erwähnte Blick auf das ihm zu Füßen liegende Freienwalde. Außerdem hat er seine historischen Traditionen, Erinnerungen, denen wir es nicht zum Bösen anrechnen wollen, daß sie sich in sagenhafte Vorzeit verlieren. Es hat dies folgenden Zusammenhang. Bei Nachgrabungen, die im Spätherbst 1820 hier angestellt wurden, stieß man, etwa vier Fuß tief unter der Erde, auf Fundamente, die nach sorglicher Ausmessung eine Länge von 136 Fuß ergaben. Es war just die Zeit, wo man hierlandes, über das »wendische Interregnum« hinaus, alles auf Langobarden- und Semnonentum zurückzuführen trachtete. Und das Badecomité, wie alle Badecomités, stand natürlich auf der Höhe seiner Zeit. Die Folge davon war, daß seitens desselben das 136 Fuß lange Fundament ohne weiteres als die Seitenwand eines Freyja-Tempels festgestellt und, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagend, jeder Streit über »Freienwalde« oder »Freyenwalde« ein für allemal zugunsten der letzteren Version entschieden wurde. Das Fundament selbst aber, alsbald ans Licht geschafft, erfuhr eine doppelte Verwendung. Die eine Hälfte ward als Mauerbruchstück aufgerichtet und erhielt eine Tafel mit der Geschichte der Auffindung des Freyja-Tempels, während die andere Hälfte, ebenfalls nach Sitte der Zeit, als künstlicher »Ruinenturm« in eine neue Phase des Daseins trat. Inschrift: »Wie schön ist Gottes Erde.«

Unser nächster Besuch gilt dem Ziegenberg, früher »Zickenberg«, der sich jedoch an seiner einfachen Erhebung ins Hochdeutsche nicht genügen ließ und in einen »Monte Caprino« verwandelt wurde. Von seiner Höhe blickt man ebenfalls in die Bruchlandschaft hinein, aber die Stadt im Vordergrunde fehlt. Dies mag uns Veranlassung geben, die sich um Freienwalde herumgruppierenden Bergpartien auf ihre Formation hin ein wenig näher anzusehen. Ihre Eigentümlichkeit besteht nämlich darin, daß sie, wiewohl frei und offen daliegend, doch zugleich einen sehr exklusiven Charakter haben und untereinander, wenigstens landschaftlich, in gar keiner oder sehr geringer Verbindung stehn. Wir beschreiben diese hufeisenförmigen Täler vielleicht am besten, wenn wir sie als ebenso viele Amphitheater bezeichnen. Da alle diese Amphitheater am Bruche entlang liegen und nach vorn hin geöffnet sind, so ist der Blick auf das Bruch das allen Gemeinsame; alles das aber, was sie von rechts und links her mit ihren Flanken umspannen, ist ihre jedesmalige Spezialität und kann nur von den verschiedenen Plätzen des eignen, nicht aber von den Plätzen des angrenzenden Amphitheaters aus gesehen werden.

Wenn wir den Ruinenberg die »älteste Firma« nannten, so ist der Monte Caprino die jüngste. Professor Valentini, manchem unsrer Leser aus alten Berliner Tagen her bekannt, hat dem Städtchen, in das er sich zurückzog, diesen Berg erobert und die höchste Kuppe desselben in die Liste der Freienwalder Schönheiten eingereiht. Wofür ihm zu danken. Ob wir ihm auch für das Häuschen zu danken haben, das unter dem Namen »Valentinis Ruh« sich an höchster Stelle des Berges erhebt und, mit blau und roten Gläsern ausstaffiert, den Besucher auffordert die Wiesenlandschaft abwechselungshalber auch mal blau und rot auf sich wirken zu lassen, ist ungewiß. Als desto gewisser aber wird es gelten können, daß die doppelspaltige, fünf Fuß hohe Inschrift des Häuschens auf den Professor allerpersönlichst zurückgeführt werden muß. Wer hier gestanden und diesen Versen gegenüber nach Verständnis gerungen, denkt mit Wehmut an den Ruinenberg und den kurzgefaßten Höltyschen Nachklang zurück.

Wenige freilich werden angesichts dieser lachenden Landschaft Lust bezeugen, unsern alten Professor auf die Monte-Caprino-Höhe seines mißverstandenen Pantheismus zu begleiten, wenige werden ihn lesen, und sie tuen recht daran. Aber eine Aufgabe, deren sich der freie Wandersmann entschlagen kann, wird zur unabweislichen Pflicht für den ex officio Reisenden, der lesen muß und der in nachstehendem aphoristisch enthüllt, was er an Ort und Stelle gewissenhaft verzeichnet hat. Das Ganze ist ein ins Religiöse hinüberklingender Naturhymnus, in dem Logik und Grammatik, wie der Lahme und Blinde, einen wunderlichen Wettlauf anstellen. »Gott ist die Seele seiner Schöpfung, in der Er sich gleichsam wie in ein herrliches Gewand hüllt.« Dieser Dativ überrascht. Aber Valentini bringt alles wieder ins Gleichgewicht. »Wie ein freundlicher Talisman erhält uns die Religion über die Wellen im Schiffbruch des Lebens.« So vollzieht er in seinem eignen Hymnus einen Akt der Gerechtigkeit und zahlt schließlich dem Akkusativ die Schuld zurück, die er anfangs bei ihm eingegangen.

Denken wir milde darüber, hat er doch selber seitdem die letzte Schuld gezahlt. Auf »Valentinis Ruh« rasten jetzt andere; er selber aber ist, am Fuße des Hügels, längst eingegangen zu dauernder Ruh.

2. Falkenberg

Da liegt zu Füßen ein schimmernd Bild,
An die Berge geschmiegt das weite Gefild,
Falter fliegen im Sonnenstrahl.
Paul Heyse

Etwa wie sich Heringsdorf zu Swinemünde verhält, so verhält sich Falkenberg zu Freienwalde. Ein Dorf, das, durch seine schöne Lage, vielleicht auch durch den schlichten Zauber des Ländlichen bevorzugt, dem eigentlichen Badeorte gefährlich zu werden droht. So dort wie hier. Und wie sich zwischen Heringsdorf und Swinemünde ein tannenbekränzter Dünenrücken zieht, der von seinen höchsten Punkten einen prächtigen Blick in die grünliche See hinaus gestattet, so ziehen sich zwischen Freienwalde und Falkenberg die steilen, tannen- und laubholzbesetzten Abhänge des Barnim-Plateaus, dessen Kuppen meilenweit in das grüne Bruchland herniedersehen.

Der Weg von Freienwalde nach Falkenberg ist begreiflicherweise derselbe wie von Falkenberg nach Freienwalde; wir fahren also, am Fuße des Plateaus hin, denselben malerischen Weg zurück, auf dem wir im vorigen Kapitel Freienwalde entgegenfuhren. Die Pflaumenbäume sind noch dieselben wie am Tage vorher, aber nicht nur die Kinder fehlen, deren Übermut wir etwas zugute halten durften, auch der Baldachin fehlt, dessen ausgezackte Wachsleinwand gestern die Pflaumen von den Bäumen harkte. Ohne Erlebnis, ohne Lärm und Jubel, nur dem stillen Eindruck der Landschaft und der Herbstesfrische hingegeben, beenden wir unsern Weg und biegen jetzt, mit plötzlicher Schwenkung nach links, in die Falkenberger Dorfstraße ein. Bis dahin am Rande der Berge fahrend, sind wir mit Hülfe dieser Biegung nicht nur in das Dorf, sondern auch in die Berge selbst geraten. Die steile Wand, die eben noch frei ins Bruch blickte, blickt jetzt auf eine Hügelwand gegenüber; das Bild hat seinen Charakter geändert, und unser Weg ist ein Hohlweg, eine Schlucht geworden. In dieser Schlucht liegt Falkenberg. Die einschließenden Berge gewähren die schönste und wechselndste Aussicht; der Abhang rechts blickt in das Bruch, die Wände und Kuppen zur Linken aber blicken in die Verschlingungen und Kesseltiefen der eigentlichen Wald- und Berglandschaft hinein.

Ehe wir indessen diese Wände und Kuppen ersteigen, um von ihnen aus Umschau zu halten, steigen wir in die zuunterst gelegene Gasse des Dorfes nieder, wohin uns die weiße Wand und mehr noch der melodische Lärm einer Wassermühle lockt. Dort sind wir willkommen. Wir nehmen Platz neben der Tür, und die Steinbrücke vor uns, unter der hinweg der Mühlbach schäumt, pickende Hühner um uns her und Sommerfäden in der Luft, so rasten wir und plaudern von Falkenberg und seinen Bewohnern.

Falkenberg ist doppellebig. Seine Natur bringt das so mit sich, und während es die Wiesen zu einem Bruchdorfe machen, machen es die Berge mit ihren Quellen und schattigen Plätzen zu einem Brunnen- und Badedorf. Im Einklang mit dieser Doppellebigkeit unterscheiden wir denn auch einen Sommer- und einen Winter-Falkenberger.

Der Winter-Falkenberger oder der Falkenberger außerhalb der Saison ist ein ganz anderer wie der Sommer-Falkenberger oder der Falkenberger in der Saison. Der Winter-Falkenberger ist ganz Märker, das heißt ein Norddeutscher mit starkem Beisatz von wendischem Blut. Er ist fleißig, ordentlich, strebsam, aber mißtrauisch, eigensinnig und zu querulieren geneigt. Hört man ihn selbst darüber sprechen, so hat er freilich recht. Die Heuwirtschaft bleibt doch immer die Hauptsache für ihn, das Fundament seines Wohlstandes, und seine Wiese, dies Stück Bruchland, ist mit Abgaben überbürdet. »Die Verwallung«, so hebt der Winter-Falkenberger an, »hat uns Gutes gebracht, aber auch viel Böses. Sonst stand das Wasser auf unsern Wiesen, und wir hatten eine unsichere oder auch gar keine Heuernte; jetzt haben wir die Eindeichung und bringen unser Heu trocken herein, aber wir müssen für den Deich, der uns schützt, eine so hohe Abgabe oder Beisteuer zahlen, daß mancher schon gedacht hat: ohne Deich wär es besser. Unser ganzes Unglück ist, daß sie ›da oben‹ die Abgaben und die Beisteuer ungerecht verteilen. Die Herren von der Regierung sagen: ›Wir haben den Damm gebaut und das Oderbruch trockengelegt. Wo wir das Bruch von vielem Wasser befreit haben, da muß auch viel gezahlt werden, und wo wir es von wenig Wasser befreit haben, da wird auch nur wenig bezahlt.‹ Das klingt sehr schön und sehr gerecht, ist aber Ungerechtigkeit von Anfang bis Ende. Hier bei uns stand das Wasser alle Frühjahr am höchsten, elf Fuß hoch und drüber, während es in andern Teilen des Bruches, und zwar in den besten und reichsten, nur einen Fuß hoch stand. Was geschieht nun? Wir müssen das Elffache bezahlen, denn man hat uns ja von der elffachen Wassermasse befreit. Aber überschwemmtes Land ist überschwemmtes Land, und es ist ganz gleich, ob das Wasser einen Fuß oder elf Fuß hoch auf Wiese und Acker gestanden hat.«

So der Winter-Falkenberger. Ich habe ihm anfänglich alles geglaubt und ihn wochenlang als ein Opfer des Deichverbandes oder gar einer Regierungslaune angesehen, bis ich schließlich mich überzeugt habe, daß das »wendische Blut« ihn doch auf falsche Wege geführt und ihn bitterer und eigensinniger gemacht hat als nötig. Die Sache ist nämlich die: Bruchländereien, in denen das Wasser vordem elf Fuß hoch zu stehen pflegte, genossen das traurige Vorrecht, alle Jahre überschwemmt zu werden, während Ländereien mit einem Fuß Wasser jahrelang von jeder Überschwemmung befreit blieben. Ein Fuß Wasser oder elf Fuß Wasser ist freilich gleichgültig, aber die Elf-Fuß-Wasser-Leute hatten eben das Wasser immer, während es die Ein-Fuß-Wasser-Leute vielleicht nur alle elf Jahre hatten. Müssen aber doch alljährlich ihre Beisteuer zahlen.

Der Winter-Falkenberger ist märkisch, der Sommer-Falkenberger ist thüringisch, eine Art Ruhlenser: freundlich, gebildet, entgegenkommend. Der Vorübergehende bietet guten Tag, gibt Auskunft, zeigt den Weg. Überall gute Form und gute Sitte, eine »Manierlichkeit«, wie sie sonst in den Marken, zumal in den Odergegenden, nicht leicht betroffen wird. Diese Manierlichkeit ist freilich zum guten Teil etwas bloß Angenommenes, aber doch nicht allein. Der modelnde Einfluß, den die Wohnstätte des Menschen auf den Menschen selber übt, zeigt sich auch hier. Die Falkenberger, solange sich ihr Auge nur auf Wasser und Wiese richtete, blieben wendisch-märkische Fischersleute von altem, etwas gröblichem Schrot und Korn; von dem Augenblick an aber, wo sie sich um die Sommerzeit ihren Bergen zuwandten, begann auch der Anblick des Schönen den Formensinn zu bilden, die Sitte zu modeln, und unter dem Einfluß einer so nah gelegenen und doch so spät erst entdeckten thüringischen Natur entstand etwas von thüringischer Sitte, von sächsischem Schliff. – Welch Unterschied jetzt zwischen einem märkischen Sanddorf und diesem gebirgsdorfartigen Falkenberg! In jenem findet sich nur, was nötig, im glücklichsten Falle, was nützlich ist, aber nichts von dem, was ziert und schmückt. Zieht sich nichtsdestoweniger eine Allee durch solch ein Sanddorf hin, so darf man sicher sein, daß sie ein Befehl ins Leben gerufen hat. Der freie Wille, der eigene Trieb der Dörfler hätte sie nie gepflanzt. Wie anders hier. Um die alten Obstbaumstämme rankt sich der sorglich gepflegte Efeu am Gitterdraht, Weingänge laufen an der Rückfront der Häuser hin, der Ebereschenbaum lehnt sich an den Vorbau der Häuser, und Bank und Laube haben ihren bestimmten Platz. Der Brunnen, das Bienenhaus, Kleines und Großes fügt sich malerisch in das Ganze ein, denn der Sinn für das, was gefällt, ist lebendig geworden und wirkt selbständig-tätig in jedem Moment.

Aber freilich Anleitung und Schulung ging dem »Selbständig-tätig-Sein« der Falkenberger voraus, und das Beste nach dieser Seite hin verdanken sie wohl dem Natur- und Schönheitssinn ihres nächsten Nachbars, des Besitzers von Cöthen, eines Dorfes, dessen Bergpartien und Hügelabhänge den malerischen Rahmen des mehr in der Tiefe gelegenen Falkenbergs bilden.

In dies Cöthener Bergterritorium hinein ermöglichen sich nun, als vorzüglichster Reiz eines Falkenberger Aufenthalts, allerhand Ausflüge und Partien. Wir treffen aber wohl das Richtige, wenn wir nur drei Punkte besonders namhaft machen und ihnen den Preis der Schönheit zuerkennen. Es sind dies die Karlsburg, die Idas-Eiche und der Cöthener Park. Einer kurzen Beschreibung derselben schick ich eine Beschreibung des ihnen gemeinschaftlichen Terrains voraus. Dieses Terrain ist ein nach vorn hin geöffnetes Kesseltal und hat die Form eines Hufeisens oder eines griechischen Omega. Auf der geschlungenen Berglinie, die das Kesseltal bildet, befinden sich Kuppen, unter denen die zumeist nach vorn hin gelegenen: die Karlsburg und die Idas-Eiche (a und b), mit Recht als die schönsten gelten. Am meisten zurück gelegen liegt das Dorf Cöthen (c). Von ihm aus zieht sich dann, an einem Bach oder Fließ entlang und von Bergwänden eingefaßt, der Cöthner Park bis an die Grenze des Falkenberger Gebiets.

Die Karlsburg, ein heiteres, villenartiges Gebäude, blickt von dem sogenannten Paschenberg aus in die Oderbruchlandschaft hinein. Was ihr als Aussichtspunkt einen besondern Reiz verleiht, ist die aparte Schönheit des Vordergrundes, des Dorfes Falkenberg selbst, über dessen Schluchten, Dächer und Türme hinweg der Blick zu der weiten, grünen Fläche des Bruches hinüberschweift. Leicht vom Dorf aus zu erreichen, ist, zumal um die Mittagsstunde, die Karlsburg der bevorzugte Platz der Falkenberger Sommergäste, und hier in Front des Hauses, unter dem säulengetragenen, geißblattumrankten Vorbau, klingen bei festlichen Gelegenheiten (die sich ja immer finden) die Gläser zusammen, und die bereitstehenden Böller donnern dazwischen und wecken das Echo in den Bergen.

Noch schöner ist die Idas-Eiche. Der Blick ins Bruch ist derselbe, der in die Berge aber umfaßt den ganzen Inhalt des zu Füßen liegenden Kesseltales: Berglehnen und geschlungene Wege, Laubholzgruppen, Häuser und Hütten. Man kann hier von einem Avers und Revers der Landschaft sprechen. Nach beiden Seiten hin ein gleich gewinnendes Bild. Was übrigens diesem Punkte seine begeistertsten Freunde wirbt, ist ein bloßes genrehaftes Beiwerk: eine breite Treppe, die sich spiralförmig um den alten Stamm der Eiche windet und oben in einen Rundtisch oder, poetischer, in eine »Tafelrunde« ausmündet. Die höchste Krone des Baumes spannt sich dann als Schirm über dieser gitterumfaßten Plattform, und wenn der Karlsburg, nach altem Herkommen, der helle Mittag gehört, so gehört der Idas-Eiche die Dämmerstunde, wenn »auf am Himmelsbogen die goldnen Sterne zogen«. Dann ist diese Plattform ein Balkon, wie ich hierlands auf keinem schöneren gesessen. Aus dem Dunkel des Waldes blinken einzelne Lichter herauf, am Horizonte, jenseits des Bruches, ziehen lichtweiße Streifen und verschwinden wieder – nichts ist wach als der Abendwind, der die Eiche, die uns trägt, in ein leises Schwanken bringt. Und das Geplauder wird stiller und stiller, bis es endlich schweigt. Immer heller funkeln die Sterne, immer weiter wird der Blick, bis endlich, wie aus Bann und Märchenschlummer, erst das Rasseln eines schweren Postwagens und dann das begleitende Posthorn uns weckt, das von der Falkenberger Berglehne her herüberklingt.

Der Cöthener Park. Von der Idas-Eiche bis Dorf Cöthen ist wenig weiter als 1000 Schritt, und die Cöthener Dorfstraße passierend, führt uns unser Weg unmittelbar an den Eingang des Parks. Er ist etwas altfränkisch und stammt noch aus einer Zeit, wo man gewissen perspektivischen Künsten den Vorrang einräumte vor der landschaftlichen Schönheitslinie. Marmorköpfe, über deren Bedeutung an der speziell von ihnen eingenommenen Stelle vielleicht immer ein Dunkel walten wird, blicken rätselhaft aus allerhand Felsgemäuer hervor, und Delphine und Löwen speien Wasser und lassen es sich nicht anfechten, daß ihre alabasterweißen Unterkiefer von Eisenocker längst braun geworden sind. Dazu Tempelchen und Muschelgrotten und all die Künste jener alten Parks, deren Musterstücken wir nach wie vor in Schwetzingen und Wörlitz begegnen. Dennoch hat dieser Cöthener Park seine Eigentümlichkeit, weil das Stück Natur eigentümlich war, das zu seiner Anlage genommen wurde. Es ist eine reich mit Laubholz, namentlich mit schönen Buchen, besetzte Schlucht, durch die sich ein Fließ, ein Bach, zieht. Dieser Bach, der in seiner künstlich vielfachen Verzweigung dem Parke hier und dort den Charakter eines Elsbruches gibt, ist in Wahrheit der Quell seiner Schönheit überhaupt. Er begleitet uns von Schritt zu Schritt und ist unser Führer durch die labyrinthischen Gänge. Und nicht genug damit, alle Minuten hält er an, um noch ein übriges für uns zu tun: hier stürzt er sich vom Wehr, aber nur, um an nächster Stelle schon als Springbrunnen wieder aufzusteigen; hier treibt er ein Wasserrad, dort speist er eine überlaufende Vase, und aus der langsam sich drehenden Scheibe daneben spritzen seine dünnen Strahlen zugleich als Schmuck und als treibende Kraft.

Am wenigsten glücklich ist der Park in Inschriften. Wir entschlagen uns ihrer aber und folgen lieber dem plätschernden Fließ, dessen Lauf uns nach einem kurzen Spaziergange durch die Mitte des umwaldeten Kesseltals in die malerisch verschlungenen Straßen von Dorf Falkenberg zurückführt.

3. Das Schloß

Dies weiße Häuschen find ich zum Entzücken,
Die Wand ist sauber bis hinauf zum Dache,
Und heitre Fenster sind es, die es schmücken.
B. von Lepel

Freienwalde hatte von alters her ein »Schloß«, erst ein Uchtenhagensches, dann ein kurfürstliches, zuletzt ein königliches.

Das Schloß, das die Uchtenhagens innehatten und in das sie wahrscheinlich einzogen, nachdem ihre Burg auf dem Schloßberge (siehe das entsprechende Kapitel) zerstört worden war, lag unmittelbar hinter der Freienwalder Kirche und blickte auf die Oder hinaus, die damals bis dicht an die Stadt herantrat. Eine Abbildung in Philipp von der Hagens »Beschreibung der Stadt Freienwalde« stellt höchstwahrscheinlich dies alte Uchtenhagensche Schloß dar. Woher er dies Bild genommen, darüber gibt er nicht Aufschluß. Es ist ein einfaches, beinah fensterloses Gebäude mit einem gotischen Erkerturm als einzigem Schmuck.

Das kurfürstliche Schloß, in unscheinbaren Resten noch erhalten, erhob sich an derselben Stelle, wo vorher, durch zwei Jahrhunderte hin, das eben beschriebene Stadtschloß der alten Uchtenhagen gestanden hatte. Der Große Kurfürst ließ es 1687 zu »künftigem bequemen Aufenthalte daselbst« erbauen. Näheres über diesen Bau aber: wann er beendigt wurde, wer daselbst residierte, hab ich nicht in Erfahrung bringen können. Die Nachrichten, die man am Orte selber einzieht, widersprechen einander, und ein Befragen der reichen »Freienwalder Literatur« fördert uns, das Günstigste zu sagen, um nicht viel. Nur soviel scheint gewiß, daß der ursprünglich als Jagd- oder Sommerschloß intendierte Bau weder vom Großen Kurfürsten noch von seinem Nachfolger, König Friedrich I., bewohnt, vielmehr sehr bald nach seiner Fertigstellung als königliches Amts-, später dann als städtisches Schul- und Rathaus benutzt worden ist.

Das königliche Schloß Freienwalde liegt nicht innerhalb der Stadt, sondern unmittelbar vor derselben, auf dem Wege zum Brunnen hinaus, fast am Fuße des ehemaligen Apothekerberges. Dieser Berg heißt jetzt der » Schloßgartenberg« und ist nicht mit dem »Schloßberg« zu verwechseln, der, halben Weges zwischen Freienwalde und Falkenberg gelegen, die Ruinen der alten Uchtenhagen-Burg auf seiner Kuppe trägt. »Die Gemahlin Friedrich Wilhelms II.«, so versichert Dr. Heidecker in seiner Beschreibung der Stadt Freienwalde, »fand die Lage dieses Berges so reizend, daß sie von 1790 an alljährlich mehrere Wochen während der Badezeit in Freienwalde zubrachte und das Haus des Oberförsters Wiprecht, das zu diesem Zweck erweitert und eingerichtet worden war, bewohnte. Sie ließ zugleich neben der Oberförsterwohnung eine geschmackvolle Sommerwohnung bauen, die aus einem Saale, vier Cabinets und einer Küche bestand – den jetzigen Pavillon

Dieser Pavillon genügte bis 1795, und erst als zwei Jahre später, nach dem inzwischen erfolgten Tode des Königs, die nunmehr verwitwete Königin ihren Lieblingssitz Freienwalde zu ihrem Witwensitze erhob, entstand das gegenwärtige »königliche Schloß«. Wahrscheinlich um 1800.

Die Frage drängt sich auf: Wie verflossen ihr hier die Tage ihrer Witwenzeit? Still, und deshalb nicht eingetragen in die Blätter der Geschichte. Aber einzelnes lebt doch in schriftlicher oder mündlicher Überlieferung fort, das uns einigermaßen in den Stand setzt, uns ein Bild dieser stillen Tage zu entwerfen. Die königliche Frau, ausharrend in ihrer Liebe für die Stadt, der sie seit Jahren ihre besondere Gunst geschenkt hatte, fuhr mit regem Eifer fort, sich die Verschönerung Freienwaldes angelegen sein zu lassen und besonders die Landschaft durch Zugänglichmachung ihrer schönsten Punkte zu erschließen. Zu einem solchen Erschließen« war auch in Freienwalde, wie überall im Lande, noch vollauf Gelegenheit gegeben. Denn der Sinn für die »schöne Landschaft« ist wie die Landschaftsmalerei von sehr modernem Datum. Namentlich in der Mark. Die eigentliche märkische Bevölkerung hat noch jetzt diesen Sinn beinah gar nicht, wovon sich jeder überzeugen kann, der an hübsch gelegenen Orten einer Vergnügungspartie märkischer Stadt- und Dorfbewohner beiwohnt. Sie sind ganz bei ihrem Vergnügen, aber gar nicht bei der »Landschaft«, der sie in der Regel den Rücken zukehren. Der Berliner »Sommerwohner« ist nicht deshalb so bescheiden in seinen Ansprüchen, weil ihm die märkische Natur nichts bietet, sondern weil es ihm schließlich gar nicht darauf ankommt, ob die Sache so oder so ist. Überall entstanden Partien und Promenaden, Eremitagen und Tempel. Abhänge wurden bepflanzt, dichte Waldpartien gelichtet und gerodet. Sie kaufte den »Poetenberg«, bepflanzte ihn mit Kastanien, mit Pappeln und Akazien und errichtete, wie uns überliefert wird, ein Haus im japanischen Geschmack, das den Namen »Otahaiti« erhielt. Man nahm es damals nicht so genau.

Wir könnten noch von vielen Verschönerungen dieser Art erzählen, deren Verdienstlichkeit es wenig Abbruch tut, daß das Maß ihrer Schönheit oft ein höchst bescheidenes oder zweifelhaftes war; wir ziehen es jedoch vor, uns nunmehr jenen Besuchs- und Familientagen von Schloß Freienwalde zuzuwenden, wo die »Kinder« von Berlin herüberkamen: der König, die Königin und mit ihnen die drei ältesten Enkel: Fritz, Charlotte und Wilhelm. Vieles im Schloß erinnert noch an jene Tage stillen Glücks, und besonders ist es »Kronprinz Fritz«, dessen Spuren sich verfolgen lassen. Es scheint fast, daß er oft längere Zeit bei der Großmutter zum Besuche war; er drechselte, spielte und kletterte im Park umher, und allerhand Anekdoten kursieren noch von alten, viel verfolgten Hofdamen, die, besonders an Winterabenden, auf dem Heimweg vom Schloß durch schattenhaftes Hinundherhuschen, durch Geraschel in den Zweigen und später am Abend durch Kratzen an der Haustür oder durch leises, gespenstisches Klingeln in ihrer Einsamkeit erschreckt wurden. Das interessanteste Überbleibsel aus jener Zeit aber ist ein Leierkasten, der damals dem Kronprinzen zum Geschenk gemacht wurde und dessen Hauptstück die Papageno-Arie war: »Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich.«

1805 starb die Königinwitwe, und das Schloß zu Freienwalde stand auf lange hin leer. Erst in den dreißiger Jahren hören wir wieder von bestimmten Besuchern. Prinzeß Luise Radziwill brachte hier die Sommermonate von 1836 zu; sie sehnte sich nach Stille, nach Ruhe, und sie fand sie hier.

Seit jener Zeit vergingen wohl nur wenige Sommer, wo das Schloß am Schloßgartenberg nicht auf längere oder kürzere Wochen seine Besucher gehabt hätte; aber eine Residenz, der Sitz eines Hofhalts, ist es seit den Tagen der Königinwitwe nicht wieder gewesen.

Wir treten nun an das Schloß selbst heran. Es hat mehr den Charakter eines stattlichen, geschmackvoll aufgeführten Privathauses als den eines Schlosses. Unter Laub und Blumen gelegen, aus denen, überall unterbrochen, die gelben Wände hervorleuchten, macht das Ganze einen durchaus heitern Eindruck, und doch heißt es auch von diesen Mauern: »Sie haben Leides viel gesehn.« Stilles Leid, aber um so tiefer vielleicht, je stiller es getragen wurde.

Von dem Innern des Schlosses gilt dasselbe, was von seiner äußern Erscheinung gilt: geräumige Zimmer sind da, aber weder breite Treppen noch lange Korridore, weder Hallen noch Säle. Ein Bau für eine Königin witwe, die sich selber leben will, nicht für eine Königin, die anderen leben muß. Ausschmückung und Herrichtung erweisen sich als die üblichen; nur statt des etwas nüchternen Stils der Außenseite begegnen wir einzelnen Anklängen an die viel verurteilte und doch so behagliche Rokokozeit. Chinesische Zimmer und Paradiesvogelzimmer wechseln untereinander ab, dazwischen Rosenstrauchtapeten und buntbedruckte Kattune. In den Zimmern zerstreut stehen alte Erinnerungsstücke, oft mehr absonderlich als schön und mehr bemerkenswert um der Personen willen, denen sie zugehörten, als um ihrer selbst willen. An solchen eigentümlichen Wertstücken sind die Schlösser der Hohenzollern reich, und wie in manchem andern, so gibt sich auch hierin eine Eigentümlichkeit ihres Hauses zu erkennen. Sie haben nämlich nicht das Bedürfnis, sich ausschließlich mit hoher, besternter Kunst zu umgeben, sondern gestatten mit Bereitwilligkeit, ja mit Vorliebe fast, auch dem Niedriggebornen in der Kunst, dem mit schüchterner Hand geschehenen Versuche, den Zutritt in ihr Haus. Wer die Zimmer kennt, die Friedrich Wilhelm III. zu bewohnen pflegte, wird diese Bemerkung am ehesten verstehn. Es spricht sich beides in dieser Erscheinung aus – ein Mangel und ein Vorzug. Die Hohenzollern waren nicht immer ästhetisch-feinfühlig, aber sie waren jederzeit human.

Zu diesen Betrachtungen gibt auch Schloß Freienwalde genügende Veranlassung. Da sind komplizierte »Strohnähtische« mit eingeflochtenen Namenszügen, da sind Stühle mit hochzuschraubenden Lehnen, da sind endlich Tische, aus deren Platten sich, durch Druck und Zug, Stehleitern vor dem erstaunten Auge aufrichten. Lauter Dinge, vor denen der eigentliche Kunstsinn erschrickt während ein freundlicher Sinn sie gelten läßt und sich am Streben freut. Aber, gut oder nicht, es sind nicht diese Schöpfungen, bei denen wir zu verweilen hätten. Wir treten lieber aus dem Paradiesvogelzimmer auf den Korridor hinaus und steigen einige Stufen treppab, um nach jenem besten Erinnerungsstück des Hauses zu suchen, das vor siebzig Jahren oder mehr der Jubel eines heiteren Prinzen und der Schrecken alter Hofdamen war. Wir meinen natürlich die Drehorgel. Da steht sie verstaubt im Keller. Wir legen die Kurbel an, die sich unter einem Ballen Flachs und Hede findet, und beginnen zu drehen. Aber die Harmonie ist hin. Die heiteren Töne springen nicht mehr elastisch vom Lager auf; lahm, gebrochen, verstimmt ziehen sie langsam durch die Luft und hallen düster und unheimlich von der Kellerwand zurück.

 

Schloß Freienwalde ist unbewohnt jetzt. Von Zeit zu Zeit hat es freilich noch seine Gäste, aber Laune und Zufall gefallen sich darin, die sommerliche Villa vor allem zu einem winterlichen Jagdschloß zu machen. Im Dezember, bei grauem Himmel, wenn Weg und Steg unter fußhohem Schnee liegen, dann wird es lebendig hier. Aber nur auf Stunden.

Dann, um Mitternacht, mit Peitschenknall und Schellengeläut, jagen Schlitten durch die Straßen der tief stillen Stadt, den Berg hinauf, den Park hindurch, bis vor das verschneite Schloß. Fackeln und Windlichter werfen ihren Schein auf die aussteigenden Gäste – hohe, heitere Gestalten, die den Schnee von ihren Pelzen schütteln. Sie treten auf wie solche, die hier zu Hause sind. Diener mit Taschen und Jagdgerät, mit Büchsensäcken von rotem Juchtenleder fliegen treppauf, alle Fenster werden hell, hinter den herabgelassenen Rouleaux bewegen sich einzelne Schatten, dann wieder wird es stiller, und nur von Zimmer zu Zimmer knarrt noch der Ton, womit der müde Fuß aus dem Stiefel fährt. Noch ein kurzer Befehl, eine »gute Nacht«, und alle Lichter löschen aus.

Eh der Tag graut, ist das Schloß wieder leer. Nur halbverwehte Schlittengeleise und lange Streifen, die die Spitze der Parforcepeitsche durch den Schnee zog, zeigen noch den Weg, den die Gäste auf ihrer Weiterfahrt genommen.

Und das Schloß liegt stiller da wie zuvor.

Alles, was kam und ging, war wie ein Traum.

4. Der Gesundbrunnen

Hier an der Bergeshalde
Verstummet ganz der Wind –
Die Zweige hängen nieder.
Th. Storm

»Der Freienwalder Gesundbrunnen liegt eine kleine Viertelmeile von der Stadt gen Süden hin, in einem von ziemlich hohen Bergen eingeschlossenen, anmutigen Tal; die Berge sind mit Eichen, Buchen, Fichten, auch niedrigem Baum- und Strauchwerk bewachsen und haben viele gute Kräuter.« So schrieb Thomas Philipp von der Hagen, dem wir die erste Beschreibung Freienwaldes verdanken, vor etwa hundert Jahren, und wir wüßten nicht, was wir an dieser Darstellung zu ändern hätten.

Aber wenn nicht das Brunnental selbst, so hat doch der Weg hinaus seinen Charakter verändert. Was damals eine »Allee« war, ist jetzt eine städtische »Straße« geworden, und hinter den schönen Lindenbäumen, die nach wie vor den Weg einfassen, erheben sich, des Schlosses und Schloßgartens zu geschweigen, allerhand Villen, Hôtels und Gärten, aus denen hervor im Mai die weißen Blüten und im September die roten Äpfel lachen. Der ganze Weg zum Brunnen hinaus der einen oder andern unserer Tiergartenstraßen nicht unähnlich!

Dieselben Hügelreihen, die den Weg zum Brunnen bilden, bilden schließlich auch das Brunnental selbst, das nichts anderes ist als eine etwas erweiterte Talschlucht, ein Kessel, zu dem sich der Weg verhält wie eine schmale Straße zu einem breiten Platz, auf den sie mündet.

Es ist ein Septembernachmittag. An Linden und Sommerhäusern, zuletzt an der reizend gelegenen Pappenmühle vorbei, über deren stillen Teich die Schwäne ziehn, haben wir unsern Gang von der Stadt aus gemacht und unser Ziel: den Gesundbrunnen, erreicht. Die Saison ist schon vorüber; aber die Quellen sprudeln weiter, und die Nachmittagssonne steht ruhig über dem Tal und wärmt mit ihren Strahlen die schon herbstesfrische Luft. Ein Kellner, der die traurige Verpflichtung hat, seine Zeit hier abzuwarten, bis die de facto bereits beendigte Saison auch de jure geschlossen sein wird, begrüßt uns, wie der Gefangene den Schmetterling begrüßt, der an seinem Fenster vorüberfliegt. Wir erschienen ihm wie Boten aus dem Lande seiner Sehnsucht. Jedenfalls ließ seine Willfährigkeit nichts zu wünschen übrig, und gemeinschaftlich anfassend, ward an der sonnigsten Stelle des Gartens ein Kaffeeplatz ohne Zwang und Mühe arrangiert. Die Zusammensetzung geschah aus den üblichen Requisiten: einem weißgestrichenen Tisch mit einem Riß in der Mitte und einem Stuhl mit bereits schräg gedrückter Lehne.

Der Kaffee kam, die Sonne labte uns, alles war frisch und erquicklich; nur eines ging wie ein Schatten über das heitre Bild: der Kellner stand wie angewurzelt an unserem Tisch. Ich hätt ihn wegschicken können, aber auch das erschien mir untunlich. Es war ersichtlich, er sehnte sich nach dem süßen Laut menschlicher Stimme, einer Stimme, die ihn vergewissern konnte: »Kroll lebt noch, und das Odeum ist kein leerer Wahn.« Ich ließ ihn also stehen und führte eine jener Unterhaltungen, die man im Lauf der Jahre, ohne Wissen und Wollen, führen lernt und die, einen gewissen öden Mittelkurs innehaltend, dem Angeredeten das Recht gönnen, weiterzusprechen, aber zugleich durchklingen lassen: er täte besser, auf dieses Recht zu verzichten. Dieser Verzicht trat auch endlich ein, und ich war allein.

Ich hatte einen prächtigen Platz inne, der Zufall war mir günstig gewesen, und dem sogenannten Kapellenberg, der das Tal schließt, den Rücken zukehrend, überblickte ich die ganze Anlage des Brunnens: den Park, die Gartenpartien, die Baulichkeiten. Diese Baulichkeiten, neuerer Anfügungen zu geschweigen, gehören drei verschiedenen Regierungszeiten an und werden danach genannt. Man unterscheidet bis diesen Tag einen kurfürstlichen, einen altköniglichen und einen neuköniglichen Flügel. An Schönheit lassen alle drei gleichviel zu wünschen übrig; die »Kolonnade« jedoch, die sich, unserer ehemaligen Stechbahn nicht unähnlich, unter diesen Flügeln hinzieht, gibt, neben manchem andern, dem Ganzen einen aparten und zugleich gemütlichen Charakter und veranschaulicht uns auf einen Blick die Geschichte der verschiedenen Epochen des Bades überhaupt.

Diese Geschichte ist in kurzem die folgende.

Wann zuerst des Bades Erwähnung geschieht, ist nicht mit voller Gewißheit festzustellen. Leonhart Thurneysser, der bekannte Alchimist, schrieb zwar schon um 1572: »Zwischen Freienwalde und Neustadt, am Gebirge, ist ein Flüßlein, das führt Rubinlein mit sich, gar klein, aber schön an Farbe« – es bleibt indessen zweifelhaft, ob unter diesem Flüßlein das Quellgewässer des Freienwalder Gesundbrunnens zu verstehen ist. Wenigstens fehlen jetzt die »Rubinlein«, die kleinen wie die großen.

Es scheint, daß man in alten Zeiten die Quelle einfach in die Talschlucht ausströmen und ihren Weg sich suchen ließ. Nur bei den armen Leuten der Nachbarschaft genoß der »Brunnen« schon damals eines gewissen Ansehns, und man trank ihn als ein bewährtes Mittel gegen hartnäckige Fieber. Was dabei wirksam war, ist schwer zu sagen. Auch Augenkranke kamen. Sie legten von dem braunen Ockerschlamm auf das Auge und sahen nach kurzer Zeit wieder klarer und besser. Schwerlich war es der braune Eisenschlamm als solcher, der so vorteilhaft wirkte, vielmehr die anhaftende Flüssigkeit, die Eisenvitriol enthielt. Gehört doch der Zinkvitriol (eine Art Geschwisterkind des obengenannten Eisensalzes) bis diese Stunde noch zu den bevorzugten Mitteln der Augenheilkunde.

Jedenfalls war der Ruf und Ruhm des Freienwalder Quells allerlokalster Natur, bis 1684 die Kunde nach Berlin und bis in das kurfürstliche Schloß drang, daß in Freienwalde ein »mineralisches Wasser« entdeckt worden sei. Einige mit Fieber und Lähmung Behaftete seien gesund geworden. Der Kurfürst, bereits in seinen alten Tagen und von der Gicht schwer geplagt, schöpfte Hoffnung, daß ihm vielleicht das eigne Land gewähren möchte, was ihm so viele fremde Heilquellen bis dahin versagt hatten, und er schickte seinen Kammerdiener und Chemikus, den als Entdecker des Phosphors berühmt gewordenen Kunckel, nach Freienwalde, um sich von der mineralischen Kraft des neu entdeckten Quells zu überzeugen. Der Bericht lautete günstig, und noch im selben Jahre trafen der Kurfürst und seine Gemahlin als erste Brunnengäste im Bade zu Freienwalde ein.

Nun brachen glänzende Tage an. Der Ruf von der Heilkraft des Brunnens verbreitete sich bis in ferne Gegenden, und im nächsten Jahre, 1685, fanden sich 1500 Gäste in Freienwalde zusammen. Freilich waren es nicht samt und sonders Brunnengäste. »Der Kurfürst, der auch in diesem Jahre zur Kur erschienen war, ließ zehn Wispel Getreide verbacken und die Brote samt einer Geldbeisteuer wöchentlich zweimal verteilen« – woraus genugsam zu ersehen ist, daß die kurfürstliche Gegenwart allerhand armes Volk herbeigelockt hatte, nur um von der Mildtätigkeit des Fürsten Nutzen zu ziehen. 1686 wurde das erste und älteste »Brunnenhaus« gebaut, dasselbe, das unter dem Namen der »kurfürstliche Flügel« bis diesen Tag existiert. Dazu kamen allerhand Vorkehrungen und Einrichtungen: zwei Betstunden täglich, zwei Jahrmärkte die Woche; eine Brunnenkapelle und ein Brunnenkoch. Was diesen letzteren angeht, so hatte er die Verpflichtung, für anderthalb Silbergroschen ein »gutes Mittagbrot« zu liefern. Freilich nur für die Armen. Der Kurfürst tat in allem, was er konnte. Das nächste Jahr machte er seinen letzten Besuch.

Unter der Regierung seines Nachfolgers, König Friedrichs I., hielt sich Freienwalde im wesentlichen auf der Höhe seines Ansehens. Die Heilkraft des Brunnens stand noch in so gutem Rufe, daß das Wasser desselben behufs mineralischer Bäder für den König nach Altlandsberg und Niederschönhausen gebracht wurde. 1704 und die zwei folgenden Jahre kam er selbst und bezog 1706 das »Schloß am Brunnen«, das schon in dem vorhergehenden Jahre (1705) von dem berühmten Andreas Schlüter für ihn aufgeführt worden war. Dieses Schloß, wennschon ein bloßer Holzbau, war ein prächtiges, zwei Stock hohes Gebäude, dessen oberster Stock aus vierundsechzig Säulen bestand, auf denen alsdann das Dach ruhte. Eine Schilderung, die ziemlich phantastisch klingt, mit der es aber doch seine Richtigkeit hat. Bekmann, in seiner »Beschreibung der Kurmark Brandenburg«, gibt, Teil I, Seite 595, eine sehr hübsche Abbildung dieses Sommerschlosses, das mit seiner Fülle leichter, graziöser Säulen von äußerst malerischer Wirkung gewesen sein muß. Im obersten Stock war ein Speisesaal. Dies Schlütersche Bauwerk hatte nicht langen Bestand. Regengüsse unterwühlten es schon 1707, so daß der König es rasch verlassen und seine Rückkehr beschleunigen mußte. Ist dieser Bericht zuverlässig, und es liegt kein Grund vor, dies zu bezweifeln, so wirft der hier erzählte Vorgang ein interessantes und mancherlei erklärendes Licht auf die beinahe gleichzeitigen Vorkommnisse in Berlin. 1706 stürzte am Schloß der von Schlüter erbaute Münzturm ein, und von da ab begann die siegreiche Kabale seiner Gegner. Das Verfahren gegen Schlüter ist immer als hart und ungerecht verurteilt worden. Bringt man nun aber andererseits in Anschlag, daß fast unmittelbar darauf, im Sommer 1707, das Münzturm-»Malheur« sich in Freienwalde wiederholte, so erscheint das harte Verfahren gegen Schlüter um vieles verzeihlicher. Die Kabale bleibt verwerflich, aber der König urteilte nach dem Augenschein. (Neue Arbeiten Professor Adlers haben aus den damaligen Berliner Bauakten ohnehin dargetan, daß Schlüter, bei all seiner Größe und Genialität, doch keineswegs schuldlos war und daß er in allem, was konstruktive Kenntnis angeht, hinter seinem ihm sonst in keiner Weise ebenbürtigen Rivalen Eosander von Göthe zurückblieb.) 1722 ward es unbewohnbar gefunden und abgebrochen.

Schon während der letzten Regierungsjahre des ersten Königs hatte das Bad an Ansehen verloren; unter seinem Nachfolger, dem »Soldatenkönig«, sank es mehr und mehr. Ein glückliches Ohngefähr aber wollt es, daß im Jahre 1733 einige von den allerlängsten Potsdamer Grenadieren ihre Gesundheit daselbst wiederfanden, und von diesem Augenblick an war das Bad zu Freienwalde dem Könige bestens empfohlen. Ein neuer Flügel, der altkönigliche, wurde gebaut, die Quellen erhielten eine neue Fassung, und über der bedeutendsten derselben ward ein auf acht Säulen ruhendes, natürlich hölzernes Brunnenhaus errichtet das den stolzen Namen »Tempel« führte. Seine Inschrift aber lautete:

Steh stille, Wanderer, betrachte diese Quellen,
Sie helfen wunderbar in vielen Krankheitsfällen.
Eh du von dannen gehst, gedenk an deine Pflicht,
Sei dankbar gegen Gott, vergiß der Armen nicht.
Hast du dies Haus und Bad bewundernd angeschaut
Und fragst, warum es denn nach Tempelart gebaut –
So wisse, Gott ist ja der Segensquell allein,
Darum muß unser Herz auch hier sein Tempel sein.

Wie der unbekannte Verfasser diese letzte Zeile hat aufrechthalten wollen, ist schwer einzusehen. Je mehr das Herz ein Tempel, desto weniger nötig wurde dieser Holzbau. Gleichviel indes. Alles ist längst hinüber, die Inschrift mit, und ihre Alexandriner geben keine Rätsel mehr auf.

Auch Friedrich II. fügte ein neues Brunnenhaus, das neukönigliche, den schon vorhandenen Gebäuden hinzu und gab dadurch dem Brunnental, wenn wir von einzelnen feineren Zügen absehen, den Charakter, den es noch jetzt besitzt. Eine besondere Teilnahme scheint der große König dem Bade nicht geschenkt zu haben. An Schönheit der Natur bot ihm die Umgegend Potsdams kaum Geringeres, und was die Heilkraft des Brunnens angeht, so war es verzeihlich, wenn er den Skeptizismus, der ihn auf allen Gebieten auszeichnete, auch auf den »flüchtigen Schwefel- und Brunnengeist«, den »spiritus sulphuris volatilis«, der Freienwalder Heilquelle übertrug. Es war übrigens die Zeit gekommen, wo Private das Bad in ihre schützende Obhut nahmen, besonders Herr Wegely aus Berlin, der unter mannigfach anderem auch Freibäder für die Armen stiftete und deshalb ebenfalls in einer Inschrift verherrlicht wurde. Der Schluß derselben:

Was für die Armen hier Herr Wegely getan,
Zeigt dieses Brunnenhaus der fernsten Nachwelt an,

erhebt einen Anspruch, dem sich das Brunnenhaus seit längerer Zeit nicht mehr zu unterziehen vermag, da es wie der »Tempel« inzwischen vom Schauplatz abgetreten ist.

An die Stelle dieser Werke der Architektur ist inzwischen aber, und zwar als Brunnenhüterin, ein Werk der Skulptur getreten: eine Najade mit einem Ruderstück in der Rechten, die lässig hingestreckt über dem Heilquell ruht, während aus der Urne neben ihr ein Wasserstrahl niederfließt. Soweit alles gut. Aber eine sonderbare Ökonomie hat darauf gedrungen, daß das Wasser nicht frei in ein Bassin oder eine Rinne strömt, sondern in ein untergestelltes Gefäß, das zwischen Blumenvase und Topf nur notdürftig die Mitte hält. Der Effekt ist überaus komisch, und man begreift den pausbackigen Amorin durchaus, der, über die Brust der Najade hinweg, lächelnd in den Topf und auf das fließende Wasser blickt. Das Ganze vielleicht ein Unikum heiterer Naivetät und während es, in Form und Gegenstand, die Antike zu kopieren meint, erinnert es doch, dem Geiste nach, der es schuf, an den Humor des Mittelalters, am meisten vielleicht an die bekannte kleine Brunnenfigur in Brüssel.

Der Reiz aller dieser Werke der Skulptur und Architektur ist nicht groß, und wenn es doch einen Zauber hat, in dieses Brunnental einzukehren, so muß es ein anderes sein, was uns an dieser Stelle erquickt und labt. Und ich glaube zu wissen, was es ist. Es ist das Gefühl eines vollen Geschützt- und Geborgenseins, die Stille dieses Tales, vor allem seine Herbstesstille.

Gewiß, daß es hier auch schön ist, wenn die Saison auf ihrer Höhe steht, die Brunnenmusik ihre Märsche spielt, die Toiletten rauschen und die jungen Paare kichern – aber die schönste Zeit bleibt doch immer die, wo der Herbst hier einzieht, wo die letzte Sommerrose hinüber ist und selbst die Malve hinblaßt, um der Aster das Feld zu räumen.

Und ein solcher Herbstestag ist heute. Hoch in der Luft, über die Berge hin, zieht der Wind, und mitunter ist es, als kläng er bis ins Tal hernieder. Aber wir hören nur den Streit hoch oben, die Luft unten steht unbewegt. Die Vögel singen nicht mehr oder sind schon fort, nur noch das Sonnenlicht hüpft in den Zweigen. Die Tannenäpfel fallen nieder auf den Kiesweg des Parks, aber nicht losgelöst von der Schüttelhand des Windes, nur losgelöst von Alter und eigner Schwere. Die Quellen rauschen, die Sommerfäden ziehen, Bilder kommen und gehen. Dem Ohre klingt es wie leise Musik.

Von wannen kommt sie? Ist es die Luft, die klingt, oder ist es das eigene Herz?

5. Der Rosengarten. Der Baa-See

Und wo der Rosengarten war,
Da soll der Liliengarten werden.
Uhland

Das Brunnental ist still und windgeschützt, aber in seinem Rücken liegt eine stillere Stelle – der Friedhof. Es ist ein kleiner, von einer niedrigen Steinmauer eingefaßter, mitten im Wald gelegener Begräbnisort, so recht ein Platz, wo

– jeder eitle Kummer
Dir wie ein Traum zerfließt
Und dich der letzte Schlummer
Im Bienenton begrüßt –

ein Platz, der uns mit dem Gedanken des Scheidens versöhnt und uns im Tiefsten empfinden läßt:

Die Ruh ist wohl das beste
Von all dem Glück der Welt.

Die Tür, einladend, steht immer offen, die Waldblumen blühen draußen und drinnen, und die Buchen legen von außen her ihre grüne Hand auf die Gräber, als wollten sie den Schlummer derer, die drunten ruhn, noch ruhiger machen.

Es ist dies die Begräbnisstätte nicht für Freienwalde selbst, sondern für die, die als Gäste kamen, um Genesung zu suchen und sie schließlich an dieser Stelle zu finden.

Dieser Friedhof heißt der Rosengarten.

Er heißt so, nicht aus Laune oder Einfall, vielmehr führte der ganze Fleck Landes diesen Namen, lange bevor der erste Gast in diesen Garten einzog. Es hat das folgenden Zusammenhang. Die weiten Waldreviere, die Freienwalde nach Westen hin umgeben und alle Talschluchten mit Laubholz füllen, waren in alten Zeiten schon mit weiß und rot und gelb blühenden Wildrosen dicht überwuchert, und wer um die Johanniszeit durch diese Schluchten hinschritt, dem war es, als flögen bunte Schmetterlinge vor ihm her. Die Stelle aber, wo die Rosensträucher am dichtesten standen und einen kleinen Wald im Walde bildeten, diese Stelle lag im Rücken des Brunnentals und hieß der »Rosengarten«. Die Sträucher verschwanden allmählich, das erste Grab erhob sich, andere folgten, die Steinmauer wurde gezogen – aber der Name blieb, und von den Gestorbenen heißt es sinnig und ungezwungen: »Sie schlafen im Rosengarten.«

Weiter in den Wald hinein, etwa eine halbe Meile im Rücken des Rosengartens, liegt der Baa-See, der Liebling und der Stolz der Freienwalder. Sie überschätzen ihn offenbar, vielleicht weil er das landschaftlich einzig in Betracht kommende Wasserstück ihrer schönen, aber etwas monotonen Landschaft ist, vielleicht auch, weil er Versteckens spielt und nach Art vielumworbener Schönen sich dem Werber entzieht.

Auch wir suchten ihn, ohne ihn finden zu können, und ermattet warfen wir uns nieder ins Moos und schlossen die Augen. Als wir wieder aufblickten, wurden wir waldeinwärts, aber dicht hinter uns, zweier Mädchengestalten gewahr, die tief in Farrenkraut standen und nur mit Kopf und Brust über das grüne Blattwerk hinwegragten. Ein Bild wie aus den »Fleurs animées«! Wir schwankten noch, ob wir sie nach dem Wege fragen sollten, als sie von selbst schon, barfuß und hochgeschürzt, aus dem grünen Gestrüpp heraustreten und uns zuriefen: »Der See liegt da hinauf!« Dabei machten sie eine Handbewegung nach rechts und zeigten auf die Schlucht, durch die wir, auf unsern Irrfahrten, eben herabgestiegen waren.

Beide Mädchen waren noch jung, die jüngere, hübschere noch ein halbes Kind, und nachdem wir Begrüßungsworte mit ihnen gewechselt und uns an dem bescheiden-kecken Ton beider gefreut hatten, wurden wir einig, daß sie uns bis zum Baa-See hin als Führer begleiten sollten.

Es ist immer schwer, mit jungen Dirnen in ein einfach Gespräch zu kommen und den klaren, sprudelnden Ton zu treffen, in dem ihrer Seele wohl wird, wie der Forelle im Quellwasser; aber es ist doppelt schwer mitten im Wald, über dem die Mittagsschwüle brütet und in dem nichts vernehmbar ist als der Specht im Tann und dann und wann das Rufen des Pfingstvogels. Zu der Scheu der Geister kommt eine Scheu der Natur.

Wir versuchten ein Geplauder, aber es scheiterte. Die Einsamkeit, die sonst so naheführt, hier zog sie eine Schranke. Und so gaben wir's auf, und beide Mädchen, fortan unbelästigt durch unsere Fragen, schritten vor uns her, die Schlucht hinauf. Zu beiden Seiten stand der Wald und schloß sich über dem Hohlweg, der tief und vom Regen ausgewaschen war. Die Wandungen rechts und links zeigten allerlei Wurzelgeflecht, das phantastisch aus der roten Erde hervorsah. Keines der beiden Mädchen blickte sich um, keine sprach mit der andern, aber beide hatten einen elastischen Gang, und wie bei guten Schlägern nicht die Bewegung des Armes, sondern die Biegung des Gelenks entscheidet, so bewegten sich auf dem Bilde vor uns nur Hüfte und Nacken, während der Unterkörper, trotz rüstigen Schreitens, in statuarischer Ruhe zu verharren schien. Die ältere wollte gefallen, die jüngere dalberte nur, und während jene mit einem gewissen koketten Ernst ihre Schritte tat, kicherte die andere und errötete über Ohr und Hals.

Nun kletterten sie die Wandung des Hohlweges hinauf und liefen waldeinwärts. Als wir sie wiederfanden, stand die jüngere auf einem steil abfallenden Bergeck und hielt sich mit der linken Hand an einem Wacholderbusch, während sie mit der rechten in die Tiefe zeigte. Unten lag der Baa-See, das ersehnte Ziel unserer Wanderung. Wir traten heran und hielten Umschau. Aber das Bild des Mädchens war schöner als der See; die Staffage ging über die Landschaft.

Was den Baa-See zu keiner tieferen Wirkung kommen läßt, ist wohl das, daß er jener Mischgattung von Seen angehört, die zu finster sind, um zu erheitern, und doch wieder zu heiter, um den vollen Eindruck des Schauerlichen zu machen. Viel freilich hängt dabei von der Beleuchtung und noch mehr vielleicht von der Jahreszeit ab.

Wir sahen ihn bei Sonnenschein. Ein Boot mit zwei Jägerburschen fuhr über den See; der eine ruderte, während der andere von Zeit zu Zeit Hornsignale in den Wald blies.

Ungleich schöner muß es an dieser Stelle sein, wenn das Laub hin ist und statt der grünen Kronen die grauverzweigten Buchen ihr Bild in den See werfen. Am schönsten aber in Sturm- und Winternächten, wenn der Mond grell-eisig am Himmel steht und statt des Jagdhorns des Jägerburschen, das eben verklingt, das Hallo des Wilden Jägers über Wald und See zieht.

6. Hans Sachs von Freienwalde

Ich habe schon wieder auf Lieder gedacht,
Ich fühle so frisch mich, so jung.
Chamisso

Die Straßen in Freienwalde sind Hügelstraßen und führen bergauf und bergab. Die belebteste derselben, die Berliner Straße, haben wir eben ihrer ganzen Länge nach passiert und noch immer nicht gefunden, was wir suchen. Aber das muß es sein – es ist das letzte Haus. Ein Berg und eine Kirche bilden den Hintergrund, nach der Straße zu stehen drei Linden, und inmitten dieser Landschaftsrequisiten erhebt sich ein alter Fachwerkbau, an dem ein erkerartig vorspringendes Fenster und zwei Rosenbäume so ziemlich das Beste sind. Die Rosenbäume fassen das Fenster ein, aber sie müssen den schmalen Raum mit zwei Aushängebrettern teilen, auf denen wir im Lapidarstil lesen: »Schirme repariert; Drechslerarbeit in Holz und Horn.« Dazu eine große, in Holz geschnittene Tahakspfeife, die als Ornament deutungsreich über dem Ganzen schwebt.

Das ist allerdings, was wir suchen. Hier wohnt Karl Weise, Poet und Drechslermeister von Freienwalde,

Drechselt Pfeifen in guter Roh
Und macht auch wohl 'nen Vers dazu.

Das Ganze hat das Anheimelnde einer Poetenwohnung alten Stils, und wir treten guten Mutes ein. Eine Türklingel – nicht eine von den geräuschvollen, die, einmal in Bewegung gesetzt, wie ein bellender Dorfspitz gar kein Ende finden können, sondern eine von den leisen, wohlerzogenen – kündigt unser Eintreten an, und eh wir uns noch in dem Halbdunkel, für das die draußen stehenden drei Linden ausgiebig sorgen, zurechtgefunden haben, erscheint aus der Werkstatt her, wo wir eben noch das Schnurren des Rades hörten, ein stattlicher Mann, hemdsärmlig, in Arbeitskostüm, und sieht uns freundlich fragend an. Er ist brünett, groß, breitschultrig, in seiner ganzen Erscheinung von südslawischem Typus und nach Teint, Haltung und Schnurrbart viel eher ein Sereschaner-Hauptmann als ein Drechslermeister oder Poet. Nichtsdestoweniger ist er beides, und in dem friedliebendsten Dialekt der Welt, im reinen Hallensisch, erkundigt er sich nach unsrem Begehr.

Wir reichen ihm die Hand, sagen ihm, daß wir als gelegentlich ebenfalls Versbeflissene gekommen wären, »um das Handwerk zu grüßen«, und daß wir vorhätten, wenn irgend möglich, den Abend mit ihm draußen zu verplaudern.

Unser Poet schlägt ein, die eben untergehende Sonne mahnt ohnehin an Feierabend, und sich auf Minuten bei uns entschuldigend, führt er uns zunächst in das nebenan gelegene Zimmer, das mit seinen geschmückten Wänden die Honneurs des Hauses macht.

Wir benutzen diese Pause, uns in dem Putz- und Empfangszimmer neugierig umzusehen, und sind überrascht von der Sinnigkeit der Anordnung. Wenn das ganze Haus ein Poetenhaus ist so ist dies das Poetenstübchen. Blumen und Bilder wechseln untereinander ab; Geranium und Primel blicken schüchtern zu einer gipsernen Flora auf, Efeutöpfe spannen ihren grünen Bogen über Schrank und Spiegel, und zwischen allermodernste Farbendrucke drängen sich, in breitem Ebenholzrahmen, ein paar altfranzösische Stiche: »Vue des environs de Saverne; dedié à Madame la Marquise de Vilette, Dame de Ferney-Voltaire«. Das scheint nicht zueinander zu passen, aber es paßt alles sehr gut. Was unsere modernen Zimmereinrichtungen so langweilig macht, das ist das Schablonenhafte und das Beziehungslose. Hier hat alles eine Beziehung, eine Geschichte, wäre diese Beziehung oft auch keine andere als innerhalb der Kleinwelt eine mühevolle Eroberungsgeschichte.

Unser Poet hat sich inzwischen reisefertig gemacht und bietet uns freundlich seine Führerdienste an. Wer wäre dazu geeigneter als er, der nicht nur alle Wege und Stege der Umgegend kennt, sondern auch die schönsten Punkte in Berg und Tal besungen hat; die vorgeschrittene Stunde aber macht es uns wünschenswert, auf entferntere Touren zu verzichten, und unsere Wünsche bescheidentlich in ein »je näher, je besser« kleidend, schreiten wir dem unmittelbar vor der Stadt gelegenen Schloßgartenberg zu, dessen bauliche Anlagen (Schloß, Pavillon etc.) wir schon in einem früheren Kapitel kennenlernten.

Aber heute lassen wir Schloß und Pavillon am Abhange des Berges liegen und steigen höher hinauf, wo schmale, durchs Parkholz geschlagene Wege in endlosen Windungen die obere Hälfte des Hügels umziehen. Kein besserer Plauderweg denkbar als solch ein Schlängelweg. Die gerade Linie, die den Raum mißt, hat auch etwas von einem Zeitmesser, und die siebenmal auf und ab geschrittene Avenue wirkt unwillkürlich wie ein siebenmal gereckter Zeiger; aber der Schlängelweg entzieht sich einer derartigen Zeitcontrôle, und die Frage nach dem »Zuviel« wird rein praktisch durch den ermüdeten oder nicht ermüdeten Fuß entschieden. Die Füße aber ermüden schwer bei guter Unterhaltung, und solcher erfreuen wir uns an der Seite unseres Führers und Genossen. Von Zeit zu Zeit, wo eine Lichtung im Park einen Blick ins Freie gestattet, stockt das Gespräch, aber es ist nur ein lässiges Fallenlassen des Fadens – er ruht nur, er ist nicht abgeschnitten. Ungesucht nimmt sich das Gespräch an selber Stelle wieder auf, und in den Hintergrund der stillen Abendlandschaft stellt sich immer klarer das Bild unseres Freundes, wie sein eignes Wort es vor uns entrollt.

Er beginnt mit Schilderungen aus seiner Heimat, seiner Kindheit. Am Giebichenstein spielt er umher; er singt und klettert unter Fels und Trümmern und tut unbewußt seinen ersten Trunk aus Romantik und Märchenwelt. Er singt »Des Knaben Berglied«, er hat eine klare Kinderstimme; aber was frommt »armer Leute Kind« Lied und Gesang, wenn beide nicht zu erwerben verstehen? Und so finden wir unsern jungen Freund in den dunkeln Straßen Halles wieder – er trägt den Kurrendemantel und singt ums Brot. Sei's drum, es haben es Bessere vor ihm getan. Aber Frau Musika führt einen knappen Haushalt, und andere freie Künste müssen helfen. Zunächst die Dichtkunst. Zunftmäßig tritt er bei ihr ein; Friederike Schmidt, eine blinde Dichterin seiner Vaterstadt, diktiert ihm ihre Lieder, und gelehrig, wie er ist, lernt er der Frau Meisterin die paar Hantierungen ab, die ihre Kunst ausmachen, und versucht sich selbst alsbald in seinen ersten Versen.

Glückliche Jahre waren es, diese Lehrjahre bei der freien Zunft, aber wirkliche Lehrjahre sollten folgen, die Drechslerkunst löste die Reimkunst ab, und an die Stelle der blinden »Frau Meisterin« trat ein Meister, der scharf nach dem Rechten sah.

Wer indessen, der gesunden und vor allem poetischen Geistes ist, trüge nicht verhältnismäßig leicht diese Tage des Lernens und der Laune, diese Tage voll Zwang und Druck und Enge? Man sieht ein Ende ab. In weiter, aber doch immer kleiner und kürzer werdender Ferne, jetzt drei Jahre, nun zwei, jetzt nur noch eins, steht es wie ein Lichtschein und wächst und nimmt Gestalt an, und endlich erkennbar geworden, sehen wir, wie die Gestalt nach außen zeigt, jenseit des Gittertores, in ein weites Land der Freiheit hinein. Das sind die Wanderjahre, die den Lehrjahren folgen – ein Wechsel, den das Leben jedem beschert, er sei hoch oder niedrig geboren, sei »Bursch« oder Handwerksbursch.

Diese Zeit der Freiheit kam endlich auch unserm Poeten – er wanderte. Er wanderte mit Lust, und seine Lieder selbst haben uns ein paar Klänge davon aufbewahrt. Er zog weit umher, arm, glücklich, liederfroh, bis er plötzlich, wie mancher vor ihm, eine Leere und eine Sehnsucht in seinem Herzen wach werden und wachsen fühlte, die ihn nun wieder heimwärts trieb. Er sang:

Wir sind nicht bloß zum Wandern
(Wie's immer auch gefällt),
Wir sind zu manchem andern
Und Beßrem in der Welt.

Und mit dieser Betrachtung kehrte er in seine Vaterstadt heim.

Diese nahm ihn wieder auf, und wenn sein Wanderleben lyrisch-poetisch gewesen war, so genoß er jetzt des zweifelhaften Vorzugs, sich sein Daheimleben dramatisch gestalten zu sehn. An Effektszenen kein Mangel.

Die Personen, die bei diesem Drama mitwirkten, leben zu großem Teile noch, und so sind uns an dieser Stelle nur Andeutungen gestattet. Verlobungen aus Träumerei und romantischem Ehrbegriff, Trauungen auf dem Totenbette, rätselhafte Wiedergenesungen, Entsagungen aus phantastischer Opferfreudigkeit und Trennungen aus Liebe, dabei Armut in Reichtum und Reichtum in Armut, so jagen sich die wunderlichsten Szenen und Gegensätze, bis wir, nach einem Leben, das »den Roman auf seinem eigenen Felde schlägt«, unsern Freund in die einfachsten Verhältnisse zurückkehren und an der Seite der schlichtesten, aber besten Frau endlich Ruhe finden sehen.

Diese Ruhe indessen entbehrte der Sorge nicht. Schwere Zeiten kamen, und in diesen stillen und doch schweren Zeiten begann die Saite wieder zu klingen, die in den Jahren sich drängender Erlebnisse geschwiegen hatte. An der Drehbank, unter dem Surren des Rades, fielen mit den phantastisch gekräuselten Flocken auch wieder die ersten Lieder ab. Sie fanden freundliche Hörer, bald auch Leser, und jenen ersten Liedern sind seitdem andere gefolgt.

Wir wenden uns hier von unserm plaudernden Freunde, nach dessen Mitteilungen wir diese Skizze zu zeichnen versuchten, ab und statt dessen seinen Liedern zu.

In seiner ersten Sammlung, die den fast allzu poetischen Titel »Blumen der Wälder« führt, erblicken wir ihn nicht auf seinem eigentlichsten Gebiet, überhaupt aber mit einer Aufgabe beschäftigt, die schwerlich jemals von einem Dichter gelöst worden ist. Es handelt sich in diesen Liedern um eine Verherrlichung der Freienwalder Natur, und die ursprüngliche Absicht des Dichters scheint auf nichts Geringeres ausgegangen zu sein, als in einem wahrhaft beängstigenden Drange nach Vollständigkeit jeder Kuppe, jedem landschaftlichen Punkt einen poetischen Zettel umzuhängen. Das glückt aber nie. Eine solche Aufgabe ist unpoetisch in sich, und in derselben Weise, wie es unmöglich ist, auf sämtliche Schiffe der englischen Flotte oder auf sämtliche Regimenter der preußischen Armee einen Sonettenzyklus zu machen, so verbietet es sich auch, die weitausgespannte Freienwalder Landschaft Nummer für Nummer zu besingen. Der Verfasser scheint dies schließlich auch selber empfunden und den zweiten, bereits angekündigten Band, der weitere zwanzig Lieder bringen sollte, glücklich unterschlagen zu haben.

Was diesen »Blumen der Wälder« indessen einen Wert verleiht, das ist ein zufälliger, in gar keiner Beziehung zu dem übrigen Inhalt stehender Anhängsel, worin der Dichter unserm Altmeister Friedrich Rückert seine Huldigung darbringt. Dies Lied nennt sich »Meister Rückert und sein Lehrjunge« und ist ein sehr glücklicher Griff. Es ist frisch, natürlich, originell. Der geschilderte Hergang aber ist der folgende: Unser Freienwalder Freund hat vor, dem alten Rückert zu seinem siebzigsten Geburtstage in Versen zu gratulieren. Er schickt Frau und Kinder möglichst früh zu Bett und setzt sich bei der sprüchwörtlich gewordenen »Poetenlampe« nieder, um Gedanken und Reime zu Papier zu bringen. Aber auch Poetenlampen verzehren Öl, und die wackere Hausfrau stellt endlich von ihrem Bett aus ziemlich einschneidende Betrachtungen über diesen Gegenstand an. Endlich, auf der Höhe des Konflikts, tritt unser Dichter aus der Wolke des Geheimnisses heraus und erklärt, um was es sich handle. Nun wendet sich das Blatt. »Mit Vater Rückert ist das was andres«; über unsere Poetenfrau kommt ein wahrer Opfermut, und siehe da,

Als durchs Immergrün umschmückte
Niedre Werkstattfensterlein
Goldner Frühstrahl mich erquickte,
Schloß ihr Kranz mein Liedchen ein;
Schüchtern wag ich's darzubringen –
Vieler Lied wird heut dir klingen,
Sinn'ger alle wohl wie meins,
Inn'ger aber doch wohl keins.

Dies Lied weckte unserm Poeten viel Freunde, aber was wichtiger ist, es stellte ihn und sein Talent an den rechten Fleck. Er selbst schon, in dunkler Ahnung davon, hatte diesem Liede das Motto gegeben: » Geh vom Häuslichen aus und verbreite dich, so gut du kannst, über die Welt.« Wie diese Worte Motto seines Liedes gewesen waren, so wurden sie nun der Leitstern für sein poetisches Schaffen überhaupt. Das Haus und sein persönliches Erlebnis innerhalb desselben, vor allem seine blonde Frau, in ihrer Schlichtheit und Tüchtigkeit, wurden der Mittelpunkt seiner Dichtung, und mit innigem Gefühl konnte er von jener singen:

Als Bestes wardst du mir gegeben,
Du, die nicht meine Lieder liest
Und dennoch Stoff aus ihrem Leben
In jedes meiner Lieder gießt.

Ein neuer Geist kam in seine Produktion, das Gezwungene fiel fort, das Natürliche trat an die Stelle, und ein Jahr später konnte er der Welt seine erste wirkliche Dichtung bieten. Sie führt den Titel »Die Braut des Handwerkers« und ist ein anmutiges Idyll, das uns, in fünf Kapiteln, vom Morgen bis zum Abend des Hochzeitstages geleitet. Alles, was uns ein Menschenherz lieb und wert machen kann, das klingt hier zusammen: Genügsamkeit, kindlich-einfacher Sinn, Liebe, Pietät und Gottvertrauen. Die ersten Gesänge, vielleicht die gelungneren, zeigen uns die Braut, wie sie das »eingebrachte Gespinst« vor dem Bräutigam ausbreitet, darunter auch ein Leinenstück, bei dessen Anblick ihr unwillkürlich die Tränen aus den Augen brechen. Es erinnert sie an ihre Kinderjahre, an den Tag, wo, nach Feuersbrunst und Not und Krankheit, die fleißige Hand ihrer Mutter das Garn zu diesem Stück zu spinnen begann. Sie entsinnt sich auch der Worte, die damals die Mutter zu ihr sprach, und sie wiederholt sie jetzt:

»Setz auf den Herrn dein ganzes Hoffen,
Laß nie von ihm bei andrer Spott;
Je mehr das Unglück dich betroffen,
Je inn'ger schließe dich an Gott;
Laß Fleiß durch deine Tage blühen,
Und heiter lächeln wird ihr Glanz,
Hoff und vertrau, auf Schweiß und Mühen
Legt endlich Gott den Segenskranz.

Es wird das Häuschen neu erstehen,
Wir werden es nach Gottes Rat
Im Schmuck der Reben wiedersehen –
Aus Tränen sprießt die Freudensaat.
Und nun, mein Kind, frisch angefangen,
Bring Arbeit mir ans Lager her,
Beim Schaffen haben Gram und Bangen
Auf unser Herz die Macht nicht mehr

Mit diesen Worten, die sich mehr denn einmal auch an unsrem Freunde selber bewährt haben, nehmen wir Abschied von ihm. Not und Sorge sind ihm reich aufgebürdet worden, und er liebt es wohl, nicht ohne einen leisen Anflug von Bitterkeit, sein Leben mit dem des Gellertschen Esels zu vergleichen, den alle drei Brüder benutzen und futtern sollten; »sie benutzten ihn auch alle drei, aber keiner futterte ihn«. Indessen, sei es drum. Ebender Segen der Arbeit, von dem jene Strophen sprechen, hat auch ihm über vieles hinweggeholfen; Humor und Dichtkunst haben ein weiteres getan und werden es ferner tun.

Vor allem aber möge ihm in Leben und Dichten der glücklich bescheidne Sinn verbleiben, der ihn an die Spitze seiner ersten Liedersammlung die Worte stellen ließ:

Wenn du auch nur Kleines leistest,
Wird dir's doch zum Ruhm gereichen,
Wenn du nur dich nicht erdreistest,
Es dem Großen zu vergleichen.
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