Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Fontane >

Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
Schließen

Navigation:

Tamsel

Hoch ragt aus schattigen Gehegen
Ein schimmerndes Schloß hervor.
Chamisso

I

Tamsel ist ein reiches, schön gelegenes Dorf, etwa eine Wegstunde nordöstlich von Küstrin. Waldhügel, deren gewundene Linien mutmaßlich das alte Bett der Warthe bezeichnen, schließen es von Norden her ein, während nach Süden hin die Landschaft offen liegt und die Flußarme in allerlei Windungen sich durch das Bruchland ziehen.

Die Küstriner hängen mit einer Art Begeisterung an Tamsel, und bei bloßer Namensnennung überfliegt ein Lächeln ihre Züge, nicht unähnlich jener stillen Heiterkeit, mit der echte Berliner, soweit es deren noch gibt, den Namen »Charlottenburg« auszusprechen pflegen. Hier wie dort mischt sich kein Stolz über Historisches in dieses Lächeln; es ist vielmehr nur der Ausdruck eines plötzlich wiederbelebten Wohlgefallens, einer freundlichen Rückerinnerung an Park und Schloß, an Wasserpartien und Feuerwerke, an allerlei bunte Landschaftsbilder überhaupt, die bei dem freundlichen Klange noch einmal an dem inneren Auge vorüberziehen.

Und doch ist Tamsel ein historischer Name, wie Charlottenburg ein solcher ist. Er hat selbst eine Vorgeschichte. Wir verweilen aber nicht bei dieser und versuchen nicht festzustellen, wann die Templer in seinen Besitz kamen und wann sie diesen ihren Besitz an den Johanniterorden abtraten. Wir übergehen die Jahrhunderte, wo abwechselnd der Küstriner Markgraf und der Sonnenburger Heermeister hier Landeshoheit übten, und beginnen mit verhältnismäßig neuer Zeit, mit Hans Adam von Schöning, der, nach einem ruhmvollen Türkenzuge, wenigstens vorübergehend in die Stille seines väterlichen Tamsels zurückkehrte und das bis dahin aller Wahrscheinlichkeit nach wenig wertvolle Gut in einen prächtigen Landsitz umzuschaffen begann.

Hans Adam von Schöning, bei dessen tatenreichem Leben wir weiterhin länger und eingehender zu verweilen haben werden, machte Tamsel im wesentlichen zu dem, was es jetzt ist, und wenn Um- und Neubauten auch dem Schloß und Park von damals eine nach außen hin veränderte Gestalt gegeben haben, so ist doch in seiner inneren Einrichtung und Ausschmückung gerade noch genug vorhanden, um uns ein Bild von dem Reichtum zu geben, der hier damals zusammenfloß, als ob es eigens darauf angekommen wäre, einen Sitz märkischer Schlichtheit in einen Sitz voll fürstlicher Pracht umzuwandeln. Griechische Handwerker, die Hans Adam von seinem Siegeszuge mit heimbrachte, füllten das rasch emporwachsende Schloß mit Reliefbildern und Skulpturen, und alle Hallen und Säle trugen Stuckornamente, die bis in unsere Tage hinein die Bewunderung der Fremden zu sein pflegten. Alle Zimmer waren paneeliert, die Wände der Galerie aber glänzten bis hoch hinauf im Schmuck einer kostbaren Holzbekleidung, in deren Tafelwerk die großen, goldumrahmten Bilder kunstvoll eingelassen waren. Unter diesen Bildern befanden sich vor allem die lebensgroßen Portraits Hans Adams und seiner Gemahlin: sie unter Blumen, von ihren Kindern umspielt, er zu Roß, den Feldmarschallsstab in der Rechten und die Füße bis hoch hinauf in scharlachrote Gamaschen gesteckt. Und vieles von dieser Pracht ist dem Schlosse bis diesen Tag erhalten geblieben. Noch hängen Jagd- und Blumenstücke von der Hand niederländischer Meister in den halb erleuchteten Korridoren; noch blitzen die Boiserien der Gemäldegalerie wie in alter Zeit, und die Scharlachgamaschen des Feldmarschalls mahnen noch immer an den Sturm auf Ofen, wo knietief im Blute gewatet wurde. Nur die Stuckornamente, die pausbäckigen Engel, die in die Tuba bliesen, und Mars und Minerva, die aufhorchten, als hätten sie solche Klänge nie vernommen, nur diese Deckenreliefs erfreuen das Auge nicht länger. Wegen ihrer Fährlichkeit von Fries und Decke losgelöst, teilten sie das Schicksal des großen Schöningschen Wappensteins, der früher die Front des Schlosses krönte und seitdem, herabgenommen und beiseite gestellt nur selten noch ein Auge findet, das sich durch ihn an alte Zeit und alten Ruhm erinnern läßt.

Uns aber erinnert er daran, und so erzählen wir zunächst die Geschichte Hans Adams, des Erbauers des Schlosses.

Hans Adam von Schöning

Kaum gebiet ich dem kochenden Blute;
Gönn ich ihm die Ehre des Worts?
Oder gehorch ich dem zürnenden Mute?
Schiller

Hans Adam von Schöning wurde am 1. Oktober 1641 zu Tamsel geboren. Sein Vater, ebenfalls ein Hans Adam, war Rittmeister in brandenburgischen Diensten und hatte sich das Jahr vorher mit Marianne von Schapelow auf Wulkow vermählt. Eine andere von Schapelow, vielleicht eine Schwester Mariannens, heiratete sechs Jahre später, wie bereits an anderer Stelle hervorgehoben, den damaligen schwedischen Generalmajor Georg von Derfflinger.

Über die Art, wie Hans Adam seine Kindheit und Jugend im elterlichen Hause zubrachte, fehlt es an Nachrichten. 1658 ging er nach Wittenberg, um die Rechte zu studieren, 1659 nach Straßburg, 1660 nach Paris. Er hatte damit das begonnen, was man damals und auch später noch als die »große Tour« bezeichnete, den Besuch der Höfe und Hauptstädte des westlichen Europa. Nach längerem Verweilen in Paris, wo der Gesandte Kaspar von Blumenthal seinen brandenburgischen Landsmann am Hofe Ludwigs XIV. einführte, begab er sich zunächst über Turin und Mailand nach Venedig, besuchte im selben Jahre noch Rom, Neapel, Messina und Syrakus, erschien im September 1662 vor dem Großmeister des Malteserordens auf Malta, bat um die gern gewährte Ehre, einen Streifzug gegen die Ungläubigen mitmachen zu dürfen, wandte sich dann nach glücklicher Rückkehr von Malta nach Spanien, von Spanien nach England und kehrte über Amsterdam und Hamburg, nach einer fünfjährigen Abwesenheit, in die märkische Heimat zurück. »Er betrat sie wieder, nachdem er« – wie sein Biograph sich ausdrückt – »alles gesehen hatte, was es damals Großes und Ausgezeichnetes in Europa gab: den üppigen Hof des prachtliebendsten Königs, die Kunstschätze Italiens, den Glanz der Fastnachtsspiele in Venedig, das ritterliche Treiben auf Malta, den Hof der Dorias, die Grandezza Spaniens und die junge Freiheit der Niederlande.«

Ich habe bei der vorstehenden Aufzählung absichtlich länger verweilt, um daran einige Betrachtungen über die Erziehung junger Edelleute von damals und von heute zu knüpfen. Wir sind nur allzusehr geneigt, unsere jetzige Methode als etwas vergleichsweise Vorgeschrittenes und Zweckentsprechendes anzusehen, und doch möchte sich die Frage aufwerfen lassen: Wie viele Familien haben wir zur Zeit im Brandenburgischen, die geneigt sind, einen derartigen »Kursus«, eine fünfjährige Tour durch Europa, lediglich an die weltmännische Ausbildung ihrer Söhne zu setzen? Damals war ein derartiges »Die-Hohe-Schule-Beziehen« so allgemein, daß unser Hans Adam seinen Pariser Aufenthalt mit einem Aufenthalt in Orléans vertauschen mußte, »weil ihm die Anwesenheit so vieler Deutschen in Paris an völliger Erlernung der französischen Sprache hinderlich war«.

Seit hundert Jahren ist bei uns »die Armee« die Hohe Schule für die Söhne unserer alten Familien geworden, und so unleugbar der große politische und nationale Fortschritt ist, der in dieser Wandlung der Dinge liegt, so fraglich erscheint es doch, ob dem gegenwärtig Gültigen auch nach der Seite der weltmännischen Bildung hin der Vorzug gebührt. Jene edelmännische Erziehung, die Hans Adam von Schöning erhielt, erweiterte den Blick, während unsere jetzige nur allzusehr geeignet ist, den Blick zu beschränken. Wie vorzüglich auch das sein mag, was daheim gehegt und gepflegt wird, die Isolierung hindert die Wahrnehmung, ob draußen in der Welt nicht vielleicht doch noch ein Vorzüglicheres entstanden ist. Wir haben diesen Fehler einmal in unserer Geschichte schwer gebüßt. Die Armee müßte nur die eine Hälfte unserer adeligen Erziehung sein und die andere Hälfte, nach Vorbild dessen, was früher Sitte war, folgen. Der Eintritt aus des Vaters Edelhof in die Armee und der Rücktritt aus der Armee in den Edelhof – das genügt nicht mehr. Es ist dies einer der Punkte, wo das Bürgertum den Adel, wenigstens den unsrigen, vielfach überholt hat.

Aber wenden wir uns wieder unserm Schöning zu. Bald nach seiner Rückkehr starb sein Vater (1665), und kaum vierundzwanzig Jahr alt, wurde Hans Adam Besitzer von Tamsel. Ziemlich um dieselbe Zeit trat er in kurfürstlichen Dienst, vermählte sich 1670 mit einem Fräulein von Pöllnitz, avancierte rasch, wurde Rittmeister, Oberst, Gouverneur von Spandau und war mit kaum sechsunddreißig Jahren Generalmajor. Dieser seiner Ernennung, die 1677 erfolgte, waren aber bereits kriegerische Ereignisse: eine Campagne am Oberrhein gegen Turenne (wo ihm bei Erstürmung eines festen Platzes die drei äußern Finger der rechten Hand zerschmettert wurden), die Verjagung der Schweden aus der Mark Schöning war nicht mit bei Fehrbellin. Er befand sich unter den Fußtruppen, die, unser dem Oberbefehl General Görtzkes, den Reiterregimentern nachrückten. und die Eroberung Stettins, vorausgegangen.

Hans Adam von Schöning war nun Generalmajor. Die beiden ersten Akte des Krieges mit Schweden hatten ausgespielt. Die Marken waren befreit, Stettin erobert. Das folgende Jahr brachte gleiches Waffenglück. Rügen wurde besetzt, und das feste Stralsund, das seit den Tagen Wallensteins für uneinnehmbar gegolten, fiel, nach weniger als einer Woche, in die Hände des Kurfürsten. An allen diesen Waffentaten nahm Hans Adam rühmlichen Anteil; wir folgen ihm aber bei keiner derselben und begleiten ihn vielmehr auf dem weniger durch seine Resultate als durch die glänzende Art der Ausführung berühmt gewordenen »Winterfeldzuge in Preußen«.

Dieser Winterfeldzug, wie er den Schlußakt des Schwedenkrieges bildet, gab auch Schöning zum ersten Male Gelegenheit, sich in hervorragender Weise geltend zu machen. Die Veranlassung zu dieser »Januarcampagne zwischen Pregel und Düna« ist bekannt. Der schwedische General Horn war im November mit 16 000 Mann in Ostpreußen eingefallen, hatte die festen Plätze weggenommen und bedrohte Königsberg. Die Nachricht davon traf den Kurfürsten im Dezember 1678. Sofort beschloß er, durch »einen raschen Ritt« die Schweden ebenso aus Ostpreußen hinauszuwerfen, wie er sie vier Jahre früher aus der Mark hinausgeschlagen hatte. Wenn schon der »Ritt auf Fehrbellin« um seiner Kühnheit willen bewundert worden war, um wieviel mehr mußte dieses neue Kriegsabenteuer in Erstaunen setzen, das bei bitterer Kälte, in unwirtbare Gegenden hinein, unternommen wurde. Am 30. Dezember brach der Kurfürst auf; am 10. Januar 1679 war er in Marienwerder und nahm Musterung über das kleine Heer ab, das er so rasch von der Oder aus bis an die Weichsel geführt hatte. Die Schweden standen am Pregel, dicht vor Königsberg, das durch 3000 Brandenburger unter General Görtzke verteidigt wurde. Vergleiche Seite 221 f.

Die Aufgabe, die sich der Kurfürst gestellt hatte, war ersichtlich die: mit einer Hälfte seiner Truppen die Königsberger Besatzung unter Görtzke zu verstärken, mit der andern Hälfte die Schweden zu umgehen. Dann sollte Görtzke von Königsberg aus angreifen, während der Kurfürst selbst dem Feinde den Rückzug abschneiden und ihn auf einen Schlag vernichten wollte.

Was indessen auf dem berühmten Ritte »vom Rhein bis an den Rhin« möglich gewesen war, nämlich das Verschwiegenbleiben des Unternehmens, das erwies sich als unmöglich auf dem Wege von der Oder bis zur Weichsel: – es wurde nicht reiner Mund gehalten, und die Schweden schlüpften aus dem Garn. Ihr Rückzug ging auf Tilsit. Der Kurfürst, als er diese Nachricht empfing, resolvierte sich schnell, und da von Einschließung und Gefangennahme des Feindes nicht länger die Rede sein konnte, so galt es, ihn einzuholen. In Geschwindmärschen ging es bis Braunsberg und Heiligenheil, dann – um Zeit zu sparen – in Schlitten über das Frische Haff. Schon am 16. war Königsberg erreicht, und nach eintägiger Hast folgte man in drei Abteilungen den Schweden, die mittlerweile Tilsit besetzt und daselbst haltgemacht hatten. Die drei brandenburgischen Abteilungen bestanden aus einer äußersten »Spitze« von 1000 Mann, aus einer eigentlichen Avantgarde von 3000 und aus einem Gros von etwa 5000 Mann. Treffenfeld führte die Spitze, Görtzke die Avantgarde, Derfflinger und der Kurfürst selbst das Gros. Wie die Truppen zehn Tage früher das Frische Haff passiert hatten, so jetzt das Kurische zwischen Labiau und Gilge; aber die Nähe des Feindes erlaubte keine Schlittenfahrt mehr, und kampffertig, in Reih und Glied ging es über das Eis. Die Schweden standen inzwischen nach wie vor bei Tilsit und schienen entschlossen, das preußische Gebiet nicht ohne Schwertstreich räumen zu wollen. So kam es zweimal zu einem blutigen Rencontre: am 20. bei Splitter, wo Treffenfeld, ähnlich wie bei Fehrbellin, der Held des Tages war; dann tags darauf, am 21., bei Heydekrug, wo Görtzke die feindliche Arrièregarde angriff und halb vernichtete. Bis dahin waren alle Ehren des Kampfes den beiden Avantgardeführern zugefallen; erst der weitere Verlauf des Kampfes gab auch Schöning Gelegenheit, sich auszuzeichnen.

Das Gefecht bei Heydekrug hatte über die Schweden entschieden, und in schleunigem Rückzuge ging es nördlich auf Riga zu. Die Frage für den Kurfürsten war, ob er diesen Rückzug ruhig gestatten oder die Fliehenden verfolgen und sich eines gefährlichen Feindes womöglich für immer entledigen sollte. Er entschied sich für das letztere. Die schwierige Aufgabe der Verfolgung, des Nacheilens durch verschneite Wüsteneien hin, fiel Schöning zu. Mit 1600 Reitern brach er auf. Diese bescheidene Zahl würde der schwedischen Armee gegenüber, die immer noch nach Tausenden zählte, sicherlich in eine sehr bedenkliche Lage gekommen sein, wenn nicht die verfolgenden Brandenburger in der litauischen Bevölkerung einen Bundesgenossen gefunden hätten. Kälte und Bevölkerung schienen sich zu einer völligen Vernichtung der Schweden verschworen zu haben. Oberst Truchseß, den Schöning auf diesem Zuge mit einer Meldung an den zur Zeit noch in Königsberg weilenden Kurfürsten zurückschickte, traf mit den Worten im Hauptquartier ein: die Brandenburger hätten keine Wegweiser nötig, um dem Feinde zu folgen, weil der ganze Weg mit toten Schweden bedeckt sei. »Viele kommen vor Kälte um, aber die meisten fallen von den Händen der Landesbewohner; die litauischen Bauern schlagen die Schweden mit Keulen tot und legen die Keulen alsdann auf den erschlagenen Körper.«

So war die Lage des schwedischen Heeres. Aber wir würden irren, wenn wir daraus den Schluß ziehen wollten, daß es ein leichtes gewesen wäre, diesem Heere zu folgen. Das Folgen selbst, ganz abgesehen von Kampf und Krieg, war ein Schrecknis. Die Kälte stieg oft auf sechsundzwanzig Grad, vielen erfroren ganze Gliedmaßen, niemand hatte Geld, und die wenigen, die noch eine Münze in der Tasche hatten, konnten meist nichts dafür erstehen. So näherte man sich Telcze, einem Städtchen etwa halben Weges zwischen Tilsit und Riga und nur fünf Meilen noch von der kurischen Grenze (damals schwedisch) entfernt. Hier beschloß Horn, der ohnehin mit Beschämung wahrgenommen haben mochte, daß der verfolgende Gegner um vieles schwächer sei als er selbst, das Glück der Waffen noch einmal zu versuchen, und ziemlich unvermutet sahen sich Schöning und seine Brandenburger einem plötzlich standhaltenden Gegner gegenüber, den man sich gewöhnt hatte auf diesen Schneefeldern zu verfolgen, aber nicht zu bekämpfen. Von dem Augenblick ab, wo sich Horn zu dem Entschluß eines Widerstandes aufraffte, war die Lage Schönings eine sehr bedrohte. Nichtsiegen war gleichbedeutend mit völligem Zugrundegehen. So kam es zum Gefecht bei Telcze.

Horn hatte von seinen 16 000 noch etwa 3000 Mann übrig, mit ihnen eine ziemliche Anzahl von Geschützen; Schöning, da die bittere Kälte viel Menschenleben gekostet hatte, verfügte über wenig mehr als 1200 Reiter und Dragoner. Die Aufstellung, die er nahm, war kurz folgende: die Reiterei in zwei Treffen, in Front des Feindes, die Dragoner aber, nachdem sie abgesessen, in ein links und rechts gelegenes Gehölz, um im entscheidenden Momente die Schweden in beiden Flanken nehmen zu können. Diese glückliche Terrainbenutzung entschied den Tag. Oberst von Dewitz, ein Schwiegersohn Derfflingers, eröffnete den Angriff und warf einige Compagnien schwedischen Fußvolks über den Haufen; aber er drang nicht durch, und die Gegner ihrerseits machten jetzt Miene, zum Angriff überzugehen. In diesem Augenblicke ließ Schöning die Dragoner aufsitzen und brach von zwei Seiten her mit Ungestüm in die vorrückenden Schweden ein. Ein Gemetzel begann, da jeder instinktmäßig fühlte, daß fliehen verderblicher sei als fechten, und erst die hereinbrechende Nacht machte dem Kampf ein Ende. Keiner hatte ein Recht, sich den Sieg zuzuschreiben, aber die Schweden zogen sich in der Dunkelheit zurück und erklärten sich dadurch für geschlagen. Die Verluste waren auf beiden Seiten ungeheuer. Die feindlichen Offiziere hatten, während des ganzen Kampfes, immer in langer Linie vor der Front ihrer eigenen Leute gefochten, und vom schwedischen Leibregiment war alles tot oder verwundet. Auch Hans Adam war, an der Spitze seiner Dragoner, nur durch die Geistesgegenwart eines Rittmeisters gerettet worden, der einem schwedischen Reiter das Pistol aus der Hand schlug, das dieser eben auf Schöning abfeuern wollte. An den zwei folgenden Tagen ließ dieser durch kleine Streifcorps die Verfolgung der Schweden bis in die Nähe von Riga fortsetzen; dann trat er selbst den Rückzug an, um dem, wie schon erwähnt, in Königsberg zurückgebliebenen Kurfürsten wenige Trophäen nur, aber die schwerwiegende Nachricht von der gänzlichen Auflösung des schwedischen Heeres zu bringen.

Dieser glänzende Zug bis an die kurische Grenze, das erste Unternehmen, das Schöning in voller Selbständigkeit ausgeführt hatte, hob sein Ansehen in den Augen des Kurfürsten, der ihm bereits so mannigfache Beweise seiner besondern Gunst gegeben hatte, und Hans Adam, der mit sechsunddreißig Jahren zum Generalmajor ernannt worden war, wurde mit zweiundvierzig Jahren Generallieutenant und Gouverneur von Berlin, das damals, nach Plänen des alten Feldmarschalls Sparr, von fünf Ravelins und dreizehn Bastionen eingefaßt durchaus den Charakter einer Festung hatte.

Wir verweilen aber nicht bei den Friedensjahren unseres Generallieutenants, sondern begleiten ihn statt dessen auf seinem Türkenzuge, bis zur Erstürmung der Festung Ofen.

Zwischen Kaiser und Kurfürst war ein Vertrag zu gegenseitiger Hülfeleistung geschlossen worden, und in Gemäßheit dieses Vertrages sah sich der Kurfürst gezwungen, zu einem bevorstehenden »Zuge gegen die Ungläubigen«, dessen Hauptzweck die Einnahme Ofens war, ein Hülfscorps von 8000 Mann zu stellen. Der Kurfürst sah sich »gezwungen«, diese Auxiliarmacht zu stellen; aber wir würden irren, wenn wir aus dieser Bezeichnung ableiten wollten, daß der Kurfürst nur einem Zwange nachgegeben und für die Besiegung des Christenfeindes kein Herz gehabt habe. Die Sache war einfach die, daß er seinem erschöpften, durch immer neue Kriege gegangenen Lande vor allem den Frieden gönnte. Der protestantische Norden stand ohnehin anders zur Türkenfrage wie der katholische Süden, ja, ein bedrohtes Osterreich erschien manchem lutherischen Herzen als gleichbedeutend mit Sicherung und Kräftigung des Protestantismus; aber weit über dieses Abwägen einzelner hinaus ging doch, als Grundstimmung, durch die ganze Christenheit ein Doppelgefühl von Furcht und Haß gegen die Ungläubigen. Das siegreiche Vordringen der Türken bis an die Tore Wiens (1683) war noch frisch im Gedächtnis, und eine dunkle, im Volke fortlebende Erinnerung an die Tatarenhorden, die einst bis an die Oder hin alles verwüstet hatten, mochte auch in den kurfürstlichen Landen die Vorstellung einer Gefahr und den guten Willen, ihr vorzubeugen, wachgerufen haben. Als Ofen endlich gefallen war, weckte die Nachricht davon in ganz Europa ein Gefühl freudigen Dankes. Aus Rom wurde berichtet: »der Papst habe mit lauter Stimme und unter den Dankestränen der Kardinäle das Gebet verrichteter. Überall wurden Feste gefeiert, in Genua, Madrid, Brüssel etc. drei Tage lang, und der Kurfürst schrieb, daß er die vergnügte, für die gesamte Christenheit so importante Nachricht während des Gottesdienstes in Potsdam empfangen und dem Allerhöchsten für die Besiegung eines so blutdürstigen Feindes öffentlich gedankt habe«. Man empfand die Abwendung einer Gefahr, die das Christentum überhaupt bedroht hatte.

Wenn dieses Gefühl schon im protestantischen Norden lebendig war, so stieg es in den katholischen Ländern Südeuropas bis zu einem Enthusiasmus, ähnlich dem, wie ihn die Kreuzzüge gesehen hatten. Von allen Seiten strömten Freiwillige auf den Kampfplatz, besonders aus Spanien. In Wien fanden sich diese Volontairs zusammen, darunter allein sechzig Katalonier, und wurden dem Starhembergischen Regimente als eine eigene Truppe beigegeben. Astorga, ein Spanier, führte dieses Freiwilligencorps, das später vor Ofen mit höchster Auszeichnung focht und beinahe vollständig aufgerieben wurde. Gleich zu Anfang, bei einem der ersten Ausfälle der Türken, fielen der Herzog de Vecha, ein Grande von Spanien, und Karl Freiherr von Derfflinger, jüngster Sohn des Feldmarschalls, der, von einer Reise in Italien eben zurückkehrend, in die Astorgasche Volontaircompagnie eingetreten war. Der Herzog von Vecha wurde in vollem Ornat, angetan mit dem Orden des Goldenen Vlieses, vor dem Zelte des Obergenerals, des Herzogs Karl von Lothringen, zur Schau gestellt. Windlichter umstanden den Sarg, und alles drängte sich herbei, den Gefallenen zu sehen. – Karl von Derfflinger war derselbe, bei dessen Todesnachricht der alte Feldmarschall die bekannten Worte: »Warum hat sich der Narr nicht besser in acht genommen!« gesprochen haben soll. Wilhelm von Oranien sagte nach der Schlacht an der Boyne, als ihm der Tod des Bischofs von Derry gemeldet wurde: »Ganz recht, warum war er auch, wo er nicht hin gehörte!« Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese Wendung, etwas verändert und um vieles weniger passend, auf Derfflinger übertragen worden ist.

Wir sind aber, in der Absicht, den Geist zu schildern, der damals das christliche Europa durchwehte, Schöning weit vorausgeeilt, den wir zunächst noch in Krossen, an der märkisch-schlesischen Grenze, finden, wohin von Ost und West, von Königsberg und Kleve her, die Truppen beordert waren, die nach dem Willen des Kurfürsten das brandenburgische Hülfscorps bilden sollten. Der Kurfürst selbst nahm am 17. April die Musterung ab. Ein Augenzeuge beschreibt die Truppen wie folgt: »Die Service war überaus kostbar, und trachtete darinnen einer den andern zu übertreffen, indem etliche sie gar von Augsburg und anderen Orten hatten herbeischaffen lassen. Die Infanterie war blau, die Artillerie braun, die Kavallerie, sowohl Reiter als Dragoner, in lederne Kollette gekleidet. Zwei Soldaten bekamen ein Zelt und einen Strohsack (welch ein Train!), damit sie, wenn sie an einem Ort anlangten, nicht nach Holz oder Stroh laufen dürften. Die Unteroffiziere und Pikeniere hatten Pistolen im Gürtel und die Derfflingerschen Bataillone Kessel an der Seite; die Reiter und Dragoner führten dabei noch Dolche.« So waren die 8000 Brandenburger, die durch Schlesien und den Jablunka-Paß vor die Türkenfestung Ofen zogen, Hans Adam von Schöning als Oberstkommandierender, General von Barfus und General von der Marwitz als nächste im Kommando.

Am. 24. Juni trafen die Brandenburger vor Ofen ein, das bereits seit mehreren Wochen von einer Reichsarmee von über 90 000 Mann unter Führung des Herzogs von Lothringen belagert und durch 14 000 Janitscharen und Spahis unter Oberbefehl von Abd ur Rahmân Pascha verteidigt wurde. 1200 Brandenburger unter General von der Marwitz rückten sofort in die Linie ein, avancierten unter dem lauten Beifall der ganzen alliierten Armee bis auf fünfzig Schritt an die Stadtmauer und stellten rechts und links ihre Verbindung mit den Kaiserlichen her. Die Festung war nun völlig zerniert. Aber noch über zwei Monate vergingen bis zum letzten siegreichen Sturm, und während dieser Monate wurden, wie die Belagernden überhaupt, so auch namentlich die Brandenburger von immer wachsenden Verlusten betroffen. Der Minenkrieg kostete Opfer über Opfer, und die zahlreichen Ausfälle konnten nur mit großem Verlust an Menschenleben zurückgeschlagen werden. Von drei Grafen Dohna, die mit vor Ofen waren, fielen zwei, während der dritte, Graf Christoph, dessen Memoiren für die Geschichte jener Zeit und jener Belagerung so wichtig sind, verwundet wurde. In Wahrheit traf das Sprüchwort zu, das damals in Kurs kam: »Je näher dem Ofen, je größer die Hitze.« Taten größter persönlicher Tapferkeit geschahen von beiden Seiten. Lieutenant von Wobeser, nachdem sein älterer Bruder, ein Capitain im Bataillon Prinz Philipp, von einem Spahi niedergesäbelt war, ging vor, um seinen Bruder zu rächen oder sein Schicksal zu teilen, und auf einen türkischen Anführer förmlich Jagd machend, zerschmetterte er ihm, im endlichen Zweikampf, mit einem Morgensterne den Kopf.

Der 17. August war der Tag, der über das Schicksal der Festung entschied. An diesem Tag erschien vor Ofen das große türkische Heer, 70 000 Mann stark, unter Führung des Großveziers, das die Aufgabe hatte, die hart bedrängte Festung zu entsetzen. Es kam zur Schlacht angesichts der Belagerten, und das türkische Heer wurde geschlagen. Von diesem Augenblick an war die Einnahme der Festung nur noch eine Frage der Zeit. Am 2. September schritten die Christen zum Sturm. 8000 Mann, zur Hälfte Kaiserliche, zur Hälfte Brandenburger, jene vom Herzog von Croy, diese vom General von Barfus geführt, bildeten die Sturmkolonne und drangen unwiderstehlich vor. Nachdem die Palisaden erklettert waren, drang man in die Straßen der Stadt ein. Nur Türken und Juden hausten darin, und alles wurde niedergemacht, leider auch Weiber und Kinder. Die Türken steckten weiße Fahnen aus, zum Zeichen, daß sie bereit seien, sich zu ergeben, aber die Stürmenden rissen die Fahnen nieder und ließen alles über die Klinge springen. Vergebens mühte sich der Herzog von Lothringen, dem Gemetzel ein Ende zu machen; 9000 wurden erschlagen; ein Rest von Janitscharen, der sich in das feste Schloß gerettet hatte, kapitulierte am andern Tage. Unter diesen, da sein Tod nicht gemeldet wird, befand sich mutmaßlich auch Abd ur Rahmân selbst, ein geborener Schweizer mit Namen Coigny. Schon während der Belagerung war er von einem in die Stadt geschickten Parlamentäroffizier namens Wattenwyl als Landsmann erkannt worden.

Auch die brandenburgischen Oberoffiziere waren bemüht gewesen, dem Blutvergießen Einhalt zu tun, und hatten durch ihr Dazwischentreten gerettet, wo noch zu retten war. Aber nur in einzelnen Fällen war es ihnen geglückt. General von Barfus rief zwei Türken Pardon zu, welche wie Verzweifelte sich wehrten, und brachte sie dem Kurfürsten als die Tapfersten nach Berlin. Schöning dagegen hatte das Glück, zwei schöne Türkinnen, noch Kinder, den Händen der alles niedermachenden Soldaten zu entreißen. Was aus dem älteren Mädchen geworden, entzieht sich unserer Kenntnis; die jüngere aber wurde, unter Beibehaltung ihres türkischen Namens, Fatime getauft und von Schöning, der sie mit nach Tamsel nahm, sorgfältig erzogen.

Fatime kam später nach Warschau, wo sie, ebensosehr durch ihre blendende Schönheit wie durch das romantische Interesse ihres Geschicks, aller Augen auf sich zog und ein Glanzpunkt der Gesellschaft wurde. Unter ihren Bewerbern war auch König August, dem sie lange widerstand, bis sie endlich dem Grafen Rutowski das Leben gab. Fatime vermählte sich später in die Spiegelsche Familie; ihr Sohn Rutowski aber stieg bis zum sächsischen Feldmarschall und ist, wenn wir nicht irren, derselbe, der bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges gezwungen war, bei Pirna zu kapitulieren. Wie Fatime in Polen und Sachsen, so spielte eine andere Türkin, Emmetah Uellah, fünfzig Jahre später in Preußen eine Rolle. Im Jahr 1766 kam der bekannte Lord Marshall, der letzte »Freund« des Königs, nach Potsdam und lebte in dem nach ihm genannten Hause in Sanssouci. Ihn begleitete seine Pflegetochter Emmetah Uellah, die Tochter eines Janitscharenhauptmanns, welche sein Bruder, der Feldmarschall Keith, im Jahre 1737, bei der Erstürmung der Festung Oczakow, vor sicherem Tode gerettet hatte. Emmetah Uellah (»die Barmherzigkeit Gottes«) war eine auffallende Schönheit und in hohem Grade liebenswürdig. Schon 1747, als sie mit dem damals noch kaiserlich-russischen Feldmarschall zum ersten Male nach Berlin kam, hatte sie allgemeines Aufsehen erregt und auf den Gesandtschaftsreisen ihres Pflegevaters sich so vorteilhaft ausgebildet, daß sie mit ungezwungenstem Anstand die Honneurs des Hauses machen konnte. D'Alembert erzählt von ihr, Lord Marshall, obgleich schon im Greisenalter, habe eine leidenschaftliche Neigung für sie gefaßt, sei aber nicht erhört worden. Emmetah erwiderte auf den Antrag des Lords: »Ich bin deine Sklavin, und du kannst mit mir schalten, wie du willst; aber du würdest mich sehr unglücklich machen, wenn du von deinem Rechte Gebrauch machen wolltest. Ich liebe dich, wie eine zärtliche Tochter ihren Vater nur lieben kann, mehr aber verlange nicht von mir!« Lord Marshall dachte viel zu edel, um der Unterwürfigkeit seiner Sklavin zu verdanken, was die Liebe des Mädchens ihm versagte, und selbst die giftigste Zunge unter den Tischgenossen Friedrichs hat es nicht gewagt, das Verhältnis zwischen beiden zu verdächtigen. Der König, welcher nicht liebte, Frauenzimmern in Sanssouci zu begegnen, sah sie nur bei seinen Besuchen in Lord Marshalls Hause, wo sie in den ersten Jahren die liebenswürdigste Wirtin zu machen wußte. Emmetah war wohl vorzüglich die Veranlassung, daß Lord Marshall sich von jungen Offizieren der Potsdamer Garnison gesucht und umgeben sah, die er dann für die spanische und englische Literatur, namentlich für den damals in Deutschland noch wenig bekannten Shakespeare, zu interessieren suchte.

Doch wir kehren zu Schöning und dem Türkenkriege zurück. – Die Beute, welche in Ofen gemacht wurde, war überaus groß. Namhafte Summen von Dukaten und Zechinen sowie Edelsteine und orientalische Perlen fielen den Siegern in die Hände. Unter den 500 großen Geschützen, die man eroberte, befand sich auch eine vierundzwanzigpfündige Schlange mit dem brandenburgischen Wappen, die nun dem Führer des brandenburgischen Hülfscorps als Trophäe zurückgegeben wurde. Außerdem überbrachte Schöning dem Kurfürsten einen türkischen Roßschweif und ein paar tatarische Pauken, Siegeszeichen, die sich bis auf diese Stunde im Berliner Zeughause vorfinden.

Der Rückmarsch ging abermals durch die Jablunka, und am 7. Dezember trafen die Brandenburger wieder in ihrer Heimat ein. Sie hatten unzweifelhaft mit großer Tapferkeit gefochten (fast die Hälfte war vor Ofen geblieben; dreißig Offiziere tot und einundsechzig verwundet), und die Türken gaben ihnen deshalb den Beinamen »Feuermänner«. Zugleich brachten sie das Sprüchwort in Umlauf: »Der steht wie ein Brandenburger.« Schöning aber, von seinem Landesherren reichlich geehrt, empfing ebenso vom Kaiser Leopold mannigfache Beweise seiner Huld, darunter einen mit Diamanten besetzten Degen von großem Wert.

Wir nähern uns nun jener Epoche im Leben unseres Helden, die durch einen kleinen, scheinbar geringfügigen Vorfall den Namen desselben ungleich bekannter gemacht hat als aller Glanz seiner Siege zusammengenommen. Ich meine seinen Streit mit General Barfus. Das Persönliche ist immer das Siegreiche. Die Schlachten und Belagerungen sind vergessen, oder doch halb vergessen, aber bis diesen Tag lebt in Barnim und Lebus das Sprüchwort fort: »Die hassen sich wie Schöning und Barfus.« Wir wollen erzählen, wie es zu diesem Hasse kam.

Schöning war ein Glückskind und hatte, freilich nicht ohne großes persönliches Verdienst seine Carrière über die Köpfe anderer Leute hin gemacht. Er war sechs Jahre jünger als Barfus und ihm doch immer um sechs Jahre voraus. Das ergab eine Differenz oder, wenn man so will, eine Ungerechtigkeit von zwölf Jahren. Der einundfünfzigjährige Barfus hatte vor Ofen unter dem fünfundvierzigjährigen Schöning gestanden, und zu der natürlichen Bitterkeit, die sich einfach schon aus diesen Zahlen ergeben konnte, mochte sich bei Barfus die Betrachtung gesellen, daß ihm die grobe Arbeit des Belagerns und Sichherumschlagens, dem Oberstkommandierenden aber das Vergnügen des Repräsentierens, des Dinierens im herzoglichen Zelt und schließlich die Entgegennahme eines mit Diamanten besetzten Degens zugefallen sei. Jetzt, drittehalb Jahre später, im Sommer 1689, standen beide Generale ebenso am Rhein, wie sie damals an der Donau gestanden hatten, das heißt, Schöning war abermals dem Barfus um einen Pas voraus, und wiewohl ein vorliegender Bericht aus jener Zeit eigens mit den Worten beginnt: »Es hat der Generallieutenant von Barfus dem General-Feldmarschall-Lieutenant von Schöning bisher jedesmal den gebührenden Respekt gegeben«, so wagen wir doch, ohne das Gemeldete geradezu bestreiten zu wollen, die Vermutung, daß dem Barfus dieser »gebührende« Respekt in seinem Herzen sehr schwer und die Bezeugung desselben um ebendeshalb etwas eckig geworden sein wird.

Das Hauptkriegsereignis im Sommer des genannten Jahres war die Belagerung des von den Franzosen besetzten Bonn. Ehe die Brandenburger unter des Kurfürsten und Schönings Führung energischer vorgehen konnten, war ein Zurückdrängen der Franzosen aus den kleineren Plätzen, die in der Nähe von Bonn lagen, nötig. Es kam dabei zum Gefechte bei Ordingen oder Uerdingen, das, von Schöning trefflich entworfen und von Barfus, der den rechten Flügel befehligte, mit vieler Bravour ausgeführt, dem Kurfürsten Raum schaffte, die Festung enger und mit mehr Aussicht auf Erfolg zu umschließen.

Die Zernierung hatte schon über zwei Monate gewährt, als von dem durch Herzog Karl von Lothringen belagerten Mainz her die Nachricht anlangte, daß ein französisches Entsatzheer heranrücke und eine Verstärkung des dortigen deutschen Belagerungsheeres dringend wünschenswert mache. Barfus mit 6000 Brandenburgern ward auf diese Nachricht hin von Bonn nach Mainz detachiert. Als er am 30. August vor dem Kurfürsten Friedrich III., späterem König Friedrich I., erschien, um sich zu verabschieden, kam es im Vorzimmer zu folgender Szene. Ähnliche Eifersüchteleien und ein entsprechender Grad von Verbitterung herrschte damals überhaupt in der brandenburgischen Armee, und Schöning, was neben manchem andern ihn entschuldigen mag, war all die Zeit über gereizt worden. Vielfach wurden ihm die Honneurs versagt, besonders seitdem Feldmarschall Schomberg bei der Armee war. Graf Dohna zum Beispiel, der – ein Anhänger Schombergs und ein Gegner Schönings – als Obristlieutenant bei den Grands Mousquetaires stand, rief den Offizieren zu, als Schöning ihre Reihen passierte: Meine Herren, daß Sie nicht grüßen! Ich verbiete es Ihnen.«

Barfus fand den Schöning auf einem Stuhle sitzend vor und trat mit der Meldung an ihn heran: »daß er mit dem detachierten Corps nach Mainz marschiere, was er hiermit dem Herrn Feldmarschall-Lieutenant zu wissen tue«. Hierauf gab Schöning eine »choquante Antwort«, etwa dahin gehend: »wie es ihn wundernähme, daß ihm der Barfus endlich einmal die Zivilität täte und ihm die gebührende Meldung mache«. Barfus, dieser choquanten Sprache begreiflicherweise choquant begegnend, antwortete schnell, »daß er die Meldung nur auf Befehl des Kurfürsten gemacht und sie sicher unterlassen haben würde, wenn er gewußt hätte, daß er einer solchen Antwort zu begegnen habe«. Darauf Schöning: »Auch ohne Befehl des Kurfürsten wäre die Meldung seine Schuldigkeit gewesen.« Worauf man sich trennte.

Aber diese Szene im Vorzimmer war nur Vorspiel. Barfus, als er eben das Haus verlassen hatte, hörte sich von dem hinter ihm hereilenden Schöning angerufen, der ihn jetzt aufforderte, mit ihm auf die Seite zu treten. Barfus war dazu bereit; Schöning aber, statt beiseite zu treten, stellte sich etwa 100 Schritte vor der Hauptwache auf und rief Barfus zu, er solle den Degen ziehen. Barfus durchschaute das Spiel, das offenbar darauf aus war, ihn angesichts von Zeugen zu einer Insubordination hinzureißen, und ließ bedächtig den Degen in der Scheide. Schöning aber wiederholte sein: »Zieht, Herr Generallieutenant!« und rief ihm endlich zu: »Der Teufel soll mich holen, wenn dieser Barfus das Herz hat, den Degen zu ziehen!« Dabei schlug er zu gleicher Zeit dem Barfus den Stock aus der Hand, auf den sich dieser in vorgebogener Stellung während des ganzen Zwiegesprächs gestützt hatte. Barfus bückte sich, um den Stock wieder aufzuheben, und stieß dann mit dem spanischen Rohre nach Schöning, was dieser durch einen Stoß gegen des Gegners Hals erwiderte. Das war zuviel. Barfus fluchte: »Ei Sacrement!« und zog seinen Degen. Schöning sah ihm lächelnd zu, und seine beiden Arme ineinandergeschlagen, rief er jetzt: »Haha, Monsieur zieht seinen Degen zuerst!« und zog dann auch. Es sprangen aber andere Militärs dazwischen, und die Streitenden wurden getrennt. Arrest folgte.

Dieser Vorfall machte größeres Aufsehen als die ganze Belagerung von Bonn, die beiläufig am 2. Oktober mit Übergabe der Festung endete, und führte neun Monate lang zu einem halb juristischen, halb diplomatischen Kampf, in dem sich die gegenüberstehenden Parteien, die Schöningsche und die Barfussche, in unzähligen Briefen, Eingaben, Gutachten etc. befehdeten. Aber die Partei Barfus war stärker. Die einflußreichsten Leute des Hofes: Danckelmann, Spanheim, Otto von Schwerin, alle nahmen, entweder weil die Sache selbst oder aber der hochfahrende Charakter Schönings zugunsten Barfus' sprach, die Partei des letzteren, und am 17. Juni 1690 erschien endlich folgendes kurfürstliches Reskript, das den Feldmarschall-Lieutenant von Schöning, ohne einem Rechtsspruch vorgreifen zu wollen, in ziemlich ungnädigen Worten aus dem brandenburgischen Dienst entließ: »Se. kurfürstliche Durchlaucht haben Sich unterthänigst referiren und in Dero Geheimen Rath vortragen lassen: was Dero würklich Geheimer Kriegsrath und General-Feldmarschall-Lieutenant, der von Schöningen, sub dato Weißen-See bei Berlin den 11. Juni gehorsamst supplicirt und gebeten. Wohin denn S. K. Durchlaucht Sich dahin nochmalen in Gnaden erklären: daß Sie nicht unterlassen werden, in den zwischen gemeldetem Feldmarschall-Lieutenant und dem General-Lieutenant von Barfus entstandenen Mißhelligkeiten gebührende Justiz administriren und solche rechtlich untersuchen, erörtern und decidiren zu lassen. Daß aber S. K. Durchlaucht Dero General-Lieutenant des von Barfusen Person zu Dero Diensten bei Ihrer Armee indessen zu employiren resolviret, dessen haben Se. kurfürstliche Durchlaucht sowohl wegen deren hohen Interesse und Diensten, als auch in Consideration seiner, des von Barfusen, bisher observirten unterthänigsten Conduite und sonsten bewegende Ursachen gehabt und lassen es auch darbei nochmalen gnädigst bewenden, können Sich auch darunter von Niemanden Zeit noch Maaß setzen oder vorschreiben lassen. Sie wollen aber auch dem Feldmarschall von Schöning nicht wehren, sondern ihm vielmehr auch gnädigst erlauben, in einiger auswärtiger alliirter Potentaten Dienste, welche Deroselben und der guten Sache nicht zuwider sein, interimsweise zu treten, wenn er vorher dieselbe wird namhaft gemachet haben. – Indessen wiederholen Sr. kurfürstliche Durchlaucht Dero früher ergangene gnädigste Verordnung hiemit und befehlen dem General-Feldmarschall-Lieutenant von Schöning nochmalen gnädigst und ernstlichst: sich nicht allein dero hiesigen Residenzstädte zu enthalten, sondern auch aus bewegenden Ursachen, die so nahe daran gelegenen Örter zu meiden und sich daselbst nicht ferner aufhalten oder finden zu lassen.

Cölln a. d. Spree, den 17. Juni 1690.

Friedrich.
gegengez. Eberhard v. Danckelmann.«

 

Aus diesem Reskript (das wir dem nur als Manuskript existierenden Werke: »Geschichtliche Nachrichten über die Familie von Schöning«, verdanken) geht unverkennbar hervor, daß, abgesehen von der schwebenden Frage: »Wer hat recht?«, General Barfus in allem, was folgte, klug genug gewesen war, sich nachgiebig gegen die kurfürstliche Autorität zu zeigen, während der bedeutendere, aber rechthaberische und überall anstoßende Schöning den Kurfürsten und seine Umgebung durch die Art seiner Rechtsforderung verletzt hatte. Während der Streit schwebte, hatte er – mutmaßlich bedeutet, die Residenz unter allen Umständen zu meiden – abwechselnd in Tamsel und Weißensee gelebt. Jetzt, nachdem das oben mitgeteilte Reskript die Streitfrage praktisch zum Abschluß gebracht hatte, verließ er die Heimat, die seinem Wirken und seinem Ehrgeiz keinen Schauplatz mehr bot, und trat am 9. April 1691 als Feldmarschall in kursächsischen Dienst.

 

Wir begleiten Hans Adam, der vom Herbst 1689 an bis zu seiner Übersiedelung nach Dresden fast ausschließlich in Tamsel lebte, nunmehr durch seine letzten Lebensjahre. Mit wachsenden äußeren Ehren gingen immer wachsende Kränkungen Hand in Hand. Schöning war nicht allein in sächsische Dienste getreten; dreißig brandenburgische Offiziere waren ihm gefolgt, und innerhalb der sächsischen Armee wurden jetzt ähnliche Empfindungen rege wie vier Jahre zuvor im Brandenburgischen, als Feldmarschall Schomberg, gefolgt von seinen Söhnen und anderen französischen Refugiés, über die Köpfe der alten brandenburgischen Generale (zum Beispiel Derfflingers) hinweg, in die brandenburgische Armee eingetreten war. Hier wie dort glaubte man Eindringlinge vor sich zu haben, und bittere Empfindungen griffen Platz. Neuerungen, die Schöning einzuführen Miene machte, machten ihn vollends nicht beliebt, und er mochte von Glück sagen, daß ein Feldzug am Rhein, zu dem auch sächsische Truppen beordert wurden, die Gedanken der Unzufriedenen in andere Bahnen lenkte.

Aber von anderer Seite her kam größere und ernstere Gefahr. Die sächsischen Truppen im kaiserlichen Heere waren während der Rheincampagne 1691 herzlich schlecht gehalten, ja bei Gelegenheit der Winterquartiere in einer Weise behandelt worden, daß es einer Beleidigung oder Mißachtung des Kurfürsten von seiten des Wiener Hofes ziemlich nahekam. Hiergegen lehnte sich Schöning, der seinem neuen Herrn in Ernst und Treue diente, energisch auf und drang in ihn, bei der kaiserlichen Armee nur das Reichskontingent (3000 Mann) zu belassen. »Schöning« – so erzählt Paul von Gundling in einem der Berliner Bibliothek angehörigen Manuskript – »handelte sehr sicher und war in seinen Reden wider des Kaisers Majestät sehr frei. Dadurch wurde indessen seine Stellung sehr gefährlich, und zwar um so gefährlicher, als eben jetzt ein französischer Abgesandter, namens Bidal, in Dresden eingetroffen war, der häufig mit dem Kurfürsten und Schöning verhandelte. Der österreichische Gesandte Clary ermangelte nicht, über alles dies sehr übertriebene Berichte nach Wien hin zu erstatten.«

Kurz, man glaubte alsbald in Wien an ein sächsisch-französisches Bündnis oder gab sich wenigstens das Ansehen, an ein solches zu glauben, um, gestützt darauf, einen Coup ausführen und die unbequeme Gestalt Schönings vom sächsischen Hofe entfernen zu können. Schöning selbst hatte keine Ahnung von dem, was ihm drohte. Er reiste, seit längerer Zeit ernstlich am Podagra leidend, in die Bäder von Teplitz. Hier ward er, auf den eben geschilderten Verdacht hin, von den Österreichern aufgehoben, ganz unter ähnlichen Umständen, wie sechzig Jahre früher Hans Georg von Arnim, ebenfalls ein Brandenburger und sächsischer Feldmarschall, von den Schweden aufgehoben und nach Stockholm hin transportiert worden war.

Über die Art der Aufhebung Schönings liegt uns folgender Bericht vor. In der Nacht zum 23. Juni marschierte ein Offizier mit 200 Mann von Prag aus nach Teplitz, umstellte Schönings Wohnung, ließ ohne weiteres eine Salve geben, brach mit Gewalt ins Haus ein und nahm den Feldmarschall gefangen, der, im bloßen Hemd aus dem Bett gesprungen, kaum Zeit gefunden hatte, einen Schlafrock überzuwerfen. So, mit bloßen Füßen, setzte man ihn in eine Kalesche, der Offizier und zwei Mann mit ihm, und fuhr im schnellsten Galopp der Festung Prag zu. Der Adjutant des Feldmarschalls, Major von Droste, jagte sofort dem Wagen nach und griff die schwache Bedeckung an. Als aber einer der Soldaten das Gewehr auf Schöning anlegte und diesen zu erschießen drohte, überließ Droste den Feldmarschall den Händen seiner Überwinder. Von Prag aus brachte man ihn nach dem Spielberg bei Brünn und führte dort sein Verhör. Man wollte einen zweiten Wallenstein aus ihm machen und hielt die Meinung aufrecht, daß er nicht ohne Absichten nach dem Reichskommando gestrebt habe. Aber alle Bemühungen, ihn zu einem Hochverräter, zu einem »Verbrecher gegen die Interessen des Reichs« zu stempeln, waren vergeblich.

Sachsen war durch dieses eigenmächtige Vorgehen aufs schwerste beleidigt und zog zunächst die 3000 Mann zurück, die es als Reichskontingent gestellt hatte. Alle Schritte aber, die Freilassung Schönings zu erwirken, blieben fruchtlos, bis endlich, nach zwei Jahren schmählicher Gefangenschaft, der Regierungsantritt Kurfürst Friedrich Augusts und die energischen Proteste desselben Schöning die Freiheit wiedergaben. Um die Aussöhnung vollständiger zu machen, erschien der bis dahin Gefangengehaltene vor Kaiser und Kaiserin und ward, um seines Podagras willen, in einem Sessel vor die beiden Majestäten getragen, ein Umstand, der nicht ermangelte, in ganz Europa die größte Sensation hervorzurufen.

Es war das viel Auszeichnung, auch namentlich wohl in den Augen Schönings, der besonders empfänglich war für Huldigungen wie diese. Die Süßigkeit solcher Stunden indes konnte seinem Herzen nicht wiedergeben, was jahrelange Verbitterung ihm genommen hatte. Gefeiert, aber im Innersten gebrochen, zog er in Dresden ein, und die Gnadenbezeugungen Friedrich Augusts begleiteten nur noch einen Hinscheidenden. Er erkrankte; Podagra und Steinschmerzen zehrten an seinem Leben, Karlsbad versagte den Dienst, und am 28. August 1696 schied er, matt und müde, aus dieser Welt der Zeitlichkeit. Seine Leiche ward einbalsamiert und in der Kreuzkirche zu Dresden ausgestellt, dann aber am 25. November nach der Neumark übergeführt, um in der Kirche zu Tamsel beigesetzt zu werden. Dort ruht er noch jetzt in einem kupfernen Sarge, mit Gold reich verziert und ein Kruzifix auf dem Deckel.

 

Wir versuchen zum Schluß noch eine Schilderung Schönings, sowohl seiner äußern Erscheinung wie seines Charakters. Er war, namentlich dem Brustbilde nach zu schließen, dessen Original sich auf der Festung Königstein und in Kopie in Händen der Schöningschen Familie befindet, ein schöner Mann, in dessen Zügen sich Soldatisches und Hofmännisches, Strenge und Glätte, Selbstbewußtsein und Lächeln über die Eitelkeiten dieser Welt in interessanter Weise mischten. In andern Portraits, so zum Beispiel auf einer Denkmünze, die gleich nach seinem Tode geprägt wurde, tritt das streng Militärische beinah ausschließlich hervor; doch ist es fraglich, ob diesen letzteren Bildnissen irgendeine Portraitbedeutung beigemessen werden darf oder ob sie nicht vielmehr jenen bloßen Ruhmes- und Ehrenmedaillen zuzurechnen sind, wie sie damals nach dem Ableben eines berühmten Mannes auf gut Glück hin angefertigt wurden, mehr in der Absicht, ihn durch bildliche Darstellung überhaupt zu feiern, als durch korrekte Wiedergabe seiner Züge seinem äußern Menschen gerecht zu werden.

Uns von Schönings Charakter ein Bild zu entwerfen ist nicht eben schwer, wenn wir den Berichten über ihn, die in ziemlicher Anzahl auf uns gekommen sind, ohne weiteres Glauben schenken wollen. Es bleibt aber doch fraglich, ob diesen Schilderungen, trotz des Übereinstimmenden, das sie haben, in allen Stücken unbedingt zu trauen ist. Alle Mitteilungen über ihn rühren nämlich von Gegnern her, und man würde die Pflicht haben, schon aus diesem Grunde die höchste Vorsicht walten zu lassen, wenn nicht der Umstand, daß er überhaupt nur Gegner gehabt zu haben scheint, allerdings auf etwas entschieden Unliebenswürdiges in seiner Natur hin verwiese. Barfus, die Schombergs, Danckelmann, der ältere Grumbkow, Otto von Schwerin, Graf Christoph Dohna, alle waren gegen ihn, und die Memoiren des letzteren, wenn wir Gutes und Böses, das sie erzählen, zusammenfassen, schildern ihn als einen begabten Feldherrn voll Mut, Umblick und Geistesgegenwart, aber zugleich auch als einen anmaßenden und habsüchtigen Mann, von spöttischem und zweideutigem Wesen. Seiner geistigen Überlegenheit sich bewußt, behandelte er, was unter ihm stand, mit Härte und, was neben ihm stand, mit Geringschätzung.

Diese Schilderung wird im wesentlichen richtig sein. Sein Streit mit General Barfus, den wir oben ausführlicher erzählt haben, zeigt ihn uns ganz von dieser Seite. Auch Barfus wird in den Pöllnitzschen Memoiren »auffahrend, halsstarrig und hochmütig« genannt; aber eine Reihenfolge von Umständen spricht dafür, daß Schöning in allem, was Dünkel und Hochmut anging, wenigstens ein potenzierter Barfus war. Schöning war wie Barfus, und Barfus war wie Schöning, aber der letztere hatte von allem ein voller geschüttelt und gerüttelt Maß. Mit Barfus, trotz seines auffahrenden Wesens, war wenigstens zu leben, mit Schöning nicht, und die Gekränkten und Beeinträchtigten wichen ihm entweder aus, das heißt quittierten den Dienst, oder forderten ihn zum Duell. Zum Teil freilich waren die schiefen Stellungen, in die er beständig geriet, unverschuldet. General von Promnitz wollte sich mit ihm schießen, weil Schöning statt seiner das Kommando zur Verfolgung Horns erhalten hatte, und General Beauvais d'Espagne nahm 1687 den Abschied, »weil er es nicht ertragen konnte, daß man dem General Schöning, der nach dem ungarischen Feldzug ein Liebling des Großen Kurfürsten geworden war, den Vorzug einräumte«. Auch dem Kurfürsten gegenüber verdarb er es durch seinen anmaßenden Ton. Er mußte recht haben, er war ja Schöning. In diesem Sinne sprach und schrieb er, und dies war es, was ihn endlich stürzte, nachdem er sich längst um alle Sympathien gebracht hatte.

Soweit nehmen wir nicht Anstand, in die Angriffe seiner Feinde mit einzustimmen. Auch den Vorwurf der Habsucht abzuweisen möchte schwer sein. Aber wenn wir auch die Schatten in seinem Charakter weder leugnen noch verringern wollen, so können wir ihm doch dadurch gerecht werden, daß wir seine Lichtseiten mehr hervortreten lassen, als seine mehr oder minder befangenen Zeitgenossen es getan haben. Schöning hatte keinen Freund unter seinesgleichen, aber diejenigen, die über ihm standen, und zwar je höher, je mehr, zeichneten ihn aus und gaben ihm Beweise eines besonderen Vertrauens. Kurfürst Friedrich III. war zu wenig selbständig und trotz seiner Kriege zu wenig kriegerisch, vor allem auch persönlich zu leicht verletzbar, um über die Vorzüge Schönings die Schwächen desselben vergessen zu können; der Große Kurfürst aber und Friedrich August der Starke bewiesen ihm dauernd ihre Wertschätzung und ihre Huld. Seine Stellung zum Großen Kurfürsten erinnert einigermaßen an das Verhältnis, das Winterfeldt siebzig Jahre später zum großen König einnahm. Auch Winterfeldt erkaufte die Liebe eines durch den Haß vieler. Die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, waren zum Teil dieselben: Hochmut, Herrschsucht, Zweideutigkeit. Nur der Habsucht wagte man ihn nicht zu bezichtigen. Schöning wurde mit sechsunddreißig Jahren General, mit achtundvierzig Jahren Feldmarschall; diese beiden Angaben genügen, um zu zeigen, was er war. Zwei Höfe, der brandenburgische und der sächsische, wetteiferten in Anerkennung seines militärischen Verdienstes. Dieses Verdienst war unbestreitbar da, und nur Stolz und Dünkel verdunkelten es oder machten die Welt unwillig, da noch anzuerkennen, wo schon die höchste Selbstanerkennung vorlag.

Er war seiner Umgebung überlegen, namentlich weltmännisch, aber sein spöttischer Mund verriet zuviel davon und brachte ihn um die beste Frucht des Lebens: die Liebe der Menschen. In wenig Herzen hat er sich eine Stätte gebaut, nur die Tamseler Fischer haben ihm eine poetisch-phantastische Erinnerung bewahrt bis diesen Tag. Wie Derfflinger in Gusow und der alte Sparr in Prenden, so lebt Schöning in Tamsel als ein »Zauberer« fort, und sie erzählen daselbst von ihm, er sei an der Spitze eines märkischen Fichtenwaldes vor die Türkenfestung Ofen gerückt, habe durch einen Zauberspruch all seine Fichten in baumhohe Pikeniere verwandelt und dann, wie der Birnamwald vor Schloß Dunsinan, die Türkenfestung gestürmt.

In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts lebte das alles noch in einem Volksliede, das die Tamseler Fischer sangen. Nun ist das Lied verklungen, und nur noch die Sage geht von Mund zu Mund.

Kronprinz Friedrich und Frau von Wreech

In edlem Zorn erhebe dich, blick auf,
Beschäme, strafe den unwürd'gen Zweifel.
Schiller

Nach des Feldmarschalls Tode fiel Tamsel an den einzigen Sohn desselben, der mutmaßlich schon bei Lebzeiten des Vaters die Verwaltung der Familiengüter übernommen hatte. Aber das schöne Schloß, das die Hand griechischer Künstler geschmückt hatte, schien kein Glück und keine Fülle des Lebens für alle diejenigen beherbergen zu sollen, die den Namen Schöning führten, und kaum anderthalb Jahrzehnte nach dem Tode des berühmten Vaters folgte ihm der unberühmte Sohn in die Gruft.

Dieser Sohn war der letzte Schöning der Linie Tamsel. Er hinterließ nur eine einzige Tochter, Luise Eleonore, die, damals ein Kind noch, unter Vormundschaft ihrer Mutter die reiche Erbschaft antrat. Luise Eleonore war mit vier Jahren die Erbin von Tamsel und mit sechzehn Jahren die Gemahlin des Obersten Adam Friedrich von Wreech. Sie war acht Jahre mit diesem vermählt, also vierundzwanzig Jahre alt, als der damals neunzehnjährige Kronprinz Friedrich, mutmaßlich in den letzten Tagen des August 1731 (bis dahin hatte er die Festung Küstrin nicht verlassen dürfen), seinen ersten Besuch in Tamsel machte.

Es ist bekannt, daß der Prinz diesem ersten Besuche andere folgen ließ und alsbald in Beziehungen zu der schönen Frau von Wreech trat, die bis in die letzten Tage seines Küstriner Aufenthaltes hinein, also bis Ende Februar 1732, fortgesetzt wurden.

Die Frage drängt sich auf: Welcher Art waren diese Beziehungen? War es ein intimes Freundschaftsverhältnis, oder war es mehr? Die darüber herrschenden Anschauungen sind dem Rufe der Dame nicht allzu günstig gewesen; verschiedene Briefe jedoch, die der Kronprinz eben damals an Frau von Wreech richtete und deren Inhalt erst in neuester Zeit bekannt geworden ist, werden vielleicht imstande sein, die gäng und gäben Ansichten über diesen Punkt zu modifizieren. Diese Briefe, die sich jetzt im Besitz einer Urenkelin befinden, wurden von der letzteren in einem auf sie vererbten Berliner Hause zufällig aufgefunden, als ihr beim Ordnen von Papieren ein schon ziemlich vergilbtes Paket mit der kurzen Bezeichnung: »Papiers concernant la famille de Wreich« in die Hände fiel. Ein zweiter Umschlag führte die Aufschrift: »Lettres et vers de certain grand prince«, woran sich, wie zu bestimmterer Bezeichnung des Inhalts, die Worte reihten: »Lettres de Frédéric II. (comme prince royal) à Mad. de Schoening et à sa fille, Mad. de Wreich«.

Diese Briefe sind auf gewöhnlichem groben Schreibpapier und oft bis an den untersten Rand hin vollgeschrieben; die Linien sind krumm, die Orthographie höchst mangelhaft, Zeit und Ortsangabe fehlen. Nur einer trägt das völlige Datum, und zwar den 5. September 1731. Doch ergibt sich aus dem Inhalt der Briefe mit Bestimmtheit, daß sie zwischen Ende August 1731 und Ende Februar 1732 geschrieben sein müssen.

Ihre Bedeutung ist in mehr als einer Beziehung nicht gering zu veranschlagen. Sie werfen zunächst ein ganz bestimmtes und sehr vorteilhaftes Licht auf die Art des Verhältnisses. So wenigstens erscheint es mir. Sollten aber auch die traditionell gewordenen Anschauungen über diesen Punkt nicht erschüttert werden, so geben uns diese Briefe doch immerhin einen Reichtum von Details und dadurch ein minutiöses Bild jener Tage.

Denn die »Frau-von-Wreech-Literatur«, wenn man uns diesen Ausdruck gestatten will, war bisher ziemlich knapp bemessen und beschränkte sich auf zwei Briefzitate, von denen das eine einem Briefe des Grafen Schulenburg, an Grumbkow, wenn ich nicht irre, das andere einem Briefe Grumbkows an Seckendorff entnommen war. Beide sehr aphoristisch, und während Schulenburg einfach meldete: »Frau von Wreech sei sehr schön und habe einen Rosen- und Lilienteint«, sprach Grumbkow von einer »starken amour«, in die der Prinz verfallen sei, und fügte noch einige derbe Worte hinzu, die der König, gewissermaßen in Billigung und Gutheißung des Verhältnisses, geäußert haben sollte. Dies ist alles. Wohl sprechen die diplomatischen Klatschbriefe jener Tage von allerhand »Debauchen«, in die der Prinz verfallen sei, dieser Ausdruck aber bezieht sich ersichtlich nur auf sein Küstriner Leben überhaupt, nicht auf seine Tamseler Besuche. Ja, ich möchte weitergehen und die Behauptung wagen, daß Tamsel damals die Kehrseite dieser Küstriner Tage gewesen sei, ganz geeignet, durch Sitte, Feinheit und Anstand ein Leben wieder zu regulieren, das solcher Regulatoren allerdings dringend bedürftig war.

Treten wir dieser Frage näher, so wird es geraten sein, sich zunächst, gestützt auf die Briefe des Kronprinzen, mit der Persönlichkeit und dem Charakter der Frau von Wreech zu beschäftigen. Haben wir diesen festgestellt, so haben wir viel gewonnen. Denn die Handlungen der Menschen sind im Einklang mit ihrem Sinn.

»Ein Teint wie Lilien und Rosen«, schreibt Schulenburg und stellt mit Hülfe dieser wenigen Worte das Bild einer schönen Blondine vor uns hin: jung, heiter und blendend. Aber die Briefe des Kronprinzen geben uns mehr: sie durchgeistigen die schöne Gestalt. Frau von Wreech scheint sich ausgangs November 1731, während der Vermählungstage der Prinzessin Wilhelmine, mit am Berliner Hofe befunden zu haben, und während dieser Tage ist es, daß der Kronprinz sich niedersetzt, um an Frau von Schöning, die mutmaßlich in Tamsel zurückgebliebene Mutter der Frau von Wreech, zu schreiben. »Madame«, so heißt es in diesem Briefe, »ich habe das Vergnügen gehabt, Ihre Frau Tochter in Berlin zu sehen. Ich sah sie aber so flüchtig, daß ich kaum Gelegenheit fand, ihr guten Tag und guten Weg zu wünschen. Dennoch, so kurze Zeit ich sie sah, konnt es mir nicht entgehen, wie sehr sie sich vor allen anderen Damen des Hofes auszeichnete, und obschon ein ganzer Haufe von Prinzessinnen (une foule de princesses) zugegen war, die an Glanz sie übertrafen, so verdunkelte Ihre Frau Tochter doch alle durch Schönheit und majestätische Miene, durch Haltung und feine Sitte. Ich war wirklich in einer Tantalus-Lage, immer versucht, zu einer so göttlichen Person (à une si divine personne) zu sprechen, und nichtsdestoweniger zum Schweigen verpflichtet. Sie feierte schließlich einen völligen Triumph, und alles am Hofe kam überein, daß Frau von Wreech den Preis der Schönheit und feinen Sitte davontrage. Diese Worte müssen Ihnen wohltun, da Sie dieser liebenswürdigsten aller Frauen so nahestehen. Aber seien Sie versichert, Madame, daß Ihre Teilnahme an diesem allen nicht lebhafter sein kann als meine eigene, der ich alles liebe, was dieser liebenswürdigen Familie zugehört, und immer bin und sein werde Ihr ergebenster Freund, Neffe und Diener Friedrich.«

Wenn uns dieser Brief von der Feinheit und Grazie der schönen Frau erzählt, so erzählt uns ein anderer Brief von dem Respekt, den ihre Gegenwart einzuflößen verstand. Der Kronprinz schreibt unterm 5. September 1731 an Frau von Wreech selber:

»Ich würde die härteste Strafe verdienen, in Ihrer Gegenwart eine bêtise wie die gestrige begangen zu haben, wenn ich nicht Entschuldigungen hätte, die, glaub ich, einigermaßen stichhaltig sind. Der Graf sagte wirklich Dinge, die mir ganz und gar nicht gefielen, Dinge, deren rasche und ruhige Verdauung über meine Kräfte ging. Dennoch hab ich nur allzu guten Grund, Ihre Verzeihung für mein albernes Betragen nachzusuchen. Sie werden mir erlauben, meinen letzten Besuch durch einen anderen wiedergutzumachen, wo ich versuchen will, soweit wie möglich den Eindruck meiner gestrigen Torheit zu verwischen.«

So am 5. September. Aber die aufgefundenen Briefe fügen dem Bilde weitere Züge hinzu, und wir sehen Frau von Wreech nicht nur im Besitz von Jugend, Schönheit und einer Respekt erzwingenden Haltung – wir gewinnen auch einen leisen Einblick in ihre geistige Begabung und in die Liebenswürdigkeit ihres Charakters. Am 20. Februar 1732 schreibt der Kronprinz:

»Ich würde sehr undankbar sein, wenn ich Ihnen nicht meinen Dank aussprechen wollte, einmal darüber, daß Sie überhaupt nach Tamsel kamen, dann über die reizenden Verse, die Sie für mich gemacht hatten. Ich hätte mich einer Sünde schuldig zu machen geglaubt, wenn ich die Verse gleich gelesen und dadurch, wenn auch nur auf einen Augenblick, mich um den Zauber Ihrer Unterhaltung gebracht hätte. Gestern, in abendlicher Einsamkeit, fand ich Gelegenheit, alles in ungestörtester Muße zu lesen und zu bewundern. Da haben Sie meine Kritik. Alles, was von Ihnen kommt, entzückt mich durch Geist und Grazie. Doch genug – ich breche ab, seh ich Sie im Geiste doch ohnehin erröten. Ihrer Bescheidenheit aber jedes weitere Verlegenwerden zu ersparen und zugleich von dem Wunsche geleitet, Ihnen einen neuen Beweis meines blinden Gehorsams zu geben, schicke ich ihnen, was Sie von mir gefordert haben.«

Das, was der Prinz schickt, was Frau von Wreech von ihm gefordert hat, ist sein Portrait, und er begleitet dasselbe mit einem Abschiedssonett, dessen Liebesgeständnis, eben weil es Abschiedszeilen sind, vielleicht ein gut Teil ernsthafter zu nehmen ist als alle die andern gereimten Huldigungen, auf die ich später zurückkomme. Das Sonett lautet:

Als mein Gesandter soll mein Bild dich grüßen,
Und des Gesandten Dolmetsch sei dies Lied,
Was ich zu sagen dir bisher vermied,
Ich sag es nun: Ich liege dir zu Füßen.

Ich trage Fesseln, aber jene süßen,
Von denen nie ein Herz freiwillig schied –
Mit jedem Ringe, jedem neuen Glied
Wächst nur die Lust, zu tragen und zu büßen.

Doch halt, o Lied, verrate nicht zuviel,
Verberge lieber hinter heitrem Spiel
Den Schmerz des Abschieds und des Herzens Wunde,

Verberge deiner Wünsche liebstes Ziel,
Verschweige, daß nur eine dir gefiel,
Um die du sterben möchtest jede Stunde.

Ich habe die Übersetzung dieses Sonetts mit gutem Vorbedachte hierher gestellt, weil es mir, ganz abgesehen von seinem Wert oder Unwert, einen passenden Übergang zu dem zu machen scheint, was ich zunächst noch zu sagen haben werde.

Nachdem ich nämlich bis hierher bemüht gewesen bin, das Bild der Frau von Wreech zu zeichnen, drängt sich uns nunmehr wieder die bis hieher zurückgewiesene Frage auf: Wie standen der Kronprinz und die Besitzerin von Schloß Tamsel zueinander? Wie eng oder wie weit waren die Grenzen ihrer Intimität gezogen?

Meine Antwort auf diese Frage weicht, wie ich schon angedeutet, von der üblichen Anschauung ab. Es stehen sich die Grumbkowschen Klatschereien und die eigenhändigen Briefe des Kronprinzen ziemlich diametral einander gegenüber, und die vorsichtigste Prüfung dieser letzteren, selbst ein argwöhnisches Lesen zwischen den Zeilen, hat mich nur fester in der Überzeugung gemacht, daß das Ganze nichts anderes als die Huldigung eines etwas verliebten poetisierenden jungen Prinzen war – eine Huldigung, die, mal leichter, mal leidenschaftlicher auftretend, von Frau von Wreech abwechselnd als eine Zerstreuung, eine Ehre, eine Schmeichelei, aber gelegentlich auch als eine Last entgegengenommen wurde.

Dementsprechend gestalteten sich ihre Beziehungen. Der sinnliche Reiz der jungen Frau mochte denselben vorübergehend eine andere Färbung geben; kein Zweifel, es kamen leidenschaftliche Stunden, aber sie kamen nur wie Fieberanfälle und ließen im wesentlichen das auf ästhetischen Interessen aufgeführte Verhältnis fortbestehen. Es war das geistreiche Bedürfnis, das immer wieder nach Tamsel hindrängte. Der Esprit der Küstriner Garnisonsoffiziere reichte nicht aus, ihr Verständnis für Verse war vollends ungewiß, und so sehen wir denn die Korrespondenz nach Tamsel hin nicht nur von zahlreichen Poetereien, von Hymnen, Sonetten etc., beständig begleitet, sondern auch die Briefe selbst in jener halb ironischen, halb humoristischen Weise abgefaßt, die sich immer da einstellt, wo junge Männer dem Zuge nicht widerstehen können, jeden Brief als eine kleine literarische Tat, als eine Anhäufung origineller Gedanken in die Welt zu senden.

Den ersten Brief des Kronprinzen übergeh ich hier; ich beginne mit dem zweiten, worin »der junge Poet«, dem nichts so sehr am Herzen liegt als das Schicksal seiner Verse, unverkennbar hervortritt.

»Madame«, so schreibt er, »die Heuschrecken, die das Land verwüsten, haben die Rücksicht genommen, Ihre Besitzungen und Ländereien zu verschonen. Ein zahlloses Heer viel schlimmerer und gefährlicherer Insekten indes steht auf dem Punkte, sich bei Ihnen niederzulassen, und nicht zufrieden damit, das Land zu zerstören, haben diese Geflügelten die Dreistigkeit, Sie persönlich und in Ihrem eigenen Schlosse zu überfallen. Diese Geflügelten führen den Namen Verse, sind Sechsfüßler, haben scharfe Zähne und einen langgestreckten Körper, dazu eine gewisse Kadenz, die genaugenommen ihr Grundprinzip ist und ihnen das Leben gibt. Es ist eine böse Race, jüngst vom Parnaß angekommen, wo sie der gute Geschmack nicht länger dulden wollte. Ein gleiches Schicksal wird ihrer in Tamsel harren. Wie immer dem sein möge, ich freue mich, daß Apollo sich aufgerafft hat, um seinen Musenberg von der Spreu der nüchternen Poeten zu säubern. Sein Staubbesen hat gründlich aufgeräumt. Ich selbst freilich bin unter den zumeist Getroffenen; aber ich verzeihe alles, verzeihe es um so lieber, als ich sehr wohl weiß, daß überall da, wo dem Bösen seine Strafe wird, auch das Gute seinen Lohn erhält. Sie, Madame, werden diesen Lohn empfangen, und ich bitte Sie dann um Ihr allergnädigstes Fürwort. Sagen Sie dem Apoll, daß er als Directeur der Künste und Wissenschaften eigentlich doch zu grob operiert und mich kaum noch als einen Mann von Ehre behandelt habe. Bitte, sagen Sie ihm ferner, daß es eigentlich nur ein Mittel gäbe, solche Züchtigungen und Backenstreiche erträglich zu machen, nämlich die Stiftung eines Ordens vom schlechten Reim. Willigt er darin, so kann er uns von da ab treffen, wie er will, wir werden es ruhig und dankbar hinnehmen – Ritter, die wir dann sind.«

So der Brief. Der Kronprinz hat in den ersten Zeilen desselben ein ganzes Heer von Versen angekündigt, »Sechsfüßler mit scharfen Zähnen und langgestrecktem Körper«, und diese Verse, die dem Briefe beiliegen, so wie andere, die später folgten, beschäftigen uns jetzt. Alle teilen sie sich in zwei Gruppen: in solche, die in direkter Huldigung gegen die schöne Frau geschrieben sind, und in solche, die ihr bloß zur Kritik vorgelegt werden.

Eine Ode, an Frau von Wreech gerichtet, eröffnet den Reigen. Man muß es damals mit den Gattungseinteilungen nicht allzu genau genommen haben, denn die Zeilen verhalten sich zu dem Schwung einer wirklichen Ode, wie sich Kotzebues »Armer Poet« zum Goethischen »Tasso« verhält. Der Prinz erklärt, daß er Frau von Wreech liebe; daß es freilich Menschen gäbe, die da meinten, Liebe sei Schwäche, daß er für sein Teil aber die schwachen Herzen angenehmer fände als die Herzen von Stein. In den mittleren Strophen heißt es dann in leidlich wohlgesetzten Alexandrinern:

Hab ich zuviel gesagt und ging mein Lied zu weit,
So wiss', in Bangen nur übt ich Verwegenheit,
So denke, daß ich schwieg, als ich zuletzt dich sah,
Ich schwieg, denn göttingleich, wortraubend standst du da.

Gebietrin, die du bist, gestatte mir noch oft
Geständnis all des Glücks, drauf meine Seele hofft
Geständnis dessen all, was ich bisher bezwungen,
Darbringungen im Lied all meiner Huldigungen.

Ein glücklicher Zufall hat uns auch die Reimzeilen aufbewahrt, mit denen Frau von Wreech diese poetische Adresse des Kronprinzen beantwortete. Sie wurden nämlich im Brouillon auf die Rückseite des kronprinzlichen Briefes geschrieben und lauten wie folgt:

Welch Wunder trug sich zu? Was ist's, das sich begab?
Es steigt ein Königssohn, ein Prinz zu mir herab,
Besingt in Liedern mich und fordert mich zum Streit;
Antworten seinem Lied wär wie Verwegenheit,
Ich kann es nicht, nein, nein, verwirrt in jedem Sinn,
Fährt, über was ich schrieb, die Feder wieder hin.

Wohl hab ich oft gehört, an diesem, jenem Ort,
Wer nur im Herzen fühlt, dem gibt sich auch das Wort,
Doch trät ich keck zum Kampf mit dir, Erhabener, ein,
Müßt ich an Witz und Wort zuvor dein Echo sein.

Solch Echo bin ich nicht: all meiner Seele Schwung
Entspringt aus einem nur, aus der Bewunderung,
Womit ich vor dir steh; dein Tun, das in mir lebt,
Dein Schicksal ist's allein, was mich zu dir erhebt.

Es huldigt mir dein Wort; ich habe des nicht Leid,
Ist doch huldvolles Wort der Hoheit schönstes Kleid,
Und du, du botest mehr, der Grazien schöne Hand
Gestaltete zum Lied, was deine Huld empfand,
Du gabst mehr Ehre mir, als je mein Herz erfuhr,
Und all mein Sein ist Dank und stille Huld'gung nur.

Dies sei genug. Auffallend ist es, daß sich in diesen Versen, die spätere Ruhmesbezeichnung gleichsam antizipierend, bereits der Ausdruck »le grand Frédéric« vorfindet. Das bewundernde Hinaufblicken aber zu diesem grand Frédéric erklärt sich wohl überwiegend aus der erst kurze Zeit zurückliegenden »Küstriner Tragödie«, die den Kronprinzen, vor aller Welt Augen, mit einem Märtyrer- und Glorienschein umkleidet hatte.

Ich sagte, die Sechsfüßler, die der Kronprinz seinen Briefen beilegte, waren doppelter Art: einerseits Huldigungen gegen Frau von Wreech, andererseits kleine literarische Beilagen, die ein Geplauder, einen Meinungsaustausch, eine espritvolle Kontroverse wachrufen sollten. Begreiflicherweise sind es diese letzteren, denen ich ein besonderes Gewicht beilege, weil sie das ästhetisch-literarische Fundament des Verhältnisses ungleich besser charakterisieren als jene Huldigungsstrophen.

Diese literarischen Beilagen bestanden zunächst aus Satiren, ebenfalls in den unvermeidlichen Alexandrinern geschrieben. Er rächt sich in ihnen für alle während seiner Gefangenschaft erlittene Unbill, und jeder, der ihn gepeinigt oder auch nur vorübergehend gelangweilt hat, erhält seinen Geißelhieb. Der Gouverneur von Lepel, der Kammerdirektor Hille, die neidische Frau von Wolden, alle ziehen sie noch einmal vorüber, zuletzt die Colonelle Eberts, von der es heißt, »daß sich über ihre Dummheit eine ganze Änëide schreiben ließe«. An Noten, Erläuterungen und Randbemerkungen ist kein Mangel, und in einem Postskriptum erfahren wir, daß die ganze Satire in etwa vierzehn Tagen geschrieben und doch immer noch voller Fehler sei, während alles Gute darin dem Horaz oder Juvenal entstamme. Oder auch dem Boileau.

So waren die Verspakete, die die kronprinzlichen Briefe nach Tamsel hin begleiteten. Diese selber glichen Aufsätzen und hoben das literarische Interesse weit über das Herzensinteresse hinaus.

Etwa um die Mitte November, kurz vor seiner völligen Aussöhnung mit dem Vater, schreibt er:

»Verehrteste Cousine! Des guten Glaubens, daß Sie zu meinen besten Freunden in diesen Gegenden zählen, kann ich nicht unterlassen, Ihnen einen Plan mitzuteilen, der sich auf meinen demnächstigen Einzug in Berlin bezieht. Es ist ohngefähr folgendes, was ich Ihnen darüber mitzuteilen habe. Der Zug soll durch eine Herde jener verpönten Tiere von zartem Fleisch und unzarten Gewohnheiten eröffnet werden, denen die Aufgabe zufallen wird, aus Leibeskräften und in Gemäßheit angeborner Instinkte zu schreien. Dann folgt eine Schaf- oder Hammelherde unter Führung eines meiner Kammerdiener. Danach eine Herde podolischer Ochsen, die mir unmittelbar voraufgehen. Nun ich selbst. Mein Aufzug ist folgender: ein großer Esel trägt mich, so einfach als möglich aufgeschirrt. Statt der Pistolenhalfter befinden sich zwei Getreidesäcke vor mir, und ein tüchtiger Mehlsack vertritt die Stelle von Sattel und Schabracke. So sitz ich da, einen Knittel als Peitsche in der Hand und einen Strohhut statt des Helmes auf dem Kopf. Zu beiden Seiten meines Esels marschiert ein halbes Dutzend Bauern mit Sensen, Pflugscharen und anderen Attributen der Landwirtschaft und müht sich, Schritt zu halten und einen Ernst zu zeigen, wie er der Sache angemessen ist. Dann folgt, auf der Höhe eines schwerbeladenen Heuwagens, die heroische Gestalt des Seigneur von Natzmer, der Wagen selbst von vier Ochsen und einer Stute gezogen. Ich bitte Sie, verehrteste Cousine, mich bei Anordnung dieser Zeremonie unterstützen zu wollen. Was mich angeht, so zieh ich es vor, eine wirkliche Ursache zu Hohn und Spott zu geben, als ohne allen Grund von einem frechen Volkshaufen ausgelacht zu werden. Ich treffe alle Vorbereitungen für diesen meinen Einzug und warte nur noch Ihrer Ordre, um sie ins Werk zu setzen.«

Dieser Brief, mit allen seinen Vorzügen und Schwächen, was ist er anders als ein kleiner humoristischer Versuch, der der schönen Freundin in Tamsel übersandt wird, um bei nächster Gelegenheit einiges Schmeichelhafte darüber zu hören.

Noch einmal, die ästhetisch-literarischen Bedürfnisse des Kronprinzen schufen und unterhielten das Verhältnis, und wenn die Gefühle des jungen Poeten, wie kein Zweifel ist, zuzeiten die Gestalt einer leidenschaftlichen Zuneigung annahmen, so bleibt es doch mindestens ungewiß, ob diese Neigung eine glückliche, eine gegenseitige war. Wenn wir darüber die Schlußsätze des letzten Briefes vom 20. Februar zu Rate ziehen, so scheint es beinahe, daß Frau von Wreech einfach hinnahm, was sie nicht ändern konnte, und daß sie, namentlich nach Ablauf einer ersten Epoche poetischer Bewunderung, des Kronprinzen Liebe mehr duldete als erwiderte. Diese Schlußsätze des prinzlichen Briefes lauten: »So schicke ich Ihnen denn mein Bild. Ich hoffe, daß es mich wenigstens dann und wann in Ihre Erinnerung bringen und Sie zu dem Zugeständnis veranlassen wird: er war au fond ein guter Junge (un assez bon garçon), aber er langweilte mich, denn er liebte mich zu sehr und brachte mich oft zur Verzweiflung mit seiner unbequemen Liebe.«

Diese Worte, die fast wie ein Résumé klingen, sind mir als besonders charakteristisch erschienen. Ende Februar verließ der Kronprinz Küstrin, um vorläufig nicht mehr dahin zurückzukehren.

 

Die Jahre gingen, andere Zeiten kamen. Das Verhältnis, das einen Winter lang soviel Trost und Freude gewährt hatte, schien tot, und erst sechsundzwanzig Jahre später sehen wir den Kronprinzen, nun König Friedrich, abermals in Tamsel.

Aber wie anders sieht ihn jetzt Tamsel an! Es ist am 30. August 1758, fünf Tage nach der Schlacht bei Zorndorf. Das Schloß ist von den Russen ausgeplündert, alle Bewohner sind geflohen, der zurückgebliebene Lehrer der Wreechschen Kinder liegt erschlagen im Park, alles ist wüst, öde, halb verbrannt, und nur mit Mühe konnt ein Tisch für den König herbeigeschafft werden. Und jetzt gedenkt er entschwundener Tage und alter Pflicht und alter Liebe, und angesichts der Zerstörung, die sein Herz an diesem Orte doppelt trifft, richtet er noch einmal einige Zeilen an die schöne Frau. Keine Verse sind eingeschlossen, aber ein Besseres hat er sich in der Schule des Lebens erobert – ein echtes Gefühl. Der Brief selbst aber lautet:

»Madame! Ich habe mich nach der Schlacht vom 25. hierher begeben und eine volle Zerstörung an diesem Orte vorgefunden. Sie mögen versichert sein, daß ich alles nur Mögliche tun werde, um zu retten, was noch zu retten ist. Meine Armee hat sich genötigt gesehen, hier in Tamsel zu fouragieren, und wenn freilich die verdrießliche Lage, in der ich mich befinde, es ganz unmöglich macht, für all den Schaden aufzukommen, den die Feinde ( vor mir) hier angerichtet haben, so will ich wenigstens nicht, daß von mir es heiße, ich hätte zum Ruin von Personen beigetragen, denen gegenüber ich die Pflicht, sie glücklich zu machen, in einem besonderen Grade empfinde. Ich halte es für möglich, daß es Ihnen selbst, Madame, eben jetzt am Notwendigsten gebricht, und diese Erwägung ist es, die mich bestimmt, auf der Stelle die Vergütigung alles dessen anzuordnen, was unsere Fouragierungen Ihnen gekostet haben. Ich hoffe, daß Sie diese Auszeichnung als ein Zeichen jener Wertschätzung entgegennehmen werden, in der ich verharre als Ihr wohlgewogener Freund Friedrich.«

Frau von Wreech empfing diesen Brief am selben Tage noch, woraus sich schließen läßt, daß sie auf einem der benachbarten Güter Zuflucht gesucht hatte, denn dem Briefe sind von der Hand der Empfängerin die Worte hinzugefügt: »Empfangen am 30. August 1758, in demselben Jahre, in dem ich alles verlor, das ich mein nannte« – oder, wie es im Originale heißt: »L'année où j'ai perdu tout ce que j'avais dans le monde pour vivre.«

Diese Worte der Frau von Wreech sind charakteristischer, als sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Der Brief des Königs hatte zweifellos den Zweck, ein Trostbrief zu sein; der Ausdruck seiner Teilnahme, zugleich die Zusage, für alles aufkommen zu wollen, was die Verpflegung seiner Truppen gekostet hatte, alles das bezeugt genugsam, daß er aufzurichten wünschte, tatsächlich, aber auch in Worten. Frau von Wreech indessen, unberührt von dem schönen Inhalte des Briefes, scheint nur dem einen bitteren und niederdrückenden Gedanken gelebt zu haben: Ich war reich und bin nun arm; ich konnte geben und helfen und bin nun selber hülfebedürftig.

Es würde gewagt sein, aus der kurzen Notiz: » das Jahr, in dem ich alles verlor, was ich mein nannte«, so weitgehende Schlüsse auf die damalige Stimmung der Frau von Wreech zu ziehen, wenn nicht die Korrespondenz, die sich von jenem 30. August an zwischen Jugendfreund und Jugendfreundin entspann, keinen Zweifel darüber ließe, von welchen Empfindungen das Herz der freilich schwer heimgesuchten Frau damals ausschließlich erfüllt wurde. Und wenn die Jugendbriefe des Kronprinzen uns mehr mit der Empfängerin in Tamsel als mit dem Küstriner Verfasser sympathisieren ließen, so wendet sich jetzt das Blatt, und der König kommt zu seinem Recht.

Auch auf diese zweite Korrespondenz werfen wir noch einen flüchtigen Blick. Sie besteht nur aus fünf Briefen, und diese wirken neben der Jugendkorrespondenz wie die Billets eines sich mit Anstand zurückziehenden Ehemanns neben dem Briefpäckchen, das er als Bräutigam geschrieben. Aber sie verlieren dadurch nichts von ihrem Wert. Im Gegenteil. Von verschiedenen Punkten aus datiert, wohin der Krieg den schwerbedrängten König gerade rief, von Dresden, Breslau, Leipzig aus, gereicht jeder einzelne dem Schreiber zu hoher Ehre. Aus ihrem Inhalt ergibt sich, daß Frau von Wreech nicht müde wurde, den König erst um Unterstützung für die verarmten Bauern der Wreechschen Güter, dann um Darlehne für sich selbst zu bitten. Diese Gesuche waren sicherlich dazu angetan, die Geduld des Königs zu erschöpfen, der zum Beispiel einen dieser Briefe kurz nach dem schwer erkauften Siege von Torgau, will also sagen in einem Augenblick empfing, wo die halbe Monarchie ziemlich ebenso verwüstet war wie die Güter der Frau von Wreech; aber seine Antworten zeigen nirgends Ungeduld oder jenen herben Ton, durch den er so schwer verletzen konnte, und selbst da, wo er auf das bestimmteste ablehnt, lehnt er nur ab, weil er muß. Er schreibt eigenhändig von Breslau aus:

»Madame, Sie stellen sich die Dinge sehr anders vor, als sie sind. Bedenken Sie, daß ich seit einem Jahre weder Gehalte noch Pensionen zahle; bedenken Sie, daß mir Provinzen fehlen, daß andere verwüstet sind; denken Sie an die enormen Anstrengungen, die ich machen muß, und Sie werden einsehen, daß meine Ablehnung nur in der völligen Unfähigkeit ihren Grund hat, Ihnen zu helfen. Sobald die Dinge sich ändern, soll geschehen, was möglich ist.«

Ja, er geht schließlich weiter und bewilligt wirklich eine Summe zu einem Betrage, der nicht genannt wird, dessen Unzureichendheit aber sich mutmaßen läßt, denn die Anfangsworte des Begleitschreibens lauten: »Es tut mir aufrichtig leid, Madame, weder so viel tun zu können, wie ich möchte, noch so viel, wie Sie wünschen. Aber ich habe Ordre gegeben« etc.

Dies sind die letzten Zeilen, die Friedrich nach Tamsel hin richtete. Sie zeigen, wie diese letzten Briefe überhaupt, daß er auch unter den pressendsten Verhältnissen nie vergaß, was er diesem Hause und dieser Frau an Dankbarkeit schuldig war. Er hätte sonst einen ganz andern Ton angeschlagen. Frau von Wreech indes scheint anders empfunden und bis zuletzt die Vorstellung unterhalten zu haben, daß des Königs Benehmen hart überhaupt und speziell hart gegen sie, die Genossin, die Freundin seiner Jugend, gewesen sei.

 

Der Friede kam, das verwüstete Tamsel blühte wieder auf, der alte Feldmarschall mit seinen roten Gamaschen hing wieder an der boisierten Wand, und der Park, schöner werdend von Jahr zu Jahr, füllte sich mit Marmorstatuen. Dem Ruhme des Prinzen Heinrich wurden Tafeln und Obelisken errichtet, jedem einzelnen aus dem Hause der Hohenzollern fiel eine Huldigung zu. Nur dem Größten nicht. Kein Stein, keine Tafel trug damals den Namen König Friedrichs. Hier, wo er glücklich gewesen war und vielleicht auch glücklich gemacht hatte, sollte sein Name vergessen sein.

Aber die Zeiten üben Gerechtigkeit. Im Sommer 1795 wurde der jüngste Sohn der schönen Frau von Wreech, zugleich der letzte seines Stammes, in die Kirchengruft hinabgesenkt, und andere Bewohner zogen in Schloß Tamsel ein, andere, die lächeln mochten über den Unmut, der sich unterfangen hatte, den Namen des großen Königs von dieser Stelle ausschließen zu wollen.

Am 31. Mai 1840, am hundertjährigen Jahrestage der Thronbesteigung Friedrichs II., fiel die Hülle von dem Monumente, das Graf Hermann Schwerin dem Andenken des Königs im Tamsler Parke hatte errichten lassen. Es ist ein Denkstein von dreißig Fuß Höhe. Auf der Spitze desselben erhebt sich eine vergoldete Viktoria, während der Sockel die Inschrift trägt: »Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner Jugend trage.«

Unter Beteiligung vieler Tausende aus Dorf und Stadt wurde die Enthüllungsfeier begangen. Ein alter Bauer, als er die Hüllen fallen sah, rief seinem Nachbar zu: »Ick dacht, et süll de Olle Fritz sinn, un nu is et sine Fru.«

Der alte Bauer hatte die Wahrheit gesprochen. Waren doch Viktoria und Friedrich immer zu treuem Bunde vereint gewesen. Die Hohenzollern aber, mögen sie nie aufhören, in gleicher Art dem Siege vermählt zu sein.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.