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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 21
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Steinhöfel

Es gab ihm das Geleite 'ne Ehrenkumpanei,
Die Briten-Degen sprachen: »Nun, General, good bye«,
Da sprach er: »Kameraden, grüßt Wellington mir schön,
Wer weiß, in Jahr und Tage wir uns mal wiedersehn.«
Scherenberg

Bei Fürstenwalde haben wir auf unsrem Rückwege die Spree nach Norden hin passiert und erreichen nach einstündiger Fahrt das von Massowsche Gut Steinhöfel.

Steinhöfel gehörte mehrere Jahrhunderte lang dem Güterkomplex an, den die in eine Tempelbergsche Das eine Meile weiter nördlich gelegene Tempelberg, oder doch wenigstens die Tempelberger Kirche, weist mehr Erinnerungen an die Wulffensche Zeit auf als Steinhöfel. Außer einem Epitaphium zu seiten des Altars befinden sich noch sechs Wulffensche Grabsteine in der Kirche, die fast den halben Raum des Mittelschiffes einnehmen. Einer derselben zeichnet sich durch eine ganz besondre Sinnigkeit aus. Luisa Lucretia von Wulffen aus dem Hause Steinhöfel war an einen von Wulffen in Tempelberg vermählt und starb 1720, wahrscheinlich im Kindbett. Am Oberende des Grabsteins bemerkt man zwei Bäume, die sich mit ihren Wipfeln einander zuneigen. Darunter steht: » Eine gleiche Neigung verbindet uns.« Dann folgen Zeilen, in denen der Tod der jungen Frau gemeldet wird, bis zuletzt ein Baum mit der Inschrift: »Bei meinem Fruchtbarsein, / Da stellet Last sich ein« das Ganze nach unten hin abschließt. Ein siebenter Grabstein, der eine Zeitlang auch im Kirchenschiffe lag, steht jetzt an einem Wandpfeiler. Es ist dies der Grabstein der Frau Anna Lucretia von Gölnitz, einer gebornen von Götze. Sie lebte verwitwet in dem ihr befreundeten Wulffenschen Hause und wurde, als sie in Tempelberg starb, in der Tempelberger Kirche beigesetzt. Sie hatte aber keine Ruhe unter den Wulffens und sehnte sich zu den Götzes zurück. Es begann zu spuken, und immer wenn Margarete von Wulffen, die Freundin der Verstorbenen, in die Kirche trat, war es ihr, als ob eine Stimme riefe: »Grete, mach auf.« Das geschah denn auch endlich, und man schaffte den Sarg nach dem Familiengute der geborenen von Götze hinüber. Da war es ruhig. Der Grabstein aber blieb in Tempelberg und ward in den Wandpfeiler eingemauert. und eine Steinhöfelsche Linie geteilte Familie von Wulffen im Herzen des alten Landes Lebus besaß.

Die Wulffens beider Linien blühten hier mehrere Jahrhunderte lang, bis, wenn die Sage recht hat, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts ein Wendepunkt eintrat. Wenigstens mit Rücksicht auf die Steinhöfler Wulffens.

Und zwar wird folgendes erzählt.

Der alte Wulffen (Balthasar Dietloff), der damals Steinhöfel, Kersdorf, Gölsdorf und Madlitz besaß, war ein passionierter Jäger. Er unterhielt große, eingefriedete Waldstrecken, in denen das Wild gehegt und gepflegt wurde. Soweit alles gut. Im Dorfe befand sich aber auch ein alter Schäfer, der ein ebenso leidenschaftlicher Sackpfeifer wie der alte Wulffen ein leidenschaftlicher Jäger war. Es scheint nun, daß der Sackpfeifer mit besonderer Vorliebe gerade dann seine Stücke blies, wenn der alte Wulffen auf die Jagd reiten wollte, so daß die Hirsche jedesmal wußten, was und wen sie zu gewärtigen hatten. Es war für die Hirsche wie Hundeblaff und Büchsenschuß. Oft schon hatte der alte Jäger dem alten Schäfer diese »Meldung in den Wald hinein« verboten. Aber immer vergeblich. Als er ihn eines Tages wieder bei seinem Spiele betraf, schoß er ihn nieder. Damit war es indessen nicht abgetan; die Sache machte großes Aufsehn, und König Friedrich Wilhelm I. verurteilte den alten Wulffen zum Verlust seiner Güter. Nur Steinhöfel ward ihm belassen.

Soweit die Tradition. Daß etwas Tatsächliches zugrunde liegt, ist nicht unmöglich, andrerseits ist es unzweifelhaft, daß sich die Sache wesentlich anders verhalten haben muß. Einzelne der obengenannten Güter befanden sich nämlich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch in Wulffenschen Händen, und das Epitaphium, das dem Balthasar Dietloff in der Steinhöfler Kirche errichtet wurde, führt ihn uneingeschränkt als Erbherrn auf Steinhöfel, Kersdorf, Gülsdorf etc. auf.

Dies Epitaphium, an das alle Wulffenschen Erinnerungen anknüpfen, ist ein großes und sehr in die Augen fallendes Denkmal. Degen, Flinte, Streitaxt, Lanze, Sponton, Lochaberaxt, Morgenstern, Keule, Streitkolben, Pauke, Trommel etc. bilden eine Art Trophäe, die, wie die Strahlen einer Kriegsglorie, das leidlich gemalte Portraitbild des alten Wulffen umzirken. Die mit den Worten »O Tugend hat ihr eigen Licht« anhebende Inschrift schließt verbindlich genug mit den Reimzeilen ab:

Hier ruhet nur der Leib, die Seel in Gottes Hand,
»O daß er lebte noch«, spricht, wer ihn hat gekannt,

ein Wunsch, in den wenigstens die Familie des Dudelsackpfeifers, wenn sie jemals existierte, schwerlich eingestimmt haben wird.

Steinhöfel blieb Wulffenscher Besitz bis 1774. Dann, nach einem kurzen Graf Blumenthalschen Interregnum, ging es durch Kauf an den Obermarschall von Massow, den jüngsten und einzig überlebenden Sohn des Staatsministers von Massow, über. Die vier ältren Brüder des Obermarschalls waren sämtlich in den Schlachten des Siebenjährigen Krieges geblieben.

Der Obermarschall besaß Steinhöfel von 1790 bis 1817, und in diese Zeit – trotzdem es die Kriegsjahre waren – fallen zum guten Teil die Neuerungen und Anlagen, die das Gut auch in seiner Erscheinung zu einem so ansprechenden Besitze gemacht haben. Das Schloß freilich blieb zunächst noch dasselbe, der Park aber ward in allem Wesentlichen zu dem gemacht, was er jetzt ist. Er zählt zu den schönsten, die wir in der Provinz besitzen. Was ihm indessen über die Schönheit seiner Linien und Details hinaus ein besonderes Interesse leiht, ist der Umstand, daß er der erste Park hierlandes war, dessen Anlage nach Prinzipien erfolgte, die seitdem in der Park- und Gartenkunde die herrschenden geworden sind. Es ist dies bekanntlich der Sieg des Natürlichen über das Künstliche, des Gebüsches über den »Poetensteig«, des englischen oder, wie einige wollen, des altchinesischen Geschmacks über den französischen. Der Obermarschall, ohne jemals über diese Dinge theoretisiert zu haben, durchbrach das bis dahin Gültige nach einem ihm innewohnenden künstlerischen Instinkt und operierte dabei mit so glücklicher Hand, daß einzelne seiner Anlagen später als Muster gedient und in den königlichen Gärten, zum Beispiel in Paretz, eine teilweise Nachahmung erfahren haben.

Der Obermarschall hatte vier Söhne.

Wie sein Vater, der Minister, vier Söhne von fünfen in den Siebenjährigen Krieg geschickt hatte, so schickte er drei Söhne von vieren in den Befreiungskrieg. Der erste und zweite kehrten zurück. Der dritte, sechzehnjährig, fiel bei Leipzig. Ein auffliegender Pulverwagen nahm ihn mit in die Luft.

Der Obermarschall starb 1817.

1835 folgte ihm seine Witwe, und Steinhöfel ging nunmehr an den ältesten Sohn beider, den Major und späteren Generallieutenant Valentin von Massow, über.

Bei diesem werden wir auf den nächsten Blättern zu verweilen haben.

Valentin von Massow

Valentin von Massow ward am 24. März 1793 zu Berlin geboren. Er erhielt eine sorgfältige Erziehung und teilte diese sowie den Unterricht der Haus- und Privatlehrer mit dem Grafen Friedrich Wilhelm von Brandenburg, dem späteren Ministerpräsidenten, dessen Erziehung König Friedrich Wilhelm der Dritte 1797 dem Obermarschall von Massow anvertraut hatte. Außer dem Grafen von Brandenburg war der zweite Bruder unseres Valentin, der spätere Hausminister von Massow, der einzige Gefährte seiner Knabenzeit.

Dreizehn Jahre alt, machte er als Junker im Regiment Rudorf-Husaren die unglückliche Campagne von 1806 mit, wurde bei Lübeck gefangen und auf Ehrenwort in die Heimat entlassen. Das band ihn bis zum Tilsiter Frieden. Nach dem Friedensschlusse seines Versprechens ledig, trat er ins brandenburgische Husarenregiment und war im März 1812 mit unter den 300 Offizieren, die den Abschied nahmen, um nicht unter den Fahnen Frankreichs kämpfen zu müssen. Die Mehrzahl jener 300 trat bekanntlich in russischen Dienst. Unser Massow aber begab sich mit zwei gleichgesinnten Freunden: von Barner und von Scharnhorst ( Sohn des Generals), nach England und von da nach Spanien. Er focht unter Wellington und wurde vor Burgos durch einen Lanzenstich in die Lunge lebensgefährlich verwundet. Er genas indes und kehrte 1813 nach Preußen zurück. Er trat hier bei den braunen Husaren ein, die damals der Oberst von Blücher, Sohn des Feldmarschalls, kommandierte, und machte in diesem Regimente die Kämpfe jenes schlachtenreichen Sommers und Herbstes mit. Am Schluß des Jahres ward er in den Generalstab versetzt. 1815 befand er sich im Hauptquartier des Fürsten Blücher, dessen Kommunikationen mit Wellington vor und während der Schlacht bei Belle-Alliance durch unsern Massow vermittelt wurden. Welch besserer Vertrauensmann hätte sich finden lassen als eben er, der schon drei Jahre früher unter den Augen des Herzogs gefochten hatte und dessen volle Kenntnis des Englischen ihn ohnehin empfahl.

Der Niederwerfung Napoleons folgte bekanntlich eine Besetzung Frankreichs durch englische und preußische Truppen. Den Oberbefehl über dieselben führte Herzog Wellington, in dessen unmittelbare Umgebung unser Massow kommandiert wurde. Drei Jahre lang verblieb er in dieser Stellung, in der er sich die Zuneigung und das besondere Vertrauen »des Siegesherzogs« zu erwerben wußte. Die Berichte, die Massow während dieser drei Jahre von Paris und Cambray erstattete und die nicht nur militärischen, sondern auch allgemein politischen Inhalts waren, werden noch im Großen Generalstabe aufbewahrt und gelten für ausgezeichnete Leistungen.

Bei Ablauf der Okkupation nach Berlin zurückgerufen, ward er gegen Ende des Jahres 1818 zum Flügeladjutanten König Friedrich Wilhelms III. ernannt und stieg, in unmittelbarer Nähe des Königs verbleibend, von Stufe zu Stufe, bis er, nach langwieriger Krankheit, im Jahre 1843 seinen Abschied nahm und sich in die ländliche Stille von Steinhöfel zurückzog.

Hier trieb er mit Eifer Landwirtschaft, erweiterte das Schloß, verschönerte den Park und steigerte den Wert des Familienerbes. Dabei war er in weiten Kreisen ein Tröster der Betrübten, ein Wohltäter der Leidenden, ein weiser Ratgeber aller, die ihm vertrauend ihr Herz öffneten.

 

Die Ruhe ländlicher Zurückgezogenheit war ihm lieb geworden. Nur einmal noch ward er ihr entrissen, um auf kurze Zeit die Stille von Steinhöfel mit dem Lärm von London zu vertauschen.

Der Eiserne Herzog war am 14. September 1852 auf seinem Schlosse Walmer Castle bei Dover gestorben, und auf den 15. November war sein feierliches Begräbnis festgesetzt. Fast alle europäischen Armeen schickten Deputationen, um »den Feldmarschall der sieben Reiche« auf seinem letzten Gange zu begleiten; die preußische Deputation aber bestand aus Graf Nostitz, General von Scharnhorst und unsrem Massow, der in Veranlassung dieser Deputierung zum Generallieutenant ernannt worden war. So folgte dieser denn dem Sarge des großen Feldherrn, unter dessen Augen er vierzig Jahre früher zuerst das Hochgefühl des Sieges kennengelernt hatte, und neben ihm schritt General Scharnhorst, der, von gleichem Haß gegen die Napoleonische Familie erfüllt, mit ihm nach England gegangen war, um, wo immer es sei, den Unterdrücker seines Vaterlandes zu bekämpfen. Beide waren der Fahne Wellingtons gefolgt nun folgten beide seinem Sarge.

Und welch Leichengefolge das! Ein schönes Gedicht George Hesekiels hat diesen Zug beschrieben:

– ein Leichengefolge schließt sich an,
So wie's gehabt noch kein Untertan!
Von sieben Monarchen ist's deputiert,
Für die er den Stab des Feldmarschalls geführt,
Die Feldzeichen, die mit Trauerflor wehn,
Vertreten die Trauer von sieben Armeen:
Rußland, Preußen und Österreich,
Sie klagen heut mit dem britischen Reich,
Niederland, Spanien und Portugal
Begraben in London den Feldmarschall.
Aus hundert Fahnen das Leichentuch,
Das England um seinen Lord Herzog schlug,
Der sich ein Grab in Sankt Paul ersiegt,
Wo Nelson in Lorbeer begraben liegt.

Massow, der durch Jahre hin dem »Old Duke« so persönlich nahegestanden hatte, war in London mit besonderer Auszeichnung empfangen worden; jetzt, nach der feierlichen Beisetzung, kehrte er aus dem Gewoge der Weltstadt in die ländliche Stille zurück. Aber eine tiefere Stille harrte seiner bereits. Es war beschlossen, daß er dem Siegesherzoge nach wenig mehr als Jahresfrist in die Ruhe des Grabes folgen sollte. Am 11. Januar 1854 erkrankte er, und am 18. entschlief er als ein ernster und gläubiger Christ.

Auf dem Kirchhofe zu Steinhöfel ruht er, und ein Granitstein gibt die Daten seines Lebens und Todes.

Er war nie vermählt. Steinhöfel fiel an seinen Bruder, den Hausminister, und nach dessen Ableben an den ältesten Sohn desselben, den Rittmeister Valentin von Massow.

Steinhöfel ist ein schönes und reizend gelegenes Gut. Es liegt an der Stelle, wo der breite Sandgürtel, der sich nördlich von Fürstenwalde hinzieht, in ein frischeres und fruchtbareres Terrain übergeht. Das Schloß hat in der Schinkelschen Zeit eine Renovierung erfahren. Interessante, halb landschaftlich, halb architektonisch gehaltene Bilder von Fr. Gilly, die sich bis diesen Tag in einem der Wohnzimmer vorfinden, zeigen uns deutlich, wie die ursprüngliche äußere Anlage war. Die innere Einrichtung stammt aus der Zeit des Generallieutenants Valentin von Massow und seines Vaters, des Obermarschalls. Nur unter den Portraits sind einige älteren Datums.

Aus der gesamten Reihe derselben mach ich die folgenden namhaft:

1. Cabinetsminister von Blumenthal; unter dem Großen Kurfürsten brandenburgischer Gesandter in Paris.

2. Feldmarschall von Flans, geboren 1664, gestorben 1748, besonderer Liebling und Jagdgenosse Friedrich Wilhelms I. (Diese beiden Portraits, namentlich das erstere, von vorzüglichem Kunstwert.)

3. General von Massow, aus der Zeit Friedrich Wilhelms I.

4. von Massow, Minister unter Friedrich II.

5. Seine Gemahlin.

6. von Massow, Obermarschall unter Friedrich Wilhelm II. und III.

7. Seine Gemahlin.

8. von Massow, Hausminister unter Friedrich Wilhelm IV.

9. Seine Gemahlin.

10. Generallieutenant Valentin von Massow als junger Mann in Zivil.

Außer diesen Portraits interessieren namentlich einige von Schinkel und Fr. Gilly herrührende, Schloß und Park von Steinhöfel in ihrer früheren Gestalt wiedergebende Gouachebilder. Sieben an der Zahl, und zwar zwei von Schinkel, fünf von Gilly. Sie sind ohne Datum, doch läßt sich mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß die Gillyschen Blätter zwischen 1795 und 1800, die Schinkelschen um 1805, gleich nach Schinkels Rückkehr aus Italien, gemalt wurden.

Die zwei Schinkelschen Bilder sind folgende:

1. »La maison du vigneron et vendange à Steinhoeffel«. Es ist eine Spätnachmittags-Beleuchtung. Eine Gruppe rechts sitzt im Schatten der Bäume, auf das laubumrankte Winzerhaus aber, sowie auf den freien Platz davor, fällt ein mildes, heiteres Sonnenlicht. Winzer und Bäuerinnen tanzen einen Rund- und Ringelreihn. In der weinumrankten Vorhalle des Winzerhauses und auf der Treppe, die zu dieser Vorhalle hinaufführt, stehen plaudernde Paare und ein Paar Fiedler, die zum Tanze spielen. Ein reizendes Bild. In seiner derb heiteren Stimmung niederländisch, in Beleuchtung und Farbenton italienisch und insofern allerdings einer gewissen realistischen Wahrheit entbehrend.

2. »La vigne de Steinhoeffel«.

Dies Bild ist ruhiger als das erste, aber vielleicht noch hübscher und anziehender. Es ist dasselbe Haus, nur mit dem Unterschiede, daß man mehr die Giebel- als die Frontseite sieht. Die Sonne geht eben unter, und ein rotbrauner Ton liegt über dem Ganzen. Zwei Bäuerinnen kehren mit Fruchtkörben heim. An der sonnenbeschienenen, rotbraunen Gartenmauer steht eine kurzgeschürzte Winzerin in grünem Friesrock und rotem Mieder und reicht einem auf der niedrigen Mauer stehenden Winzer die abgeschnittenen schweren Trauben zu. Edeltannen und Silberpappeln im Hintergrund. Das Ganze in Auffassung und Beleuchtungston durchaus italienisch.

Die fünf Gillyschen Friedrich Gilly, Sohn des Oberbaurates David Gilly, wurde 1771 zu Berlin geboren und zählte zu den talentvollsten Schülern seines Vaters, den er an Bedeutung übertraf. Wenig befriedigt durch den Halb- oder Pseudoklassizismus seiner Epoche, stand er, als einer der ersten, in der Reihe deren, die damals beflissen waren, auf die hellenische Kunst zurückzugehn. Aber leider war es ihm nur vergönnt, in einer großen Zahl von unausgeführt gebliebenen Entwürfen seiner künstlerischen Überzeugung Ausdruck zu geben. Für monumentale Werke großen Stils hatte die damalige preußische Hauptstadt weder den Sinn noch die Mittel. So muß G. denn nach dem beurteilt werden, was er gewollt. Seine Skizzen sind damals und später viel bewundert worden, von keinem mehr als von Schinkel, der eine Zeitlang in Gillys Atelier tätig war und jederzeit den Einfluß anerkannt hat, den des jugendlichen Meisters Anschauungen auf seine Kunstrichtung ausgeübt haben. Wie Thorwaldsen um ebendieselbe Zeit freudig hervorzuheben pflegte, daß er Carstens die »entscheidende Anregung« verdanke, so nannte Schinkel den jungen Gilly den »Schöpfer alles dessen, was er sei«. Friedrich Gilly starb bereits 1800, neunundzwanzig Jahre alt. Unter seinen Arbeiten befinden sich auch Aquarellskizzen zu einem Denkmale Friedrichs des Großen aus dem Jahre 1797 und Aufnahmen des Marienburger Schlosses aus dem Jahre 1799. (David Gilly, der Vater, wurde 1745 zu Schwedt a. O. geboren und überlebte den Sohn um acht Jahre. Er starb 1808 zu Berlin.) Blätter haben mit den Schinkelschen nicht die geringste Ähnlichkeit. Sie führen alle fünf die gemeinschaftliche Unterschrift: »Vue de Steinhoeffel« und zeigen

1. das Schloß, wie es sich vor etwa achtzig Jahren präsentierte, wenn man von der Dorfgasse her in den Park einbog;

2. das Schloß vom Park aus;

3. das japanische Häuschen im Park, nach dem Friedrich Wilhelm III. das Paretzer aufführen ließ;

4. und 5. eine Baum- und eine Wasserpartie (Cascade) aus dem Park.

Wenn auf den zwei Schinkelschen Blättern Saftgrün und Rotbraun vorherrschen und ihnen Kraft und Frische geben, so sind auf den Gillyschen Blättern Weiß und ein helles Wassergrün die vorherrschenden Farben. Die Schinkelschen machen den Eindruck moderner, sehr farbenkräftiger Aquarelle, während die Gillyschen wie Federzeichnungen wirken, die mit dünnen und unkräftigen Wasserfarben hinterher fein und sinnig getuscht wurden.

Interessanter noch als diese Bilder und vielleicht überhaupt das Bemerkenswerteste, was sich an Kunstschätzen beziehungsweise Kuriositäten in Steinhöfel vorfindet, ist ein andrer einfacher Bilderrahmen, der statt eines Bildes ein vergilbtes Quartblatt Papier umfaßt. Dies Quartblatt Papier, auf beiden Seiten beschrieben (weshalb der Rahmen hinten und vorn ein Glas hat), ist das Konzept eines in Versen abgefaßten Briefes, den Kronprinz Friedrich von Königsberg aus im August 1739 an Voltaire richtete. Im einundzwanzigsten Bande der Œuvres complètes, dem fünften der »Correspondance«, findet sich dieser Versebrief abgedruckt.

 

Ich stelle nun behufs eines Vergleiches den gedruckten Brief und die verschiedenen Versionen des Steinhöfler Konzepts zusammen, zugleich eine Übersetzung hinzufügend, bei der ich auf eine Markierung der kleinen Unterschiede verzichtet habe.

 

Sublime auteur, ami charmant, Erhabner Dichter, liebenswürdiger Freund,
Vous dont la source intarissable Du, dessen unerschöpflicher Geist (Quell)
Nous fournit si diligemment Uns so fleißig versorgt
De ce fruit rare, inestimable, Mit jener seltnen, unschätzbaren Frucht,
Que votre muse hardiment, Die Deine Muse dreist
Dans un séjour peu favorable Auch an minder günstigem Ort
Fait éclore à chaque moment; Jeden Augenblick heranreifen läßt;
 
Au fond de la Lithuanie, In der Tiefe Litauens
J'ai vu parâitre, tout brillant, Hab ich glänzend erscheinen sehn
Ce rayon de votre génie Jenen Strahl Deines Genies,
Qui confond, dans la Tragédie Der, spielend, in der Tragödie
Le fanatisme, en se jouant. Den Fanatismus schamrot macht.
 
J'ai vu de la philosophie, Ich habe Philosophisches
J'ai vu le baron voyageur, Und habe den »reisenden Baron«
Et j'ai vu la pièce accomplie Und habe jene vollendete Arbeit erscheinen sehn,
Où les ouvrages et la Vie Worin das »Leben Molières«
De Molière vous font honneur. Und seine Werke Dir zur Ehre gereichen.
 
A la France, votre patrie, Erspare, Voltaire, Deinem Vaterlande,
Voltaire, daignez épargner Erspare Frankreich die Kosten,
Les frais que pour l'Académie Die es hergibt
Sa main a voulu destiner. Für seine Akademie.

 

En effet, je suis sûr que ces quarante têtes qui sont payées pour penser, et dont l'emploi est d'écrire, ne travaillent pas la moitié autant que vous. Les sciences sont pour tout le monde, mais l'art de penser est le don le plus rare de la nature.

 

Aimable auteur, ami charmant
Vous dont la source intarisable
Nous fournit si diligemment
De ce fruit rare, inestimable,
Que votre Muse sagement
Cueillit presque à chaque moment.
Que votre Muse hardiment
Dans un sejour peu favorable
Fait éclore à chaque moment.
Les rayons etc. etc.
De Molière sont en Honneur
A la France votre patrie.
Voltaire, daignez épargner
Les frets etc.

 

Ich bin in der Tat sicher, daß diese vierzig Köpfe, die fürs Denken bezahlt werden und von Amts wegen zu schreiben haben, nicht halb soviel arbeiten als Sie. Die Wissenschaften sind für alle Welt, aber die Kunst des Denkens ist die seltenste Gabe der Natur.

 

Cet art fut banni de l'école, Diese Kunst, von der Schule verbannt,
Des pédants il est inconnu; Ist unbekannt den Pedanten;
Par l'inquisition frivole Die schnöde Inquisition
L'usage en serait défendu, Würde den Gebrauch (des Denkens) verboten haben,
Si le pouvoir saint de l'étole Wenn die »heilige Macht der Stole«
S'était à ce point étendu. Sich bis zu diesem Punkt erstreckt hätte.
Du vulgaire la troupe folle Der tolle Schwarm des Pöbels
A penser juste a prétendu; Hat den Anspruch erhoben, richtig zu denken;
Du vil flatteur l'encens vendu Der käufliche Weihrauch des niederen Schmeichlers
En a parfumé son idole; Hat seinen Götzen (den Pöbel) beräuchert,
Et l'ignorant a confondu Und der Ignorant verwechselt
Le froid non-sens d'une parole, Den kalten Unsinn einer Redensart
Et l'enflure de l'hyperbole Und den Schwulst der Hyperbel
Avec l'art de penser, cet art si peu connu. Mit der Kunst zu denken, dieser so wenig gekannten Kunst.

 

Entre cent personnes qui croient penser, il y en a une à peine qui pense par elle-même. C'est cet esprit créateur qui sait multiplier les idées, qui saisit les rapports entre des choses que l'homme inattentif n'aperçoit qu'à peine, c'est cette force du bon sens qui fait, selon moi, la partie essentielle de l'homme de génie.

 

Ce talent précieux et rare Diese köstliche und seltene Gabe
Ne saurait se communiquer; Läßt sich nicht mitteilen;
La nature en parâit avare. Die Natur scheint damit zu geizen;
Autant que l'on a pu compter, Soweit wir rechnen können,
Tout un siècle se prepare Bereitet sie sich stets ein Jahrhundert lang,
Lorsqu'elle nous le veut donner. Eh sie die Gabe wieder verleiht.
Cet art fut bani de l'ecolle Si le pouvoir de leur ecole
 
Aux pedants il est inconnu; A ce point c'etoit étendu.
Par l'inquisition frivolle Du vulgaire la troupe folle
L'usage en defendu; Sa part même en a pretendu;
Le courtisan toujours a cru Le courtisan toujours a cru
Que c'etait l'art de son idolle; Que c'etait l'art de son idole
Du Vulgaire la troupe folle Et souvent on a confondu
Sa part même en a pretendu Le froid non-sens d'une parole
Nos ... fols de l'hiperbolle Et l'enflure de l'hyperbole
N'y est point non plus parvenu. Avec l'art de penser, cet art si peu connu.
Enfin un philosophe habile.
Dans ce monde aveugle estvenu
Et c'est par son secours utile (Mais souvent on a confondu
Que l'art de penser a vaincu Des mots l'arrogance frivole
Le galimatias imbecile. Comme la frayeur lache et molle
Passe pour valeur et vertu.)

 

Unter hundert Menschen, die zu denken glauben, ist kaum einer, der wirklich denkt. Dieser schöpferische Geist aber, der die Ideen zu vermehren weiß, der da einen Zusammenhang der Dinge wahrnimmt, wo der Unaufmerksame kaum irgend etwas zu entdecken versteht, dieser bon sens, diese Kraft des gesunden Menschenverstandes ist es, die meiner Meinung nach den wesentlichen Teil eines Mannes von Genie ausmacht.

 

Mais vous le possédez, Voltaire, Du besitzt sie, Voltaire,
Et ce serait vous ennuyer Und es hieße Dich langweilen,
Qu'apprecier et calculer Zu preisen und zu berechnen,
L'heritage de votre père. Was Erbe von Deinen Vätern ist.

 

Ce qui n'est parvenu de » Mahomet« me parâit excellent... Vous n'avez pas besoin, mon cher Voltaire, de l'éloquence de M. de Valori; vous êtes dans le cas qu'on ne sourait détruire ni augmenter votre réputation.

 

Vainement l'envieux, desséché de fureur, Vergebens sucht der Neidische, trocken vor Wut,
Sur vos vers immortels répandant ses poisons, Auf Deine unsterblichen Verse sein Gift gießend,
De vos lauriers naissants retarde les moissons. Zurückzuhalten die Ernte Deines wachsenden Lorbeers.
Sous les yeux d'Émilie, élève de Newton, Unter den Augen Emiliens, der Schülerin Newtons,
Vous effacez de Thou, vous surpassez Maron. Übertriffst Du de Thou, übertriffst Du Maron.
En tout genre d'écrits, en toute carrière, In Vers oder Prosa, auf jedem Gebiet,
C'est le même soleil et la même lumière. Es ist immer dieselbe Sonne, dasselbe Licht.
Cet esprit, ces talents, ces qualités du cœeur Dieser Geist, diese Talente, diese Herzensgaben
Peuvent plus sur mes sens que tout ambassadeur. Vermögen mehr über meine Sinne als jeder Gesandte.

Je suis avec une estime parfaite, mon cher Voltaire etc.

 

Mais vous le possédez, Voltaire,
Et cest vouloir vous ennuyer
Que d'aller longtemps calculer
L'heritage de votre père.

 

Was ich vom »Mahomet« erhalten habe, erscheint mir vorzüglich. Sie, mein teurer Voltaire, bedürfen nicht der Beredsamkeit des Herrn von Valori; Sie sind in der glücklichen Lage, daß Ihren Ruf niemand weder zu zerstören noch zu steigern vermag.

 

Un poeme immortel des Muses approuvé
La Satire, aux abois, de depit consumée,
Craind d'emousir ses dents sur votre renommée;
Et Rival de Virgille, élève de Newton,

Cet esprit, ces talents, ces qualités du cœeur
Peuvent plus sur mes sens que tout ambassadeur.

 

Ich bin, mein teurer Voltaire, mit vorzüglicher Hochachtung etc.

 

Was uns an diesem beschriebenen Quartblatt am meisten interessiert, ist wohl der Umstand, daß uns dasselbe (eben weil Brouillon) in die Entstehungsgeschichte dieser und ähnlicher Versbriefe des Kronprinzen einführt und uns genau zeigt, wie er arbeitete. Es überrascht dabei einmal eine gewisse Strenge gegen sich selbst, die sich in den doppelten und dreifachen Varianten ausspricht, andererseits aber ein gewisses prosaisches »Sich's-bequem-Machen«, das die Reimworte nicht mit ahnungsvoller Sicherheit im Momente heraufbeschwört, sondern sie aufschreibt, um nun völlig nüchtern und nach Bedürfnis die Auswahl treffen zu können. So finden wir in kurzen und langen Kolumnen untereinander geordnet erst: hyperbole, parole, dann pretendu, venu, parvenu, dann magnifique, rustique, implique, philosophique, intrique, musique, inique, poetique; endlich aprouvé, depravé, annoncé, consumé, alarmé etc., Aufzählungen, aus denen ersichtlich wird, daß der Kronprinz in vielen Fällen nicht eine Hülle für den Gedanken, sondern einen Gedanken für die Hülle suchte. Übrigens arbeiten bekanntlich viele Poeten auf ähnliche Weise, und so unpoetisch, auf den ersten Blick, dieser Weg erscheinen mag, so ist doch schließlich nicht erwiesen, daß derselbe wesentlich schlechter sei als ein andrer. Er erinnert an das Verfahren einzelner Maler, besonders guter Koloristen, die, zunächst eine bloß harmonische Wirkung auf die Sinne bezweckend, nicht klare Gestalten, sondern Farben nebeneinanderstellen. Farben, die dem Reim entsprechen. Form und Gedanke finden sich nachher. Wie sie sich finden, scheinbar zwanglos oder aber sichtlich erzwungen – davon hängt dann freilich das Gelingen oder Scheitern ab.

Wir haben diesem umrahmten Quartblatt Papier wieder seinen Ehrenplatz an der Längswand des Bibliothekszimmers gegeben und treten nun aus dem kühlen schattigen Raum in den sonnbeschienenen Park hinaus. Es ist jener Mittagszauber, von dem es im Liede heißt:

Vor Wonne zitternd hat die Mittagsschwüle
Auf Tal und Höh in Stille sich gebreitet,
Man hört nur, wie der Specht im Tannicht schreitet
Und wie durchs Tobel rauscht die Sägemühle.

Hier ist es nicht die Sägemühle, die rauscht, aber ein Bach, der, aus dem Felde kommend, über ein natürliches Wehr von Feldsteinblöcken niedersprudelt und schillernd in Regenbogenfarben in den hellbeleuchteten Park tritt. Weiterhin wird er ein Teich, und die umstellenden Bäume werfen ihr Bild in die dunkelklare Tiefe. Durch den Park hin, südenwärts, ist eine Lichtung geschlagen, und vor die lichte Öffnung schiebt sich in Dämmerferne der Hügelzug der »Rauenschen Berge«. Der scharf gezogene Kontur ihres Profils mahnt an südlich Land und blauen Himmel. Über den Teich hin fliegen Libellen, das einzig Lebende, das um diese Zeit noch flügg und munter ist. Denn ihre Flügel sind groß, und ihre Leiber sind leicht.

Ein seltsam Klingen und Tönen zieht durch die Luft,

Jetzt ist die Zeit, wo tief im Schilf ein Wimmern
Den Fischer weckt...,

aber eh noch das Klingen ein bestimmter Klang geworden, fällt die Kirchglocke mit ihren zwölf Mittagsschlägen ein, der Mittagsspuk verfliegt, und nur der Zauber der Schönheit und der Stille bleibt.

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