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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Am Werbellin

Ihre Dächer sind gefallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.
Franz Kugler
Und eh der Mittag kam, da lag
Haufweis das Wild erschlagen.
»Chevy-Jagd«

Eine halbe Meile nördlich von Lichterfelde, schon auf uckermärkischem Grund und Boden, begegnen wir dem sagenreichen Werbelliner See, auch wohl in Kürze »der Werbellin« geheißen. Ein Zauber ist um ihn her, und was der »Blumenthal« unter den Forsten ist, das ist der Werbellin unter den Seen dieses Landesteiles.

Es scheint, als ob alle Welt, auch in alten Tagen schon, ein Ohr für den Wohlklang dieses Namens gehabt habe, denn alles, was um den See herum gelegen ist, hat den Namen von ihm entlehnt, und wir unterscheiden außer dem eigentlichen »Werbellin« noch eine Stadt, ein Dorf und ein Schloß gleiches Namens, woran sich dann schließlich der Werbelliner Forst reiht, dessen wir schon früher, als des kostbarsten Jagdgrundes der Hohenzollern, gedacht haben.


Stadt Werbellin

Sie soll an der Stelle des jetzigen Sees gestanden haben, so daß wir hier – wenn der Überlieferung irgend etwas Reales zugrunde liegt – einen jener »Erdfälle« anzunehmen hätten, über deren Art und Vorkommen ich in dem »Buckow«-Kapitel ausführlicher gesprochen habe. Das Terrain indes ist hier ein wesentlich andres und macht einen Erdfall um vieles weniger glaubhaft. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat eine Stadt Werbellin niemals existiert. Wenn Fischbach von zwei alten, im Rathause zu Neustadt-Eberswalde befindlichen Urkunden spricht, die das Datum des Sankt-Gregors-Tages 1306 und des 19. Februar 1319, als Ausstellungsort aber den Namen Werbellin tragen, so steht jetzt fest, daß damit das Schloß Werbellin, nicht aber die sagenhafte Stadt gleiches Namens gemeint gewesen ist.


Dorf Werbellin

Ist neueren Datums. Eine halbe Meile südlich vom See gelegen, zählt es zu den Pfälzerkolonien, die 1748 in der Mark angelegt wurden. Es trägt seinen poetischen Namen ziemlich unverdient.


Schloß Werbellin

Es lag an der Südwestspitze des Sees An der Mittelbiegung desselben, und zwar dort, wo jetzt malerisch zwischen Wald und See das Dörfchen Altenhof gelegen ist, erhob sich noch ein zweites Werbellin-Schloß: Schloß Breden. Unter dem dortigen Forsthause befinden sich gewölbte Keller, die man vor etwa hundert Jahren entdeckte, als der Grund zur Aufführung einer neuen Försterei gelegt werden sollte. Man fand aber nicht bloß alte Gewölbe, sondern auch kupferne und eiserne Gerätschaften, die bis diesen Tag in der Försterfamilie (seit über hundert Jahren immer dieselbe) aufbewahrt werden. Die dörfliche Tradition spricht sogar von einem Fasse mit Wein, dessen Dauben bei der Berührung in Staub zerfielen, während der Wein, in der topasfarbenen Weinsteinkruste, die sich gebildet hatte, wie in einer Kristallbowle unverschüttet stehenblieb. , höchstwahrscheinlich auf einer Landzunge, die, mittelst eines Durchstichs, in eine schwer zugängliche Insel umgewandelt wurde. Das war um 1247, und es scheint, daß es unter allen markgräflichen Schlössern jener Epoche nicht nur das größte, sondern auch ein bevorzugter Aufenthalt mehrerer unter den Askaniern war. Hier wurden die schon oben erwähnten Urkunden ausgestellt und wohl viele andre mit ihnen. Von Schloß Werbellin aus schickte Markgraf Waldemar seinen Kanzler Nikolaus von Buch an den Rhein, als, nach Kaiser Heinrichs VII. Tode, ein neuer Kaiser gewählt werden sollte, und gab ihm, wie wir heute sagen würden, carte blanche, zu wählen nach seinem Ermessen. Nikolaus von Buch gab seine Stimme an Ludwig den Bayer, an den einzigen, an den er sie, nach dem stillen Wunsche Waldemars, nicht geben sollte. Der empörte Markgraf, so heißt es, ließ den zurückkehrenden Kanzler nach dem nah gelegenen Schloß Grimnitz Schloß Grimnitz, in unmittelbarer Nähe des »Werbellin« am Grimnitz-See gelegen, war ebenso der bevorzugte Aufenthalt Ottos IV., des sogenannten Markgrafen mit dem Pfeil, wie Schloß Breden und Schloß Werbellin die bevorzugten Plätze Markgraf Waldemars waren. »Hier war es auch wohl«, so schreibt F. Brunold, »wo Markgraf Otto mit seiner kühnen Gemahlin Heilwig von Holstein am Schachbrett saß, von Spielleuten umgeben, ganz so, wie es uns ein Bild in der Manessischen Sammlung der Minnesänger noch heute zeigt.« 1529 ward auf Schloß Grimnitz ein Friede zwischen der Mark und Pommern geschlossen, der ausdrücklich der Friede zu Grimnitz heißt, und 1549 brach hier Kurfürstin Hedwig, die Gemahlin Joachims II. (nicht die »schöne Gießerin«, wie andere erzählen), durch den morsch gewordenen Fußboden des ersten Stockes und nahm, auf die Hirschgeweihe der darunter befindlichen Halle niederstürzend, so schweren Schaden, daß sie von der Zeit ab an Krücken gehen mußte. bringen, ihn dort in den Kerker werfen und verhungern. Die Sage fügt hinzu, der Markgraf habe täglich frische Äpfel vor das vergitterte Fenster legen lassen, um durch den Anblick der Labefrucht die Qual des Unglücklichen zu steigern.

1319 starb Markgraf Waldemar, und es kam eine wilde, herrenlose Zeit. Auch Schloß Werbellin sank von seiner Höhe; noch im Laufe desselben Jahrhunderts, oder doch spätestens zu Beginn des nächstfolgenden, wurd es zerstört. Der eine Bericht sagt, »durch die Litauer«, ein andrer nennt die Quitzows, die gemeinschaftlich mit dem Ruppiner Grafen die Burg angegriffen hätten. Ihr Zug richtete sich gegen Chorin. Auf dem Felde zwischen Lichterfelde und dem Werbelliner See wird noch die Stelle gezeigt, wo der Abt von Chorin den Siegern entgegenkam und mit ihnen über gute Bedingungen verhandelte.


Der Werbelliner Forst

Aus Gründen besserer Verwaltung hat man ihn in eine westliche und östliche Hälfte geteilt, die nun den Namen »Groß-Schönebecker und Grimnitzer Forst« führen. Als Waldgrund mag er innerhalb unsrer Marken überflügelt werden, als Jagdgrund steht er einzig da. Ein Teil des Forstes, die sogenannte Schürf- oder Schorfheide, die sich eine halbe Meile lang am Nordwestufer des Sees entlangzieht, dient eigens dem Zwecke, das Wild zu pflegen, also den Rest des Forstes in einen desto reicheren und besseren Jagdgrund zu verwandeln. Der nahe See mit seinem kostbar klaren Wasser (eine Folge seiner Kalk- und Tongründigkeit) eignet sich zur Tränke, während außerdem Brunnen in den Wald gegraben sind und überall ausgebreitete Heu- und Moosbetten über die Gefahren und Beschwerden des Winters hinweghelfen. Und das alles nur sehr ausnahmsweise mit der hinterlistigen Absicht, den heute noch gehegten und gepflegten Hirsch bei nächster Gelegenheit ins Blatt zu treffen. Denn der Wildstand hier entspricht einer Paradetruppe. Letzlingen, so heißt es, ist für den Gebrauch, Werbellin und Grimnitz aber sind für die Repräsentation. Dort jagen die Hohenzollern um des Jagens willen; im Werbellin jagen sie nur an Fest- und Galatagen, um ihren Gästen zu zeigen, was hohe Jagd in den Marken sei.

Letzlingen nichtsdestoweniger ist ein Rival, und in dieser und jener Branche sogar ein siegreicher. Aber an Rotwild bleibt Werbellin à la tête. Seine Forsten umschließen 3000 Hirsche, die größte Zahl, die, soweit die Kenntnis davon reicht, an irgendeinem Punkte der Welt, innerhalb eines abgegrenzten Reviers gehalten wird. Eine gleich große Zahl befindet sich nur noch in dem berühmten Tiergarten (»Dyrehave«) von Kopenhagen. Als König Friedrich Wilhelm IV. 1844 in Kopenhagen war, besuchte er auch den Tiergarten; Treiber und Jagdbediente bildeten Spalier, und vor dem im Portal der »Eremitage« stehenden Könige wurden gegen 3000 Hirsche vorbeigetrieben. Die klugen Tiere verrieten keine Spur von Scheu. Die Leute in der Eremitage erzählen von dieser »Revue« bis diesen Tag. Hier war denn auch, wie selbstverständlich, der Platz, wo sich die Zahl der getöteten Hirsche (denn trotz des Prinzips der Schonung müssen die alten weggeschossen werden) auf eine Höhe bringen ließ, die selbst von den Taten des Cooperschen »Hirschtöters« schwerlich erreicht worden ist. Der jetzt im Potsdamer Wildpark angestellte Wildmeister Grußdorf war dreißig oder vierzig Jahre lang Förster im Werbelliner Forst, und die Leute versichern von ihm, daß er derjenige Jäger sei, der in seinem Leben die meisten Hirsche geschossen habe. Er kannte nicht nur alle, die überhaupt da waren, er fand auch alle, die er finden wollte, und traf alle, die er treffen wollte. Nur vom bayrischen Grafen Arco heißt es, daß er unsrem Grußdorf als »Hirschtöter« möglicherweise gleichgekommen sei.

Im Werbelliner Forst befinden sich 3000 Hirsche. Nur um die Brunstzeit, etwa von Mitte September bis Mitte Oktober, umschließt er noch 1000 mehr. Dann erscheinen die Wanderhirsche. Sie kommen aus den benachbarten Landesteilen, aus Mecklenburg, Pommern, Schlesien, selbst aus Polen und Ostpreußen, also bis 100 Meilen weit. Alle diese Gegenden, namentlich die nordöstlich gelegenen, haben weniger Weibchen in ihren Wäldern, und dieser Umstand treibt die männlichen Hirsche westwärts und speziell an das Seeufer des Werbellin. Hier ist dann Rendezvous, »Convivium«, wie es die Leute nennen. Weil der Weg weit und die Fährlichkeit der Reise groß ist, so machen sich nur die stärksten Tiere auf den Weg, wissen auch wohl, daß sie als Eindringlinge kommen und daß es ohne schwere Kämpfe, ohne den ganzen Zorn erwachter Eifersucht nicht abgehen wird. Diese Kämpfe finden denn auch jedesmal statt, aber überraschenderweise selten mit den eigentlichen Herren des Forsts, sondern gemeinhin unter den Herbeigekommenen selbst. Sie fechten Eindringling gegen Eindringling, etwa Pole gegen Ostpreuße oder Schlesier gegen Pommer, und das Resultat ihrer Streitigkeiten pflegt in den meisten Fällen das zu sein, daß, während die beiden fremdländischen Heroen miteinander kämpfen, auch wohl sich töten, der einheimische Märker den Liebespreis davonträgt.

Die fremden Hirsche bleiben etwa vier Wochen. Dann kehren sie wieder heim.

Seit einem Menschenalter hat sich dieser Zuzug von außen her etwas verringert. Wahrscheinlich infolge des Jahres 1848. Die Jagdfreiheit machte damals den Marsch von Polen und Preußen bis in die Mark noch erheblich gefährlicher als in ruhigeren Zeiten, und die Gefahren jenes Jahres scheinen wenigstens bei den Wanderhirschen unvergessen zu sein.

 

Wir treten zum Schluß, aus dem Forste heraus, wieder an den See, den »Werbellin«, der all dieser Umgebung: Wald, Burg, Dorf, seinen Namen gegeben.

Einladend wie der See waren auch seine Fische. Es war ein Muränensee und sehr wahrscheinlich der größte und schönste unter denen, die sich mit ihm in die gleiche Namensehre teilen. Märkische Muränenseen waren zu Bekmanns Zeiten folgende: der Moriner, der Soldiner, der Lychener und der Stechliner, ferner der Lindower und der Schermützel-See. Mehrere davon, wenn nicht alle, haben inzwischen ihre Muränen verloren, ebenso wie der »Werbellin«. Auch schon in kurfürstlichen Tagen wußte man davon, und 1565 schrieb Kurfürst Joachim an den Magistrat zu Neustadt-Eberswalde und ordnete an: »maßen man gegen Fastelabend etzlich-vieler Fische benötigt wäre, so viele Muränen und Karpfen, als nur zu bekommen wären, in dem ›Werbellin‹ fangen und mit zwei Pferden und Wagen zur kurfürstlichen Küche bringen zu lassen«.

Mit diesen Muränen ging es noch fast 300 Jahre lang, bis es plötzlich ein Ende damit hatte. Der Kormoran kam. Der Kormoran oder schwarze Seerabe, sonst nur in Japan und China heimisch, hatte auf seinen Wanderzügen auch mal den baltischen Küstenstrich berührt und es »am Werbellin« anscheinend am wohnlichsten gefunden. Denn hier war es, wo er sich plötzlich zu vielen, vielen Tausenden niederließ. Der schöne Forst am See hin bot prächtige Bäume zum Nesterbau und der See selbst die schönste Gelegenheit zum Fischen. Nun, scheint es, waren die Kormorans insonderheit auch Feinschmecker, und statt sich mit all und jedem zu begnügen, was ihnen in den Wurf kam, richtete sich ihr Begehr vor allem auf die Muräne. Sie fischten nach ganz eigentümlichen Prinzipien und betrieben den Raub nicht als einzelne Freibeuter, etwa wie Fischreiher und ähnliche auf niedrigster Stufe der Kriegskunst stehende Tiere, sondern das Geheimnis taktischen Zusammenwirkens hatte sich ihnen in seiner ganzen Bedeutung erschlossen. Sie manövrierten in Reih und Glied, und mit Hülfe ihrer Taucherkünste den See auch in seinen verschiedenen Tiefen, sozusagen in all seinen Etagen beherrschend, glückte es ihnen, überall da, wo sie Stand nahmen, ein lebendiges Netz durch den See zu ziehen: jede Masche ein geöffneter Kormoranschnabel. In China oder Japan, oder vielleicht in beiden Ländern, verstehen es die Bewohner, die Kormorans zum Fischfang abzurichten. Sie bedienen sich dazu der allereinfachsten Prozedur, indem sie dem Kormoran, nachdem ihm die Flügel gestutzt wurden, einen Ring um den Hals legen, der die Kehle des Tieres halb zuschnürt. Nun beginnt der Kormoran mit gewohntem Geschick seinen Fischfang, da er aber, der halb zugeschnürten Kehle halber, die Fische nicht hinunterschlucken kann, so wirft er sie großmütig in neben ihm befindliche kleine Boote, wo sie die Fischer in Empfang nehmen. Die Fischer mühten sich umsonst, sie zu vertreiben. Es gab damals Kormorans am Werbellin wie Fliegen in einer Bauernstube, und ein paar Hundert mehr oder weniger machte keinen Unterschied. Auch der Forst litt, denn in manchem Baume hatten die Kormorans zehn Nester, und es schien nicht möglich, ihrer Herr zu werden. Da ward endlich ein Vernichtungskrieg beschlossen. Alle Förster aus den benachbarten Revieren wurden herangezogen, das Garde-Jägerbataillon in Potsdam schickte seine besten Schützen, und so rückte man ins Feld. Zuletzt waren Pulver und Blei stärker als die Kormorans, und sie blieben entweder auf dem Platz oder setzten ihren Zug in friedlichere Gegenden fort. Sind auch nicht wiedergekommen. Aber die Muränen auch nicht.

Die Muränen sind hin wie die Schlösser, die den »Werbellin« umstanden, nur der See selber ist in seiner alten Schönheit verblieben. Bei Altenhof, unmittelbar an dem gelben Kiesufer, liegen ein paar Tannenstämme aufgeschichtet und bilden eine hohe Bank zum Überblick. Und dort nehmen wir Platz. Kleine Wellen schäumen ans Ufer, vor uns die breite Wasserfläche liegt noch im Licht, während sich nach Norden hin bläuliche Schatten über Wald und See breiten. Dorthin liegen auch die Trümmer des alten, halb Sage gewordenen Grimnitz-Schlosses. Und wenn jetzt ein goldenes Schiff den See herunterkäme und auf dem Deck des Schiffes, unter flatterndem Zeitdach, säße Markgraf Otto mit Heilwig von Holstein, scherzend und lachend über dem Schachspiel, wir ließen es vorübergleiten, vielleicht weniger verwundert über das goldene Schiff mit Segel und Zeltdach als über das ärmliche Schifferboot, das eben jetzt mit Netz und Reuse des Weges kommt.

Es ist ein Märchenplatz, auf dem wir sitzen, denn wir sitzen am Ufer des »Werbellin«.

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