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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Tamsel

Verschnittene Hecken,
Sich zu verstecken,
Und auf blühendem Raine
Liebesgötter, groß' und kleine –
Aber ihre Stunden
Sind hingeschwunden.

II

Über die schöne Lage Tamsels habe ich schon Seite 340 gesprochen. In früheren Zeiten hieß es die »Oase in der Wüste«, und noch jetzt hat es Anspruch auf jene rühmende Bezeichnung, wenn auch freilich die ringsumher liegenden, dem üppigsten Wiesewachs gewonnenen Bruchgegenden die Bezeichnung »Wüste« nicht länger zulässig erscheinen lassen.

Das Terrain, auf dem Tamsel liegt, hat viel Ähnlichkeit mit den Oderbruch-Partien zwischen Falkenberg und Freienwalde. Im Rücken eine Bergwand, mehr oder weniger steil und gelegentlich durch eine Schlucht unterbrochen; am Fuße dieser Bergwand ein Dorf und zu Füßen des Dorfs ein Wiesengrund, oft überschwemmt und immer von Flußarmen durchzogen. So das Freienwalder Terrain und so auch die Landschaft um Tamsel her.

Dorf Tamsel zieht sich unmittelbar am Hügel hin, und zwar in Form eines Quersacks: oben und unten breit und in der Mitte schmal und eng. Hier schiebt sich der Park ein und teilt das Dorf in eine östliche und westliche Hälfte, was indessen wenig bemerkt wird, da der Dorfverkehr unbehindert am Park entlang oder auch durch diesen hindurch geht. Ein solches Zusammengewachsensein von Dorf und Schloß tut immer wohl, und jeder Teil, auch nur malerisch genommen, hat Vorteil davon. Der Park gibt Schönheit und empfängt Leben und Heiterkeit zurück.

Der Park

Der Tamseler Park zerfällt in einen Außen- und Innenpark.

Der Außenpark ist eine Waldpartie, die vom Fuß des Hügels an bis zur Kuppe desselben aufsteigt und, vom Bruch aus gesehen, die Schlußcoulisse des ganzen Bildes bildet. Auf der Höhe des Hügels erhebt sich einer jener griechischen Tempel, wie sie die Rokokozeit zu bauen liebte, während weiter abwärts eine Schlucht die Hügelwand durchbricht, eine Talrinne, durch welche der Weg nach Zorndorf führt. In dieser Schlucht war es, wo in den Achtziger Jahren dem Prinzen Heinrich zu Ehren die Forcierung des Passes von Gabel, die letzte Kriegstat des Prinzen, noch einmal in Szene gesetzt wurde. Natürlich bei bengalischem Feuer. Die Schlucht wurde zu diesem Behuf überbrückt; Minerva, die schöne zwanzigjährige Gräfin Dönhoff, führte die Sturmkolonne mit begeisterter Anrede über die Brücke, an deren anderem Ende der Prinz von drei Johanniterrittern: von Schack, Graf Dönhoff und Graf Tauentzien, in voller Ordenstracht begrüßt und mit den schon an anderer Stelle (Band I; in den Rheinsberger Kapiteln) mitgeteilten Worten empfangen wurde:

Henry parait! il fait se rendre!
Vous frémissez fiers Autrichiens!
Si vous pouviez le voir, si vous pouviez l'entendre,
Vous béniriez le sort qui vous met dans ses mains.

Also etwa:

Heinrich erscheint. Vor seinem Begegnen
Zittert Östreich und unterliegt; –
Kenntet ihr ihn, ihr würdet es segnen,
Stolze Feinde, daß er euch besiegt.

Zur Erinnerung wieder an diesen Erinnerungstag wurde gleich nach der Festlichkeit ein Obelisk an jener Stelle errichtet, wo die drei Johanniterritter den Prinzen begrüßt hatten, und diesem Obelisken die Inschrift gegeben: »En mémoire du passage de Gàbel en Bohême par le prince Henri de Prusse, le 31. Juillet 1778.« Darunter:

Ce marbre véridique aux siècles à venir
Du héros de notre siècle attestera la gloire,
Mais tout ce qu'il peut contenir
N'est qu'un feuillet de son histoire.

Dieser Obelisk steht noch.

 

Der Innenpark ist sehr reich an Statuen und Gedenksteinen und soll, vor nicht allzu langer Zeit, noch um vieles reicher daran gewesen sein. In einer seiner Ecken erhebt sich ein Altar mit den Büsten des »prince Henri« und des Großen Kurfürsten, und französische und deutsche Verse wetteifern, teils in unmittelbarer Huldigung gegen den Prinzen, teils in Vergleichen, die sie zwischen dem Ahnherrn und seinem Enkel ziehn. »Il a tout fait pour l'état«, heißt es an erster Stelle. Aber diesem einfachen Ausspruche folgen Verse des Chevaliers de Boufflers auf dem Fuß:

Dans cette image auguste et chère
Tout héros verra son rival.
Tout sage verra son égal
Et tout homme verra son frère.

Nun beginnen die Parallelen mit dem Großen Kurfürsten. Zuerst französisch:

Grands dans la paix, grands dans la guerre,
Tous deux, par de fameux exploits,
Devinrent et l'exemple et la leçon des rois.
D'infortunés proscrits le premier fut le père,
Le second, par son art d'étonner et de plaire,
Mit des Français tout les cœurs sous ses loix.

Dann folgen deutsche Distichen:

Mächtig erhub sich der Staat durch Wilhelm, der ihm zu Lehrern
Jeder friedlichen Kunst Galliens Flüchtlinge gab;
Mächtig beschützt ihn der Sieger bei Freiberg, der in die Lorbeern
Früh sich des feinen Geschmacks gallische Lilien wand.

Endlich, im lapidarsten Lapidarstil, machen lateinische Worte den Schluß. Zuerst (dem Kurfürsten geltend): » Fridericus Guilielmus vere Magnus. Civium Parens. Hostium Victor. Libertatis Germanicae Vindex. Fidei Exulis Perfugium.« – Dann (dem Prinzen geltend): »Henricus Militum Amor. Hostium Terror. Gallicae Gentis Deliciae. Musarum Altor. Ad Freibergam Victor.«

Hiermit schließen die Inschriften zu Ehren des Prinzen Heinrich, aber nicht die Denksteine und Inschriften überhaupt. »Rose, elle a vécu ce que vivent les roses – l'espace d'un matin«, so lauten die Worte auf einem halb unter Rasen verborgenen Sandstein, der zugleich den Namen der Frühgeschiedenen trägt: Lisette Tauentzien. Weiter abwärts begegnen wir in den Gängen des Parks einem Epitaph mit Bild und Urne, »dem Gedächtnis seiner zwei Geschwister errichtet vom Grafen Ludwig Alexander Wreich«. (»Complaints de Louis Alexandre Comte de Wreich sur la perte de sa sœur et de son frère.«) Darunter folgende Verse:

Naissez mes vers, soulagez mes douleurs
Et sans efforts coulez avec mes pleurs!
Pour vous pleurer je devance l'aurore,
L'éclat du jour augmente mes ennuis,
Je gémis seul dans le calme des nuits,
La nuit s'envole et je gémis encore.
Vous n'avez point soulagé mes douleurs,
Naissez mes vers. laissez couler mes pleurs.

Noch weiter abwärts erhebt sich das Denkmal, das ebenfalls Graf Ludwig Wreich dem Andenken seines Lehrers Fahndorff errichtete, desselben, der am 24. August 1758 von den plündernden Russen ermordet und unter die Bäume des Parks geworfen wurde.

Noch vieles andere ist an Tafeln und Inschriften da, aber wir verweilen dabei nicht länger und wenden uns vielmehr der Stelle zu, wo, im Mittelpunkte des Parks, en vue des Schlosses, vom Grafen Hermann Schwerin der große Denkstein errichtet wurde, dessen ich schon Seite 377 flüchtig erwähnte. Es ist, wie an jener Stelle hervorgehoben, ein Steinobelisk von etwa dreißig Fuß Höhe, der sich auf einem gegliederten Postamente erhebt und seinerseits wieder eine Viktoria trägt. An den Seiten und der Rückfront des Postaments befinden sich drei auf den Küstriner Aufenthalt des Kronprinzen Bezug nehmende Basreliefs: ein Studierzimmer mit Büchern, Noten und Karten; ein strahlender Jüngling, der den Wagen zur Sonne lenkt; Küstrin mit der alten Oderbrücke; während die Vorderfront folgende Inschrift trägt:

Eh die Sonne (mit des Schöpfers Macht im Bunde)
Sendet ihren Glühstrahl über Welt und Ozean,
Geht des Frühlingsmorgens Nebelstunde
Tränenschwer, doch Segen bergend, ihr voran.

Weitere, am Obelisken selbst befindliche Inschriften knüpfen ebenfalls an den Aufenthalt des Kronprinzen in Küstrin und Tamsel an.

Vorderfront: »Hier fand Friedrich II. als Kronprinz von Preußen in seinem Duldungsjahre 1731 erwünschte Aufheiterung in ländlicher Stille.«

Rückfront: »Es ist ein göttlich Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner Jugend trage. Klagelieder Jeremiä 3, 27.«

An einer der Seitenfronten befinden sich einige auf die Errichtung des Denkmals Bezug nehmende Worte: »Dem erhabenen Verklärten Anno 1840, nach 100 Jahren seiner Thronbesteigung, geweiht vom Grafen Hermann von Schwerin.« Ein Gitter und Rosenbüsche fassen das Denkmal ein. Es ist an derselben Stelle errichtet worden, an der, laut Aussage alter Fischersleute, der Kronprinz, wenn er im Tamsler Parke spazierenging, mit Vorliebe zu verweilen und unterm Laubdach der Bäume zu lesen pflegte. Die Enthüllung des Denkmals war, wie schon hervorgehoben, ein Fest für die ganze Gegend. Friedrich Wilhelm III., der sieben Tage später starb, hatte noch den größten Anteil daran genommen und acht Invaliden aus der fridrizianischen Zeit, zur Erhöhung des festlichen Eindrucks, nach Tamsel geschickt. Die Uniformierung war eigens nach Angaben des Königs erfolgt. Dies Denkmal, das vom Warthebruch und zugleich auch von dem hohen Eisenbahndamm aus gesehen werden kann, der dicht bei Tamsel das Bruch durchschneidet, gereicht dem Parke jederzeit zu einer besonderen Zierde; seinen schönsten Moment aber hatte dasselbe wohl, als in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober 1861 König Wilhelm I., von seiner Krönung in Königsberg zurückkehrend, im Eilzuge an Tamsel und seinem Park vorüberfuhr. Signale, vom Eisenbahndamm aus, wurden gegeben, und in demselben Augenblick, in dem der Zug an der Parklichtung vorüberglitt strahlte das Viktoriabild des Obelisken in rotem Feuer. Dahinter stieg das Schloß in scharf gezeichnetem Umriß auf. Aber einen Moment nur. Dann sank alles wieder in Nacht.

Die Kirche

Die Tamsler Kirche steht ebenfalls im Park. Es ist ein alter, gotischer Bau, der durch Schinkel restauriert und malerisch in die Landschaft eingefügt wurde. Dies Bestreben, einer sterilen Landschaft künstlerisch aufzuhelfen oder eine hübsche Landschaft noch hübscher zu machen, spielt bei allen Schinkelschen Dorfkirchen eine wesentliche Rolle.

Wir treten ein. Das linke Querschiff ist eine mit Statuen und Waffentrophäen geschmückte Ruhmeshalle für die Schönings. Hier befinden sich, in einer Doppelnische, die überlebensgroßen Steinbilder des Feldmarschalls Hans Adam von Schöning und seiner Gemahlin. Zur Linken beider steht die Marmorbüste des Sohnes (Johann Ludwig, †1713) und trägt folgende Inschrift: »Der hochwohlgeborne Herr, Herr Johann Ludwig von Schöning, des Sankt Johanniterordens Ritter und designierter Kommendator zu Lago, Seiner Königlichen Majestät in Polen und Kurfürstlichen Durchlaucht zu Sachsen gewesener Kammerherr, Herr zu Tamsel, Warnick, Groß und Klein Camin, Birkholz und Schönhof, ist geboren zu Küstrin den 25. Dezember st. vet. anno 1675 und auf dem adeligen Gute zu Neuendorf in dem Fürstentum Halberstadt anno 1713, den 29. Oktober, selig in dem Herrn entschlafen, seines Alters 37 Jahr, 10 Monate und 10 Tage.«

Andere Statuen enthält die Kirche nicht, wohl aber zwei Ölbilder zur Rechten und Linken des Altars. Das eine, von Wach gemalt, ist eine »Himmelfahrt«; das andere, ein »Christus am Kreuz«, wurde von Wach restauriert. Dies zweite Bild ist wesentlich besser und gilt für wertvoll. Es heißt, »der Feldmarschall habe es nach seinem Türkensiege aus Ungarn mitgebracht«, doch erscheint mir das wenig wahrscheinlich. Alles, was sich in den Schlössern und Kirchen unserer »Türkenbesieger« vorfindet, ist regelmäßig »aus Ungarn mitgebracht«. Ich meinerseits halte mich überzeugt daß selbst die Seite 341 erwähnten, berühmten Stuckarbeiten im Tamseler Schloß einfach von Berliner Künstlern herrühren, an denen unter der Regierung König Friedrichs I. in der brandenburgischen Hauptstadt kein Mangel war. Der »Christus am Kreuz« konnte freilich damals von keinem Berliner Maler gemalt werden und stammt wahrscheinlich aus Dresden, wo, wie wir gesehen haben (vergleiche Seite 358), Feldmarschall Schöning von 1691 an lebte und 1696 starb.

Die Kirche hat zwei Erbbegräbnisse: das eine, ein neurer Anbau, hinter dem Chor der Kirche, das andere eine gewölbte Gruft, aus der Zeit der Schönings oder noch früher.

Der »neuere Anbau« ist das Dönhoffsche Erbbegräbnis. Es wurden darin beigesetzt: 1. Graf Dönhoff, an den, nach dem Tod des letzten Wreech, Tamsel als Frauenerbe fiel; 2. Gräfin Dönhoff, geborne Gräfin Schwerin; 3. und 4. zwei junge Grafen Dönhoff, von denen der eine als Kind starb, der andere, kaum einundzwanzig Jahr alt, von seinem Freunde, dem Grafen Saldern, im Duell erschossen wurde. Das Duell fand in Göttingen statt (1816), wo beide studierten. Graf Dönhoff hatte das Jahr vorher als Garde-du-Corps-Offizier die Campagne mitgemacht. – Außer diesen vier Särgen befinden sich noch zwei ältere in dem Erbbegräbnis, und zwar die Särge des Freiherrn Dodo Heinrich von Inhausen und Knyphausen, Erbherr der Herrlichkeit Jenelt und Visket, und seiner Gemahlin, einer gebornen Baronesse von Wreech. Er, der Freiherr, war am 5. August 1729 geboren und starb am 31. Mai 1789. Er gehörte dem Rheinsberger Kreise an.

Die Gruft scheidet sich in zwei gewölbte Räume. In der ältern, mehr zurück gelegenen Gruftkammer befinden sich die Särge der alten Familie von Schönbeck, die schon um 1510 Tamsel und Warnick von dem Johanniterorden zu Lehn trug. In dem andern Gewölbe stehen elf zum Teil sehr prachtvolle Särge, darunter der der schönen Frau von Wreech (Luise Eleonore) Da über verschiedene Daten aus dem Leben dieser Frau, namentlich über das Jahr ihrer Geburt und ihrer Verheiratung, abweichende Angaben vorkommen, so lasse ich hier nachstehendes folgen. Luisa Eleonora von Schöning wurde, dem Küstriner Kirchenbuche zufolge, durch den Küstriner Hofprediger am 6. Juli 1721 in Tamsel zum heiligen Abendmahl admittiert, ihres Alters vierzehn Jahre, sowie durch denselben am 25. Mai 1723 mit dem Obersten Adam Friedrich von Wreech (gestorben 1746) kopuliert. Sie war also bei ihrer Verheiratung sechzehn Jahr alt und vierundzwanzig Jahr bei dem ersten Besuch des Kronprinzen in Tamsel. Aus ihrer Ehe mit dem Obersten von Wreech hatte sie sieben Kinder. Das Küstriner Kirchenbuch nennt folgende fünf:

1. Eleonore Charlotte Amalie, geboren den 21. Dezember 1724.

2. Juliane Luise, geboren den 22. März 1726.

3. Friedrich Ludwig, geboren den 31. Juli 1727. Getauft den 7. August; zählt unter seinen Paten den König, den Kronprinzen und den Fürsten von Anhalt-Dessau.

4. Karl Albrecht Adam, geboren den 27. November 1728.

5. Sophie Friederike, geboren den 28. Mai 1730. Zählte unter ihren Paten die Prinzessin von Anhalt-Zerbst, die Feldmarschälle Graf von Wartensleben und von Natzmer. Sie war es, die sich am 7. September 1752 mit dem Grafen Stanislaus Gerhard von Dönhoff (später, in zweiter Ehe, mit dem Baron Dodo von Knyphausen) vermählte, durch welche Vermählung Tamsel zunächst an die Dönhoffs, dann an die Schwerins kam.

Fr. Foerster spricht noch von einer am 27. Mai 1732 gebornen Tochter, doch ist ziemlich ersichtlich, daß hier eine Zahlenverwechslung vorliegt und daß er die obige, am 28. Mai 1730 geborene Tochter (Sophie Friederike) meint. Auf diese Tochter bezieht sich auch die Stelle eines etwa Mitte Dezember 1731 geschriebenen Briefes des Kronprinzen an Frau von Schöning, die Mutter der Frau von Wreech: »Je l'ai vu, Madame, votre fille (Frau von Wreech), et elle sait que Vous et sa fille (ebenjene Sophie Friederike) se portent bien.«

Nach dieser Zeit, das heißt in den Jahren, die der Anwesenheit des Kronprinzen (1731) folgten, wurden jedenfalls noch zwei Kinder geboren, und zwar die schon im Text genannten:

6. Friedrich Wilhelm Feodor von Wreech, geboren 1733, gestorben 1785; und

7. Ludwig Alexander von Wreech, geboren 1734, gestorben 1795.

Diese beiden sind im Küstriner Kirchenbuche nicht verzeichnet.

, der beiden letzten Wreechs und des Feldmarschalls Hans Adam von Schöning. Der Sarg der schönen Frau von Wreech hat keine Inschrift, wohl aber befinden sich solche auf den Särgen ihrer beiden Söhne, der »letzten Wreechs oder Wreichs«. Beide Schreibarten gelten.

Diese Inschriften lauten:

1. »Friedrich Wilhelm Feodor Freiherr von Wreich, Seiner Königlichen Majestät von Preußen Wirklicher Kammerherr und Hofmarschall bei Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Heinrich von Preußen, sind geboren zu Berlin den 29. Januar 1733 und gestorben zu Berlin den 23. Mai 1785.«

2. »Ludwig Graf von Wreich, der letzte seines Stammes, königlich preußischer Kammerherr und Hofkavalier Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Heinrich von Preußen, Erb- und Gerichtsherr auf Tamsel etc., Ritter des Johanniterordens und Domherr des Stifts zu Magdeburg, ward geboren im Jahre 1734 zu Kyritz in der Altmark und starb den 20. Juni 1795 zu Rathenow im 61. Jahre seines ruhmwürdigen Lebens.«

Der Sarg des Feldmarschalls Hans Adam von Schöning ist sehr groß und prächtig und ganz von Kupfer. Ein goldenes (oder silbernes) Kruzifix liegt obenauf; das Wappen befindet sich oberhalb, der Namenszug unterhalb dieses Kruzifixes. Die Seitenwände basreliefartig mit Fahnen geschmückt; dazwischen folgende Inschrift: »Der hochwohlgeborene Herr, Herr Hans Adam von Schöning auf Tamsel, Warnick, Birkholz, kurfürstlich sächsischer wohlbestallt gewesener Generalfeldmarschall, Wirklich Geheimer und Geheimer Kriegsrat, Obrister der Leibgarde zu Fuß wie auch über ein Regiment Kürassiers und ein Regiment Dragoners, ward geboren zu Tamsel den 1. Oktober 1641, starb selig zu Dresden den 28. August 1696.«

Die Rückseite dieses Sarges enthält die Bibelstelle: Psalm 18, Vers 32 bis 36. – Der Deckel ist aufgelötet und macht ein Öffnen sehr schwierig. Zu Lebzeiten des Generals und Historiographen der Armee Kurd von Schöning, der alljährlich am Geburtstage seines berühmten Ahnherrn in Tamsel zu erscheinen und in der Gruft daselbst zu verweilen liebte, war öfters von Öffnen des Sarges die Rede, aber es unterblieb jedesmal, einmal, weil die Sache große Schwierigkeit hatte, und andrerseits, weil man sich scheuen mochte, die so wohlverwahrte Ruhe des Toten zu stören. Handelte es sich dabei doch ohnehin nur um Befriedigung einer Neugier. Freilich einer verzeihlichen. Man wollte nämlich in Erfahrung bringen, ob er mit dem mit Diamanten besetzten Degen, den ihm Kaiser Leopold nach der Einnahme von Ofen zum Geschenk gemacht hatte, begraben sei oder nicht. Dieser Degen war bis jetzt nirgends zu finden.

Das Schloß

In seinen Umfassungsmauern ist es noch das, was vom Feldmarschall von Schöning gebaut wurde; von seiner innern Einrichtung ebenso hat sich das Treppenhaus und der Ahnensaal erhalten. Im ganzen aber darf es, namentlich nach Beseitigung des gotischen Daches, das vor etwa vierzig Jahren durch ein Flachdach ersetzt wurde, als ein Neubau gelten.

Das Schloß ist reich an Bildern und Skulpturen aller Art; wir verweilen jedoch nur bei den historisch interessantesten, wie sie sich im Billardzimmer und im Ahnensaal vorfinden.

 

Im Billardzimmer.

1. Portrait Friedrichs des Großen. (Kniestück.) Vorzügliches Bild, wenn nicht von Pesne selbst herrührend, so doch wahrscheinlich unter seiner Leitung gemalt. Es erinnert wenigstens in Ton und Auffassung an andere Friedrichs-Portraits dieses Meisters. Der König ist auf diesem Bilde etwa dreißig Jahr alt, in weißgepudertem, natürlichem Haar. Um das noch volle Kinn herum bemerkt man einen bläulichen Bartton. Neben ihm liegt ein Hermelinmantel und ein mit Lorbeer geschmückter Helm. Er trägt einen eleganten blauen Rock mit rotem Futter und Goldbrokatbesatz, weiße Ärmel, die sich unter den kurzen Hockärmeln präsentieren, den Stern und das Orangeband des Schwarzen Adlerordens, Küraß und Schärpe.

2. Portrait des Prinzen Heinrich. Der Prinz in Generalsuniform, die Ärmelaufschläge von Tigerfell. Neben ihm der Plan der Schlacht bei Freiberg; im Hintergrunde die Schlacht selbst.

3. Das Schloß zu Cölln an der Spree im Jahre 1602. Höchst interessantes Bild; fünf Fuß hoch, sechs Fuß breit; der Name des Malers nicht bekannt. Es ist die der Breiten und Brüderstraße zugekehrte Front, und kaum irgend etwas erinnert an die Schloßfaçade, wie sie jetzt dem Auge sich darbietet. Der Bau ist noch durchaus mittelalterlich, mit gotischen Giebeln. In der Mitte der Façade und in Höhe des ersten Stocks bemerkt man einen eigentümlich geformten, kunstreich gegliederten Balkon, während sich in Höhe des Erdgeschosses, an der ganzen Front hin, eine Kolonnade, nach Art der noch jetzt existierenden Stechbahn, hinzieht. Diese Kolonnade ist von rötlichem Stein. Der Rest des Bildes zeigt einen grauen Ton. – König Friedrich Wilhelm IV., als er bei seinem Besuche in Tamsel (etwa 1845) dies Bild sah, nahm das größte Interesse daran und ließ eine Kopie anfertigen, die sich gegenwärtig im Berliner Schlosse befindet. Das Original wurde während der dreißiger Jahre nur durch einen glücklichen Zufall vom Untergange gerettet; man fand es verstaubt, geschwärzt, zerrissen auf einem Bodengelaß.

 

Im Ahnensaal.

Unter den verschiedenen Portraits, die sich hier vorfinden, sind die folgenden die wichtigsten:

1. Hans Adam von Schöning, der Türkenbesieger. Großes Bild, neun Fuß hoch, zehn Fuß breit. Hans Adam sitzt zu Pferde und trägt einen gelbledernen Waffenrock, rote Gamaschen, eine kurze braune Perücke, Dreimaster mit weißen Straußenfedern und Galanteriedegen. Die rote Satteldecke ist reich mit Gold und Silber gestickt.

2. Die Gemahlin Hans Adams von Schöning. Das Pendant zum vorigen, also ebenso groß. – Die Feldmarschallin ist noch jung, mit weißgepuderten Locken und Perlen darin. Sie trägt ein weißes Atlaskleid mit Goldstickerei; ebensolche Schuhe. Vier Kinder spielen um sie her, ein fünftes ruht auf ihrem Schoß. Das älteste der Kinder, ein junges Mädchen, ist im Dianakostüm, ein Windspiel ihr zur Seite; ein andres Kind trägt ein Füllhorn, ein drittes spielt mit einem Lamm; dazwischen Windspiele und Bologneserhündchen. Links in der Ecke des Bildes Genien mit Kränzen und Palmen. Im Hintergrunde Schloß Tamsel vor 1686.

3., 4., 5. Drei Bilder des Generals von Wreech, des Gemahls der schönen Luise Eleonore.

6. und 7. Die Bilder des Ministers von Brandt (wahrscheinlich des bekannten Eusebius von Brandt) und seiner Gemahlin.

8. Frau von Wreech (Luise Eleonore). Kniestück. Sie ist hier achtundzwanzig bis dreißig Jahr alt, also ein Bild, das noch zu Lebzeiten ihres Gemahls gemalt wurde. Sehr hübsch, frisch, üppig, die Augen voll Leben und Klugheit. Sie trägt ein weißes Brokatkleid, mit natürlichen Blumen aufgesteckt, dazu eine hellblaue, silber- oder weißgestickte Überjacke; Granatblumen im weißgepuderten, natürlichen Haar und Perlenohrgehänge.

9. Frau von Wreech als Witwe; achtunddreißig bis vierzig Jahr alt; halbe Figur. Sie trägt ein schwarzes Kleid und über dem schönen Nacken einen weißen, durchsichtigen Tüllkragen, mit einer kleinen Halskrause daran. Die schwarze Schnebbe der Witwenhaube geht bis tief in die Stirn; an der Haube hängt der schwarze Witwenschleier.

10. Frau von Wreech (drittes Portrait). Brustbild, lebensgroß. Sie ist hier etwa vierzig bis einundvierzig Jahr alt. Es scheint um die Zeit gemalt zu sein, wo sie die Witwentrauer ablegte. Sie trägt ein ausgeschnittenes weißes Atlaskleid, kurze Ärmel, breite Fall-Unterärmel, eine Halskrause (trotz des tief ausgeschnittnen Kleides) und eine schwarze Samtjacke mit buntem Futter über die Schulter geworfen. In der Hand hält sie eine Tabatière. Das Ganze macht einen sehr angenehmen Eindruck: eine vornehme, zugleich anspruchslos-hausmütterliche Dame, noch hübsch, aber ohne besondere Schönheit. – An Kunstwert ist ihr zweites Portrait, im Witwenkleide, das beste. Auch tritt sie einem hier am meisten als »schöne Frau« entgegen. An dieser Stelle sei übrigens noch der Frau Karschin, der bekannten Dichterin, erwähnt, die jahrelang zu Frau von Wreech in freundschaftlichen Beziehungen stand. Die Karschin war längere Zeit in Tamsel zu Besuch. Im Tamsler Archiv befinden sich verschiedene Gedichte der Karschin, an Frau von Wreech gerichtet und Briefe (gewöhnlich in Versen), die beide Damen wechselten. Leider bot sich mir nur Gelegenheit, diese Papiere zu lesen, nicht, sie zu benutzen. Sie geben ein vortreffliches Zeitbild.

11. Generalfeldmarschall Graf Kurt von Schwerin. Derselbe, der bei Prag fiel. Kniestück. Sehr gutes Bild, lebensvoll. Der Gesichtsausdruck freundlich, klug, fest und schlicht. Er ist in voller Rüstung, mehr Ritter als Kürassier, und trägt über der linken Schulter, als bloße Drapierung, einen Purpur-Sammetüberwurf, auf dem der Schwarze Adlerorden sichtbar ist.

Dieses Bild, das sich früher im Besitze des Generals Kurd von Schöning in Potsdam befand, kam auf folgende Weise nach Tamsel.

General Kurd von Schöning hatte bei seinen gelegentlichen Besuchen in Tamsel nie versäumt, seines Ahnherrn Hans Adam von Schönings Bild (den Reiter mit den blutroten Gamaschen) mit lebhaftestem Interesse zu betrachten, und Graf Hermann Schwerin nahm deshalb Veranlassung, eine Kopie des großen Bildes anfertigen und diese dem General von Schöning überreichen zu lassen. Ein Schwerin also hatte einem Schöning das Bildnis seines berühmten Ahnherrn zum Geschenk gemacht. Jahre vergingen, und General von Schöning starb. Bei Öffnung seines Testaments fand man in demselben folgendes: »§ 12. Das Bild vom Generalfeldmarschall Grafen Schwerin erhält der liebenswürdige, edle Herr Graf Schwerin auf Tamsel. Nur wenn derselbe eher als ich das Zeitliche segnen sollte, erhält es das Schloß von Tamsel in Anerkennung der treubewahrten Alt-Schöningschen Erinnerungen über und unter der Erde.«

So kam das Bild nach Tamsel. Ein Schöning hatte nunmehr einem Schwerin das Bildnis des berühmtesten Schwerinschen Ahnherrn als Gegengeschenk überreicht.

 

Ich habe geglaubt, bei Aufzählung alles dessen, was Tamsel einerseits an Erinnerungen, andrerseits an Kunstschätzen bietet, ausführlicher verweilen zu sollen, weil diesem schönen Landsitze, durch länger als ein Jahrhundert hin, die Rolle zufiel, nicht nur ein historischer Schauplatz, sondern auch eine Pflegestätte für die Künste zu sein. Wir haben Stätten in unsrer Provinz, die, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, glänzender debütiert oder vorübergehend ein intensiveres Leben geführt haben, aber was dem Ruhme Tamsels an Intensität abgehen mag, das ersetzt er durch Dauer, durch ein konsequentes Sich-auf-dem-Niveau-Halten. Es gibt märkische Schlösser, aus denen berühmtere Feldherrn als Feldmarschall von Schöning, schönere Frauen als Frau von Wreech und glänzendere Poeten als Graf Ludwig Wreech oder Graf Hermann Schwerin hervorgegangen sind, aber es gibt keinen Landsitz, der, wie Tamsel, durch sechs Generationen hin, in bewußter Ausübung und Pflege jeglicher Kunst sich immer gleichgeblieben wäre.

Schloß Rheinsberg, mit dem es überhaupt vieles gemeinsam hat, steht ihm hierin am nächsten, da die Zeit seiner Blüte siebzig Jahre umfaßt. Alle übrigen Schlösser aber, die hierlandes den schönen Künsten ihr gastliches Tor öffneten, sahen die Muse nur zeitweilig in ihren Mauern. Sie kam und ging. Tegel: die Humboldts; Blumberg: Canitz; Wiepersdorf: Achim von Arnim; Nennhausen: Fouqué; Madlitz und Ziebingen: Tieck – alle hatten ihre Zeit, und die literarische Bedeutung dessen, was in ihnen geboren wurde, ging weit über das hinaus, was Tamsel hervorbrachte. Aber dilettantisch, wie alles sein mochte, was der schöne neumärkische Herrensitz entstehen sah, klein, wie das Feuer war, es losch nie aus. Der Besitz wechselte vielfach und ging durch Erbschaft auf immer neue Namen über, jeder folgende jedoch empfand sich stets als Erbe gewisser Traditionen, und die Schönings, die Wreechs, die Dönhoffs, die Schwerins, wie verschieden sonst auch, sie zeigten sich einig in gefälliger Pflege der Kunst.

Und um dieser Eigentümlichkeit Tamsels gerecht zu werden, bedurfte es einer ins einzelne gehenden Aufzählung des reichen Materials, das sich daselbst in Schloß und Park und Kirche zusammenfindet.

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