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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 22
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Von Sparren-Land und Sparren-Glocken

Sagt selber, kommt's nicht dem Herren zugut,
Wenn sein Kriegsvolk was auf sich halten tut?
Wer anders macht ihn, als seine Soldaten,
Zu dem großmächtigen Potentaten.

Unser Weg führt uns heut in das alte » Sparren-Land«.

Der ausgedehnte Landstrich, auf dem diese längst vom historischen Schauplatz abgetretene Familie reich begütert war, hat zwar nur noch sehr bedingungsweisen Anspruch auf jenen auszeichnenden Namen, aber in Huldigung gegen den Ruhm des alten Geschlechts sprechen wir auch heute noch von einem »Sparren-Land«, wiewohl sich von ebendiesem Lande kein Zollbreit Erde mehr in Sparrschen Händen befindet.

Die Sparrs oder die Sparren scheinen unter den ersten Askaniern in die Mark gekommen zu sein. Schon um 1300 begegnen wir ihnen an jenem Punkte, der später das Zentrum ihres Besitzes bildete. Unter den Hohenzollern treten sie uns von Anfang an in besonderen Vertrauensstellungen entgegen, und noch vor Ablauf desselben Jahrhunderts, das die Burggrafen ins Land führte, sehen wir die rasch emporgeblühte Familie im Vollbesitz ihrer Macht. Das Sparren-Land ist da.

Welcher Art ist es? und wo haben wir es zu suchen?

Schräg durch den Barnim erstreckt sich ein breiter Gürtel von Sand und Sumpf und Ackerland bis ins Uckermärkische hinein, ein Landstreifen, der etwa Neustadt-Eberswalde als Mittelpunkt und Bernau und Angermünde als linken und rechten Flügel hat. Die jetzige Stettiner Eisenbahn durchschneidet diesen Streifen und teilt ihn in eine nördliche und südliche Hälfte. Der Gesamtbesitz bestand zur Zeit des höchsten Reichtums der Familie, der dem historischen Glanz derselben um ein Jahrhundert vorausging, aus mehr als zwanzig Gütern, die sich in drei Gruppen sonderten, wie sich die Familie selbst in drei Zweige gespalten hatte.

Diese Zweige waren die Sparrs von Lichterfelde, von Prenden und von Greiffenberg.

Die Lichterfeldeschen Sparrs hatten das Zentrum inne, die Gegend um Neustadt.

Die Prendenschen saßen am linken Flügel, zwischen Bernau und Biesenthal.

Die Greiffenbergschen am rechten Flügel, nördlich von Angermünde.

Alle drei Linien haben – und zwar in ein und demselben Jahrhundert – je einen ausgezeichneten Soldaten hervorgebracht, alle drei Artilleriegenerale.

Die Prendensche Linie den Ernst Georg, 1654 Reichsgraf, verstorben 1666 zu Berlin;

die Greiffenbergsche den Georg Friedrich, neunmal verwundet bei der Belagerung von Candia, Reichsgraf 1670, gestorben 1677;

die Lichterfeldesche den Otto Christoph von Sparr.

Dieser letztere, dem es vorbehalten war, den Namen der Familie zu höchstem Ruhm zu führen, soll uns an dieser Stelle beschäftigen. Er überragte seine Vettern vielleicht an militärischer Bedeutung, gewiß an Innerlichkeit des Gemüts und Lauterkeit des Wandels und genießt des Vorzugs, die inhaltsreichere Hälfte seines Lebens dem Dienste seiner engeren Heimat gewidmet zu haben. Er starb als der erste brandenburgische Feldmarschall, einer der ausgezeichnetsten unter allen, die diese hohe Würde bekleideten.

Prenden

Es scheint ein langes, stilles Ach zu wohnen
In diesen Lüften, die sich leise regen.
Platen

Otto Christoph war ein lichterfeldischer Sparr.

Wenn dieser Aufsatz, der einen kurzen Lebensabriß des Feldmarschalls beabsichtigt, dennoch den Namen des Nachbargutes Prenden als Überschrift trägt so geschieht es, weil dieses Besitztum, mehr als irgendein anderes, mit dem Leben Otto Christophs verbunden ist. Es war sein Lieblingsaufenthalt, und hier starb er, wie denn auch Prenden – nachdem das Elend des Dreißigjährigen Krieges den Sparrs ihren alten Besitz geraubt hatte – zuerst wieder als ein kurfürstliches Geschenk in die Hände der Familie, und zwar unseres Otto Christoph, zurückgelangte.


Otto Christoph von Sparr

wurde mutmaßlich 1605 aus der Ehe Arndts von Sparr mit Emerentia von Seestedt Arndt von Sparr war dreimal vermählt, und zwar: mit Edell von Sparr, gestorben im Kindbett am 13. November 1599, mit Emerentia von Seestedt und mit Katharina von Ribbeck. Nach Angabe des Sparrschen Biographen König wäre Otto Christoph ein Sohn der Edell Sparr gewesen; Theodor von Mörner aber hat in seinem vorzüglichen Werke: »Märkische Kriegs-Obersten des siebenzehnten Jahrhunderts«, diese Königsche Angabe widerlegt. auf dem Schlosse zu Lichterfelde geboren.

Die Jugend Otto Christophs hüllt sich in Dunkel. Ob er sich im Parke zu Lichterfelde oder im Garten zu Prenden – dessen Mitbesitzer sein Vater war – umhertummelte, ob er im Hause des letzteren oder in der benachbarten Hauptstadt erzogen wurde, was und wo er war, als die ersten jener Gewitterwolken heraufzogen, die dann dreißig Jahre lang über dem unglücklichen Lande stehen sollten – darüber verlautet nichts und wird auch in Zukunft wenig verlauten, denn es war eine eiserne Zeit, die wenig schrieb und am wenigsten bei Jugendgeschichten verweilte. Annehmen aber dürfen wir, daß die Erziehung unseres Sparr eine sorgfältige war, da wir im weiteren zu zeigen haben werden, daß er keinesweges jenen abenteuernden Naturen zugehörte, die, voll Mut und Rücksichtslosigkeit, auf dem Boden des Krieges rasch emporwuchsen, sondern umgekehrt in Wissenschaften glänzte, die ihn befähigten, Befestigungen zu leiten und Feldzugspläne zu entwerfen. Ein im Auftrage des Kurfürsten von ihm angefertigtes Memorial über »Kriegsführung gegen die Türken« ist ein Meisterstück einfach klarer Darstellung, und unter den verschiedenen Städten, an deren Befestigung er erfolgreich gearbeitet, werden Peitz, Hamm, Berlin und Magdeburg vornehmlich genannt. König rühmt von ihm, daß er fortgesetzt habe, was in der Kriegsbaukunst siebzig oder achtzig Jahre vor ihm durch Rochus von Lynar begonnen worden sei.

Wahrscheinlich um 1626 trat er, wie so viele andere Märkische vom Adel, in die Dienste des Kaisers. Den Forschungen Theodor von Mörners ist es geglückt, auch über diesen weit zurückliegenden Abschnitt einiges Licht zu verbreiten und unseren Otto Christoph, zumal während des letzten Jahrzehnts des Dreißigjährigen Krieges, auf seinen Kreuzundquerzügen in Pommern, in der Mark, im Westfälischen und am Rhein zu begleiten. Wir leisten aber darauf Verzicht, jenen Forschungen an dieser Stelle zu folgen, und begnügen uns damit, hervorzuheben, daß unser Sparr die Lützener Schlacht wahrscheinlich als kaiserlicher Hauptmann mitmachte. Fünf Jahre später erblicken wir ihn in bestimmterer Gestalt bei einem versuchten, aber mißglückten Sturm auf Stargard und im selben Jahre noch (1637) als Kommandanten von Landsberg an der Warthe. Der Klagen über ihn, namentlich von seiten der Küstriner Regierung, waren damals viele: »Er habe die Regalien angetastet, sich das kurfürstliche Metzkorn angemaßt, ohne Zahlung zu leisten, habe die Zollrolle bedroht, den Mühlenmeister unschuldig in Ketten gelegt und 1000 Schafe aus der kurfürstlichen Schäferei zu Kartzig weggetrieben.« Anklagen, die, bei der sicherlich nicht angeborenen Rauf- und Raublust unseres Sparr, nur aufs neue zeigen, wie der Krieg seine eignen Gesetze hat, zumal der Dreißigjährige, dem ja Zeit gegeben war, seinen Kodex zu schreiben und einzubürgern.

Endlich kam der Frieden, und Deutschland suchte sich wieder an einen Zustand zu gewöhnen, an den es kaum noch geglaubt hatte.

Kurfürst Friedrich Wilhelm, dessen Jugend in das wildeste Treiben des Krieges gefallen war, nahm aus den Wunden und Wirren jener Zeit eine Lehre mit in den Frieden hinüber, und zwar die: »daß ein Land verloren sei, das sich nicht selbst zu schützen wisse«. Und mit dieser Lehre zugleich die Überzeugung, daß dieser Schutz nur aus einem hervorwachse, aus einem schlagfertigen und zuverlässigen Heere. Unter diesem Gesichtspunkte begann er den Wiederaufbau seines verwüsteten Landes. An Soldaten war kein Mangel, aber sie waren mehr eine Last als ein Segen, solange die Führer fehlten, um ihnen Halt und Ordnung zu geben. Diese Einsicht führte von seiten des Kurfürsten zur Anwerbung von Generalen, die sich im schwedischen oder kaiserlichen Dienst ausgezeichnet hatten. Joachim Hasso von Schapelow, George Derfflinger, Joachim von Görtzke, Otto Christoph von Sparr, alle traten zu beinahe gleicher Zeit in die Dienste des Kurfürsten über und verblieben darin, reich geehrt durch ihren Krieges- und Landesherrn, bis an ihr Ende. Die Schicksale Görtzkes und Sparrs zeigen viel Übereinstimmendes. Beide reich begüterten Familien des Landes Barnim angehörig, verloren sie diese Güter während langer Kriegsläufte, kehrten endlich, nach zwanzig- oder dreißigjähriger Abwesenheit, in den Dienst ihres Landesherrn zurück und brachten es, an derselben Stelle fast, wo sie geboren waren, zu neuem reichen Besitz und immer wachsenden Ehren.

Die Verhandlungen mit Sparr begannen 1649 und führten rasch zum Ziele. Aber erst 1651 erfolgte sein wirklicher Eintritt in das neugebildete Heer.

Die nun folgenden Jahre seines kurfürstlichen Dienstes zerfallen in eine Kriegs- und Friedensepoche. Den Mittelpunkt jener, von 1651 bis 1657, bildete der Polnisch-Schwedische Krieg. Wir werden bei den Ereignissen desselben einen Augenblick zu verweilen haben.

In Schweden war Karl Gustav von Pfalz-Zweibrücken der Königin Christine als erwählter König gefolgt und nahm mit Leidenschaft die Idee auf, die, seit fast einem halben Jahrhundert, die schwedische Politik bestimmt hatte: die Gründung eines Baltischen Reiches. Pommern, Preußen und die jetzt speziell so genannten Ostseeprovinzen sollten teils erst erobert, teils fester dem schwedischen Reich eingefügt werden. Es war eine Machterweiterung vor allem auf Kosten Polens, und Karl Gustav suchte sich dazu des brandenburgischen Beistandes zu versichern. Der Kurfürst lehnte jedoch, solange er noch freie Hand hatte, das ihm zugemutete Bündnis ab und zog in seinen preußischen Provinzen ein Heer zusammen, dessen nächster Zweck eine bewaffnete Neutralität war. In Wirklichkeit aber kam die Aufstellung dieses Heeres einem Bündnisse mit Polen gegen Schweden gleich. Das Heer selbst war ansehnlich. Es bestand aus 26 800 Mann mit vierunddreißig Geschützen und hatte in Otto Christoph von Sparr seinen obersten Befehlshaber.

So standen die Dinge im Sommer 1656.

Wenige Monate jedoch änderten die Sachlage. Dem raschen Vordringen Karl Gustavs hatte sich das schlecht gerüstete Polen fast ohne Widerstand unterworfen, Johann Kasimir war aus Warschau geflohen, und die schwedische Kriegswelle, wenig geneigt, sich in ihrem Siegeslaufe hemmen zu lassen, schickte sich eben an, das vom brandenburgischen Heere besetzte Preußen zu überschwemmen. Jetzt war für den Kurfürsten der Moment gegeben, den Kampf gegen das herausfordernde Schweden aufzunehmen, aber voll Mißtrauen in seines Landes Kraft, das damals noch keine glänzende Kriegsprobe bestanden hatte, vermied er den angebotenen Kampf und löste das stille Bündnis mit Polen, um dafür in ein offenes Bündnis mit Schweden gegen Polen einzutreten. Was er ein Jahr vorher den schwedischen Bitten abgeschlagen hatte, gewährte er jetzt rasch und rückhaltlos den schwedischen Drohungen. Er gab dabei dem Gebote der Klugheit nach, vielleicht in stiller Voraussicht, daß die Stunde der Rückzahlung kommen und alte und neue Kränkung quittmachen werde.

Der Kurfürst, von seinem Standpunkt aus, war im Rechte, politisch im Rechte, das Bündnis mit Schweden zu schließen; die Polen aber hatten, von ihrem Standpunkt aus, mindestens ein gleiches Recht, dies Bündnis als Abfall anzuklagen. Und war es nun Entrüstung über ebendiesen Abfall oder war es das Gefühl einer verdoppelten Gefahr, gleichviel, dasselbe Volk, das sich beinahe widerstandslos niedergeworfen hatte, als das Kriegsgewitter über dasselbe hingezogen war, stand jetzt plötzlich aufrecht da, wie ein Ährenfeld, das der Sturm gebeugt, aber nicht gebrochen hat. Und so sahen sich denn die vereinigten Schweden und Brandenburger einem stärkeren Feinde gegenüber, als er vor seiner ersten Niederwerfung gewesen war. Die Zahl des in Nähe der Hauptstadt aufgestellten polnischen Heeres wird verschieden angegeben und schwankt in den zeitgenössischen Berichten zwischen 40 000 und 200 000 Mann. Wahrscheinlich waren es 50 000, eher mehr als weniger. Am 18. Juli 1656 kam es zu der berühmten dreitägigen Schlacht von Warschau.

Versuch ich es, gestützt auf ein zum Teil widersprechendes Material, ein einigermaßen übersichtliches Schlachtbild zu geben.

Die Polen, so scheint es, hatten eine befestigte Hügelposition inne, zahlreiche Artillerie vor der Front, einiges Fußvolk am linken und rechten Flügel und große Reitermassen im Zentrum, auf einem die ganze Stellung beherrschenden Plateau. Dies Plateau bildete den Schlüssel. Aber es erschien doppelt schwierig, sich desselben zu bemächtigen, da sich am Abhang ein dichtes Gehölz hinzog, das feindlicherseits mit den besten Fußtruppen besetzt worden war. Gehölz und Plateau deckten und unterstützten sich gegenseitig. Nur drei Wege boten sich für den Angriff:

ein Frontalangriff gegen die beiden Flügel,

oder eine Umgehung der feindlichen Stellung überhaupt,

oder drittens eine Durchbrechung des Zentrums.

Alle drei Wege wurden versucht.

Das schwedisch-brandenburgische Heer – wahrscheinlich um etwas schwächer als das Heer Johann Kasimirs – stand in entsprechender Dreiteilung dieser formidablen Position der Polen gegenüber. Der Angriff wurde beschlossen. Am rechten Hügel kommandierte Karl Gustav die Schweden, am linken der Kurfürst eine aus Schweden und Brandenburgern gemischte Truppe, im Zentrum aber hielt Generalfeldzeugmeister von Sparr mit zwei schwedischen und fünf brandenburgischen Regimentern, einschließlich der gesamten Artillerie. Unter ihm kommandierten Graf Josias von Waldeck und Joachim Rüdiger von der Goltz. Die Schweden trugen zur Unterscheidung ein Büschel Stroh am Hut, und das Feldgeschrei war: »In Gottes Namen!«

So begann die Schlacht.

Am ersten Tage (18. Juli) schritten der rechte und linke Flügel zum Angriff. Aber beide Angriffe, wiewohl mit größter Bravour und unter persönlicher Anführung von König und Kurfürst ausgeführt, wurden zurückgeschlagen. Die feindliche Hügelstellung, durch Redouten doppelt fest, schien uneinnehmbar.

Am zweiten Tage versuchten die Schweden und Brandenburger eine Umgehung; aber die Polen kamen den Angreifern zuvor, und nachdem, in veränderter Schlachtstellung, um eine Dorfgasse lange gekämpft worden war, kehrten beide Armeen in ihre früheren Positionen zurück. Dieses Scheitern aller Anstrengungen auf seiten der Verbündeten mochte den Mut der ohnehin siegessichren Polen heben, und ihre zahlreiche Reiterei ging nunmehr zum Angriff über. Vom Plateau herabsausend, an dem Gehölz vorüber, in welchem der Hauptteil ihrer Infanterie steckte, suchten sie die Schlachtreihe der Verbündeten zu durchbrechen. Aber dieser Angriff wurde von dem Zentrum unter Sparr zurückgeschlagen und mißlang ebenso, wie am Tage vorher der schwedisch-brandenburgische Angriff auf die feindlichen Flügelpositionen mißlungen war.

So kam der dritte Tag. Das Operieren mit den Flügeln war erfolglos geblieben. Es blieb also nur noch übrig, wenn man Verbrauchtes nicht wiederholen wollte, den Feind an seiner stärksten Stelle zu fassen: im Zentrum. Zu diesem Behufe war es unerläßlich, sich zuvörderst in Besitz jenes Gehölzes zu setzen, das sich am Fuße des dominierenden Plateaus hinzog. Ein Angriff auf dasselbe glich einem Verzweiflungscoup, und Sparr erkannte die ganze Schwierigkeit desselben. Dennoch ging er vor und führte die Sache siegreich hinaus. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er das im Walde versteckte Fußvolk durch konzentriertes Geschützfeuer zwang, sich hügelanwärts zu ziehen, und diesen Rückzugs- und Verwirrungsmoment benutzte, das gesamte Zentrum avancieren zu lassen. Infanteriekolonnen säuberten das Gehölz, während seine Kavallerie: fünf Schwadronen brandenburgischer Kürassiere, bergan stürmte und die durch ihr eigenes Fußvolk bereits in Unordnung geratene polnische Reiterei nach kurzem Kampf über den Haufen warf.

Einmal aus ihrer unangreifbar geglaubten Position herausgeschlagen, wandten sich die Polen zur Flucht und wurden teils in einen Morast, teils in die Weichsel getrieben. Viele der Flüchtigen ertranken.

Die Verbündeten hielten anderntags ihren Einzug in Warschau.

Es war dies – beinahe zwanzig Jahre vor Fehrbellin – der erste große Waffenakt der Brandenburger, die von diesem Tag an durch länger als ein Jahrhundert hin, nämlich vom 18. Juli 1656 bis zum 18. Juni 1757, immer siegreich kämpften. Erst der Tag von Kolin brachte die Demütigung einer Niederlage.

Wenn diese Waffentat nichtsdestoweniger halb vergessen ist und jedenfalls nirgends im Herzen unseres Volkes fortlebt so hat dies zunächst seinen Grund darin, daß alle Siege, bei denen kleinere Völker an der Seite eines größeren auftreten, immer nur dem letzteren als kriegerische Großtat angerechnet werden. Die Stärkeren verfahren dabei systematisch-absprechend und behaupten ihre Sätze so nachdrücklich und so beharrlich, daß das kleinere Volk schließlich selber glaubt, es habe eigentlich wenig oder gar nichts bei der Sache getan. Es kommt aber in dem vorliegenden Falle noch ein anderes hinzu: das ermangelnde Lokalinteresse. Fehrbellin liegt uns nah, und Warschau liegt uns fern. Bis diese Stunde feiern wir Großbeeren und Dennewitz auf Kosten größerer und entscheidungsreicherer Aktionen, nur weil uns an beiden Tagen allerpersönlichst das Feuer auf den Nägeln brannte. Die Menschen sind Egoisten in allen Stücken. Auch in diesen.

Die Beschreibungen der Schlacht von Warschau pflegen Sparrs und seines ausschlaggebenden Angriffs immer nur obenhin zu erwähnen, was uns, aus schon angeführten Gründen, eben nicht wundernehmen darf. Pufendorfs »De rebus a Carolo Gustavo gestis« kam den Schweden zugute, nicht uns, und im eigenen Lande entbehrten wir der Chronisten, die sich unsers brandenburgischen Feldherrn angenommen hätten. So müssen wir denn, was die hervorragende Mitwirkung des letztren an der großen, dreitägigen Aktion angeht, uns mit einem mittelbaren Beweise begnügen, den wir am besten in den Auszeichnungen finden, die der Kurfürst von jenem Tag an für unseren Otto Christoph von Sparr hatte. Am 26. Juni 1657 wurd er zum Generalfeldmarschall ernannt und sein Gehalt auf eine für die damalige Zeit überraschende Höhe festgesetzt. Er erhielt 800 Taler monatlich, Futter für vierzig Pferde und Verpflegung für eine zahlreiche Dienerschaft. Wegen schlechter Finanzlage des Landes wurden die Gehälter bald darauf (1660) herabgesetzt, und Sparr erhielt von da ab nur noch ungefähr 500 Taler monatlich und 120 Scheffel Korn. Auch Karl Gustav, unter dessen Augen er bei Warschau gekämpft hatte, bestätigte das Entscheidende des Sparrschen Angriffs, indem er kurz nach der Schlacht von ihm sagte: »Dieser alte Vater Sparr hat sich als ein kriegskundiger General erwiesen. Er hat seines Amtes unerschrocken gewaltet und alles weislich hinausgeführt

Der Schwedisch-Polnische Krieg verlief nicht plötzlich. Wir verfolgen unsren »Feldmarschall« aber nicht weiter auf seinen Zügen durch Pommern und Mecklenburg, bis nach Holstein und Jütland hinauf, sondern wenden uns vielmehr jenem letzten Abschnitte seines Lebens zu, der dem am 1. Mai 1660 geschlossenen Frieden von Oliva folgte.

Ruhmgekrönt kehrte Sparr in die Heimat zurück. Er war der erste Mann im Lande und nahm an Rang und Ansehen dieselbe Stellung ein, wie sie fünfzehn Jahre später der alte Derfflinger innehatte. Er war der Beirat und Vertraute seines Fürsten, besaß Schlösser und Häuser Das Stadthaus des Feldmarschalls lag in der Spandauer Straße und bildet jetzt mit seinen Seiten- und Hintergebäuden den dritten Posthof. Unmittelbar zur Linken, wenn man aus dem zweiten Posthof in den dritten eintritt befindet sich ein in Stein gehauenes Brustbild des alten Sparr und unter demselben folgende, im Auftrag der Baronin von Blumenthal (gebornen von Schwerin) angefertigte Inschrift: »Aeternitati sacer heros illustrissim. L. B. Otto Christoph de Sparr coeli possessiones occupaturus gratam circumspexit posteritatem et linquendae huic sedi singulari mentis destinatione heredem fecit illustriss. dominam Louisam B. de Blumenthal ex domo Schwerina. Atque ea testatura benefico cineri quanti fuerit hoc inter vivos donum simul ut perennius esset generosae mentis monumentum. Ingenti id sumptu a damnosa die vindicavit et restituit in fimitatem et decus hoc quod lector prospicis. Servet hunc verticem salus et limen custodiat Jehovae vigil. oculus. Heroi autem nostro in Sion esto habitatio et in pace locus ejus. Anno 1668.« (in der Mitte des vorigen Jahrhunderts gehörte das Sparrsche Stadthaus dem Minister Adam Otto von Viereck.) und im Lande Barnim die Güter: Prenden, Trampe, Lanke, Ützdorf, Heckelberg, Dannenberg und Tiefensee.

Und betrachten wir nun den Inhalt dieser letzten Lebensjahre, so werden wir nicht ohne eine gewisse Rührung gewahr, wie der alte Kriegsmann in wenig Friedensjahren nachzuholen trachtet, was er in einem Leben voll Krieg und Unruhe versäumt. Aus allem spricht das tiefe Verlangen nach Auferbauen, die Sehnsucht nach Sammlung, nach Frieden in sich und nach Frieden mit Gott. Unser Sparr ist nicht länger mehr der Oberst Sparr, über den die Küstriner Kammer klagt, »daß er den Mühlenknecht in Ketten gelegt und das Volk gedrückt habe«, nein, er, dessen Scharen so manche Kirche gestürmt und erbrochen, stellt sein Herz jetzt auf die Tröstungen der Kirche und zeigt sich beflissen, ihre Gnaden durch Demut und Wohltun und frommen Wandel zu verdienen. Wenn es daneben noch ein anderes, ein mehr auf diese Welt Gerichtetes für ihn gibt, so ist es der verzeihliche Wunsch, sein eigenes Leben zu einer Abrundung zu bringen und seinen und seines Geschlechtes Ruhm der Nachwelt zu überliefern. Eine Familienstiftung und die Herstellung eines prächtigen Erbbegräbnisses beschäftigen ihn. Aber seine reichen Mittel und seine Sorgen gehören doch in erster Reihe dem Allgemeinen. Er baut Kirchen und Türme, schenkt Glasmalereien und Glocken, und vor allem ist es die Marienkirche zu Berlin, die sich in jeglicher Weise seines Beistandes in Not und Gefahr erfreut. Im Jahre 1661 wurde die Turmspitze vom Blitz getroffen, und die hervorbrechenden Flammen machten alsbald die Befürchtung rege, daß die Kirche selbst vom Feuer verzehrt werden würde. Der alte Feldzeugmeister aber wußte Rat, und mit einer damals im ganzen Lande bewunderten Kühnheit und Geschicklichkeit ließ er die brennende Turmspitze herunterschießen. War er so der Retter der Kirche geworden, so war es jetzt nicht minder sein Stolz, auch der Wiedererbauer des durch ihn zertrümmerten Turms zu werden. Er schien dies zur Ehrenaufgabe seiner letzten Lebensjahre machen zu wollen, überschätzte jedoch seine Mittel und führte dadurch seinen eigenen Ruin herbei, ohne seinen Lieblingswunsch erfüllt zu sehen. Seine Erben haben später ihrer Mißbilligung dieses frommen Eifers kein Hehl gehabt und nach seinem Tode folgende Worte des Evangelisten Lukas auf eine Kupfertafel niederschreiben lassen: »Wer ist aber unter euch, der einen Turm bauen will und sitzet nicht zuvor und überschlägt die Kosten, ob er's habe, hinauszuführen? Auf daß nicht, wo er den Grund geleget hat und kann's nicht hinausführen, alle, die es sehen, fangen an, seiner zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hob an zu bauen und kann's nicht hinausführen. Oder welcher König will sich begeben in einen Streit wider einen andren König und sitzet nicht zuvor und ratschlaget, ob er könne mit zehntausend begegnen dem, der über ihn kommt mit zwanzigtausend?«

Hand in Hand mit dem Turmbau, der Armut hinterließ, wo Reichtum gewesen war, ging die Erbauung eines Sparrschen Erbbegräbnisses Das Sparrsche Erbbegräbnis in der Marienkirche besteht in einem an der Nordseite des Chors gelegenen Anbau, dessen oberer Teil einen kleinen, jetzt zum Teil zur Bibliothek eingerichteten Saal enthält. Darunter befindet sich die eigentliche Gruft, über deren am innern Chor befindlichem Eingange sich das Grabdenkmal von weißem Marmor erhebt. Dasselbe zeigt, in architektonischer Einfassung von zwei Säulen nebst Sims, einen etwas überlebensgroßen, geharnischten Mann, kniend vor einem Pult, auf welchem ein Buch nebst Totenkopf und Kruzifix. Hinter dem Betenden, zur Linken des Beschauers, ein helmtragender Edelknabe in ganzer Figur. Unter der Decke des Pultes schaut, mit nach seinem Herrn gewandtem Kopfe, ein Hund hervor. An der mit leiser Architekturandeutung versehenen Fläche hinter der Hauptfigur stehen in deutscher Sprache die Verse Hesekiel 37, 3-6 und Hiob 19, 25. Über dem Sims eine gleichsam zum Giebel sich gestaltende Gruppe: inmitten das einfache Sparrsche Wappen, von Mars und Minerva gehalten, zu deren Seiten je zwei an Geschützen gefesselte sitzende Figuren. Dahinter eine Anzahl Fahnen. Das Ganze, im Übergang von Renaissance zum Barockstil, trägt zwar in der gebotenen, herkömmlichen Anordnung die Manier oder den Charakter der Zeit, erweist sich dagegen in seiner Ausführung höchst verdienstlich. Ist gleich ein geharnischter Mann der möglichst ungünstige Gegenstand für Skulptur, so sind doch Kopf und Hände der knienden Hauptfigur vortrefflich modelliert, überhaupt aber ist im Ganzen, wie in den Teilen, zumal in den Nebenfiguren, ein künstlerisch modifizierter Realismus unverkennbar. Es offenbart sich darin etwas von dem kräftigen Geiste Schlüters, verbunden mit einem Anfluge jener Manier, die die französische Bildhauerkunst des vorigen Jahrhunderts beherrschte. Wer das Werk schuf, ist nicht mit Sicherheit festgestellt. Die Tradition nennt den jüngeren Artus Quellinus, einen Holländer, den Sohn und Schüler seines gleichnamigen Vaters. Das Denkmal selbst trägt weder Namen noch Chiffre. , das bis diesen Augenblick nicht bloß eine Zierde der Marienkirche, sondern ihre größte Sehenswürdigkeit ausmacht. Ob es ihm vergönnt war, sein gebeugt Gemüt an der Schönheit jenes prächtigen Marmorbildes aufzurichten, das, von der Hand des Artus Quellinus, den Eingang zur eigentlichen Gruft umgibt, oder ob er hinstarb, eh es vollendet war, sind Fragen, die wir unentschieden lassen. Krank an Körper und Seele, verließ er im Frühjahr 1668 die Hauptstadt, um sie mit Augen nicht wiederzusehen. Er mochte fühlen, daß sein Ende nahe sei. Am 3. Mai vermachte er der Freifrau Luise Hedwig von Blumenthal, der Tochter seines Freundes Otto von Schwerin, sein Stadthaus in der Spandauer Straße; sechs Tage später schied er aus dieser Welt, am 9. Mai 1668, auf seinem Lieblingsschlosse zu Prenden. Der reiche Mann, der hochgestellte Diener seines Fürsten starb in Dürftigkeit. Die Leichenpredigt, die Propst Andreas Müller hielt, konnte wegen Mangels an Geld nicht gedruckt werden, und noch 1675, also sieben Jahre nach Sparrs Tode, bat der Propst bei den Erben desselben um Zahlung gehabter Unkosten und Auslagen. Die Beisetzung der Leiche erfolgte, wie das alte Kirchenbuch von Sankt Marien besagt, »am 12. Mai, abends in der Still', im Beisein vornehmer Leute«.

Turm und Erbbegräbnis, die beiden Denkmale, die sich der Feldmarschall bei Lebzeiten gesetzt, hatten ihn zum armen Manne gemacht. Aber, wie so oft, was ihn erniedrigt hatte, hatte ihn auch erhöht. Turm und Erbbegräbnis sind es, die seinen Namen in der Erinnerung der Nachwelt festgehalten haben und bis diesen Tag von einem Ruhm erzählen, der ohne das ernste, halb rätselvolle Steinbild des Artus Quellinus vergessener wäre, als er es ist.

 

Die Geschichte vom alten Sparr hatte, seit meinen Kindertagen, immer den Zauber jener unbestimmten Linien für mich gehabt, die mehr ahnen lassen als geben, und, so seltsam es klingen mag, ich machte mich auf den Weg nach Prenden in einer gewissen Gehobenheit der Stimmung, als wanderte ich in altes, romantisches Land.

Und es ist auch ein romantisches Land, märkisch-romantisch.

Von Biesenthal aus – einem Städtchen, das seinerseits wie eine holprige Idylle in der Talrinne des Finow-Flusses liegt – haben wir noch eine halbe Meile, und diese halbe Meile führt durch eine Art Musterstück heimatlicher Landschaft. Wie Linien, die über ein Blatt gezogen sind, laufen zahlreiche Hügelreihen von Ost nach West, und da wir in senkrechter Linie gen Norden müssen, so haben wir das Terrain in vollkommener Wellenbewegung zu durchschreiten. Die Hügel sind von einer äußersten Sterilität, kaum eine Moosschicht hat sich darauf niedergelassen, und ihr ganzes Erscheinen erinnert lebhaft an die Sanddünen der Ostsee. Zwischen den Hügeln aber dehnt sich jedesmal ein grüner Streifen, aus dessen Mitte leise gekräuselte Wasserflächen, mal dunkel wie ein Teich, mal blau wie ein See, hervorblicken. Alles Lebendige scheint diese Öde zu meiden, keine Lerche wiegt sich in Lüften, kein Storch stolziert am Sumpf entlang, nur eine Krähe fliegt gleichgültig über die Landschaft hin, wie ein Bote zwischen dem vor uns liegenden Wald und dem Biesenthaler Kirchturm in unserm Rücken.

Die Krähe passiert diese Gegenden wie wir, sie wohnt nicht darin.

Ein halbstündiger Gang in dem mahlenden Sande hat uns endlich an eine tiefere Talschlucht geführt, und die andre Seite derselben hinaufsteigend, treten wir ein in die Stille des Waldes. Das Wellenterrain bleibt dasselbe, aber der Boden ist anders geworden, und die roten Fichtenstämme steigen in schlanker Schönheit auf, während das Fehlen alles Unterholzes einen Blick weit waldeinwärts gestattet und den grünen Moosteppich in überraschender Frische zeigt. Der Forst ist von großer Längenausdehnung, aber von wenig Tiefe. So sehen wir es denn bald wieder Lichter vor uns werden und fühlen jenen veränderten Luftzug, der den Ausgang des Waldes verrät. Eh wir ihn erreicht haben, hören wir ein leises Geräusch und gewahren, zu seiten eines dichten Brombeerbusches, einen Alten, der Reisig sammelt und die zerbrochenen Zweige auf seine Karre wirft. Neben ihm liegt ein alter Spaten, um Wurzeln auszugraben, und an der obersten Karrensprosse hängt ein Korb, drin er die fleischfarbenen Reizker und die gelben Pfefferlinge sammelt, die ihm sein gutes Glück als Zugabe beschert.

Der Alte selbst trägt Strohhut und Leinwandjacke und zeigt nichts Auffälliges als das Fehlen jeder Spur von Oberlippe. Mittlerweile hab ich ihm guten Tag geboten und frag ihn, ob er aus Prenden sei.

»Joa, ick bin ut Pren'n.«

»Ist es noch weit, Papa?«

»Nei, jlieks wenn Se 'rutkomen. Awers sehen künn'n Se nich; 't liggt in 'n Grunn.«

»Und ist ein Krug da?«

»Joa, twee. Een jlieks hier vöhrnan, wo Sparren sin Slott stunn.«

»Noch was zu sehen?«

»Veel nich. As ick in 't Dörp käm (ick bin nich bührtig von Pren'n), doa stunn noch veel. Awers nu nich mihr. Ick hebb mien'n Zickenstall von Oll-Sparren sin Slott bu't.«

»Und erzählen sich noch die Leute von ihm?«

»Joa, se vertellen noch veel. Un mine Fru seggt immer, de grote Steen, dicht an unsern Tuun, dat wihr Sparren sien Steen. Un vördem, so meent se, sinn ook vier iserne Krampen anwest, un an jede Kramp wihr wedder ne iserne Kett un an jede Kett een von Oll-Sparren sine Skloaven. Un ook en Linnenboom wihr doa. Awers nu is de Linn' wech, un de Krampen sinn ooch wech. Man bloot den groten Steen, den hebben se liggenloaten. He mücht wol en beeten to sweer sinn.«

»Sonst nichts, Papa?«

»Duch, duch. Se vertellen noch allerhann anner dumm Tüüch un dohn joa binah, as wenn he de Düwel selber west wihr. Se seggen, he föhr nich giern dörch 'n Sann, un wenn he sinen Mantel antrecken deih, denn wihr et mit eens as en groten Winn, un Kutsch un Pierd un allens geng heidi dörch de Luft. Mal eens verluhr sien Kutscher sien' Pietsch un wull sich büggen. Awers Oll-Sparr heel' em von hinnen her fast un seggte man bloot: ›Vergett nich, mien Söhn, wo du bist.‹ Un as de Kutscher den annern Dag durch Biesenthal torüggföhr, doa seech he, dat sien' Pietsch an 'n Biesenthalschen Kirchturm hängen deih. Awers ick glöv et nich. Ick bin nich bührtig vunn Pren'n.«

»Ich glaub es auch nicht, aber man kann doch nicht wissen.«

»Nei. weeten kann man't nich. Un se seggen ook, he spökt in dissen Wald, hier so rümmer. Un ick hebb ook all so watt hührt, as wie Pietschenknalln un Pruhsten un as ob een' vunn wiet aff lachen deih. Nei, weeten kann man't nich.«

»Adieu, Papa, und seht Euch vor.«

»Wovor?«

»Vor 'm alten Sparr.«

Er lachte und rief mir nach: »Nei, nei, de Sünn is joa noch an 'n Heben. Un he kümmt nich an helln lichten Dag.« Es ist sehr interessant, zu verfolgen, in welcher Art und nach welchen Gesetzen das Volk sich seine Helden ausstaffiert. Es verfährt dabei lediglich nach einem ihm innewohnenden romantischen Bedürfnis und ist gegen nichts gleichgültiger als gegen den wirklichen historischen Sachverhalt. Otto Christoph von Sparr war in den letzten zehn Jahren seines Lebens ein frommer Kriegsheld. Hätte seine Frömmigkeit nach außen hin in irgend etwas Wundersamem eklatiert, so würde diese eklatante Tat für das Sagenbedürfnis der Prendener Stoff und Anlehnung geboten haben; da Sparrs Frömmigkeit aber stille Wege ging und alles frappierend Wundersame vermied, so war sie für die Prendener so gut wie gar nicht da, die denn auch sein Leben um Züge befragten, die mehr in die Augen sprangen. Da hörten sie von Türkenzügen, vom Niederschießen des Marienkirchturms, von Kettenkugeln, von seinen sonstigen Wundern als Artilleriegeneral, und der Zauberer war fertig. Er hat nun Fausts Mantel und fährt, wie Derfflinger, über die Kirchtürme hin, an denen der eine die Peitsche des Kutschers, der andre die Teerbutte seines Wagens hängenläßt. Was den Stein mit den Krampen und Ketten und den vier Sklaven angeht, so ist es ersichtlich, daß das Reiterbild des Großen Kurfürsten, mit den vier Gefesselten am Sockel desselben, zu dieser wie zu ähnlichen Sagen Veranlassung gegeben hat.

Es war, wie der Alte gesagt hatte, Prenden versteckte sich. Aber in einiger Entfernung drehte sich eine Mühle langsam im Winde. Dort mußt es sein.

Und dort war es wirklich. Kaum daß ich die Mühle passiert hatte, so stand ich abermals an einem jener vielen Taleinschnitte, die hier das Hügelland durchziehen, und sah, über die Kronen der unten stehenden Bäume hinweg, in Dorf Prenden hinein. Ich werde dieses Anblicks nicht leicht vergessen. Nach rechts hin dehnte sich ein stiller, graublauer See mit breitem Sandufer, während sich zur Linken ein durch Gartenland und bestellte Äcker hinplätscherndes Fließ in Wald und Wiese verlor. Dazwischen aber – dem Lauf des Tales nicht folgend, sondern die Längslinie desselben quer durchschneidend – lag das Dorf, auf seinen zwei höchsten Punkten Schloß und Kirche tragend.

Die bunten Farben eines Herbsttages steigerten noch den Reiz des Bildes.

Ich durchschritt das Dorf, um zuerst die jenseits gelegene Kirche nach ihren etwaigen Schätzen zu durchforschen. Konnte nicht Edell Sparr ein Marmordenkmal im hohen Chor oder Emerentia von Seestedt einen Denkstein vor dem Altar haben? Die Hoffnung war gerechtfertigt, aber sie blieb unerfüllt, und ich habe selten einen freudloseren Platz betreten. Malerisch hatte mich die Kirche von der andern Seite des Hügels aus gegrüßt, nun erst sah ich, daß alles nicht viel andres als eine Landschaftscoulisse gewesen war. Das Innere kahl, der Kirchhof verödet und kein Andenken erfindbar als das eine, das sich der Feldmarschall selber gestiftet: zwei schöne Glocken, deren Inschriften unter einer Kruste von Schwalbenguano meiner Entzifferungskunst spotteten.

Und so hatt ich denn Einblick in eine Kirche getan, deren gesamter Kunstschmuck ein zerbrochener Rest eines Altarschnitzwerks und deren historisches Glanzstück, außer den zwei Glocken, eine vereinzelte Kriegsdenkmünze vom Jahre 1813 war.

Ich war enttäuscht, aber nicht verstimmt, denn Kirchhof und Kirche hatten als Musterstücke in ihrer Art zu mir gesprochen. Auch hatt ich bald der Öde vergessen, als die Dorfstraße mich wieder aufnahm. An hohen Stangen reiften die Saatbohnen für das nächste Jahr, und der eigentliche Baum an dieser Stelle schien der Holunderbaum zu sein, dessen schwarzrote Beerenbüschel über alle Zäune hingen. Diese selbst aber waren mehr in graue Flechten als in grünes Moos gekleidet, und der Rauch stieg langsam und mühevoll auf, als läg ein Druck auf allen Dächern.

So kam ich an den diesseitigen Krug, genau die Stelle, wo vordem die Einfahrt in den Schloßhof war. Die Krügerin berichtete mir ähnliches wie der alte Reisigsammler und fuhr dann, indem sie mich plaudernd an die Küchentüre führte, fort: »Hier links und rechts waren die Karpfenteiche, so weit das Kohlfeld reicht, und weiter hin, wo Sie den türkischen Weizen sehen, da fing der Obstgarten an. Dies hier herum war Hof. Mein Mann hat es gekauft: Krug und Schloß und Garten und alles, was auf und in der Erde ist.« Auf meine Frage, »ob viel in der Erde sei«, antwortete sie zustimmend und erzählte mir, daß nicht nur der Ziegenstall des alten Reisigsammlers, sondern auch die Wirtschaftsgebäude des Krügers aus dem bequemen Steinbruch des ehemaligen Sparren-Schlosses gebaut worden seien.

Ich trat nun in den Garten, um die Reste, die bis dahin der Spreng- und Grabekunst der Prendener gespottet haben mochten, in Augenschein zu nehmen. Anfangs empfing ich nur den Eindruck einer unentwirrbaren Masse, bald aber fand ich mich zurecht und konnte, mit Hülfe der nach zwei Seiten hin völlig intakt erhaltenen Fundamente, die Grundform des alten Schlosses unschwer verfolgen. Es scheint ein Gebäude von funfzig Fuß Länge und halb soviel Tiefe gewesen zu sein, an das sich nach der Hofseite hin ein Turm, wahrscheinlich der Treppenturm, anlehnte. Die schön gewölbten Keller sind noch teilweis im Gebrauch, ja, bis vor kurzem ließ sich das ganze Souterrain durchschreiten, und Küche und Waschküche (mit dem eingemauerten Kessel) waren unverkennbar. Die Festigkeit dieser Grundmauern ist ihre Rettung gewesen und ist es noch, sonst würden auch sie bald verschwunden sein, um als Stallgebäude wieder aufzuwachsen. Ein bescheidenes Maß von Schutz mag ihnen auch der Umstand gewähren, daß sie hoch mit Erdreich überschüttet sind, so daß Birnbäume darauf wachsen und Hagebuttensträucher eine Art lebendiger Hecke bilden.

Ich pflückte mir einen Zweig, an dem bereits die roten Beeren hingen, und steckt ihn an den Hut. Und als ich bald darauf wieder auf der Höhe des Hügels stand und noch einmal in das verschleiert darlegende Dorf zurückblickte, das jetzt, bei niedergehender Sonne, in wunderbaren Farben schwamm, klang, von der andern Hügelseite her, die Betglocke zu mir herüber. Es war eine der alten Sparren-Glocken, und es klang mir, als riefe sie mir einen Gruß nach und einen Dank für freundliches Gedenken.

Und nun trat ich, weiterschreitend, in den dunkel gewordenen Forst, und die Fichtenkronen neigten sich tief im Abendwind. Ein Rauschen ging voll und wachsend durch den Wald. Ich zuckte zusammen, halb in Lächeln und halb in Bangen, und murmelte vor mich hin: »Sparr kümmt – man kann et nich weeten.«

Lichterfelde

Sein Nam' und seiner Glocken Klang
Ziehen still die Heid entlang.

Prenden bildete den linken Flügel des Sparren-Landes, dessen Zentrum, wie schon hervorgehoben, um Neustadt-Eberswalde herum gelegen war. Es bestand aus folgenden Dörfern: Hohenfinow, Tornow, Sommerfelde, Kruge, Klobbicke, Wölsickendorf, Dannenberg, Heckelberg, Trampe und Lichterfelde.

In den sechs erstgenannten Dörfern, die seinerzeit zu dem ältesten Besitzstande der Familie gehörten, ist nichts mehr, was an die Sparrs erinnerte. Verbleiben noch: Dannenberg, Heckelberg, Trampe und Lichterfelde.

 

In Dannenberg klingt es nur leise noch von den Sparrs, und allein ihr Name lebt noch fort in dem »Sparren-Busch«, der unmittelbar vor dem Dorfe beginnt und den Reisenden bis in die Freienwalder Heide begleitet.

 

In Heckelberg finden wir schon mehr. Hier begegnen wir wieder einigen Sparren- Glocken. Heckelberg war nur kurze Zeit in Händen der Familie; der Feldmarschall besaß es durch wenige Jahre hin, aber diese wenigen Jahre waren ausreichend für ihn, um seiner frommen Leidenschaft ein Genüge zu tun und der Kirche entweder neue Glocken zu schenken oder die alten zu erneuern. Wir finden zwei: eine größere aus dem Jahre 1656, die außer dem Glockenspruche »Soli Deo Gloria« noch die Namen des Amtmanns, des Schulzen, des Pfarrherrn und der Kirchenvorsteher, außerdem eine etwas kleinere aus dem Jahre 1663, die den Namen »Otto Christoph Freiherr von Sparr« trägt.

In der Heckelberger Kirche – freilich ohne alle Beziehung zu den Sparrs – ist auch ein Schnitzaltar, dessen ich erwähnen möchte, nur um vor Restaurierungen zu warnen, wie deren eine hier stattgefunden hat. Ermöglicht sich keine wirkliche Restaurierung, die mit ihrem reichen Goldschmuck oft sehr kostspielig ist, so tuen die Gemeinden am besten, die Sache zu lassen, wie sie ist, oder aber dem ganzen Schnitzwerk einfach eine weiße Tünche zu geben. Ich bin diesem Auskunftsmittel in mehreren Dorfkirchen begegnet und muß einräumen, daß, wenn man das Bessere nicht haben kann, dies unter dem Schlimmen das mindest Schlimme ist. Die Sachen wirken dann gipsfigurenhaft, was etwas Kaltes, aber doch niemals etwas direkt Störendes hat.

Vor dem Altar der Heckelberger Kirche befindet sich ein Grab. Einer der Geistlichen ist dort begraben, und die Stelle markiert sich durch nichts als durch eine schwache muldenhafte Einsenkung des Fußbodens, infolge deren die Steine lose geworden sind. Wir äußerten ein leises Befremden darüber, aber der uns begleitende Heckelberger antwortete ruhig: »Wir tuen, was wir können. Alle paar Jahr schütten wir nach und stampfen's fest, mörteln auch die Steine wieder ein, aber es hilft nichts, er geht immer tiefer, und eh wir's uns versehn, ist die Mulde wieder da.«

Ein leiser Schauer überlief uns bei dieser Erzählung.

 

Wir kommen nun nach Trampe. Trampe ist alt-sparrisch, aber in den Wirrsalen des Dreißigjährigen Krieges ging es teilweis verloren, und erst der Feldmarschall eroberte es der Familie zurück. Er scheint ihm eine besondere Vorliebe zugewandt und, wenn er nicht in der Hauptstadt war, abwechselnd hier und in Prenden residiert zu haben. Auf beiden Gütern entstand ein Schloß; während indes in Prenden nur noch ein Trümmerhaufen davon erzählt, zeigt sich in Trampe alles wohlerhalten. Schloß und Park existieren noch, verändert und umgebaut zwar, aber in ihrer Grundanlage dieselben geblieben. Der Park, mit kostbaren alten Bäumen und einer Burgruine, weist noch eine seltsam geformte, acht Zifferblätter zeigende Sonnenuhr auf, die auf mehreren dieser Zifferblätter den Namen des Feldmarschalls trägt. In der Kirche befinden sich ein paar Bilder und Grabsteine, doch ohne Beziehung zu den Sparrs. Nur die Glocken erzählen wieder von ihnen und diesmal nicht nur von unserem Otto Christoph, sondern auch von seinen Vettern, die er, wie es scheint, mit heranzuziehen und seiner Glockenpassion dienstbar zu machen wußte.

Die Inschrift der ersten Glocke lautet: »Der wohledle, geborne Herr Ernst Sparr, Ihrer Kurfürstlichen Durchlauchtigkeit zu Brandenburg Rat und bestallter Hauptmann zu Zechlin und Lindow, Erbherr auf Trampe, Prenden, Beerbaum und Dannenberg.« Dazu das einfache Sparrsche Wappen und: »Goß mich Jakob Neuwert zu Berlin 1660.« (Diese Angabe wiederholt sich auf allen drei Glocken.)

Die Inschrift der zweiten Glocke lautet: »Ernst George, des Heiligen Römischen Reiches Graf von Sparr, der Römischen-Kaiserlichen, auch zu Polen und Schweden Königlicher Majestät Geheimer Kriegsrat, Generallieutenant und Generalfeldzeugmeister, beiderseits Kammerherr und Obrister zu Roß und Fuß, Herr auf Trampe, Prenden, Dannenberg und Beerbaum.« Dazu das gräflich Sparrsche Wappen.

Die dritte Glocke ist die wichtigste. Sie rührt von dem Feldmarschall her, ist aber gesprungen und befindet sich deshalb nicht mehr neben ihren zwei Schwestern oben in der Höhe, sondern unten im Turm, wo man ihre Inschrift mit Bequemlichkeit Es verlohnt sich, dies eigens hervorzuheben, denn unter den mannigfachen kleinen Strapazen, womit das Hinaufsteigen in alte Türme und das Hinabsteigen in alte Grüfte verbunden ist steht das Glockeninschrift-Lesen obenan. Ohne »Licht und Leiter« geht es eigentlich kaum, aber beide sind nie zur Hand, und so fällt einem das Los zu, sich zu helfen, so gut es geht. Das erste ist, daß alle Schallöcher geöffnet werden, die nun natürlich einen Zug herstellen, als sollte Wäsche getrocknet werden, während es dem vom Treppensteigen Erhitzten wie der Tod über den Röcken läuft. Nun sind die Schallöcher auf, und das Licht dringt ein, aber entweder die Distance oder die gotischen Buchstaben oder gar der Schwalbenguano spotten noch immer der Entzifferungskunst des unten Stehenden, der sich nun genötigt sieht, die Reste seiner Turnerschaft hervorzusuchen. Erst ein Griff nach dem Oberbalken, dann ein Schwung in das Kreuzgebälk hinein – so, halb hängend, halb stehend, beginnt die Lektüre. Ist nun ein gefälliger Küster, dem sich Wort für Wort diktieren läßt, mit in den Turm hinaufgestiegen, so kann das Schlimmste der Expedition als überstanden angesehen werden, hat er aber, aus diesem oder jenem Grunde, seine kleine Tochter mit hinaufgeschickt, so bleibt einem schließlich nichts anders übrig, als sich, wie der Glöckner von Notre-Dame, seitwärts auf die Glocke zu werfen und, die »große Marie« fest umarmend, auf dem erzenen Nacken derselben die Inschrift abzuschreiben. lesen und neben dem schönen Guß auch an ihrer Patina den ersichtlich feinen Erzgehalt bewundern kann. Die Inschrift lautet: »Otto Christoph Freiherr von Sparr, der Kurfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg Geheimer Kriegsrat, Feldmarschall, Obergouverneur der in der Kur und Mark Brandenburg, Herzogtum Hinterpommern und Fürstentum Halberstadt belegenen Festungen, Obrister zu Roß und zu Fuß, Herr zu Trampe, Prenden, Lanke und Neustadt an der Dohhl« (soll höchstwahrscheinlich Dosse heißen). Darunter das Sparrsche Wappen.

Diese Glocke, wie man sonst wohl mit gesprungenen Glocken tut, umzuschmelzen wäre nicht ratsam, da sie dadurch aufhören würde die alte Sparren-Glocke zu sein, und zwar, soviel ich weiß, die schönste und reichste, die er hat gießen lassen. Allerhand Sagen knüpfen sich außerdem an dieselbe, die den Feuertod sterben würden, wenn man sich entschlösse, durch Umschmelzung aus der alten Glocke eine neue zu machen. Die eine Sage berichtet die vielerorten wiederkehrende Geschichte vom Glockengießer, der eine Schlange mit in die Glockenspeise hineingetan habe, so daß seitdem die Schlangen aus der Umgegend verschwunden seien. Die andere meint, daß die Glocke aus türkischen Geschützen gegossen sei, die der Feldmarschall während seines Türkenzuges den Ungläubigen abgenommen, ja sie geht noch weiter und verbürgt sich, daß Sparr die Glocke selbst erobert und später dafür gesorgt habe, daß sie durch Tramper Bauern aus dem fernen Ungarlande herbeigeholt worden. Auch die glaubhaftere Hälfte dieser Tradition hält eine Kritik nicht aus, da die Glocke, wie sie selber besagt, 1660 gegossen wurde und »Vater Sparr« erst 1664 seinen großen Türkenzug antrat.

 

Und nun endlich Lichterfelde selbst. In seiner Kirche, der ausnahmsweise die Sparren-Glocken fehlen, befinden sich drei Kindergrabsteine aus der Sparren-Zeit. Sie sind sehr abgetreten, einer so völlig, daß von Inschriftlesen keine Rede mehr sein konnte. Bei den beiden andern entzifferte ich folgendes. Auf dem größeren: »Anno 1606 (oder 1600, wahrscheinlich letzteres) ist geboren Anna Sparr und... 16... in Gott selig entschlafen; der Seele Gott genade.« – Auf dem kleineren: »Anno 1604 den 2. Januar ist geboren Elisabeth Sparrn... entschlafen den 3. Januar um 12 Uhr in der Nacht.«

Die Hauptsehenswürdigkeit ist das Schloß, in dem mutmaßlich um 1605 unser Otto Christoph geboren wurde. Dieser Umstand allein schon würde dem Schloß ein Anrecht auf unser Interesse geben; es trifft sich aber, daß es, abgesehen von seinen Beziehungen zu den Sparrs, auch als eine durch Eigenart und Munifizenz ausgezeichnete bauliche Schöpfung anzusehen ist.

Über die näheren Umstände des Baues, über Jahreszahl, Namen der Bauherrn und des Baumeisters, gibt eine lateinische Inschrift Auskunft, die sich in Front des Schlosses befindet. Sie lautet:

»Dominus conserva nos. Psalm 126: ›Nisi Dominus aedificaverit domum in vanum laboraverant, qui aedificant.‹ Ao. Dni. 1565 die 26 Julii Arendt et Christoph fratres de Sparrn hanc domum aedificare inceperunt, in Ao. 1567 cum gratia Dei patris nostri Jesu Christi consummaverunt per Joachimum de Roncha ex Italia de Manilia.

Soli Deo Gloria.
Renovat. In Ao. 1580.«

 

Also etwa:

»Der Herr schütze und bewahre uns. Psalm 126 (muß heißen: Psalm 127): ›Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die dran bauen.‹ Anno 1565 haben die Brüder Arendt und Christoph von Sparr dies Haus zu bauen angefangen; Anno 1567 haben sie es durch die Gnade Gottes und unseres Heilands Jesu Christi beendigt, und zwar unter Leitung Joachims von Roncha aus Manilia in Italien. Ruhm dem alleinigen Gott. Erneuert Anno 1580.«

Diese Inschrift, wiewohl bis diesen Tag in aller Deutlichkeit zu lesen, hat zwei schwache Punkte: einmal den Namen und Geburtsort des italienischen Baumeisters, dann die Renovierungs-Jahreszahl 1580. Es ist mindestens ungewöhnlich, daß ein überaus solid aufgeführter Schloßbau nach dreizehn Jahren schon wieder renoviert wird. Dies aber ist unwichtiger. Wichtiger ist die Frage: Wer war dieser Joachim von Roncha aus Manilia in Italien? gibt es ein Manilia, gibt es einen Roncha? oder ist alles Irrtum und Verdrehung von Anfang bis Ende? Mörner hat folgende Lesart vorgeschlagen: »per Fra. Chiaramellum (da Gandino) ex Italia de Venetia«, wobei er sich auf die Tatsache beruft, daß es einen Joachim von Roncha niemals gab, wohl aber einen Francesco Chiaramelo oder Chiaramelli (da Gandino), der von 1562 bis 1565 die Festung Spandau zu bauen begann.

Diese Mörnersche Interpretation ist außerordentlich scharfsinnig und möglicherweise zutreffend. Wir lassen sie jedoch auf sich beruhen und treten lieber in den Schloßbau selber ein.

Im Vorflur empfängt uns ein alter Herr, der Freund und Majordomus des Hauses, der in Abwesenheit des Besitzers die Repräsentation auf sich genommen hat. Wir nennen ihm unsere Namen, er zieht sein Käpsel, und mit dem plaudergemütlichsten Cicerone-Ton von der Welt, nicht ohne liebenswürdigen Anflug von Humor und Satire, beginnt er: »Sie werden hier eine der sonderbarsten Bauschöpfungen alter und neuer Zeit kennenlernen. Das Schloß hat weder Treppe noch Küche und besteht ausschließlich aus zwölf Zimmern und zwölf Klosetts.«

So eingeführt, beginnen wir unsern Umgang und überzeugen uns alsbald, daß eine präzisere Totalbeschreibung des Schlosses und seiner baulichen Absonderlichkeiten nicht wohl gegeben werden konnte. Was sich der Baumeister, er heiße nun Chiaramelli oder Roncha, bei dieser Herrichtung gedacht haben mag, ist schwer zu sagen. Wohl bin ich Schlössern begegnet, zum Beispiel dem berühmten Lochleven-Schloß in Schottland, in denen die besondere Dicke der Mauern ebenfalls zur Herstellung solcher »Bequemlichkeiten« dienen mußte, weil es im übrigen an Raum gebrach. Wenn es indessen irgend etwas gibt, dessen das Lichterfelder Schloß nun gerade nicht ermangelt, so ist es Raum. Seine Dielen und Flure wirken wie Hallen und seine Zimmer wie Säle.

Unser Cicerone sprach aber auch die Worte: »keine Treppe und keine Küche«. Und auch damit hat es seine Richtigkeit. Wenigstens gehabt. Was die Treppe angeht, so befindet sich dieselbe bis diesen Tag in einem eigenen, von außen angebauten Treppenhause, von dem die Sage geht, daß es deshalb früher nicht vorhanden war, »weil der alte Arendt Sparr, nach Art ähnlicher Sagenväter, den Zutritt zu seiner schönen Tochter durchaus unmöglich machen wollte«. Erst nachdem der Eintritt der bekannten Erscheinungen unsren alten Sparren-Vater, wie so manchen Vater vor und nach ihm, von der Unmöglichkeit solcher Isolierung überzeugt hatte, entschloß er sich reumütig, dem Hause das zu geben, was ihm bis dahin gefehlt hatte – eine Treppe.

Das Schloß, wie seine Inschrift besagt wurde 1565 bis 1567 gebaut und 1580 renoviert. Ich vermute jedoch, daß es 1650 statt 1580 heißen muß. Jedenfalls haben sehr bald nach dem Dreißigjährigen Kriege Renovierungen stattgefunden, da während des Krieges, wie Bekmann berichtet, die Seitengebäude des Schlosses durch den schwedischen General von Dewitz eingeäschert worden waren. Natürlich mußte das Schloß selbst bei dieser Einäscherung mit leiden. Aber gleichviel, die Grundanlage des Schlosses ist seit den Tagen Arendts von Sparr und seines Sohnes Otto Christoph unverändert geblieben.

Und wie das Sparren- Schloß blieb, so die Sparren- Erinnerungen. Vor allem selbstverständlich die, die dem alten Feldmarschall gelten. In jedem der Dörfer, die dem Sparren-Lande zugehören, ist er gekannt, in dem einen als Zauberer, in dem andren als Türkenbesieger, überall aber als der »Glockenmann«, der sich vorgesetzt hatte, am ganzen Laufe des Finow-Flusses hin seine Glocken klingen zu hören. Und wer an der Biesenthaler Wassermühle den kleinen Fluß passiert oder an einem Herbstabende, bei fallendem Nebel, an dem Tramper Park und seinen Burgtrümmern vorüberkommt, der fühlt wohl, daß ihn sein Weg in Gegenden geführt hat, wo's nicht wundernehmen darf, daß alte Volkssagen noch lebendig sind und weiter wachsen und schaffen. Und ein alter Knecht lebt noch auf einem der ehemaligen Sparren-Dörfer, der sieht alles voraus, was passiert, und prophezeit von einem großen Kriege, der in den Achtziger Jahren kommen wird. »Dann werden die Menschen so rar werden wie die Störche im Jahre 1857, wo ein großer Sturm sie verschlagen und so viele umgekommen waren, daß man alle fünf Meilen nur einen noch sah. So wird Gott die Menschen schlagen, wie er damals seinen Gottesvogel geschlagen. Und dann werden die Menschen sich freuen, wenn einer den andern sieht.«

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