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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Das Oderbruch

1. Wie es in alten Zeiten war

Wasser, Wasser überall,
Die Tiefe selbst verfaulte,
Schlammtiere krabbeln zahllos rings
Auf schlammiger Moderflut.
Freiligrath,
nach Samuel Taylor Coleridge

Am Westufer der Oder, nach rechts hin vom Flusse selber begrenzt, nach links hin von den Abhängen des Barnim-Plateaus wie von einem gebogenen Arm umfaßt, liegt das Oderbruch. Es ist eine sieben Meilen lange und etwa zwei Meilen breite Niederung, die, ihrem Hauptbestandteile nach, in ein hohes und niederes Bruch, das Oberbruch und das Niederbruch, zerfällt. An diese beiden schließt sich noch, nach Norden hin, also flußabwärts, das Mittelbruch. Diese Bezeichnung ist schlecht gewählt und wird die Ursache beständiger Verwechselungen. Als »Mittelbruch« vermutet man es im Zentrum, zwischen dem Ober- und Niederbruch gelegen, während es doch, umgekehrt, am äußersten Flügel des Bruches liegt. Seinen Namen, der besser einem andern Platz machte, hat es wahrscheinlich daher, weil es inmitten zweier Oderarme sich ausbreitet. Neueren Arbeiten, namentlich einem vorzüglichen Aufsatze des Geheimen Rat Wehrmann, »Die Eindeichung des Oderbruches«, entnehme ich, daß man angefangen hat, diese schlechte Bezeichnung »Mittelbruch« in amtlichen Erlassen wenigstens ganz fallenzulassen. Man spricht nur noch von einem Ober- und Niederbruch, und so ist es in der Ordnung.

Das Bruch ist ein Bauernland, eine Art Dithmarschen Die Bewohner des Oderbruchs sind auch an Kraft und Mut – manches andere fehlt freilich noch – den Dithmarschen verwandt. Mit dem Bewußtsein hiervon geht wie gewöhnlich viel Übermut Hand in Hand, und die Brücher, zumal auf den Kantonversammlungen, lieben es, die »hungrigen Kerle von der Höhe« zu tyrannisieren. Einer (ein Angermünder Postillon), der mir davon erzählte und seinerseits unter dieser Tyrannei gelitten haben mochte, fügte hinzu: »Es wäre mitunter nicht auszuhalten, wenn nicht die Uckermärker wären. Die aber brächten alles wieder zurechte ; aber adlige Güter blicken rundum, wie von hoher Warte, in das schöne, fruchtbare Bruchland hinein. Eine ganze Anzahl dieser auf der Höhe gelegenen altadligen Güter werden wir noch in ausführlicheren Schilderungen kennenlernen; nur ihre Namen sowie die Namen der alten, zum Teil ausgestorbenen Familien, die ihnen im Laufe der Jahrhunderte zu Ruhm und Ansehn verhalfen, mögen schon hier eine Stelle finden. Auch einem neuen Namen werden wir begegnen: Albrecht Thaer. Es wird dem Leser, mit bloßer Hülfe dieser Aufzählung, der Reichtum historischen Lebens entgegentreten, der sich hier, unmittelbar am Rande des Bruchs, auf dem Raum weniger Meilen zusammenfindet. Ich folge der Linie von Nord nach Süd.

Hohenfinow: Sparr, Schlick Hieronymus Schlick, Minister des Kurfürsten Joachim Friedrich, war ein Ururenkel des berühmten Kaiserlichen Kanzlers Caspar Schlick. Er trat wahrscheinlich schon vor 1598 in brandenburgischen Dienst. Gleich nach dem Tode des Kurfürsten verschwindet er wieder vom Schauplatz. Er scheint ohne Nachkommenschaft um 1610 gestorben zu sein, nachdem er sein märkisches Gut Hohenfinow verkauft hatte, und zwar an Matthias Thurn, den bekannten Führer des Böhmischen Aufstandes von 1618. , Vernezobre.
Cöthen und Falkenberg: von Jena.
Freienwalde: Uchtenhagen.
Ranft: von Marschall.
Möglin: Albrecht Thaer.
Batzlow: Barfus.
Ihlow: Ihlow oder Illo. Der aus Schillers »Wallenstein« männiglich bekannte Feldmarschall Illo schrieb sich eigentlich Ilow oder Ylow, auch Ihlow (alle drei Schreibarten, und noch einige andre, kommen vor), und war keineswegs aus Böhmen oder Kroatien, sondern aus dem sternbergischen Kreise in der Neumark gebürtig. Dorf Ihlow im Oberbarnim aber ist mutmaßlich das Stammgut der Familie. Noch jetzt ist das Ihlowsche Wappen sowie ein Ihlowscher Leichenstein in der Kirche des letztgenannten Dorfes zu finden. Kein andres Land war übrigens während des Dreißigjährigen Krieges so ergiebig an Generalen und Kriegsobersten als die Mark. Ich nenne hier nur folgende: Hans Georg von Arnim, von Königsmarck Otto Christoph von Sparr, Ernst Georg von Sparr, Götz, Illo, Adam von Pfuel, Joachim Ernst von Görtzke, vieler andrer von minderer Berühmtheit, wie Klitzing, Rochow, Kracht etc., zu geschweigen.

Ringenwalde. Bredow.
Kunersdorf und Friedland: Lestwitz und Itzenplitz.
Buckow: von Pfuel, von Flemming.
Quilitz: Prittwitz, Hardenberg.
Gusow: Derfflinger.
Friedersdorf: Görtzke, Marwitz.
Lietzen: Johanniter-Komturei.
Hohenjesar: Burgsdorf.
Reitwein: Finckenstein.

Von allen diesen Punkten, selbst von Buckow aus, das am meisten zurückgelegen liegt, ermöglicht sich ein Blick in die fruchtbare Tiefe; dabei wechselt der Charakter der Landschaft so oft und so anmutig, daß jeder, der am Rande des Plateaus, etwa von Freienwalde bis Seelow, oder selbst bis Frankfurt hin, diese Fahrt zu machen gedenkt, einer langen Reihe der mannigfachsten und anziehendsten Bilder begegnen wird.

Eine solche Fahrt auf der Höhe hin werden wir mehrfach zu machen haben, und manche dieser Fahrten (zum Beispiel der Weg von Falkenberg bis Freienwalde) wird uns Gelegenheit zu dem Versuch eines Landschaftsbildes geben; heute jedoch ist es das Bruch selbst, das in der Tiefe gelegene Bauernland, das uns beschäftigen soll, und wir werden erst bei den alten Zuständen dieses Sumpflandes, dann bei seiner Eindeichung und Entwässerung, endlich bei seiner Kolonisierung zu verweilen haben.

Alle noch vorhandenen Nachrichten stimmen darin überein, daß das Oderbruch vor seiner Urbarmachung eine wüste und wilde Fläche war, die, sehr wahrscheinlich unsrem Spreewalde verwandt, von einer unzähligen Menge größerer und kleinerer Oder-Arme durchschnitten wurde. Viele dieser Arme breiteten sich aus und gestalteten sich zu Seen, deren manche, wie der Liepesche bei Liepe, der Kietzer und der Kloster-See bei Friedland, noch jetzt, wenn auch in sehr veränderter Gestalt, vorhanden sind. Das Ganze hatte, dementsprechend, mehr einen Bruch- als einen Waldcharakter, obwohl ein großer Teil des Sumpfes mit Eichen bestanden war. Alle Jahre stand das Bruch zweimal unter Wasser, nämlich im Frühjahr um die Fastenzeit, nach der Schneeschmelze an Ort und Stelle, und um Johanni, wenn der Schnee in den Sudeten schmolz und Gewitterregen das Wasser verstärkten. Dann glich die ganze Niederung einem gewaltigen Landsee, aus welchem nur die höher gelegenen Teile hervorragten; ja selbst diese wurden bei hohem Wasser überschwemmt.

Wasser und Sumpf in diesen Bruchgegenden beherbergten natürlich eine eigne Tierwelt, deren Reichtum, über den die Tradition berichtet, allen Glauben übersteigen würde, wenn nicht urkundliche Belege diese Traditionen unterstützten. In den Gewässern fand man: Zander, Fluß- und Kaulbarse, Aale, Hechte, Karpfen, Bleie, Aland, Zährten, Barben, Schleie, Neunaugen, Welse und Quappen. Letztere waren so zahlreich (zum Beispiel bei Quappendorf), daß man die fettesten in schmale Streifen zerschnitt, trocknete und statt des Kiens zum Leuchten verbrauchte. Die Gewässer wimmelten im strengsten Sinne des Worts von Fischen, und ohne viele Mühe, mit bloßen Handnetzen, wurden zuweilen in Quilitz an einem Tage über 500 Tonnen gefangen. In den Jahren 1693, 1701 und 1715 gab es bei Wriezen der Hechte, die sich als Raubfische diesen Reichtum zunutze machten, so viele, daß man sie mit Keschern fing und selbst mit Händen greifen konnte. Die Folge davon war, daß in Wriezen und Freienwalde eine eigne Zunft der Hechtreißer existierte. An den Markttagen fanden sich aus den Bruchdörfern Hunderte von Kähnen in Wriezen ein und verkauften ihren Vorrat an Fischen und Krebsen an die dort versammelten Händler. Ein bedeutender Handel wurde getrieben, und der Fischertrag des Oderbruchs ging bis Böhmen, Bayern, Hamburg, ja die geräucherten Aale bis nach Italien. Kein Wunder deshalb, daß in diesen Gegenden unter allem Haus- und Küchengerät der Fischkessel obenan stand und so sehr als wichtigstes Stück der Ausstattung betrachtet wurde, daß er, nach gesetzlicher Anordnung, beim Todesfalle der Frau, wenn andres Erbe zur Verteilung kam, dem überlebenden Gatten verblieb.

In großer Fülle lieferte die Bruchgegend Krebse, die zuzeiten in solchem Überfluß vorhanden waren, daß man zu Colerus' Zeiten, ausgangs des sechzehnten Jahrhunderts, sechs Schock schöne, große Krebse für sechs Pfennige meißnerischer Währung kaufte. Zu Küstrin wurde von 100 Schock durchgehender Krebse ein Schock als Zoll abgegeben, bei welcher Gelegenheit der vorerwähnte Colerus versichert, daß dieser Zoll in einem Jahre 325 000 Schock Krebse eingetragen habe. Danach wären denn bloß in dieser einen Stadt in einem Jahre 32½ Millionen Schock Krebse versteuert worden. Im Jahre 1719 war das Wasser der Oder, bei der großen Dürre, ungewöhnlich klein geworden; Fische und Krebse suchten die größten Tiefen auf, und diese wimmelten davon. Da das Wasser aber von der Hitze zu warm wurde, krochen die Krebse aufs Land ins Gras oder wo sie sonst Kühlung erwarteten, selbst auf die Bäume, um sich unter das Laub zu bergen, von welchen sie dann wie Obst herabgeschüttelt wurden. Auch die gemeine Flußschildkröte war im Bruch so häufig, daß sie von Wriezen fuhrenweise nach Böhmen und Schlesien versendet oder vielmehr abgeholt wurde.

Ein so lebendiges Gewimmel im Wasser mußte notwendig sehr vielen anderen Geschöpfen eine mächtige Lockspeise sein. Schwärme von wilden Gänsen bedeckten im Frühjahr die Gewässer, ebenso Tausende von Enten, unter welchen letzteren sich vorzugsweise die Löffelente, die Quackente und die Krickente befanden. Zuweilen wurden in einer Nacht so viele erlegt, daß man ganze Kahnladungen voll nach Hause brachte. Wasserhühner verschiedener Art, besonders das Bleßhuhn, Schwäne und mancherlei andre Schwimmvögel belebten die tieferen Gewässer, während in den Sümpfen Reiher, Kraniche, Rohrdommeln, Störche und Kiebitze in ungeheurer Zahl fischten und Jagd machten. Im Dorfe Letschin trug jedes Haus drei, auch vier Storchnester. Rings um das Bruch und in den Gebüschen und Horsten im Innern desselben fand man Trappen, Schnepfen, Ortolane und andre zum Teil selten gewordene Vögel; über dem allem aber schwebte, an stillen Sommerabenden, ein unermeßlicher Mückenschwarm, der besonders die Gegenden von Freienwalde und Küstrin in Verruf brachte. »Sie schwärmten« – so erzählt Bekmann – »in solcher Menge, daß man in der Luft dicke Säulen von Mücken beobachtete, und gaben ein solches Getöse von sich, daß es, wenn man nicht scharf darauf achtete, klang, als würden in der Ferne die Trommeln gerührt.« Biber und Fischottern bauten sich zahlreich an den Ufern an, und wurden die ersteren als große Zerstörer der später errichteten Dämme, die anderen als große Fischverzehrer fleißig gejagt. Jeder konnte auf sie Jagd machen, wodurch sie gänzlich ausgerottet wurden.

Die Vegetation stand natürlich mit dem ganzen Charakter dieser Gegenden in Einklang: Alle Wasser- und Sumpfpflanzen kamen reichlich vor, breite Gürtel von Schilf und Rohr faßten die Ränder ein, und Eichen und Elsen überragten das Ganze.

Im Spätsommer, wenn sich die Wasser endlich verlaufen hatten, traten für den Rest des Jahres fruchtbare Wiesen zutage, und diese Wiesen, die ein vortreffliches Futter gaben, sicherten, nebst dem Fischreichtum dieser Gegenden, den Bewohnern des Bruchs ihre Existenz. Darüber hinaus ging es nicht, vielleicht deshalb nicht, weil der enorme Reichtum an Fischen und Heu beides halb wertlos machte.

Einzelne benachbarte Kavallerieregimenter zogen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von diesem Heureichtum mehr Vorteil als die Bruchbewohner selbst. Es war damals noch im Schwange, daß die Eskadronchefs selber für die Unterhaltung der Pferde Sorge tragen mußten. Daher bestrebten sich viele der in den Nachbarstädten, auch in der Residenz selbst garnisonierenden Rittmeister respektive Obristwachtmeister, ihre Pferde in den Bruchdörfern auf Grasung zu geben. Zu dem Ende wurden dieselben auf Flößen und zusammengebundenen Kähnen übergeführt. Hauptsächlich waren es drei Regimenter, die Nutzen davon zogen, nämlich das Zietensche, später Göckingksche Husarenregiment sowie die Gensdarmes und die Pfalzbayern-Dragoner. Zuweilen lag in einem Dorfe eine ganze Eskadron. Doch hatten die Dorfbewohner, wie schon angedeutet, wenig Vorteil von solcher Einquartierung, da monatlich im Durchschnitt nur ein Taler Futtergeld pro Pferd gezahlt wurde.

2. Die Verwallung

Graben und Wall
Haben bezwungen das Element
Und nun blüht es von End zu End
Allüberall.

Fische und Heu hatten jahrhundertelang den einzigen Reichtum der Oderbruchgegenden gebildet; die Bewohner hatten davon gelebt, indessen, im großen und ganzen, selbst in guten Jahren kärglich genug. Gute Jahre gab es aber nicht immer. Gab es statt dessen ein Wasserjahr, so daß die Überschwemmungen weiter gingen oder länger andauerten als gewöhnlich, so war Not und Elend an allen Enden.

Zwar wurden schon im sechzehnten Jahrhundert Versuche gemacht, der Wassersnot durch Eindeichung des linken Oderufers, namentlich auf der Straße von Frankfurt bis Küstrin, ein Ziel zu setzen, aber alle diese Arbeiten waren teils auf kleinere Strecken beschränkt, teils mangelhaft in sich. Schon unter der Regierung des Kurfürsten Johann George, etwa um 1593, hatte man mit solchen Verwallungen den Anfang gemacht und Arbeiter aus Holland, Brabant, Schlesien herbeigerufen; die aufgeführten Dämme zwischen Reitwein und dem Küstriner Kietz bewährten sich aber schlecht, und 1613 brach die Oder von neuem durch. Auch der Große Kurfürst zog Holländer und Bewohner der unteren Elbufer, also Leute, die sich auf Damm- und Deichwirtschaft verstanden, ins Oderbruch hinein, ihre sehr beschränkten Mittel indessen reichten nicht aus, eine viele Meilen lange Schutzmauer aufzuführen, ohne welche die Anstrengungen des einzelnen in den meisten Fällen nutzlos bleiben mußten. Nur einige wenige Dominien, die durch kleine Höhenzüge eines natürlichen Schutzes genossen und vielleicht nur an einer schmalen Stelle noch eines Damms bedurften, waren glücklicher und brachten es dahin, sich zu einer Art Festung zu machen, in die das Wasser nicht hinein konnte.

Eine solche kleine Festung, die den Anprall des Wassers glücklich abgeschlagen hatte, lernte König Friedrich Wilhelm I. kennen, als ihn eine Reiherbeize, die er bekanntlich sehr liebte, in dem großen Überschwemmungsjahre 1736 in diese Gegenden führte. Der König sah die Verheerungen, die das Oderwasser angerichtet hatte, sah aber auch zu gleicher Zeit, daß die geschickt eingedeichten Besitzungen seines Staatsministers von Marschall auf Ranft von diesen Verheerungen wenig oder gar nicht betroffen worden waren. Was er in Ranft im kleinen so glücklich ausgeführt sah, mußte bei größeren Mitteln und Anstrengungen auf der ganzen Strecke des Oderbruches, zwischen Frankfurt und Oderberg, möglich sein, und energisch, wie er ans Werk gegangen war, das große Havelländische Loch trockenzulegen, war er jetzt nicht minder entschlossen, auch das Oderbruch zu einem nutzbaren Fleck Landes zu machen.

Er nahm die Sache persönlich in Angriff und beauftragte seinen Kriegsrat Haerlem, einen Holländer, der sich schon durch ähnliche Wasserbauarbeiten ausgezeichnet hatte, ihm ein Gutachten einzureichen, ob das Oderbruch auf seiner ganzen Strecke eingedämmt und gegen Überschwemmungen gesichert werden könne. Haerlems Gutachten lautete dahin: »daß das allerdings geschehen könne; daß die Arbeit aber schwierig, weit aussehend und kostspielig sei«.

Dem König schien dies einleuchtend, und so vertagte er ein Unternehmen, dessen Wichtigkeit er sehr wohl erkannte, mit den Worten: »Ich bin schon zu alt und will es meinem Sohn überlassen.«

Es ist anzunehmen, daß Friedrich II. von dieser Äußerung seines Vaters Kenntnis erhielt und Veranlassung daraus nahm, bald nach seinem Regierungsantritt einesteils zur Entwässerung, andererseits zur Eindeichung des Bruchs Veranstaltungen zu treffen. Dies geschah nach Beendigung des Zweiten Schlesischen Krieges.

Der Plan zur Ausführung des Werkes wurde sehr wahrscheinlich von demselben Manne, Kriegsrat von Haerlem, entworfen, der schon unter Friedrich Wilhelm I. sein Gutachten in dieser Angelegenheit abgegeben hatte; um aber bei einem Unternehmen von solchem Umfange möglichst sicherzugehen, wurde von seiten des Königs noch eine besondere Kommission zur örtlichen Besichtigung und zur Begutachtung des Unternehmens ernannt. Es war dabei der ausdrückliche Befehl des Königs, daß der berühmte Mathematiker Bernhard Euler, dazumal anwesendes Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, an den Beratungen dieser Kommission teilnehmen solle. Der König hatte guten Grund, nach Möglichkeit Autoritäten und berühmte Namen in diese Kommission hineinzuziehen, da er im voraus von dem Widerstande überzeugt war, dem er, wie immer in solchen Fällen, bei den Anwohnern des Bruchs, den adligen und den bäuerlichen, begegnen würde. Etwas von der Opposition, die später, und zwar namentlich von 1748 bis 1752, der am Rande des Oderbruches reichbegüterte Markgraf Karl machte, mochte schon damals zu Ohren des Königs gedrungen sein.

Die Kommission ging ans Werk und stattete ihren Bericht ab. Dieser Bericht, von Schmettau, Haerlem und Euler unterzeichnet, ist umfangreich, aber in Erwägung der Schwierigkeit und Wichtigkeit der Materie verhältnismäßig kurz gefaßt und läuft, hinsichtlich seiner Vorschläge, auf drei Hauptpunkte hinaus:

  1. der Oder einen schnellen Abfluß zu verschaffen,
  2. die Oder mit tüchtigen Dämmen einzufassen,
  3. das Binnenwasser aufzufangen und abzuführen.

Alle drei Aufgaben sind im wesentlichen gelöst worden.

Ad 1. Um der Oder einen schnelleren Abfluß zu verschaffen, wurde ihr auf der Strecke von Güstebiese bis Hohensaaten ein neues Bett, und zwar zur Abkürzung ihres Laufs, gegraben. Die Oder nahm früher, das heißt also vor den Arbeiten von 1746 bis 1753 (sieben Jahre, weshalb man von einem in der »Stille geführten Siebenjährigen Krieg« gesprochen hat), auf der eben angegebenen Strecke einen anderen Lauf als jetzt; sie machte, statt in gerader Linie weiterzufließen, drei Biegungen, und zwar zuerst bei Güstebiese nach Westen, dann bei Wriezen nach Norden, endlich bei Freienwalde nach Osten, so daß sie, mehrfach ein Knie bildend, auf ihrem langen Umwege drei Linien statt einer beschrieb. Diesem Umwege, der dem raschen Abfluß hinderlich war, sollte abgeholfen werden; mit anderen Worten, der Lauf des Flusses, der bis dahin etwa diese Gestalt

gehabt hatte, sollte durch ein neues Bett nunmehr einfach eine gerade Richtung erhalten.

Der Kanal wurde gegraben, und die Oder fließt seitdem in einem neuen Bett, das nur zweieinhalb Meilen statt sechs Meilen Länge hat. Dies ist die sogenannte » neue Oder« zwischen Güstebiese und Hohensaaten (H. S.). Aber das alte Bett wurde durch diesen geradlinigen Durchstich, wie sich denken läßt, nicht absolut wasserleer, es blieb vielmehr Wasser genug in der »alten Oder«, um den verschiedenen an ihr gelegenen Städten und Dörfern mehr oder weniger ihren alten Wasserverkehr zu erhalten. Erst 1832 kam dieser Wasserverkehr in Gefahr. Die Verwallung, wie sie bis dahin bestand, hatte im Lauf der Jahrzehnte verschiedene Mängel gezeigt, und namentlich war der flußabwärts gelegene Teil des Niederbruchs, das sogenannte Mittelbruch, nach wie vor vielfachen Überschwemmungen ausgesetzt gewesen. Dem vorzubeugen, entwarf der Geheime Oberbaurat Cochius schon zwischen 1810 und 1818 einen kühnen Plan, der darauf hinausging, die alte Oder bei Güstebiese zu schließen, das heißt also, einen Riegel vorzuschieben. Dieser vorgeschobene Riegel, ein Damm, eine Zuschüttung, sollte alles Wasser zwingen, im Bett der neuen Oder zu bleiben, und ein teilweises Abfließen des Wassers in das Bett der alten Oder unmöglich machen. Der Plan war kühn, weil die dadurch im Bett der neuen Oder sehr wesentlich wachsende Wassermasse leicht Gefahren (Deichbrüche) im Geleite haben konnte. Außerdem war das Aufhören jeder Wasserverbindung, wenn auch das Ganze dadurch gewann, für viele Bewohner des Mittelbruchs eine wenig wünschenswerte Sache. Alles wurde indessen glänzend hinausgeführt. Die wachsende Wassermasse der neuen Oder schuf keine Gefahren, oder man wußte doch diesen Gefahren zu begegnen, und, was ebenfalls wichtig war, eine absolute Trockenlegung der alten Oder erfolgte durch Vorschiebung jenes Riegels ebensowenig, wie sie siebzig Jahre früher durch Grabung des neuen Oderbettes erfolgt war. Die Anwohner, namentlich in den an der alten Oder gelegenen Städten Wriezen und Freienwalde, erfreuen sich nach wie vor einer Wasserverbindung, da teils das Grundwasser, teils auch ein geschicktes, alle Bruchgewässer sammelndes Kanalsystem das Bett der alten Oder, trotz der Coupierung (Zuschüttung) bei Güstebiese, mit Wasser speist. Ausbaggerungen und Tieferlegung des Betts halfen nach.

Man darf sagen, daß sich die Herstellung eines geradlinigen und dadurch verkürzten Oderbetts (»die neue Oder«) in allen Punkten bewährt hat, nur vielleicht in dem einen nicht, den man dabei zunächst und vorzugsweise im Auge hatte. Man hatte, wie schon angedeutet, von diesem neuen, kürzeren Bett eine Verbesserung des Oderfahrwassers erwartet und gehofft, daß das raschere Fließen des Wassers an dieser Stelle das Flußbett vertiefen, den Strom einengen, konzentrieren und dadurch die Stromkraft steigern werde. Dies alles ist wenig oder gar nicht in Erfüllung gegangen. Der vielfach versandete Fluß ist nach wie vor mehr breit als tief, die Schiffahrt nach wie vor schwierig, oft ganz unterbrochen, und sogar die Kanalanlage selbst hat ihren ursprünglichen Charakter zum Teil verloren und ist breiter und infolge davon wieder flacher und sandiger geworden.

Ad 2. Die zweite Aufgabe war die Anlegung von » tüchtigen Dämmen«. Das sogenannte Oberbruch, wie wir gesehen haben, hatte solche Dämme schon. Es handelte sich also vorwiegend um Eindämmung des Niederbruchs, eine Aufgabe, die dadurch so kompliziert wurde, daß nicht nur die »neue Oder« auf ihrer Strecke von Küstrin bis Saaten, sondern vor allem auch die sich in weiten Windungen durch das Land ziehende »alte Oder« eingedämmt werden mußte. Große Anstrengungen und große Geldsummen waren dazu erforderlich. Endlich glückte es. Die Gesamtstrecke der hier im Nieder-Oderbruche angelegten Deiche beträgt über zehn Meilen. Diese Deiche waren nicht gleich anfangs, was sie jetzt sind, weder an Höhe noch Festigkeit. So kam es, daß auch nach Anlage derselben verschiedene große Überschwemmungen stattfanden, zum Beispiel 1786 und 1838. Auch jetzt noch ist die Möglichkeit solcher Überschwemmungen nicht ausgeschlossen: ein Dammbruch kann stattfinden, oder die Höhe des Wassers kann die Höhe der Dämme übersteigen. Indessen verringert sich diese Möglichkeit von Jahr zu Jahr, da die Dämme, wie nach immer verbesserten fortifikatorischen Prinzipien gemodelte Festungen, alljährlich an Ausdehnung und Widerstandskraft gewinnen.

Ad 3. Die dritte Aufgabe war, das Binnenwasser abzufangen. Dies war kaum minder wichtig als die Anlegung der Dämme. Die Dämme schützten gegen die von außen her hereinbrechenden Fluten; aber sie konnten nicht schützen gegen das Wasser, das teils sichtbar in Sümpfen, Pfuhlen und sogenannten »faulen Seen« dastand, teils als Grundwasser unter dem Erdreich lauerte, jeden Augenblick bereit, zu wachsen und an die Oberfläche zu treten. Um diesem Übelstande abzuhelfen, ohne den eine eigentliche Trockenlegung nicht möglich war, bedurfte es eines ausgedehnten Kanalsystems. Auch ein solches wurde geschaffen. Zahllose Abzugsgräben, kleine und große und unter den verschiedensten Namen, wurden hergestellt, die sämtlich in den sogenannten »Landgraben« und mittelst desselben, an Wriezen und Freienwalde vorüber, in die »neue Oder« mündeten. Zum Teil sind es auch wohl diese Gräben, die das tiefer gelegene Bett der »alten Oder« mit Wasser speisen und dasselbe vor völligem Austrocknen schützen. Dies ganze Kanalsystem, ebenso wie die Verwallung, ist im Lauf der Jahrzehnte vielfach verbessert worden, und weite Strecken, die noch vor vierzig Jahren eine durchaus unsichere Heuernte gaben, zeigen jetzt um die Sommerzeit die schönsten Raps- und Gerstenfelder.

Das Wesentliche dieser Arbeiten – die selbstverständlich nie ganz ruhten und bis diesen Tag fortgesetzt werden – war bereits vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges beendet. Es heißt, Friedrich der Große habe bei seinem berühmten Flankenmarsche, der der Schlacht von Zorndorf vorherging (vergleiche »Zorndorf«), bereits Vorteile von der veränderten, das heißt mehr passierbaren Gestalt des Bruchs gezogen. Dies ist jedoch höchstwahrscheinlich eine zu Ehren des Bruchs und seiner Melioration erfundene Geschichte, da die Zorndorfer Schlacht am 25. August stattfand, also zu einer Jahreszeit, wo das Bruch immer trocken und passierbar zu sein pflegte. Niemand ahnte damals, was im Laufe der Zeit durch den Einfluß von Luft und Sonne, durch den Fleiß der Bewohner, durch Verstärkung der Dämme, durch Erweiterung und bessere Richtung der Abzugsgräben aus diesem Landesteile werden würde – man hielt es überwiegend nur zum Graswuchs und zur Weide geeignet. Der Brief eines Reisenden, der das Bruch im Jahre 1764 passierte, gibt Auskunft darüber. Der Brief lautet:

»So angenehm auch diese Gegend geworden (denn es ist die ebenste Pläne, die Wege mit Weiden besetzt, wie auch die Deiche, und zwar mit mehreren Reihen, nicht nur auf dem Kamm, sondern auch auf der Böschung zu beiden Seiten, damit sie von den verwachsenen Wurzeln eine mehrere Festigkeit bekommen), so haben die neuen Dörfer doch mehrfach schon durch Überschwemmung gelitten, so daß man mit Kähnen die Einwohner retten oder ihnen doch, da sie auf die Böden ihrer Häuser geflüchtet, zu Hülfe kommen mußte. Der eingedeichte Acker dürfte wohl mit der Zeit der Wische in der Altmark ähnlich werden; aber noch ist er es nicht... In den ersten Jahren gab der Roggen fast gar kein Mehl, sondern lauter Kleie, und die Gerste taugte gar nicht zu Malz, weil es lauter Lagerkorn gewesen war.«

Seitdem ist es unser eigentliches Gerstenland geworden. Neuerdings blüht in ihm die Rübenkultur. Große Zuckerfabriken existieren auf den Ämtern, und immer neue Unternehmungen treten ins Leben. Der Anblick dieses fruchtbaren Landesteiles aber ruft immer wieder die Worte des großen Königs in unser Gedächtnis zurück: »Hier hab ich im Frieden eine Provinz erobert.«

3. Die alten Bewohner

Alte Zeit und alte Sitt
Hielt mit dem Neuen nicht länger Schritt,
Aber sieh da, das alte Kleid
Hat länger gelebt als Sitt und Zeit.

Das Oderbruch – oder doch wenigstens das Niederbruch, von dem wir im nachstehenden ausschließlich sprechen – blieb sehr lange wendisch. Wahrscheinlich waren alle seine Bewohner, bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein, von ziemlich unvermischter slawischer Abstammung. Die deutsche Sprache war eingedrungen (es ist nicht festzustellen, wann), aber nicht das deutsche Blut. Die Gegend war auch nicht dazu angetan, zu einer Übersiedelung einzuladen. Ackerland gab es nicht, desto mehr Überschwemmungen, und der Fischfang, den die Wenden, wenigstens in diesen Gegenden, vorzugsweise betrieben, hatte nichts Verlockendes für die Deutschen, die zu allen Zeiten entweder den Ackerbau oder die Meerfahrt, aber nicht den Fischfang liebten. Dazu kam, daß die alten Wenden, wie es scheint, von sehr nationaler und sehr exklusiver Richtung waren und den wenigen deutschen Kolonisten, die sich hier niederließen (zum Beispiel unter dem Großen Kurfürsten), das Leben so schwer wie möglich machten.

Über die Art nun, wie die wendischen Bewohner im Innern des Bruches lebten, wissen wir wenig, und das beste Teil unsrer Kenntnis haben wir aus Vergleichen und Schlußfolgerungen zu schöpfen. Die mehr und mehr unter deutsche Kultur geratenden » Randdörfer« – zu denen die » Bruchdörfer« alsbald in dem Verhältnis mittelalterlich-wendischer Kietze standen – hätten uns in ihren Amts- und Kirchenbüchern allerhand aufschlußgebende Aufzeichnungen hinterlassen können; aber es gebrach an dem erforderlichen historischen Sinn, und so ging die Zeit dafür verloren. Diese schloß etwa mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ab. Ein geübtes Auge würde freilich auch heute noch in der aus den verschiedensten Elementen gemischten Bevölkerung eine Fülle speziell wendischer Eigentümlichkeiten herauslesen können; es gehört aber dazu eine exakte Kenntnis der verschiedenen slawischen und deutschen Stammeseigentümlichkeiten, daß ich es nicht wage, mich in solche Scheidungen und Bestimmungen einzulassen.

Ich gebe zunächst nur das wenige, was ich über die alten wendischen Bruchdörfer und ihre Bewohner als direkte Schilderung aus älterer Zeit her habe auffinden können.

»Die Dörfer im Bruch« – so sagt eine in Buchholtz' »Geschichte der Kurmark Brandenburg« abgedruckte Schilderung (Vorrede zu Band II) – »lagen vor der Eindeichung und Neubesetzung dieses ehemaligen Sumpflandes auf einem Haufen mit ihren Häusern, das heißt also, weder vereinzelt noch in langgestreckter Linie, und waren meistens von gewaltigen, häuserhohen, aus Kuhmist aufgeführten Wällen umzingelt, die ihnen Schutz vor Wind und Wetter und vor den Wasserfluten im Winter und Frühling gewährten und den Sommer über zu Kürbisgärten dienten. Den übrigen Mist warf man aufs Eis oder ins Wasser und ließ ihn mit der Oder forttreiben. Einzeln liegende Gehöfte, deren jetzt viele Hunderte vorhanden sind, gab es im Bruche nicht ein einziges. Im Frühling, und sonderlich im Mai, pflegte die Oder die ganze Gegend zu zehn bis zwölf, ja vierzehn Fuß hoch zu überschwemmen, so daß zuweilen das Wasser die Dörfer durchströmte und niemand anders als mit Kähnen zu dem andern kommen konnte.« (Dafür, daß das ganze Bruch damals sehr oft unter Wasser stand und keine andere Kommunikation als mittelst Kahn zuließ, spricht auch die Einleitung zu der vorstehenden Schilderung. Diese lautet: »Ich habe das Bruch unzähligemal durchreist, sowohl ehedem zu Wasser als auch jetzt, nachdem es urbar gemacht worden ist, zu Lande.«)

Diese Beschreibung, kurz, wie sie ist, ist doch das Beste und Zuverlässigste, was sich über den Zustand des Bruchs, wie es vor der Eindeichung war, beibringen läßt. Der neumärkische Geistliche, von dem die Schilderung herrührt, hatte die alten Zustände wirklich noch gesehn, und so wenig das sein mag, was er in dieser seiner Beschreibung beibringt, es gibt doch ein klares und bestimmtes Bild. Wir erfahren aus diesem Briefe dreierlei: 1. daß das Bruch den größten Teil des Jahres über unter Wasser stand und nur zu Wasser passierbar war; 2. daß auf den kleinen Sandinseln dieses Bruchs Häusergruppen (»in Haufen«, sagt der Briefschreiber) lagen, die uns also die Form dieser wendischen Dörfer veranschaulichen; und 3. daß es kleine schmutzige Häuser, entweder aus Holzblöcken aufgeführt oder aber sogenannte Lehmkaten, waren, die meistens von Kuhmistwällen gegen das andringende Wasser verteidigt wurden.

Man hat dies Bild durch die Hinzusetzung vervollständigen wollen, »daß also nach diesem allen die alten wendischen Bruchdörfer den noch jetzt existierenden Spreewalddörfern mutmaßlich sehr ähnlich gewesen wären«, und wenn man dabei lediglich den Grundcharakter der Dörfer ins Auge faßt, so wird sich gegen einen solchen Vergleich wenig sagen lassen. Die Spreewäldler sind Wenden bis diesen Tag; sie leben zwischen Wasser und Wiese, wie die Oderbrücher vor hundert Jahren, und ziehen einen wesentlichen Teil ihres Unterhalts aus Heumahd und Fischfang; sie leben in stetem Kampf mit dem Element; sie unterhalten ihren Verkehr ausschließlich mittelst Kähnen (der Kahn ist ihr Fuhrwerk), und ihre Blockhäuser, zum Beispiel in den zwei Musterdörfern Lehde und Leipe, sind bis diesen Tag von Kuhmistwällen eingefaßt, die, ganz nach dem Bericht unsres neumärkischen Geistlichen, halb zum Schutz gegen das Wasser, halb zu Kürbisgärten dienen. Daß der Spreewäldler jetzt statt der Kürbisse die besser rentierenden Gurken etc. zieht, macht keinen Unterschied.

Der oben mitgeteilte Brief hat uns ziemlich anschaulich die Lokalität der alten Oderbruchdörfer gegeben; die Frage bleibt noch: Wie waren die Bewohner nach Charakter, Sitte, Tracht?

Zunächst ihr Charakter. Wie gut auch das Zeugnis ist, das noch jetzt an einigen Stellen des Oderbruchs den Überresten der wendischen Bevölkerung im Gegensatz zu den »Pfälzern« ausgestellt wird, so ist es doch nicht sehr wahrscheinlich, daß es vor hundert Jahren und darüber mit diesen von der Welt abgeschnittenen, von jeder Idealität losgelösten Existenzen etwas Besonderes auf sich gehabt habe. Es waren vielleicht gutgeartete, aber jedenfalls rohe, in Aberglauben und Unwissenheit befangene Gemeinschaften Über Charakter und Erscheinung der jetzt noch in einigen Bruchdörfern vorkommenden wendischen Bevölkerung schreibt man mir aus einem dieser Dörfer: »Man gibt hier im allgemeinen dem Charakter der wendischen Bevölkerung vor dem der deutschen Kolonisten den Vorzug. Die Wenden sind allerdings schwerfällig, abergläubisch und geistig weniger begabt als die ›Pfälzer‹ (die allgemeine Bezeichnung für die Deutschen), aber an Kraft, Fleiß und Ausdauer sind sie den Deutschen gleich, während sie dieselben an Treue und Zuverlässigkeit übertreffen. Die Männer haben ausdrucksvolle Gesichter, sind nicht schön und mehr hager als beleibt; die Mädchen und jungen Frauen hingegen zeigen vollere Formen, frische Farben statt des Leder- und Pergamentteints anderer Loch- und Bruchgegenden und sind oft sehr hübsch; die dunklen Augen voll Feuer und Leben.« , die trotz ihres christlichen Bekenntnisses mit den alten Wendengöttern nie recht gebrochen hatten. Der Aberglaube hatte in diesen Sümpfen eine wahre Brutstätte. Kirchen gab es zwar ein paar; aber der Geistliche erschien nur alle sechs oder acht Wochen, um eine Predigt zu halten, und der Verkehr mit den glücklicheren Randdörfern oder gar mit den Städten, wohin sie eingepfarrt waren, war durch Überschwemmungen und grundlose Wege erschwert. Man darf mit nur allzu gutem Rechte behaupten, daß die Brücher in allem, was geistlichen Zuspruch und geistiges Leben anging, von den Brosamen lebten, die von des Herren Tische fielen. Die Toten, um ihnen eine ruhige Stätte zu gönnen (denn die Fluten hätten die Gräber aufgewühlt), wurden auf dem Wriezener Kirchhof oder auf den Höhe-Dörfern begraben, und die Taufe der Kinder erfolgte vielleicht vier- oder sechsmal des Jahres in ganzen Trupps. Es wurden dann Boote nach der benachbarten Stadt abgefertigt, die dem dortigen Geistlichen die ganze Taufsendung zuführten, wobei sich's nicht selten ereignete, daß von diesen in großen Körben transportierten Kindern das eine oder andere auf der Überfahrt starb.

Die geistige Speise, die geboten wurde, war spärlich und die leibliche nicht minder; Korn wurde wenig oder gar nicht gebaut, die Kartoffel war noch nicht gekannt oder, wo sie gekannt war, als Feind und Eindringling verabscheut; ein weniges an Gemüse gedieh auf den »Kuhmistwällen«, sonst – Fisch und Krebse und Krebse und Fisch. Seuchen konnten nicht ausbleiben; dennoch wird eigens berichtet, daß ein kräftiger Menschenschlag, wie jetzt noch, hier heimisch war und daß Leute von neunzig und hundert Jahren nicht zu den Seltenheiten zählten.

Ein hervorstechender Zug der Wenden, zum Beispiel auch der Spreewaldwenden, ist ihre Heiterkeit und ihre ausgesprochene Vorliebe für Musik und Gesang. Ob eine solche Vorliebe auch bei den Wenden des Oderbruchs zu finden war? Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Eins spricht entschieden dagegen. Volkslieder haben ein langes Leben und überdauern vieles; aber nirgends begegnet man ihnen bei den Brüchern. Diese singen jetzt, was anderen Orts gesungen wird. Keine Spur wendischer Eigenart; woraus sich schließen läßt, daß überhaupt wenig davon vorhanden war. In neuerer Zeit hat sich ein geborener Oderbrücher, der Lehrer Rubehn in Groß Neuendorf, der dankenswerten, aber freilich schwierigen Aufgabe unterzogen, der wendischen Vorgeschichte des Oderbruchs nachzuspüren und Material dafür zu sammeln. Dies Material, in das mir ein Blick gestattet war, ist reich und instruktiv; der Sammler indes scheint mir darin irrezugehn, daß er geneigt ist, den Sprüchen und Sagen, deren er viele zusammengetragen hat, ein größeres Alter beizumessen, als ihnen zukommt. Mit anderen Worten, er vermutet da Wendisch-Ursprüngliches oder im Oderbruch Gewachsenes, wo nur Deutsch-Importiertes vorliegt. Die Sagen, die ich seiner Mitteilung verdanke, finden sich, fast ohne Ausnahme, in den Landesteilen (Pfalz, Schwaben, Niedersachsen) wieder, aus denen die Kolonisierung des Oderbruchs erfolgte. Eine unter diesen Sagen indes, wiewohl sicherlich ebenfalls deutsch, mag um ihrer selbst willen einen Platz an dieser Stelle finden. Es ist das die Geschichte von » Rotmützeken«:

Das einzige, was sich, ähnlich wie im Altenburgischen, auch hier im Bruche länger als jede andre Spur nationalen Lebens erhalten hat, ist die Tracht. Über diese noch ein paar Worte.

Wir begegnen ihr nicht inmitten des Bruchs, wo sich das Wendentum bis 1747 ziemlich unvermischt erhielt, sondern umgekehrt am Rande, wo die Berührung mit der deutschen Kulturwelt schon durch Jahrhunderte hin stattgefunden hatte. Aber dies darf nicht überraschen. Diese Berührung blieb in den Randdörfern eine spärliche, mäßige, wie sie es immer gewesen war, während das durch Jahrhunderte hin wendisch intakt erhaltene Zentrum, als diese Berührung überhaupt einmal begonnen hatte, durch Masseneinwanderung solche Dimensionen annahm, daß das Wendentum in kürzester Frist darunter ersticken mußte. Die Gäste wurden die Wirte und gaben nun den Ton an. Anders in den Randdörfern, wenigstens in einzelnen derselben. An dem Abhange des Barnim-Plateaus, in der ehemaligen »Derfflingerschen Herrschaft«, liegen noch einige Dörfer, drin sich Überreste wendischer Tracht bis auf diesen Tag erhalten haben. In Vollständigkeit existiert sie nur noch in Quilitz. dem gegenwärtigen Neu-Hardenberg.

Diese Kleidung, soweit die Frauen in Betracht kommen, besteht aus einem kurzen roten Friesrock mit etwa handbreitem, gelbem Rand; ferner aus einem beblümten, dunkelfarbigen, vorn ausgeschnittenen Leibchen und aus einem weißen Hemd, dessen Ärmel bis zum Mittelarm reichen, während Latz und getollter Kragen über Brust und Nacken fallen. Dazu Kopftuch und Schürze. Die Tracht ist alltags und sonntags dieselbe und nur im Stoff verschieden. Alltags: blaue geblümte Kattun- oder Leinwandschürze und Kopftuch von demselben Zeug; sonntags: weiße Schürze und schwarzseidenes Kopftuch. Der rote Friesrock ist das Ständige, und die Schürze ist jedesmal um eine Handbreit länger als der Rock. Wie Alltag oder Sonntag, so macht natürlich auch arm und reich einen Unterschied. Bei den Ärmeren legt sich der Friesrock in wenige, bei den Reichen in viele Falten und erreicht seine Höhe, so wenigstens wird erzählt, wenn er so viele Falten hat wie Tage im Jahre. Für das Leibchen ist Manchester ein sehr bevorzugter Stoff. Weiße Zwickelstrümpfe vollenden den Anzug, und massive silberne Ohrgehänge sind beliebt.

Diese wendische Tracht nimmt sich höchst malerisch aus und ist so ziemlich die kleidsamste unter allen Nationaltrachten, die mir in den verschiedenen Teilen Norddeutschlands vorgekommen sind. Es ist damit kein übertriebenes Lob gespendet, da diese Trachten, sosehr ich sie liebe und sosehr ich ihrer Konservierung das Wort reden möchte, doch vielfach nichts weniger als schön zu nennen sind. Oft sind sie entschieden häßlich. Ich erinnere nur an die Altenburgerinnen, die wie steif ausgestopfte Bachstelzen einherschreiten. Alle diese Nationaltrachten indes, ob schön oder häßlich, sind meist sehr kostspielig zu beschaffen, und dieser Umstand hat entschieden mitgewirkt, der städtischen Mode, will sagen dem billigeren Kattunkleide, den Eingang zu verschaffen. Auch in Quilitz – das, nachdem es dem Staatskanzler Fürsten Hardenberg als Dotation zugefallen war, den Namen Neu-Hardenberg erhielt – würden wir höchstwahrscheinlich einer Wandlung zum Modernen hin begegnen, wenn nicht allerhand Rücksichten eine künstliche Konservierung der alten Sitte herbeigeführt hätten. Schon der Fürst-Staatskanzler selbst, der ein feines Auge für derlei Dinge hatte, hielt darauf, daß die Frauen und Mädchen des Dorfs in der alten wendischen Tracht vor ihm erscheinen mußten, und auch später noch haben alle Mägde, die den bevorzugten Dienst im Schloß antreten wollten, sich zu Mieder, Kopftuch und Friesrock zu bequemen gehabt.

Dem gesamten Oderbruch aber ist als Hinterlassenschaft aus der Zeit wendischer Tracht her das schwarze seidene Kopftuch geblieben, das, jedem jugendlichen Gesichte gut stehend, die Oderbrücherinnen, zum Teil ziemlich unverdient, in den Ruf gebracht hat, ganz besondere Schönheiten zu sein.

4. Die Kolonisierung und die Kolonisten

Es fiel zu leicht euch in den Schoß,
»Zu glücklich sein« war euer Los.
Wie heißt der Spruch im Golden Buch?
»Reichtum ist Segen, und Reichtum ist Fluch.«

Die umfangreichen Arbeiten, die unter Friedrich dem Großen von 1746 bis 1753 ausgeführt wurden, kamen dem gesamten Oderbruche zustatten; in besonderem Maße aber doch nur dem nördlichen Teile desselben, dem Niederbruch. Dies war auch Zweck. Das Oberbruch zwischen Frankfurt und Küstrin war längst unter Kultur Zum Oberbruch, auch das hohe Bruch genannt, gehörten schon damals folgende Ortschaften: Gusow, Kienitz, Platkow, Quappendorf, Quilitz (jetzt Neu-Hardenberg), Rathstock, Sachsendorf, Tucheband, Manschnow, Gorgast, Golzow, Zechin, Werbig, Letschin, Genschmar, Langsow, Hathenow, Sietzing, Wuschewier, Friedland, Metzdorf, Kunersdorf, Bliesdorf, Ortwig, Neuendorf, Hackenow, Werder, Wollup (berühmt durch Koppe, der es dreißig Jahre lang bewirtschaftete). Diese Ortschaften sind seitdem an Reichtum und Bedeutung gewachsen, aber ihre Zahl hat sich, ein paar Ausnahmen abgerechnet, im Gegensatz zum Niederbruche nicht erweitert. ; das sumpfige Niederbruch, zwischen Küstrin und Freienwalde, war der Kultur erst zu erobern.

Diese Eroberung des Niederbruchs, mit dem wir uns auch hier wieder ausschließlich beschäftigen, geschah, wie ich schon in dem Kapitel »Die Verwallung« gezeigt habe, a) durch das neue Oderbett, b) durch die Eindeichung, c) durch Abzugskanäle.

Das Niederbruch, vor Ausführung dieser Arbeiten, war ein drei bis vier Quadratmeilen großes Stück Sumpfland, auf dessen wenigen, etwas höher gelegenen Sandstellen sich acht kümmerliche Dörfer vorfanden. Diese waren:

Reetz, Meetz,
Lebbin, Trebbin,
Großbaaren, Kleinbaaren,
Wustrow und Altwriezen.

So, wie hier aufgeführt, wurden diese Dörfer früher geschrieben. Die Rechtschreibung einzelner dieser Namen ist seitdem eine andre geworden: Meetz ist Mädewitz, Lebbin ist Lewin, Großbaaren und Kleinbaaren ist Groß- und Kleinbarnim. In der Volkssprache aber leben die alten Namen noch fort. Man sagt noch jetzt: Meetz, Lebbin und jedenfalls Groß- und Kleinbaaren.

Diesen acht kümmerlichen Fischerdörfern zuliebe konnte natürlich seitens des großen Königs die Entwässerung von drei oder vier Quadratmeilen Sumpfland nicht vorgenommen werden, um so weniger, als er sehr wohl wußte, daß die Reetzer und Meetzer Fischer, wenn er ihnen auch alles entwässerte Land abgaben- und mühelos zu Füßen gelegt hätte, doch, nach Art solcher Leute, nur über den Verlust ihrer alten Erwerbsquellen (Heumahd und Fischerei) geklagt haben würden. Der König verfuhr also anders. Er hatte durch seine Mittel das Land gewonnen und verteilte das Gewonnene nach seinem Belieben. Einen wesentlichen Teil behielt er selbst (königlicher Anteil), den Rest erhielten die angrenzenden Städte und Rittergüter, einiges auch die alten Dorfschaften. Das gewonnene Land betrug im ganzen 130 000 Morgen, auf welches nun, wie man sonst Bäume pflanzt oder einsetzt, 1300 Familien »angesetzt« wurden. Das geschah in dreiundvierzig neugegründeten Kolonistendörfern. Die Gründung dieser Kolonistendörfer war Sache des Königs auf dem königlichen Anteil, Sache der Städte und Rittergüter auf den Anteilen, die diesen zugefallen waren. So entstanden königliche, städtische und adlige Kolonistendörfer.

Die königlichen Kolonistendörfer waren von Anfang an die größten und wichtigsten und sind es wohl auch geblieben. Mit Ausnahme von Herrenhof und Herrenwiese führen sie sämtlich die Namen alter Bruch- und Uferdörfer, denen nur, zur Unterscheidung, die Silbe »Neu« hinzugefügt worden ist. Es sind folgende:

Neubarnim       Neulietzegöricke
Neulewin Neumädewitz
Neutrebbin Neureetz
Neukietz Neurüdnitz
Neuküstrinchen Neutornow
Neuglietzen Neuwustrow.

Die meisten Kolonisten wurden in den drei erstgenannten Dörfern, in Neubarnim, Neulewin und Neutrebbin, angesetzt, und ist diesen drei Ortschaften auch eine gewisse Superiorität verblieben. Sie zählen bis zu 2000 Einwohnern und darüber.

Werfen wir noch einen Blick auf jene ersten Jahre nach der Trockenlegung des Bruchs. 1300 Kolonistenfamilien sollten angesetzt werden, vielleicht waren auch die Häuser dazu bereits aufgeführt. Aber wo die Menschen hernehmen? Das war nichts Leichtes. Eine eigne »Kommission zur Herbeischaffung von Kolonisten« wurde gegründet, und diese Kommission ließ durch alle preußische Gesandtschaften »fleißige und arbeitsam Ausländer« zum Eintritt in die preußischen Staaten einladen. Diese Einladungen hatten in der Tat Erfolg; an Versprechungen wird es nicht gefehlt haben. So kamen Pfälzer, Schwaben, Polen, Franken, Westfalen, Vogtländer, Mecklenburger, Östreicher und Böhmen, die größte Anzahl aus den drei erstgenannten Ländern. Neubarnim ist eine Pfälzerkolonie, ebenso Neutrebbin. Neulewin wurde mit Polen, auch wohl mit Böhmen, jedenfalls mit slawischen Elementen besetzt. Die Unterschiede zeigen sich zum Teil noch jetzt in Erscheinung und Charakter der Bewohner. In den Pfälzerdörfern begegnet man einem mehr blonden, in Neulewin einem mehr brünetten Menschenschlag. Auch von der Ausgelassenheit und dem leichten, lebhaften Sinn der Pfälzer hört man erzählen. Wie die Bewohner, so sind auch die Dörfer selbst in ihrer Erscheinung verschieden, doch ist es fraglich, ob sich diese Verschiedenartigkeit auf etwas Nationales zurückführen läßt. Vielleicht sind die Gründe nur lokaler Natur. Das Vorhandensein oder das Fehlen eines Wassers, anderer Zufälligkeiten zu geschweigen, mag solche Unterschiede geschaffen haben. Neubarnim (Pfälzerdorf) ist langgestreckt, und eine Baumanlage, die sich mitten durch die breite Dorfstraße zieht, teilt diese in drei Längsteile, in zwei Fahrwege, rechts und links, und einen Baumgang zwischen denselben. Neutrebbin ist ähnlich, wenn ich nicht irre. Neulewin aber (das mit Polen besetzte Dorf) präsentiert sich malerischer. Die Dorfstraße entlang läuft ein Fließ, das auf seiner ganzen Länge von schräg oder auch terrassenförmig ansteigenden Gärten eingefaßt ist. Zwischen den Häusern und diesen Gärten zieht sich rechts und links der Fahrweg. Die Häuser selbst haben vielfach Lauben und Veranden, und der Fußwanderer, der hier an einem Sommerabend des Weges kommt und vor den Häusern das Singen hört, während die dunklen, schöngewachsenen Mädchen mit den klappernden Eimern zum Brunnen gehen, vergißt auf Augenblicke wohl, daß er das verspottete Sumpf- und Sandland der Mark Brandenburg durchreist. Jede Familie erhielt neunzig, sechzig, fünfundvierzig, zwanzig und ein größerer Teil zehn Morgen Ackers von dem entwässerten Boden, bei welcher Verteilung man, wie billig, auf die Stärke der Familie und die Größe des Vermögens Rücksicht nahm. Jegliche Religionsausübung war frei. Der König ließ sechs neue Kirchen bauen, setzte vier Prediger, zwei reformierte und zwei lutherische, ein und gab jedem Dorf eine Schule. Der Unterricht war frei; Pfarre und Schule erhielten Ländereien. Noch andere Vorteile wurden den Ansiedlern gewährt. Allen denen, die sich niederließen, ward eine vollständige Freiheit von allen Lasten auf fünfzehn Jahre gewährt, wie sie denn auch – kein geringes Vorrecht in jenen Tagen – für ihre Person samt Kind und Kindeskind von aller Werbung frei waren. Dem König, wie wohlbekannt, lag vor allem daran, seine dünn besäeten Staaten reicher bevölkert zu sehen. Nach der Verteilung der Ländereien blieben ihm noch 20 000 Morgen, in betreff deren ein benachbarter Gutsbesitzer dem Könige bemerkte, »daß sich vorzügliche Domainen-Vorwerke daraus würden bilden lassen«. Der König sah den Ratgeber durchdringenden Blickes an und erwiderte scharf: »Wär ich, was Er ist, so würd ich auch so denken. Da ich aber König bin, so muß ich Untertanen haben.« Er gab auch diese 20 000 Morgen noch fort.

Die Kolonisten waren nun angesetzt, und die Urbarmachung begann. Das nächste, was der Trockenlegung folgte, war die Ausrodung. Diese Ausrodung führte zu seltsamen Szenen, wie sie seitdem, wenigstens in unserer Provinz, wohl nicht wieder beobachtet worden sind. Die ausgerodeten Bäume und Sträucher – da keine Gelegenheit gegeben war, die ganze Fülle dieses Holzreichtums zu verkaufen oder wirtschaftlich zu verwerten – wurden zu mächtigen Haufen aufgeschichtet und endlich, nachdem sie völlig ausgetrocknet waren, angezündet und verbrannt. Aber das Austrocknen dieser Massen dauerte oft monatelang, und so kam es, daß dieselben eine willkommene Zufluchtsstätte für all die Tiere wurden, die bei der Ausrodung aus ihren Schlupfwinkeln aufgescheucht worden waren. In diesen Holz- und Strauchhaufen steckten nun diese Tiere drin, bis der Tag des Anzündens kam. Dann, wenn Qualm und Feuer aufschlugen, begann es, bei hellem Tagesschein, in dem Strauchhaufen lebendig zu werden, und nach allen Seiten hin jagten nun die geängstigten Tiere, wilde Katzen, Iltisse, Marder, Füchse und Wölfe, über das Feld. Ebenso wurde ein Vernichtungskrieg gegen Wildbret und Geflügel geführt, und jeder Haushalt hatte Überfluß an Hirschen, Rehen, Hasen, Sumpfhühnern und wilden Enten. Hasen gab es so viel, daß die Knechte, wenn sie gemietet wurden, sich ausmachten, nicht öfter als zweimal wöchentlich Hasenbraten zu kriegen.

Der Boden im Bruch war ein schönes, fettes Erdreich, mit vielem Humus, der sich seit Jahrhunderten aus dem Schlamme der Oder und aus der Verwesung vegetabilischer Substanzen erzeugt hatte. Dies erleichterte die Bewirtschaftung; auch diejenigen Kolonisten, die nicht als Ackersleute ins Land gekommen waren, fanden sich leicht in die neue Arbeit und Lebensweise hinein, die, ob ernster oder leichter betrieben, jedem seinen Erfolg sicherte. Man streute aus und war der Ernte gewiß. Es wuchs ihnen zu. Alles wurde reich über Nacht.

Dieser Reichtum war ein Segen, aber er war zum großen Teil so mühelos errungen worden, daß er vielfach in Unsegen umschlug. Man war eben nur reich geworden; Bildung, Gesittung hatten nicht Schritt gehalten mit dem rasch wachsenden Vermögen, und so entstanden wunderliche Verhältnisse, übermütig-sittenlose Zustände, deren erste Anfänge noch der große König, der »diese Provinz im Frieden erobert hatte«, miterlebte und die bis in die Mitte dieses Jahrhunderts hinein fortgedauert haben. Ein Brief aus dem Jahre 1838 schildert die Zustände des damaligen Oderbruchs wie folgt:

»Die Verhältnisse, die ich hier vorgefunden, sind die, durch alle Jahrhunderte hin immer wiederkehrenden, einer Viertel- und Halbkultur, Zustände, wie sie zu jeder Zeit und an jedem Orte sich einstellen, wo in noch völlig rohe und barbarische Gemeinschaften, ohne Zutun, ohne Mitwirkung, ohne rechte Teilnahme daran, ein Stück Kultur von außen her hineingetragen wird. Das Wesen dieser Art von Existenzen ist die Disharmonie, der Mißklang, der Widerstreit. Durch gewisse Bildungsmanieren bricht immer wieder die alte Roheit durch, und im Einklange hiermit begegnet man auch in diesen reichen Oderbruchdörfern einem beständigen Gegensatze von Sparsamkeit und Verschwendung, von Kirchlichkeit und Aberglauben, von Ehrbarkeit und Sittenverderbnis. Der Bauer schreitet im langen Rock, ein paar weiße Handschuh an den Händen, langsam und gravitätisch nach der Kirche; aber er sitzt am Abend oder Nachmittag desselben Tages (einige beginnen gleich nach der Kirche) im ›Gasthofe‹ des Dorfes und vergnügt sich bei Spiel und Wein. Die Würfel rollen über das Brett, der sogenannte ›Tempel‹ wird mit Kreide auf den Tisch gemalt, alle Arten von Hasardspiel lösen sich untereinander ab, und um hundert Taler ärmer oder reicher, wüst im Kopfe, geht es weit nach Mitternacht nach Haus.

Und ähnlich in den Haushaltungen; krasser Luxus und das völlig mangelnde Verständnis für das, was wohltut und gefällt, laufen nebeneinanderher. In dem Wohnzimmer steht ein großes Sofa mit blauseidenem Überzug, aber der Überzug ist zerrissen und eingefettet. Der Kupferstich an der Wand hängt völlig schief, und kein Auge sieht es. Das Glas des andern Bildes ist mitten durchgesprungen, und niemand denkt daran, es zu ersetzen. Die eine Tochter des Hauses sitzt am Fenster und näht, aber in dem Zimmer, das, ebensogut wie ein Sofa und Fortepiano, doch auch einen Nähtisch haben könnte, fehlt dieser, und auf dem Fensterbrette steht nichts als ein Zigarrenkasten, der als Herberge für Knöpfe und Knäuel, für Lappen und Flicken dient. Nun geht es zu Tisch. Alles reichlich, aber auch nichts mehr. Die Magd mit klappernden Holzpantinen setzt die Speisen auf, das Stück Fleisch liegt unschön zerhackt auf der Schüssel; die Teller sind verschieden an Stoff und Form, die Messer und Gabeln sind abgewaschen, aber nicht blank geputzt; von Tischgebet keine Rede. So nimmt man Platz, und schweigend, unschön, ohne Dank beginnt und endet die Mahlzeit.

So ist es alltags. Einzelnen, für schweres Geld erstandenen Glanz- und Prachtstücken wird die Pflicht des Repräsentierens auferlegt; die Personen aber entschlagen sich desselben. Denn es ist unbequem. Das Ganze, um es noch einmal zu sagen, ein bunter Widerstreit von herrschaftlicher Prätension und bäuerlicher Gewohnheit.

Die Festtage des Hauses ändern das Bild, aber sie bessern es nicht. Ich habe hier Taufen und Hochzeiten beigewohnt, die mir unvergeßlich bleiben werden. Wirt und Gäste wetteifern in Staat. Wagen auf Wagen rollt vor: Chaisen mit niedergeschlagenem Verdeck; die wohlgenährten Pferde tragen mit Silber beschlagenes Geschirr, der Kutscher ist in Livrée, und die Damen, die aussteigen, sind in Samt und Seide. Musici spielen; die Tische brechen unter der Last der Speisen; die Champagnerpfropfen knallen, und der Flur ist mit Zucker bestreut, um die Fliegen von den Tafelgästen möglichst fernzuhalten. Dann wildes Juchen und Lichter, halberstickt in Tabaksqualm. Spiel und Tanz und Lärm und ein Faustschlag auf den Tisch machen den Schluß des Festes. Bauernhochzeiten zeichnen sich freilich überall durch eine gewisse Reichtumsentfaltung aus, aber diese selbstbewußte, zur Schau getragene Opulenz hält sich an andern Orten innerhalb gewisser bäuerlicher Traditionen. Hier sind diese Traditionen durchbrochen, und jeder versucht es, gleichsam auf eigne Hand, seiner Eitelkeit, und meist nur dieser, ein Genüge zu tun.

Auch Gutem und Tüchtigem bin ich in diesen Dörfern vielfach begegnet; aber zumeist doch jener Tüchtigkeit nur, die aus einem starken Egoismus und dem Instinkte des Vorteils hervorgeht. Die Wurzeln aller Kräfte, die hier tätig sind, sind Selbstsucht und Selbstbewußtsein. Die Zeit soll noch erst kommen, wo die hohen Kräfte des Lebens hier lebendig werden.«

Seit jenem Briefe, der die damaligen (1838) Sittenzustände des Bruchs eher zu mild als zu streng schildert, sind mehr als vierzig Jahre vergangen, und dieser Zeitraum hat bis auf einen gewissen Punkt die Wünsche erfüllt, mit denen der Brief schließt. Es ist besser geworden. Der bloße Geld- und Bauernstolz hat dem Gefühl von den Aufgaben des Reichtums Platz gemacht, und an die Stelle jener Selbstsucht, die nur an sich und den engsten Kreis denkt, ist der wenigstens erwachende Sinn für das Allgemeine getreten. Es dämmert eine Vorstellung in den Gemütern von der Gegenseitigkeit der Pflichten, eine Ahnung davon, daß die blanken Taler einen andern Zweck haben, als bei dem Nachbar Geizhals im Kasten zu liegen oder vom Bruder Verschwender bei Vingt-un und »Blüchern« vergeudet zu werden. Die üblen Folgen des »Rasch-reich-geworden-Seins« verschwinden mehr und mehr, und die Segnungen festen, soliden, ererbten Besitzes treten in den Vordergrund. Man läßt den Schein fallen und fängt nicht nur an, sich des dünn aufgetragenen und überall absplitternden Lacks zu schämen, sondern lebt sich auch mehr und mehr in jenes Adels- und Standesgefühl hinein, das durch Jahrhunderte hin die niedersächsischen Bauern so rühmlich auszeichnete.

Mögen unsere Oderbrücher, nach der wilden Jugend ihres ersten Jahrhunderts, immer fester werden in Schlichtheit, Sitte, Zucht.

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