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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Prädikow

Vor Taue noch und Tage
Zog aus er heut mit Hund und Horn,
Daß er den Hirsch erjage.
Alte Ballade

Um den großen und sagenreichen »Blumenthal-Wald« herum, der das Plateau des Barnim von West nach Ost durchzieht, gruppiert sich eine ganze Anzahl schöner und reicher Güter, die bis in die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges hinein das Besitztum vier alter märkischer Familien waren: der Sparrs, der Pfuels, der Krummensees und der Barfuse.

Die letztren, die Barfuse, sind es, die uns in diesem Kapitel ausschließlich beschäftigen sollen. Sie kommen zuerst 1280 in den Marken vor. In ihre Vorgeschichte steigen wir aber nicht zurück und leisten namentlich darauf Verzicht, den alten Streit wegen »Barfus« mit einem s und »Barfuß« mit einem ß an dieser Stelle entscheiden zu wollen. Die Genealogen schreiben »Barfuß«, einfach auf das Wappen der Familie deutend, das drei unverkennbare Barfüße zeigt; die Familie selbst aber verwirft die Ableitung von einem niedersächsischen Geschlecht der Baarfoote, Barfuße oder Nudipes und schreibt sich Barfus, ihren Ursprung auf das altrömische Patriziergeschlecht der Parvus zurückführend, das mit bei der Gründung der Colonia Agrippina war und durch endlose Generationen hin den noch existierenden Parvusenhof in Köln innehatte.

Gleichviel ob Barfuß oder Barfus, für unsere Zwecke genügt es, daß die Barfuse, wie wir in Huldigung gegen die Familie, aber ohne direkte Parteiergreifung schreiben wollen, schon ausgangs des dreizehnten Jahrhunderts auf dem Oberbarnim sässig waren und bald darauf bereits dieselben Güter erworben hatten, die später den Kern ihres ausgebreiteten Besitzes bildeten: Kunersdorf, Batzlow, Prädikow und Möglin.

Prädikow galt als das eigentliche Familiengut, und damals unmittelbar am Rande des »Blumenthal-Waldes« gelegen, war es besonders wertvoll durch seine Forstbestände, die sich nach Westen hin bis weit in den genannten Wald hinein erstreckten. Diesen reichen Forstbeständen verdanken wir es auch, daß wir die Barfuse bereits um 1590 in der Spezialgeschichte unseres Landes auftreten sehen, indem es ebendieser Prädikowsche Anteil am Blumenthat-Walde war, der unter Johann Georg und Joachim Friedrich zu einem vieljährigen Streite zwischen den beiden eben genannten Kurfürsten und den Barfusen führte. Dem ganzen Ereignis – ohne schließlich in einer Schlacht von Otterbourne oder einem Percy-und-Douglas-Kampf zu kulminieren – stand nichtsdestoweniger von Anfang an ein gewisses romantisches Element zur Seite, und um dieses Stückleins Romantik willen (eine seltene Blume hierlandes) mag es gestattet sein, einen Augenblick bei der Erzählung des Herganges zu verweilen.

Kurfürst Johann Georg liebte die Jagd wie alle Hohenzollern vor und nach ihm, Friedrich den Großen ausgenommen, der das Jagdvergnügen einfach als eine Barbarei bezeichnete. Die Kurfürsten jagten damals in den schönen Forsten um Berlin herum, in den weiten Waldrevieren von Potsdam und Spandau, von Köpenick und Fürstenwalde, und besaßen in der am Werbellin-See gelegenen »Grimnitz« einen der schönsten Jagdgründe des Landes. Aber, voll wachsender Passion, mit jeder Grenze unzufrieden, ging ihr beständiges Streben dahin, ihre Territorien auszudehnen und immer neuen Wald in den großen Jagdgrund hineinzuziehen.

Eine seiner Jagden führte den Kurfürsten 1590 in den »Blumenthal«, und die Schönheit dieses Waldes verfehlte nicht ihres Eindrucks auf ihn. Der fruchtbare Boden, der allem, was hier wuchs, eine besondere Üppigkeit lieh, die hohen Eichen, das frische Niederholz, das Terrain selbst, in buntem Wechsel von Tal und Hügel und klaren Seen in Tiefen und Schluchten – all das erfreute das Jägerherz Georgs, und eh eine Woche um war, wandte er sich an die Barfuse, die damals auf Prädikow saßen, und bat um die Erlaubnis, in ihrem Walde jagen zu dürfen. Die Barfuse, vier Brüder: Richard, Nikolaus, Valentin und Kaspar, willfahrten gern dem kurfürstlichen Ansinnen, ohne Ahnung, daß aus ihrer Willfährigkeit alsbald das dauernde Recht der »Vorjagd« gefolgert werden würde. Und dennoch geschah es. Ohne weitere Nachsuchung, gestützt auf das plötzlich erklärte Recht »landesherrlicher Vorjagd«, brach im Sommer 1602 das Jagdgefolge Joachim Friedrichs, des Nachfolgers Johann Georgs, »mit Hund und Horn« in die Prädikowschen Waldungen ein, und das Geklaff von über 200 Rüden lärmte durch den Forst. Ehe der Tag um war, war das hohe Wild zu Tode gehetzt und der junge Wildstand vernichtet. Soweit die Romantik. Die vier Brüder aber, statt ihren Clan zu den Waffen zu rufen, wurden klagbar beim Obergericht, und als nach fünfzig oder hundert Jahren der Instanzenzug zu Ende war, war längst kein Barfus mehr auf Hohen- und Nieder-Prädikow.

Die Barfuse wurden klagbar. Aber wir würden sehr irren, wenn wir aus diesem Abstehen vom Kampf gegen die damals schon fest gegründete hohenzollernsche Gewalt etwa den Schluß ziehen wollten, die vier Barfuse auf Prädikow wären sehr friedliche Leute gewesen. Sie waren just das Gegenteil davon, was aus folgendem erhellen mag.

Von den vier Brüdern waren drei, die beiden ältesten und der jüngste, auf ihren »Höfen« in Prädikow geblieben, während der dritte Bruder, Valentin, in die Dienste des Pommernherzogs getreten und dessen Oberjägermeister geworden war.

Es war um 1610, also acht Jahre nach der Jagd im »Blumenthal«, als Valentin Barfus auf Besuch nach Prädikow kam. Es verstand sich von selbst, daß er von seinen Brüdern der Reihe nach bewirtet wurde. Der älteste, Richard, der auf dem »roten Hause« in Nieder-Prädikow saß, hatte natürlich den Vorrang, und eine tüchtige Zechkumpanei wurde nach Sitte jener Zeit geladen. Man trank, man jubelte, man tobte, und, unglaublich zu sagen, man tanzte auch; denn woher nahm man die Damen? So kam Mitternacht heran. Um Mitternacht aber legten die Spielleute müd und matt ihre Fiedeln nieder und sagten: »Wir können nicht mehr!« Da sprang Nikolaus, der zweite der Brüder, mitten unter sie und schrie, während er mit der Faust drohte: »Weiter, weiter, und wenn der Teufel selber aufspielen sollte!« Da erschien der böse Feind auf dem Ofen, mit der Sackpfeife unterm Arm, grinste den Nikolaus an und spielte auf. Da fürchteten sie sich und ließen den Pfarrer holen, und als er kam, begannen sie zu beten und beteten, bis der Sackpfeifer wieder verschwunden war. Eine ähnliche Sage, darin der Teufel nicht als Spielmann, sondern als Tänzer auftritt, findet sich im Eiderstedtschen (Schleswig). Es war eine große Hochzeit auf Hoyersworth und unter den Gästen auch eine hübsche Dirne, die flinkste Tänzerin weit herum. Auch an jenem Abend tanzte sie schon seit Stunden unaufhörlich und sagte zuletzt übermütig: » Und wenn der Teufel selbst käme, ich tanzte mit ihm.« Kaum waren ihr diese Worte entfahren, so trat der Angerufene in den Saal, schritt auf das Mädchen zu und forderte sie zum Tanz. Und wie ein Wirbelwind drehten sich die beiden. Sie tanzten zuletzt nur noch allein, und die übrigen Gäste sahen dem rasenden Tanze voll Erstaunen zu. Endlich schwieg auch die Musik, aber das Paar tanzte noch immerfort, bis der Dirne plötzlich das Blut aus dem Munde stürzte und sie tot zusammenbrach. Sofort war der Tänzer verschwunden. Doch die Blutflecken waren nicht zu vertilgen, und das Mädchen fand keine Ruh. Um Mitternacht schlüpft sie von ihrem Grabe her in den Tanzsaal, und die höllische Musik bricht los, und sie dreht sich wieder im sausenden Walzer.

Aber der Teufel war doch im Hause gewesen, und Unfrieden ließ er zurück. Fehde brach aus zwischen den Brüdern. Die beiden älteren standen sich im Zweikampf gegenüber, und auf dem Grasplatz am Teich, hundert Schritt hinter dem roten Hause, fiel Richard, der älteste, von der Hand des zweiten Bruders, ebenjenes Nikolaus, der an dem geschilderten Zechabend den unheimlichen Sackpfeifer herbeigerufen hatte.

Unfriede kam ins Haus und mit ihm jedes Unglück. Der Dreißigjährige Krieg legte die Felder wüst, und fünfzig Jahre später war alles in andern Händen. List und Gewalt hatte den Barfusen ihr altes Erbe genommen.

In Prädikow ist wenig oder nichts mehr, was an jene Zeiten erinnerte. Noch unterscheidet man ein Ober- und Unterdorf, noch weiß man, wo das »rote Haus« gestanden und wo der älteste Bruder, auf den Tod getroffen, zusammensank. Aber sonst schweigt an dieser Stelle alles, mit Ausnahme der alten Ulmenallee, die die Barfuse gepflanzt, und der alten Kirche, die sie gebaut haben.

Diese Kirche gehört jenen einfach malerischen Feldsteinbauten an, denen man, aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert her, so häufig in unsern Marken begegnet. Ein Christuskopf auf dem Schweißtuch der heiligen Veronika stammt vielleicht noch aus jener Zeit der »vier Brüder«, aber niemand weiß es zu sagen. Im Jahr 1821 war noch ein Barfussches Wappenfenster da. Protestantisches »Lichtbedürfnis« hat indessen längst das bunte Glas beseitigt und eine »helle Scheibe« an die Stelle der bunten gesetzt. Nichts mehr mahnt an die Barfuse hier als der Estrich über ihrer Gruft, der, immer tiefer einsinkend, zugleich von den unten stehenden drei Särgen erzählt: von dem Sarge Valentins, »der beim Pommernherzog das Zechen gelernt«, von Richard, der hinter dem »roten Hause« zusammensank, und von Nikolaus, der den Teufel-Spielmann rief, um ihm dann schließlich zu verfallen.

Von den Prädikowschen Barfusen aber wenden wir uns nunmehr einem berühmteren Zweige der Familie zu: den Barfusen von Möglin. Unter ihnen vor allem dem berühmtesten des Geschlechts überhaupt, dem Feldmarschall und Türkenbesieger Hans Albrecht von Barfus.

Hans Albrecht von Barfus

Der jetzt alles vermag und kann,
War erst nur ein schlichter Edelmann,
Und weil er der Kriegsgöttin sich vertraut,
Hat er sich diese Größ' erbaut.
Schiller

Hans Albrecht von Barfus ward inmitten der Drangsale des Dreißigjährigen Krieges 1635 zu Möglin geboren, und diese Drangsale waren es auch wohl, die seiner Erziehung und Bildung ein fast allzu geringes Maß gaben. Das Militärische trat von Anfang an in den Vordergrund und wurde Schule fürs Leben und Staffel zum Glück.

Hans Albrecht trat früh in Dienst. Es war die Zeit, wo die Söhne des Adels anfingen, den Krieg, aus eigenem Drang heraus, als Metier zu betreiben. Die Höfe lagen wüst, die Zeiten waren unsicher. Zudem entstanden eben damals die stehenden Armeen und brauchten Offiziere. Hans Albrecht diente »von der Pike auf«, ein Umstand, dessen er sich in seinen Feldmarschallstagen gern zu rühmen pflegte.

Seine ersten Feldzüge machte er unter Sparr, Derfflinger und Görtzke. Er focht mit in Polen, in Pommern, in Preußen und am Rhein. Bei Fehrbellin war er höchstwahrscheinlich nicht, da er beim Fußvolk stand, das brandenburgischerseits in dieser Reiterschlacht fast gar nicht zur Verwendung kam. Auch Schöning, aus gleichem Grunde, fehlte bei Fehrbellin. Im übrigen begann schon damals die Differenz zwischen beiden, auch in ihrer äußeren Stellung, hervorzutreten. Es durfte nicht wundernehmen. Schöning war der Ausnahme-, Barfus der Durchschnittsmensch, und wenn jener den Mann der »großen Carrière« repräsentierte, so repräsentierte dieser den Mann der Anciennität und Subalternität. Freilich war er seinerseits wieder ein subalternes Genie und gehörte jener Klasse von Leuten an, die eine mäßige Begabung glücklich und segensreich für sich und mitunter auch für andere zu benutzen wissen. Ihre Tugenden sind Charaktersache, und ihre Genialität heißt: Abwarten, Ausdauer, Konsequenz.

Im Jahr 1670, fünfunddreißig Jahre alt, war unser Hans Albrecht noch Lieutenant, aber sei es, daß die immer rascher sich folgenden Kriegszüge ihm eine wachsende Gelegenheit boten, sich auszuzeichnen, oder daß das Glück, das ihm bis dahin so wenig hold gewesen war, plötzlich seine Gunst ihm zuwandte, gleichviel, mit fünfunddreißig Jahren noch Lieutenant, war er mit dreiundvierzig Jahren bereits Obrist eines Regiments und wenige Jahre später Generalmajor. In der neueren preußischen Kriegsgeschichte bietet vielleicht nur Gneisenau ein ähnliches Beispiel verspäteten und dann sehr raschen Avancements, Gneisenau, der 1806 noch Capitain und 1813 bereits Generallieutenant war. Als solcher machte Barfus zwei Türkenzüge mit, den ersten 1683 behufs Entsatzes von Wien, den andern 1686 wegen Eroberung von Ofen. Die Belagerung dieser Festung und den besonders ruhmreichen Anteil unseres Hans Albrecht daran hab ich unter »Tamsel« bereits ausführlicher erzählt. Schöning wird der Ruhm nicht genommen werden können, Brandenburg damals, sowohl durch sein persönliches Auftreten wie durch den Aplomb, mit dem er seine Truppen in den Vordergrund schob, glänzend repräsentiert zu haben, glänzender wahrscheinlich, als es der ihm unterstellte Barfus vermocht hätte; dem letzteren aber bleibt seinerseits das Verdienst, in der Nähe des »Ofens, der sehr heiß war«, am andauerndsten ausgehalten und zweimal allerpersönlichst die Kastanien aus dem Feuer geholt zu haben. Seine Sturmkolonne war es, die, neben der kaiserlichen des Herzogs von Croy, über das Schicksal Budas entschied.

Zwei ruhmreiche Türkenzüge lagen hinter ihm. Aber ein dritter, ruhmreicherer stand ihm bevor. Im Jahre 1691 stieß abermals ein Corps Brandenburger als Auxiliartruppe zu den Kaiserlichen, und am 19. August erfolgte angesichts von Peterwardein die große Türkenschlacht bei Szlankamen. Markgraf Ludwig von Baden führte das christliche Heer. Da Barfus diesen wichtigen Tag zu »Ehren der Christenheit« entschied, so ziemt es sich wohl, bei den Details dieses Tages etwas ausführlicher zu verweilen.

Die Türken, 100 000 Mann stark, hatten eine sehr feste, aber zugleich sehr gefährliche Position eingenommen, eine Position, in der sie siegen oder notwendig zugrunde gehen mußten. Sie standen nämlich mit ihrem Fußvolk, 50 000 Mann, meist Janitscharen, auf den Hügeln an der Donau, den Fluß im Rücken, die Ebene vor sich. Auf dieser Ebene standen andere 50 000 Mann, lauter Reiterei, Spahis. Die Janitscharen führte der Großvezier Köprülü, die Reiterei der Seraskier-Pascha. Die kaiserliche Armee war viel schwächer und betrug im ganzen kaum 50 000 Mann. Den rechten Flügel führte Feldzeugmeister Graf Souches, den linken Feldmarschall Graf Dünnewald, im Zentrum aber befehligte Hans Albrecht von Barfus. Siebzehn Bataillone und einunddreißig Schwadronen standen unter seinem Kommando.

Der Plan des Markgrafen Ludwig war vortrefflich. Graf Dünnewald sollte vom linken Hügel her mit fünfundachtzig Schwadronen die Spahis von der Ebene fortfegen und Graf Souches, in Benutzung dieses Moments, die Hügelposition erstürmen. Aber der große Reiterangriff unterblieb, und so griff denn Graf Souches unter sehr ungünstigen Verhältnissen an. Dreimal vordrängend, ward er dreimal zurückgeschlagen, und schon schickte die ganze türkische Reiterei sich an, die Vernichtung des rechten Flügels vollständig zu machen, als Barfus, mit seinen Bataillonen vorrückend, einfach rechts schwenkte und dadurch eine schützende Mauer zwischen den eben angreifenden Spahis und unsrem fliehenden rechten Flügel aufrichtete. Diese eine Bewegung stellte die Schlacht wieder her.

Aber Barfus sollte nicht nur die schon verlorene Schlacht wiederherstellen, er sollte sie bald darauf auch gewinnen.

Der sieghafte Sturm der Spahis war gehemmt, noch eh er seinen vollen Anlauf hatte nehmen können. Die Schlacht stand. Da endlich kam Graf Dünnewald mit dem linken Flügel heran. Markgraf Ludwig stellte sich selbst sofort an die Spitze der Reiterei und brach jetzt von links her in die Spahis ein, während 6000 Kürassiere, die gesamte Reserve des christlichen Heeres, denselben feindlichen Reiterschwarm in der Front angriffen. Dieser Angriff war unwiderstehlich. Die Fortfegung der Spahis, womit die Schlacht hatte beginnen sollen, jetzt war sie vollzogen. Aber kein rechter Flügel existierte mehr, um die Gunst des Moments zu nutzen. Graf Souches selbst lag tot auf der Walstatt.

Nur das Zentrum stand noch. Barfus erkannte die volle Bedeutung des Augenblicks. Was der rechte Hügel nicht mehr konnte, das konnte das Zentrum. Nur noch das Zentrum. Die Aufgabe jenes war auf dieses übergegangen. Barfus rückte vor, und siegreich, wie vor Buda, stieg er die Höhen hinauf. Ein rasendes Gemetzel begann. Was nicht in Stücke gehauen wurde, warf sich in die Donau und ertrank. Der Großvezier Köprülü, der Stolz und Abgott der Türken, der Janitscharen-Aga, achtzehn Paschas, funfzehn Torbaschis der Janitscharen und 20 000 Gemeine bedeckten das Schlachtfeld. Die Heeresfahne des Großveziers von grüner Farbe mit Gold, 145 Kanonen, die Kriegskasse, 10 000 Zelte etc. waren erbeutet, und wohl mochte Markgraf Ludwig berichten, »daß diese Schlacht die schärfste und blutigste in diesem Säculo gewesen, maßen die Türken wie verzweifelte Leut gefochten und mehr als eine Stunde den Sieg in Händen gehabt hätten«. Der Verlust des Christenheeres betrug 7300 Mann, darunter 1000 Brandenburger.

Der Sieg bei Szlankamen, seiner allgemeinen Bedeutung zu geschweigen, war auch von einer sonderlichen Bedeutung für das Haus Brandenburg. Markgraf Ludwig schrieb an den Kurfürsten und drückte sich über die Mitwirkung der brandenburgischen Hülfsvölker in folgenden Worten aus: »Ich kann Euer Kurfürstlichen Durchlaucht den außerordentlichen Valor und das gute Benehmen von Dero Generallieutenant Barfus sowie Ihrer braven Truppen nicht genug rühmen, und ihnen allein hat der Kaiser den Sieg und die Vernichtung der Türken zu danken.«

Eine ähnliche komplimentenreiche Sprache war zwar damals an der Tagesordnung und verfolgte den leicht begreiflichen Zweck, durch freigebig gespendetes Lob die verschiedenen Reichsfürsten und ihre Truppenbefehlshaber bei guter Laune zu erhalten. Im vorliegenden Fall indes drückten diese Worte mehr als ein bloßes Kompliment und in der Tat eine wohlverdiente Anerkennung aus. Dies ergibt sich zum Teil aus der Schlachtbeschreibung selbst, am meisten aber aus der nachfolgenden, überaus gnädigen Haltung des Wiener Hofes. Brandenburg, als es nach der Königswürde zu streben begann, verabsäumte nicht, auf seine siegreiche Mitwirkung am Tage von Szlankamen immer wieder und wieder zurückzukommen, und so mögen denn die Barfuse nicht ganz unrecht haben, wenn sie später noch den stolzen Ausspruch wagten: »ihr Ahnherr, Hans Albrecht, habe, auf dem Felde von Szlankamen, die preußische Königskrone mit erobern helfen«.

Im Jahre 1692 kehrte Barfus mit seinem Hülfscorps nach Berlin zurück. Hier häuften sich jetzt die Ehren auf seinem Haupt. Ohne hofmännische Schulung, ja vielleicht selbst ohne den Ehrgeiz, sie haben zu wollen, trat er nichtsdestoweniger in das Parteigetriebe des Hofes ein. Was eigenes Verdienst ihm nicht erwarb, erwarb ihm die Coterie, der er angehörte. »Eine Hand wusch die andere« wie nicht zum zweitenmal in unserer Geschichte. Er hielt sich von Anfang an zur »Fraktion Dohna-Dönhoff«, und es gereicht ihm zur Ehre, in einer Zeit voll zynisch egoistischen Undanks in Treue bei der einmal erwählten Partei ausgehalten zu haben. Es kam freilich hinzu, daß er seit 1693 mit Gräfin Eleonore von Dönhoff vermählt und dadurch an die Interessen dieser Familie gefesselt war. 1695, ohne daß inzwischen neue Kriegstaten ihm neuen Kriegsruhm erworben hätten, ward er Feldmarschall-Lieutenant und das Jahr darauf Feldmarschall. Wie sein Rang und sein Ansehen, so wuchs sein Vermögen. Er erstand die Quittainenschen Güter in Ostpreußen, die bis dahin dem Feldmarschall Derfflinger gehört hatten, und endlich auch »Schloß Kossenblatt an der Spree«, seinen Lieblingsbesitz, von dem wir in dem nächsten Kapitel ausführlicher zu sprechen haben werden.

Aber erst das Jahr 1697 bezeichnet den Höhenpunkt seines Ruhms. Im November dieses Jahres ward Eberhard von Danckelmann, der bis dahin allmächtig geglaubte Minister, durch die Dohna-Dönhoffsche Fraktion gestürzt, und unserem Hans Albrecht fiel der Gewinn eines Spieles zu, daran sein persönlicher Einsatz, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein nur geringer gewesen war. Seine Hand war zu schwer zur Einfädelung einer Intrigue. Er gab das Gewicht seines Namens her und ließ dann die andern machen.

Danckelmann war gestürzt, und Barfus übernahm die Leitung der Geschäfte. War es doch eine Zeit, in der sich jeder zu jedem fähig glaubte, wenigstens bei Hofe. Das bekannte Wort Oxenstiernas wurde wahr an jedem neuen Tag, und was als das Erstaunlichste gelten mag: die Dinge gingen auch so, gingen zum Teil sogar gut.

Barfus war Premierminister, noch richtiger Universalminister. Er war alles, er tat alles. Auswärtiges, Finanzen, Krieg – jegliches fiel ihm zu. Dazu war er Gouverneur von Berlin, Kommandeur der Garde, Landeshauptmann der Grafschaft Ruppin, und soviel Stellen sich ihm auftaten, soviel Quellen flossen in seinen Schatz. Er wurde sehr reich. Als Gouverneur von Berlin bezog er ein palastartiges Gebäude, das vor ihm der Obermarschall von Grumbkow (der Vater des bekannten) besessen hatte. Barfus ließ es umbauen, erweitern und einen Garten nach der Spree hin anlegen. Es ist dies dasselbe Gebäude, das wir jetzt als »Stadtvogtei« kennen und das, als solches, eine so hervorragende, wenn auch freilich wenig poetische Rolle in unserer Stadt- und Staatsgeschichte gespielt hat.

Hans Albrecht war Universalminister, aber er war es nur durch Zulassung und nicht durch eigne Kraft. Die Dohna-Dönhoffs schoben ihn einfach vor, um nicht in die durch Danckelmanns Sturz entstandene Günstlingslücke einen neuen, vielleicht viel gefährlicheren Günstling einrücken zu sehn, und unserem Barfus fiel es lediglich zu, durch sein bloßes Dasein den Satz zu predigen: Wo ich bin, kann kein anderer sein.

Das ging zwei Jahre lang, aber nicht länger. Der Kurfürst, was immer seine Schwächen sein mochten, war aus zu feiner Schulung, um an der Haltung eines alten Campagnesoldaten, der nicht einmal französisch sprach, auf die Dauer ein Genüge finden zu können. Und die Einführung einer Perückensteuer, wodurch Hans Albrecht den Sitten und Finanzen des Landes gleichmäßig aufzuhelfen trachtete, bezeigte sich schließlich als der allerschlechteste Weg, die schon schwankende Waage zu seinen Gunsten wiederum sinken zu machen. Die neue Sonne: Kolbe-Wartenberg, stieg immer höher. Er begann den Majordomus zu spielen, und der Danckelmannsche Hochmut erschien nun wie Leutseligkeit neben dem Ton des neuen Günstlings. Niemand wurde geschont, kaum die Königin, am wenigsten die alten Parteien des Hofes.

Aber Barfus, der den Hof überhaupt wie ein Schlachtfeld nahm, war ein viel zu guter Soldat, um so ohne weiteres an Flucht oder Rückzug zu denken. Er hatte den türkischen Großvezier besiegt, warum nicht auch den Majordomus von Brandenburg? Die Königin, die Dohna-Dönhoffs dachten ähnlich, und so bereitete sich jene »große Liga von 1702« vor, die keinen anderen Zweck verfolgte, als den tyrannischen Günstling zu beseitigen und das Barfussche Interregnum von 1697 bis 1699, die Zeit der vereinigten Ministerien und der Perückensteuer, wiederherzustellen.

Aber Kolbe-Wartenberg war glücklicher, als es Danckelmann vor ihm gewesen war. Vielleicht weil es die Liga in der Person versah, die sie mit Ausführung der Hauptrolle betraute. Diese Person war der Hofmarschall von Wense. Graf Otto Dönhoff, als er von der Wahl dieses letztgenannten Herrn hörte, zuckte die Achseln und setzte gutgelaunt hinzu: »Wohlan denn, wir müssen dem Glück einen Ochsen opfern!« Er hatte recht gehabt. Nur blieb es nicht bei dem einen Opfer. Alle traf die Ungnade des Königs, und während der Hofmarschall von Wense den Hof mit der Festung Küstrin vertauschte, wurde der Rest vom Hofe verbannt: die Dohnas, die Dönhoffs und auch Barfus.

Dies war des letzteren letzte Aktion – kein Ruhmestag von Szlankamen. Der Hof war nicht sein Feld. Trösten mocht es ihn, daß auch Gewandtere unterlegen hatten. Unser Feldmarschall aber ging nach »Kossenblatt«, wo inzwischen, auf einer Spreeinsel, der Frontbau eines Schlosses entstanden war. Mit sich nahm er zu allem, was er sonst noch besaß, ein Jahrgehalt von 8000, nach Pöllnitz sogar von 12 000 Talern. Aber er erfreute sich desselben nicht lange mehr. Am 27. Dezember 1704 beschloß er sein an Kämpfen und Wandlungen reiches Leben.

In einem schlichten Anbau neben der Kossenblatter Kirche hat er seine letzte Ruhestatt gefunden.

 

Wir versuchen nun, nachdem wir in vorstehendem die Lebensgeschichte Hans Albrechts erzählt haben, eine Schilderung seiner äußeren Erscheinung und seines Charakters.

Hans Albrecht von Barfus war von großem, kräftigem Körperbau, über sechs Fuß hoch und durchaus militärisch in Haltung und Auftreten. Selbst stattlich, legte er auch Gewicht auf Stattlichkeit, und lange bevor König Friedrich Wilhelm I. seine Riesengarde ins Leben rief, verriet Hans Albrecht eine entschiedene Neigung, hünenhafte Leute, besonders Offiziere, in den preußischen Dienst zu ziehen. Es waren dies die ersten Anfänge der später so notorisch gewordenen »blauen Kinder« von Potsdam. Und so mag es denn auch mehr als Zufall sein, daß das einzige größere Bildnis, das von unserem Hans Albrecht existiert, vom »Soldatenkönige« selber gemalt wurde. Dieses Bild stammt etwa aus dem Jahre 1737, und da um diese Zeit unser Feldmarschall längst verstorben war, so hat es nichts Unwahrscheinliches, daß der König es, nach einem Stich oder einer Zeichnung, eigens in Huldigung gegen denjenigen ausführte, in dem die Idee der »großen Blauen« zuerst gedämmert und gelegentlich Gestalt gewonnen hatte.

Fassen wir den Charakter unseres Feldmarschalls ins Auge, so finden wir: er war tapfer, soldatisch, spezifisch deutsch, antifranzösisch (auch hierin ein Vorläufer Friedrich Wilhelms I.), habsüchtig, aber unbestechlich, rechthaberisch, aber nicht ungerecht, in Intriguen verwickelt, aber nicht eigentlich intrigant.

Wir betrachten ihn zuerst in seinen soldatischen, dann in seinen hofmännischen Qualitäten. Als Soldat – ohne ihn überschätzen zu wollen – erhob er sich, trotzdem er immer der Mann blieb, der von der Pike auf gedient hatte, weit über die Klasse derer, die, auf den Befehl eines Vorgesetzten hin, ihre Truppe prompt ins Feuer zu führen verstehen. Hätte seine militärische Laufbahn mit der Erstürmung Ofens abgeschlossen, so würd er einfach einer jener »braven Soldaten« gewesen sein, wie deren unsere Kriegsgeschichte so viele aufzuweisen hat; sein zweimaliges und jedesmal entscheidendes Eingreifen in die Schlacht bei Szlankamen aber zeigt ihn uns allerdings als einen Soldaten von höherer Beanlagung. Beide Male handelte er selbständig und folgte nur seiner persönlichen Erkenntnis dessen, was der gegebene Moment erheischte. Sein Blick und sein Charakter bewährten sich dabei gleichmäßig. Er erkannte, was not tat, und hatte den Mut, das als richtig Erkannte auf eigne Verantwortung hin auszuführen. Dieser Blick und dieser Mut gehören schon zu den selteneren Gaben.

Was ihm andererseits fehlte, das erkennen wir am besten, wenn wir sein militärisches Auftreten mit dem seines Nebenbuhlers Schöning vergleichen. Schöning, wiewohl es ihm versagt blieb, in wirklich großen Verhältnissen zu wirken, geht dennoch, sooft er auftritt, jedesmal über das Alltägliche hinaus. Nicht zufrieden damit, den Moment zu begreifen, begreift er die Situation überhaupt. Es genügt ihm nicht, ein Nächstliegendes zu tun oder zu berechnen, sondern die Rücksicht auf das Ganze bestimmt seine Haltung. Am lehrreichsten nach dieser Seite hin ist sein Auftreten vor Ofen. Kaum auf den Höhen erschienen, kaum begrüßt von dem großen Christenheere, das in weitem Halbkreise die Festung umlagerte, rückte Schöning klingenden Spieles vor, und jede Deckung oder Vorsichtsmaßregel verschmähend, brachte er sich auf einen Schlag in Linie mit der Belagerungsarmee. Der ungedeckte Vormarsch kostete Opfer, und das ganze Manöver, glänzend, wie es war, fand nichtsdestoweniger lebhaften Tadel. Sogar bei den Brandenburgern selbst, von denen es als Rodomontade bezeichnet wurde. Dennoch hatte Schöning recht. Immer das Ganze ins Auge fassend, sagte er sich, daß er der allgemeinen Sache, mindestens aber der Sache seines Kurfürsten, durch etwas Eklatantes am besten diene. Und seine Berechnung traf im vollsten Maße zu. Den Türken sowohl wie den Verbündeten hatte dieser Aufmarsch imponiert, und lange bevor Buda über war, hatten die Brandenburger bei Freund und Feind einen moralischen Sieg errungen. Das war Schöningsch. Solcher Berechnungen und Einfälle wäre Barfus unfähig gewesen. Er gehörte zu den Schachspielern, die in jedem Moment einen guten Zug, vielleicht den besten zu tun verstehen, aber der Gabe weitsichtiger Vorausberechnung ebensosehr wie jeder genialischen Kombination entbehren.

Tapfer, wie Hans Albrecht war, besaß er auch in hohem Maße jenen liebenswürdigen, am häufigsten bei bewährten alten Soldaten vorkommenden Zug, schwache Momente nachsichtig zu beurteilen. Nur die Leute hinterm warmen Ofen dringen auf beständiges Heldentum. Einstmals beklagte sich der Graf Christoph Dohna über die Feigheit eines Offiziers, der ihn während des Gefechts kläglich im Stich gelassen habe. Barfus trat an Dohna heran und sagte: »Hören Sie, Graf, man muß Mitleid mit seinem Nächsten haben und ihm nicht alles Üble antun, was man ihm mit Gerechtigkeit antun könnte. Es gibt schlechte Viertelstunden im Leben. Vielleicht wird dieser Offizier ein andermal sich besser zeigen. Ich werde mit ihm allein reden.« Barfus tat es, und wenige Tage später fiel der Offizier an der Spitze einer Angriffskolonne.

Ein sehr hervorstechender Zug seines Charakters war das Antifranzösische. Seine vielbesprochene »Perückensteuer« war nicht bloß eine Finanzmaßregel, sie war auch gegen das »fremde Unwesen« überhaupt gerichtet. Der Umstand, daß er des Französischen nicht mächtig war, mocht ihn in seiner Abneigung gegen die »Welschen« bestärken. Es kamen in der Tat verdrießliche Szenen vor. Seine Gegner bei Hofe gefielen sich darin, in seiner Gegenwart französisch zu sprechen oder wohl gar bei seinem Erscheinen die bis dahin deutsch geführte Konversation mit einer französischen zu vertauschen. Den begreiflichen Ärger darüber ließ er hinterher die Sprache selbst entgelten.

Von Habsucht besaß er, wie fast alle Personen, die den Hof König Friedrichs I. bildeten, ein reichlich zugemessen Teil; doch scheint er sich, trotz alles Hanges nach Besitz, der Korruption jener Zeit entzogen und seine gut deutsche Natur in Unbestechlichkeit gezeigt zu haben. Er genoß auch dieses Rufes. Im Jahre 1699 beschwerte sich der holländische Großpensionär Heinsius über eine ganze Reihe unbegreiflicher Handelsmaßregeln, die alle vom Feldmarschall Barfus (der damals alles war, auch Finanzminister) ausgegangen seien, und ließ den Verdacht durchblicken, daß Barfus im Solde Frankreichs stehe. Der Großpensionär erhielt indessen von kompetenter Seite den Bescheid, daß General Barfus überhaupt unbestechlich, »jedenfalls aber zu antifranzösisch sei, um sich jemals durch Frankreich bestechen zu lassen«.

Und sowenig bestechlich er war, sowenig intrigant war er. Er diente nur den Intriguen anderer, war vielleicht die Hauptkarte, ohne welche das Intriguenspiel nie und nimmer gewonnen werden konnte, aber wie hoch immer der Wert seiner Karte veranschlagt werden mochte, er war nicht der Spieler selbst. Klügere benutzten ihn und gönnten ihm die goldenen Früchte, die ihm für seine Mitwirkung in den Schoß fielen.

Er war nicht intrigant, aber wir wurden irregehen, wenn wir ihm aus dem Fehlen dieser Eigenschaft irgendein besonderes Verdienst machen oder ihn gar mit der hohen Tugend der Selbstsuchtslosigkeit ausstatten wollten. Er gehörte jener Klasse von Charakteren an, denen man in Norddeutschland und besonders in den Marken häufig begegnet: Personen, die zu wirklicher oder scheinbarer Offenheit eine große Verschlagenheit gesellen und soldatische Derbheit, ja rücksichtsloseste Schroffheit mit einem scharfen Erkennen des eigenen Vorteils glücklich vereinen. Er war voll jener scharfen Lebensklugheit, die den Habsüchtigen eigen zu sein pflegt, und besaß in hohem Maße die Kunst (ganz wie bei Szlankamen), einen glücklich gegebenen Moment zu benutzen. Aber er besaß nicht die Kunst, einen solchen Moment durch eine klug geschürzte Verwickelung herbeizuführen. Und das ist es, was den Unterschied zwischen praktischer Lebensklugheit und Intrigue bedingt. Der »Praktiker« nutzt die Situation, der Intrigant macht sie. Jener wird meist realere, dieser meist idealere Zwecke verfolgen. Der Intrigant wird in der Regel gefährlicher, der »Praktiker« in der Regel selbstsüchtiger sein.

Die Hofgeschichte jener Tage bietet zwei Beispiele, die diesen Unterschied recht klar ins Auge stellen. Als der Streit zwischen Schöning und Barfus auf seiner Höhe stand und Schönings Hochmut und Rechthaberei den »richtigen Moment« für Barfus vorbereitet hatte, verstand es dieser, ebendiesen richtigen Moment zu benutzen. Und zwar einfach dadurch, daß er der in seinen Beschwerdeschriften immer anmaßlicher werdenden Sprache Schönings einen Ton der Devotion gegenüberstellte. Dieser Ton der Devotion gegen den Kurfürsten und seine Regierung hatte nichts von einer Intrigue an sich, war vielmehr nur das einfache Resultat des Schlusses: »Wo Anmaßung verletzt hat, wird Devotion doppelt willkommen sein.« Und der Erfolg bewies, daß dieser Schluß ein richtiger gewesen war.

So weit reichten die Gaben unseres Barfus. Als es sich aber sechs Jahre später darum handelte, den allmächtigen Eberhard Danckelmann, den Günstling des Kurfürsten, aus der Gunst seines Herrn zu entfernen, war es nicht genug, eine sich bietende Situation zu benutzen, sondern es kam vielmehr darauf an, mittelst einer Reihenfolge kleiner, ineinandergreifender Szenen erst eine Situation zu schaffen. Dazu war Graf Christoph Dohna der Mann. Er begann folgendes Meisterspiel. Er wußte sich eine Medaille zu verschaffen, die Danckelmann kurz vorher zu Ruhm und Verherrlichung seiner Familie hatte schlagen lassen. Gewölk hing über Berlin; durch das Gewölk hindurch aber leuchtete das Siebengestirn Eberhard Danckelmanns und seiner sechs Brüder. Inschrift: »Intaminatis fulget honoribus.« Christoph Dohna, der die Vorliebe des Kurfürsten für Münzen und Medaillen kannte, wußt es derartig einzurichten, daß sich im Vorzimmer ein Streit um ebendiese Medaille entspann. Als der Kurfürst heraustrat, um nach der Ursache des Lärms zu forschen, erzählte ihm Dohna, in erkünstelter Verlegenheit, daß es sich um eine Medaille handle. »Ich wünsche sie zu sehen.« – »Eure Kurfürstliche Durchlaucht werden die Medaille kennen.« Und damit überreichte sie Dohna. Der Kurfürst betrachtete die sieben Sterne, biß sich, eifersüchtig, wie er war, auf die Lippen und reichte sie sichtlich verstimmt zurück. An dieser Szene ging Danckelmann zugrunde. Ist es wahr, daß dieser letztere von der Medaille nichts wußte, dieselbe vielmehr hinter seinem Rücken, auf Anstiften seiner Gegner, geprägt wurde, so haben wir es hier mit einer ziemlich unwählerisch eingefädelten, aber von Anfang bis Ende klug durchgeführten Intrigue zu tun, die zwar, wie schon erzählt, in ihrem glücklichen Ausgang alle Ehren auf unsern Feldmarschall ausschüttete, aber von dem Glückskinde selbst weder jemals geplant noch durchgespielt hätte werden können.

Wenn wir zum Schlusse Hans Albrecht von Barfus mit den hervorragenderen jener brandenburgisch-preußischen Kriegsleute vergleichen, die seitdem gefolgt sind, so zeigt er mit keinem eine größere Verwandtschaft als mit dem »alten Yorck«. Dieselbe Tapferkeit, dieselbe soldatische Schroffheit, dieselbe Strenge im Dienst und gegen sich selbst. Haß gegen französische Sitte, Gleichgültigkeit gegen die Frauen und Verachtung gegen Ausschweifung gesellen sich als weitere übereinstimmende Züge hinzu. Ebenso sind ihre Feldherrngaben nahe verwandt: kalte Ruhe, klares Erkennen der Fehler bei Freund und Feind, glückliche Benutzung des Moments. Was sie aber vor allem miteinander gemein haben, das ist die hohe Meinung von sich selbst und, infolge dieser eigenen, wie immer auch berechtigten Wertschätzung, eine krankhafte Reizbarkeit gegen alles das, was neben oder wohl gar über ihnen stand. Yorck, in seinem Verhältnis zu Bülow und später zu Gneisenau, erinnert mehr als einmal an »Schöning und Barfus«.

Wenn wir Yorck nichtsdestoweniger in einem helleren Lichte sehen, so hat das seinen Grund zu nicht unwesentlichem Teile darin, daß wir die »Konvention von Tauroggen« dankbarer in Erinnerung tragen als den Tag von Szlankamen. Soll aber auch auf die sittliche Superiorität Yorcks hingewiesen werden, so dürfen wir, ohne dieselbe bestreiten zu wollen, doch der Tatsache nicht vergessen, daß es 1813 leichter war als hundert Jahre früher, »selbstsuchtslos im Dienst einer Idee zu stehen«. Die Charaktere waren weniger verschieden, als die Zeiten es waren.

Mit Hans Albrecht von Barfus starb der letzte jener fünf brandenburgischen Feldherrn, die noch die jungen Tage des Großen Kurfürsten gesehen und die ersten Siege Brandenburgs unter seinen Fahnen erfochten hatten: Sparr, Derfflinger, Görtzke, Schöning, Barfus. Die Derfflinger sind ausgestorben. Glieder der vier andern Familien leben noch, aber von dem alten Besitz ist wenig oder nichts mehr in ihren Händen. Auf den alten Barfus-Gütern ist der Name des Geschlechts so gut wie vergessen, und nur »Schloß Kossenblatt an der Spree« erzählt noch von seinem Erbauer, dem Feldmarschall.

Diesem Schloß in der Öde wenden wir uns im folgenden Kapitel zu.

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